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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-05-10 · 19 (10.5.1929) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
19 (10.5.1929)
Date
1929-05-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Vor einer Reihe von Jahren haben sich Männer fammengefunben und mit dem Sitz Hermsdorf einen jüdischen Relrgionsverein für die nördlichen Vororte geschaffen, um! von da aus zum Sammeln zu blasen. Tie unermüdliche Pionierarbeit schuf sodann eine Re- Üigionsschule, die sich von Jahr zu Jahr eines größeren Zuspruches erfreut. Tie Jüdische Gemeinde Berlin subventioniert diese Religionsschule und hat die Durchführung des Gottesdienstes an den hohen Feiertagen durch geldliche Unterstützung mitermöglicht. Aber alle diese Maßnahmen haben bisher nicht vermocht, den seel'schen Hunger und Turst zu stillen. Man hat vor etwa 16 Monaten vereint mit der Synagogengemeinde Oranienburg die Eingemeindung der sämtlichen nördlichen Vororte beantragt, ohne daß bisher trotz wiederholter dringender Notrufe der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Berlin zu einer Entscheidung gelangt ist. Bei dem Genuß des Bitterkrautes an den beiden Sü>er- Abenden mußten wir lebhaft an d'e Verbitterung denken, mit welcher b;e hungrigen und durstigen Seelen unserer in dm nördlichen Borortm ansässigen Glaubensgenossen erfüllt sind, darüber, daß der Vorstand dm Ruf der Pessach-Hagadah noch nicht richtig erkannt hat. Mögen die Männer im Vorstand der Jüdischen Gemeinde, welche für die Pflege des jüdischen Gedankens die Mitverantwortung tragen, durch unverzügliche positive Entscheidung der Eingemeindungssrage des oben zitierten Wortes der Pessach-Hagadah eingedenk sein und für die ersehnte seelische Sättigung sorgen. * ü Aus dm Gemeinden \ * Barchfeld. (Persönliches.) Letzten Sonntag beging Shnagogen-Vorsteher Jakob Stern das 25 jährige Jubiläum seiner Tätigkeit als Leider der Geschicke der Gemeinde, die ihrem Oberhaupt mancherlei Ehrungen bereitete. — In dem nahe gelegenen Walldorf konnte die israelitische Gemeinde eine von ihrem 'Lehrer Grünstein entworfene und gestiftete Gedenktafel für die im Weltkrieg Gefallenen einweihcn. Berlin. (Generalversammlung der Deutschland- Abteilungdes Verbandes „O r t".) In Berlin lourde dieser Tage die Generalversammlung der Gesellschaft „Ort", Abteilung Deutschland, E. V„ abgehalten. Der Vorsitzende Herr Wilhelm Graetz gedachte vor Eintritt in die Tagesordnung der verstorbenen verdienstvollen „Ort"-Mitgliedcr Frau Henriette May und Gehcimrat Salingcr und kennzeichnetc die Aufgaben der Deutschland-Abteilung als Glied des großen Verbandes der „Ort"-Gesellschaften. Der Generalsekretär Herr Dr. Michael Traub erstattete sodann den Tätigkeitsbericht für das Jahr 1928, von dem besonders das zweite Halbjahr im Zeichen der „Ort"Ausstellungeil stand. Zum ersten Male sollte weiten Kreisen der jüdischen und nichtjüdischen Oeffentlichkeit Einblick in die von „Ort" in den Fachschulen, in der Werkstatt und auf der Scholle geleistete Arbeit gewährt werden. Die Ausstellungen wurden in Köln, in Berlin und in Frankfurt a. M. gezeigt; sie weckten einen starken Widerhall in der jüdischen und nichtjüdischen Oeffentlichkeit; der moralische und propagandistische Erfolg grng weit über Deutschland hinaus und schuf eine günstige Grundlage für die weitere Arbeit. Die gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Arbeitsnachweise organisierte Schneiderwerkstätte, die Jahre hindurch segensreiche Arbeit geleistet hat, wurde im Mai geschlossen, weil es nunmehr möglich ist, Lehrlinge bei Meistern unterzubringen. Die seit März 1927 bestehenden Chauffeur-Kurse bildeten 91 Chauffeure aus, von denen die meisten den Führerschein erhielten. Schließlich wurden' Subventionen an jüdische junge Leute zur Vollendung ihrer landwirtschaftlichen oder gewerblichen Ausbildung gewährt. Die Zahl der Mitglieder ist ständig im Wachsen; sie beträgt gegenwärtig zirka 1600. Mehrere jüdische Gemeinden setzten in das Jahresbudget eine Subvention für „Ort" ein. — Im Namen der Zentralverwaltung dankte Dr. Bramson der Abteilung Deutschland besonders für die Organisierung der Ausstellung und hob den Wert der finanziellen Arbeit für das Budget der Zentralverwaltung hervor. „Ort" müsse zur Massenbewegung werden. Au der allgemeinen Aussprache beteiligten sich Landgerichtsrat Stern, der die Gründung von Bezirkskomitees in den einzelnen Stadtteilen anregte, ferner Frau Rabbiner Dr. Eschelbacher, Ing. Leiwant, Frau Minna Schwarz, Dr. Raschmilewicz, Ing. Bar. Herr Graetz und Dr. Traub gingen zum Schluß auf die Darlegungen der Diskussionsredner ein. Nach einstimmig erfolgter Entlastung des Vorstandes fand die Wahl bezw. Wiederwahl des Vorstandes und der Revisionskommissionen statt In der am 30. April stattgehabten Vorstandssitzung wurden in den engeren Vorstand der „Ort"-Gesellschaft Abteilung Deutschland einstimmig gewählt: Herr Wilhelm Graetz, Vorsitzender; Professor Dr. S. Frankfurt, Vizevorsitzender; Wilhelm Marcus, Schatzmeister; Dr. A. Singalowsky, Schriftführer; Dr. Bramson; Justizrat Dr. I. Brodnitz; Frau Rabbiner Eschelbacher; George Goetz; Dr. Martin Roscnblüth; Adolf Schoyer; Professor Stein; Geheimrat Stern; Landgcrichtsrat Stern; T i e tz; Dr. Michael Traub; Frau Dr. Bruno Weil. Dornum. (Jubiläum.) Ein mehrfaches Jubiläum beging in der letzten Woche Herr A. Wolffs. 25 Jahre gehörte er dem Vorstand der Gemeinde an, und ebenso lange hat er verschiedene Gemeindeinstitutionen geleitet. Auch dem Ausschuß der politischen Gemeinde gehört der allgemein geachtete Bürger an. Dortmund. (Jahresversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus.) Sonntag, den 28. April, hielt unter dem Vorsitz von Reichsminister a. D. Dr. Ing. e. h. Georg Gothein der Verein zur Abwehr des Antisemitismus E. V. (Sitz Berlin) in Dortmund seine Jahresversammlung ab, die aus den Kreisen der Dortmunder Mitgliederschaft sowie von auswärtigen Delegierten, darunter Stuttgart, Hannover, Münster, Kiel, Frankfurt a. M., stark besucht war. In seinem Tätigkeitsbericht skizzierte der Geschäftsführer des Vereins, Oberleutnant a. D. Dr. Horlacher, Ziele und Methodik der Abwehrarbeit und deren Durchführung im abgelausenen Geschäftsjahr. Hauptzielpunkt sei die laufende sachliche Widerlegung der von den Antisemiten immer wieder vorgebrachten falschen Behauptungen und hetzerischen Ausstreuungen; dies nicht in einseitiger Schutzstellung für das Judentum, sondern im Dienste von Wahrheit und Gerechtigkeit, religiöser und sozialer Ethik. In reger Aussprache, an der sich neben dem Vorsitzenden besonders Stadtpsarrer Lamparter (Stuttgart), Professor Guttmann, Pfarrer Tribukait, Kaufmann Oppler (Dortmund) beteiligten, wurden die Grundsätze der Bereinspolitik einmütig gutgeheißen und gegenüber der zunehmenden Aktivität der Judenhetzer die Notwendigkeit verstärkter Intensität des Abwehrkampfes betont. Vor allem müsse auch der Idealismus der vielfach irregeleiteten Jugend für die edlen Bestrebungen des Vereins gewonnen werden. Geschäfts- und Kassenbericht fanden einmütige Billigung. Vorstand und Ausschuß wurden ergänzt durch die Wahl von Studienrat Dr. Amedick-Hörde, Univ.-Prof. Martin Hobohm-Potsdam, Professor Dr. theol. Carl Maria Kaufmann-Frankfurt a. M., Univ.-Prof. Kinkel-Gießen, Amtsgerichtsrat Stern-Essen, Pfarrer Tribukait-Dortmund, Univ.-Prof. Konrat Ziegler-Greifswald. Reichsminister a. D. Gothein schloß die Versammlung mit der Versicherung, daß der Abwchrverein wie in den bisherigen zwanzig Jahren seiner Borstandschaft so auch künftig streng auf politische und konfessionelle Neutralität halten werde, um von dieser breiten Plattform aus der Kulturschande des Antisemitismus entgegenzuwirken. Die Dortmunder Tagung erreichte ihren Höhepunkt in einer Kundgebung im großen Saale des Gewerbevereins, der bis auf den letzten Platz gefüllt war. Höchst a. Main. (Persönliche s.) Auf eine 25 jährige Tätigkeit als Prediger, Lehrer und Kantor der hiesigen Gemeinde konnte Herr K. Levi zurückblicken. Der Jubilar erhielt seitens der Gemeindeangehörigen manche Beweise des Dankes und der Freundschaft. Koburg. (Stadtrat durch Volksentscheid aufgel ö st.) Ein Volksbegehren von ganz besonderer Art ist am Sonntag, den 5. Mai, in Koburg zur Entscheidung gekommen. Ein städtischer Schlachthofangestellter namens Schtvede, ein führender Nationalsozialist, trieb eine so hemmungslose antisemitische Propaganda, daß der Direktor der Koburger Fleischwarenfabrik Großmann, Kommissionsrat Friedmann, dagegen protestierte, als Kunde der städtischen Werke fernerhin mit Schwede verhandeln zu müssen. Schwede wurde daraus vom Stadtrat verwarnt und, da dies nichts nutzte, entlassen. Daraufhin haben die Nationalsozialisten ein Volksbegehren beantragt, das die Auflösung des Stadtrats und Neuwahlen zum Ziele hatte. Nachdem cs ihnen gelungen war, die erforderliche Zahl von Unterschrifteil und schließlich auch die Genehmigung der Regierung zu erlangen, lvurde am Sonntag die Volksabstimmung durchgesührt. Di« vaterländischen Verbände, der Stahlhelm, verschiedene Kriegervereine und der Verein heimattrcuer Oberschlesicr gingen Hand in Hand mit den Nationalsozialisten. Besonders das Verhalten der Kriegervereine und der Heimattreuen Oberschlesier weckte Erstaunen, da diese Veredle nicht lvenige jüdische Mitglieder in ihren Reihen haben. Es wurden 9614 Stimmen für und 4266 Stimmen gegen die Auslösung des Stadtrates abgegeben. Da für den Erfolg des Volksentscheids 60 o/v der abgegebenen Stimmen erforderlich waren, haben die Nationalsozialisten mit ihrem Antrag Erfolg gehabt: der Koburger Stadtrat ist ausgelöst. Königsberg. (Jüdisches Altersheim.) Der Verein „Jüdisches Altersheim" in Königsberg, Pr., hat beschlossen, mit dem sofortigen Ban eines Altersheims für zunächst 30 Insassen zu beginnen. Ein Aufruf für Spenden lvurde erlassen; die Zuwendung van 50 000 Mark berechtigt den Spender, ein Zimmer mit einem von ihm zu bestimmenden Namen zu benennen. Laupheim. (Gründung einer Ortsgruppe des Hilfsvereius der deutschen Juden.) Nach einem instruktiven Vortrag des Ulmer Rabbiners Dr. Cohn über „Paul Nathan, der Mann und sein Werk" wurde eine Ortsgruppe des Hitssvereins gegründet, deren Vorsitz Oberlehrer W. Kahn übernahm. Tiefe Frage wäre in ähnlichem Sinne, wie das Beisammensitzen von Männern und Frauen in der Synagoge, wert, allgemein erörtert zu werden, umsomehr, als sie ja in praktischem Sinne längst von der Berliner Bevölkerung gelöst ist. Mer: „Es erben sich Gesetz' und Rechte wie eine ew'gö Krankheit fort..." E l s e E p h r a i m. * \ Aus der Bewegung;*] Berlin. (Liberale Synagoge Westend.) In dk richt über den Pessachgottesdienst ist durch ein technisches Verse! Satz weggelassen worden, den wir noch nachtragen möchten: Oberkantor Wilhelm Friedmann rezitierte die Gebete in be meisterhafter Weise, und der von Herrn Meyerhof geleitete gogenchor trug durch herrlichen Gesang wesentlich zur Bersche des Gottesdienstes bei." m Behen ein karmter inerung f BÜCHERSCHAU i : *! Jakob Teitel, Aus meiner Lebensarbeit (Erinnerungen eines jüdischen Richters im alten Rußland), mit einem Vorwort von S. Dubnow und einer Charakteristik von M. Gorki, Deutsch von Dr. Elias Hurwicz. J. Kauffmann Verlag, Frankfurt a. M. 1929. XVI u. 215 Seiten. Es ist eine weite und inhaltsschwere Spanne Zeit, die der greise Verfasser dieser anspruchslosen Erinnerungen erlebte. Geboren 1850, d. h. im letzten Abschnitt der Regierungszeit Kaiser Nikolaus I., einer der reaktionärsten und gleichzeitig judenfeindlichsten der neuesten russischen Geschichte, verlebt er seine Jugendjahre während der Regierungszeit Alexanders II., die, namentlich ihre erste Hälfte, eine Epoche grundlegender liberaler Reformen des gesamten russischen Staatswesens und auch einer wesentlichen Verbesserung der Lage der russischen Juden war. Er studiert die Rechte an der Universität Moskau, kommt in einer Zeit, in der die Zugehörigkeit zum Judentum noch nicht ein unüberwindliches Hindernis für den Staatsdienst bildete, als Untersuchungsrichter zuerst nach Permj, darauf nach Samara, wo er 27 Jahre tätig war. Diese, seine Amtstätigkeit, fällt wiederum mit einer neuen Welle der schwärzesten Reaktion unter Alexander III. und dem ersten Abschnitt der Regierung seines unglücklichen Sohnes Nikolaus II. zusammen. In dieser Periode sucht die Regierung alle Ansätze einer liberalen Staatsordnung, die unter Alexander II. geschaffen worden sind, rückgängig zu machen, und stürzt sich dabei mit besonderer Wut auf die Juden, die als Sündenbock für alles, was in Rußland der Regierung nicht gefällt, behandelt werden. Teitel, der in Samara Untersuchungsrichter, später in Saratow Mitglied des Landgerichts war, nimmt an allen die Juden betreffenden Angelegenheiten eifrig Anteil. Da seine Amtstätigkeit in einem Gebiet stattfindet, das außerhalb des sogenannten „jüdischen Ansiedlungsrayons" lag, hatte Teitel fortwährend mit Schikanierungen von Juden durch die Behörden zu tun. Bald sind es die Juden, die kein Wohnrecht besitzen, bald sind es jüdische Schüler, die nicht zu Schülern in den Gymnasien zugelassen werden usw. Immer tritt er, soweit es in seinen Kräften lag, tür die Leidenden ein und das trägt selbstverständlich nicht dazu bei, ihn in den Augen seiner Vorgesetzten besonders beliebt zu machen. Schließlich wird er anfangs 1912 gezwungen, zu demissionieren. Die Gründe setzt ihm in einer persönlichen Unterredung der Justizminister Schtschglowitow, — einer der reaktionärsten Minister der der Revolution 1917 vorbeigegangenen Jahre, der beim Bechisprozeß eine so ominöse Rolle gespielt hat, — offen auseinander, indem er ihm sagt: „Das Ministerium hat gegen Sie nichts einzuwenden. Der Hauptgrund, der Ihre Demission notwendig macht, ist vielmehr Ihre Abstammung und der heutige politische Kurs. Es geht heute nicht an, daß ein Jude als Richter fungiert. Ich wiederhole: Persönlich habe weder ich noch das Justizministerium etwas gegen Sie und Ihre Tätigkeit." Auf diese Weise wurde Teitel, damals schon der einzige Jude im russischen Justizdienst, — die anderen waren entweder zum Christentum übergetreten oder schon gestorben —, gezwungen, seine Demission einzureichen. Seither widmet er seine wunderbar erhaltene Energie und Arbeitskraft ganz den Interessen der jüdischen Oeffentlichkeit. Er fährt nach Lissabon, als das Projekt der Kolonisation der russischen Juden in der portugiesischen Kolonie Angola in Südwest-Afrika auftaucht, um die Möglichkeit der Durchführung dieses Projektes zu studieren, beschäftigt sich darauf eifrig mit dem in Rußland vor dem Weltkrieg aufgetauchten Plan, eine jüdische Hochschule zu gründen, um den jüdischen Studenten, die wegen des numerus clausus in russischen Hochschulen nicht aufgenommen wurden, doch Gelegenheit zu geben, Hochschulbildung zu erhalten. Gerade in den letzten Jahren vor dem Weltkrieg war er im Aufbeschäftigt, Ln Rußland und im Ausland herumzureisen, um für trage des Komitees für diese Hochschulgründung eifrig damit die Verwirklichung dieses Planes Geldmittel zu beschaffen. Seine Tätigkeit als Verteidiger der Interessen der entrechteten Juden noch während seiner Dienstjahre und nach seiner Demission 1912 brachte ihn mit einer Menge von jüdischen und nichtjüdischen Persönlichkeiten in Berührung, in seinen Erinnerungen gehen vor dem Leser daher eine außerordentlich große Anzahl hervorragender Juden und Nichtjuden vorüber, mit denen Teitel in seinem langen Leben es zu tun gehabt hat. Von den Nichtjuden, die in sein gastliches Haus in Samara kamen, seien hier nur der Dichter Maxim Gorki und Wladimir Uljanow (der spätere russische Diktator Lenin) erwähnt. Unter den auf irgend einem Gebiet hervorragenden russischen Juden hat es kaum je einen gegeben, der mit Teitel nicht in Berührung gekommen wäre. Auch im Ausland hatte er aus demselben Grunde mit hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten zu tun: Dr. Paui Nathan, James Simon, Justizrat Blau usw. in Deutschland, mit verschiedenen Herren aus der Alliance Israelite und der ICA in Paris, mit Zangwill, Lord Rothschild usw. in London. In den letzten Jahren setzt Teitel seine 'Tätigkeit fort als Vorsitzender des „Verbandes russischer Juden in Deutschland", stets bemüht, den durch die russische Revolution ins Elend gestürzten russisch-jüdischen Flüchtlingen in Deutschland das Leben erträglich zu machen. In seinem langen Leben, das voll vom Dienst der wahren Menschenliebe war, trat Teitel nie als Parteimann auf. Er machte nie den Anspruch, im Besitz von irgendeinem alleinseligmachenden Parteiprogramm zu sein, durch dessen Verwirklichung alle Uebel der sozialen Struktur geheilt werden könnten. Ein derartiger Parteistandpunkt war ihm stets fremd. Er sah seine Aufgabe aber darin, Not zu lindern, wo er es tun konnte. Es ist für ihn sehr bezeichnend, was er von sich und seiner 1921 hier in Berlin gestorbenen Frau sagt: „Während unseres Lebens in Samara und Saratow hatten meine Frau und ich uns eine sehr bescheidene Arbeit angeeignet, — nämlich das Amt von „Flickarbeiten", wie wir es nannten. Wir bemühten uns, für arme Juden das Wohnrecht zu erlangen, wir halfen der studierenden Jugend bestellten Maschinen für arme Handwerker und kümmerten uns um verwahrloste Kinder ohne Unterschied der Nationalität. Wir waren nämlich der Ansicht, daß es sehr nützlich sei, — um mich bildlich auszudrücken — nicht erst untätig abzuwarten, bis der Arme ein neues Paar Stiefel erhält, sondern ungesäumt seine alten Stiefel zu flicken. Wir befaßten uns also mit „kleinen Werken" und überließen es anderen, „Große Sachen" in Angriff zu nehmen." Dieser „Flickarbeit" von Teitel hatten es hunderte von Menschen im vorrevolutionären Rußland zu verdanken, daß es ihnen möglich geworden ist, eine menschenwürdige Existenz zu führen, sie hat auch nach der Revolution oft dazu beigetragen, das Elend der zum Emigrationsdasein Verurteilten zu lindern. Die Lektüre der Erinnerungen von Teitel kann jenem empfohlen werden, der sich für das frühere Leben der Juden in Rußland interessiert. Es wäre jedoch vielleicht besser gewesen, wenn in der deutschen Uebersetzung bei einer Reihe von jüdischen und nichtjüdischen Persönlichkeiten, die im Ausland nicht so bekannt sind, wie sie es in Rußland waren, einige biographische Angaben angebracht worden wären. Es werden in den Erinnerungen nämlich sehr häufig Namen genannt, die man in Rußland von guter oder schlechter Seite gut kannte, was beim ausländischen Leser aber nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden darf. Es sei noch auf einen kleinen Fehler hingewiesen, der dem Verfasser unterlaufen ist. Er nennt nämlich den bekannten französischjüdischen Politiker Cremieux Kriegsminister, während in Wirklichkeit Cremieux 1848 und in der Regierung der nationalen Verteidigung während des deutsch-französischen Krieges 1870- 1871 Justizminister war. J. Lewin. Hebräisches Lehrbuch für die Grundschule. 1. Teil — 47 Seiten, 2. Teil — 85 Seiten. Von 8. Rosenfelder, Lehrer in Ladenburg a. N. Illustriert von Klara Unna, Mannheim. 1929, im Selbstverlag des Verfassers. Vorliegendes in zwei Bänden erschienenes Lehrbuch von Rosenfelder ist ein recht erfreulicher Zuwachs in der Reihe guter Bücher, von denen man heute auf dem Gebiete des Schulhebräisch glücklicherweise schon eine ganz schöne Sammlung Nachweisen kann. Der Verfasser bringt im ersten Teil seines Werkes Elementarleseübungen, die zum leichteren Einüben und zum Heben des Interesses von einer Fülle schöner Bildchen begleitet sind. Rosenfelder erwirbt sich unseren Dank für das systematische Aufzeigen der Leseschwierigkeiten, mit denen der Lehrer dauernd zu kämpfen hat, sogar bis zu den höchsten Klassen hinauf. Die Sprachübungen veranschaulichen bekannte Dinge unserer Umgebung. Einige Bibelbilder schließen den ersten Teil. Der zweite Teil führt in den Pentateuch ein und verlebendigt biblische Partien der Genesis, besonders bis zum Turmbau, in Form kleiner Erzählungen, gleichzeitig durch das Bild veranschaulicht. Den Hauptumfang des Buches nimmt eine Führung durch das religiöse Jahr in Familie und Gotteshaus in Anspruch, woraus Lehrer und Schüler manche wertvolle Anregung erhalten. Auch hier helfen die Bilder, die der künstlerisch hoch veranlagten Klara Unna besonders gut gelungen sind, zur lebensvollen Gestaltung des Ganzen ein großes Stück mit. Eine kurze Sprachlehre und ein Wörterverzeichnis beenden die fleißige Arbeit. Nun möchte ich zum Schluß der Aufforderung des Verfassers Folge leisten und einen Vorschlag zur Verbesserung seines Werkes machen. Es genügt nicht, wenn ab und zu einige Hinweise auf die Grammatik zu finden sind und im übrigen eine angehängte Sprachlehre die weitere Arbeit leisten soll. Die Grammatik muß sich wie ein roter Faden durch alle Lektionen ziehen, ohne natürlich zu toter Schablone herabzusinken. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn Rosenfelder, dessen Arbeit von jüdischer Wärme getragen ist, in einer Neuauflage unseren Wunsch erfüllen möchte. Sein wirklich dankenswertes Werk würde dann an Vollkommenheit noch gewinnen. Rabbiner Dr. Arthur Rosen thal, Berlin-Lichtenberg. „Aus Bonner Archiven — zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde." Zum 50 jährigen Jubiläum der Synagoge. Von Rabbiner Dr. Alfred Levy. Bonn 1929. Das Schriftchen enthält auf 32 Seiten eine überaus interessante Zusammenstellung von Urkunden aus der Zeit von 1715 bis 1805. Die Urkunden gewähren Einblick in das gesamte religiöse, wirtschaftliche, politische und bürgerliche Leben der Bonner Judenschaft während des genannten Zeitraums. Das allgemein-politische Schicksal des Rheinlands und das besondere der dortigen Juden — Vorwehen der Emanzipation! — werden aus bloßen Dokumenten erkennbar. Leopold Nathansohn. Vereinsnachrichten verein ehemaliger Hörer der Hochschule für die Wissenschaft de» Judentums. Am Mittwoch, den 15. Mai, abends 8 Uhr, spricht Herr Dr. Israel Auerbach in der Aula der Hochschule über „Die Juden in der Türkei". — Gäste willkommen. Die Chewra Kadifcha Groß-Berlin verlegt ihre Büroräume, die bisher im alten Jüdischen Krankenhaus, Auguststraße 14-15, untevgebracht waren, nach Charlottenburg, Pestalozzistraße 88.

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