Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 19 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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beralismu« übernommen hat. Wenn bei Marx, dem -schüler Hegels, dieses Band schwieriger nachzuweisen ist, so tritt bei dem zweiten geistigen Ahnherrn der deutschen Sozialen okratie, Ferdinand Lassalle, diese innere Gemeinschaft um so deutlicher hervor. Zu den programmatischen Grundforderungen, die die deutsche Sozialdemokratie sich so zu eigen gemacht hat, gehört auch die Forderung auf Abschaffung der Todesstrafe. Dem eigentümlichen politischen Richtuiigswechsel, der innerhalb der leitenden Kreise der zionistischen Partei nach Idem Kriege eingetreten ist, mußte demnach auch mnerhalb der Schichten der zionistischen Parteiangehörigen eine revidierte Stellungnahme zu lebensanschaulichen Fragen wie der der Todesstrafe entsprechen. Ta nun für die Angehörigen des jüdischer: religiösen Liberalismus, ganz gleichgültig, zu welcher politischen Richtung sie sich bekennen, die Gegnerschaft gegen die Todesstrafe eine allgemein herrschende Tradition ist, so kann man heute wohl vorr einer jüdischen Einheitsfront auf diesem Gebiete sprechen. Würde die Berliner Repräsentantenversammlung über die Frage der Todesstrafe abzustimmen haben, so würden aller Wahrscheinlichkeit .Nee und Heinrich Stern, Loeb und Oscar Cohn oder Weiße sich brüderlich zusammensinden. II. Tie Gegnerschaft gegen die Todesstrafe entspricht der Entwicklung des jüdischen Rechtes, in dem die Anwendung der Todesstrafe an so einschränkende Bedingungen geknüpft war, daß dies einem völligen Verbote nahe kam. Die Juden des Mittelalters waren in dieser Frage um Jahrhunderte ihrer Zeit vorausgeeilt. Tie grundsätzliche iüdische Gegnerschaft gegen die Todesstrafe steht wohl in einem Zusammenhänge mit der Skepsis, die das Judentum allen dogmatischen Festlegungen darüber entgegenbringt, was nach dem Tode ist. Wollte man mit der Sicherheit etwa des gläubigen Katholiken des Mittelalters im voraus über ein Leben nach dem Tode entscheiden, dann liegt ja in der Anwendung der Todesstrafe nur die Beendigung eines verhältnismäßig unbeträchtlichen Teiles der menschlichen physisch-metaphysischen Existenz. Von: Standpunkte solcher dogmatischen Festlegungen und Rechtfertigungen konnte der Charakter der Todesstrafe als Ueberspannung des Vergeltungsgedankens und demnach das Unethische dieser Strafe verdunkelt werden. Für den Angehörigen des Judentums steht es anders. Im Mittelpunkt der jüdischen Ethik steht der lebende Mensch. „Aus dieser Erde quellen meine Freuden, Und diese Sonne scheinet meinen Leiden; Kann ich mich erst von ihnen scheiden, Tann mag, was will und kann, geschehen. Tvon will ich nichts weiter hören, Ob man auch künftig haßt und liebt Und ob es auch in jenen Sphären Ein Oben oder Unten gibt" Spekulative Gedanken darüber, was nach dem Tode ist, gehören nicht in den Bereich der Ethik und können daher auch nicht rechtliche Maßnahmen begründen, wenn anders sich diese innerhalb der Grenzen der Ethik halten sollen und der Staat nicht seinem Grundprinzip als ethischer Gemeinschaft untreu werden soll. Tie Todesstrafe läßt sich nur rechtfertigen als eine Notwehrmaßnahme der Gesellschaft; innerhalb ruhiger Zeitlauste und im Zustande einer gewissen Sicherung gegen das Verbrechertum, wie wir ihn jedenfalls in den modernen europäischen Staaten erreicht haben, ist die Todesstrafe unnötig und verwerflich, weil - - wie durch die Stat'sttk bewiesen wird — dem Prinzip der Abschreckung durch andere Strafen in gle'ch ausreichender Weise Rechnung getragen wird. Beder Todesstrafe steht dann also, wie es Hermann Cohen ausdrückt, „die Vergeltungsidee in Gefahr, in den Rachegedanken umzufchlagen". Tie Vernichtung des Lebens eines Menschen überschreitet die grundsätzlichen Ewigkeit Bon Rabbiner Tr. Gottschalk, Frankfurt a. M. Zn Viereck-Elridge: „Autobiographie des Ewigen Juden." (1928. Uebersetzt von Meyrink. Verlag List, Leipzig. 632 S.) Eines der schwermütigsten Bücher der Bibel ist jenes Buch Koholeth oder „Prediger", das dem Salomo zugeschrieben wird. Ein Buch, das wegen seines Pessimismus — „alles ist eitel" — ursprünglich nicht in die Bibel ausgenommen werden sollte. „Ein Geschlecht geht, ein Geschlecht kommt, nur die Erde bleibt ewig. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, alles ist schon dagewesen. Nur Essen ist gut, nur Trinken ist gut, nur Lachen ist gut." Das ist das Ergebnis. Und was hat dem Buch nun doch Eingang in die Bibel verschafft? Angeblich der Vers am Schluß: „Habe Ehrfurcht vor Gott und halte seine Gebote. Das ist der Kern des Menschen." Hier soll die jüdische Grundanschauung — der Optimismus — schließlich doch den Sieg davongetragen haben, der Begriff der Ewigkeit religiös erkannt sein. Es mag zweifelhaft sein, ob dieser Spruch wirklich so im Widerspruch zu allem andern steht, ob er nicht auch nur ein Wort der Resignation ist, sicher aber kann ein anderer Satz des Buches uns den Sinn der Ewigkeit und damit den Sinn des Lebens erschließen: „Sprich doch nicht, weshalb waren die früheren Zeiten besser als die jetzigen, denn nicht aus Weisheit fragst du so." Wenn wir diesen Satz durchdenken, dann kommen wir auf den Boden des Judentums zurück, dann preisen wir gern den, der „ewiges Leben in uns gepflanzt". Natürlich darf man nicht die äußren Dinge an sich vergleichen, dann hat der Satz gewiß tausendmal Unrecht. Und unsre Sehnsucht nach solchen Dingen kann niemals unweise sein. Der Friede ist besser als jeder Krieg. Aber die Unweisheit beginnt doch da, wo wir den Innern Zusammenhang übersehen, der zwischen allem Geschehen besteht. Wie eindringlich aber wird uns das gerade heute gepredigt. In der Tat — es gibt gar keine Vergangenheit, alle Vergangenheit, sie ist noch da, ist lebendige, wirkende Gegenwart, wirkende Zukunft und Ewigkeit. Denn was bedeutet Gegenwart? Nicht die Minute, der Augenblick, in dem gerade ein Mensch zum andern spricht, indem wir dies und jenes erleiden, indem uns dies und jenes erfreut. Nein Gegenwart ist so unendlich viel mehr: sie ist das Ergebnis aller der Jahre, welche wir hier aus Erden weilen, selbst der, die wir noch gar nicht erlebt, sie ist die Summe all der Erfahrungen, die wir in vergangenen Zeiten gesammelt und vielleicht auch die, die vor uns gelebt, ist der vorläufige Abschluß der Leiden und Freuden, die uns das Leben zugeschickt hat. Fangen wir doch mit dem Aeußern an: dein Körper, so wie ec heute ist, er ist doch nicht eben erst so gebildet, er ist so auf Grund deiner Entwicklung, deiner Abstammung, deiner Grenzen, die der Strafgewalt nach unserer Auffassung vom ethischen Standpunkte gestellt sind. „Die Zurechnung und die Strafe dürfen niemals die Grenze der Selb st er Haltung überschreiten. Tie Selbsterhaltung hat aber, wie das Selbst überhaupt, das natürliche Individuum zur unauslöschlichen Voraussetzung. Mit der Seele des Menschen ist rechtlich nichts anzufangen und nichts auszurichten, wenn sic die des getöteten Menschen ist. Tie Seele kann einen ethischen Sinn rechtlich nur haben, als die Seele des lebendigen Menschen. Daher bricht die Todesstrafe das sittliche Lebenswerk ab; und sie ist sittlich nur denkbar unter der anderweitigen Voraussetzung, daß es für die Seele ein Leben nach dem Tode gebe; und mit der fälschlich daraus hergeleiteten. Berechtigung, Rechtsnormen mit jenem unrechtlichen Begriffe in Verknüpfung zu bringen. Die conditio sine qua 'non aller Ethik, welche mit dem Rechte sich in Verbindung setzt, und alles Rechts, welches auf der Ethik beruhen w'll. ist die Selb ft er Haltung für bie S el b st v er ant w or - tun g." (Cohen: Ethik des reinen Willens, 2. Auflaqe, Seite 382.) Der jüdische Choral Bon Oberkantor Hermann Zivi, Elberfeld. Es ist ein eigen Ding mit dem „jüdischen Choral". Begrifssinhaltlich ist der Choral in demselben Maße jüdisch, wie er christlich sein kann; er ist das geistliche Lied der im Gesang vereinigten Gemeinde, — (cantus choralis) — er ist ein religiöses Ausdrucksmittel von den Zeiten an, in denen überhaupt eine Gesamtheit es für richtig befunden und unternommen hat, zur höheren Ehre Gottes Lieder zu singen. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet ist der Choral das, was man mit gutem Recht und Gewissen als „überkonfessionell" bezeichnen kann. Wir erfahren von dem Gesang einer großen Gemeinschaft schon sehr frühe, und man darf nur daran denken, wie beim Auszug der Israeliten aus Aegypten der gemeinsame Gesang es war, der ihrer jungen Freiheit den ersten religiösen Schwung verlieh. Wir wollen nicht rechten, wie jene spontane Kundgebung musikalisch geklungen haben mag, soviel steht jedoch fest, daß es ein cantus choralis, daß es ein gemeinschaftlicher Gesang war, bei dem die Gesamtheit des am roten Meer versammelten Volkes die chorisch zu wertende Gemeinde bildete. Wenn demzufolge der Gemeindegesang als eine in der Absicht liegende Massen Wirkung ursprünglich jüdische ist, so kann man sich nicht genug darüber wundern, daß man von der Wiederaufnahme dieser Spezies und der ausdrücklichen Betonung ihrer Notwendigkeit für den jüdischen Gottesdienst in manchen Kreisen nicht erbaut ist. Man denkt eben, und das ist der Fehler, der begangen wird, an den lateinischen, und mehr noch an den protestantischen Choral, deren Heranziehung man fürchtet, während, wie auch wir sehr gnt wissen, die ganze Struktur jener Musik absolut christlich und daher so geartet ist, daß sie in einen jüdischen Gottesdienst nicht hineingehört. In Ablehnung alles dessen gibt es aber auf ähnlich formeller Basis einen jüdischen Choral. Es gibt doch auch katholische, protestantische und — jüdische Gotteshäuser. Alle sind sie auf Grund eines architektonisch formellen Bedürfnisses errichtet, und in gleicher Weise sind sie alle aus ein und demselben Material. Was sie von einander unterscheidet, das ist der Inhalt dessen, was sich innerhalb der Form in ihrem Innern vollzieht. So verhält es sich auch mit dem, was wir auf gottesdienstlich-gesanglichem Gebiet unter dem Wort „Choral" verstehen. Alle Bekenntnisse stützen sich aus den Choral als Merkmal gemeinsamer Andachtsübung, und es ist eine ganz natürliche Erscheinung, daß bei der inneren Verschiedenartigkeit der in den verschiedenen Religionen zum Gesundheit und deiner Krankheit, deiner Arbeit und deines Entbehrens, deines Ueberslusses und deiner Enthaltsamkeit. Das alles prägt sich in dir heut aus, in deinem Antlitz, deiner Haltung und deiner Kraft. Nicht anders aber mit deiner Seele: mit deinen Neigungen und deinem Streben, mit deinen Anschauungen und deinem Gefühl, mit deinen Grundsätzen und deinem Wollen, mit allem bist du im jetzigen Augenblick ein Kind nur deiner Vergangenheit. Was du gelernt und was du gelesen, was du gedacht und was du empfunden, nichts, nichts ging davon verloren. Bewußt oder unbewußt, gewollt oder nicht hat euer Geist altes ausgenommen, Hut alles eurer Seele Spuren eingedrückt. Und wird uns das einmal nur völig klar, dann verstehen wir auch das Wort des Koheleth. Denn in der Tat, wir klagen uns an, sobald wir um die Vergangenheit jammern. Denn war sie schön, bleibt uns das Glück der Erinnerung, war sie schmerzlich, liegt es au uns, Segensspuren auch des Leides zu sehen. Und müssen wir bereuen, was wir getan, ist es an uns und unserer Kraft, an unserem Willen, an unserem Mut und unserem Glauben, unsere Vergangenheit umzuwandeln und dem Rufe „zu spät" den Ruf „noch Zeit" freudig und stark entgegenzusetzen. Ja darin allein liegt Unweisheit, daß wir die Vergangenheit als Last empfinden statt als eine Stufe der Ewigkeit, als den lebenschasfenden Grund, auf dem sich Gegenwart und Zukunft erhebt. Darin allein liegt die Unweisheit, daß wir nur immer vergessen wollen, statt dem, was geschehen, ins Auge zu sehen und mutige Folgerungen daraus zu ziehen. Lebe m i t deiner Vergangenheit, baue sie in deine Gegenwart ein! Stelle dich über sie, werde ihr Herr! Nur keine Reue und Vorwürfe, nur nicht das Leben mit ihnen belasten, wofern wir Jrrtümer etwa erkannt Und vor unserem Gewissen auch eingefstanden. Vorwärts, vorwärts den Blick gerichtet, für unsere Ewigkeit sind wir da! Sie ist der letzte Sinn unseres Wirkens, all unseres Wollens, all unseres Strebens. Zukunft der Kinder — Gedanke der Eltern, Zukunft des Mannes — Gedanke des Jünglings, Zukunft der Gattin — der Traum des Mädchens, Zukunft der Menschheit — das Streben der Größten. Wer aber nur am Vergangenen hängt, wird niemals Neues gestalten können, wer immer nur Lebenstrümmer anschaut, wird nie ein Schicksal neu auserbauen. „Es ist bedeutsam für das jüdische Sprachbewußtsein, daß das hebräische aulom für „Wett" zugleich die „Ewigkeit" bedeutet", sagt Cohen einmal in der „Religion der Vernunft". „Auch die „Welt" hat er in sein Herz gegeben" (sagt Koheleth). Diese „Welt" ist auch die „Ewigkeit", so daß man auch: „die Ewigkeit als in das Herz des Menschen von Gott gegeben" — Aversetzen kann." Und schön istauchder Ausspruch Steinlhals in der Erklärung des 90. Psalms: „Von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du Gott" — der Dichter wollte sagen, wozu ihm seine Sprache das Wort nicht darbot: Gottes Dasein Durchbruch gelangenden Andachtsmomente die Ausdrucksmittel je nach der Eigenart der betreffenden Religion verschiedene sein müssen. An anderer Stelle wurde früher schon einmal darauf hingewiesen, daß die beiden Hauptrichtungen innerhalb der katholischen Kirche auch choralisch ihre eigenen Wege gehen, geschweige denn die protestantische Kirche, die sich unter der Devise „Los von Rom" durch Inanspruchnahme des Volksliedes ihren eigenen Stil geschaffen hat. Bei all diesen grundlegenden Verschiedenheiten haben wir es in jedem Einzelfall immer wieder mit dem Begriff „Choral" als Hauptnenner zu tun. Der Choral ist eben nichts anderes als das geistliche Lied; jedes geistliche Lied ist ein „Choral", gleichviel ob es in einer Synagoge, ob in einer Kirche oder in einer Moschee'gesungen wird. Innerhalb der verschiedenen 'Bekenntnisse kommt es nur darauf an, ihm auf Grund des in Betracht kommenden Textes den richtigen musikalischen Inhalt zu geben. Das pessimistische Christentum, das auf Schritt und Tritt auf die Gnadenmittel der Kirche angewiesen zu sein glaubt, wird über die Melancholie der seelischen Einstellung seiner Bekenner auch im musikalischen Ausdruck nicht hinwegkommen. Man sehe sich diesen Choral nur einmal an, man braucht ihn noch nicht einmal zu hören, um zu wissen, daß eine Folge von andauernd gleichlangen Tönen langweilig und auf die Dauer unerträglich ist. Demzufolge kam es so, wie es kommen mußte. Die Choralmelodie verlangsamte sich in dem schleppeirden Tempo ihrer christlichen Eigenart, und der straffe Rhythmus ging im Schluchzen und Weinen und in der Klage über die Schlechtigkeit der Welt verloren. So etwa sieht, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, der christliche Choral von innen aus. So kann und darf der jüdische Choral nicht aussehen. Genau so, wie das jüdische Gotteshaus, um den Vergleich noch einmal zu gebrauchen, äußerlich ebensogut auch ein nichtjüdisches Gotteshaus sein könnte, genau so kann der Begriff „Choral" von jedem beliebigen Bekenntnis in Anspruch genommen werden. Wir aber, die wir den jüdischen Choral ins Leben rufen und pflegen wollen, wir müssen ihn seinem jüdischen „Innern" gemäß durchdringen und seine ganze Wesenheit so gestalten, daß die lebensbejahende Einstellung des Judentums auch musikalisch klar und deutlich zum Ausdruck gelaugt. Wir müssen vor allen Dingen in überzeugender Form, und soweit es sein kann, die Wahrnehmung einer gewissen Tradition und die straffe Rhythmik des Gesanges betonen, damit der jüdische Choral als Gemeindegesang imstande ist, der jüdischen Seele den Ausblick in eine mit froher Hoffnung erfüllte Zukunft zu eröffnen, und das Vertrauen auf die messianische Idee überzeugend zu beleben. Die technischen Mittel und Wege sind an anderer Stelle versuchsweise angedeutet, und es soll bei dieser Gelegenheit nur gesagt sein, daß die Musik im jüdischen Gotteshaus nicht Selbstzweck sein darf. Es soll damit gesagt sein, daß sie lediglich dazu berufen ist, im Dienste der kultischen Hebung eine jüdische Gemeinde zur aktiven Teilnahme am Gottesdienst zu befähigen. In einem engen Zusammenhang mit der Beantwortung dieser rein musikalischen Frage steht die Frage der textlichen Beschaffenheit, insbesondere dann, wenn es sich um deutsche Texte handelt. Daß charakteristische und traditionsmäßig verankerte Melodien auch im deutschen Texte wiederkehren sollen, ist bereits gesagt. Die Behandlung von hebräischen Texten erfordert die Kenntnis der hebräischen Sprache mit ihrer etwas komplizierten Akzentlehre, und nicht zuletzt die traditionelle Methode ihrer musikalischen Eigenart. Im übrigen ist der hebräische Text kompositorisch frei von dem Ballast der sonst durch das Versmaß angelegten Zwangsjacke. Poetische Prosa auch im deutschsprachigen Liedertext würde ein wesentliches Plus bedeuten gegenüber manchen flachen Reimereien, die auf Grund ihrer Takteinheit immer wieder an den protestantischen Choral erinnern. Wie sei von keiner Zeit umgrenzt. Besser hat der Dichter des Jigdäl dies so ausgedrückt: zu seinem Dasein gehört nicht Zeit, während wir zum Dasein jedes Dinges die Zeit hinzudenken müssen". — Aber das Böse? Aber der Tod? Besitzen sie nicht auch ihre Ewigkeit? Sind sie nicht ewige Hemmnisse für den Siegeszug der Ew'gkeit, an der allein uns gelegen sein kann, der ewigen Güte, dem ewigen Geist, der ewigen Tat? Gewiß, und doch auch nicht. Das Böse — sollte uns nicht gerade ihm gegenüber das Wort des Koheleth geg.enwärttg sein und uns vor Unwe-sheit warnen? Wollen wir nicht endlich einmal einsehen, daß das Glück der Menschheit nicht von dem doch nur idealen Messias am Ende der Tage, der ideat-messianischen Endzeit abhängt, sondern davon, daß und ob jedes Zeitalter seinen Messias hat? Es hat ihn nicht, und deshalb 'ft ja der Fortschritt so langsam, aber zuweilen ist doch ein Zeitalter glücklich und gibt dann von seinem Glück an viele Generationen ab. Und wenn das Glück verbraucht, der Messias von emst uns nichts mehr zu sagen hat — an Gedanken, Gefühlen, Sprache, dann ersteht uns, wenn wir glücklich, unser Messias und prägt Altes neu und um. Und oft freilich zeigt er uns auch verkannte Messiasse von einst erst in ihrem Hellen Glanz, und wir möchten Tränen weinen über den Verlust, den sich die Früheren zugefügt, und freuen uns doch wieder über die Unbesiegbarke-t des Geistes. Und damit sind wir bei dem anderen Hemmnis, das die Menschheit aus ihrem Weg mitschleppt: dem Tod. Wie hat ihm aber Jesaia schon das Grab gegraben, als er sein Wort prägte: „Gras verdorrt, es welkt die Blume, aber das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit" oder wie Holzman gern übersetzte: das vom Geiste Gottes getragene Wort. Wie hat Jesaia schon dadurch der niederdrückendeu „ewigen Wiederkunft" aller Dinge, von der Nietzsche vorübergehend sprach, freilich auch in tröstendem Sinn — den ewigen Triumphzug des Geistes gegenübergestellt. Und in unserer Zeit hat Shaw in dem viel zu wenig beachteten „Zurück zu Methusalem", einem „metabiologischen Pentateuch" diesem Gedanken einen eigenartigen Ausdruck verliehen. Nicht daß. er dort von der Möglichkeit spricht, wie man und ob mau das Leben über das übliche Alter hinaus verlängern könne ist das Wertvolle des Dramas, sondern was er, zum Teil im Anschluß an die ersten biblischen Geschichten, über Tod und Leben spricht und die Ewigkeit des Lebens trotz des Todes. Grade Kain, der ja auch rn Hesses Temian in ganz eigenem Lichte dargestellt wird, als der Mann des Zeichens, der den anderen überlegen war, ist es bei Shaw, der seinen „Mord" so ganz anders erklärt, als man es gelernt hat. Er möchte nicht mehr glauben, daß „der Tod wirklich Tod", fordern, daß er das „Tor zu einem andern Leben ist, zu einem unendlich glänzenden und heftigen Leben, zu einem Leben der