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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-04-12 · 15 (12.4.1929) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
15 (12.4.1929)
Date
1929-04-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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3. Tie Städte Solingen, Wald, Höhscheidt, Gräfrath -und Ohligs werden zusammengeschlossen. Gesamtbevölkerung Jüd. Bevölkerung Solingen . . . 51929 210 Wald . . . . 27 560 18 Höhscheidt . . . 15853 5 Gräfrath . . Ohligs . . . . 10 582 29804 41 135 728 274 4. Mit der Stadt Remscheid werden die Städte Lennep und Lüttringhansen, diese ohne den Ortsleit Beyental, zu- -ammengeschlossen. Gesamtbevölkerung Jüd. Bevölkerung Remscheid . . . 76 827 229 Lennep .... 14155 32 Lüttringhausen 13671_3 104 653 264 Völlig unberücksichtigt geblieben sind bei diesen Ausführungen die geplanten Aenderungen in den Regierungsbezirken Münster und Arnsberg, wie ja auch für den Regierungsbezirk Tüsseldorf nur ein kleiner Teil der Aenderungsvorschläge erwähnt wurde. Wesentlich war hier vornehmlich, einen Eindruck von der Bedeutung der vorgesehenen Umgrupipierung auch für das jüdische Leben zu vermitteln und den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden rechtzeitig zu veranlassen, die Gelegenheit für eine zweckmäßige Gestaltung des jüdischen Gemeindewesens, die sich hier für einen großen Bezirk bietet, nicht ungenutzt vorübergehekni zu lassen. B.W. Umschau Banditm in der großen Synagoge von Chikago. Am Sonntag, den 7. April, abends, drangen fünf schwerbewaffnete Räuber in die große Synagoge in Chikago ein, wo in Anwesenheit rumänischer Regierungsvertreter, des rumänischen Konsuls und anderer prominenter Persönlichkeiten die Zehnjahresfeier der Begründung des vereinigten Rumänien stattfand. Sie drängten etwa 80 Zuhörer an die Wand, leerten ihnen die Taschen und erbeuteten Schmuck und Bargeld im Gesamtwert von 80 000 Dollar. Die Banditen ließen sich dazu eine halbe Stunde Zeit und verschwanden danach im Dunkel. Man nimmt an, daß die Räuber Juden waren, denn sie gaben dem Rabbiner, der die Versammlung leitete, die ihm vorher geraubte Geldtasche mit 22 Dollar wieder. Die Polizei nahm sofort die Verfolgung auf, die jedoch bisher erfolglos blieb. Inquisition in Jemen. Die Zeitung „Toar Hayom" veröffentlicht den Brief eines aus Jemen eingetroffenen Juden, in welchem über den furchtbaren Glaubenszwang, den man auf der südarabischen Halbinsel Jemen gegen die Juden nusübt, berichtet wird, Für die Richtigkeit der Meldung müssen wir der palästinensischen Zeitung „Doar Hayom" und der Jüdischen Telegraphen-Agentur, die sie verbreitet, die Verantwortung überlassen. Ter Jman Jahia vom Jemen erließ vor Ende 1928 eine Verfügung, wonach alle jüdischen Knaben und Mädchen, deren Vater gestorben ist, zwangsweise dem Jflam zugeführt werden sollen. Nach dem Willen der Mutter und der Kinder wird nicht gefragt. Auf Grund dieser Verfügung veranstaltet die Polizei seither eine ununterbrochene Suche nach jüdischen Waisenkindern, um deren zwangsweise Zuführung zum Jflam zu bewerkstelligen. Diese Nachforschungen finden unter sehr peinlichen und für die Judenschaft quälenden Umständen statt. Besondere Negierungsbeamte wurden ernannt, deren Aufgabe es ist, die Kinder und die Jugendlichen für den Islam zu gewinnen und sie in die Lehren des Koran einzuweihen. Nach den ersten erfolglosen Bemühungen wird von Ueberredungskunst zu Zwang übergegangen. Tie Kinder und Jugendlichen werden furchtbaren körperlichen Martern unterzogen und schließlich gefesselt und in tiefe Gefängniskeller geworfen. Man droht ihnen für den Fall, daß sie die Bekehrung ablehnen sollten, mit dem Martertode. Trotz aller dieser drastischen Maßnahmen konnte man seit Mitte Dezember v. Js., da der Erlaß des Jman bekanntgegeben wurde, im ganzen 27 jüdische Waisenkinder dem Islam zuführen. Ein besonders tragischer Fall betrifft zwei jüdische Waisenkinder, Bruder und Schwester, die am 23. Januar nach sechswöchigen furchtbaren Martern in den Schoß des Islam gebracht wurden. Tie Bemühungen der Gemeinde, die ein beträchtliches Lösegeld für Freigabe des Geschwistcrpaares angeboten hat, blieben erfolglos, weil der Befehl zur Bekehrung dieser Kinder als unabänderlich hingestellt wurde. Während die Kinder dem Islam zugeführt wurden, waren Hunderte von Juden um das Gebäude versammelt. Trotzdem die Juden des Jemen unter einem furchtbaren Truck gehalten und bei jeder Gelegenheit schrecklichen Verfolgungen ausgesetzt sind, bringen sie den Mut auf, gegen die zwangsweise Bekehrung von Kindern, die an die schlimmsten Taten der spanischen Inquisition erinnern, Protest zu erheben. Völkische Gesinnung in den Altpreußischen Freimaurerlogen. Wie Tr. S. Fürth-Wandsbek in der „Vosfischen Zeitung" schreibt, hielt der Tannenbergbund Anfang dieses Monats eine Versammlung in Wandsbek ab. Er ergoß ™ dieser Versammlung Kübel des Unrats über die Juden, Jesuiten und Freimaurer unter dem Titel: „Die Teufeleien der überstaatlichen Mächte, Juden, Freimaurer und Jesuiten". Dle Freimaurer von Wandsbek luden hierauf am 11. März zu einem öffentlichen Vortrag über „die Wahrheit über die Freimaurerei" ein. Es ist doch wohl anzunehmen, daß die maßgebenden Frei- ,emen!ur diesen Vortrag besonders geeigneten und ihre Meinung wiedergebenden Vertreter entsandt haben. Dieser stellte sich rn der Person eines Lehrers aus Husum dar, und führte unter anderem aus: „Der Tanneirbergbund wirft uns vor, wir seien verjudet. Demgegenüber stelle ich fest, daß wir, die drei altpreußischen Logen, völlig judenrein sind. Nur die sog. humanitären Freimaurerlogen haben etwa 3 v. H. jüdische Mitglieder. Ich bin kein radikaler Antisemit. Es gibt unter den Juden auch einige anständige Menschen. Allerdings steht auch für mich fest, daß wir von der internationalen jüdischen Hochfinanz, dieser Pestbeule am Volksrörper, umklammert sind. Ueberall, nicht nur im Handel, auch in Kunst und Gewerbe und in anderen Berufen üben die Juden einen verderblichen Einfluß aus, doch ich bin überzeugt, daß unser deutsches Volk den verderblichen Einfluß der Juden brechen wird. Im ganzen in Preußen habe es ja, Gott sei Dank, vor dem Kriege keine jüdischen Offiziere gegeben. Nur in einem Regiment sei ein getaufter Jude Offizier geworden. Deswegen sei dieses Regiment auch „Regiment Cohn" genannt worden- Bei der Aufnahme in unseren Orden haben wir bisher nur die religiöse Sekte beachtet und daher auch getaufte Juden ausgenommen. Nunmehr aber haben wir uns auch der rassenmäßigen Betrachtung zugewandt. Wir legen daher jetzt jedem Aufzunehmenden die Frage vor: „Stammen Sie wissentlich von Juden ab?" (Anhaltender Beifall bei den Tannenbergbundleuten.) Im Verlaufe der weiteren Ausführungen meinte der Lehrer aus Husum: „Unser Ritual ist nicht jüdisch, sondern alttestamentarisch." Der Lehrer aus Husum versuchte dann zu beweisen, daß die Freimaurer ebenso hundertprozentig national seien und ebenso hundertprozentig die deutschen Belange vertreten wie auch der Tannenbergbund mit chrem Führer Ludendorff." Dr. Fütth schließt: „Es wäre interessant, festzustellen, ob diese öffentliche Stellungnahme eine prinzipielle Festlegung der Freimaurerlogen auf völkische Jdeengänge ist." Antrag aus Sormtagsarbeit in Betrieben, die am Sabbat ruhen. Der Angestelltenbund „Agudas Jisroel" mit dem Sitz in Frankfurt a. M. hat dem Sozialpolitischen Ausschuß des Deutschen Reichstags den folgenden Antrag unterbreitet: Der Reichstag beliebe in dem zur Zeit zur Beratung stehenden Entwurf eines Arbeitsschutzgesetzes, der u. a. die Bestimmungen über die Sonntagsruhe neu regelt, eine dem Sinne nach wie folgt lautende Bestimmung aufzunehmen: In den Betrieben des Handelsgewerbes, die am Sabbat und jüdischen Feiertagen gänzlich ruhen, dürfen Angestellte Mischen Glaubens an Sonn- und Feiettagen bis zur Dauer von fünf Stunden mit der Maßgabe beschäftigt werden, daß die Geschäftsräume für den allgemeinen Verkehr geschlossen bleiben. Zur Begründung wird u. a. ausgeführt, der Bund habe den Zweck, die den Sabbat beobachtenden religionstreuen Handlungsgehilfen gegen die durch die Wahrung des Sabbats verschärfte Gefahr der Erwerbslosigkeit zu schützen.' Ein solches Gesetz würde auch den Arbeitgeber vor dem wirtschaftlichen Untergange schützen. Die wohltuende, in sozialer und sittlicher Hinsicht unerläßlich segensreiche Wirkung des jüdischen Sabbats — heißt es dann weiter — kann nur derjenige ermessen, der ihn praktisch erlebt hat. Der jüdische Sabbat gewährt uns, den Handlungsgehilfen, eine für Körper und Seele gleich erfrischende Erholung von mindestens 25-stündiger ununterbrochener Dauer. Auch Spaziergänge ins Freie sind, wenn auch das Religionsgesetz weitere Reisen und die Benutzung der Eisenbahn untersagt, durchaus möglich. So besteht weder vom hygienischen, noch vom sozialen Standpunkte irgendeine Veranlassung, den 25-stündigen wöchentlichen Ruhetag für die strenggläubigen jüdischen Handlungsgehilfen als unzureichend zu betrachten und ihnen einen weiteren Ruhetag aufzuzwingen. Wir ziehen es jedenfalls vor, nach 25-stündiger Ruhezeit einige Stunden am Vormittag zu arbeiten, statt einer lebensfremden Gleichmacherei zuliebe unser Brot zu verlieren oder unser Heiligstes preiszugeben. Die Frage der Heiligen Stätten in Palästina. Die Aussöhnung Italiens mit dem Vatikan, der neue Vertrag zwischen Staat und Kirche und die Neubildung des päpstlichen Staates in Italien haben eine Neuregelung des verfassungsmäßigen Status der jüdischen Gemeinden Italiens notwendig gemacht. Im Zusammenhang mit der neuen religiösen Politik hat die Regierung beschlossen, eine Modifizierung der gesetzlichen Verfügungen bezüglich der Juden, die noch vor der Bildung des vereinigten italienischen Königreichs in Kraft getreten waren, vorzunehmen. Zu diesem Zweck wird eine Sonderkommission eingesetzt, der drei Juden, unter ihnen der Oberrabbiner von Rom, und drei Nichtjuden angehören. Aufgabe dieser Kommission wird es sein, den Entwurf einer Neuregelung des Status der jüdischen Gemeinden herzustellen. Wie cs heißt, wird der anfängliche Plan, die Stelle eines Oberrabbiners für ganz Italien zu schaffen, fallen gelassen. Viel wahrscheinlicher ist, daß ein rabbinischer Rat als oberste rabbinische Landesbehörde eingesetzt werden wird. Neuregelung des Status der jüdischen Gemeinden Italiens. Wie die römischen Zeitungen melden, weilt der Apostolische Delegierte für Washington in Palästina. Er gedenkt, dort mit dem englischen Kirchenprimas, dem Erzbischof von Canterbury, zusammenzutreffen, um mit ihm die im Zusammenhang mit den Heiligen Stätten bestehenden Meinungsverschiedenheiten zu erörtern. Wie die dem Vatikan nahestehende Agentur „Corrispondenza" mitteilt, wird die Frage der Heiligen Stätten demnächst in das Zentrum der internationalen Verhandlungen treten. Es bestünden Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Vatikan und der britischen Regierung, wobei es der Standpunkt des Vatikans ist, daß England als Mandatarmacht des Völkerbundes voll ver antwortlich sei für die Ordnung der Besitzverhältnisse bezüglich der Heiligen Stätten. Fünfundzwanzigjähriges Rabbiner-ZubilSum von Dr. Lazarus in Frankfurt am Main Der Festgottesdienft in der Westend-Eynagoge. Der klangvolle Doppelgesang der Vorbeter trug dem Jubilar den Psalm des Grußes entgegen, als er, geleitet von seinen Amtsgenossen Dr. Seligmann und dem Gemeindevorstand, seinen Einzug hielt, von der dichtgedrängten Festgemeinde stehend empfangen. Das Gotteshaus zeigte festlichen Glanz und Feiertagsschmuck. Empore, Altar und Predigerpult waren in grünes Blattwerk eingebettet, mit dem sich reicher Silberschmuck zu seiner Harmonie verband. Grün und silbern überwölbt war auch der Sitz des Jubilars. Nachdem die begrüßenden Klänge verrauscht waren, begann der gewohnte Freitagabend-Gottesdienst. Es war wie sonst und doch ganz anders. Voller tönte Gesang und Wort; Andacht war mit Erregung, Feicrstimmung mit Spannung vermischt, bis endlich Rabbiner Dr. Selig mann das Wort zu seiner, von wärmster Empfindung getragenen Festpredigt ergriff. Er begann mit einem Dankgebet. Noch vor zwei Jahren, während der schweren Krankheit des Jubilars, hat jedes Herz um ihn gebangt, und nun dürfen wir ihn feiern, in voller Gesundheit und Kraft, ihn in unserer Mitte sehen. Ein Geschick eigener Art waltet über dem Berns des Seelsorgers. Während der Sämann seine Saat aufgehen sieht, der Kaufmann, der Künstler, der Arzt, der Anwalt das Werk ihrer Hände, den Erfolg ihres Tuns, meist klar zu erkennen vermögen, bleibt, was der religiöse Sämann gewirkt und geschaffen hat, im Dunkel. Er sieht nicht Blüte noch Frucht, so daß den Zweifel, ob nicht alles Mühen vergebens gewesen, nur ein so sieghafter Idealismus und Optimismus, wie er dem Jubilar innewohnt, überwinden kann. Der Talmud erzählt uns von den drei Kronen, von denen die des Priestertums an Arons Stamm, die Königskronc an den Stamm Davids vergeben und nur noch die Krone der Thora, die Würde des Lehrens, für jedermann erreichbar sei. Dies alles hat sich langst gewandelt. Das Lehramt will in mühereicher Arbeit errungen sein. Die Kronen des Priesters und des Führers dagegen sind nicht mehr ar» bestimmte Stämme gebunden. Ein reiches Erbe ist dem Jubilar zuteil geworden. Erinnert sei nur an seinen Vater, den hochverdienten Leiter des Rabbinerseminars in Breslau, an seine feinsinnige Mutter, an seinen Onkel, Professor Lazarus, den berühmten Philosophen und Schöpfer der Völkerpsychologie, den großen Führer der jüdischen Reformbewegung. Arnold Lazarus fühlte ganz die verpflichtende Kraft solchen Erbes; er wußte sich das Ererbte zu erringen, um es zu besitzen. Als Lehrer hat er bei uns seinen Einzug gehalten — es ist das Verdienst des unvergeßlichen Philanthropin-Direkwrs Dr. Adler, «uf ihn aufmerksam gemacht zu haben, — und durch die bezwingende Art seines Lehrens hat er zuerst die Herzen gewonnen und den Wunsch erweckt, eine solche Kraft auf die Dauer für die Frankfurter Gemeinde zu gewinnen. Die Krone des Priesters ward ihm zuteil, und es läßt sich in wenigen Sätzen nicht einmal andeuten, was er in diesen 25 Jahren im Dienste der jüdischen Frömmigkeit und des jüdischen Ethos geleistet; wie er mit mildem Ernst und sein abgestimmten Worten gewirkt: wegweisend bei Einsegnungen der Jugend und Trauungen, aufrichtend und tröstend bei Bestattungsfeiern; wie er Unzähligen durch Rat und Zuspruch in Haus und Familie beigestanden. Rühmlichst bekannt ist seine aufopfernde Betätigung als Feldprediger während des Krieges, wo er, durch vollen Einsatz seiner Persönlichkeit, nach allen Seiten hin reichen Segen gestiftet hat. So nimmt es nicht Wunder, daß Einfluß und Beliebtheit sich ganz von selbst zur Führerschaft steigerten. In reichem Maße ward sie ihm zuteil. Erwähnt sei nur die Loge Bne Bris und seine Stellung zur Jugend, die ihn jederzeit gern und willig als Führer und Vorbild anerkannt hat. Da es sich aber bei dem Führertum unseres Jubilars um die reine Auswirkung seiner Persönlichkeit handelt, so erinnern wir uns der vierten Krone, die der Talmud erwähnt und die er höher stellt als alle anderen, die Krone der Ehrenhaftigkeit, des reinen und lauteren Menschentums. Sie ziert, wie wir alle wissen, den Jubilar, als eine Persönlichkeit, die die besten Eigenschaften des Deutschen und des Juden in sich vereinigt. Tie Predigt klang in ein Bittgebet aus. Nun folgte I n st i z r a t D r. Blau, als Vorsitzender des Gemeittdevorstandes, mir einer Rede, die sich zunächst in fesselnder Weise mir der Geschichte der Berufung von Dr. Lazarus in das Frankfurter Rabbinat befaßte, und manche, ihn auszeichnende Erklärung von ihm selbst und von dem Vorstand an der Hand der Akten wiedergab. Die Entwicklung war kurz die, daß Dr. Lazarus, nachdem er am 1. April 1904 im Alter von 27 Jahren zur Vertretung des Religionslehrers hier angestcllt worden war, sich alsbald, und auch in den weiteren Anstellungsverhaltnissen, derart betvährte, daß der Vorstand die Vertrüge immer lange vor ihrem Ablauf ans immer größere Zeiträume erneuerte, bis zur lebenslänglichen Anstellung als Gemeinderabbiner am 1. April 1914. Inzwischen waren sehr ehrenvolle Berufungen von auswärts, namentlich von Berlin und von seiner Vaterstadt Breslau, an Dr. Lazarus ergangen. Er lehnte sie ab, nicht nur aus das dringende Ersuchen des Frankfurter Vorstands, sondern vor allem auch, weil er selbst, durch die hingebungsvolle Art seiner Berufsausübung, sich schon nach kurzer Zeit fest mit dem Frankfurter Boden verbunden fühlte. Auf Grund freiwilliger Meldung zum Kriegsdienst mit dem Amte des Fcldpredigers betraut, hat der Jubilar zahllosen jüdischen Soldaten und Familien die Segnungen der Religion vermittelt, zugleich aber auch durch das Ansehen, das er sich bei den Geistlichen anderer Bekenntnisse, beim Offizierskorps und den leitenden Armeestellen erwarb, der Sache des Judentums hervorragende Dienste erwiesen. Als ihn nach Rückkehr der Vorstand — 1922 — für einige Jahre nebenamtlich in die Gemeindeverwaltung berief, hat er auch diesen neuen, ausgedehnten Wirkungskreis mit der ihm eigenen Pflichttreue und mit großem organisatorischen Geschick vortrefflich ausgefüllt. Auf allen Gebieten aber wirkte von jeher die feinfühlige Persönlichkeit des Jubilars begütigend und verbindend, nicht zum wenigsten auch zwischen den verschiedenen Richtungen des Judentums. Der Redner schloß mit den herzlichsten Worten des Tankes und der Wünsche für die Zukunft. Sodann trat der Jubilar selbst, von lautloser Stille erwartet, an das Predigerpult. Ihm erhob sich, aus dankerfüllter Rückschau und tiefbewegter Freude, ein kraftvolles Bekenntnis zu den Aufgaben der Gegenwart und ein zuversichtlicher Ausblick in die Zukunft. In dem Zeitraum der 25 Jahre hat sich das Gesicht der Zeit völlig gewandelt. Aus eine Epoche machtvollen, wirtschaftlichen und politischen Ausstiegs, bei religiöser Gleichgültigkeit, folgte der Weltkrieg und nach seinem unglücklichen Ausgang eine einschneidende Blenderung der sozialen Schichtung. Neue Gegensätze entstanden und die alten entwickelten sich zu unversöhnlicher Schärfe. Zugleich aber machte sich ein religiöses Bedürfnis von wachsender Stärke geltend, namentlich bei der Jugend. Diesem Bedürfnis gilt es entgegenzukommen. Und jene Gegensätze werden am besten überbrückt, wenn es gelingt, dem überpersönlichen Denken und Fühleir immer zahlreichere Anhänger zu gewinnen. Miteinander und nicht gegeneinander zu arbeiten, sind wir berufen. Menschheit, Vaterland, Judentum: der eine mag dies, der andere jenes voranstellen; entscheidend ist, daß alle drei unser Dasein beherrschen und gestalten. Der Weg dahin führt vor allem über die Ehrfurcht, die dem tiefer empfindenden Menschen sich ganz von selbst ausdrängt, die Ehrfurcht vor dem, was über uns und in uns ist, und die Ehrfurcht vor allem Lebendigen. Der Jubilar wandte sich zum Schluß mit herzlichen Worten des Dankes: an Dr. Seligmann, der ihm schon als Knabe in Breslau den ersten Religionsunterricht erteilt und ihm dann auch in seinem Frankfurter Wirkungskreis ein Lehrer und Berater gewesen sei; an Justizrat Blau, der, mit dem gesamten Gemeindevorstand, ihm durch das von Anfang an entgegengebrachte schöne Vertrauen die Bahn bereitet und die Grundlagen für eine ersprießliche Wirksamkeit geschaffen; an die Festgemcinde, deren, die verschiedensten Kreise und Schichten auch außerhalb des Judentums, umfassende Zusammensetzung übrigens bewies, in welchem Umfange der Jubilar sich Anerkennung und Gefolgschaft erworben hatte. Er .dankte allen' Freunden fern und nah, allen, die ihm ihr Vertrauen geschenkt, sein« Tätigkeit durch Mitarbeit gefördert, und schloß mit einem Dankgebet, in das die Gemeinde aus vollem Herzen einstimmte. Erst nachdem die letzten Orgelklänge verrauscht waren, erhoben sich die Teilnehmer an der Feier, von denen viele die Gelegenheit suchten und fanden, dem Jubilar auch unmittelbar ihre Glückwünsche darzubringen. Wohl alle schieden mit dem Gefühl, eine religiöse Feier von großer Innigkeit erlebt zu haben. Es war ein Sabbat des Dankes und zugleich ein Neujahrsfest froh-ernster Zuversicht, ein Fest der Zeitlichkeit, das sich mit ewigen Klängen zu herzerhebender Einheit verband. Dr. Philipp Rothbarth. . : * | Aus den Gemeinden; * I .....t Arnsberg. (Synagogenschändung.) Nach einer nationalsozialistischen Versammlung in Arnsberg, in der der ehemalige Pfarrer Münchmeyer eine Hetzrede hielt, zog eine Rotte Mitglieder der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei zur Synagoge und schlug dort die Fenster ein. Die Bande drang weiter in die jüdische Volksschule ein, wo sie wie die Vandalen hauste. Tische und Bänke wurden umgeworfen, Bilder und Karten von den Wänden gerissen und das Schulzimmer auf nicht wiederzugebende Weise verunreinigt. In den Betsaal der Synagoge vermochten die Burschen nicht einzudringen, da es ihnen nicht gelang, die Tür aufzubrechen. Die Polizei hat bereits fünf der Täter festgenommen. Berlin. (S e d e r a b e n d e.) Zu dem diesjährigen Pessachfeste veranstaltet der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin folgende Sederfeiern: In Schneider's Hotel, Klostcrstraße 79, Ecke Königstraße (Tel. E 2 Kupfergraben 3851), am ersten Sederabend, Mittwoch, den 24. April, abends 81/4 Uhr, unter Leitung des Herrn Kantor Gordon, am zweiten Sederabend, Donnerstag, den 25. April, abends 81/4 Uhr, unter Leitung des Herrn Kantor Hanns John. Ferner in den Räumen der Odd-Fellow-Loge, Kur«

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