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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-05-03 · 18 (3.5.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
18 (3.5.1929)
Date
1929-05-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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an einem einfachen Mann, der ein heiliges Erbe nicht hergeben wollte. Und diesem Leben entsprach das Ende: man kennt die Legende von Elia, der im Feuerwagen gen Himmel fuhr. Aber wieder: weshalb die Legende, weshalb nicht ei* wähnen, was ihr vorangeht dieser wieder so rührende letzte Gang, auf dem ihn sein treuester Jünger begleitet. Vergeblich, .daß Elia ihn dreimal fortschicken will, denn er fühlte, daß seine Stunde gekommen ist; vergeblich die zweimalige Frage der Jünger an Elisa - das ist der Begleiter : „Weißt du, daß Gott heute deinen Herrn von dir nimmt." Dreimal gibt Elisa dem Elia die Antwort: „So wahr Gott lebt und so wahr deine Seele lebt, ich lasse dich nicht" und zweimal den Jüngern: „Ich weiß es, schweiget nur." Er erbittet sich noch vom Meister zwei Teile seines Geistes, und als dieser dann plötzlich nicht mehr da ist, ruft er ihm schmerzvoll ergriffen nach: „Mein Vater, mein Vater, Wagen Israels und seine Reiter!" die Unsterblichkeit Elias ist begründet. - Ter wahre Elia - ob man ihn nun erkannt hat? Nicht der ist es, von dem die Bibel auch erzählt, der der Witwe Brot schafft, den Sohn der Witwe lebendig macht, Feuer vom Himmel fleht, im Feuer hinaussährt der wahre Elia ist selber ein Feuer, eine Flamme von Gott, ein Feuer des Herzens, dieses immer unerschrockenen, wahrhaft reinen, niemals schwankenden, nur die Halbheit allein hassenden Herzens. Ter wahre Elia einer verstand ihn, einer liebte ihn, einer hielt ihm bis in den Tod die Treue, einer fühlte den Führer in ihm, sein Jünger und Nachfolger, sein Elisa. Ter wahre Elia ruft uns heute zu: Gott ist das Feuer in euch allen, am Tag der Schöpfung angezündet, daß ihr, lebendige Gottesfackeln, die ganze Welt mit Bränden nährt, mit Herzensbrän den, Seelengluten, mit Stürmen trunkener Gottesliebe. Goti brennt in euch, so glühet, glühet, für ihn, für ihn, glüht aus, empor? - der wahre Elia, wem könnte ich diese Worte eher w § d m e n , als Dir, geliebter M e i st e r, Dir, meinem Lehrer durch vier Jahrzehnte hindurch, Dir, Michael Holz man! Schwer, schmerzlich und schwer zu denken, daß Du nicht mehr bist, Du .Herold der Bibel, Du Prophet der Propheten. Schwer und schmerzlich, daß die Wärme Demes Herzens mich nicht mehr umfangen, Tein weiser Mund mir nichts mehr sagen soll. Aber wie dürfte einer um dich allein klagen, einer nur von deinen zahlreichen Schülern, einer nur von deinen begeisterten Jüngern, von ihnen, denen du niemals alt warst, nein immer in jener Jugend erstrahltest, welche „nie verfliegt, der Jugend reiner Religiosität, der Jugend wahrhafter Idealität, die da „eiferte für den Ewigen Zebaoth". Schwer, schmerzlich schwer, daß du nicht mehr bist. So Hab denn Dank für das, was du warst, und dreifach Dank, daß du bliebst, was du warst: der wahre Elia, ein Feuer von Gott, ein Feuer in Gott, ein Feuer für Gott. Dank, Dank! „So wahr Gott lebt und so wahr deine Seele lebt in deinen Jüngern w e i 1 e r l e b t ich lasse dich nicht!" Sein Leben und sein Werk (Geb. 20. Januar 1841, gest. 25. April 1029). Im Alter von 88 Jahren ist Michael Holzman am 25. April d. I. zur ewigen Ruhe eingegangen. Tein Gang war in den letzten Jahren langsam geworden, aber wer ihn in Sitzungen des Schul- und Talmud-Thora-Vorstandes sprechen hörte, oder wer gar das Glück hatte, sich in seinem Studierzimmer mit ihm in bald ernstem, bald heiterem Gespräch zu unterhalten, wer, wie der Schreiber dieser Zeilen oft Gelegenheit hatte, ihn zu hören, wie er über Männer und Ereignisse der Vergangenheit berichtete, zu wissenschaftlichen Fragen, sei es auf dem Gebiete der Theologie, der Sprachwissenschaft oder der Pädagogik, Stellung nahm, der merkte an ihm keine Abnahme seiner geistigen Kraft. Sein Gedächtnis war noch fest und treu, sein Denken so scharf wie je, das treffsichere Wort stand ihm in unverminderter Kraft zu Gebote, und mit bewundernswerter Energie setzte er sich noch ein für das, was er für richtig hielt, mit eifervoller Entrüstung bekämpfte er Rückständigkeit, Unwahrhaftiakeit und Oberflächlichkeit. So kam seinen Freunden und Verehrern sein Tod vollständig unerwartet, und um so größer ist die Trauer um den vorzüglichen Menschen. Holzmau ist in Ostrowv als Sohn eines Kaufmanns geboren. Der Vater verfügte über ein bedeutendes jüdisches Wissen und sorgte dafür, daß auch der Sohn frühzeitig in die Quellen des Judentums eingeführt wurde. 1854 war das Rabbiner-Seminar in Breslau gegründet worden. Einer seiner ersten Schüler war .Holzman. Liebe zu unserem religiösen Schrifttum trieb den 13 jährigen Knaben, das Gymnasium in Oftrowo zu verlassen, um sicheln Breslau für den Beruf eines Rabbiners vorzubereiten. Sieben Jahre besuchte er diese Anstalt und bestand während dieser Zeit am Elisabethgymnasium in Breslau die Reifeprüfung. Er verließ sie wegen des ihm unerträglich gewordenen Widerspruchs zwischen seinen religiösen Anschauungen und denen, die im Rabbinerseminar propagiert und geduldet wurden. Er studierte zunächst in Breslau, dann in Berlin Philologie. Nach Berlin kam er in erster Linie, um Steinthal zu hören, dessen völkerpsychologisch orientierte Schriften auf ihn einen großen Eindruck gemacht hatten, und mit dem ihn später eine \ innige Freundschaft verband. Noch vor Ablegung seiner Staatsprüfung unterrichtete er an der jüdischen Lehrer-Bildungsanstalt und der Knabenschule der jüdischen Gemeinde, wurde dann Oberlehrer am Sophienrealgymnafium und aus dieser Stellung durch die Gemeindebehörden zum Leiter der beiden Anstalten berufen, an denen er schon früher unterrichtet hatte und denen er fortan bis zu seiner im Jahre 1911 erfolgten Amtsniederlegung seine ganze Kraft widmete. Holzmann war der geborene Lehrer und Leiter. Ich darf hier wohl mit einigen Kürzungen wiederholen, was ich über ihn in der Festschrift zur Feier des 100jährigen Bestehens der Knabenschule geschrieben habe. „Zur Leitung jüdischer Schulen war kaum jemand so geeignet wie Holzmann. Mit aus den Quellen geschöpftem theologischem Wissen verband er eine tiefe und umfassende Kenntnis der klassischen und deutschen Literatur, der allgemeinen Sprachwissenschaft, der Psychologie und der Pädagogik. Seine wissenschaftliche Begabung hatte er in mehreren Aufsätzen und Rezensionen bewiesen, die in der von Lazarus und Steinthal herausgegebenen Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft erschienen sind. Mehr aber noch als seine Kenntnisse und seine Forschergabe befähigte ihn sein ganzer Charakter zum Leiter einer großen Anstalt. Eine kraftvolle Persönlichkeit, ausgestattet mit einem unbeirrbaren Pflichtbewußtsein und nie schlummernden Verantwortungsgefühl, dabei an das Gute im Menschen glaubend und bei jedem die Eigenschaften, die ihn selbst auszeichneten, als etwas Selbstverständliches voraussetzend, so mußte er in allen, mit denen er zu tun hatte, die besten Kräfte wecken und bei allen freudige und willige Mitarbeit und Unterordnung finden. Ein jeber fühlte sich unter dem Einfluß dieses Mannes gehoben und versuchte unwillkürlich das Vertrauen zu rechtfertigen, das der verehrte Leiter in ihn setzte. Doch haftete seinem Pflichtbewußtsein nichts Herbes, nichts Strenges an." Im Gegenteil: Selbstgerechtigkeit und geistiger Hochmut waren ihm vollkommen fremd; ihn zeichneten vielmehr Ritterlichkeit und vornehme Menschlichkeit, Zartsinn und Freundlichkeit aus; er war einer von den ganz seltenen Menschen, in denen strenge Sachlichkeit und Güte zu einer wunderbaren .Harmonie vereinigt waren. Das Ziel seiner Erziehungs- und Unterrichtstätigkeit war, wie er in einer Rede bei der Einweihung des neuen Schulgebäudes (1906) hervorhob, seine Schüler zu befähigen, sich als Deutsche jüdischen Glaubens zu erweisen. Sie sollten die Kulturelemente, wie sie zumal unsere großen Dichter und Denker geschaffen, als Lebenselement in sich tragen und verständnisvolle und treue Glieder der jüdischen Glaubens gemein'schaft sein, die sich der Sendung des Judentums als eines Mittels der Weltkultur bewußt sind und die Lehren der Propheten, dieser Sachwalter der reinsten Sittlichkeit, betätigen. Im Unterricht hielt er auf strenge äußere und innere Zucht. Jeden Morgen stand er am Schuleingang, um sich zu überzeugen, ob jeder Schüler sauber und in ruhiges Haltung die Schule betrete. Und wie er sich bis zuletzt seine straffe Haltung bewahrte, sein Denken und Sprechen in Zucht nahm, so sah er auch bei seinen Schülern darauf, daß sie sich dieser Tugenden befleißigten. Das Wort Arbeitsunters richt kam erst gegen das Ende seiner Amtszeit auf, aber die Sache kam in seinem Unterricht durchaus zu ihrem Recht. Ich habe seinem Unterricht zweimal in längeren Perioden beigewohnt und darf sagen, daß ich niemals wieder einen Unterricht erlebt habe, der das eigene Denken der Schüler so in Anspruch nahm wie der seinige. An dem Ergehen seiner Schüler nahm er innigen Anteil. Er kannte ihrer aller Namen, ihr Alter, ihre häuslichen Verhältnisse, wußte von jedem, wie es um seine Kenntnisse und sein Betrag eil stand, und verstand einen jeden individuell zu behandeln. Seine Teilnahme gehörte ihnen aber noch, wenn sie die Schule verlassen hatten. Mit stolzer Freude hörte er, wenn einer es zu etwas Rechtem gebracht hatte, Mißerfolge oder gar unsittliches Verhalten ehemaliger Schüler erfüllten ihn mit aufrichtiger Trauer. Der Verein ehemaliger Schüler der Knabenschule zählte ihn zu seinen eifrigsten Förderern, dem Lehrerhort ehemaliger Zöglinge der Lehrer-Bildungsanstalt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, seine Mitglieder in Not zu unterstützen, hat er mehrfach sehr ansehnliche Summen gespendet. Er schied aus seinem Amte, als er fühlte, daß er es nicht mehr mit der bisherigen Kraft und Frische versehen könne. Wer ihn kannte, weiß, daß dieser Entschluß ihm sehr schwer gefallen ist; um so bezeichnender ist dieser Schritt für sein unbeirrbares Berantwortlichkeitsgefühl. Seine Tätigkeit im Dienste unserer Gemeinde aber hörte damit nicht auf. Bis zu seinem Tode war er ein um seiner Kenntnisse und seiner Erfahrungen willen geschätztes Mitglied der Bibliothekskommission und des Schul- und Talmud-Thora-Vorstandes, dessen Rat gern gehört und befolgt wurde. Zum Schlüsse ein Wort über seine Religiosität. Holzman war nach seiner ganzen religiösen Einstellung ein liberaler Mann. Tie Bibel enthielt für ihn wohl das Wort Gottes, doch waren ihm nicht alle ihre Worte heilig; er glaubte an die Zukunft und die providentielle Sendung.Israels, sah aber den schönsten Ausdruck des Gedankengehalts unserer Religion in den Propheten und vielen Psalmen; die überlieferten formen dagegen hielt er für wandlungsfähig und wandlungsbedürftig, wenn er sie auch für seine Person streng beobachtete. Er war im Jahre 1901 einer der eifrigsten Befürworter eines Sonntagsgottesdienstes, nicht weil er eines solchen für sich bedurfte, sondern weil er das Bedürfnis eines Sonnlagsgottesdienstes für diejenigen anerkannte, die am Sabbat die Synagoge nicht besuchen konnten. Die Beschäftigung mit der Bibel war ihm ein tiefgefühltes Bedürfnis. Die letzten 18 Jahre seines Lebens waren ihrem Studium gewidmet und in einer Reihe von Aufsätzen hat er die Ergebnisse seiner Arbeit niedergelegt. Er hat als 80 jähriger noch Arabisch gelernt, um seinen Studien eine möglichst breite wissenschaftliche Grundlage zu geben. Seinen Gedanken über Religion und ihre Betätigung hat er mit der ihm eigenen Tapferkeit Ausdruck gegeben. Er kannte kein Paktieren und keine Konzessionen, es hat deshalb auch an Konflikten mit den Gemeindebehörden nicht gefehlt. Bestraft wurde er damit, daß seine vom Gemeindevorstaild vorgeschlagene Wahl in den Schulvorstand von der damals in ihrer Majorität konservativen Repräsentantenversammlung nicht bestätigt wurde. Es trübte ihm die letzten Jahre seines Lebens, daß er beobachten mußte, wie der von ihm vertretene Liberalismus an Einfluß innerhalb unserer Gemeinde verlor. Einen Trost fand er in der Tatsache, daß die Liberalen alter Länder sich zur gemeinsamen kraftvollen Vertretung ihrer Ideen im Liberalen Weltkongreß vereinigten, und die Verehrung, die ihm im vorigen Sommer bei der Versammlung im .Herrenhause so spontan entgegengebracht wurde, mag ihn in der Hoffnung bestärkt haben: der Liberalismus wird auch nach uns leben. Möge es unserer Gemeinschaft niemals an Männern fehlen, die ihm gleichen. Tr. Joseph G u t m a n n. * Die Beisetzung Am vergangenen Sonntag Nachmittag wurde, was sterblich an Michael .Holzman war, auf dem Friedhof in Weißensee zur leyteu Ruhe gebettet. Eine unübersehbare Menge hatte sich eingesunden, um dem großen Lehrer die letzte Ehre zu erweisen. Zahlreiche Mit Wissenschaft und Kunst, .Hunderte von ehemaligen Schülern und gtiedcr des Gemeindevorstandes und der Repräsentanz, Vertreter von Lehrern bemerkte man. Oberkantor Tavidsohn leitete die Feier mit dem Liede „Herr was ist der Mensch" ein. Rabbiner 2r. Gallincr, ein ehemaliger Schüler Holzman», würdigte mit tiefbewegten Worten die großen Werte, die sich Holzman erworben. Er zeichnete ihn als Menschen, der treu zu seinem Gotte hielt mit der Inbrunst seiner Religiosität. Er pries seine Bescheidenheit und zitierte das biblische Wort, das Holzman selbst so oft gesprochen: Ich bin zu gering für all die Wohltaten, die ich aus Gottes Hand empfangen habe. Mil dem Gelübde, daß im Sinn und Geiste Holzinans all seine Jünger fortwirken wollen, schloß der Prediger seinen ergreifenden und tief zu Herzen gehenden Nachruf. Rechtsanwalt Kolleiischer dankte im Namen des Gemeindevorstandes dem Verstorbenen für seine Verdienste, die er sich um das jüdische Schulwesen erworben. Ihm ist die Errichtung des neuen Schulgebäudes zu danken, er hat es zutvege gebracht, daß der Anstalt die staatliche Anerkennung zuteil wurde. Nicht Klage soll erhoben werden, da das Naturgesetz seine Grenzen habe, sondern Dank gegen bas Schicksal für das Leben eines solchen bedeutenden Menschen. Seininar-Tirektor Tr. Gutmann gab in beredten Worte» der Trauer Ausdruck, die der Verlust dieses hochbedeulenden Menschen auslöste. Gutmann kannte ihn genau in allen Phasen seines Wirkens und darum erhielt man von ihm noch einmal ein ungcineiu fesselndes charakteristisches Bild. So groß war seine Pflichttreue in der Berufsarbeit, daß er befürchtete, durch irgend welche andere Pflichten, die außerhalb seines Berufes lagen, seine Kraft der Hauptarbeit nicht ganz widmen zu können. Als er aber in den Ruhestand trat, da begann er sich andern Pflichten mit dem ihm eigenen Eifer, mit der ganzen Hingabe seiner Persönlichkeit zu widmen bis zu seinem Ende. Gerecht war er und gütig, darum war die wissenschaftliche Aufgabe, die ihm zufict, über jüdische Gerechtigkeit zu schreiben, bei ihm wohl verwahrt. Seminarobcrlehrer Tr. Golde und Tr. Lesser sprachen im Namen ehemaliger Lehrer und Schüler, dankten ihm und nahmen bewegten Abschied. Ter Gesang des El mole rachamim in tiefer Ergriffenheit von Oberkantor Davidsohn vorgetragen, beschloß die Feier. Tann trug man unter dem Geleit von Tausenden die irdische Hülle zu Grabe und bettete ihn neben seiner treuen Lebensgefährtin. jüdisches auf Berliner Bühnen Ter in New Port lebende, ostjüdische Dichter Ojsip P e r e l s o h n, der es unter seinem Pseudonym Ossi p Dymow zu internationaler Berühmtheit brachte, ist schon ein Dichter, zum mindestens war er es. Max Reinhardt hat bereits vor 25 Jahren, in den Anfängen feiner Laufbahn, mit seinem leisen, melancholischen Kammerspiel „N j u" große Erfolge erzielt. Selten hat ein Dichter mit behutsameren, zarteren Händen Rätsel der Frauenpsychologie zu deuten versucht, als es hier Dymow tat. Man feierte damals mit der Ausführung „Njus" in Berlin und Paris die Entdeckung eines neuen, großen russischen Dichters, und wußte nicht, daß sich ein junger, kaum der Jeschiwa entwachsener Student hinter dem Pseudonym Dymow versteckte. Tie schwermütig-lyrischen Romane „Ter Knabe Maß" und „Haschen nach dem Wind" haben dann dem Ruse des Dichters neue Ruhmesblätter hinzugefügt. Seitdem Dymow aber sein Vaterland, seine heimische SÄoUe, die ihm wohl Kraft spendete, verlassen, verloren hat, ganz international ward, und in einem amerikanischen Skyscraper" haust, ist es mit seinem Dichtertum anscheinend bergab gegangen. Seine von Max Renrhardt in den letzten Jahren gezeigten Dramen „Die letzte Geliebte" und „Bronx-Erpreß", das die Stimmung des New Yorker Ghettos in einem Märchentraumbild einzufangen sucht, waren keine überragenden Kunstwerke. Jetzt wurde wiüwr ein Tymowsches Märchen, „Jusik" in den Kammerspielen ausgeführt. Man muß diesmal dem Autor den schlimmsten Bocwurf entgegenhälten, mit dem man ein Theaterstück treffen kann: es ist Mache, nicht Dichtung. Diese uralten, längst bekannten Märchenfiguren, der hypergütige Trottel, der aus Liebe sich selbst aufgibt, das herzlose Weib, die böse Mutter, das an seinen Goldhaaren herbeigezogene süße Lichtelstein, der biedere Wassermann und der zapplige Schornsteinfeger, sie alle sind ganz kalt, ganz unnaiv vom Schreibtisch aus konstruiert und zu einem „Märchen" zusammengefügt. Angeregt worden sein mag Dymow vielleicht von den tänzerisch aufgelockerten, geniale,'.' Regieleistungen eines Tairofs oder Granvwsky. Ein spukhafter, von einem dieser Zauberkünstler projizierter, rasch vorübcrhuschender Traum mag ihm wohl vorgeschwebt haben. Echt jüdisch ist an dem Ganzen die „Moral von der Geschicht", die erschütternde Klage über die immer mehr fortschreitende VerMaterialisierung unserer Zeit, die alle Menschenherzen verödende Geldgier. Diese Klage und Anklage haben alle geistigen Juden seit Urbeginn angestimmt, von den Propheten an über Heine, Marx und Lassalle bis zu Gustav Landauer und Rosa Luxemburg. „Jusik"?... Tu hörst draußen an einem Winterabend den Wind um das alte, verschneite Gemäuer klagen und wimmern. Tu glaubst, es sei wirklich der Wind.. Aber Großmutti, die mit dem Enkelkinde am rotglühenden Kamin sitzt, und Märchen erzählen will, weiß es besser. Was da draußen wemt und stöhnt, ist die Stimme des armen, an Liebe gestorbenen Judenjungens Jusik, des verkannten Künstlers, der sein Herz an eine gemütskalte Frau verlor; diese hat es mitleidslos zertreten. Wie das nun alles geschah, illustrieren die nun folgenden Traumbilder, die der tüchtige Regisseur Heinz Hilpert erst zu Ende gedichtet hat. aus denen beste Reinhardtdarsteller erst Lrotesk-musikalische Märchcnbilder schufen. Hält man sich also lediglich an den Autor, so bleibt nicht allzuviel Besonderes übrig. An dem Unerläßlichsten, der inneren Märchenlogik, der richtigen Märchenatmosphäre, fehlt es. Tie Hauptgestalt, der arme Jusik, der in fast masochistischer Aufwallung, in ganz sinnloser Weise, alles, was er besitzt, weggibt, ist kein Märchenprinz, sondern ein ausgemachter Narr; das herzlose Mädchen, das einem schuftigen Verführer nachläuft, noch dazu mit dem Gelbe des Verschmähten, ist jedoch fatale Wirklichkeit und blutrünstige Lebenswahrheit, sprengt aber wiederum damit den Rahmen des Märchens. Echt und ans Herz greifend ist die rührende Gestalt des klugen, resignierenden jüdischen Hausierers, der sein „erkenntnistheoretisches" Liedchen singt: „Das ganze Leben ist nicht so wichtig!" ... Tic Aufführung der Kammerspiele machte, wie erwähnt, aus den Anregungen Tymows einen Schmaus für Ohren und Augen. Eine im Dunkeln phosphoreszierende, gespensterhafte'Küche, in die das Schneelicht des glastenden Wintertages fällt, stimmungsvolle Musik, traumhaftes Gleiten und tanzendes Schweben der verschiedenen Maskengestalten. Phantastisch-großartig war Frieda Richard als beinahe selbst schon gackelndes, glucksendes Huhn gewordene Hühnerfrau. * Kein Märchen, sondern dereinst einmal gewesene, schwermütige Wirklichkeit sind Georg Hermanns berühmte Romane von „I e t 1 ch e n Gebert" und „Henriette Jacob y", mit denen er sich sein Stückchen Unsterblichkeit errungen hat. Ter Dichter hat nicht recht daran getan, diese epischen Meisterwerke für die Bühne zurechtzustutzen, immerhin werden aus diese Weise die alten, liebenswerten, poesieumwobenen Gestalten aus dem jüdischen vormärzlichen Biedermeier einem größeren Publikum nahe gebracht. Nachdem erst vor kurzem der erste Teil des Romans, zur Operette verwandelt, im Nollendorfplatz-Theater gezeigt wurde,

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