Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-05-10 · 19 (10.5.1929) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
19 (10.5.1929)
Date
1929-05-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2614000-2614019--3144-2620697
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

niemand besser mit ihm umzugehen als er, »aber, auch er litt oft unter dem jähen Stimmungswechsel seines Wohltäters. Auch heute hatte er mit rascher, heftiger Handbewegung sein Spiel unterbrochen. ' „Genug, höre auf, du quälst mich .. Es war jedoch nicht bloß der Schreck über den raschen Wechsel in des Meisters Stimmung, der dieses plötzliche Abbrechen des Spiels zur Folge hatte. Man war . in . der Umgebung Marconis an diese Zufälle ge- ■ wohnt worden, die den Künstler von den Höhen der Begeisterung, der Lebensfreude, des stolzen Selbstgefühls unvermittelt in die Abgründe der Verzweiflung, der Entmutigung und Hoffnungslosigkeit stürzten. Man hielt diese Erscheinungen für die Folgen eines schweren, nervösen Leidens, und die berühmtesten Aerzte der Welt hatten sich vergebens bemüht, dem genialen Künstler Erleichterung zu schaffen. Enrico lächelte melanchonisch, wenn von neuen Kuren, neuen Versuchen die Rede war., Er wußte bei sich, daß ihm nicht zu helfen sei, da die psychologischen Ursachen seiner wechselnden Stimmungen und Verstimmungen den Aerzten unbekannt waren und sie sich vergeblich bemühten, auf wissenschaftlichem Wege zu beseitigen, was nicht in seinem Organismus, sondern in seiner Seele wurzelte. Oft war er nahe daran, sich dem einen oder anderen zu entdecken, dann aber siegte die Scheu, die Eitelkeit, die Furcht vor der Lächerlichkeit, mit dem Bekenntnis herauszurücken: „Ich leide daran, daß mein Leben keinen Anfang hat, daß ich nicht weiß, was mit mir war, bis zu jenem Tage, wo ich mich im Kloster vorfand; weil ich keine Vergangenlleit, keine Kindheit hatte"-keine? Und wiederum summten und vibrierten tausend unverstandene1 fremde Zeichen durch seinen Kopf, und er bemühte sich, sie festzuhalten, bis er, oftmals einer physischen Erschöpfung erliegend, ohnmächtig zusammenbrach. Dann raffte er sich wieder auf und rief sich zu: „Weshalb suchst du die Vergangenheit? Die Gegenwart, die Zukunft gehören dir, sei kein Narr, genieße, lebe," und von solchen Gedanken und Impulsen beherrscht, stürzte er sich in die Genüsse des Lebens, setzte den überschäumenden Becher der Lust an die lechzenden Lippen und trank ihn aus bis zur Neige, die den Ekel erzeugt. Er suchte sich zu betäuben. Nichts wahr ihm dann kühn, nichts wild genug, um sich seiner Kraft, seines Mutes, seiner Erfolge bewußt zu werden. Der Mann von heute sollte herrschen und siegen! Diese Widersprüche und Bizarrerien steigerten das Interesse an seiner Persönlichkeit, und Enrico Marconi hatte als Künstler und als Mensch fanatische Bewunderer. Es ^var natürlich, daß diese Lebensweise ihn entnerven mußte und daß er in den Stunden der Apathie gealtert und übermüdet erschien. Tatsächlich aber war das weniger die Wirkung seiner tollen Launen und Extravaganzen, als des Wurmes, der unsichtbar an seinem Körper fraß, denn sein Köpper war von einer Elastizität und Kraft, die an das wunderbare grenzte. Die Frauen, die ihn vergötterten, bedeuteten ihm nicht viel. Dauernde Hingebung, wahre Zuneigung hatten in seiner Seele noch keinen Platz gefunden — vielleicht, weil der Dämon der Verzweiflung sie daraus vertrieb — bis er eines Tages Antonia kennen lernte. Es. war im vergangenen Jahre in Nizza. Er hatte dort ein Konzert gegeben und wieder jenen Enthusiasmus wächgerufen, der die Menschen um ihre Besinnung zu bringen schien. Unter den Hunderten von Billetten, die mit Blumenspenden am nächsten Tage bei ihm abgegeben wurden, war ihm eins aufgefallen, während er die anderen achtlos und gelangweilt beiseite schob. Das Briefchen trug weder ein Wappen noch kronengeschmückte Initialen noch kunstverschlungene Monogramme. Es war ein ganz einfaches weißes Briefkuvert, daß ihm ins Auge fiel und gerade dadurch reizte. Er öffnete es Und fand auf einfachem Bogen nur folgende Worte: „Sie haben mich gestern durch Ihr Spiel erfreut und gerührt; wollen Sie mir Gelegenheit geben, Ihnen persönlich zu danken, so besuchen Sie mich heute um 2 Uhr Villa Corregio. Antonia Lissander." „Erfreut und gerührt, mehr nicht?" Er lächelte spöttisch und warf einen Blick auf die anderen Billets, die wie gewöhnlich eine Fülle von Ueberschwänglichkeiten enthalten mochten, die beim „höchsten Entzücken" ihren Anfang nahmen und sich bis zum „wahnsinnigsten Vergötterungstaumel" steigerten. Er kannte das. Erfreut und gerührt! Das war Marconi neu. Er mußte diese Antonia sehen, und so war er, der Verwöhnte, um zwei Uhr in ihrer Villa, antichambrierte dort zehn Minuten und wurde dann von einem jungen, schönen Weibe empfangen, die es weniger als eine Gnade zu betrachten schien, daß er gekommen sei, als daß sie ihn begrüßte. Harmlos und lieblich plauderte sie mit ihm über sein Konzert, sein Spiel, über Nizza, das Meer und tausend andere Dinge ohne jene himmlische Schwärmerei, die er von Frauen gewöhnt war, die ihn zum Mittelpunkt der Erde machen zu wollen schienen. Antonia sagte ihm Freundliches über seine Kunst, aber sie sprach auch von anderen Dingen mit einer Anmut und natürlichen Klugheit, die ihn fesselten. Als er sie verließ, hatte er die Erlaubnis ausgewirkt, wiederkommen zu dürfen, und von jenem Tage an war Marconi dort, wo er Antonia wußte. Eine herzliche Freundschaft verband sie. Ihr harmonisches klares Wesen tat ihm wohl. Seltener verspürte er in ihrer Nähe die Anwandlungen, die sein Dasein umdüsterten, und ohne daß sie je direkten Einfluß auf ihn zu nehmen suchte, legte er auch seiner wilden Lebensart um ihretwillen Beschränkungen auf, bis wieder einmal die rasende Genußsucht ihn fortriß. Er mied sie dann und raste fort, um bald darauf wieder dahin zurückzukehren, wo sie weilte, denn er konnte sie nicht entbehren. Antonia behandelte ihn mit der Ungezwungenheit gnd Natürlichkeit, die ihre Unabhängigkeit ihr gaben. Sie empfing seine Besuche und kam zu ihm, sie zeigte sich überall an seiner Seite und galt in der Oeffentlichkeit für seine Geliebte, ohne daß diese Annahme eine Berechtigung gehabt hätte. Enrico wußte nicht einmal, ob sie ihn liebe. Aber daß er in heißer Liebe zu ihr entbrannt sei, wurde ihm klarer von Stunde zu Stunde. Zum ersten Male in seinem Leben liebte er! So hatte er nach mehrwöchentlicher Trennung, die er zu Konzerten in Deutschland benutzt hatte, sie vor einigen Monaten in Paris wiedergetroffen. Er war mit dem festen Entschluß1 angelangt, sich ihr zu erklären und ihre Hand zu begehren. Er kannte ihre Verhältnisse nicht, sie lebte in augenscheinlichem Wohlleben, sorglos und frei, aber was bedeutete das im Verhältnis zu den ungemessenen Glücksgütern, die er neben seiner Liebe ihr anzubieten vermochte. Antonia hörte die leidenschaftlichen Worte, mit denen er um sie warb, ruhig an. Kein heißes Erröten, kein leises Erbeben, kein glückseliger Zweifel, keine bange Frage bekundeten ihre Wünsche, ihre Hoffnungen — sie sah ihn lange und prüfend an und sagte dann ein schlichtes „Ja!", das er mit jubelndem Entzücken, mit dankbarer Demut entgegennahm wie ein köstliches Geschenk, das die Götter ihm gewährt! So wurde sie seine Braut, aber er wußte nicht, ob sie ihn liebe. Am nächsten Tage lernte sie seinen Liebling und Schüler Filippo kennen. (Fortsetzung folgt.) Spenden für den Hilfsfonds Tie Veröffentlichung der weiteren Spenden erfolgt in der nächsten Rümmer. Werbt neue Mitglieder! 7, / Frühjahrs- Haustrinkkuren mit natürlichen Heilquellen fördern und erhalten IHRE GESUNDHEIT! Zur Kraukenkassenverordnung zugelassen. — Zu beziehen durch sämtliche Apotheken und Drogerien Hauptniederlage: BRUNNENVERTRI EB S-A, G. Berlin SW„ Yorckstraße 59 Bergmann 3536-38 Gut ausgebildeter Organist (und Dipl.-Musiklehrer) mit d. synagogalen Liturgie bestens vertraut (u. a. Feiertagspraxis) sucht Betätigung in liberaler Synagoge. Angebote an Rabb. Dr. Dr. Samuel, Essen, Steelenstraße 29 Julius Simon Kunstu. Bauglaserei Bil der-Einrabaiuugen Charlottenburg Eosander Strasse 8 Wilhelm 8157 I i Die Erste uieitkonierenz II liberaler Juden ■ ■ Reden, Diskussion, Beschlüsse Gründungsversammlung der World Union for Progressive Judaism London, 10.-12, Juli 1926 r 'N p„. ¥ Preis im Buchhandel 1.80M, Für Mitglieder der Vereinigung, die direkt bei uns bestellen 1 M. Vereinigung fUr ias liberale Judentum Berlin SW 48 Wilhelmstr. 147 Literale lütter Frankfurter Organ für jüdisch-liberale Interessen Aus dem Inhalt der letzten Nummer: Rabb. Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. Jeremla R. A. Dr. M. Lewinski, Berlin Aussprache 1. d. Frledeoslrage Stellnngnahme der Liberalen Vereinigung zur Jewlsb Agene; Jublliern ~ " Dr. Lazarus Herausgeber: „Jli", Frankfurt am Main. Das Heft ist zu beziehen z. Preise v. M. 0.60 durch d. Schriftleitung Frankfurt a. M. Untermainanlage 7 ui Verein für Feuerbestattung In Berlin von 1874, e. V. verm. kostenlose Feuerbestattung: Annahme W 35, Lützowstraße 44, Telephon: Lfltzow 960-61 und Charlottenburg, Kantstr. 154 a Bcke Fasanenstraße, Telephon: Steinplatz 1835 Staatlich genehmigte wirtachaniicfte Frauenschule aui dem Lande Wolfratshausen im Isartal. 580 m ü. M. (Gründung des jüdischen Frauenbundes Ortsgruppe München) bildet junge Mädchen aus zu tüchtigen Hausfrauen und schafft die Grundlage zum Wirtschaftsberuf zum Sozialberuf und zum Lehrberuf DieSchulewird streng rituell geführt Prospekt, Auskunft, Anmeldung: Leitung der Schule, Hannah Bodenheimer, Wolfratshausen, Frau Recha Stark, München, Rauchstrasse 12,1. Banane na IM. Reue Rehiame ist teurer! Oie temeineciialt Helte für die religiöse Erstarkung des Judentums Herausgegeben von der liberalen Synagoge Norden in Berlin Heit 15 enthalt u. a.: Rabb. Dr. Seligmann-Frankfurt/M.: Moses Mendelssohn als Reformator. Rabb. Dr. M. Salomonski-Berlin: Mendelssohn und Chanukah. Herrn. Falkenberg-Berlin: An der Grabstätte MosesMendelssohn Berichte über die liberalen Synagogen Norden, Wilmersdorf, Westend Erhältlich kostenlos durch: Hermann Faikenhero Berlin, lottumstrasse rr ja eOS-EXTRA FLÜSSIG Farblos für alle farbigen Glanzleder Reinigt u erzeugt gleichzeitig Hochglanz Vp rhmdert Regent leckt H'iraev.Sfrumr'r r>autr; l MONO. Eo*cW«la»4 Herzleiden - Nervosität * Rheuma ZEO lindern unsere erprobten Ü-Kohlensäure- und Sauerstoffbäder mit und ohne Zusätze von PflfiflfMftfHlIffp 7A||if Fichtennadel, Kamille, Fichtennadel, Sele, Stahl etc. UlMIfUAU MM „tOH Kalmus, Schwefel etc- Ueberall erhältlich. Man befrage den Arzt und achte auf unsere Schutzmarke „Zeo“ KOPP & JOSEPH, BERLIN W Auch Ihre Freunde wollen die Jüdisch-liberale Zeitung lesen! Fördern Sie das liberale Judentum durch Verbreitung der Jüdisch-liberalen Zeitung. Hier ist eine Liste: Bitte schreiben Sie daraus die Adressen aller, die nach Ihrer Memung Leser der Jüdisch-liberalen Zeitung werden Können, undsenden Sie uns den Zettel im Um sch lag zu Name Wohnort Unterschrift: Straße Name: Ort: Strohe: st- M Ittenb J-d-nw« «telta «B. «. - «KmEn-Mch» »***««: »««.. B.(D«. «hrita SW. 29. - «""-M-""»«!'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.