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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-04-12 · 15 (12.4.1929) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
15 (12.4.1929)
Date
1929-04-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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sürsteridamm 4811 (Tel. I 1 Bismarck 798), am ersten Scdcrabend, Mittwoch, den 24. April, abends 81/4 Uhr, unter Leitung des Herrn Kantor Hanns John. Der Preis für das trockene Gedeck beträgt bei allen Veranstaltungen Mk. 4,50. Rechtzeitig« Anmeldungen bei oben angegebenen Telephonnummern oder direkt beim Liberalen Verein für di« Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin, SW. 48, Wilhelmstraße 147 (Bergmann 3358/59), erbeten. Danzig. (Senator Julius Jeweloivsky türkischer Generalkonsul.) Die Regierung in Angora hat den Handels- Senator des Freistaates Danzig, Herrn Julius Jewelowsky, der langjähriges Mitglied der Danziger Ortsgruppe der.Bereinigung für das liberal« Judentum ist, zum Generalkonsul der Türkei für Danzig und den Sohn von Senator Jeweloivsky zum Vizekonsul ernannt. Dresde«. (Sächsisch« Rabbinervereinigung.) Am Sonntag, den 7. April, tagte zu Zwickau unter dem Vorsitz des Rabbiners Professor Dr. Wintcr-Dresden die Bereinigung der sächsischen Rabbiner. Aus der reichhaltigen Tagesordnung dürfen die nachfolgenden Erörterungen und Beschlüsse das Interesse der großen jüdischen Oeffentlichkeit in Anspruch nehmen. Zu dem Kampfe, den Rabbiner Dr. Goldmann-Leipzig um die Befreiung jüdischer Kinder vom Schulbesuch an Sabbaten und jüdischen Feiertagen führt, wurde beschlossen, daß nach der Wahl des neuen sächsischen Landtages durch Vermittlung des sächsischen Gcmeindeverbandes, dessen Vorstand auch der Vorsitzende der Rabbinervereinigung angehürt, eine Eingabe eingereicht wird, die die unerläßlichen Forderungen des religiösen Judentumerhebt. Des weiteren wurden Einzelheiten aus der Seelsorge an Strafanstalten erörtert. Zum nächsten Punkt der Tagesordnung wurde beschlossen, die an den sächsischen Hochschulen eingeschriebenen Studenten in den Kreis der sozialen und seelforgerischen Bemühungen zu ziehen. In Dresden, Leipzig und Mittweida soll der Versuch gemacht werden, die Studierenden ohne Unterschied der politischen und religiösen Einstellung zu sammeln und bei geselligen und geistigen Veranstaltungen ihr Interesse für das Judentum zu wecken und ihr jüdisches Berantwortlichkeitsgefühl zu stärken. Nach der Besprechung einzelner Ausgaben der Wanderfürsorge und der Erörterung von Standesangelcgenhciten ging die Versammlung zum Hauptpunkt der Tagesordnung über, zum Lehrplan für den Religionsunterricht in Sachsen. Rabbiner Dr. Gärtner-Zwickau hielt ein gründliches und interessantes Referat über den „systematischen Religionsunterricht", in welchem er vornehmlich die vorhandenen Lehrmittel kritisch beleuchtete, ihre Fehler aufzeigte und die Forderungen für die Abfassung neuer, geeigneter Lehrbücher ausstellte. In einer für bcu Juni in Aussicht genommenen weiteren Versammlung soll dieses Referat besprochen und die weiteren Themen, der Unterricht in biblischer Geschichte, in jüdischer Geschichte und im Hebräischen behandelt werden. Gießen. (I u b i l ä u m.) Zu den ersten der jüdischen Lehrer, die unter der ehemaligen großhcrzoglichen Regierung in den staatlichen Bolksschuldicnst traten, gehörte Lehrer Otto Grünebaum, der letzten Donnerstag sein 25 jähriges Lehrerjubiläum an der hiesigen Simultanschule beging und manche Aufmerksamkeit entgegennehmen durfte. Hirstein. (Todesfall.) In säst vollendetem 81. Lebensjahre starb der um die Gemeindeverwaltung verdiente R. Rothschild. Viel« Jahre tvar er erster Vorsteher, und mit Eifer und Hingabe wurden die religiösen Interessen von ihm vertreten. In allen Kreisen' der Bevölkerung erfreute sich der Verstorbene, einer der letzten Mitkämpfer von 1870/71, besonderer Wertschätzung, was auch durch die rege Teilnahme an soiner Beisetzung bemerkbar wurde. Lauda», Pfalz. (A m t s j u b i l ä u m.) Bezirksrabbincr Dr. Berthold Einstein beging am 1. April sein vierzigjähriges Amts-- jubiläum. Der Jubilar, der nun seit über einem Menschenalter seine Kraft dem Bezirk Landau gewidmet hat, erfreut sich der Beliebtheit und Verehrung weitester Kreise und steht gesinnungsmäßig und organisatorisch der Sache des liberalen Judentums besonders nahe. Nürnberg. (Das große Machsor der Nürnberger Stadtbibliothek.) Aus Anlaß des 500jährigen Bestehens der Nürnberger Stadtbibliothek ist eine Jubiläums-Ausstellung in Vorbereitung, in der Bibliotheksdirektor Dr. Fr. Bock das Wertvollste und Schönste des Bibliotheksbesitzcs zeigen wird. Zrt den allerältestcn und kostbarsten Handschriften der Bibliothek zählt neben andern Judaieis das große „Machsor" aus dem Jahre 1331, ein 517 Pergamentblätter starker Codex, der auch an Umfang neben den Antiphonarien der Margarete Karthäuscrin zu den größten Werken der Bibliothek zählt. Er muß in der Ausstellung ob seiner Größe offen aufgelegt werden, da ein genügend großer Glaskasten nicht zur Verfügung steht. Das große „Machsor" stellt eine Sammlung hebräischer Gebete in Versform dar. Die Schrift, teils in Farbe, teils in Gold, ist besonders kunstvoll beim Beginn jeder neuen Abteilung. Btkde» (Aller). (Gei> enktafclweihe.) Nun hat die hiesig« Gemeinde ihren gefallenen Helden auch eine Gedenktafel errichtet und sie in feierlichem Gottesdienst geweiht. Rechtsanwalt Dr. Löwenstein richtete an die Teilnehmer herzliche Begrüßungsworte, Lehrer Goldschmidt hielt die Weihercde, und Liedvorträgc des Hamburger Opernsängers Ernst London umrahmten die Feier. Dr. Fürth richtete als Vertreter vom Nordwestdcutschcn Landesverband des Bundes jüdischer Frontsoldaten an die Stifter der Gedenktafel Worte des Dankes. Mit dem Kaddischgebet endete die Feier. Wattenscheid. (100-Jahr-Feier derSynagogengem e i n d e.) „100-Jahr-Feier: Tag der befriedigten Rückschau auf mühereiche Aufbauarbeit, auf encrgievoll und opferfroh Gestaltetes, Tag zugleich berechtigten Zukunstsglaubcns! Beide Momente klangen immer wieder durch die festliche Stimmung der 100-Jahr-Feier, die die Synagogengemeinde Wattenscheid am Samstag anläßlich des 100jährigen Bestehens der Wattenscheider Synagoge in wahrhaft würdiger Weife beging." In diese Worte faßt die „Allgemeine Wattenscheider Zeitung" ihre umfangreiche Festbetrachtung zusammen. Die Feier wurde eingeleitet durch einen Festgottesdienst in der Synagoge, an dem neben jetzigen und ehemaligen Gemeindemitgliedern u. a. auch Vertreter der katholischen und evangelischen Geistlichkeit und der Stadtverwaltung teilnahmen. Prediger Oppenheim legte seiner erhebenden Predigt das Wort zugrunde: „Wie ehrfurchtgebietend ist dieser Ort; fürwahr, hier ist ein Gotteshaus, hier ist die Pforte des Himmels." Die Festpredigt wurde von 2 Sologesängen umrahmt, die Frau Lilli Röttgcn> Bochum, meisterhaft zu Gehör brachte. Ein an den Festgottesdienst anschließendes Beisammensein wurde vom 1. Vorsteher Nathan Röttgen geleitet und durch Begrüßungsworte des 2. Gemeindevorstehers Karl Kaufmann eröffnet. Nach einer Allsprache von Prediger Oppenheim brachte Oberbürgermeister Dr. Ueberhorst, der auf das gute Einvernehmen der konfessionellen Gemeinschaften in der Stadt Wattenscheid verwies, ein Hoch aus die Synagogengemeinde Wattenscheid aus. Dechant Wulf überbrachte u. a. im Namen der katholischen Gemeinden des Dekanates Wattenscheid, Pastor Bonne im Namen der evangelischen Kirchcngemcindc Glück- und Segenswünsche zum 100 jährigen Bestehen der Synagoge. Am Abend vereinte eine Schlußfeier nochmals die Gemeinde und ihre Freunde. f# |.Aus der Bewegung * Berit«. (2. Gemeindeabcnd der Liberalen Synagoge Wilmersdorf.) Die Liberale Synagoge Wilmersdorf veranstaltete zusammen mit der Bezirksgruppe Wilmersdorf des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin am 9. April ihren zweiten Gemeindeabcnd in diesem Winter. Die zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste wurden nach einleitenden GesangSvorträgen von Frau Ring durch den ersten Vorsitzenden Dr. Leo Caro begrüßt, woranf der erste Referent, das Mitglied des Repräsentantenkvllegiums der Jüdischen Gemeind«, Herr Dr. S. London, das Wort zu seinem Referat: „Synagoge Prinzregentenstrahe, ein Kapitel liberaler GemeindepGibik", ergriff. Der Redner fchildett« di« Verhältnisse in der Gemeindestube, wie sie sich seit den letzten Wahlen, entwickelt hatten, die Parteikonstellatton und die Majorisierung der Liberalen durch den Block der Volkspartei, des konservativen Vertreters und der Mittelpartei sowie die weitere Entwicklung, die zum Abschluß des Kompromisses zwischen der liberalen Fraktion und der Bolkspartei führte, um ein ersprießliches Wirken der Gemeindekörperschäften bis zum Ablauf der Legislaturperiode zu sichern. An Hand der einzelnen Beschlüsse der Gemeindebehörden zeigte der Redner, daß sich die Arbeit der liberalen Repräsentanten nicht auf fruchtlose Opposition beschränkt«, sondern auch zu Resultaten führte, die sich in der Entwicklung der Gemeinde bemerkbar machen müssen, wie die Uebcrnahme der Schule in der Rykestraße in Gemeindeverwaltung bei Verzicht der Bolkspartei auf Errichtung weiterer konfessioneller Schulen bis zum Ablauf der Legislaturperiode, Verzicht auf Unterstützung der Palästinaarbeit durch die Gemeinde bis auf die Bewilligung eines Lehrstuhls für deutsche Literatur an der Universität in Jerusalem, Bewilligung der erforderlichen Subventionen für die liberalen Synagogen Norden und Wilmersdorf sowie Vereinbarung des Ablaufs der Wahlperiode der Repräsentantenversammlung mit Ende 1930. Redner schilderte dann die Verhandlungen wegen des Baues und der Sitzanordnung in der im Bau begriffenen Synagoge Prinzregentenstraße, in der gemäß Vereinbarung mit der Volkspartei die Trennung der Geschlechter aufgehoben wurde, so daß damit ein Postulat der Liberalen erfüllt ist, das sich in seiner Auswirkung auch auf die Gemeinden im Reiche kaum überblicken läßt. Mit einem Appell an die Anwesenden durch tatkräftige Mitarbeit die liberalen Vertreter in den Gemeindekörperschaften zu unterstützen und bereits jetzt die Wahlen vorzuberciten, damit die alte Majorität wieder hergcsteklt lverde, schloß der Referent unter lebhaftem Beifall seine Ausführungen. Nach ihm ergriff an Stelle des erkrankten Rabbiners Dr. Salo-- monski Rabbiner Dr. Gottschalk aus Frankfurt a. M., der der Versammlung als Gast beiwohnte, das Wort zu seinem Referat: „Was verlangen wir von einem liberalen Gottesdienst?" Ausgehend von der Prophetenreform, die an Stelle des materiellen Opfers das Gebet des Herzens gestellt sehen wollte, wies er stichwortweise auf die Entwicklung der Idee des Gottesdienstes seit dem Altertum bis in die Neuzeit hin und schilderte die Vorläufer des heutigen Ringens des Liberalismus in anschaulicher Weise. Ter liberale Gedanke, der nicht stehen bleibt, muß die Entwicklung weiter fördern. Es genügt nicht, wenn wir mit den bisherigen Errungenschaften zufrieden sind, cs müssen auch die Feste, die bisher vernachlässigt sind, in neuer Form Inhalt finden, um die Indifferenten heranzuziehen, wie z. B. die Halbfeiertage der Wallsahrtsfeste, während der den sonst durch ihre Beschäftigung an den Hauptfeiertagen vom Besuch des Gotteshauses Zurückgehaltenen Gelegenheit zu einer Andacht geboten werden soll, nicht als Sensation, sondern aus tiefem religiösen Empfinden. Redner ging dann auf die verschiedentlich bereits eingeführtcn religiösen Feierstunden ein und entwickelte ein Programm für diese Feierstunden, die der religiösen Beleuchtung verschiedenster Probleme und deren Vertiefung dienen müßten, um neue Menschen religiös-liberal zu beleben und der jüdischen Renaissance zu dienen. Lebhafter Beifall dankte beiden Referenten für die mit Spannung verfolgten Referate, an die sich eine lebhafte Diskussion anschloß, an der sich die Herren Justizrat Chvdziesner, Dr. Alfred Caro, Dr. Lipschitz, Rabbiner Dr. Wiener und Dr. Max Mayer beteiligten. Nach den Schlußworten der beiden Referenten schloß der Vorsitzende die Versammlung mit Dankesworten an alle Erschienenen und der Aufforderung, im Sinne der Ausführungen aller Redner an der Entwicklung der liberalen Bestrebungen tatkräftig mitzuarbeiten. Die Versammlung zeigte, daß ein lebhaftes Interesse am Gemeindeleben besteht, wenn es durch entsprechende Vorträge geweckt und belebt wird. Die Teilnehmer harrten bis zum Schluß der Versammlung vollzählig aus und erhielten viele neue Anregungen, die auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Breslau. (Jüdisch-liberaler Jugendverein „Abraham Geige r".) Die letzte Veranstaltung vor der diesjährigen Generalversammlung brachte uns am 3. April einen Bortrag von Herrn Gustav Glaser, Direktor des jüdischen Wohlfahrtsamtes, über „Revolte im Erziehungshaus". Vom Lampelschen Drama ausgehend, wies der Vortragende auf die bestehenden Fürsorgebestimmungen hin und führte danach aus, daß die Fürsorgeerziehung letzten Endes einen Eingriff in die Rechte des Staatsbürgers, die persönliche Freiheit, bedeute. Umso vorsichttger müsse man bei der Unterbringung verfahren. Die psychologischen und pädagogischen Erfahrungen dürfen nicht unberücksichtigt bleiben. Häufig bedeutet jedoch Ablehnung der Fürsorgeerziehung einen Schaden des Aufzunehmenden. Zum Beweis hierfür werden zwei Gerichtsurteile angeführt, die den Einfluß schlechter Erziehung und das schlechte elterliche Beispiel behandeln. Der Vortragende ging dann auf das Lampelsche Stück näher ein. Er kommt zu dem Schluß, daß vieles übertrieben und unrichtig gesehen, vieles aber auch wahr sei. Lampcl hat das Verdienst, die Aufmerksamkeit aufgerüttelt zu haben. Gegenerklärungen des Landesjugendamtes und im Landtag haben keinen durchdringenden Erfolg gehabt. Die Schwierigkeiten des Fürsorgeerziehungsproblems bestehen fort und sind schwerlich auf einmal zu lösen. Ein trauriges Bild zeigten schon die angeführten Statistiken der Fürsorgeerziehung in Niederschlesien. Auch die Juden sind prozentual stark vertreten. Eine Auseinandersetzung des Vortragenden mit den verschiedenen auch von jüdischer Seite (Zentralwohlfahrtsstelle, soziale Woche, Presse) in letzter Zeit gemachten Vorschlägen zur Lösung des schwierigen Erzichungsproblems bildeten den Schluß der interessanten Ausführungen, an die sich noch eine äußerst rege Aussprache anschloß. E. V. Frankfurt a. M. (Jüdisch-liberale Jugendgemcinschüft.) In dem Vortrags-Zyklus „Unsere Umwelt und wir" sprach Herr Kaplan Wohlrabe über „Katholizismus". Er legte insbesondere einige Grundbegriffe klar. Im Gegensatz zur äußeren sichtbaren Kirche als Anstalt und Organismus zur Verkündung, Erhaltung und Betätigung des christlichen Glaubens bedeutet die katholische Kirche in religiösem Sinne nach innen die Verwirklichung des Gottesreiches hier aus Erden. Die Unfehlbarkeit des Papstes macht ihn nicht als Menschen unfehlbar. Gott gibt seine Lehre weiter, d. h. er offenbart sich durch das unfehlbare Lehramt der Kirche. Und wenn der Papst als oberster Führer der Kirche kraft göttlichem Recht über Sachen des Glaubens und der Sitten „ex cathedra" entscheidet, so gelten diese Entscheidungen als Offenbarungen Gottes und deshalb als unfehlbar. So ist auch beim Katholiken der Zwang des Dogmas erklärlich. Gegenüber dem unfehlbaren Lehramt hat der Katholik als Einzelner sein Gewissen. Und dieses geht allem andern vor. Wohl kann er, wenn er seinem Gewissen im Gegensatz zum Lehramt Folge leistet, aus dem Schoße der äußeren Kirche ausgcstoßen werden; der unsichtbaren Kirche gehört er doch weiter an, sofern er sich nur zum christlichen Glauben bekennt. Zur Gemeinschaft der Heiligen gehören alle, die in Gemeinschaft mit Gott stehen. — Wenn auch die Kirche die Verwirklichung des Gottesreiches auf Erden bedeutet, so findet dies doch seine Vollendung erst im Jenseits. Anschließend an diese interessanten Ausführungen lvurdcn an den Herrn Referenten von den zahlreich erschienenen Hörern viele Fragen über Glauben und Gebräuche der katholischen Kirche gerichtet, deren sachliche und klare Beantwortung manche Zweifel und Unrichtig feiten behoben. Unser diesmaliger Freitagabend-Gottesdienst war gleichzeitig als Vorfeier für Purim gedacht. Nach einem einleitenden Gesang von Frau Fabisch sprach Max Fedcrlein einige Psalme und Herr Rabbiner Dr. Gottschalk die hauptsächlichsten Freitagabend-Gebete. Die Ansprache hielt Fräulein Edith Falk. Sie hob das Gute hervor, das in der heutigen Jugend schlummert, insbesondere in der religiösen. Das Nachdenken und Theoretisieren über die Menschheitsprobleme tue cs aber nicht allein. Wir müssen sowohl denen, die uns völlig ablehnend gegenüberstehen, als auch denen, die uns zu verstehen glauben, cs in Wirklichkeit aber nicht tun, indem sie Motive und Willen verkennen, zeigen, daß ehrlicher Wille vorhanden ist. Deshalb heraus aus der bloßen Theorie! Bewährt Euch praktisch in der Ausführung Eurer sozialen und pazifistischen Ideen! — Den Abschluß der Feier bildete L. v. Beethovens „Die Himmel rühmen", von Fräulein Alice Kassel gesungen. - Nach der Feier nahm der Abend bei Familie Dr. Hoffmann seine Fortsetzung. Parli Zedner, ein Mr^lred der Jüngerengruppe, fang den Kiddusch vor der gemeinsamen Abendmcthlzeit. Nach Tisch vereinigten uns noch ein paar recht nette Stunden bei fröhlicher Unterhaltung, Vorträgen und Spielen. Dank allen Mitwirkenden und den Gastgebern! W. H. » Sprechsaal * Für diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich dir pttfr oeleüliche Berantwortuna. Berliner Santorenfragen Als ich im Jahre 1925 in einem „Protektionswirtschaft?" überschriebenen Aufsatz die Absicht der Berliner Gemeindegewaltigen, den Kantoren „je nach Leistungen" Funktionszulagen zu gewähren, als «ine Benachteiligung derjenigen Borbeter geißelte, die in jahrzehntelangem Gemeindedienst ihre Kräfte verbraucht haben, gelang es mir, etwaiger Protektionswirtschaft vorzubcugen und die Einstufung dieser vielfach schwer ringenden und darum wenig beneidenswerten Beamten in die den staatlichen Besoldungsgruppen ähnlichen Kategorien anzubahnen. Segen der Presse! Daß die Gemeinde von den Kantoren wöchentlich je acht Stunden Religionsunterricht, an zwei Tagen den liturgischen Gottesdienst aus dem Friedhofe oder eine wöchentlich zwölfstündige Bürotätigkeit — je nach Wahl — verlangt, ist durchaus in der Ordnung. Die Stimme würde gewiß nicht geschädigt, wenn die Herren Oberkantoren auch an zwei Tagen der Woche (Thoravorlesung!) beim Wochentagsgottesdienst vorbeten würden, wie überhaupt die öftere Beteiligung b«r Herren Rabbiner, Ersten Kantoren und Vorsteher zur Hebung dieser Wochentagsgottesdienste ungemein viel beitragen würden. Allerdings sollte man diese Pflichtleistungen der Beamten mit zunehmendem Dienstalter verringern — ähnlich der Herabsetzung der Pflichtstundenzahl bei den staatlich angestellten Lehrern — jüngeren und gesundheitlich gefestigten Kantoren, die das Lehrerzeugnis besitzen, jede Möglichkeit zur Erteilung besonders honorierter Ueberstunden. gewähren. Ebenso ist geeigneten zweiten Kantoren daS Aufrücken zum Ersten Kantor in weitem Umfange zu ermöglichen, da den regelmäßigen Synagogenbesuchern nur an einem frommen, mit Innigkeit vorbetenden Kantor, nicht an einem Virtuosen oder Konzertsänger liegt. Der Durchschnittsbeter braucht nicht erst durch kunstvollen Koloraturgesang zur Andacht erhoben zu werden: er bringt die Andacht mit, und die weiche, biegsame Kantilene des Kantors erhöht sie. Die Berliner Gemeinde hat es wahrlich nie zu bereuen gehabt, daß sie den einstigen Zweiten Kantor Aron Fried mann, in seinem Fache einen Gelehrten von Weltruf, und später sogar den Chorsänger Stabinsky zu Ersten Kantoren beförderte! Daß die Kantoren — im Gegensatz zu den Herren Rabbinern — für ihre Mitwirkung bei Trauungen keinerlei Honorar empfangen (bei Beerdigungen nur für die Rezitation unseres Requiems „El tnoXe rachamim" den Betrag von fünf Mark), sei nur beiläufig erwähnt; daß ihr Anstellungsvertrag alle drei Jahre erneuert werden muß, darf zwar als ein Ansporn zu nie erlahmender Pflichterfüllung, nicht aber als ein Anreiz zu besonderer Berufsfreudigkeit angesprochen werden. Auffällig ist nur, daß Herren, die sich als Künstler fühlen, nicht nach dreijähriger einwandfreier Amtstätigkeit auf ihre lebenslängliche Anstellung dringen. Die Kantoren haben sich mit ihrer Lage abgefunden und erbauen allsabbat- und festtäglich die Gemeinde. Gegenwärtig aber rauscht ein Zug starken Mißvergnügens durch ihre Reihen, weil der Verwaltungsdirektor der Gemeinde, Dr. Freund, einen Kantor aus dem Auslande mit dem Gehalt nach den staatlichen Sätzen, zugleich aber mit einer „persönlichen Zulage" von dreitausend Marl berief. Vor mir liegt eftr Schreiben des Schulvorstandes der Gemeinde, vom 2. April d. I., laut welchem „mit Rücksicht auf die uns nur in beschränktem Umfange zur Verfügung stehenden Mittel" die Bezahlung von Religionsstunden, die drei Monate lang erteilt wurden, abgelehnt werden muß (etwas mehr als hundert Mark) — und hier sollen aus den Mitteln der Steuerzahler jährlich dreitausend Mark als „persönliche Zulage" für einen Kantor, der einen Probevortrag hielt, sich aber erst in Berlin bewähren soll, bereitwillig „zur Verfügung stehen"? Ich denke, die Mittel der Gemeinde sind „beschränkt"? Wir Steuerzahler gönnen dem protegierten Herrn seine Zulage durchaus. Wir verbitten es uns aber apA Entschiedenste, daß solche Ehrenspenden aus den angeblich „beschränkten Mitteln" entnommen werden. Sollen aber durchaus „persönliche Zulagen" gewährt werden, so lasse man diese — nach dem Dienstaltcr abgestuft — alten Kantoren der Berliner Gemeinde zuteil werden, selbstverständlich auch den recht stiefväterlich bedachten Zweiten Kantoren. Der Einwand, daß der neugewählte Kantor in seinem bisherigen Wirkungskreise aus Kasualien ein hohes Nebeneinkommen bezog, das für Berlin in Wegfall kommt, ist mir bekannt. Dieser Herr mußte aber auf die Ablösung der Kasualgebühren <in Berlin rechtzeitig aufmerksam gemacht werden. Noch eins: wir sind keine Chauvinisten; aber hätte man die Stelle mit der „persönlichen Zulage" ausgeschrieben, wären unzweifelhaft auch zahlreiche Bewerbungen tüchtiger Kantoren aus dem deutschen Vaterlande eingegangen. Der weitgereiste Herr Dezernent soll übrigens weitere Kantorvirtuoscn — aus Rußland — in der Tasche haben. Ter frühere Stadtverordnetenvorsteher Dr. S t r a ß m a n n in Berlin bezeichnete einst die Verwaltung der Berliner Jüdischen Ge meinde als ebenbürtig derjenigen der Stadt Berlin; Rabbiner Professor Dr. M a h b a u m nannte sic mir gegenüber einmal „die nobelste Behörde, die es gibt". Diese rückhaltlose Anerkennung ist noch heutc voll berechtigt: Kantoren, in denen ihre Kollegen neidlos Künstler von Gottes Gnaden verehren, wie den :allseitig beliebten Leo G 0 l l a n i n , entbindet sie von den oben angeführten Nebentätigkeiten. Wenn sie demgemäß auch in dem neu anzustcllenden Obcrkanlor einen bedeutenden Künstler erblickt, wird sie ihm gleichfalls keinerlei Büro-- oder Friedhofsdienst auferlegen. Ihm aber durch eine „persönliche Zulage" eine Ausnahmestellung unter seinen Kollegen emzuräu men, fordert den schärfsten Widerspruch der Gemcindesteuerzahlcr heraus, die sich den schroffen Gegensatz zwischen der Feststellung der „nur in beschränktem Umfange zur Verfügung stehenden Mittel" und jener Erklärung des Herrn Dr. Freund: „Wir gehen bei unseren Gchaltsfestsetzungen über die von der Stadt Berlin gezahlten Sätze weit hinaus" nicht enträtseln können. Tie Gcmeindemitglieder wünschen Einigkeit und Frieden in der Gemeinde und mit den die heiligsten Dienste unseres Glaubens voll ziehenden Beamten. Wir wünschen keine Verärgerung dieser Herren, vielmehr eine volle Wertung ihrer Leistungen und der Mühen, die sie zu deren erbaulichen Verrichtung aufwendcn. Durch eigene Kraft hat sich der Kantorenstand allgemeine Achtung und Anerkennung errungen; und wie wir in tiefer Ehrerbietung zu unscrm hochw. Rabbinat ausblicken, so verehren wir auch in den Herren Kantoren wahrhafte Diener unseres Gottes. Professor Dr. Eugen Wölbe. Kalendarium f. die Zeit v. 13. 4. b. 20.4. 29 April 1929 Nissan 5689 Sonnabend 13 3 Wochenabschnitt: Tasria Sabbat-Ausgang: 7.42 Uhr Hastarah: II. Könige 4, 42—44; 5, 1—19 Sonntag 14 4 Montag 15 5 Dienstag 16 6 Mittwoch 17 7 Donnerstag 18 8 Freitag 19 9 Sonnabend 20 10 Wochenabschnitt: M'zauro; Schabbos Haggodaul Haftarah: II. Könige 7, 3—20 Sabbat-AuSgang: 7.56 Uhr

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