Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-04-26 · 17 (26.4.1929) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
17 (26.4.1929)
Date
1929-04-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2614000-2614017--3131-2620682
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

achten, ableitel. Es ist eine ganz richtige Beobachtung einer > Tatsache, die sich aus dem jüdischen Schicksal leicht erklärt, wenn Wagenseil meint: „Es haben die Juden auch eigne Teutsche Wörter, welche sonst — wenigst dieser Orthen — nit gebraucht werden, doch aber von dem Dialecto einiger Deutschen Völcker Herkommen." Was soll man aber dazu sagen, wenn ein moderner Wissenschaftler den burschikosen Ausdruck „berappen", der im Münzgebiet des Rappen entstanden und im Jüdisch-Deutschen keineswegs besonders verbreitet ist, in der Zeitschrift für Deutschkunde mit w'rappau j'rappe, (2. Buch Moses 21, 19) „und soll ihn heilen lassen" — also für ihn bezahlen — erklärt. Da wird man sich nicht wundern, wenn man in einer Zeitung, deren Feuilleton als das vornehmste gilt, „unter die Haube kommen" — die Ehehaube natürlich — aus „unter die Chuppe kommen" erklärt. Die Abenteuerlichkeit mancher Ableitungen erinnert an Philipp von Zesen. Ein älteres deutsches „gahan" ließ er vom hebr. nahag (führen) abstammen. Man muß das Wort nur umkehren. Von einem naiven Glauben an den Wert und die Bedeutung volksetymologischer Erklärungen hebräischer Worte, die man vielleicht nicht genau versteht, zeugen Anlehnungen, die sogar Anlaß gegeben haben zur Formung von Bräuchen Es ist eine alte Sitte, am Neujahrstage an ein fließendes Wasser zu gehen und dabei die Schlußsätze des Michabuches zu sprechen. Nach der Stelle: „Du wirst in die Tiefen des Meeres all ihre Sünden werfen" (taschlich usw.), wird der Brauch benannt. Taschlich — das heißt doch dialektisch auch Täschchen, und so kam man wohl dazu, bei dieser Gelegenheit, die Taschen der Kleidung zu leeren und die Reste, Krumen usw., als symbolisierte Sünden ins Meer schwimmen zu lassen. Ein weiteres Beispiel: In meiner Jugend war es Sitte, die man allerdings schon belächelte, aber schließlich doch noch übte, am Hauschaano rabbo wässerig zubereiteten Weißkohl zu essen. Warum? In den Gcketen dieses Tages kommt oft die Wendung kaul in'wasser (eine Stimme verkündet) vor. Wahrscheinlich hat ein frommer Amhaarez den Brauch aufgebracht, aber gläubige Naivität, die in jedem Worte der heiligen Sprache vieldeutige Geheimnisse vermutet, hat ihn dann doch nicht zurückgewiesen. Die mittelalterlichen und neuzeitlichen Wanderbewegungen der Juden übten ihren Einfluß auf die Umgangssprache, und die Neigung, einmal übernommenes Sprachgut zu konservieren und es in andern Sprachgebieten dem Neuen anzulehnen, förderten oft verwirrte sprachliche Bildungen, die dem Erklärer große Schwierigkeiten bereiten. Es fehlt uns vor allen Dingen das wissenschaftlich zureichende Erklärungsmaterial. Tüchtige Vorarbeiten sind auf rein grammatischem Gebiete vorhanden, aber verhältnismäßig vernachlässigt ist das L^ikalische. Es müßte zur Gewohnheit werden, jedem Neudruck einer alten jüdisch-deutschen Schrift ein Wörterverzeichnis anzufügen. Ferner wäre es erwünscht, daß wissenschaftlich interessierte Kenner des Jüdisch-Deutschen Sammlungen von Wörtern und Wendungen aus ihrer Lektüre mit genauer Angabe der Fundstellen anlegten. Damit würde man die Schaffung eines jüdisch-deutschen Wörterbuches ermöglichen, das seine Erklärungen auf historischer Grundlage geben könnte. Denn nur wenn es möglich ist, die Zeit der Einführung eines Wortes, seine allmähliche Formung und Umformung, Angleichung und Bedeutungswandlung zu überblicken, wird man imstande sein, Worterklärungen zu geben, denen die Willkür eigenmächtiger Geistreichigkeit und naiver Volksetymologie fehlt, die aber durch den Nachweis geschichtlichen Werdens der Wortform ihre Wahrheit und Sicherheit verbürgen. Umschau Die Geburtenhäufigkeit bei den Juden in Preußen. Die vom Statistischen Reichsamt herausgegebene Zeitschrift „Wirbschaft und Statistik veröffentlicht in neuerer Zeit Sonderhefte. Als solches erschien eine Schrift „Beiträge zum deutschen Bevölkerungsproblem", die den Geburtenrückgang im deutschen Reich behandelt und die allgemeine deutsche Sterbetafel für die Jahre 1924—26 enthält. Ueber die Geburtenhäufigkeit nach der Religionszugehörigkeit der Eltern der ehelich Geborenen in Preußen in den Jahren 1929—1926 enthält das Heft eine recht interessante Statistik, die nachstehend, soweit sie den jüdischen Teil der Bevölkerung betrifft, wiedergegeben sei. Im Kommentar zu dieser Übersicht wird angegeben: Provinzen Zahl der Eheschließungen Zahl der cbelich geborenen Kinder in Aus 100 Edeichneßungen entfielen ehelich geborene Kinder in Jüdische Jild.-chr. Jüdische!Jüd.-chr. JüdischelJüd -chr. Ehen Mischeh. Ehen Mischeh. Ehen Mischeh. Preußen söhne die Provinz Oberschlesien u. das Saargebiet) 21836 8265 36813 4803 169 58 Prov. Ostpreußen . . . 587 172 1397 118 238 69 Brandend. einschl.Berlin 95674 4723 14514 2273 152 48 Prov. Pommern . . . 365 153 659 120 181 78 Grenzm. Posen-Westpr. 203 24 311 19 150 79 Prov. Niederschlesien. . 1667 490 2583 327 155 67 » Sachsen. 409 179 865 160 219 89 » Schlesw.-Holstein 195 99 445 92 228 93 » Hannover.... 745 280 1487 194 200 69 * Westfalen.... 1389 339 2487 279 179 82 * Hessen-Nassau . . 3207 663 5565 449 169 68 Rheinprooinz. 3393 1141 6454 771 190 68 Fruchtbarkeit der jüdischen Ehen ist in den meisten s«uhischen Provinzen beträchtlich geringer als die der christ- Uchen Ehen, nur in Berlin-Brandenburg, in Sachsen und Schleswig-Holstein entfielen aus 100 rein jüdische Ehen mehr Geburten als auf die gleiche Anzahl evangelischer Ehen. Auch hier dürsten die Zahlen der Geborenen wahrscheinlich durch Zuwanderung jüdischer Ehepaare stark erhöht sein. Die Verhältniszahlen für die jüdisch-christlichen Mischehen smd angesichts der sehr häufigen Uebertrit e des jüdischen Ehegatten zum Glaubensbekenntnis des christlichen Ehegatten wenig zuverlässig/^ Weltkongreß jüdischer Frauen. Die Weltkonferenz jüdischer Frauen, die vom 4. bis 6. Juni in Hamburg tagt, wird oas folgende Programm zu bewältigen haben: I. 1) Jüdische Religwns- und Erziehungsfragen. (Jüdische Heirats- und Scheidungsgesetze, die Konflikte mit dem Zivilgericht.) 2) Erzrehungsfragen: a) Bevölkerungspolitische Aufgaben der jüdischen Frau (Erhaltung der Familie, Konflikte der Generationen), b) Settlementsarbeit (Jugendpflege und Jugendbewegung), c) Fragen der Anstaltserziehung (Elternlose und gefährdete Kinder), d) Berufsberatung und Berufsumschichtung. 3) Soziale und Gemeindefragen: a) Die Frau in Handel und Industrie (Gibt es besondere Schwierigkeiten für die jüdische Frau?), b) Notwendigkeit der Berufsberatung, Berufsausbildung, Arbeitsvermittlung. 4) Gleichberechtigung und Mitarbeit der jüdischen Frauen in der jüdischen Gemeinde. (Soziale Arbeit in den verschiedenen Ländern.) II. Internationale Angelegenheiten: 1) Die Bedeutung des Völkerbundes für die jüdische Frau, 2) Die Bedeutung der Kulturarbeit in Palästina für die jüdische Frau, 3) Notwendigkeit und Aufgaben eines internationalen jüdischen Frauenbundes. Jüdische Lehrer dürfen an christlichen Schulen nicht Konrektoren werden. Bei der Beratung des Kultus-Etats im Preußischen Landtag führte der demokratische Abgeordnete Otto aus: Für meinen erkrankten Freund Merten bitte ich das Ministerium um eine Auskunft. Das Ministerium hat unter dem 26. Juni 1924 eine Verfügung erlassen, wonach jüdische Lehrer an evangelischen und katholischen Schulen nicht Konrektoren werden dürfen. Bei dieser Regelung ist es bis heute geblieben, trotzdem die betroffenen jüdischen Lehrer, sowie die Berliner Lehrerschaft überhaupt, sich durch Eingaben dagegen ausgesprochen haben. Ich frage das Ministerium für Kunst, Wissenschaft und Volksbildung, ob es bei diesem höchst unbefriedigenden Zustande auch in Zukunft bleiben soll, oder ob das Ministerium eine befriedigendere Lösung herbeizuführen gedenkt. Darauf antwortete Staatssekretär Lammers vom Kultusministerium, daß die Angelegenheit zu dem Fragenkomplex gehöre, der mit Rücksicht auf die Klage, die die Deutschnationalen beim Staatsgerichtshof wegen der „Samrnel- Schule" anhängig gemacht haben, zurückgestellt sei, weil die Entscheidung hierüber im allgemeinen die Verwendung konfessioneller Lehrer regeln soll. Man werde also zu gegebener Zeit darauf zurückkommen und dann eine Entscheidung des Staatsgerichtshofes als Grundlage haben. (Jta.) Synagvgen-Weihe der Negerjuden ln New York. Bekannttich existiert in New Aork eine Kongregation von Negern jüdischen Glaubens, die sich „Bnei Brith Abraham" nennt. Tie Kongregation erwarb vor kurzem im Zentrum des Negerviertels von New Work zwei Häuser und baute sie in eine Synagoge und eine Schule um. Der Einweihung der Synagoge wohnte ein Neger-Herrscher aus Westafrira, Prinz Gora Amaa III., bei, der über Millionen Neger- I Untertanen herrscht. Vor der Feier wurden das Mincha- und das Maariw-Gebet gemeinsam verrichtet. Es fand dann eine Seelenandacht nach verstorbenen Negerjuden statt, wobei der Rabbiner der Negergemeinde, Rabbi Ford, der selber Neger ist, das Kaddisch-Gebet sprach. Fürst Gora Amaa hielt eine Ansprache in der er die kulturell hochstehenden Mitglieder der Gemeinde ausforderte in sein Reich nach Airrka zu kommen, wo sie als Lehrer des Volkes an der Erlösung Afrikas Mitarbeiten sollen. Rabbi Ford führt in seiner Rede aus, die schwarzen Juden seien für den Aufbau von Erez Israel und für die Befreiung Afrikas. Mit dem Gesang von ,Hatikwah" schloß diie Feier. Tie jüdische Negergemeinde setzt sich aus Negern zusammen, die oder deren Eltern erst in Amerika zum Judentum übergetreten sind. Wohl gibt es in Amerika Neger, die behaupten, einem uralten jüdischen Negerstamm anzugehören. Diese Behauptung hält aber der Prüfung nicht Stand. Gememdewahlen in Hannover Nach den stürmischen Vorgängen der letzten Wochen haben nunmehr am Sonntag, den 21. April, die Gemeindewahlen in Hannover stattgefunden. Bei einer Beteiligung von 214 Wahlberechtigten und einer ganz geringfügigen Anzahl zersplitterter Stimmen wurde die von Herrn Kommerzienrat Berliner vorgeschlagene Verständigungsliste gewählt. Das Kolleg wird sich also künftig zusammensetzen aus: Kommerzienrat Berliner (Einheitspartei), 1. Vorsteher; Alfred Fuerst (liberal), 2. Vorsteher; Dr. Max Schleisner und Jsaac Thalheimer (Einheitspartei), Rudolf Herzberg (liberal), Vorstandsmitglieder; Julius Wechsler, Paul Goldmann, Albert Wolfs, Dr. Richard Schwarz (Einheitspartei), Louis Sternheim, Richard Dammann, Dr. Gustav Gumpel, Dr. Paul Goldschmidt, Dr. Arthur Gumbert, Dr. Adolf Herzfcld, Emanuel Weinberg (liberal), Rechtsanwalt Georg Goldstein (jüdisch-demokratische Volkspartei), Repräsentanten. Das Kollegium hat 17 Sitze. Von diesen sind der liberalen Partei, die bisher nur mit 4 Herren vertreten war, jetzt kampflos 9 Plätze, also die unbedingte Majorität, überlassen worden. Nach vorliegenden Berichten waren es hauptsächlich zwei Einrichtungen, um die der Kampf ging: das Landrabbinat und das Aufnahmeprinzip. Von der Einheitspartei war in einer Repräsentantensitzung vom 4. März die sofortige Aufhebung des Aufnahmeprinzips beantragt worden. Hiergegen faßten die Liberalen am 7. März in einer Zusammenkunft eine Resolution, welche auf der Erkenntnis fußte, daß mit dem Fall des Anfnahmeprinzips vor Aufhebung der Einrichtung des Landrabbinats auf gesetzmäßigem Wege (wie letzteres dem Willen der überwiegenden Mehrheit der Repräsentanz der Synagogen-Gemeinde entspricht; Sitzung vom 3. Juli 1928) nach liberaler Auffassung jede Möglichkeit unterbunden ist, die dringend erforderliche Liberalisierung unserer Kultuseinrichtungen durchzuführen. Das würde Vernichtung aller liberalen Wünsche für alle Zeiten, das würde Massenslucht aus der Gemeinde aus religiösen Gründen bedeutet haben. Diese Resolution der Liberalen wurde in der Repräsentantensitzung vom 11. März bekanntgegeben, worauf, wie erinnerlich, die Amtsniederlegung seitens aller Mitglieder des Kollegs erfolgte, damit durch Neuwahlen die Gemeinde selbst in dieser lebenswichtigen Frage entscheide. Am 6. April hielt dann die Einheitspartei eine Versammlung ab, in der die gleichen Herren, die einen Monat vorher in der Repräsentanz die Abschaffung des Aufnahme- Prinzips gefordert hatten, folgende Resolution zur Annahme brachten: „Da das Aufnahmeverfahren nach den bisherigen Entscheidungen der Regierung formal zu Recht besteht und die Aushebung dieser Bestimmung das Weiterbestchen der Synagogen-Gemeinde Hannover als eine Einheitsgemeinde bedroht, beschließt der Gemeindeverein (Einheitspartei), die Frage des Anfnahmeverfahrens ruhen zu lassen und in dieser Hinsicht die Neuregelung der gesamten Rechtsverhältnisse der Juden in Preußen abzuwarten." Dieser Beschluß der Einheitspartei bedeutet nichts Geringeres als die Preisgabe der Parteiforderungen durch die Parteiführer selber beim ersten Auftreten in der Oeffentlichkeit. Die sonstigen Forderungen der Einheitspartei sind ja nichts weiter als eine Wiedergabe der liberalen Bestrebungen, nur in weniger klarer Form. Die sofortige Abschaffung des Anfnahmeprinzips war aber der Hauptgrund, weshalb die Einheitspartei gegen die Liberalen auf dem Plan erschienen war. Wenn man sich nun auch bei der Einheitspartei zu einem Ruhenlassen dieser Frage entschlossen hat, so muß gesagt werden, daß grundsätzlich nie Uneinigkeit bestanden hat, da ja auch die Liberalen in der Repräsentantensitzung vom 3. Juli 1928 die Uebergangs- und Ausführungsbestimmungen zu dem im Werden begriffenen neuen Judengesetz abgelehnt hatten, weil dieses eine Verewigung sowohl der Einrichtung des Landrabbinats als auch des Aufnahmeprinzips enthält. Aber auch für den gegenwättigen Zeitpunkt sind es jetzt, nachdem die Einheitspartei ihre Forderung der sofortigen Abschaffung des Aufnahmeprinzips durch ihre proklamatorische Erklärung wieder preisgegeben hat, nicht nur dre Liberalen, sondern (mit Ausschluß der Zionisten, deren Stärke hier überhaupt noch nicht zu ermitteln ist, weil sie bislang noch niemals auch nur einen Vettreter im Kolleg hatten) auch die konservativ eingestellten Elemente, die das Aufnahmoprinzip vorerst beibehalten wollen. * Zur Lage in der Gemeinde .Hannover geht uns noch der nachfolgende Bericht zu. Waffenstillstand in Hannover. Der mit Schärfe geführte Wahlkampf hätte höchstwahrscheinlich ein Ergebnis gezeitigt, mit dem weder irgendeiner Partei, noch dem Ganzen gedient gewesen wäre. Denn in Hannover herrscht noch ein Majoritätswahlrecht. Es bestand also die Gefahr, daß eine Partei ihre sämtlichen 16 Kandidaten durchbringt und alle anderen Parteien ausfallen. Daß -ein solches Kolleg nur beschränkt aktionsfähig gewesen wäre, tveil ihm jeder innere Widerstand und im politischen Sinne auch die Hemmungen gefehlt hätten, ist klar. Ein solches Kabinett hätte auch die Gegnerschaft einer starken, aber notwendigerweise unberücksichtigten Minorität gegen sich gehabt. Und die Gewählten wären Männer nur halben Vertrauens gewesen. In seiner Zusammensetzung hätte das Kolleg, falls eine Partei den Sieg davongetragen hätte, aus manchen in jahrelanger Tätigkeit bewährten Mitarbeiter verzichte» müssen. Ferner: Im Wahlkampf wurde eines unumstritten klar: Wichtigste Frage für die Gemeinde ist jetzt die Wahlrcform. Alles andere, soweit es sich nicht um lausende Geschäfte handelt, muß zurücktreten. Nach Verabschiedung des neuen Wahlgesetzes wird daS Kolleg erneut seine Acmter zur Verfügung stellen. All diese Erkenntnisse waren es, die Herrn Kommerzienrat Berliner, den 1. Vorsteher und Mann des allgemeinen Vertrauens, veranlaßtcn, seinen ganzen Einfluß geltend zu machen, damit in vorletzter Stunde noch eine Einigung zustande käme. Nach wochenlangen Bemühungen und nachdem die beiden Hanptparteien, chic Einheitspartei und die Liberalen, ein groß Teil ihrer Eigenwünsche zurückgestellt hatten, konnte Herr Kommerzienrat Berliner eine Verständigungsliste vorlegen, die von beiden Parteien genehmigt wurde. Unter den vorgeschlagenen 17 Mitgliedern des Kollegs befindet sich ein prominenter Zionist, der als Vertreter der jüdisch-demokratischen Volks- Partei anzusehen ist. Ein Aufatmen ging durch die Gemeinde, als man erfuhr, daß eine vorläufige Lösung gefunden worden ist. Die Heftigkeit des Wahlkampfes ließ sofort nach. In der Versammlung der Einheitspartei wurde nach einigen sachlichen Erklärungen und Richtigstellunge« nach kurzer Aussprache die Berständigungsliste widerspruchslos angenommen. Daß wir an dieser Stelle ausführlicher über die Versammlung der Religiös-liberalen Partei berichten, hat seine besonderen Gründe- -In der letzten Zeit sind gegen das Vorgehen der Liberalen in der jüdischen Presse heftige Vorwürfe erhoben worden. Wir haben in der vorigen Nummer ausführlich über die Rede des Ministerialrats Goslar berichtet. Heute soll dargetan werden, wie die Gegenpartei, die liberale, zu Wort kam. In einer von nahezu 400 Personen besuchten Versammlung führte Herr Rudolf Herzberg, nachdem er die Vorgänge im Gemeindeparlament nochmals eingehend beleuchtet hatte, u. a. aus: Wäre das Aufnahmeprinzip plötzlich gefallen, so hätte» unsere ausländischen Glaubensgenossen zusammen mit Zionisten und Konservativen leicht die Führung unserer Gemeinde in ganz kurzer Zeit übernehmen können. Damit wären die von den Liberalen erstrebten Reformen erschwert, ja vielleicht unmöglich geworden. Dies würde eine Massenflucht von uns sehr wichtig erscheinenden Mitglieder« aus der Gemeinde zur Veranlassung gehabt haben. Auch in finarvzreller Hinsicht wäre dadurch der Fortbestand unserer Gemeinde aufs Schwerste bedroht gewesen. Wir mußten den Gemeindevätern die drohende Gefahr vor Augen führen. Deshalb haben wir die bekannte Resolution der 40 Herren zur Verlesung gebracht. Daß zionistische und ostjüdische Kreise sie ablehnen, sie bekämpfen, ist verständlich. Die Form aber, in der das in der Presse geschehen ist, hat m. E. das Maß des Erlaubten weit überschritten. Es handelt sich bei den Unterzeichnern der Resolution nicht um Männer, die nichts weiter als ihre« Geldsack in die Wagschale zu werfen haben, sondern um solche, die neben der Erfüllung ihrer Steuerpflicht durch Jahrzehnte hindurch eine Fülle von jüdischen Institutionen durch Mitarbeit und materielle Hilfe unterstützt haben, ohne danach zu fragen, ob all dies in- oder ausländischen Juden zugute kam. All diese Opfer wurden gebracht^ trotzdem der Kultus in unserer Gemeinde nicht den Wünschen, die diese Männer für sich und ihre Kinder stellen müssen, entsprach. — Für die Zukunft unserer Gemeinde wird das im Werden begriffene Judengesetz von entscheidender Bedeutung sein. Es wird uns die Aufhebung der Gesetze von 1842/44 bringen. Wir Liberalen fürchten, daß wir auf lange Sicht auf eine Liberalisierung unserer Kultuscinrichtungen werden verzichten müssen, wenn nicht die Einrichtung des Landrabbinats fällt. Wir fürchten, sie fällt nicht, wenn der Gemeinde stark konservativ eingestellte Massen plötzlich zugeführt werden. Unsere Forderungen wollen keinesfalls Heranbildung eines sog. Reformjudentums. Wir suchen nach einer Lösung, die einen gemeinschaftlichen Gottesdienst mit den Konservativen zuläßt. Daß es den Unterzeichnern der Resolution nicht auf Steuerdrückebergerei ankam, beweist die Tatsache, daß sie die sofortige Neubildung einer Sondergemeinde vorsahen. Eine solche Neubildung aber erfordert erhöhte finanzielle Leistungen. — Wir habe« durch unser Vorgehen die Gemeinde vor schwersten Erschütterunge« bewahrt. Wir werden ihr weiter mit ganzer Kraft dienen. Wir hoffen^ daß das neue Kolleg in kollegialischem Zusammenarbeiten nur Gutes für unsere Gemeinde schaffen wird. Als einer der 40 Unterzeichner der Resolution wies Herr San.-Rat Dr. Catzenstein den Vorwurf der „Geldsackpolitik, Steuerdrückebergerei, Feigheit und des Terrors" zurück. All diese Herren hätten sich gesagt: „Wir bleiben solange, wie unsere Ehre und unsere Anschauunge» es gestatten, in der Gemeinde. Wir weichen, wenn man uns den Platz und die Luft zum Atmen nimmt. Eine zionistisch-ostjüdische Gemeindevertretung nach außen hin erscheint uns nicht wünschenswert. Müsse« wir der Uebermacht weichen, so werden wir in einer neuen Gemeinde die Tradition der alten fortsetzen. Unseren unglücklichen ostjüdischen Brüdern muß geholfen werden, aber nicht müssen wir das Gesicht dieser Unglücklichen annehmen. Aber niemals werden wir uns gegen die Ostjuden wehren, die sich uns anpassen wollen." In der anschließenden Aussprache kamen Vertreter der Einheitspartei und der Jüdisch-demokratischen Partei ausgiebig zu Wort, s» daß beide Parteien nochmals ihren Standpunkt und ihr Verhältnis zu den Geschehnissen und der durch die Berständigungsliste geschaffenen neuen Lage darlegen konnten. Trotzdem es nicht an heftigen Gefühls-- ausbrüchen fehlte, konnte die Versammlung doch in Ruhe und iu dein Bewußtsein geschlossen werden, daß von der altehrwürdigen Gemeind« Hannover vorerst schlimmste Gefahren abgewendet worden sind.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.