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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-04-19 · 16 (19.4.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
16 (19.4.1929)
Date
1929-04-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang RifoalmotD ~' : im zwanzigsten Jahrhundert Pessach-Velrachkungen von Vinjamin Segel In den letzten Wochen ging in Bayern wieder einmal das Ritualmordmärchen um. In Manau bei Hosheim wurde ein fünfjähriges Kind vermißt, das schließlich spät abends in einem Walde mit durchschnittener Kehle aufgefunden wurde. Die Nürnberger Wochenschrift „Ter Sturmer" bemächtigte sich der Angelegenheit und versuchte, das Verbrechen als einen Ritualmord darzustellen und nationalsozialistische Agitatoren benutzten die Gelegenheit zu einer maßlosen Hetze. Die Borstandsschaft der bayerischen Rabbinerkonferenz veröffentlichte im „Boten von Haßgau" eine Erklärung, in der es heißt: „Das verabscheuungswürdige Verbrechen des Kiudermordes bei Manau gibt gewissenlosen Hetzern willkommenen Anlaß, wiederum die schon unzählige Male als Lüge gebrandmarkte Mär eines Ritualmordes in die Bevölkerung zu werfen. ... Wir empfinden es als Schmach, daß sich das Judentum auch heute noch gegen einen so schimpflichen Vorwurf wehren zu müssen gezwungen ist, gegen einen Vorwurf, der auch dem oberflächlichsten Leser der Bibel als ein Wahngebilde des Hasses erscheinen muß. Wir erklären hiermit feierlichst: Die Quellen der jüdischen Lehre, insbesondere auch des Talmud, enthalten kein Wort, das auch nur entfernt im Sinne dieses teuflischen Vorwurfs gedeutet werden könnte. ... Die Ritualmordlüge ist eine Ausgeburt finsteren Hasses, eine Verleumdung unseres Glaubens, die wir in tiefster Entrüstung zurückweifen. Wir sind bereit, die Wahrheit dieser Erklärung gegenüber allen Verleumdern vor jedem Gericht' zu erhärten." Die nachfolgenden Ausführungen sind deshalb von einer bedauerlichen Aktualität. Die Red. Es ist noch nicht ein halbes Jahrhundert her, da bildeten den beliü»testen Unterhaltungsstoff jüdischer Familien bei der Seder-Tafel die Geschichten von Ritualmord anklag en, die in vergangener Zeitsich abspielten und gerade am Pessach- Mend, wenn die Familie beim Seder versammelt war, chren Anfang nahmen. Es gab nur wenige Familien, die nicht selber eine Erinnerung hatten, wie beim Oeffnen der Türe, um den unsichtbaren Propheten Elia zu empfangen, Volk und Polizei eindrang, um nach der Kindesleiche zu suchen, deren Blut die Juden abgezapst hatten. In vielen Fällen wurde die vorher sorgfältig untergelegte Leiche auch gefunden, und nun begann ein Prozeß, der sich oft viele Jahre hinzog, und in dem die vornehmsten Mitglieder, religiöse Führer und Oberhäupter der jüdischen Gemeinschaft unter Anklage standen, den geheimen Vorschriften ihrer Religion gehorsam, das Verbrechen verübt zu haben. Kaum sind vier Jahrzehnte vorüber, seit die Anklage dieses Inhaltes erhoben wurde, und zwar zum letzten Male. Das war im Ritualmord-Prozeß von Tisza-Eszlar. Tie seitherigen vier großen Ritualmordprozesse trugen schon ein ganz anderes Gesicht, das gerade jetzt scharf ins Auge gefaßt werden muß. Es hat nämlich den Anschein, daß der Ritualmordprozeß unter diesem neuen Gesicht ein ständiges Thema der Sedertafel -Gespräche zu werden droht, und zwar nicht der Ritualmordprozesse der Vergangenheit, sondern der Gegenwart. Seitdem genau vor 10 Jahren die „Protokolle der Weisen von Zion" in Berlin auftauchten und von hier aus ihren unglaublichen Triumphzug durch Paris und London über die ganze Kulturwelt antraten, warm wir alle überzeugt, daß die Ritualmordlüge für alle Zeiten überwundm sei. Ich selber habe in meinem Buch Wer die Protokolle (1924'* dieser Ueberzeugung mit großer Sicherheit Ausdruck gegeben, die Protokolle legen nämlich den Führern der Juden ein offenherziges Selbstbekenntnis in den Mund, wonach alle, aber auch alle gegen sie jemals erhobenen Beschuldigungen wirklich und ivahr seim — bis auf zwei: die Schändung geweihter Hostien und das Trinkm von Christenblut zu Pessach. Es schien, daß der internationale Antisemitismus den Ritualmord als nicht mehr modem zum altm Eisen geworfen hatte. In den Protokollen der Weisen von Zion hatte er ja eine Waffe, ja ein ganzes Arsenal von Waffen, ungleich wirksamer als tausend Ritualmorde... Wie habm wir uns verrechnet! Erst vor drei Jahren tauchte die Ritualmordbeschuldigung wieder auf, und zwar nicht etwa in einem weltvergessenen litauischen oder slowakifchm Nest, sondern in einer der zivilisiertestm, verkehrsreichsten Städte Deutschlands, in Breslau, und die gesamten Zeitungen der Stadt, die freisinnigen und demokratischen mit einbegrif-- fm, nahmen die Möglichkeit an, daß von jüdischer Seite wirklich ein Ritualmord begangen wurde, um Cbristenblut für das Osterfest zu gewinnen. Nur ein Zufall hat es verhindert, daß ein regelrechter Prozeß daraus gewordm ist, lmb die fast gleichzeitige Affäre Haas in Magdeburg, die Mö mm solchen Fiasko der Gerichtsbehörden endete, trug «verlach alle Anzeichm eines Ritualmordprozesses an sich. Jco-ur merkwürdigste ist, daß im vergangmm Herbst der Rrtualmordwahn in Amerika aufgetaucht ist. Das hätte man nie und nimmer für möglich gehalten. Symptomatisch ist hierbei, daß um dieselbe Zeit die Protokolle der Weisen von Zion in Palästina in einer neuen arabischen Uebersetzung herausgegeben wurden, nachdem die englische Uebersetzung in Ostasien massenhaft verbreitet wurde, eine neue portugiesische Uebersetzung in Südamerika Triumphe feierte, in Saloniki gleichzeitig zwei neugriechische Uebersetzungen erschienen und Bulgarien mit einer Ausgabe nebst Kommentar in der Landessprache von dem dortigen Nationalisten-Verein versorgt wurde. „Halte das eine fest und laß' das andere nicht los" ist offenbar das Losungswort des internationalen Antisemitismus. Beide Verleumdungen der Juden, die älteste und die jüngste, vertragen sich ganz gut miteinander, man kann sie beide zugleich schwingen. Tie Geschichte lehrt, daß es ein Irrtum ist zu glauben, der Ritualmordwahn rufe den Antisemitismus hervor. Das Gegenteil ist wahr. Wann und wo der Antisemitismus aus irgendwelchen Gründen eine bestimmte Höhe erreicht, dort und damals taucht immer der Ritualmordwahn als Waffe gegen die JWen auf. In Amerika, wo, wie wir wissen, seit jeher ein starker gesellschaftlicher Antisemitismus unter der friedlichen Decke herrschte und in den letzten acht Jahren unter der rasenden Protokoll-Agitation Henry Fords in die Tiefe wuchs - sollen vielleicht die Sachen schon so weit gediehen sein, daß die Ritualmord-Anklage dort ihren Einzug halten kann? In der anglo-sächsischen Welt wirbt seit fast 30 Jahren ein sehr mächtiger Faktor unter den Gebildeten für diesen Glauben, ohne daß die berufenen Wächter Israels auf ihn aufmerksam geworden und ihm entgegengetreten wären. Im Jahre 1900 erschien in London bei Mac Millan and Comp, das dreibändige Werk des weltberühmten Oxforder Universitätsprofessors I. G. Frazer „The Golden Bough"" (eine Ethnologie der Religion), das seither in alle Kultursprachen übersetzt wurde. Auf Seite 174 des 3. Bandes lesen wir folgendes: „Im Mittelalter und in der modernen Zeit sind viele Anklagen sogenannter Ritualmorde gegen die Juden erhoben worden, wobei die Argumente für und wider mit soviel Heftigkeit diskutiert wurden, daß sie viel mehr dazu beitrugen, die Leidenschaften zu entflammen, als die Wahrheit an den Tag zu bringen. Ich ziehe es vor, mich auf diesen trWen Kampfplatz nicht zu begeben. Ich möchte nur zu bedenken geben, daß, soweit ich die angeführten Fälle studierte, die Majorität der Opfer Kinder gewesen sein sollen und sie sollen von ihrem Schicksal im Frühjahr ereilt worden sein, oftmals eine Woche vor Ostern. Dieser letztere Umstand weist, wenn überhaupt ein Fünkchen Wahrheit an der Anklage ist, auf den Zusammen h an gzwischendem Menschenopfern nddem Pessachfest hin. Es bildete in der Tat oft einen Teil der Anklage, daß das Blut der jugendlichen Opfer am Pessachfest verzehrt werden sollte. Wenn wir nun die starken Gründe erwägen, die dafür sprechen, daß der Hauptzug des ursprünglichen Pessachfestes im Opfern der erstgeborenen Kinder bestand, werden wir zögern, alle die gegen die Juden in neuerer Zeit erhobenen Anl klagen des Ritualmordes als leere Verleumdungen abzuweisen. Allen Forschern der Volksreligion ist bekannt, welche Lebenszähigkeit gerade die niedrigsten Formen des Aberglaubens im Geiste der unwissenden Massen, seien sie jüdisch oder nichtjüdisch, stets bewährt haben. Und es wäre kein Grund überrascht zu sein, wenn unter dem verworfensten Teil der jüdischen Gemeinschaft von Zeit zu Zeit die ursprüngliche Barbarei wieder auflebte... Wenn Handlungen dieser Art wirklich von Juden verübt worden sein sollen — ich muß es übrigens ablehnen, mich über diese Frage zu äußern — dann müßten sie den Sittenforscher interessieren, als seltene Fälle von Rückfall in einen alten und barbarischen Brauch, der ehemals unter den Vorfahren der Juden sowie der Nichtjuden häufig genug geWt wurde. Solche Bräuche sterben langsam, es ist nicht die Schuld der jüdischen Gemeinschaft als Ganzes, wenn di? Schlange von Zeit zu Zeit Kraff genug besitzt, um ihr vergiftetes Haupt zu erheben und zu stechen..." Mt glatten, höflichen, äußerst vorsichtigen Worten — der Gelehrte scheut sich, eine entschiedene Meinung zu äußern — wird hier die bestimmte Verdächtigung ausgesprochen, daß die Ritualmordanklagen neuerer und alter Zeit gegen 'die Juden auf Wahrheit beruhtm. Tie JWen schlachteten tatsächlich kleine ChristenkiWer, um ihr Blut am Pessachfeste zu trinken, uW zwar taten das nur die „verkommensten unter der jüdischen Gemeinschaft" in Erinnerung an das Opfer der Erstgeborenen am Pessach, das in uralten Zeiten Wlich war. Es ist richtig, daß die JWen ehemals in einer längst vergangenen Urzeit Menschenopfer darbrachten, aber damals waren sie noch keine Juden, sondern Heiden, und sie opferten nicht Gott, sondern den Götzen. Allein schon der Gott, den ihr Urahn Mraham erkannte, offenbarte diesem, daß ihm Menschenopfer ein Greuel sind. Und just am Rüsttage des Pessafestes fasten noch heute die Erstgeborenen unter den Juden zur Erinnerung daran, daß am Tage vor dem Auszuge aus Aegypten Gott zu Moses sprach, die Erstgeborenen sollen fortab gleich den Priestern seinem Dienst geweiht sein. Freilich dauerte es noch ein paar Jahrhunderte, bis es den Propheten Israels gelang, in eisernem Kampfe den alten AberglaWen des Götzendienstes und der Kindesopfer auszurotten. Wir wissen, daß die Zerstörung des ersten Tempels und des Reichs und die Wegführung des Volkes nach BWylon als die Strafe Gottes betrachtet wurde dafür, daß unsere Vorfahren, den Mahnungen der Propheten zum Trotz, immer wieder, vom Beispiel der Nachbarn angesteckt, in die alten Laster zurücksielen. Wir wissen Wer auch, daß nach dem Exil der Götzendienst und die Kindesopfer völlig verschwunden waren aus der Mitte des Volkes. Tie einzelnen Phasen dieses Jahrhunderte dauernden Prozesses liegen offen zutage in den Büchern der Bibel, und ein Gelehrter wie Professor Frazer braucht nicht erst darüber belehrt zu werden. UW nun soll dieser uralte, längst Werwundene AberglaWe sich noch dritthalbtausend Jahre später unter den niederen Massen der Juden lebendig erhalten haben! Ist das nicht der dickste Merglanbe, obwohl ihm ein weltberühmter Gelehrter huldigt und damit Erscheinungen klären will, die in das Reich der Phantasie gehören? Uebrigens, auch tn den schlimmsten Zeiten, als die Propheten ihre ganze Kraft aufzubieten gezwungen waren, um die Mischen Könige und den Adel davon abzuhalten, daß sie, in Nachahmung ihrer heidnischen Nachbarn, ihre Kinder dem Baal oder dem Moloch opferten, - handelte es sich ja nur um ihre eigenen Kinder! Daraus beruhte ja eben die heidnische Verblendung, daß die Menschen glaubten, den blutigen Zorn ihrer Götter nur dadurch besänftigen zu können, daß sie ihnen das Teuerste und Liebste, was sie besaßen, zum Opfer hinschlachteten und das Blut vor ihnen ausschütteten. Nur die eigenen Kinder, die Kinder des eigenen Volkes konnten hingeopfert werden, nicht aber fremde Kinder, Kinder eines fremden Volkes, die man stahl oder raubte, das wäre ja kein Opfer gewesen; nach der primitiven Logik jener einfältig-rohen Menschen mußten die Götter ein solches zu Pessach sollte Jeder der es bisher noch nicht getan, eine Spende für den „Hilfsfonds des liberalen Judentums“ zeichnen. Die Bekanntgabe der Spender erfolgt regelmäßig in der, Jüdischliberalen Zeitung". Da gerade jetzt der 2te Vierteljahresbeitrag 1929 in Höhe von M 2.50 fällig geworden ist, ist es am bequemsten, wenn Sie diesen MitglledSbei" trag zugleich mit ihrem Sonderbel* trag in Höhe von M 10.— auf das Konto der „Vereinigung für das liberale Judentum E. V", Berlin No. 137069 zu überweisen. Jeder eimeine muß durch einen Beitrag zeigen, daß er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Parum gebt alle, der Vor« mögende mehr, der andere weniger, und gebt schnell« fereiBigflog flr das liberale JodeBtoi E. V. ^551

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