Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 17 (26.4.1929)
- Date
- 1929-04-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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ADMIRALS-BAD Um Bahnhoff Friedrichstr. Unter ffa<hHrxtllcher Leitung Beotlnet v. 11 Uhrmorg. bis 10 Uhr abds. Hartenuorkaut bis ouitrabds. Tel. markur 9876 Das renommierteste Dampf- Hallen-Bad Deutschlands Heilbad u. Kurabteilung mit sämtlichen medizinischen Bädern. Schaumbad, Paraffin-Packungen Aufspritzverfahr., Röntgen-Institut. Diathermie. Höhensonnen Neu in den Heiiplan des Kurbades aufgenommen i Subaquales Darmbad 1 Nach Muster des Darmbades im Kaiser-Bad in : Karlsbad. Hervorragend im In- und Ausland : bewährt bei Darm-, Nieren- und Qallenerkrankungen : Die besten Erfolge bei Frauenleiden j mit seiner geleisteten Arbeit, das ist die Ehre, die die „Vielen" haben. Das klingt vielleicht deshalb widerspruchsvoll, weil es scheinbar zum Mißvergnügen aufruft, zu einer Gesinnung des Strebertums. Aber natürlich ist das nicht gemeint. „Wer bin ich" — das ist nur die Unzufriedenheit mit der Gesinnung des Pharao, der beinahe unüberwindlich erscheint. Ist er doch die Verkörperung jener Feindschaft, die nichts Gutes auf Erden dulden mag, der Feindschaft gegenüber der Seelenfreiheit, Verkörperung der Abwehr von Menschentum, von Glauben an ideales Wollen, Verkörperung der äußeren Ersolganbetung. Er fühlt sich nur wohl in seinem kleinen Schicksal, ist peinlich bedacht auf äußere Ehre, die Ehre der Unbescheidenen. Und daher Moses Erschütterung, die Erschütterung seiner Bescheidenheit: er soll plötzlich den Kampf aufnehmen genen Unvollkommenheit und Unreinheit, den Kampf gegen die falsche Seele. Er wagte den Kampf — denn er hatte die Größe ferner Bescheidenheit und die Bescheidenheit seiner Größe. Ter Kampf war damals so ungeheuer, wie er es heute und immerdar ist, aber er bringt uns schließlich den Sieg und führt immer wieder zum Pessach hin -- den Sieg der Ehre, den Sieg der Bescheidenen, den Sieg der göttlichen Unzufriedenheit. „Tenn so ist unser beider Gottesgeheimnis, so schwer wie herrlich, Edlen nur gemessen, Bildner des Glückes zu sein, nicht seine Jäger, Werkzeug des Heils zu sein, nicht Gegenstand, Anheber einer Welt und nicht ihr Ende — so spricht Mose zu Mirjam in dem Trama eines jüdischen Dichters der Tage, deutet er selber das alte „Wer bin ich. " III. „Vor Kürze des Odems..." Als Mose den Juden die erste Botschaft der Freiheit brachte, hörten sie nicht auf ihn „vor Kürze des Odems und schwerer Arbeit..." Ter Vorgang, der sich damals abspielte,, wiederholt sich heute noch tausend mal, ein gut Stück der ganzen sozialen Bewegung kreist um jenen Satz. Tenn „Kürze des Odems und schwere Arbeit", sie sind wohl die schlimmsten Feinde derer, die auf Mose hören möchten. Ter tägliche Truck und Zwang, die bleierne Schwere auf allen Dingen, auf jedem Plan, aus jedem Genießen, auf jedem Wohnen, aus jedem Lager — sie ertöten so leicht den Sinn für das, was sich in Mose verkörperte: Sinn für das Menschsein, Sinn für das Dasein, Sinn für den Geist, Sinn für die Seele, Smn für den Sinn und Zweck der Arbeit, Sinn für die Zukunft. „Ein schlimmeres Uebel als der Tod der liebsten Menschen ist die Net. Sie reißt des Lebens Blüte ab, reißt, was uns Lieblichstes gegeben, an Herzen und Gemüte ab. Den Stolz des Weisesten selbst beugt sie, daß er der Dummheit dienstbar werde, der Sorgen bitterste erzeugt sie, denn man muß leben aus der Erde." Aber gerade auf bas Zukunftsgefühl im Menschen lommt doch so viel, kommt alles an. Wer noch nicht vollständig Materialist und noch nicht ganz Genußmensch geworden, er will nicht bloß Mensch der Gegenwart, er will auch ein Mensch der Zukunft sein. Er will nicht bloß seinen Tag ausfüllen, er will auch sehen, daß er in die Ferne wirkt. Und das ist es, was sich in Mose verkörpert: Zukunstsmenschen wollte er schaffen, und Zukunftsmenschen schuf er auch wirklich, denn im Messiasglauben erkennt man den Juden. Und ist das nicht der Sinn der sozialen Bewegung, die in der Neuzeit entstanden ist und nicht zuletzt durch jüdische Hirne? Die „Kürze des Odems" soll wieder oerschwinden, die Seelennot wieder ein Jude nehmen, die Freuds der Arbeit von neuem entstehen, der Gegenwartsmensch neue Auferstehung feiern, als Mensch der Zukunft wieder geboren werden. Und lag schon in diesem Gedanken unausgesprochene Religion, so wird jetzt dieses Streben bewußt und offen religiös verklärt und was heißt religiös, wenn nicht im Geiste der Zukunft schassen, der Ewigkeit. „Ich solge dir, meine sehnende Seele, wohin du gehen willst, das Göttliche suchen... Zur Quelle der Reinheit, der göttlichen Tugend, die noch in leuchtende:: Weiten wandert," singt Heinrich Lersch. Ein Nachhall etwa des Wortes Carlyles: „Lasset die Menschen wissen, baß sie Menschen sind, von Gott geschaffen, Gott verantwortlich und die im geringsten Augenblick der Zeit wirken, was in alle Ewigkeit dauert." — Am Sederabend des Pessach wird uns der Gedanke des Zukunstsmenschen in dem ergreifend schönen Symbol nahegebracht: den gefüllten Becher des Elia auf den Tisch zu stellen, ihn nur anzuschauen und einmal — wie man sagt — für diesen Elia die Türe zu öffnen. Ergrerfenb schön, denn so mutz es sein, immer sollen wir in die Ferne schauen, immer wieder ihr die Türe der Seele öffnen, immer wieder muß Gottes Zukunft kommen können und muß uns festlich bereit vorsinden. Fast wie für uns und Kr dm Seder erzählt der fromme Rilke durch dm Mund einer Frau in seinm „Geschichten vom lieben Gott": „Ich erinnere mich ay so weniges aus meiner Kindheit, als wärm tausend Lebm dazwischen. Aber jetzt, wie Sie mich so daran mahnen, fällt mir etwas ein. Ein Abend... Mein Vater erwartete einen Gast, einen Verwandten... Bei uns wartete man schon seit zwei Stunden auf ihn. Die Türen warm offen, die Lampen brannten... Wir Kinder horchten an der Tür Und je später es wurde, einen desto wunderbareren Gast erwarteten wir. Ja, wir zitterten sogar, er könnte kommen, ehe er jenen letzten Grad von Herrlichkeit erreicht haben würde, dem er mit jeder Minute seines Ausbleibens näher kam. Wir fürchteten nicht, er könnte überhaupt nicht erscheinen, wir wußten bestimmt, er kommt, aber wir wollten ihm Zeit lassen, groß und mächttg zu werden.. Kürze des Odems, schwere Arbeit - - Gegenwartsmenschen, Zukunstsmenschen, wer sich dieses Gedankens nicht am Pessach erinnert, „hat seine Pflicht nicht erKllt," seine Pflicht als Jude, seine Pflicht als Mensch oder zusammengefaßt als jüdischer Mensch. Tenn ist es nicht schon uralter Brauch, nicht bloß das Pessach der Vergangenheit zu feiern, sondern auch vom „Pessach der Zukunft" zu reden, der Zeit, in der man — wie wir es verstehen — auf Mose hören wird, weil jeder auf ihn hören kann, der Zeit, von der der jüdische Dichter der Tage singt: „Einst sind alle Proletarier. Wem dienen sie? Der Gottheit. Einst ist niemand Proletarier. Einst ist jeder: Mensch. „Mmsch" - Wie hat man dieses Wort vergessen. Mensch du letzter Laut. Nationen schwinden vor dir. Mensch, ha, wie füll ich mich Mit großer Frmde!" IV. Totenfeier. „W ohltun errettet vom Tod e." Ernst wird es sein... Und Kämpfen, Ringe::, Haß und Streiten Und LiebeÄb rennen, Elendsschreie Deckt Gottes Erde linde zu. Einst wird es sein ... Einst wird es sein... Und Judenleid und Judenjauchzen Wird sterbend seine Enkel segnen Und zu den Väter:: fromm vergehn. Einst wird es sein... Einst wird es sein... Drum wenn du deines Herzens Brände Am Kummer deiner Brüder nährst Und deine Seele ihnen schenkst, Tann perlt Tank auf deinen Hügel Und Seaensgrüßen folgt dir nach. Einst wird es sein... Aus dem Hohen Lied. „Ich schlafe, doch mein Herz bleibt wach" — Aus Gräbern klingt es still herauf. Ter Toten, Liebe folgt dir nach. So hemme deiner Träum Lauf. „Stark wie der Tod ist Menschenliebe" - So trage deine Toten fort Aus Flügeln deiner Lieb und Treue Zu deines Herzens heiligem Ort. „Ach könnt ich deine Stimme böreu. Ach einmal noch dein Antlitz sehn" - Getrost, sie werden wieberkehren, In deinem Herzen auferstehn. Der Sinn der Arbeit Eine Pessachöetrachtung. Von Rabbiner Tr. Grün-Dauzig. Eines der wichtigsten Symbole des Pessachfestes ist das Moraur, das Bitterkraut. Wer von ihm nicht auch am Pessach gesprochen hat, hat nach dem Ausspruche der Haggada seine Festespflicht nicht ganz erfüllt. Moraur, das Bitterkraut, ein Zeichen des Leides, ein Andenken an leidvolle Vergangenheit will es sein. „Weil die Aegypter das Leben unserer Väter in Aegypten verbitterten." Denn in der Thora ist es gesagt: „Sie verbitterten ihr Leben durch harte Arbeit." Aber hier wird es doch zur ernsten und mtscheidmden Frage: Kann denn überhaupt ein Leben durch Arbeit verbittert werden? Sprechen wir nicht gerade umgekehrt bei der Arbeit von der Freude des Lebens? Beginnt nicht gerade alles Menschenleid erst dann, wenn es dem Menschen nicht mebr gegeben ist, zu arbeiten und zu schaffen, zu wirkm und zu streben? Klingt es darum nicht eigenartig, wmn es von Israel gesagt ist, man verbitterte ihm das Leben durch harte Arbeit? Und doch kann ein Leben durch Arbeit verbittert werden. Ja, die Arbeit kann zum bitterm Leide des Mmschen werden, nicht dadurch, daß Kraft und Mühe von einem gefordert werden, sondern dadurch, daß diese Arbeit, diese Kraft und diese Mühe nicht geschätzt, nicht gewertet und gewürdigt werden. Damit sind nicht das Lob und der Lohn gemeint, die dem arbeitenden Menschen erwiesen und zuteil werden. Sonden: Arbeit wird unterschätzt, wird entwürdigt und entwertet, dort, wo Menschen in ihrem Schaffen und ihrer Wirksamkeit nicht begriffen und verstanden werden, wo man es wagt, ihnm um dieser Arbeit willm Mißtrauen und Zweifel entgegenzubringen. Es gibt solche Menschen, die immer Mißtrauen hegm, immer zu zweifeln beginnen, immer ungläubig lächelnd sich denen zeigen, die von der Größe und Fülle dessen reden, was sie im Leben zu schaffen und zu wirken haben. Denn jeder wahrhaft uyd ehrlich arbeitende Mensch trägt in sich das Verlangen, mit dem anderen sich auszusprechen über die Wege seiner Wirksamkeit, dem anderen mitzuteilen, was ihm das Werk seines Lebens bedeutet. Denn es ist ja sein Beruf. Das will doch sagen, daß er sich zu seinem Wirken und Schaffen berufen fühlt, daß eine innere Berufung ihn zu dieser seiner Lebensarbeit geführt hat. Der Mensch, der von seiner Arbeit erzählt, erzählt von dem, was sein Innerstes bewegt, ein Stück seiner Seele offenbart sich in seinen Worten. Jede wahrhafte und ehrliche Arbeit bedeutet darum ein Seelisches, ein Göttliches. Und wie profan und nüchtern müssen doch Menschen sein, die es wagen, lachend und scherzend darüber hinwegzugehen! Aber es gibt ihrer wahrlich genug. Das hat seinen Grund zumeist darin, daß heute der Arbeit so oft der Sinn des Seelischen verloren gegangen ist, daß sie heute so oft verwechselt wird und nichts anderes bedeutet als bloße Tätigkeit. Pädagogische Weisheit der Haggadah Von Rabbiner Dr. Heilbronn, Nürnberg. Die Haggadah ist ein Buch der Belehrung. Sie will uns vom Auszug aus Aegypten erzählen, aber darüber hinaus gibt sie dem Bibelwort: W'higadto l'bincho Du sollst es Deinen Kindern künden eine weite Auslegung und sieht in diesen Worten die Pflicht eines jeden Vaters ausgesprochen, seine Kinder über die überlieferte, in Synagoge, Haus und Leben zu übende Religion zu belehren. Nun hat in alter Zeit aller Religionsunterricht, wenn wir einmal auf jene längst vergangenen Jahrhunderte dieses moderne Wort anwenden wollen, lediglich und zumeist in einer praktischen Anleitung bestanden. Einen systematischen Religionsunterricht konnte es gar nicht geben, weil eine volkstümliche, systematische Darstellung der Lehren des Judentums nicht existierte. Wohl hatten die Religionsphilosophen in ihren Schriften versucht, die Religion des Judentums als ein wohldurchdachtes LchrgÄäude darzustellen, sie waren es, die zuerst in mühevoller Gedankenarbeit ein System des Judentums zu konstruieren suchten. Auf dem Fundament philosophischer Erörterungen bauten sich ihre Gedanken auf. Die religiösen Begriffe wurden in einer sachlichen, wissenschaftlichen Untersuchung scharf umgrenzt, und alsdann wurde der Versuch gemacht, für die Gesamtheit der Lehren und Bräuche des Judentums einen einheitlichen Gesichtspunkt zu.finden, und von diesem Blickpunkte aus wurde nun ein System der Religion des Judentums konstruiert. Die Schriften der Religionsphilosophen und chre Systeme sind beim Volke nicht allzusehr bekannt geworden. Zum Teil war dies in einer gewissen Gegnerschaft der breiten Massen gegen alle Philosophie begründet. Vielfach kam noch Intoleranz hinzu, die besonders von den Kreisen genährt und gefördert wurde, die in jeder von der althergebrachten Weise abweichenden Darstellung der Religion eine Gefahr erblickten, um so mehr als die wissenschaftliche Auffassung, wie sie in den religionsphilosophischen Schriften sich kundgab, mit dem Gedanken der Offenbarung nicht immer in Einklang zu bringen war. Für den praktischen Unterricht, den die Jugend genießen sollte, waren jene systematischen Darstellungen des Judentums von noch geringerer Bedeutung, weil aller Unterricht in einem allmählichen Ausbau und Ausbau des Lehrstoffes besteht, und ein System eigentlich sich erst dann gewinnen läßt, wenn der gesamte Wissensstoff lebendiges, unverlierbares Besitztum des Schülers geworden ist. Jeder Unterricht aber muß — das ist eine alte pädagogische Weisheit — die Gefahr der Langewelle vermeiden, die sich allzuleicht eiustellt, wenn nicht die Persönlichkeit des Lehrers und dessen Geschick den Unterricht lä»endig zu gestalten weiß. Der Lehrer sucht alle möglichen nur denkbaren Mittel zu finden, um seinen Unterricht nicht nur interessant zu gestalten, sondern auch durch die Hilfsmittel, die er anwendet, dem Gedächtnis des Schülers Stützen zu geben, durch die der Wissensstoff fester und sicherer im Gedächtnis der Schüler verankert wird. Einen solchen Versuch können wir z. B. im Lutherschen Katechismus erblicken. Hier wird der Inhalt der evangelischen Religion — man möchte beinahe sagen — in einem Frage- und Autwortspiel dargestellt. Das neue und eigenartige dieses pädagogischen Versuches hat sicherlich damals, als der Luthersche Katechismus zum ersten Male erschien, großes Aufscher: erregt, und bis heute noch halten manche Pädagogen diese Methode für äußerst erfolgreich. Als im Anfang und in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die ersten von neuzeitlichen Rabbinern geschriebenen Darstellungen der jüdischen Religion erscheinen, hat man vielfach dieser Methode und Form sich bedient. Man glaubte so am besten und sichersten das Interesse der Jugend zu wecken, die auch damals schon den Unterricht des Vaters und die prakttsche Betätigung der religiöse:: Lehren und Bräuche im Hause zu entbehren anfing, und wollte sie auf diese, wie man glaubte, leicht faßliche Weise in die Religion der Väter einführen. Ein ganz anderes pädagogisches Experiment, das gewiß viel älter als der Luthersche Katechismus ist, bietet uns die Haggadah in ihrem Zahlenliede am Ende des Büchleins. Es ist ja wohl allgemein bekannt, daß dieses Lied seine Parallelen hat in ähnlichen Liedern, in denen Gedanken und Bräuche der christlichen Religion durch Ausdeutung der verschiedenen Ziffern der Zahlenreihe dargestellt wettren. Das Zahlenlied der Haggadah sucht in Anlehnung an die Zahlen 1—13 möglichst viel vom Lehrgut der israelitischen Religion zu vermitteln. Alle Gebiete des religiösen Unterrichtes sind hier vertreten. Die Lehre von Gott ist Anfang und Ende jedes Religionsunterrichtes. Erinnert die Zahl eins an den Einen Gott Israels, so werden durch die Zahl 13 unsere Gedanken auf dessen Eigenschaften hingelenkt, wie sie in dem bekannten, im Kultus so oft verwandten Bibelwort dargestellt werden. Um dieses Zahlenlied mit der Lehre von Gott zu beschließen, wie man es mit dem Glauben an den Einen begonnen hatte, konnte man es über die Zahl 13 nicht ausdehnen. Daneben findet der Gedanke der Offenbarung in der Ausdeutung der Zahlen zwei und zehn seine Stelle. Die geschichtlichen Erinnerungen, die ja einen wesentlichen Bestandteil unseres Unterrichtes ausmachen, kommen zu ihrem Recht durch die Ausdeutung der Zahlen 3 (Stammväter), 4 (Stammütter), 11 (Zahl der Brüder Josefs), 12 (Zahl der Stämme). Auf die religiösen Bräuche weisen die Zahlen 7 (Sabbat) und 8 (Beschneidung) hin. Von unseren heiligen Büchern sprechen die Zahlen 5 (Bücher Mose) und 6 (Zahl der Ordnungen der Mischnah, wobei nicht übersehen werden darf, daß Schas ja auch eine allgemein gebräuchliche Bezeichnung für den Talmud geworden ist). Vielleicht läßt sich aus der Ausdeutung der Zahl 9 (die Zahl der Monate der Schwangerschaft) schließen, daß man im jüdischen Lager schon vor vielen Jahrhunderten eine vernünftige sexuelle Aufklärung der Jugend Kr durchaus notwendig und ratsam hielt. Dieses Zahlenlied steht am Ende eines Büchleins, das wie kein anderes ein Volksbuch genannt werden darf. Es ist ein Volkslesebuch gewesen, dessen einzelne Stücke belehren und erbauen sollten. Wir dürfen daher unser Zahlenlied als ein interessantes pädagogisches Experiment betrachten, und als solches hat es seinen wohlberechttgtrn Platz in der Haggadah.