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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-04-26 · 17 (26.4.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
17 (26.4.1929)
Date
1929-04-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IMchMerakZeLmg Organ -er Vereinigung für -as liberale Judentum e. D. durch öle Mefchäst-stelle »/«fähttich M. r.»o «»»zelnnmmer OJO. Bei freier Zusendung i Inland 0.25 ftr die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeittage enthalte«.' »araatwortl. Redakteur: Bruno Doyda. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Freitag. Redaktion und GeschästssteUe: Verlin SW 48, Wilhelmstr. 147 Fernruf: Bergmann 3356, 3359 Postscheckkonto: Berlin RW 7. 137 069 (Vereinigung für da» liberale Judentum) achdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Ronparoillezeile 0.45 Goldmark. die Retlamezeile 3.00 Gowmart, tzei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung" Jnseratenabteilung: Berlin SW 48. Wilhelmstrahe 147 (Bergmann: 3358-59). sowie iämtl. AnaonLeu-LMediKon. 7fr. 17 Berlin. 26. April 1929 9. Zahrgang Pessach-Stimmungen > Bon Rabbiner Tr. G o t t s ch a l k, Frankfurt a. M. I. „Was soll euch dieser Dienst?" In die ganze Schönheit und Freude des Pessach tönt immer wieder auch das Wort des Dunkels hinein, des Zweifels uitd der Verzweiflung. Ter religiöse Spötter, erruft es aus, die Ritualmordhetzer zwingen cs uns auf, das „Brot des Elends" schreit es tausendmal uns zu: „Was soll euch dieser Dienst?" Sie alle, die Rufer, sind tebenSmüde... Lebensmüde... ein schmerzliches Wort und doch oft so verschiedenen Quellen entspringend. Lebensmüde ist heute oft frischeste Jugend, die plötzlich Angst vor der Zukunft packt. Lebensmüde ist oft das Alter, das seine Tage nicht fortschleppen mag. Lebensmüde sind heute viele Eltern, die in erschütternder Kindesliebe sich und die Kinder dem Elend entrücken. Lebensmüde sind Liebende, deren Liebe keine Erfüllung findet, die nur in Grauen und Dunkel schauen und im Gegensatz zu aller Problematik der Tage zeigen, daß Liebe noch eine Macht. Wer auch, wer nicht zum Aeußersten schreitet, wen erfaßt sie nicht einmal, die Pessachstimmung, auch ohne, daß er ein „Frevler" ist. wen stürmt es nicht einmal gewaltig auf „was soll euch dieser Dienst" angesichts schon des Sterbens und Todes, das ja auch am Pessachfest zu uns spricht. Mer freilich, das Wort erklingt nicht immer zu recht. Wenn die es sprechen, die „unverstanden" sind, zur „Einsamkeit" sich verurteilt glauben, Menschen, die wir geistig hochmütig nennen, die die ganze Wcklt nur unter sick sehen, Menschen, die groß sind in der Kritik und in dem bohrenden, grausamen Zerpflücken all dessen, was häßlich an dieser Welt, Menschen, die sich an der Existenz des Schlechten berauschen. „Was st(ll euch dieser Dienst?" Man schafft und schafft, und doch nur für den Leib. Man schafft und schafft, und es zerrinnt. Man schafft und schafft und weiß nichts vom Haß, und da kommen immer wieder die „Führer" der Staaten, kommen die „Volksmänner" mit ihren Ränken, mit ihrem Götzendienst an der „Wehrmacht" und ihrem Zerrbild von der „Nation" und entwerfen die glückzerstörendsten Pläne, kommen und treiben ihr gefühlloses Handwerk, das nach dem Einzelnen gar nichts fragt. Wen sollte da nicht Verzweiflung packen, der Ekel vor diesem ganzen Treiben, wer sollte es sich nicht aus der Seele schreien: „Was soll euch dieser Dienst?" Und doch, wie mir die Wälder zur Herbstzeit lieben in ihrem herrlichen Farbenspiel, in ihrem weinroten, goldgelben Laub, wie wir wie Kinder die Amte breiten, um all diese Schätze weit zu entführen — ob vergessen Sie nicht uns noch vor dem 1. Mai ihre Spende für den „Hilfsfonds des liberalen Judentums" zu übersenden. Die Namen der Spender werden regelmäßig in der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ bekanntgegeben. Die Listen zeigen, daß unsere Freunde dem Appell unseres Gesamt - Vorstandes in großer Zahl nachkommen. Aber alle diejenigen, die ihren Sonderbeitrag zum „Hilfsfonds“ noch nicht geleistet haben, werden gebeten, sogleich Mark 10.— auf das Postscheck-Konto der „Vereinigung für das liberale Judentum e.V.“ Berlin Nr. 137069 zu überweisen (soweit noch nicht geschehen, bitten wir, den Mitgliedsbeitrag für das 2. Quartal 1929 in Höhe von Mark 2,50 gleich mitzusenden). Jeder einzelne muß durch einen Beitrag zeigen, daß er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Darum gebt alle, der Vermögende mehr, der andere weniger, und — gebt schnellI VcreinpglQnlas IUeJuileiitniDE.ll. Das $eft der vefreiung. das Zeft der Erlösung Von Rechtsanwalt Heinrich Stern Am Schluß des ersten Teils unserer Pessachhagadah faßt der Erzähler den Sinn des gewaltigen Auszug-Festes in die herrlichen Worte des Preises für den Ewigen zusammen: Hauzionu meawdus l'cherus, mijogaun l'fimchoh, meewel l'jaum tauw, umeafeloh l'aur godaul, umifchibud lig' uloh. — „Ter uns herausgeführt hat aus Knechtschaft zur Freiheit, aus Kummer zur Freude, aus Trauer zum Fest, aus Finsternis zu Hellem Licht und aus Versklavung zur Erlösung!" Hier steht am Anfang des Ruhmes der Gottestat die Befreiung und am Ende die Erlösung. Was ist der Sinn des scheinbar zweimal Gleichen? Fragen, lernen, künden — das find die drei großen Pflichten des Festes. Am Beginn der Hagadah steht das Gleichnis von den vier Brüdern und insbesondere von der Frage des Verständigen, der seine n Sinn aus der Feier sich erfragt — z'u ulmad, geh heraus und lerne — mit dem großartigtiefen Nebensinn, daß der wahrhaft Lernende aus sich heraustreten muß, um wahrhaft zu erfassen; — w'higad'to stwincho. Künden sollst du es — deinem Kinde! Weist schon dieser Hinweis auf das Kind in die Zukunft, so wird es ganz klar, daß dies Pessachfest kein Fest der Vergangenheit nur, sondern ein Fest des ewig Gegenwärtigen ist, wenn wir weiter lesen: „In jeder Generation muß der Mensch sein Selbst betrachten, gleich als sei er selbst aus Mizrajim ausgezogen." So weist heiliger Festgebrauch unserer Betrachtung beit Weg aus dem Erkennen der Vergangenheit über das Bedürfen der Gegenwart heraus in den Sinn der Zukunft! Was war der Auszug? Für die Masse sicher zuerst die Befreiung vom Truck des Zwingherrn, die Sehnsucht des Leibes nach äußerem Frieden. Der tiefe Sinn dieses „Heraus" blieb dem Volk vorerst verborgen. Drohte Gefahr und Entbehrung, so erdröhnte der Schrei: „Zurück nach den „Fleischtöpfen", ja nach den „Gräbern Mizrajims"! Aber der eine Mann, der Führer, der aus dem brennenden Dornbusch die Gottesstimme vernommen hatte, er wußte, daß es nach diesem „Heraus" kein „Zurück" mehr gab — nur noch das „Hin zum Sinai!" Hätte er nur auf die Stimme der „Tradition" gelauscht, die ein halbes Jahrtausend über seinem Volke lag — er hätte daheim bleiben müssen, bei den Fronbauten von Pithom und Ramses, bei Stier und Bilderdienst, der seit Hunderten von Jahren Brauch in Israel, Volksreligion, war. In ihm aber klang die Stimme des Gottesrufes, das Feuer, das brannte, aber sich nicht verzehrte, — und das zwang ihn zum Bruch mit dem Jahrhunderte hindurch Geheiligten, das trieb ihn vom Stier Ammons zu den zwei Tafeln des Sinai! Wer heut dies Pessachfest nur als Erinnerungssest an die geschichtliche Befreiung unserer Väter aus der Fremdherrschaft feiert, der hat dem Gebot nicht genügt, sein Selbst zu betrachten, als erlebe er selber 'den großen Auszug! Stellt schon unsere Hagadah dem „Seman Cherussenn", den Weg misch'ibud lig'uloh von der geistigen Versklavung zur messianischen Erlösung an die Seite, so haben in großartiger Symbolik auch die Schöpfer unseres Gottesdienstes in dem Weg der Vorlesung aus Thora und Propheten durch die Pessachtage den Sinn des Festes aufgezeigt. Beginnt der erste Tag mit der geschichtlichen Erzählung des Auszugs, so klingt der letzte aus mit dem erhabenen Bild des Gottesveichs des Friedens und der Erlösung in den fernen Tagen der Zukunft. Darum weist das Fest uns nicht zurück, sondern vorwärts. Wäre Pessach nur das Symbol äußerer Freiheit, der Schöpfungstag der Nation Israel, so wäre er für uns nur eine Erinnerung. Ist er aber der Weiser in die Zukunft, das Geburtsfest der Religion Israels, so bleibt es uns eine ewige Verpflichtung! „Fragen — lerneir — künden", sich rüsten für den letzten Auszug ruf den „heiligen Berg", das ist uns der Sinn des Pessachfestes. „Pessach — mazzoh — moraur!" diese Symbole unseres Festes weisen ernst auf den We.y zum Ziele! Opfer und Entbehrung sind die Prüfzeichen wahrhaft göttlichen Strebens und Bewegens. Hätte Mose in der Wüste über seiner Gotteserkenntnis die Tat vergessen, er wäre ein friedsamer Schafhirt des Beduinenfürsten Jethro, seines Schwähers, — wer weiß, sein Nachfolger geworden. Hätte das Volk auf den Sauerteig zum Backen der Reisezehrung gewartet, damit das übliche Brot geknetet werde, die Heere Pharaos hätten es übermannt, ehe es auszog. — Nur wer dem Gedanken die Tat folgen läßt, seiner Sache das Opfer bringt, wer sich in der Stunde der Entscheidung über die Speise des Alltags herauszuheben vermag, nur der ist vorbereitet aui die Erlösung, ist reif für das „Pessach der Zukunft!" auch die Arme plötzlich sinken, das Auge sich umflort, der Sinn sich umdüstert, weil wir inmitten all dieses Blühens doch auch die sterbenden Blätter sehen, die kahlen Aeste und trauernden Stämme; wie unsere Pessach-Hagada eine solche Vereinigung von Lachen und Tränen, so gilts, dem Leben das Wort zu reden trotzalledem und trotzalledem und das Motto der Müden zurückzuweisen. Ja gerade die Hingabe an die Lebensunlust, wenn auch nur für eine kurze Zeit, gerade die Lebensmüdigkeit muß uns wieder für das Leben stark machen können. Es sind nicht bloß die Schlechtesten, die Schwächsten und die Unfähigsten, die am Leben und seinem Werte zweifeln. Nur wer, so möchte man beinahe sagen, überhaupt schon einmal am Leben gezweifelt, kann es ganz wahrhaft lieben, kann dauernd und fest daran glauben,. Ja was die Zweifler uns zurufen, das rufen wir ihnen wieder entgegm: „Was soll euch dieser Dienst?", dieser Dienst am Zweifel, dieses Sichaufteiben und Sichzernerveir, dieses Durchweinen schlafloser Nächte, dieses wilde Schreien an grauenvoll einsamen Tagen, was soll euch dieser Dienst? Und wir erwarten von ihnen die Antwort: aus diesem Dienst ersteht uns Gott, ersteht uns Leben und Dienst an ihm. Nur wer ohne Erschütterung, nur wer völlig blasiert, nur wer erhaben und gleichgültig an dem furchtbaren Ernst des Daseins vorbeisehen kann, nur der stirbt dahin bei der ersten Erschütterung, das Wort des Zweifels wird ihm Verzweiflung. „Das alte Lied vom Unverstand", sagt Hesse einmal. „Sie sollten nicht immer daran denken, daß der oder jener Sie nicht ganz versteht. Sie sollten selbst erst einmal versuchen, andere zu verstehen, andern Freude zu machen, andern gerecht zu werden." Ja der Zweifel ist gut, er gibt uns Klarheit, der Zweifel ist wertvoll, er zerstört Illusionen. Aber das Beste an ihm ist doch wohl das, daß er lebenzeugende Arbeit aufgibt. Nicht Stimmungen dürfen das Leben entscheiden, sondern die dauernde Lebenshaltung. Fürchtet euch nicht vor den Tagen des Zweifels, lernet sie lieben und — überwinden. Selbst dann, wenn sie Tage des Zweifels an Gott, wie es das Pessachfest für den „Frevler" ist. Kommt dieser Zweifel aus frömmster Seele, wird er vom rechten „Weisen" vernommen, dann erblüht auch dem Zweifel das wahrhafte Pessach, der Ruf der Freien wird ihm zur Antwort: „Adonaj schalom" — „Gott ist die Ruh', der Friede mild, die Sehnsucht er, und was sie stillt". 11. „W e r b i n i ch..." Von dem Gewaltigsten, was die Menschheit kennt, ist am Pessachfest immer von neuem die Rede; Der Gründung einer religiösen Gemeinschaft, der Seelenbefre-ung unfreier Menschen. Und wer immer wieder begreifen will, woher alles Große in dieser Welt stammt, er kann es am Pessachfeste begrüßen; ein Mann ist es und nicht eine Masse, der den Anlaß zum religiösen Weltumsturz gibt. Mose ist es und nicht das Volk, der der Nachwelt seinen Stempel ausgeprägt hat. Und deshalb nennen wtr uns mit Recht noch nach ihm. Er hat uns den Ewigkeitsrdel ausgeprägt, weil chm selbst dieser Adel eigen gewesen. Und neben ihm — die Bescheidenheit. Nicht das aus der Tiefe gezogene Volk, es ist Mose, der sie alle überragende, welcher am meisten bescheiden war, den das „wer bin ich" förmlich erdrückte. Er erschrickt vor der Furchtbarkeit seiner Aufgabe, das Volk vor der Einbuße an seiner Wertschätzung. „Ihr habt uns in schlechten Ruf gebracht." Er hält sich für unfähig, Pharao zu erschüttern, das Volk hält ihn für unfähig, Pharao zu blenden. Er urteilt aus der Tiefe seiner Aufgabe, das Volk vom Standpunkt seiner Selbstsucht aus. Tag- und Ewigkeitsmenschen, Zeit- und Unendlichkeitssinn stehen sich gegenüber oder wie man auch sagen kann: wahre und fatsche Ehre. Denn das ist der letzte Grund für das „was bin ich", für das, was wir als Bescheidenheit und Unbescheidenheit empfinden; der Begriff der Ehre wird völlig verkannt, und der Begriff der Zufriedenheit gleichermaßen. Der Bescheidene setzt — es mag seltsam klingen — seine Ehre in die Unzufriedenheit, der Unbescheidene kennt nur eine Ehre; zufrieden und immer gesättigt zu sein. Ja unzufrieden fein mit uns selbst, mit unfern Leistungen, unfern Erfolgen, das ist die Ehre, die wir haben sollen. Und zufrieden sein

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