Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 17 (26.4.1929)
- Date
- 1929-04-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2613366-2614000-2614017--3130-2620681- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
noch der letzte Funke von Verantwortungsbewußtseiu die res! publica vor dem Verfall bewahren wird. Ter Ehrgeiz und! die Prestigepolitik passen nicht in das öffentliche Gemeinwesen, wie der Ausgang der militaristischen Epoche erneut | bewiesen hat. Das gilt vice versa von der Entwicklung des jüdischen Gemeinwesens, das nicht minder feinfühlig auf jede gewaltsame Einflußnahme reagiert. Wir kennen alle die gute jüdische Ucberlieferung, die das Verdienst der würdevollen und getrculichen Beschäftigung mit den Angelegenheiten der Gemeinde sanktioniert und damit diese Aufgabe aus dem Spiel und dem Wetteifer politischer Parteien heraushebt. Es ist nicht von Ueberfluß, das zu betonen. Die große Welt mit ihren Kämpfen spiegelt sich letztlich im jüdischen Gemeindelcben wider. Der bei uns üblich gewordene Austrag der inneren Gegensätze durch Abrede der Parteien beweist nur, daß wir uns in einer Zeit der Uebersteigerung des politischen Denkens bewegen. Die großen, verbindenden, grundsätzlichen Elemente des politischen' Handelns fallen auseinander. Vor lauter Wägen und Ausgleich der Meinungen gelangen wir in beständige, untätige Ratlosigkeit. Schon nahen diese Schatten dem jüdischen, gemeindlichen Wirken und türmen sichtbare Schranken. Wir sagen nicht, daß die Parteien mit ihrer: gegensätzlichen Grundsätzen aus unseren Bezirken verbannt sein sollen. In der Einheitsgemeinde, die nun einmal in unseren Breiten ein unumgänglicher Notbehelf bleiben muß. wird es immer konträre Stimmungen und Richtungen geben, was nicht ausschließt, das; die Menschen in verstehender Rücksicht auf einander abgestimmt sind. Man mißverstehe uns nicht: Wir wollen keineswegs einen Frieden ü tout prix. Die Unentwegten aber sind mit ihrem Ultimatum immer in Bereitschaft, nicht ahnend, welche Bindungen sie zerstören könnten. Zwischen diesen Möglichkeiten und Stimmungen das Steuer sicher hindurchzuführen, wird immer eine bemerkenswerte Aufgabe verantwortungsbewußter Führer bleiben. Zahlreiche Zeichen rufen in der Gegenwart unsere Kreise zur Selbstbesinnung, wenn nicht endlose Verwirrung bei uns einzichen soll. Die Dinge könnten sich reibungslos abwickeln überall dort, wo die religiösen B^irke durch Tradition, Verständnis und hohes Niveau des Gemeindeparlaments abgegrenzt sind, d. h. dort, wo Männer und Frauen wirklich durch Leben und Erleben mit der jüdischen Gemeinschaft innerlich verbunden sind und das Eigengesetz ihres Entwicklungsganges anerkennen. Dieser ideale Zustand ist aber keineswegs immer und überall gegeben, zumal dann nicht, wenn es an dem guten Willen zur Erkenntnis der natürlichen Kompetenzen fehlt. Unumwunden wird zugegeben, daß in allen Gruppen gegen diese Forderung gefehlt wird. Nun weiß sich der liberale Kreis völlig frei von allen anderen als religiösen Ambitionen. Es liegt in seinem Wesen, daß er änderen Meinungen achtungsvoll begegnet, soweit sie ihm tragbar erscheinen und er die religiös berechtigten Ansprüche erfüllen kann. Von verschwindenden Ausnahmen abgesehen wird er aus Billigkeitsgründen dem religiösen Leben der Rechtsgruppen bereitwillig weitgehende Zugeständnisse machen. Ohne mit den anderen Kreisen um die Tatsächlichkeit rechten zu wollen, wird man sagen müssen, daß der Liberalismus auf der anderen Seite das gleiche Verständnis nicht findet. Wir sind noch nicht dahin gelangt, daß die Autonomie des religiös-liberalen Leberrs kampflos sich durchsetzt. Wir erfahren es noch, daß um alte Selbstverständlichkeiten — Liturgie, deutsche Schriftverlesung — selbst in Großgemeinden gekämpft wird. Wir verzeichnen auf der anderen Seite die Erfahrung, daß die Liberalen die Objektivität gegen die eigene Geistesrichtung verengen und mehr oder weniger bewußt dem noch immer latenten Glauben huldigen, daß die Orthodoxie die Repräsentantin des wahren Judentums sei. Daran scheitert die notwendige Klärung unserer Beziehungen zu den anderen Gruppen zumal dann, wenn die gegebenen Verhältnisse noch nicht zur regelrechten Konsolidierung gereift sind. Mit einem Machtspruch kann man keine Gesinnungen organisieren. Mit einem parteipolitischen Rcchenexempel kann man dem Judentum nicht dienen, aber manchen zarten Ansatz vor der Zeit paralysieren. In gemischten Bezirken mit starker liberaler Minderheit oder umgekehrt mit starker orthodoxer Minderheit wird man immer die eine Wahrnehmung machen, daß die Orthodoxie rührig und geschäftig für ihre Angelegenheiten eintritt, aber gar nicht daran denkt, etwa vorhandene religiös-liberale Bedürfnisse in den Kreis ihrer Schöpfungen zu ziehen. Tie Einheitsgcmeinde wird zu einer frommen Fiktion, die rrur darin verlassen wird, wenn im Austausch der Handlungen ein gutes Aequivalent winkt. Man kann auch nicht sagen, daß auf dem Gebiete des Unterrichts von irgend einem Entgegenkommen die Rede ist. In konservativen Gemeinden ist für einen liberalen Lehrer, vielleicht sogar Mittelparteil er, kein Platz. Kein Jota kann diesem entschlossenen Parteidogma abgerungcn werden. Sollte aber einmal die Rechtsgruppe in der Minderheit fein, dann wird sie mit Sicherheit dararrf drängen, ihre Schüler aus dem Unterricht der Gemernde herauszunehmen und jeden nichtorthodoxen Lehrer ablehnen. Wir finden nicht, daß der Liberalismus mit gleicher Geschlofscnheit auf die Gegenseitigkeit bedacht ist. Er läßt es geschehen, daß aus übertriebener Objektivität in liberalen Kreisen orthodoxe Lehrer angestellt und beschäftigt werden, auch wenn die orthodoxen Kinder längst auf und davon gegangen sind. Bei aller Anerkennung der Verdienste der Lehrerschaft und bei Würdigung auch des Verständnisses, das die nichtlweralen Lehrer bei der Schwierigkeit ihrer Aufgabe bewiesen haben, wird damit ein Zustand geschaffen, der aus die Tauer unchaltbar ist. Wie kann ein Unterricht fruchtbar sein, wenn der Lehrer cs ablchnt, das Gotteshaus seiner Kberalen Schüler zu betreten, oder — was bei unserer grundsatz-freudigen Zeit denkbar wäre — ihnen auch nur zu empfehlen i h r Gotteshaus zu besuchen. Da das leider nicht mehr bloße graue Theorie ist, so ist es an der Zeit, daß diese Probleme von unseren liberalen Kreisen in Angriff genommen werden mit der gleichen Energie, wie wir es drüben gehandhabt sehen. Wir wollen uns nicht mit dem Gedanken trösten: „Ich bin kein aufgeschlagen Buch, Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch," sondern wir wollen nachdrücklich betonen, daß der religiöse Liberalismus frei von Halbheiten und Kompromissen bleiben muß, daß er nicht zum Spielball gemeindlicher Dekrete urrd parteipolitischer Dogmen erkoren werden darf. Wer dem gemeindlichen, dem religiösen Liberalismus dienen will, der muß diesem Kreis innerlich verbunden sein, in seinem lebendigen Lebensbezirke wirken und wandeln und sich frei rnachen von dem veralteten Machtworle: „Tivide et impera." lleber die Etymologie des Züdifch-Deulfchen Von Dr. M. Spanier, Berlin. Wer eine Vorliebe für abenteuerliche sprachliche Deutungen hat, kann auf dem Gebiete der Worterklärung des Jüdisch-Deutschen befriedigt werden. Auch angesehene und sonst ernst zu nehmende Zeitschriften überlassen anscheinend dieses Feld der ungezügelten Phantasie des Dilettantismus. Es mag hier auf einige Beispiele aus der letzten Zeit hing erwiesen werden. Das französische Schimpfwort boche wird mit tiefsinnigen volkspsychologischen Anmerkungen im „.hunstwart" von Bocher, dem gut hebräischen bochur, Jüngling, abgeleitet, und dieses Wort, das einen bei den Juden verachteten Stand — so meint der Erfinder — bedeuten soll, wird wiederum mit dem indischen Fakir, mit dem es weder in seiner Bedeutung noch seiner Form nach irgend etwas zu tun hat, zusammengebracht. Hätte der Autor dieser Erklärung gewußt, daß es ein elsässisches Wort Bocher gibt (Pauli, Schimpf und Ernst 769: „war eyn armer torechter Junger, die Bauern hiessen ihn den Bocher"), so hätte er ja den geographischen Uebergang zum Französischen gefunden. Daß im Elsässischen „bochen", pochen, prahlen bedeutet, hätte den unerschrockenen Wortdeuter sicherlich nicht geniert. Mit demselben Rechte, das er sich anmaßt, könnte man rocher de bronze mit hebräischem roscho und dieses vielleicht gar mit dem aus Schillers Taucher populär gewordenen stachlichten Rochen vergleichen. Es ist ja doch Unsinn ohne Methode. Eine besonders beliebte Zielscheibe etymologischer Anwürfe ist das Wörtchen nebbich. In jedem jungen Jahr findet mar: in den jüdischen Zeitungen Erklärungen, die den Glauben an die ewige Wiederkehr des Törichten überzeugend verstärken können. Humor erregend ist dabei nur die Erfinderfreude derjenigen, die des Glaubens sind, den vermeintlichen Schatz der richtigen Erklärung zum ersten Male ans Licht gefördert zu haben. Man leitet nebbich von dem hebräischen newuchim, Verirrte (2. Buch Mose 14, 3), oder gar von dem deutschen „nebig" ab, es sei, — welch geistreicher Einfall! — „gewissermaßen ein militärischer Terminus" aus der Zeit des Rittertums und der Landsknechte. Im Gegensatz zu den berittenen Soldaten nannte man damals das Fußvolk die Nebigen." Dabei ist das seltene Wort „nebig", das weder Grimm noch Sanders verzeichnen, ein nach „obig" in der heutigen Kanzlei- und Geschäftssprache gebildetes Wort, wie man in Heynes Deutschem Wörterbuch lesen kann. Am beliebtesten aber ist die Erklärung aus dem Deutschen oder gar Mittelhochdeutschen nie bi üch, das dem .Hebräischen lo alechem (Klaget. Jcr. 1, 12) entspricht. Ein namhafter Gelehrter auf volkskundlichem Gebiet hat erst kürzlich diese Erklärung, die auch Frischbier im Preußischen Wörterbuch (1883) verzeichnet, zu der seinigeu gemacht. Dabei ist längst bekannt ^z. B. von Zunz in den Gottesdienstl. Vorträgen, 1832. notiert), daß dieses Wort, das im Jiddischen erst verhältnismäßig spät auftritt — kaum vor dem 17. Jahrhundert — aus dem Slrvischen stammt. Matthias Mieses in seinem vortrefflichen Werk über die jiddische Sprache (Berlin 1924) glaubt an den Einfluß des böhmischen Ghettos. Um ganz sicher zu gehen, wandte ich mich an eine Autorität auf dem Gebiete des Slavischen. Univ.-Professor Dr. M. Vasmer, Berlin, antwortet: „Das jüdisch-deutsche nebbich wäre am besten aus ukrainisch nebih „armselig"*) zu erklären, das einem tschech. nebohi, poln. niebogi entspricht." Wenn man bedenkt, daß nach der: Kosakenaufständen Bogdan Chmelnizkis Tausende von jüdischen Familien sich in den Gemeinden der Türkei, Hollands, Italiens, Deutschlands, Oesterreichs und Mährens angesiedelt hatten, so kann man die Einbürgerung und Verbreitung des Wortes verstehen. Wahrscheinlich ist die wechselnde Aussprache uebbach und nebbich aus der verschiedenartigen Beeinflussung durch den entsprechenden slavischen Dialekt zu erklären. Ein Kritiker hat kürzlich in der „Weltbühne" (1927 Nr. 13) in der Uebertragung eines ostjüdischen Schwanks das Wort n ebb ach bezeichnenderweise mit nebbich „verdeutscht". Zusamm erfassend darf man sagen: Dieses Wörtchen „nebbich" hätte alle Ursache, gegenüber seinen: Schicksal der Erklärung aus dem Deutschen oder Hebräischen — sich auszusprechen. Das inhaltlich verwandte Wort Schlemihl hat ebenfalls sonderbare Deutungsversuche aufzuweisen. Seine deutsche Popularität hat es erst durch Chamissos Erzählung Peter Schlemihl erhalten. Bei den Ostjuden soll es nach Mieses' Behauptung nur in der Form Schlymasl Vorkommen, das eine Zusammensetzung von Schlimm urrd Masel (Sternbild, Geschickals Gegensatz zu Masel tow (gut Geschick, Glück) ist. Die Erklärung des Wortes Schlemihl in seiner Anwendung als Pechvogel, Unglücksrabe, aus der Uebersehung des Wortes „mein Herl ist Gott", „eigentlich einer, der immer sein Heil von Gott erwartet", ist sicher hinfällig. Auch die Deutungsversuche aus historischen Nachweisen, die darlegen sollen, daß einmal der Träger des Namens von besonderem Mißgeschick heimgesucht wurde, sind abzuweisen, wenn auch kein Geringerer als Heine in den Hebräischen Melodien so geistreich jenen simeonitischen Stammesfürsten aus dem 4. Buch Moses, Sch'lumiel berr Zurischaddoi, als den Ahnherrn des Geschlechts einer zahlreichen Nachkommenschaft nachzuweisen sucht. Daß ein verhältnismäßig so seltener Name gerade zur Bezeichnung eines Geschickes, das zu den verbreitetsten gehört, dienen sollte, ist an sich nicht einleuchtend. Es wird kaum einen Namen geben, unter dessen Trägern nicht eine vom Unglück verfolgte oder mit Ungeschick belastete Persönlichkeit bekannt geworden wäre. Dazu braucht man wirklich nicht jenen Stammesfürsten oder einen späteren Träger dieses Namens zu bemühen. Der populärste Name (vergl. im deutschen Sprachgebrauch den Namen Hans mit seinen verschiedenen Anfügungen) wäre dazu besser geeignet. Vielmehr liegt es näher, an volksetymologische Angleichungen, wie sie durch den Klang dieser Laute begründet werden, zu denken. Schlimma sel ist schon erwähnt. Im Hessischen soll Schlammiel „ein nachlässiger, schmutziger, aber auch verschmitzter Mensch sein". „Durch Anlehnung der ersten Silbe an Schlamm wäre dann", wie das Deutsche Wörterbuch schreibt, „eine Verschiebung der Bedeutung erfolgt." Uebrigens kommt das Wort auch im Deutschen als Name, verstümmelt aus Schlömilch (Schlegelmilch), vor. Auch der Hinweis, daß im Polnischen Szalawila Taugenichts, Windhund, Tolpatsch bedeutet, ist von Wert für die Worterklärung. Im wurzelhaften Bestandteil gehört dieses polnische Wort, wie mir Vasmer schreibt, zu russischem schalyj übergeschnappt. *) Das ist wirklich die Grundbedeutung dieses zumeist als Interjektion des Mitleids gebrauchten Wortes. Rebekka Mendelssohn schreibt (Oktober 1843) aus Italien ihrer Schwester in einem heiteren Briefe, daß das Italienische ihr manchmal so jüdisch klinge: „Poverino ist doch entschieden nebbich." Wenn hebräische Wörter eingedeutscht werden, so bkeibeir Form und Begriffsinhalt, wie meistens bei der Uebev-- nahme fremden Sprachgutes, nicht unverändert. Als ein trauriges Ueberbleibsel aus Ghettozeiten hat sich zur Bezeichnung nichtjüdischer Jugend das Wort „Schekez", Gewürm (Scheigez zumeist ausgesprochen), und „Schikze" erhalten. Ist es nicht verständlich, wenn in ohnmächtigem Zorn über das gewohnheitsmäßige Beschimpftwerden ein solch häßliches Wort als eine Art innerer Abwehr gebraucht wurde? Gegenüber jedem Straßenjungen, der von einem alten Juden, mit „Mach Mores, Jud!" den Gruß des Hutabziehens verlangen konnte? Heute hat sich von den beiden Wörtern das weibliche als lebenskräftiger erwiesen. Es ist in der Form Schicksel in den Jargpn hauptsächlich der Antisemiten übergegangerr. Diese Form sollte man nicht, wie es kürzlich in einer jüdischen Zeitung geschehen, tiefsinnig an Schicksal anlehnen, wenn natürlich auch nicht bestritten werden kann, daß ein Mädchen ein Schicksal zu beeinflussen vermag. Die deutsche Nachsilbe el ist vielmehr Verkleinerungsform, wie z. B. Mädel. Es liegt etwas Tragikomisches darin, wenn Tetzner in seinem bei Reclam erschienenen Deutschen Wörterbuch bei diesem Worte vermerkt: Bezeichnung für ein hübsches Judenmädchen. Stärker sind die Veränderungen, die das Wort „Geseiro" bei seiner Aufnahme in den deutschen Sprachschatz erfahren hat. Der fromme Jude schrie bei plötzlichem Leid oder drohender Gefahr: Geseiras chai w'kajom (Verhängnis vom Ewigen!), er schrie Geseires. Dieses Wort Geseire klang nun lautlich ähnlich wie deutsche Worte (ge wird als Vor-- silbe und das Wort selbst als sächlich gefühlt, vergl. Geleier, Geschrei, Gezeter) und wandelt danach auch seine Bedeutung. Weigand verzeichnet zu Geseier in seinem Wörterbuch dre Erklärung: „unnützes Gerede, scheltendes Geschrei, Wirrwarr von Stimmen". Das Gefühl, daß das Wort hebräischen Ursprungs ist, dürfte zumeist geblieben sein. Dafür mögen einige Aeußerungen, die ich mir gelegentlich aus Zeitungen notiert habe, angeführt werden. In der New-Porker Staatszeitung vom 15. Juli 98 wird von einem „Bündeljuden" erzählt, dem „5 Anzüge wegstibitzt" wurden. „Er wird freilich ein großes Gesarres angestimmt haben." Eugen Richtergebraucht in einer Polemik gegen das B. T. (s. Nr. 1, 1898) die Wendung „Was soll dieses ganze Geseire?" Avenanus rügt im Märzheft 1910 die Art des polemischen Tons, den Theodor Lessing gegen Samuel Lublinski arrschlägt: „Das einzige sozusagen ernsthafte Wort in dem ganzen — um Theodor Lessingisch zu sprechen — Geseires ist das: „espritjüdischer Typus." Im Schwäbischen Wörterbuch 1, 523 wird aus der schwäbischen Gaunersprache notiert: „einem aufs Geseir gehen, nach dem Leben stehen". Der Herausgeber meint: „Kann wohl nur zu ser, wund, gehören, jüd. chajim und zigeunerisch dsiw liegen lautlich ganz ab." Aber die deutsche Ableitung des Wortes ist sicher so falsch wie die von chajim und dsiw. Das Wort gehört vielmehr zu unserm Geseire, und zwar mehr in der ursprünglichen Bedeutung: einen so behandeln, daß er Geseire schreit. Wörter hingegen, die sich im Jüdisch-Deutschen einbürgerten und nicht mehr recht erklärbar sind, werden oft fälschlich als hebräisch gedeutet, besonders wenn sie Dinge bezeichnen,, die znm Genüsse bei religiösen Feiern dienen. Berches oder Barches, die Sabbatbrote, werden mit Birchot (so noch in Michael Friedländers Buch, Die jüdische Religion, S. 281) erklärt, „als Symbole von Gottes Segen, von der doppelten Gabe Manna, die der Allmächtige den Israeliten am Freitag des Sabbats wegen sandte". Nach der Form dieser Brote mit dem aufgelegten Geflecht, heißen sie nach einer alten deutschen Brotform Berchtes-, Berchesbrotc (Frau Berchtas, der Göttin, Brote), wie wohl Gxünbaum zuerst in der Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft erklärt hat. Es ist natürlich eine Stütze dieser Erklärung, wenn, wie behauptet wird, Berche auch sonst in einzelnen Gegenden in Verbindung mit gewisser:. Speisen vorkommt. Dem gegenüber verficht S. Krauß die Meinung, daß das Wort dieselbe Herkunft wie das Wort Bretzel habe, das vom althochdeutschen brezitella und brezita (bergita) stammt. Man verweist auf mittellat. bracellum, brachiolum, „Aermchen". (Gebäck hat je nach der Form den Namen). Die Form Barches legt mir den Gedanken nahe, ob das Wort nicht von der seit dem 16. Jahrhundert mundartlich sehr verbreiteten abgekürzten Bezeichnung Baches (s. Schwäbisches Wörterbuch 1, 556 f. bachen unter c2), Gebackenes, kommen könnte. Entscheidend wäre ein Nachweis darüber, wann und wo im Jüdisch-Deutschen dieses Wort zuerst gebraucht wurde. Es einfach an ein im Althochdeutschen ähnlich klingendes Wort anzulchnen, geht nicht an, wenn man nicht die Popularität der Bezeichnung aus späterer Zeit Nachweisen kann. Die Bezeichnung Tatscher für dasselbe Gebäck erklärt Friedländer aus Sprüche Sal. 10, 22: „Der Segen Gottes macht reich" (birkas... ßaaschir), also ein Satz, den mau gern für beide Namen in Anspruch nimmt. Das ist sicher falsch. Aber die richtige Erklärung steht auch nicht fest. Denn es ist zweifelhaft, ob das Wort „Deutscher", nämlich Kuchen, bedeutet, was allerdings nahe liegt, oder denselben Ursprung wie unser Wort Torte hat, aus franz. tarte, urspr. gedreht. In der Gegend um Frankfurt soll man von Juden--- tartscher als Bezeichnung für das Sabbatbrot reden. Wenn die kleine Gemeinde meiner hannoverschen Heimat sich nach einer Brißmilo oder Barmizwo festlich versammelte, wurde ein großes rundes Kuchenbrot, Kauletsch genannt, angeschnitten. Man erklärte uns das Wort als eine Vevstümmelung von kaudesch. In Wirklichkeit stammt es aus dem slavischen kolatsch, wie übrigens Zunz bereits anmerkt. Mit dem lat. collation, das oft zur Erklärung herangezogen wurde, hat es nichts zu tun. Es'bedeutet — ich verdanke auch diese Belehrung Prof. Vasmer — altbulg. kolatsch „rundes Brot", poln. kolacz runder Kuchen, russisch kolac weißes Weizenbrot. Es ist bestimmt alt und gehört zu kolo „Rad" als rundes Brot. Es besteht überhaupt die Neigung, Wörter, deren Klang ans Hebräische erinnert, als jüdisch zu erklären. Das auch in Polen sehr perbreitete Zimmes ist sicher deutsch. Es ist eine Znsammenschmelzung von ze imbiß, zum Imbiß. Das kann man mit Bestimmtheit behaupten, da die deutschere Wörterbücher die Entwicklung mit Beispielen belegen. Das Adverb „schiere" ist gutes Mittelhochdeutsch im Sinne vo» bald. In der alten Übersetzung der Pessachhaggada: „Barr den Tempel schier e", entspricht dieses Wort genau dem hebräischen bimhero. Aber schon vor Jahrhunderten wurde es fälschlich mit hebr. schiur oder schiro erklärt. Auch „mieß", das in verschiedenen deutschen Dialekten aus älterer Zeit nachzuweisen ist, wird deutschen Ursprungs sein, wenn es auch der alte Buxtorf schon vom hebr. miuß, von moaß, vev-