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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-04-19 · 16 (19.4.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
16 (19.4.1929)
Date
1929-04-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Opfer nicht nur verschmähen, sondern darob noch mehr empört sein und dre volle Schale ihres Zornes über die Opfernden ausgießen. Man hat auch nie etwas davon gehört, oaß die heidnischen Vorfahren der Juden oder ihre heidnischen Nachbarn je fremde Kruder geopfert hätten. Immer ist die Rede davon, daß die Könige und der Adel, wenn die höchste Not an sie herantritt, ihre eigenen Kinder, die Erstlinge ihrer eigenen Leibesfrucht dem Moloch oder dem Baal opfern, damit diese das Unglück abwenden... Nun aber soll unter den niedrigsten und unaufgeklärtesten, verworfensten Schicht der Juden der Glaube sich fortgeerbt haben, daß man zum Passahfest Kinder opfern und ihr Blut trinken müsse, aber fremde Kinder, Kinder emes fremden Volkes, die man stiehlt oder raubt! Man vermißt nur eine genauere Beschreibung dieses Aberglaubes. Wo, in welchem Lande hat er seinen Hauptsitz? Wem opfern die unaufgeklärten, niederen, verworfenen Juden diese gestohlenen, fremden Kinder, dre sie schlachten und denen sre das Blut abzapfen? Warum leugnen die hochstehenden, aufgeklärten Juden die Existenz dieses Aberglaubens unter den niederen Schichten ihrer Gemeinschaft, anstatt ihn zu bekämpfen und auszurotten, wie es einst die Propheten gegenüber der höchsten Schichte des Volkes getan? Sonst arbeiten ja oie Juden der höheren Schichten in allen Ländern unermüdlich an der moralischen und kulturellen Hebung ihrer rückständigen Glaubensgenossen. Nur allein an der Bekämpfung dieses Aberglaubens, der, wie Professor Frazer versichert, von Zeit zu Zeit wieder erwacht, und jedes Mal die ganze Gemeinschaft in Aufregung oder gar in höchste Gefahr bringt, an der Ausrottung dieses Aberglaubens allein weigern sich die höheren und aufgeklärten Schichten der Juden zu arbeiten, ja sie stellen sich immer wie eine Mauer vor die Angeklagten nno versichern hoch und heilig, oie Beschuldigung beruhe immer aus einem Irrtum. Professor Frazer aber zieht es vor, die gesamte jüdische Intelligenz aller Zeiten und Länder der Heuchele:, der Mitwissenfchaft eines seculären Verbrechens, der ungeheuren Dummheit und Beschränktheit zu beschstldigen, als auch nur einen Moment die Ritualmord-Beschuldignng der Juden als leeren Wahn zu betrachten. Im Mittelalter zog man es vor, Hunderte von Weibern lebendig zu verbrennen, als einen Moment die Hexerei für einen leeren Wahn zu betrachten. Sodann zog man's Jahrhunderte vor zu glauben, daß Juden alle paar Jahre eine geweihte Hostie stahlen und mit Messern und Hämmern auf die papierdünnc psenniggroße Oblate loshauen, bis Ströme von Blut sich daraus ergossen, und die Juden zu Hunderten ans den Scheiterhaufen zu schicken, anstatt diesen ganzen Vorstellungskreis als leeren Wahn zu betrachten... Man sieht, Herr Professor Frazer hat vollkommen recht, wenn er von der unausrottbaren Lebenszähigkeit niederer Formen des Aberglaubens spricht, nur muß man sich bei der Untersuchung nicht aus das unwissende Volk beschränken. Man darf hochgelahrte Oxforoer Universitätswrofessoren nicht übersehen. Indessen, so neuartig oie Frazer'sche Theoue klingt, neu ist sic durchaus nicht. Schon in früheren Zeiten zeigt der Ritualmordwahn ein doppeltes Gesicht. Einerseits glaubte man, daß oie jüdischen Religionsschriften den Gebrauch von Christenblut am Pessach offen oder geheim ihren Ein Mensch, der geschlagen wird, hat ein tieferes Bertftändnis für einen anderen Geschlagenen als der, der die Schläge nicht kennt. Eine Gemeinschaft, die die Emanzipation will, die sich mit ihrem Besten einsetzen möchte, um sich innerhalb der Umwelt zu beweisen, hat a priori eine verständnisvolle Einstellung einer Rasse gegenüber, die gleiche falls um ihre Emanzipation ringt und kämpft. Es wäre banal und geschmacklos, wollte ich zwischen Juden und Negern als solchen eine Parallele ziehen. Die einen sind das Volk der uralten Geisteskultur, die andern die Rasse, die sich plötzlich der Befruchtungsmöglichkeit ihrer Unverbrauchtheit, des Kräfteüberschwangs ihres durch keine Mischungen und Verausgabungen degenerierten Blutes bewußt geworden sind. Nur diese eine Parallele ist zu ziehen: Bei dem Ringen um die Anerkennung innerhalb der Weltgemeinschaft stoßen die Juden wie die Neger auf soviel gleichartige Schwierigkeiten bei denen, denen sie ihre Kräfte zur Bereicherung zur Verfügung stellen wollen, daß es nicht uninteressant ist, aus unseren jüdischen Kämpfen heraus einmal die Kämpfe der Neger vergleichend zu untersuchen. Vor uns liegt ein prächtiges Buch „Der weiße Neger" (erschienen in der Frankfurter Societätsdruckerei, 1928), das von einem Neger - - James Weldon Johnson — in geradezu ergreifender Weise geschrieben ist. Das Bewußtwerden der Andersartigkeit (da Johnson einen weißen Vater hatte, unterscheidet er sich im Aussehen nicht von den Weißen) beginnt auch hier in der Schule. Mau erinnert sich der eigenen ersten Gefühle einer Minderwertigkeit, als es „Jude, Jude" hinter einem herrief, wenn Johnson schildert, wie er außer sich und wie betäubt nach Hause eilt, als man ihm in der Schule zu verstehen gibt, daß er ein „Neger" ist; und wenn er gleich nach dieser ihm unfaßbaren Eröffnung einen Freund findet, der sich über seine Andersrassigkeit hinwegsetzt, so mutet einen das wieder fast wie der Vorgang in Glaesers „Jahrgang 1902" an, als sich dem geduckten und geprügelten Leo Silberstein die „schneidigsten" Jungen der Klasse zur freundschaftlichen Hilfe zur Verfügung stellen: die angäwtene Freundschaft entspringt einer feinfühlenden und zarten Seele, aber d a ß es das übevyaupt gibt, daß man eine Freundschaft anbietet, aus Motiven, aus denen heraus man mitleidig Almofen gibt, - das oben ist das ungeheuer Beschämende, und damit bejaht man für die Gesamtheit eine gckankliche Einstellung, über die man sich für seine eigene Person hinwegsetzt. „Ich wurde wahrlich in eine andere Welt versetzt. Bon jenem Tage an sah ich mit anderen Augen, meine Gedanken waren beeinflußt.denn er (der Neger) kann sich ans die Dinge nicht als Staatsbürger, nicht als Manu, ... einjstellen, sondern er ist gezwungen, aus der Perspettive des „farbigen" Menschen zu scheu." Aus dieser aufgezwungeueu Andersartigkeit der Einstellung, Erschwerung der Stellungnahme zu den Diiigen entsteht die große empfindungsgemäße Kluft, die den Farbigen vom' Weißen, wie sie den Juden vom — nicht unbefangenen — Nichtjuden trennt. Mau spricht die gleiche Sprache, und Bekennern gebieten und das Schlachte:: von Christentindern > zu den Funktionen oer jüdischen Gemeindevorsteher und Rabbiner gehörte. Parallel damit lief eine andere Meinung, die den blutigen Brauch als die Uebuug einer düsteren Sekte unter den niedersten Klassen oer jüdischen Bevölkerung angesehen wissen wollte, eine Sekte und einen Brauch, oie beide e:ne so geheimnisvolle Existenz führten, oaß sie dem offiziellen Judentume und seinen Repräsentanten verborgen btreben und nur oer nichtjüdischen Welt von Zeit zu Zeit bekannt wurden! Gegen oie erstere Version dieses Aberglaubens protestierten wiederholt Kaiser, Könige, Päpste. Kirchenfürsten, Gelehrte und Regenten, aber ausgerottet wuroe sie erst in dem berühmten Prozeß Rohling-Bloch anfangs der achtziger Jahre, in welchem Bloch sich oas unsterbliche Verdienst erworben Hatte, buchstäblich die ganze zivilisierte Welt von der Verlogenheit oieser Behauptung zu überzeuge»:. Schon in dem ein Jahrzehnt später stattfindenden Lanthener Prozeß wählte sich die Anklage keinen Rabbiner oder Gemeindeoberhaupt, sonder n einen untergeordneten Gemeindebeamten zum Opfer. Im Konitzer Prozeß war der Verdächtigte schon ein kleiner Fleisch erlehrling, aber man fahndete nach einem fremden, jüdischen Landstreicher, der von der Ferne gesehen worden fei und der Komplize des Fleischerlehrlings gewesen sein sollte. Ganz tief nitten war man gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in Pol na angelangt. Hilsncr stand schon aus der tressteu Stufe der sozialen Leiter, ec war ein uneheliches Kind, fast vollkommen Analphabet, halb Landstreicher, halb Bettler. Er war ganz nno »gar Angehöriger jener niederen verworfenen, unaufgeklärten jüdischen Bolksmassen, die Professor Frazer schon damals als die treuen Bewahrer der blutigen Tradition der Kinderopfer schilderte, die vor 3000 Jahren dem Moloch und dem Baal dargebracht wurden... Der verstorbene I. S. Bloch sagte mir :nl Jahre 1922: „Wenn ich noch 30 Jahre zu leben hätte, ich würde sie dem Kampfe gegen die Ritualmordlüge widmen Diese Lüge ist noch lange nicht tot, sie schwebt in der Luft nno kann jeden Moment nieoersansen." Wie hat der alte Kämpfer recht behalten! Man bedenke, oaß das Buch von Frazer in jeder öffentlichen Bibliothek der anglo-sächsischen Welt zu erreichen ist, der Verfasser erfreut sich eines großen Ruf's als hervorragender Gelehrter und glänzender Schriftsteller Es is: unmöglich, daß seine Ausführungen nicht auf einen großen Bruchteil der gebildeten Welt einen Eindruck machen. Wer bürgt uns dafür, daß nicht sie es waren, die Anlaß gegeben haben, zum Auftauchen der Blutbeschuloigung :n Amerika? Und da erhebt sich die quälende Frage, ob die amerikanischen Juden auf nützliche und zweckmäßige Weise gegen diese Beschuldigung reagiert haben, indem sie bei der Regierung die Demission des Bürgermeisters jener Stadt durchsetzten, „oie solche Schmach über Amerika gebracht" anstatt sich mit einer aufklärenden Schrift an öic breiten Massen des Volkes und an die Intelligenz zu wenden, wie cs Tr. Block) seinerzeit mit so großem Erfolg getan? Tie Methode, gegen derartige Beschuldigungen an dre Staatsgewalt zu apvellieren, ist in diesem Falle umso gefährlicher, als in Amerika, vielleicht noch mehr als anderwärts, im Publikum der Glaube verwurzelt ist, daß „die Weiser: von Zion" im Geheimen überall die Staatsgewalt kontrollieren und sogar so mächtige Jndustriemagnaten wie Ford einer ist, nach ihrem Willen zu lenken verstehen... doch ist es so schwer, sich einander verständlich zu machen: denn der Christ, der Weiße, sie wittern etwas Geheimnisvolles hinter den Worten und Taten der Andersrassigen, das sie nicht durchdringen zu können glauben, weil ihre Einstellung diesem Andersrassigen gegenüber keine naive ist. Bezeichnend für das eiiigangs erwähnte Begreifen ähnlichen Leidens ist die fieberglühende Spannung, mit der der Negerknabe „den großen Zusammenhang der Leiden und Schicksale der Juden" in der Bibel las. Und bezeichnend für die Kraft des stolzen .Herzens, das sich zur verfolgten Gemeinschaft bekennt, eben weil es einen großen Teil des Energienk-Einsatzes verlangt, sich trotz der äußern Mißliebigkelten durchzusetzen und zu behaupten, sind die Träume des NegerjünglingS, „der schwarzen Rasse ein mal Ehre und Geltung zu verschaffen.., einer jener Farbigen zu werden, die zum Ruhme ihrer Rasse Ehrenvolles geleistet haben". Ich kannte einmal einen Negerjungen, einen vierzehnjährigen Knaben, der aus den vielen schmählichen Erlebnissen seiner Kindheit — die ihm seine Haut^ färbe geschaffen hatte - die Reise schöpfte, sich als Persönlichkeit zu erkennen, aus deren Schultern ein Riesenmaß von Verantwortung seiner Rasse gegenüber lag; auch dieses — vierzehnjährigen! - Knaben Wunsch ging dahin, einmal etwas ganz Großes zu schaffen, um der Welt zu beweisen, daß die Neger nicht die mißachtete Rasse zu sein verdienen, zu der man sie sternpelt, und ich glaube annehmen zu dürfen, daß auch ein großer Teil jüdischer Leistung (hauptsächlich da wo sie nicht spezifisch jüdisch gefärbt ist) auf den oft unbewußten seelischen Vorgang zurückzuführen ist: man will dich zweitklassig einrangieren, nun mußt du gerade deine Geltung beweisen! „Sie wissen doch, ein Dutzend nichtsnutziger Schwarzer erweckt in diesem Lande den Anschein eines größeren Haufens als füüfzig nichtsnutzige weiße Männer. Aber... jede Rasse und jede Nation sollte nach dem Besten beurteilt werden, das sie hervorgebracht hat, und nicht nach dem Schlimmsten." Gelten solche Worte nicht für sie wie ähnlich auch für uns? Aber der Haß auf den Neger und der herrische Wunsch, ihn um jeden Preis an den Boden zu pressen, ist eben genau so sinnlos-unbelehrbar wie der Antisemitismus. Wenn wir jüdische Deutsche mit uichtjüdischen Deutschen in eine Diskussion unabweisbar mit den Worten des Nichtjuden schließen: „Ja Du, Du bist auch ein Ausnahmejude, wenn alle so wären wie Du." Der einzelne als Persönlichkeit wird aus Gerechtigkeit anerkannt, - aber die jüdische Allgemeinheit? Die muß eben schlecht sein, - man ist unbelehrbar. Ebenso ergeht es dem Neger. Die Gesamtheit, nicht der einzelne Farbige, ist es, die auf eine nicht zu überwindende feindliche Einstellung stößt; dem einzelnen Neger vertraut man seine Kinder zur Wartung au, ihn ruft mau in Krankheitsfällen zu Rate, ihm überläßt man seine Kranken zur Pflege in fast familiärer Anhänglichkeit, — und doch belehren die aufopfernde Treue und Anhänglichkeit des einzelnen Negers den „Weißen" nicht, daß der „Nigger" nicht camaille ist. GAS & U N D \WASSER ßjrn/j VOM 19 APRIL bis 21. JULI BERLIN DIE DEUTSCHE SOMMER-AUSSTEL¬ LUNG/ DIE DU BESUCHEN MUSST1. AUSSTELLUNGSHALLEN AM KAISERDAMM GEÖFFNET TÄGLICH VON 9 - 20 UHR (EINLASS BIS 19 UHR) SONNABENDS U SONNTAGS V. 9 -21 UHR (EINLASS B 20 UHR) In diesen Tagen ging eine erschütternde Meldung durch die Zeitungen: ein weißer Farmer hatte auf die bestialischste Weise einen schwarzen Eingeborenen zu Tode gepeitscht und mißhan-delt, - auf eine so viehische Weise, daß man es nicht fassen zu können glaubt; und als ein erschütterter Rich ter diesem Farmer Jack Nafte zur Zuchthausstrafe zehn verdiente Peitschenhiebe hinzudiktieren wollte, - da standen alle Weißen in Transvaal auf und legten bei den obersten Spitzen. Berufung gegen dieses Urteil ein, das einen der Ihren verurteilte! Sind denn die Neger vogelfrei? Darf sich denn jeder blutrünstige Gewaltmensch an ihren Leibern austoben? Und dürfen sich die Weißen wundern, wenn auch gegen sie ein farbiger „Schwärzbarth" auftritt und Gewalt gegen Gemalt ausspielt? Hie Pogrom - dort Neger Mißhandlung: ist unser Leiden nicht ein ähnliches? Auch nachstehende Schilderung Johnsons die gleichzeitig in das Herz der amerikanischen Negersrage zielt - gestattet eine Parallele: Die Farbigen sind gezwungen, auf der elektrischen Bahn in dem „Jim Crow" zu fahren (einem Sonderwagen, der nur für die Schwarzen bestimmt ist). Ganz abgesehen von der schlechteren Beschaffenheit dieser Wagen ist es für den besseren und gebildeten Neger eine demütigende Zurücksetzung, gezwungen zu sein, mit unangenehmem Negerproletariat zusammen zu fahren, gerade so, wie es uns kultivierten Westjuden eine physische Unannehmlichkeit bereitet (ohne damit geistig irgend einem Snv bismus die Stange halten zu wollen), mit ungepflegten und unassimilierten Ostjuden in nahe Berührung zu kommen. Wobei das Gefühl, durch Bildung und Kultur über die Niederungen des Proletariats der eigenen Gemeinschaft hinausgewachsen zu sein, natürlich ein inniges Gemeinschaftsbewußtsein nicht ausschließt, - bei den einen nicht wie bei den andern. Wenn wir nun über alles dies Nachdenken, wenn wir uns sagen, daß weit von uns entfernt Menschen mit vollem Einsatz um ihre Emanzipation ringen, wenn sie auch aus einer ganz andern, uns unverbundenen Sphäre stammen, - so müssen wir für unser Denken die Konsequenz daraus ziehen, daß wir, die wir aus dem Erleben unserer eigenen Not wissen, wie weh es tut, wenn man auf Boreingenominenheit und grausame Härte stößt, die Pflicht haben, unsere Herzen und unsere Hände offen zu halten für die noch ärmeren Ringenden. Unsere jüdische Religiosität befiehlt uns die Gerechtigkeit gegen alle Völker und Rassen, unser jüdisches Herz befiehlt uns die Güte gegen alle Lebenden, wo es nur jemals an uns herantreten kann: zu helfen! Liebe und Gerechtigkeit als Grundlage religiösen Lebens Von Professor Dr. W. Kinkel. Die Antigone des Sophokles unterscheidet die „geschriebenen" von den „ungeschriebenen" Gesetzen; die erfteren sind Menschenwerk und herrschen bei den Menschen im irdischen Dasein; die „ungeschriebenen" Gesetze aber sind die ewigen Satzungen der Götter. Keineswegs dient hier die Unterscheidung, um die menschliche Gerechtigkeit zu verhöhnen oder zu verdächtigen, sondern um sie zu ergänzen, um der menschlichen Gesetzgebung ein ewiges Ziel vor Augen zu stellen. Erst die Sophisten und Skeptiker benutzen die Unterscheidung, um die menschlichen Gesetze ihres Ansehens und Wertes zu berauben. Tie Römer unterschieden ein jus strictum (strenges oder striktes Recht) und ein jus aequurn (billiges Recht); letzteres ist ein Recht der Liebe und Nachsicht, ein Recht der Besonderheit. In all diesen Unterscheidungen spricht sich der Zusammenhang von Recht, Sittlichkeit und Religion aus. Tie Liebe ist die höchste Blüte und Form der Gerechtigkeit. Sie entspringt ans dem Glauben an das Gute im Menschen, an die sittliche Bestimmung und Ausgabe eines jeden Menschen. In der unvergleichlichen Rede, welche Plato seiner Tiotima im „Gastmahl" in den 'Mund legt, schildert Tiotima den Eros, d. h. die sittlich-religiöse Liebe: Er ist weder ein Gott, noch ein Sterblicher; denn die ganz Unwissenden philosophieren ebensowenig wie die Allwissenden, die Götter. Die Liebe setzt eine Sehnsucht, ein Ber-> langen, das Bewußtsein der eigenen Unvollkommenheit und Endlichkeit voraus. Aus diesem Bewußtsein, aus diesem Gewissen entspringt die Sehnsucht zur Vollkommenheit, zur Ergänzung des eigenen Wesens aus dem Wesen, das wir über uns stellen. So ist die Liebe die Grundlage aller Religion. Diese Liebessehnsucht macht uns zu Kindern einGottes, wie es 5. Mos. 14, 1 heißt: „Kinder seid ihr dem Herrn, Eurem Gott." In der Liebe ist das Sein des Menschen begründet; das Gebot „Liebe Deinen Nächsten" spricht in religiöser Form nur dasselbe aus, was Kaut philosophisch in seinem kategorischen Imperativ formuliert hat: In jedem Menschen sollen wir die Idee der Menschheit Gedanken zur Aegersrage Von Edith Falk, Frankfurt a. M.

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