Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 17 (26.4.1929)
- Date
- 1929-04-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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sanderholz mit Perlmuttermosaik war überladen mit wundervollen Nippes und jenen Ueberflüssigkeiten, welche Voltaire einst als „choses les plus necessaires“ bezeich- »ete. Es wäre aus der Einrichtung des Raumes nicht recht ersichtlich gewesen, ob man sich im Boudoir einer koketten Frau oder im Zimmer eines Mannes befinde — vielleicht eines koketten Mannes —, wenn nicht Rauchrequisiten, die auf verschiedenen Tischen und Etageren von reicher Goldbronze umherstanden, darauf hingedeutet hätten, daß hier ein Mann zu Hause sei. Auch der Bücherschrank, der die ganze Länge der einen Seite einnahm, war nicht von jener Zierlichkeit, die auf die geistige Beschäftigung einer Frau hingewiesen hätte. Da standen in guten, starken Einbänden Geisteserzeugnisse aller Zeiten und Nationen. Von den Klassikern des Altertums bis zu den jüngsten Erscheinungen der modernen Literatur und Wissenschaft; Philosophie, Geschichte und Naturforschungen der letzten Dezennien, in der zugänglichen Darstellung, die man jetzt auch den unzugänglichsten Dingen gibt, waren besonders stark vertreten. Neben Schopenhauer und Hartmann sah man Darwin und Büchner, Baile und Macaulay, Renau, David Strauß, Ludwig Feuerbach, Rousseau und Voltaire — eine imposante Schar erlesener Geister, und niemand, am allerletzten der Besitzer dieser Bibliothek, hätte daran gedacht, daß sich dort in einer Ecke, abgerissen und vergilbt, verstaubt und vergessen, neben den Werken dieser hohen Weltweisen, ein - Pentateuch versteckte. Es mochte lange, lange Jahre her sein, seitdem dieses Buch berührt worden war oder gar, seit in seine zerlesenen Blätter sich ein menschliches Auge vertieft, ein menschlicher Geist dem geheimnisvollen Inhalt desselben nachgespürt hatte. Und daß es der lässig hingestreckte Mann dort überhaupt jemals getan, war durchaus nicht anzunehmen. Was hätten die schlanken, weißen, verwöhnten Hände, was hätte diese, selbst in ihrer Apathie und Schwermut noch immer elegante, vornehm moderne Erscheinung mit diesen alten Urkunden zu schaffen gehabt? Das Werk mochte wohl nur ein Zufall hierher verschlagen haben, ein ironischer Zufall, der in die Bibliothek eines blasierten Lebemannes die eigentümliche, unvergängliche Offenbarung edler, frommer, jüdischer Geister aus alten, grauen Tagen, neben die genialen Kundgebungen einer neuen Zeit der Aufklärung stellte! Trotzdem war cs dieser Mann, der einst über den geheimen Ueberlieferungen einer großen Kulturepoche des Judentums viele Stunden des Tages und der Nacht versonnen hatte; dieses Werk bedeutete einen Teil seiner Kindheit. Enrico Marconi, der verwöhnteste Geigenvirtuose des üppigen, eleganten Paris zur Zeit des Kaiserreichs, der Löwe der vornehmen Salons, der übermütige, launenhafte Liebling der Marquisen und Gräfinnen, das enfant gate et terrible der Pariser Gesellschaft, der ordengeschmückte, bevorzugte Künstler des Hofes, hatte einst, als er noch Hirsch Markus hieß, aus Pentateuch und Talmud seine ersten geistigen Anregungen empfangen. Im Ghetto von Venedig, als der Sohn eines armen Vorbeters geboren, wurde er nach der Sitte der Väter, kaum vier Jahre alt, schon im Hebräischen unterrichtet und mit gleichaltrigen Knaben, blaß und kränklich, wie er selbst es war, von jener physischen Verkommenheit, die ein trauriges Merkmal der den Judenvierteln entstammenden Kinder ist, in die Anfangsgründe eingeweiht, die hinüberleiten zum Verständnis der heiligen Lehren ihres Volkes. Zwischen dumpfen, lichtlosen, schmutzstarrenden Wänden saß Hirsch acht bis zehn Stunden täglich mit zahlreichen Leidensgefährten und versuchte in monotonem Singsang die Gesetze und Lehren der von den geheimnisvollen Schauern göttlicher Offenbarung umgebenen Bücher Mosis, die Weisungen und Anordnungen der Priester, Propheten und Kommentatoren Israels seinem schmerzenden Hirn einzuprägen. Es wurde ihm weniger schwer als seinen Altersgenossen, denn er war begabt und begriff leicht, aber eher als diese war er daher auch zur Auflehnung, zum Widerspruch, ja mehr als das, zum Zweifel geneigt. Während die anderen wie eine geduldige Hammelherde mechanisch und gedankenlos die Litaneien des Lehrers wiederkauten, in Tonfall und Gebärde ihm nachahmend, machte Hirsch erst kleinere, dann immer verwegenere Seitensprünge und mußte die schwere Hand des Lehrers oft auf Antlitz und Rücken fühlen, oder gar noch schlimmeren, entehrenden Züchtigungen ausgesetzt sein. Aber das beugte den Mut und den Trotz des Knaben nicht, er biß die Lippen zusammen, wenn die Schläge auf ihn niederhagelten. Kein Laut, kein Stöhnen entrang sich seiner gepreßten Brust, und eher heulte die ganze bleichsüchtige, eingeschüchterte Schar seiner Gefährten aus Mitleid mit dem Gezüchtigten auf, ehe ihm selbst ein Klageton, ein Schmerzensschrei entschlüpft wäre. Es waren Stunden wahren Jammers, wenn Hirsch Markus Strafe bekam, denn das einzig lebendige Gefühl, welches diesen gemarterten, verdumpften Kindesseelen innewohnte, war Liebe und Bewunderung für ihren heldenmütigen Mitschüler. Die Eltern des Knaben waren armselige, bedrückte Juden des Ghetto. An ihnen konnte Hirsch keine Stütze finden gegen die Pein, die er in seelischer und körperlicher Hinsicht erduldete. Anfänglich suchte er im Hause Klage zu führen. Aber als er merkte, daß er kein Verständnis fand, den Vater betrübte, der in seiner kümmerlichen Denkweise, in seiner demütigen Unterordnung die Regungen in der Seele seines Sohnes nicht begriff, als er die rotumränderten Augen seiner Mutter, die wortlos und eingeschüchtert, bleich und stumpf, wie es die Frauen des Ghetto waren, Tränen um seinetwegen vergießen sah, da schwieg er still. Er fühlte instinktiv, daß ihm von diesen unterdrückten, verhetzten, jammerbeladenen Menschen, die in steter Furcht, in stetem Schrecken ihr Leben fristeten, und nur in ihrem Gottglauben, in ihrer Lehre die Möglichkeit der Existenz fanden, keine Hilfe, kein Trost kommen könne. Die einzige Entschädigung in dieser Leidenszeit war es, wenn er, sobald die Stunden des Lernens vorüber, sich fortschleichen konnte aus den Mauern des Judenabteils und mit den Fischerjungen der Pescheria, mit denen er Freundschaft hielt, hinausrudern konnte auf den Canale grande, durch die stillen Lagunen oder gar bis an den Lido, wo das blaue Meer ihn in ungeahntes Entzücken versetzte und die Qualen, die er erduldete, vergessen ließ. Aber auch nach St. Marco kam er und in andere Kirchen, und in der wunderbaren Maria della salute war es, wo er das erstemal, hinter einer Säule versteckt, eine hohe Messe hörte. Als der erhabene Orgelton die weite Kirche durchbrauste und sich mit den Stimmen der Sänger vermischte, die Ave Maria andachtsvoll erschallen ließen, da zog es ihn unwillkürlich auf die Knie nieder, und er weinte bitterlich. Von dieser Stunde an regte sich’s mächtig in der Seele des Knaben, seine Phantasie wuchs, und er nahm fortan jede Gelegenheit wahr, dem Gottesdienste in den verschiedenen Kirchen beizuwohnen. Der märchenhafte Glanz, der sinnenbetörende Prunk, das opulente Zeremoniell, der Weihrauch und die Ritualien des Abendmahls, vor allem aber die hinreißenden, seelenbewegenden Harmonien, die rührenden schlichten a cappella-Gesänge, die großen Oratorien nahmen sein Herz völlig gefangen. Er verglich den prunklosen, eintönigen Gottesdienst in der Judengemeinde mit den imposanten Aeußerungen der Anbetung in den Kirchen. Früher hatte es ihn gerührt, sein Volk am Sabbat und an den hohen Feiertagen so inbrünstig und demütig seinem Gotte dienen zu sehen, und wenn die Stimme seines Vaters, des Vorbeters, klagend durch den kahlen Raum zog, wenn die uralten Melodien der Gebete in modulationslosen, einfachen Tönen erklangen, so fühlte er sich versöhnt mit all den Widersprüchen, den Fragen, die unklar und formlos, aber doch mit deutlicher Stimme in seiner Seele ertönten. Seit er aber das Zeremoniell in den Kirchen kannte, diesen fürstlichem Pomp, die kirchlichen Würdenträger in violetten, reich mit Gold geschmückten Meßgewändern, die weihevolle Handlung der Priester, die andachtsvolle Hingebung der Zelebrierenden, die feierlichen Töne des Chors und den Anibrarauch, der leicht wallend ein bläuliches Gewölk durch die Apsis zog, da ging es wie ein Flügelrauschen durch seine Seele, und Stürme tobten in seinem Herzen. So war es gekommen. Wenige Tage vor seiner Barmizwoh, zur Zeit, als er bereits längst ein Blatt Gemorah „lernen" konnte, als er mit einer gewissen Leichtigkeit ln die Mysterien des Talmud einzudringen wußte und das Maftir für den ersten Tag des Sukkothfestes völlig inne hatte, verschwand er aus der Judenstadt. Er hatte dazu den Kol Nidre-Abend gewählt. Er berechnete klug, daß man an diesem Abend und in der dazu gehörigen Nacht, die seine Eltern ohne Unterbrechung in der Synagoge zubrachten, in Buße und Gebet völlig versenkt, seine Abwesenheit nicht bemerken würde. Am darauffolgenden Jom Kippur, der die Andächtigen den ganzen Tag hindurch ebenfalls in völliger Weltabgeschiedenheit, in Fasten, Kasteiungen und inbrünstigem Flehen festhielt — während es Sitte war, daß die Knaben, die noch nicht in die Gemeinde aufgenommen waren; was erst am Tage der Barmizwoh geschah, in sonst ungewohnter Freiheit des Tages genossen —, und dann... man machte um das Verschwinden eines armen Judenkindes wenig Aufsehen in damaliger Zeit! (Fortsetzung folgt.) Werbt neue Mitglieder! Kalendarium f. die Zell v. 27.4. b. 4.5. 29 April 1929! Nissan 5689 Sonnabend 27 i 17 Sabbat Cholham Haftarah: Ezechiel Kap. 37, 1—14 Sabbat-Ausgang: 8.10 Uhr Sonntag 28 i 18 2. Tag Cholham Montag 29 1 19 3. Tag Cholham Dienstag Mai 1929 30! 20 4. Tag Cholham Mittwoch 1 21 7. Tag Pejsach Donnerstag 2 i 22 8. Tag Pessach Freitag 3 i 23 Sonnabend 4 24 Neumondioeihe Wochenabschnitt: Achare mauß Haftarah: Amos Kap. 9, 7—15 Sabbat-Ausgang: 8.24 Uhr Liberales Einheits- Gebetbuch fiebetbuch lur das ganze Jahr bearbeitet im Aufträge des liberalen Kultus-Ausschusses des Preußisch. Landesverbandes jüd. Gemeinden Zweiter Teil: Neuiahr u. versfihnungstag in 1 Band . in 2 Bänden Rm. 5. Rm. 8. In Kürze erscheint! Erster Teil: Werktag, sahbai und Festtage in 1 Band.Rm. 5.— Zu beziehen durch alle Buchhandlungen oder direkt von H. Lebrberger & Cs.. Bnebdruckerei nsil Verlagsanstalt. Frankfurt aJ., Schillerstr. 19 Julius Simon Kunstu. Bauglaserei Bilder-Einrahmungen Charlottenburg Eosander Strasse 8 Wilhelm 8157 Die Erste weitkonierenz Reden, Diskussion, Beschlüsse Gründungsversaminlung der World Union for Progressive Judaism London, 10.-12. Juli 1926 JBflische fiemeinfle Berlin Unsere verehrlichen Gemeindemitglieder weisen wir auf die Bekanntmachung betr. Erneuerung der Eintrittskarten tor die Gemelndesynagogen hin. — Diese Bekanntmachung ist im „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin“ abgedruckt und in den Gemeindesynagogen ausgehängt. Berlin, im April 1929 Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Preis im Buchhandel 1.80hl. Für Mitglieder der Vereinigung, die direkt bei uns bestellen 1 M. Vereinigung für das liberale Judentum Berlin SW 48 Wilhelmstr. 147 nee Hv “itw Nuß-, Mandel-, Makronen- und Ananas-Torten, Baum-Torten und Türkische Torten. — Napfkuchen, Baumkuchen, Makronen, Klümpchen, Ingver, Sarotti-Schokoladen. KONDITOREI J. DOBRIN BERLIN JerusaiemerStr.16 spandauer Brüche 7 Zentrum 79B6,2927 Norden 6390 Der Verkauf meiner österlichen Kuchen und Torten findet Spandauer Brücke 7 und Jerusalemer Str. 17 statt (Eing. v. Hof). — Versand nach außerhalb. — Alt der spandauer BMe 7 (Hot-Eingang) wahrend der Feiertage österlicher Hatteehetrteb Staatlich genehmigte wirtschaftliche auf dem Lande Wolf ratshausen im Isartal. 580 m Ü. M. 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Dezember 1928 Verlust Handlungs-Unkosten-Konto Steuern. Reingewinn. Gewinn Vortrag von 1927 .- Wechsel-, Zinsen-, Sorten und Zinsschein-Konto. Provisions-Konto.- - Erträgnisse aus dauernden Beteiligungen bei anderen Banken und Bankfirmen. Sonstige Einnahmen ...... RM 58 049188.41 7 534 636.45 13 413 572 — 78 997 396.86 RM 686078.— 36039 836.24 39 955167.26 1 997 729.25 318 586.11 78 997 396 86 Verlag: Vereinigung für das liberale Judentum e. V., Berlin SW. 48. — Verantwortlicher Redakteur: Dipl.-Jng. Bruno Woyda, Berlin SW. 29. — Druck: Hermann Wegner 8- Co., Berlin-Mariendorf. 562