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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-05-10 · 19 (10.5.1929) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
19 (10.5.1929)
Date
1929-05-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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feierlich, graziös und schön klingt demgegenüber, um em naheliegendes Beispiel zu gebrauchen, der Mendelssohnsche Choral: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn!" — . Aus alledem erkennt man die aufgetürmten Schwierigkeiten, die den „jüdischen Choral" bis zur Stunde auf seinem Leidensweg begleiten. Mit der Wegräumung dieser Schwierigkeiten sollten sich ernstlich alle befassen, die den guten Willen haben und imstande sind, dem deutschen Judentum einen einheitlichen Gottesdienst zu schaffen. Als wesentliche Grundlage dieses Einheits-Gottesdienstes dürfte dann aber wahrscheinlich kaum etwas anderes mehr geeignet sein, als ein im Sinne des jüdischen Chorals, auf dem Prinzip des Einh eit s g eb e tbu ch es beruhender, einstimmiger Gemeindegesang. Sprechsaal (fix diese Rubrik übernimmt die Schristleitung lediglich die prchaeledlicke Derantwortuua. Mut zum Fortschritt In unserer nachr Freiheit strebenden Zeit, in der altgewohnte Familien- und Stammesbande zu zerreißen drohen, ist es begreiflich, daß auch unsere Religionsgemeinschaft nach Mitteln sucht, die religiösen Fäden, die schon in der früheren Generation zu lockern begannen, wieder fester zu knüpfen. Es ist daher zu begrüßen, daß die Heranwachsende Generation in der Schule wieder mehr von den Lehren, Sitten und Gebräuchen des Judentums erfährt, als es in der vorangegangenen der Fall war. Daß bei diesem Vorgehen leider die orthodoxe und zionistische Richtung einen größeren Vorteil hat, als die liberale, liegt darin begründet, daß die Jugend sich mit Vorliebe den radikalen Parteien zuwendet. Sie sieht hier ein greifbareres Ideal, als die liberale Fraktion mit ihren mehr vernunftgemäßen Gründen ihr bieten kann. In der Regel wird aber das Leben später mit seinen mannigfachen anderen Einflüssen und Anregungen eine ausgleichende Wirkung schaffen. Schwieriger liegen die Tinge bei erwachsenen Menschen, die religiösen Einflüssen schwerer zugängig sind. Hier können nur Vorträge helfen, welche die sozialen und ethischen Gedanken des Judentums in den Vordergrund stellen. Daneben müßten Lebeusschilderungen bedeutender Männer und.Frauen, die als Juden für den Fortschritt der Menschheit gewirkt und gelitten haben, mehr gepflegt werden. In diesen Fragen wird es zwischen der jüdischen Bevölkerung und ihren Vertretern aller Richtungen in der Repräsentantenversammlung keine nennenswerten Gegensätze geben. Anders liegen die Tinge, sobald es sich um rein religiöse Fragen, wie beispielsweise den Neubau von Synagogen handelt. Viele Juden sind an das Judentum weniger mit ihrenr^ religiösen Empfinden, als durch Gefühle der Pietät und Schicksalsgemeinschaft gebunden. Sie verstehen es nicht, daß die Berliner Jüdische Gemeinde in der heutigen Zeit keine dringenderen Aufgaben zu lösen hätte, als kostspielige Synagogenbauten zu errichten. Ta jedoch behauptet wird, daß ein tatsächlicher Mangel an Andachtstätten besteht,, sei hier ein Vorschlag gewagt, der an maßgebender Stelle geprüft werden könnte. Es wäre denkbar, daß die Berliner Jüdische Gemeinde ein größeres Wohnhaus errichtete, dessen oberstes Stockwerk einen Saal erhielte, der an den Feiertagen, bei Bedarf auch an den Sabbaten, der Abhaltung von Gottesdiensten dienen würde. Er könnte an anderen Tagen, vielleicht durch verstellbare Wände in kleinere Säle geteilt, anderen Zwecken nutzbar gemacht werden. Und nuir ein anderer Vorschlag. Es muß allen Berliner < > j Versammlungskalender j : ★: Breslau. — Jli „Abraham Geiger". Mittwoch, 15. Mai, 20.15 Uhr, im Kurgarten, Kürassierstratz«, erstmalig aus Wunsch der Mitglieder: Jnstruktionsabend. Sonntag, den 19. Mai (Pfingsten): Wanderung: Dittersbach — Reimsbachta! — Charlvttenbrunn. Treffpunkt 5.30 Freiburger Bahnhof, Abfahrt 6.07 Uhr, Sonntagsfahrkarte 3. Klaffe Charlottenbrunn. Wegen Fahrpreisermäßigung Teilnehmermeldung bis 17. Mai an Alfred Berger, Breslau, Augustastraße 67, Fernsprecher Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendgemeinschaft. Samstag, den 11. Mai 1929, 17 Uhr, „Faust", Dr. Hossmann, Untermäinanlage 7. Nächster Heimabend Dienstag, den 14. Mai 1929, 20.45 Uhr: „Aktuelle Tägesfragen", im Sitzungszimmer der Westendsynagoge. Dienstag, den 21. Mai 1929: Erster Eartenabend bei Familie Flörsheim, Neumannstraße 153. # «ottestteust» 8etlhu9Uflet. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Jeden Freitag« abend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 10. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Sonnabend, den 11. Mai, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Freitag, den 17. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbinatskandidat Boos. Sonnabend, den 18. Mai, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Berltn-Westend. verein Liberal« Synagoge Westend, Lristikowstrahe 7-8 (Schulaula), «ah« Reichrkauzlerplatz. Jede« Freitagabend liberaler votierdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 10. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Klein. Freitag, den 17. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbinatskandidat Dr. Manfred S w a r f e n f k y. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilienschnle, Rikolsbarger Platz): Jede» Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, do« 10. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbinatskandidat Dr. Manfred Swarfenfky. Freitag, den 17. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Repräsentanten bekannt sein, daß nur ein kleiner Teil ihrer Mitglieder so orthodox lebt, daß er die Speisegesetze hält. Eine durch Tradition geheiligte Sitte bestimmt nun, daß alle gemeinnützigen Anstalten der Gemeinde streng rituelle Küche haben müssen. Macht man sich e-.nmal klar, was es für einen Menschen bedeutet, der früher vielleicht in gehobener, geistig freiest Lebenslage gewohnt hat, aber durch Inflation und Alter gezwungen ist, in einem Altersheim der jüdischen Gemeinde eine Zuflucht zu finden, plötzlich neben der Bitterkeit, Wohltaten zu empfangen, auch eine vollständige Umstellung in seinen Lebensgewohnheiten vornehmen muß? Er wird das Gefühl haben, in eine Art Ghetto zurückversetzt zu sein, dessen Gedankengänge er nicht versteht. Es wird jetzt eine neue! Altersversorgungsanstalt in Berlin gebaut. Wie wäre es, wenn man die Gelegenheit benutzte, mit dem Vorurteil zu brechen, daß die rituelle Küche zum jüdischen Menschen gehöre. Es soll alten, bedürftigen Leuten ein Heim geschaffen werden, in dem sie sich wohl und behaglich fühlen. Dazu gehört auch, daß sie das Essen bekommen, an das sie von jeher gewöhnt sind. Else Ephraim. (v?!!5K SroltWERC*^ billig, iDohlSchmeckcnd L nahrhaft. Enrico Marconi VonUllaWolff-Frankfurter. 2. Fortsetzung. Sein Gedächtnis hatte ihn an diesem Punkte verlassen, nur eins empfand er dunkel, die Zellen und Mauern eines Klosters konnten die Welt, konnten das Leben nicht sein, um die er einst alles aufgegeben hatte. Was? Wann? Da war sie wieder, die klaffende Lücke... Was lag vor dieser Zeit? Er fand nichts in seiner Erinnerung und faßte sich eines Tages ein Herz, den Bruder Pförtner zu fragen, was wohl vor der Zeit mit ihm gewesen sei, ehe er ins Kloster kam? Dieser sah ihn halb zweifelnd und halb ängstlich an und sagte dann: „Wir haben dich gefunden, halbtot vor Hunger und Erschöpfung, stumpfsinnig und mit zerrissenen Kleidern- und nackten Füßen und nahmen dich mitleidsvoll auf. Dann verfielst du in eine lange Krankheit. Dein Gehirn fieberte und entzündete sich. Du tobtest und rastest wie vom Bösen besessen und sprachst unverständliches Zeug. Wochen, Monate vergingen, ehe du genasest. Unzählige Male warst du dem Tode nahe, und da wir nicht wußten, ob du der Gnade des Herrn teilhaftig bist, denn wie ein Tier des Waldes kamst du ins Haus, empfingst du die heilige Taufe...“ Und was war vorher? Er wußte es nicht, und niemand vermochte es ihm zu sagen, aber wie einen physischen Schmerz empfand er diese Leere in seinem Gehirn, und er zermarterte sich vergeblich, den Punkt zu finden, auf den er seine Gedanken hätte hinleiten können. Manchmal waren es frcmdklingende Worte, Töne, dunkle Vorstellungen, die ihm für Momente einen Anhaltspunkt zu geben schienen, aber sobald er sich bemühte, sie zu fixieren, zerflatterten sie vor seinen Augen wie leichte Schemen, und nichts Greifbares, nichts Gestaltungsfähiges blieb zurück. — Dieser Zustand hatte sich im Laufe der Jahre zu einem nervösen Leiden bei Marconi ausgebildet. Sein reiches, kunststolzes Leben fing bei ihm an jenem Tage an, wo er sich im Kloster wiederfand, von da an konnte er jede Stunde seines Daseins verfolgen, und vorher? — War er ein Dämon oder ein guter Geist, den Himmel oder Hölle an einem Tage auf die Erde gesetzt, ohne daß er eine Vergangenheit, eine Kindheit gehabt hätte? Filippo! — Er war ein Jtaliener, wie er selbst. Aber er wußte genau, wie er den armen Jungen, der mit seiner Mutter und seiner Fiedel von Ort zu Ort zog, dieser förmlich abgehandelt hatte, nachdem er ihn zufällig aut einer seiner Konzertreisen entdeckt und sich von ihm etwas hatte Vorspielen lassen. Seitdem wußte Seele allein..." Und als das Vorgestellte Wirklichkeit im Drama geworden, die Menschen länger gelebt haben, anders geformt sind, da wissen sie auch nur zu sagen: „Was ist unser Schicksal? Unsterblichkeit. Ter Tag wird kommen, da es keinen Menschen, nur den Gedanken geben wird. Und das wird das ettnge Leben sein." Braucht denn aber der Tag erst kommen? Hat sich denn seit Jesaja etwas daran geändert, daß nicht der „Mensch", sondern fern „Gedanke" das ewige Leben schafft, der won Gottes Geist erfüllte Gedanke? — Nichts anderes aber ist der letzte Eindruck und die letzte Wirkung des Buches, das uns die Anregung gab: „Autobiographie des ewigen Juden". Mit dem Obertitel: „Meine ersten 2000 Jahre". Gewitzt auch obenhin gesehen, ist es ein lesenswertes, weil höchst abwechslungsreiches Buch. Von Jesus bis Freud und Einstein führt es durch die verschiedensten Länder, zu den bekanntesten Persönlichkeiten. Gespräche werden geführt, die an Mautners Totengcspräche erinnern. Ernst wechselt mit Scherz, Gefühl mit Verstand, Seele mit Sinnlichkeit, Glaube mit Aberglaube und Mystik. Viel Spott und Hohn wird ausgegossen, das Heiligste wird nicht gescheut. Jüdisches und Nichtjüdisches wechselt wiederholt. Hier emige Sätze, die teils wörtlich teils symbolisch ihren Wert besitzen: „Was erhält dich so jugendlich?' (Jude). Ist es eine Rasseneigenschast? - Welches Ziel kann die Jahrhunderte überdauern? — Liebcsgenuß, und sei er noch so vollkommen, läßt immer ein Hungergefühl der Seele zurück. — Gibt es nichts anderes im Leben als rmmer nur das Gespenst der Vergangenheit? - Jeder Sieg iji traurig. -- Das Weib ist ein Symbol und der Grundstein ihrer Rasse. Bleibt sie rein, so lebt die Rasse fort. — Wird nicht eines Tages die junge Generation einsehen, daß es besser ist, den Nebenmenschen zu lieben statt zu hassen? — Ich bin ein Mensch, und ein Mensch bleibt immer ein Fremdling unter den Menschen. Ich bin nicht der wandernde Jude, ich bin der wandernde Mensch. — Ist alles relativ in einer Welt, die nicht den Bruchteil einer Sekunde hindurch still bleiben will oder kann? Noch größer ist vrelleicht der Patriotismus, derüber die Grenzen feines Volkes hinübecreicht und sich mit dem uferlosen Meer der Menschheit verbindet. — Tu (Jesus) solltest nicht der Gott dieser Barbaren sein, die das Schwert mehr lieben als dich. - Ter Ewige Jude ist Wahrheit... Er ist das Symbol der Ruhelosigkeit und des Suchens. — Uebrigens, wer verdient Unsterblichkeit? — Das Leben ist so einfach, und feine Essenz heißt Liebe. — Das Leben (des Ewigen Judenist die Geschichte der menschlichen Leidenschaft. — ... Symbol der drer großen Arten menschlichen Denkens: unbedingter Glaube, unbedingtes Leugnen und kritisches Hinnehmen." — Aber was wollen all diese Einzelsätze, die beliebig vermehrt werden könnten, gegen den Gesamteindruck besagen. den dieser Flug durch zwei Jahrtausende Hervorrufen muß! So war es ja, und so ist es ja und so wird es ja sein: tu hundert Dingen wechseln nur die Namen - die Sache, das Gefühl, das Erlebnis wiederholt sich. Wie verschwindet unser Einzelleben, wie verschwinden Leidenschaft und Leiden eines Zeitalters in ihrer „Bedeutung" — vor den Jahrhunderten. Und doch wieder: wie bedeutend kann der Mensch einer Epoche für Jahrhunderte sein, wenn er ein Messias rst, aus irgend einem Gebiete. Wie sollten wir nicht an das jüdische Schicksal denken, da das Buch ja vom Ewigen Juden handelt, obwohl es den ganzen Menschen meint. Und wie bestätigt sich alles auch an uns, was wir vorhin allgemein ausgeführt. Wie viel wiederholt sich, — auch in dem Buch , wieviel wird geweint, wieviel gehaßt und wieviel gestorben und doch — wie überleuchtet alles das Wort des Jesaia: „Das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit." Ja wrr sind selbst der Ewige Jude, der Mensch des Suchens, der Mensch der Leidenschaft. Aber nicht so, wie es die anderen meinen. Religiosität sucht immer wieder, muß immer wieder dte Herzen auf neuen Wegen erobern. Immer hat sie im Kampf gestanden, auch innerhalb ihrer Judenheit, immer hat sie zurückweisen müssen, was ihre Reinheit trüben wollte. Aber sie schaut nicht traurig zurück, sie bedauert die Vergangenheit nicht, sie ist ihr Stufe der Ewigkeit. „Das Leben des. Ewigen Juden ist. dre Geschichte der menschlichen Leidenschaft" — nun wenn der Ewige Jude der ewige Bote Gottes, der ewige Bote ist der Religiosität, wie könnte er ohne Leidenschaft sein in Vergangenheit, Gegenwart, Ewigkeit. Ohne die reine Leidenschaft freilich, die nichts anderes ist als ewige Liebe zu unserem ewigen Gott. Karl Kraus-Uraufführung in Dresden: «Die Unüberwindlichen" Man dürfte wissen, wer Karl Kraus, der „Fackel"- Träger der Wahrheit in Wien ist: ein etwas eigenwilliger Schwärmer, der sich an seinen eigenen Worten, die er in das Gewand eines schwer lesbaren Stils zu kleiden pflegt, berauscht, der von einer Gemeinde als Apostel eines neuen Humanitätsideals auf sozialistischer Grundlage gefeiert wird und der eigentlich nur ein flinker Publizist, ein Journalist (im besten und kv örtlichsten Sinne) ist, kein phantasilebegabter Dichter. Er hätte sonst nicht dieses Pamphlet loslassen dürfen, das mit Ausnahme des dritten Aktes, welcher gestrichen werden mußte, von einem Studio Dresdner Schauspieler zur Eröffnung gespielt wurde. Eigentlich sollte es wohl eine Satire sein, und Kraus hätte das Zeug dazu, eine zu schreiben. Aber der Satiriker, der etwas Ernstes von Wert zustandebringen will, muß zuvörderst über seinen Geschöpfen stehen, darf sich nicht darauf beschränken, in humoristischen Revue-Couplets und dialogisierten Feuillotonreden Gift und Galle auf lebende Personen zu verspritzen, was dem Zuschauer auch nur dann einiges Amüsement bereiten kann, wenn er mit den Vorgängen vertraut in der Maske der dargestellten die wirklichen Personen wiedererkennt. Das ist aber, weil es sich um jüngst erlebte österreichische Schwindel- und Justizbegebenheiten handelt, die von einer geschäftstüchtigen Revolverpresse weidlich ausgeschlachtet werden, auf deutschem Boden zum Glück nicht der Fall. Ich sage: zum Glück. Tenn das Machwerk, um das sogar ein Theater skandal en miniature entbrannte wieder ein Versuch, unter der Maske der Kunst politische Agitattonsreden im Theater zu halten, was man dann Gegenwartstheater oder so ähnlich nennt - ist durchsetzt von jüdischen Typen wenig erfreulicher Art, die demgemäß entsprechend jüdeln. Vom Standpunkte des Autors sind es natürlich durchaus lebensvolle Karikaturen, und die Darstellung vergröberte sie auch keineswegs. Sie mögen tn Oesterreich und erst recht in den noch östlicheren Ländern existieren und Kraus, der von jeglichem Antisemitismus weit entfernt ist, wollte wohl sogar mit ihnen darlegen, auf welcher Seite — allgemein gesprochen — die Intelligenz ist. Aber nachdem es ein Schlüsselstück mit beißenden politischen Schärfen ist, nachdem die Atmosphäre schon etwas geladen war und es sich hierzulande um einen Fragenkomplex handelt, der die Gemüter explosiv leicht auf einander platzen läßt, konnte einem besonders im letzten Bilde angst und bange werden. Dieses ist eine einzige große Geschmacklosigkeit und betitelt sich „Stille Nacht, heilige Nacht". Kraus führt da nicht ohne Witz, der ihm überhaupt eigen ist, den ganzen Rassenantisemitismus ad absurdum, indem er einen völkischen Redakteur reden läßt in einer Weise, die doch nur das Blöde dieser ganzen Richtung beweist. Das war natürlich von Kraus seiner ganzen Einstellung gemäß gut gemeint; er hat auch keine Veranlassung, auf die Belange von uns deutschen Juden, die ihm fremd sein mögen, Rücksicht zu nehmen. Wir lehnen solch gefährliches Spiel mit dem Feuer ab und bedauern, daß es zu der Aufführung kam. Es war ein Glück wie gesagt, daß das Publikum weder die Anspielungen noch die jüdischen Ausdrücke im großen und ganzen verstand. Die Satire, die der am Schluß gefeierte Autor gewollt, aber nicht gekonnt hat, lag unbewußt eigentlich darin, daß die ihm Zujubelnden, von denen uns Juden also keine Gefahr droht, Angehörige jener kapitalistischen Kreise sind, die Kraus so heftig bekämpft. Und es war ein hübsches Sonntagsvergnügen, sommerlich gelleidet, zwischen Maiunruhen und sächsischen Landtagswahlen die Erregung dieser Premiere mitzugenießen... Hier liegt Komödienstoff. Dr. Richard Elb.

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