Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 18 (3.5.1929)
- Date
- 1929-05-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Von der Frankfurter Repräsentanz Etaweratung. — Beibehaltung ber Steuerquote von 11 ... Kann das Philanlropiin erhalten werden? Tie Gemeindevertretung erledigte am 17. und 18. April 1929 in zwei Sitzungen, von denn: die eine bis nahezu 1 Uhr nachts dauerte, den Etat für das neue Rechnungsjahr. Tie liberale Fraktion hatte angeregt, in diesem Jahre auf die Generaldebatte zu verzichten und die prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten bei der Spezialdebatte gelegentlich der Beratungen der einzelnen Punkte rednerisch auszutragen. Leider hatte dieser Vorschlag bei der Volkspartei keine Gegen?- liebe gefunden. Diese hielt es vielmehr für nötig, u. a, wohl auch mit Rücksicht auf die prinzipielle Ablehnung einer Bewilligung für den Keren Hajessod durch die liberale Fraktion, auf der Generaldebatte zu beharren und die von ihr gewünschte Richtung der Gemeindepolitik darzulegen. Infolgedessen erklärte auch die konservative Fraktion, genötigt zu sein, ihre Wünsche in der Generaldebatte vorzutragen. Nachdem die beiden Redner der Volkspartei und der konservativen Partei gesprochen halten, erklärte der Vorsitzende der liberalen Fraktion, Tr. Rudolf Geiger, daß seine Fraktion für praktische Arbeit sei, deshalb die vorerwähnte Anregung, unnötige Debatten zu vermeiden, gegeben habe und daß er deshalb jetzt keine Rede halten wolle, die für den Fortgang der Beratungen doch ohne praktische Bedeutung sein werde. Die liberale Fraktion werde bei der Spezialdebatte zu den einzelnen Punkten Stellung nehmen. Der Etat lag diesmal der Gemeindevertretung insofern in neuer Fornr vor, als sein Entwurf von einer gemeinsamen Kommission des Vorstandes der Gemeindevertretung festgestellt war und erst alsdann der Vorstand zu den einzelnen Punkten Beschlüsse gefaßt hatte. Bei der Abfassung des Entwurfs hatte man sich insbesondere von dem Bemühen leiten lassen, die Ausgaben nach Möglichkeit einzuschränken, üm die Gefahr eines Defizits bei dem herabgeminderten Steuer^- satz und der bedenklichen Wirtschaftslage zu vermeiden. Ueber die großen Anforderungen, die ohnehin der außerordentliche Etat an die Gemeinde stellt, ist bereits früher an dieser Stelle berichtet worden. Die Steuerherabsetzung des Vorjahres auf ll l'o war infolgedessen nochmals Gegenstand einer heftigen Diskussion. Sie wurde von dem Finanz^ dezernenren des Vorstandes, Herrn Fritz Sondheimer, wiederum mit dem Argument verteidigt, daß eine Bewilligung von Steuern auf Vorrat nicht angängig sei. Die Steuerpolitik sei im vergangenen Jahr richtig gewesen, da der ordentliche Etat mit einem Ueberschuß geschlossen habe. Demgegenüber konnte Tr. Geiger jedoch darauf Hinweisen, daß es sich auch im vergangenen Jahre ja nicht um eine Bewilligung von Steuern auf Vorrat gehandelt habe, sondern darum, daß man den Bedarf des gegenwärtigen Etatjahres schon vorausgesehen habe und deshalb die Steuer nicht in diesem Maße hätte herabsetzen dürfen. Bei dem Punkt „Besoldung" wünschte die liberale Fraktion eine einheitliche Regelung der Sätze durch den Landesverband, evtl, durch eine Vereinbarung der Großgemeinde. Es besteht bekanntlich hier die Schwierigkeit, daß ein Treiben der Sätze durch den gegenseitigen Wettbewerb der Gemeinden stattsindet. Vom.Vorstand wurden hierzu Bedenken geäußert. Ein Hauptgegenstand der Beratungen war die Bewilligung des Zuschusses für das Philantropin. Hier lag ein Vorstandsbeschluß vor, den Betrag für die Obersekunda ab 1930 zu streichen zugleich mit der Feststellung, daß eine Zustimmung der Gemeindevertretung hierzu nicht erforderlich sei. Gegen diesen Vorstandsbeschluß sprach für die liberale Fraktion Herr Dr. Oppenheim. Er ging aus von dem hohen Zuschuß, den das Philantropin nunmehr seit Jahren infolge der Vernichtung seines eigenen Vermögens in der Inflation benötigt, erklärte aber namens der Fraktion, daß man die Aufhebung der Obersekunda und die evtl. Aufhebung der Frauenschule für den falschen Weg zur Lösung des Problems im ganzen halte. In jedem Falle dürfe schon mit Rücksicht auf die Verpflichtung einem seit 125 Jahren bestehenden Gemeindeinstitut gegenüber die Aufhebung nicht ohne die Zustimmung der Gemeindevertretung geschehen. Er beantragte, die für das Philantropin ausgeworfenen Posten zu bewilligen und dem Beschluß des Vorstandes die Genehmigung zu versagen. Dieser Protest der liberalen Fraktion gab dem Finanzdezernenten des Vorstandes Anlaß, in einer heftigen Rede den Schulrat anzugreifen, der trotz Anfrage weder über Schülerzahl noch die Zahl der Unterrichtsstunden sich unterrichtet habe. Ter Vertrag über die Volksschule sei nun bereits seit 7 Jahren nicht zustandegekommen. Im Westend sei eine neue Volksschule im Entstehen durch Errichtung einer Anfangsklasse aus Privatmitteln, nachdem der Vorstand die Mittel dafür nicht bewilligt habe u. a. mehr. Herr Dr. Richard Merzbach verwahrte sich darauf in einer von dem ganzen Hause mit größter Auf- *! Versammlungstalender ♦ Berlin. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B. Die Bezirke Süden und Neukölln veranstalten gemeinschaftlich mit anderen Organisationen am Mittwoch, den 8. d. M.» abends 8.30 Uhr, in den City-Festsülen, Dresdner Straße 52 (nahe Prinzenstraße), eine Kundgebung für jüdische Siedlungen in Deutschland. Das Referat hat liebenswürdiger Weise Herr Rittergutsbesitzer Rudolf S. Mosse, Stangenhagen, übernommen. Breslau. Jli „Abraham Geiger". Sonntag, den 5. Mai: Wanderung: Dyhernfurth (Besichtigung des jüdischen Friedhofes) — Obernigk. Treffpunkt 7.30 Uhr am Haupteingang des Hauptbahnhofes. Abfahrt 8 Uhr Sonntagsfahrkarte 3. Klaffe Dyhernfurth mit Rückfahrtberechtigung Obernigk. Mittwoch, den 8. Mai, 20.15 Uhr: Gemütliches Beisammensein im Kurgarten, Kürassierstraße (Vorbesprechung der Pfingstwanderung). Um rege Beteiligung wird gebeten. Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendgemeinschaft. Samstag, den 4. Mai 1929, nachmittags 3.30 Uhr, gemeinsamer Spaziergang: Lohrberg—Bergen. Treffpunkt Endstation der Linie 3. Montag, den 6. Mai 1929, 20.35 Uhr, Arbeitsgemeinschaft „Sozialismus — Kapitalismus", Georg Stierle, im Sitzungszimmer der Westendfynagoge. Unser nächster Heimabend findet Dienstag, den 7. Mai 1929, 20.45 Uhr, im Sitzungszimmer der Westendsynagoge statt. Thema: Deutsch-Jüdische Fragen. Samstag, den 11. Mai 1929, 17 Uhr, „Faust", Dr. Hofsmann, Untermainanlage 7. Ratibor. „Jli": Sonntag, den 5. Mai, gemeinsamer Mai-Ausflug. Dienstag, den 7. Mai, Vortrag von Herrn Lehrer Bieberfeld über: „Die Reformgemeinde", anschließend Diskussion. Jta-Telegramme. Sotterdleuste verliu-Rorde«. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Jede« Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 3. Mai, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbinatskandidat Dr. Manfred Swarfensky. Sonnabend, den 4. Mai, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Berlin-Westend. verein Liberale Synagoge Westeud, Leistikowstraß« 7-8 (Schulaula), »ahe Reichskavzlerplatz. Jede« Freitagabend liberaler Vvtter» dienst mit Chor und Predigt. Begiuu 19.15 Uhr pünktlich. Freitag. den 3. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der CSeilieufchule, Nikolsburger Platz): Jede» Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 3. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Klein. merksamkeit angehörten umfassenden Rede gegen diese von ihm als einseitig bezeichnete Darstellung. Er ging aus von der historischen Verpflichtung des Schulrates, ein von liberaler Seite begründetes Schulwerk in streug neutraler Weise den verschiedenen religiösen Richtungen zugänglich zu machen. Tie Achtung vor dem Geist echter Humanität, in dem die Schule gegründet worden ist, gebiete die Gemeinschaftserziehung. Tie weltanschaulich getrennten Klassen seien deshalb abzulehnen. Die Einstellung der Vorstandsmitglieder sei wohl verschieden. Tie konservativen Mitglieder wünschten die Forlexistenz unter Einführung von Parallelklassen, die bestimmt seien, eine weltanschauliche Trennung durchzuführen. Tie liberalen Mitglieder seien leider vielfach indifferent. Tie Leitung der Schule müsse einen Standpunkt wahren, der religiös sei, aber Gewissensfreiheit und Toleranz verbürge. Von den Schülern seien 600 der liberalen, 300 der konservativen Richtung zuzuzählen. Ter politische Kampf müsse der Schule fernbleiben. Leider werde der Schulrats mit Anfragen kleinlichster Art überschüttet. Es werde aui die sparsamste Weise gewirtschaftet. Die Zuschüsse seien klein im Verhältnis zu dem, was die städtischen Schulen erfordern. Im übrigen habe man dem Vorstand die Uebernahme. des ganzen Schülwerks durch die Gemeinde angeboten. Tie Westendklasse sei nichts besonderes, nachdem drei Anfangsklassen in anderen Stadtteilen unterhalten würden. Was der Vorstand mit seinem Beschluß bezwecke, sei eine Zerstörung des einheitlichm ganzen Schulwerks durch Wegnahme des Oberbaues, ohne den es nicht mehr existieren könne. Nur sage man das nicht offen, sondern gehe den versteckten Weg des Beschlusses. Der Oberbau sei durch- STOIbWERCk( iDohlSchimckcnd,. nahrhaft. aus lebensfähig. Tie Untersekunda zähle 68 Kinder, so daß eine Zunahme in den Oberklassen wahrscheinlich sei. Auf keinen Fall dürfe ein kulturelles Werk von so hoher Bedeutung einseitig vom Vorstand zerstört werden. Die 900 Schüler seien 30 Prozent der gesamten schulpflichtigen Jugend der Gemeinde. Herr Tr. Simon (Volkspartei) stellt darauf den Antrag, den Vorstand zu ermächtigen, das Angebot des Schulrats auf Uebernahme des ganzen Schulwerks durch die Gemeinde anzunehmen. Ter Antrag wurde angenommen gegen die Stimmen der liberalen Fraktion, deren Mitglieder in der Sitzung leider nicht vollzählig anwesend waren. Bei dem Kapitel „Subvention", welches aus Sparsamkeitsgründen vom Vorstand stark zusammengestrichen war, wurde aus den Antrag der liberalen Fraktion der Zuschuß für die Rabbinerseminare erhöht. Ein Beitrag für den Keren Hajessod in der außerordentlichen Höhe von 3000 Rm. wurde mit den konservativen und volksparteilichen Stimmen genehmigt. Ein Antrag aus Erhöhung der Subvention für den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten wurde einstimmig angenommen, wober von verschiedenen Fraktionsvertretern auf die wichtige, rm allgemeinen Interesse liegende Tätigkeit des Bundes hingewicjen wurde. Für Jugendpflege wurde der ausgeworsene Betrag von Rm. 7 500 erhöht und beschlossen, dre Kommission zur Verteilung aus die verschiedenen Vereine durch Vertreter der Jugend zu erweitern. Umschau „Objektive" Berichterstattung. Es ist bekannt, daß gewisse, hauptsächliche für junge Mädchen und den „trauten Familienkreis" bestimmte Blätter alles unterdrücken, was, es möge noch so sehr Wirklichkeit sein, als „anstößig" empfunden wird. In der Regel sind sich auch alle derartigen Familien blätter darüber einig, welchen Teil des menschlichen Lebens und Erlebens sie als anstößig zu empfinden und also zu unterdrücken verpflichtet sind. Wir Juden aber müssen bekanntlich immer etwas Besonderes haben, und so hat denn auch das „Israelitische Familienblatt" etwas Besonderes, was es als anstößig empfindet. Anstößig ist z. Bi. die Tatsache, daß es noch andere jüdische Zeitungen gibt. Wenn nun doch einmal irgend etwas erwähnt werden muß, was die böse Konkurrenz betrifft, so liest man immer: „In einem jüdischen Blatte hat gestanden..."; „die Schristleitung des betreffenden Blattes..usw., spaltenlang so. Ties sind wir gewöhnt. „Anstößig" scheint aber neuerdings auch, der Liberalismus geworden zu sein. Anders vermögen wir nicht zu erklären, daß in einem ausführlichen Bericht über die Beisetzung Michael Holzmans sämtliche Redner mit Namen ausgeführt und nur der Name des rn Amtseigenschast fungierenden Gemeinderabbiners Dr. Julius Galliner vergessen worden ist. In diesem Vergessen scheint System zu liegen. Die gleiche Nummer des Familienblattes bringt nämlich einen Bericht über die Geburtstagsfeier von Professor Türk. Auch hier sind alle Redner und die durch sie vertretenen Körperschaften genannt worden. Nur die manchen israelitischen Familiengemütern anstößige Tatsache, daß Prof. Türk der Reformgemeinde angehört, daß diese daher eine Abordnung entsandte und für sie Herr R.-A. Dr. Moritz Galliner das Wort ergriff, ist in dem Bericht unterdrückt worden. Wir unsererseits müssen sagen, daß wir solche Art der Berichterstattung für anstößig erachten, doch sind wir keineswegs so keuschetnd, daß wir in unserm Blatt diese Tatsache mit Stillschweigen übergehen. Was ist^ muß gesagt werden, auch wenn Familiengemüter es nicht hören mögen Der Zuwachs aus Waldeck. Durch die Aufnahme des bisherigen Freistaates Waldeck gewinnt Preußen rund 56 000 neue Bürger, die allerdings längst unter preußischer Bevwaltung lebten. Vor sieben Jahren bereits war der Gebietshak jetzt Franz S o n d i n g e r die beiden Stücke, für zwei Abende eingerichtet, in seinen Spielplan im Theater in der K l v st e r st r a ß e ausgenommen. Dieses Theater liegt beinahe abseits vom Groß-Berliner Bühnenbetrieb. Es muß mit sehr bescheidenen Mitteln arbeiten und erfreut sich nicht allzusehr der Gunst der westlichen, größeren Theaterbesucherschar, auf die es wirtschaftlich ja ankommt. Umso rühmens- und lobenswerter ist es, in wie künstlerisch hochstehender und sauberer Weise dort Theater gespielt wird! Tie Sondinger- Inszenierungen dieser beiden Judenstücke waren ganz ko)tllch, fast einwandfrei. Sie blieben der Poesie dieser Hermannschen Dichtungen wenig schuldig; die so echte Stimmung der „alten Familienerinnerungen aus unserer Ahnenw Zuhörer. Sondinger selbst als Onkel Jason, -•?*11 9 e.r als Jettchen, Mayring als Doktor Kotzlmg fugten sich harmonisch einem gut eingespielten Ensemble ern; aber man durste sich, abgesehen von all diesem ' i!5n Durchschnitt, einer ganz überragenden, unvergeßlichen schauspielerischen Leistung freuen. Das war Edgar Ka ursch s Onkel Eli. Wie dieser noch junge Künstv rw/1116«!1' famosen Maske den knurrigen, alten Weltweisen Erstellte, das löste lautes Entzücken und viel Beifall aus. greulich, wenn die hübschen Aufführungen in der Klofterstraße den Erfolg hätten, den sie verdienten.... Dr. Ludwig D a v i d s o h n, Berlin. Arnold Zweigs »Umkehr" 3m UrauMhrung Im Frankfurter Re««» Theater. ..Ege — verpflichtet nicht eigentlich auch ein Name. Enttäuschend und unverständlich ist es, wenn ein Mann mrt deck Können, mit den Möglichkeiten, mit dem Namen Arnold Zweig mit großer Geste und mit — leeren Händen vor sein Publikum tritt, wenn er etwas der Öffentlichkeit übergibt, das fühlbar um des Schreibens willen geschrieben ist, nicht aber aus dem Zwang zur Verkündung. Das Stück behandelt die Buber'sche Legende des Baalschem „Tie vergessene Geschichte", behandelt die Umkehr Eines, der -- selbst einst Jude — Bischof wurde, ein jesuitisch-hartes Regiment führte, Juden verbrennen und enthaupten ließ, das Judenedikt neu in Kraft setzte, — und der dann von der Wundermacht des Baalschem bezwungen und zum Bekennen des Judeseins zurückgeführt wurde. So poetisch schön die Buber'sche Legende ist, so dramatisch leer ist das Zweig'sche Schauspiel. Tie Handlung ist unüberzeugend und offensichtlich unwahr in der Art, wie — vergeblich und unzulänglich — versucht nnrd, „inneres Erlebnis und inneren Konflikt" zu gestalten. Die Probleme, die das Stück in Wahrheit zu einem Drama.hätten machen können, das Erschütterung auslöst, sind erstaunlich sicher umschifft, die Umkehr des judenhasserischen Bischofs vollzieht sich auf eine äußerst sentimentale, ja teilweise abstoßend geschmacklose Weise. Ein schlechtes Stück (selbst von einem großen Manne) ist etwas Verzeihliches, wenn es nur in sich und auf sich selbst stehen will. Ein schlechtes Stück ist etwas Unverzeihliches, etwas Verantwortungsloses, wenn es in oberflächlicher und ungekonnter Art menschliche oder religiöse Kämpfe auf- Kn will, die die Eigenart oder das Ringen ganzer Gemeinten berühren. Verantwortungslos vor allem, weil die Aufdeckung solch schwebender Gemeinschaftsprobleme zur Beurteilung leben dieser Gemeinschaften durch andere (die diesen Gemeinschaften innerlich und in ihrem letzten Kern fernstehen und nach der Kenntnis dieses „Kerns" forschen) führen kann. Mit heiligstem Ernst und bewußter Ablehnung jeder Profanierung durch Sentimentalität nur darf man sich der Aufgabe nahen, den „Andern" Mitteilung zu machen von den innern Dingen der eigenen Gemeinschaft. Nicht das ist ja das Bedrückende, daß wir Juden nach der Aufführung heimgehen und uns sagen: das war ein schlechtes Stück, sondern daß wir denken müssen: Christen sehen dies, Christen beurteilen aus dieser offiziellen Aeußernng eines der markantesten heutigen Juden die Beschaffenheit und die Ueberzeuaungskraft unseres Judeseins, machen sich ein Bild über dieses unser vermeintliches Erlebnis des Judentums, — und lernen's nicht, daß der Kern des Ringens um das Judentum — um unser heiliges, prophetisches Judentum! — ganz, ganz wo anders liegt. Tie Christen werden nach diesem Stück das Gefühl mit nach Hause nehmen: „Da glaubt nun ein Jude, die ewige Wahrheit im Christentum gefunden zu haben, und trotz allem fällt er doch schließlich wieder in sein Judesein zurück, weil die Juden eben unserer Lebensart und Lebenserfüllung fremd gegenüberstehen." Sollte man die Nichtjuden, die in ein jüdisches Stück gehen, um ernsthaft unser jüdisches Weltbild kennen zu lernen, sollte man sie nicht besser lehren zu fühlen, daß unser Weg gar nicht weitab liegt von ihren Reihen, sondern mitten in sie hineinführt, eben um der Bestätigung unserer jüdischen Prophetenreligion, um unseres weltumspannenden Messiasglaubens willen? Im Interesse des gegenseitigen Verstehens zwischen Juden und Christen ist zu wünschen, daß Zweig's „Umkehr" schnellmöglichst vom Theaterprogramm verschwindet. Edith Fakk, Frankfurt a. M.