Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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sich Menschen jeden Stammes, Angehörige aller Nationen bekennen können und sollen. * Erst nach der Klärung dieser innerjüdischen Frage ist underwirrte Blähung des Emanzipationsgedankens und fruchtbare Mitarbeit an seiner Verwirklichung möglich. Die Väter der Emanzipation hatten es darin leichter als wir Heutigen; sie nahmen naiv das Judentum als Religion, die Judenheit als die, weil unterdrückte, deshalb zu emanzipierende Religionsgemeinschaft. Wir Heutigen sehen einen Wall von „Problematik" vor uns aufgetürmt, welche nicht, wie Holländer meint, Fortschritt und „Entwicklung" gegen früher, sondern Verwirrung und Hemmnis ist. Die Väter der Emanzipation wußten, daß die Emanzipation nur auf dem Wege der jüdischen Außen arbeit zu lösen ist. Daher ist auch im Tendenzparagraphen (§ 1) des C.-V.-Statuts keine Gedanke an innerjüdische Fragen verschwendet; sondern nur von der politischen und gesellschaftlichen Jnteressenwahrung der jüdischen Deutschen ist die Rede und von der Vorbedingung des Rechtes auf diese Jnteressenwahrung: der unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung. Religiös und weltanschaulich ist der C.-V. neutral und hat, eben wegen dieser Neutralität, kein positiv-jüdisches Programm. Seine positiven Aufgaben sind ausschließlich deutsche Aufgaben, von denen Holländer mit Recht sagt (S. 20): „Wir müßten vierzehn Tage Generalversammlung abhallen, um nur einigermaßen diesen ganzen Komplex zu entwickeln und die schwebenden Fragen zu beantworten." Unbegreiflicherweise aber erklärt Holländer unmittelbar darauf und an der gleichen Stelle, wo er sich über das Ueberwuchern unfruchtbarer innerjüdischer Diskussionen beklagt, wir müßten „nunmehr die Fragen anschneiden, die nach unserm Verbundensein mit Judenheit und Judentum gestellt werden (S. 21)". Fürwahr, ein seltsamer Widerspruch, der noch rätselhafter wird, wenn wir sehen, daß in dieser Schrift nicht eine einzige positive Aufgabe außer dem Palästina-Aufbau genannt und behandelt wird, obwohl es gerade von der Palästina-Siedlung mehrfach heißt, ihr „komme keine entscheidende Bedeutung für uns und für die Erhaltung des Judentums zu (S. 29)". Wenn das der Fall ist, warum dann „wollen und sollen wir alle pro Palästina sein" (S. 26), für eine Sache also, für die dann gleich wieder die Forderung „in clubüis libertas“ ausgestellt wird, so daß wir doch wohl auch gegen diese Sache sein dürfen?! Und in der Tat sind „wir alle" gegen diese Sache, die Liberale Vereinigung ist gegen sie, der Centralverein ist gegen sie, und — Dr. Holländer ist gegen sie! Er schreibt (S. 27): „Wird einmal die Jewish Agency gegründet und so ausgebaut werden, daß auch Nichtzionisten in ihr einen maßgeblichen Einfluß gewinnen können, so wird die Möglichkeit einer Mitarbeit an dem Aufbauwerk für alle Juden geschaffen sein." In welcher Beziehung nun, so fragen wir, soll der nichtzionistische Einfluß maßgeblich sein? Bei Entscheidungen technischer Einzelfragen, bei der Bewilligung von Geldern? Nein, sondern, wie Holländer sellber unsere Frage beantwortet (S. 28): „Die im Wesen des C.-B.- Starchpunktes liegende und begründete und von mir oben entwickelte Auffassung muß nach den Erfahrungen, die uns nun seit Jahrzehnten zur Seite stehen, herrschend bleiben, wenn. überhaupt daran gedacht werden soll, das Judentum in seiner Gesamtheit am Aufbauwerk Palästinas zu beteiligen." Im Palästina-Mandat des Völkerbundes, welches die Verfassungsgrundlage der Jewish Agency ist, herrscht bekanntlich die dem C.-V.-Standpunkt entgegengesetzte Auffassung, und es wird dort auch nur die Mitarbeit derjenigen Juden gewünscht, „die gewillt sind, bei der Errichtung des jüdischen nationalen Heimes zu helfen", — was der C.-V. bekanntlich weder will noch wollen kann. Holländer beruft sich ja auch ausdrücklich auf die ablehnende Haltung gegenüber dem Keren Hajessod, der „ein Zentrum für alle Juden der Welt schaffen" (S. 27) will. Nun: Keren Hajessod und Jewish Agency haben das gleiche Ziel, fußen auf der gleichen Verfassungsgrundlage, auf Balfour-Deklaration und Palästina-Mandat, in denen beiden die zionistische Parteiformel verankert ist. Deshalb hat der C.-V. die Beteiligung am Keren Hajessod abgelehnt, deshalb in der vorjährigen sogenannten Resolution Mecklenburg die Forderung erhoben, daß der derzeitigen zionistischen Palästina- Propagarcka entgegengetreten werde. Palästina magciubiosum sein, für welches der Einzelne libertas beanspruchen kann — die zionistische Palästina-Propaganda und das sie sanktionierende Palästina-Mandat sind es nicht, da sie „die Errungenschaften eines mehr als hundertjährigen Emanzipationskampfes in ernsteste Gefahr bringen". Ich halte es für absolut feststehend, daß diese Entscheidung der M i t g l i e d e r v e r s a m ml u n g durch die letzte Resolution des V o r st a n d e s nicht verlassen worden ist. Doch bleibt bedauerlich, daß bei der Resolution, die der C.-V.-Hauptvorftand zur Jewish Agency gefaßt hat (vergl. „Jud.-lib. Ztg." Nr. 13 v. 29. März 1929), gänzlich darauf vetzichtet wurde, das Problem aus eigener Urteilskraft zu beleuchten. Die früheren Resolutionen des C.-V. enthielten stets selbständige Begründungen; der Beschluß der „Vereinigung für das liberale Judentum" begründet ebenfalls Punkt für Punkt, warum die Mitarbeit an der Jewish Agency abgelchnt wird. Demgegenüber ist es ein Mangel, wenn der Hauptvorstand sich jetzt mit dem bloßen Hinweis daraus begnügt, „daß das Palästina-Werk im Kreise der deutschen Juden nicht einheitlich beurteilt wird". Von diesem repräsentativen Gremium hätte man mehr erwarten dürfen, als Bezugnahme auf die Stimmung im Lande! Immerhin, die Entsendung offizieller Vertreter in die Jewish Agency ist vom C.-V.-Vorstand abgelehnt worden. Wenn nun von interessierter Seite betont wird, daß denjenigen seiner Freunde, welche die Agency unterstützen wollen, kein Hindernis bereitet werden soll, und daß die C.-V.- Resolution damit auch dem Empfinden vieler liberaler Juden entspräche, so muß erwidert werden, daß die neueste C.-V.-Resolution sich ihrem Prinzip nach weder von den früheren noch von der der „Vereinigung für das liberale Judentum" unterscheidet. Solche Beschlüsse können ja niemals den Sinn haben, daß jedem einzelnen Vereinsmitglied die Beteiligung „verboten" sei. Dazu hat kein Verein weder Machtbefugnis noch Veranlassung; jedes demokratische Gebilde muß gesund genug sein, eine gewisse Opposition in den eigenen Reihen und sogar im Vorstand zu ertragen. Nur natürlich die unmittelbar an der Spitze der Organisation stehenden Persönlichkeiten werden sich selbstverständlich und freiwillig auch für ihre Person an die Beschlüsse halten. Dies ist sowohl im C.-B. als auch in der Liberalen Vereinigung die mit der Resolution beabsichtigte Konsequenz. * Holländers Broschüre endet mit den auf der vorjährigen C.-V.-Hauptversammlung angenommenen neun Thesen. Tie ersten vier zielen, im Sinne des Emanzipationsgedankens und in Uebereinstimmung mit § 1 der C.-V.-Satzung, apf jüdische Außenarbeit ab, beschäftigen sich also bloß mit unserem Verhältnis zur deutschen Umwelt, mit unserer Stellung als deutsche Volksgenossen. In der fünften These wird dann, ohne U ebergang und ohne Definition, das Wort „Judentum" eingeführt, später spricht Holländer sogar von einem „deutschen Judentum". Auch gebraucht er, genau wie vorher im Text, die Wörter Judentum und Judenheit ununterschieden durcheinander. Das ist es, was seine ganze Auseinandersetzung auf ein falsches Geleis schiebt, diese Unklarheit ist auch die Ursache aller Verwirrung in der jüdischen Oeffentlichkeit. Das Nichtunterscheiden von Judentum und Judenheil ist es, was ich mit Holländers Ausdruck „Hinüber gleiten in den Zionismus" nennen möchte. Holländer widerspricht sich auch hier aus gar seltsame Weise. Einmal (S. 24) schreibt er, „daß auch in dem, der nichts mehr weiß, die Unbedingtheit dieser (jüdisch-idealen) Forderungen durch die Jahrhunderte unbewußt zum Wesensbestande geworden ist" — das ist akkurat die zionistische Rassenseele — und nachher (S. 27) sagt er, „daß man jüdisch nicht sein kann, ohne in die Kenntnisse von Judentum hineingestiegen zu sein". Halten wir uns an das Letztere, eignen wir uns zunächst endlich klare Unterscheidung von Judentum und Judenheil an! Dann erkennen wir, daß das Judentum Religion ist, daß die Judercheit Religionsgemeinschaft sein soll; daß nicht Zionismus und „Deutschjudentum" einander gegenüberstehen, sondern nationales und religiöses Judentum. Und dann lernen wir, daß ausschließlich bei fraglosem, hingebungslvollem Bekenntnis zu Letzterem wahrhafte und fruchtbare Emanzipationsarbeit möglich ist. Das Judentum in der französischen und in der russischen Revolution Bon Tr. I. Lew in. In dem Werk von Anchel über Napoleon und die Juden, das ich in der vergangenen Woche in dieser Zeitung eingehend besprach, darf noch besonderes Interesse der einleitende Teil beanspruchen, der eine Geschichte der Verfolgungen der jüdischen Religion während der Schreckensperiode der französischen Revolution darstellt. Diese Periode unterscheidet sich von den vielen anderen Verfolgungen, an denen die jüdische Geschichte so reich ist, dadurch, daß in Frankreich damals, ganz wie jetzt in Rußland, die Verfolgung nicht im Namen oder Interesse einer anderen Religion stattsand, sondern eine Bekämpfung der Religion in ihrer hergebrachten geschichtlichen Form überhaupt war, daß in ihr der Versuch gemacht wurde, neue „Kulte der Vernunft und des Obersten Wesens" zu schaffen, ähnlich wie jetzt in Rußland der Versuch gemacht wird, die Religion als Grundlage der Weltanschauung durch den Marxismus in Form des Leninismus zu ersetzen. So wurden in Bordeaux am 13. Frimaire des Jahres II (3. Dezember 1793) zwei Synagogen geschlossen, „um den Fanatismus in seinen Fundamenten zu treffen". In Straßburg wurden nach einem Verbot aller Glaubensbekenntnisse außer demjenigen des Vernunftkultes am 13. Pluviose des Jahres II (1. Februar 1794) die Synagogen geschlossen. In Luneville wurden am 21. Ventose des Jahres II (17. März J794) „die Aeffereien und ungesetzlichen Versammlungen der Juden" untersagt, in Katzenheim wurde die Synagoge geschlossen, in Mutzrg in einen Jakobinerklub verwandelt. In Nancy mußten die Juden alle Gold- und Silbergegenstände der Synagoge an die Stadt abgeben, dasselbe geschah u. a. auch in Avignon und Nimes. In Straßburg wurden die Thorarollen öffentlich verbrannt, in Metz von den revolutionären Behörden versiegelt, um das Pergament für Trommeln zu verwenden. In Nancy machte ein Mitglied des Generalrats der Stadt den Vorschlag, alle Juden, die sich nicht mit Katholikinnen verheiraten würden, als „Verdächtig" zu erklären, was in dieser Periode der französischen Revolution nicht viel angenehmer war als gegenwärtig in Rußland für „gegenrevolutionär" erklärt zu werden. In einem Zirkularschreiben der Behörden des Departements Niederrhein vom 29. Prairial des Jahres II (17. Juni 1794) wird mitgeteilt, ein Jude, der in Straßburg gestorben war, sei nach Rosenwiller gebracht worden, um dort „gemäß den sinnlosm Gesetzen des Rabbinismus beerdigt zu werden. Diese Menschen (d. h. die Juden) wollen durchaus nicht dem Licht der Vernunft ihre Augen öffnen; ihre antisozialen Dogmen sind für sie alles. Während die anderen Bürger die von einem freien Volk erlassenen Gesetze befolgen, wagen sie es noch immer, in den Handlungen einer blöden und barbarischen Sekte zu verharren". Tie Beachtung des Sabbats wurde im allgemeinen verboten, namentlich seit dem Inkrafttreten des revolutionären Kalenders. Dem Konvent wurde eine Petition eingereicht, den Juden die Beschneidung und das Tragen der Bärte zu untersagen, was der Konvent allerdings ablehnte; in Metz aber sahen sich dennoch die Juden veranlaßt, ihre Bärte rasieren zu lassen. Oft wurden die jüdischen Rabbiner, ähnlich den christlichen Geistlichen, gezwungen, ihre religiösen Gebräuche öffentlich zu verleugnen. So neigte sich der Chason von Nimes vor der Göttin der Vernunft; der Rabbiner von Hagenau, Guggenheim, verzichtete auf seine Würde; der Rabbiner von Nancy, Schweig, ließ sein Rabbinerpatent am 30. Brumaire des Jahres II (20. November 1793) öffentlich verbrennen. In einer Reihe von Städten waren die Juden genötigt, Ebenso wie die gläubigen Christen ihren Gottesdienst im Geheimen zu verrichten. Ein Rabbiner aus dem Elsaß erzählt, daß viele Juden gezwungen worden seien, den Sabbat zu verletzen und auf den Feldern Arbeit zu leisten. Sie dursten es nicht wagen, öffentlich zu beten oder Tefillim zu legen. Der Unterschied zwischen den damaligen Zuständen in Frankreich und den jetzigen in Rußland besteht schon darin, daß die Schreckenszeit der französischen Revolution von weit kürzerer Dauer war, als es das bolschewistische Regime im jetzigen Rußland ist. Mit dem Sturz Robespierres (9 — Thermidor des Jahres II 27. Juli 1794) begann die Beruhigung des Landes und die Liquidation der revolutionären Herrschaft. Die Schreckensperiode dauerte also, wenn man sie von den Septembermorden 1792 rechnet, weniger als 2 Jahre. Anders aber ist es in Rußland, wo die revolutionäre Gewalt schon seit 11 Jahren besteht, noch lange in dieser Form bestehen kann und auf kulturellem Gebiet leider weit weniger Neigung zu Zugeständnissen zeigt als aus wirtschaftlichem. Was in Rußland jetzt auf kulturellem Gebiete geschieht, ist ein Versuch, eine neue, angeblich proletarische, Kultur zu schaffen auf der Grundlage des Leninismus, der rohesten Abart des Marxismus. Alle bisher existierenden moralischen, religiösen oder geistigen Begriffe sollen durch die Klassenkampflehre in ihrer primitiv barbarischen Form ersetzt werden. Diese soll den Grundstein der ganzen ethischen Gedankenwelt der Sowjetbürger bilden. Aus dieser Tendenz ergab sich ein Aufbau des gesamten Schulwesens des Sowjetstaates, der alle Lehranstalten im wesentlichen zu Organen der kommunistischen Propaganda gemacht hat. Man muß dabei bedenken, daß in Sowjetrußland die Trennung von Staat und Kirche durchaus nicht das Gleiche wie in anderen Staaten, etwa in Frankreich oder den Vereinigten Staaten von Amerika, bedeutet. Dort fiiib die Gläubigen im Stande, auf eigene Kosten ihre Kirchen zu unterhalten. In Rußland Curl Corrinth: «Trojaner" in der Berliner Volksbühne. Ter der Volksbühne von ungerechten Linksradikalen oft gemachte Vorwurf, sie versäume, auf die brennendsten Gegenwartsprobleme einzugehen, ist gegenstandslos. Nach dem eindringlich-lebensvollen Zeitbild aus der modernen praktische Politik, der „Kreuzabnahme", beschert sie uns nun ein chmpathisch-jugendliches Werl! über die Jugend von Curt Corrinth, und wird damit zur ersten und einzigen Bühne der Reichshauptstadt, deren Bretter wirklich noch ein Stück Welt bedeuten, deren Szenen zum Tribunal über das ewigunausrottbare Unrecht der menschlichen Gesellschaft werden. Curt Corrinch wurde vor etwa 9 Jahren durch einige unreif-ekstatische, etwas wirr-„expressionistische" Bücher bekannt. Dann hat man viele Jahre nichts mehr von chm gehört. Anscheinend haben ihn irgendwelche schwere persönliche Schicksale in die Einsamkeit getrieben und zum Schwergeu gebracht. Sehr erfteulich ist es jetzt festzustellen, daß aus dem absurden Most dieses echten Dichters ein sirner. Wein geworden ist. Sein Gegenwartsspiel „Trojaner "hat etwas Hinreißendes. Es ist ein klar und dramatisch aufgebautes, mit ungebändigtem sittlichen Schwung erfülltes „gutes" Theaterstück, in dem echt-jugendliches Feuer ethischen Enthu- ' siasmus' auflodert und ergreift. Mit vielen ungemein bühtteni wirksam geschilderten Typen und plastisch-anschaulich gestalteten Szenen. Tie „Trojaner" — das ist ein Seknndaner-Derem, aber kein Kneip- und Randalierklub, der die überlebten Gewohnheiten hochmütiger Studentenkorps nachässt, sondern ein Zusammenschluß konzessionslos-unbedingter Idealisten, die sich vereinigten, um von Mythos und Geschichte genährte, sittliche WunMräume zu verwirklichen. Die heldenmütigen, ihre Stadt gegen griechische Eroberungsluft und feige List verteidigerwen Trojaner sind ihnen Vorbild und gaben ihnen den Namey.' „Einer für alle, alle für einen" G ihr oberster Grundsatz. In der Klasse ist ein jüdisches Tchülsr, Jakob Lewin, etwas seelisch vereinsamt, wie eben Menschen, die ttbmäßig mit einer älteren und höheren ethischen Kultur „belastet'' sind. Ein den ehemaligen Leutnant paradierender fonatisch-deutschvölkischer Oberlehrer pöbelt den jungen Lewin in der Geschichisftunde antisemitisch an und vergreist sich sogar an ihm. Ta empört sich in einer prachtvoll-dramatischen Szene das Kollektivgesühl oer Klaffe, der Trojaner; sie beginnen einen Schulstreik und wollen nicht eher ruhen, als bis der von niederträchtiger Uebermacht beleidigte Wehrlose seine Genugtuung gesunden hat. Aufftand der Gläubigen j für herzustellende Gerechtigkeit! Der ewige Kamps zwischen junger und alter Generation, zwischen hingebendem Idealismus und senilem Philisterium beginnt. Hier in die Sphäre einer Gymnasialklaffe und ihrer Umwelt projiziert. Direktor, Pauker und Polizei, die ganze Kleinstadt und die diversen Bevölkerungsgruppen nehmen an dem bühnentechnisch geschickt gesteigerten Konflikt teil. Mer es kommt auch hier alles so, wie es kommen mußte, bezw. wie es sich bisher bei derartigen Vorgängen immer in der Welt abzuspielen pflegte; - der reine Idealismus Weniger wirb durch Ausschreitungen Unbeherrschter in den Schmutz gezogen und unterliegt, der Sekundaner Hellmann, der Führer und Sektor" der Trojaner, erschießt sich, die Bielzuvielen triumphieren schließlich. Das Ganze war ein stürmischer Erfolg, ein unbestrittener Sieg der Volksbühne. Das starke dramatische Talent Gorrinths wurde mit Recht laut bejubelt. N Man sah lebendiges, wirkungsvollstes Theater, das über gewisse Mängel geschickt hinwegtäuschte. Kritische Bedenken lassen sich nun freilich nicht ganz unterdrücken: Tie Herren Oberlehrer sind ein bischen gar zu sehr karikiert. Es ist kein äbjolui-zwingender, individueller und vollkommen-gültiger Konflikt gestattet, sondern schließlich, sind nur allgemeine Kontrvfie ausgewiesen. Der Idealismus hat den jungen Autor «ich an anderen Stellen zur Verzeichnung derTatsachen. geführt. Ach! es ist in Wirklichkeit in Deutschland und aus M ganzen Wett nicht so, daß die ganze Klasse aufbegehet, wenn ein Rohling seinen Rassenhaß an einem einzelnen Juden aüsläßt. Ich habe so manches antisemitische Späßchen aus der Schule, beim Militär, auf der Universität etc. mrterleiden müssen; die Gesamtheit hat dazu immer schadenfroh und verständnisinnig geschmunzett. Es ist ihr garnicht eingefallen, die wehrlose Minderheit zu schützen. Das Stück ewig-jüdischer Tragödie hat übrigens Corrinth sehr eindrucksvoll geschildert. Der Jude behält eben die schmerzende Dornenkrone einer gewissen soziologischen Isolierung ( aus dem Haupt. Obwohl und schließlich gerade weil — seltsame Paradoxie des Lebens! seine ethisch-sozialen Instinkte blutsmäßig ursprünglicher sind. Eine gewisse Fremdheit ihm gegenüber werden seine christlichen Mitschüler nie recht los. Noch im letzten Akt schreit ein Sekundaner dem doch ganz und gar unschuldigen Jakob Lewin seine jüdische Existenz geradezu als Borwnrf ins Gesicht. Gegen diese uralte Ungerechtigkeit ist leider kein Kraut gewachsen. Die Theoreme und die Phraseologie des Zionismus stellen ganz sicher kein Heilmittel dar, wenn sie sich auch noch so gern als solches drapieren möchten. Die Zeit und die Entwicklung wird wohl auch diese alte Wunde einmal zum Vernarben bringen... Vorläufig haben wir dem Dichter Corrinth zu danken, daß er uns Wertvolles schenkte und wir müssen das Theater am Bülowplatz loben, daß es uns das Werk so gut vermittelte. Tenn die Ausführung unter Holls Regie war ausgezeichnet! Man sah wieder einmal - bei dem Starbelrieb in Berlin so selten - ein wirkliches Ensemble! Dieses spielte so gut, daß es geradezu ein Unrecht wäre, einzelne besonders yervorzuheben. Unvergeßlich war vor allem der hagere, suggestiv-spukhaft wirkende deutsch-völkische Fanatiker Erich Thormanns. Doch wie gesagt, auch die vielen anderen boten schlechthin einwandfreie Leistungen. Wundervoll waren auch die Bühnenbilder Sührs. Man wird an den schönen Abend noch lange zurückdenken!... Tr. Ludwig Davidsohn-Berlin.