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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-04-26 · 17 (26.4.1929) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
17 (26.4.1929)
Date
1929-04-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Arbeit und Tätigkeit, beides muß auseinandergehalten werden. Denn Tätigkeit ist diese seelenlose, diese entseelte. Arbeit. Keine innere Beziehung, keine innere Berufung hat hier mehr der Mensch zu ihr. Nur der Körper arbeitet Stunde um Stunde, Tag um Tag. Was gestern geschah, das wird bestimmt in derselben Form, in derselben Weise auch morgen geschehen. Alles wird hier zum Werke der Hände, das nach bestimmten Formen, nach bestimmten Öte* fcfeeti vor sich geht. Ein tägliches, ein-stündliches Einerlei, eine Technisierung, eine Mechanisierung des menschlichen Individuums! Es ist die große Tragik, zu welcher die Menschheit m unseren Tagen gelangt ist, daß nämlich Arbeit für sie ein Begriff geworden ist, mit dem sich soviel Schwere und Bürde und so wenig Licht und Freude verbindet, daß unter arbeitenden Menschen eine Masse, eine Klasse, eine Volksschicht für sich verstanden wird, die, ausgeschlossen von allem Leben der Gesellschaft, dazu verurteilt ist, in Not und Sorge ihr Dasein zu verbringen. Ein Kampf gegen die Arbeit ist es darum, der unserem Zeitalter zu eigen geworden ist. Alles Streben geht darauf hinaus, die Arbeit zu erleichtern, sie zu verkürzen und zu beschränken, weil man es nicht sehen will, wie Menschen um chretwillen seufzen und klagen, weil Arbeit als Sklaverei und jede Erleichterung als ein Weg zur Freiheit betrachtet wird. So sind denn alle diese Normen und Gesetze entstanden, deren Aufgabe es sein soll, den Menschen aus dieser Sklaverei zur Freiheit seines Lebens zu führen. Man hat das Gesetz aufgestellt, das die Arbeit regeln soll nach bestimmter Zeit und nach bestimmten Stunden. Man spricht von der Arbeitszeit, von der Anzahl der Stunden, auf welche der Mensch beschränkt sein soll, sie zu Stunden seiner Wirksamkeit zu machen. Alles das hat nur geschehen können, weil man hier zweierlei miteinander verwechselt, weil man hier Arbeit und Tätigkeit nicht auseinanderzuhalten weiß. Denn nicht die Arbeit, sondern die Tätigkeit ist zur Tragik des Menschewtums geworden. Es ist diese Arbeit ohne Seele. Es sind aus dieser Atmosphäre diese entseelten, mechanisierten Menschen , hervorgegangen, die überall, wo man sie hinstellt, tätig 'sein können, wenn nur ein Lohn und ein Gewinn ihrer harrt. Denn ihre Seele hat ja aufgehört zu sprechen, keine innere Berufung ist es mehr, die sie zu ihrem Werke treibt. Darum vermögen sie auch diese Tätigkeit einzuteilen nach Zeit und Stunden. So wie man ein Werk, eine Maschine bestimmen kann, daß sie zu einer Stunde beginnt und zu einer anderen wieder aufhört, so sind auch diese Menschen zu einem Werkzeug geworden, das jederzeit beginnen und wieder aufhören kann, dessen Tätigkeit nach Stuiwen und Minuten bemessen wird. Man ist imstande, anzufangen nicht eine Minute früher und aufzuhören nicht eine Minute später, als man es sich zum Gesetz, zur Norm seines Lebens gemacht hat. Und darum spricht auch aus diesen Menschen soviel Freudlosigkeit. Denn wahre Freude kann doch nur aus dem Herzen, aus der Seele kommen. Wie aber sollten entseelte Menschen sich wahrhaft freuen können? Wer wirklich einmal gearbeitet hat und nicht nur tätig gewesen ist, der weiß es, wie zur Arbeit der. ganze Mensch, der Mensch mit Leib und Seele gehört, der weiß es, wie man hier nicht nur ein Werk feiner Hände, sondern ein Werk seiner Seele schafft. Wer wirklich im Leben arbeitet, der kann sein Tageswerk, seine Lebensarbeit nicht nach Zeit und Stunden einteilen, der vermag nicht mit dem Schlage der Glücke zu beginnen und mit der gezählten Stunde zu enden, und dann zu warten, bis am kommenden Tage wiederum die Glocke zum Anfang ertönt. Eine innere Unzufriedenheit ist es vielmehr, die ihn quält, eine Ruhelosigkeit, die kaum den anbvechenden Tag erwarten kann, um das begonnene Werk erfolgreich und gedeihlich weiterzuführen. Das allein ist der Sinn der Arbeit. Nicht Bürde und Last ist sie dem Menschen. Sie ermattet und ermüdet nicht. Seelische Freude, innere Sehnsucht löst sie aus. Von der Knechtschaft Israels in Aegypten erzählt das Pessachfest. Harte Frohn, bitteres Leid mußte Israel in Aegypten erfahren. Moraur, das Bitterkraul der Sedernacht, ist noch heute ein Symbol dafür. „Denn die Aegypter verbitterten ihm das Leben ba aboda kascha „durch harte Arbeit." Mer heißt aboda wirklich Arbeit? Zwei Worte sind es, die in der Sprache der Bibel Arbeit bedeuten. Es sind die Worte melacha und aboda. Und dort, wo sie die Arbeit des Menschen bezeichnen, dort scheinen sie etwas ganz Verschiedenes zum Ausdruck bringen zu wollen, melacha Verftnumlmzgskaleuöer vre»!««. IN „Abraham Seiger". Voranzeige: Sonntag, den 5. Mai, Wanderung: Dyhernfurth (Besichtigung des jüdische« Friedhofes) »ach Obernigk. Treffpunkt 7.30 Uhr, Haupteingang des Kauptbahnhofer. Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendgemeinschaft. Samstag, den 27. April 1929, 17 Uhr, „Faust", Dr. Hvffmann, llntermainanlage 7. Samstag, den 4. Mai 1929, nachmittags 3.3V Uhr, gemeinsamer Spaziergang: Lohrberg—Bergen. Treffpunkt Endstation der Linie 3. Montag, den 6. Mai 1929, 2V.3V Uhr, Arbeitsgemeinschaft „Sozialismus — Kapitalismus", Georg Stierle, im Sitzungszimmer der Westendfynagoge. Unser nächster Heimabend findet Dienstag, den 7. Mai 1929, 20.45 Uhr, im Sitzungszimmer der Westendsynagoge statt. Thema: Deutsch-Jüdische Fragen. 3 •otfaMc«Rt «erKn-Rarve». Liberale Synagoge Borden, Schönhauser Allee 162. Jede» Freitagabend liberaler Gotlesdleust mit Chor und Predigt. Beginn 19.18 Ahr pünktlich. Freitag, den 26. April, vormittags 1V Uhr, Predigt: Rabbiner Dr. S a I o m o n f k i. Freitag, den 26. April, abends 7.15 Ahr, Predigt: Pros. Dr. Fried! and er. Sonnabend, den 27. April, vormittags 1v Uhr, Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Freitag, den 3. Mai, abends 7.15 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Weyl. Sonnabend, den 4. Mai, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Verttu-Weftwd. verein Liberale Synagoge Westeud, Leistikomstrahe 7-8 (Schul, Ml«), nahe Reichskanzlrrplatz. Jede» Freitagabend liberaler Sattesdienst mtt Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, de« 26. April, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Sonntag, den 28. April (chaul hamaued), Peffachgottesdienst mit Predigt und Thvravorlefung. Beginn 10.30 Uhr. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Liturgie in Anlehnung an das Gebetbuch der Gemeindefynagogen mit neuem Ritus. Freitag, den 3. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfki. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der EScilienfchule, Rikolsburger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 26. April, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Klein. Freitag, den 3. Mai, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Klein. ist die Arbeit, die ein Seelisches bedeutet. Denn es hängt zusammen mit dem Worte malach, der Engel. Der arbeitende Mensch ist wie ein Engel, wie ein Gesandter Gottes, der mit der Botschaft des Ewigen, mitd ieser inneren Berufung, mit seiner Seele herangcht an das Werk seines Lebens. Und aboda bedeutet die bloße Tätigkeit, diese seelenlose Arbeit. Denn es hängt zusammen mit dem Worte ebed der Knecht. Der tätige Mensch ist wie ein Knecht, wie ein Sklave. Ein Mizrajim, ein Aegypten, ist sein Leben. Freudlos und seelenlos geht es dahin. Ein altes Sprichwort sagt: „Bete und arbeite." Und das heißt: Arbeiten ist wie ein Beten. So wie das Gebet ist auch die Arbeit ein Gottesdienst. Wer diese stete Andacht seines Lebens gefunden hat, der hat den Auszug aus dem Aegypten seines Daseins vollzogen, er hat seine Seele gerettet. Und an ihm wird dann das Wort der Haggada zur Wahrheit k „Nicht nur die Väter hat der Heilige, gelobt sei er, erlöst, sondern auch uns hat der Ewige befreit." Ihm selbst hat Gott das Pessach seines Lebens gegeben. Annahme von Bestellungen flttf Me Jüdisch-liberale Zeitung M «Heu Postämtern Deutschlands SjOfeWERCkf \DohlSchmockcnd. i nahrhaft. Enrico Marconi Von Ulla Wolf f- Frankfurter. „Ich bin für niemanden zu sprechen, Jean, für niemanden/* „Aber wenn der Herr Filippo...?** „Nein.. .** „Nein, tausendmal nein... verstehst du nicht, was ich sage ...?** rief mit nervöser Ungeduld der Malta aus, der den Befehl erteilt hatte. Mit zögerndem Schritt verließ der Diener das Zimmer. Es war, als wollte er noch etwas sagen. Er räusperte sich, rückte die Tischdecke zurecht, schob einen Fauteuil von seinem Platze weg, obwohl dieser ganz gut dort gestanden hatte, und war so endlich bis an die Tür gekommen. Jetzt hatte er die Klinke in der Hand und drückte sie herab, es gab einen knirschenden Laut. „Jean, Herrn Filippo kannst du vorlassen.. .** Der Diener stand in der geöffneten Tür. „Und falls Madame kommt... laß sie herein...“ Lautlos hatte sich die Pforte hinter dem Davongehenden geschlossen. Diesmal gab's kein Geräusch mit dem zuschnappenden Türschloß, es war nicht mehr nötig. Eine Weile regte sich nichts in dem Raume, in dem dies kurze Gespräch stattgefunden hatte. Der Zurückgebliebene hatte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, sich tief in die breite Ottomane, welche die Mitte des Zimmers einnahm, zurückgelehnt und starrte gedankenlos vor sich hin. — Es mußte einst ein auffallend schönes Männerantlitz gewesen sein, das jetzt bleich, mit eingefallenen Zügen und leerem Blick auf dem Lager ruhte. Ein Zug tiefer Müdigkeit und Apathie verlieh dem Gesicht einen traurigen Ausdruck... Hoffnungslosigkeit und Ueberdruß hatten ihre scharfen Furchen in dieses Menschengesicht gegraben. Der in der Mitte der vierziger Jahre stehende Mann schien völlig seine eigene Existenz vergessen zu haben. Die Zigarre, die er geraucht hatte, war seiner Hand entsunken und verglimmte auf dem weichen Teppich. Er lag still und regungslos wie ein Toter, und wenn nicht hie und da ein leiser Seufzer die Lippen bewegt hätte, würde niemand Leben in diesem Körper vermutet haben. Die Eleganz, der Komfort des Zimmers bilden einen schroffen Gegensatz zu seinem Bewohner. Es war alles von heiterer Schönheit und üppiger Lebensfreude. Ein erlesener Geschmack, vornehme Daseinsbedingungen, übermütige Genußsucht und verweichlichte Gewohnheiten mochten diesen Raum ausgestattet haben. Das Zimmer bildete eine Art Halbkreis, durch einen Erker abgerundet, in dem zwischen einem herrlichen Blumenflor leise plätschernd eine Zimmerfontäne ihre Strahlen emportrieb. Ein weicher Smyrnateppich deckte den Boden, und Polstermöbel in verschiedenen phantastischen Formen standen zwanglos umher, alle weich und üppig, zu behaglichem Ausruhen und romantischen Träumereien einladend. Die kostbarsten Stoffe waren für dieses Mobiliar verwendet worden, und Decken in bizarren Mustern und grellen Farben lagen überall umher. Es war etwas von der Pracht des Orients in diesem Gemache. Echte, reiche Waffen, Fächer aus buntschillerndem Vogelgefieder schmückten die Wände, und der Schreibtisch von Poli- Werfels „Paulus unter den Juden" im Deutschen Theater zu Berlin Nun haben wir also endlich diese schon 1926 entstandene große „dramatische Legende", die die tragischste Stunde des Judentums gestalten möchte und schon in vielen deutschen Städten gespielt wurde, auch in Berlin auf unserer ersten Bühne zu sehen bekommen! In einer fleißigen und wertvollen Inszenierung von Karlheinz Martin, die mit feinem künstlerischen Instinkt dieses gedankenvolle Bühnenspiel aus Rembrandtschem Helldunkel herauswachsen läßt und so die ergreifende Untergangsstimmung jener Epoche sinnfällig betont. Daß Werfel ein großer Dichter ist, wissen wir alle. Nennt man die besten Namen der heute in Deutschland schaffenden geistigen Potenzen, so wird auch der feine genannt! Das Werk hat viele hohe dichterische Schönheiten. Manches ist dialektisch sehr fein; es enthält treffende Beobachtungen und geistvolle, im höheren Sinne des Wortes poetische Deutungen, welche die Verworrenheit jener rein legendarisch-überlreferten Zeitläufte zu interpretieren versuchen. Des Autors '0^!.hung, die gegensätzlichen Auswirkungen jüdischen und christlichen Glaubens in ihrem Ursprung dramatisch zu ererzwingt Achtung. Lange nicht so stakk wie etwa jj**, 2 doch noch lebendig und erschütternd wird tiefste Wesen des einstigen Judentums aufgewiesen, dessen religiöse Inbrunst vor Jahrtausenden wie eine lodernde Flamme emporflackerte. Gott und den Himmel auf die Erde ttrhen wollte und dessen Lichtfanale nefste Spuren in der Geistes geschuhte der Menschheit hinterlassen haben. Aber Werfel hat sich hier an eine Aufgabe gewagt, di« rern Dramatiker bezwingen kann, die mit den Mitteln der Buhne und der Rhetorik nicht zu lösen ist. Das Geschicht- ^b dreser Epoche, auf das es ankommt, ist ja nicht „Historie ir» Ü? ' Zedern es verlangt Sichtbarmachung einer ganz liegenden Geistesalteration, die eben auf der ® Religiöses als tiefste letzte und höchste Form des menschlichen geistigen Seins überhaupt kann nur der suggestiv transparent machen, der es an sich selbst erlebt und erfahren hat. Geschichtliche Tarstellungsversuche in vorliegender Form müssen unzulänglich wirken, müssen mit Naturnotwendigkeit in unlebendige, ungelebte, rein literarischäußerliche Religionsgespräche münden, die statt heißes Leben nur — Worte geben, statt pulsierendes Blut nur — Papier! Alle Achtung vor Werfels psychologischem Feingefühl, mit dem er die Menschen, die jene großen tragischen Zeiten handelnd oder leidend durchlitten, zu dramatisieren versucht! Es ist ihm nicht gelungen, bei fernen Personen das chnen adäquate Format zu erreichen, das die Größe jener ungeheuren Ereignisse bedingt. Nur rein-menschliche Aeußerlichkeiten werden wahrnehmbar, nicht die gewaltigen, gegensätzlichen Anschauungen, die jene Exponenten der Masse verkörperten. Aus wettumwälzenden Geisteskämpfen werden auf dem Theater bloß kleinliche Parteizänkereien, die uns Heutigen fernliegen. Ter sinnende Historiker beginnt leise zu lächeln: so verbohrt waren die Mischen Gelehrten und Rabbis jener Zeit sicherlich nicht, so jeder intellektuellen Betätigung bar nicht die ersten Christen! Die Apostel Jakobus und Petrus waren bestimmt größere Geister, als sie es bei Werfel sind. Man lese die Briefe Paulus im neuen Testament nach, man stelle sein gigantisches Wirken fest, er war gewiß mehr, denn ein verzückter Hysteriker, als welcher ihn Werfel uns zeigt. — Es ist allerdings modern, die rätselhaft-großen Gestalten der Vergangenheit zu vermenschlichen, sie zu operettisieren. Shaw hat es mit Cäsar und anderen so gemacht. Emil Ludwig und Werner Hegemann sind ähnliche Wege gegangen. Wären die Personen, die im ersten Jahrhundert nach Christi derartige welthistorische Bewegungen inervrertm, wirklich so klein gewesen, wie Werfel will, die geschichtlichen Vorgänge würden dadurch nur noch unverständlicher. Daß der Dichter übrigens sonst über achtunggebietendes Können verfügt, zeigt er in den Gestalten seines römischen Landpflegers Marullus und des Patriarchen Gamaliel. Diesem gilt Werfels ganze Liebe. Strahlen reicher poetischer Schönheit hat er über diese Figur ausgegossen. Ganz eigentümlich und ein Kopfschütteln hervorrufend ist des Dichters rem christologische Auffassung der Vorgänge. In einem klugen und feinen Nachwort sagt Werfel, daß. er willkürliche Historisierung als „geistige Unzucht" hasse. Die damaligen tatsächlichen Zustände werden sich nie ganz eindeutig feststellen lassen; aber daß es so, wie Werfel schildert, nicht gewesen ist, unterliegt heute gar keinem Zweifel mehr! Nach Werfel war das Judentum vor zirka 2000 Jahren etwas Absterbendes, Zuüberwindendes, Erneuerungsbedürftiges, auf dem die „Abendsonne der Weltgeschichte" liegt, dessen „Verheißungen "erst erfüllt werden sollen. Tie Pharisäer malen sich in seinem Kopf etwa so, wie in der Auffassung eines mit den Erkenntnissen der neuesten Forschung nicht vertrauten Turchschnittspfarrers. Eine ganze Reihe wissenschaftlicher Standardwerke vor allem nichtjüdischer Gelehrter der letzten Jahrzehnte, die Gegenteiliges nicht behaupten, sondern beweisen, scheinen Werfet unbekannt zu fein. Ob die in jener Zeit entstandenen christlichen Dogmen, wie z. B. die von der Erbsünde, der Gnade, der Erlösung usw. in der menschlichen Geistesgeschichte einen Fortschritt ober eine Rückbildung find, darüber mag er einiges Treffende bei Nietzsche Nachlesen! - Und über die dann folgende über die „P r a x t s" der Auffassung des Christentums reden die unzähligen Scheiterhaufen und die durch Jahrtausende anhaltenden Greuel „im Namen Christi" eine furchtbare Sprache, lleber diese „Morgensonne "der Weltgeschichte läßt sich diskutieren. i Ungeachtet aller Einwände aber hat Werfels Legend^ wie erwähnt, trotzdem viele dichterisch schöne Einzelzüge uneindrucksvolle Szenen, die erschüttern und Packen. Ein wirklicher Dichter ist er zweifellos! Und die Aufführung war zum Teil wundervoll. Kayßler lieh seinem Gamaliä alle Wärme und Menschlichkeit seiner großen Darstellungskoaftz Deutsch, war ein hertlich-ekstatischjer Paulus mit künstlerisch beherrschter Inbrunst, und Gerron ein prächtig-pfiffiger Diesseitsmensch von antikem Diplomaten. Auch die andern Schauspieles vor allem Kühne, ausgezeichnet! Es war doch ein sehr denkwürdiger und fesselnder Abend!... Tr. Ludwig Davidsohn, Berlin.

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