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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-04-12 · 15 (12.4.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
15 (12.4.1929)
Date
1929-04-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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M 4.79 IMchliberaleZeiimg Orga« der Vereinigung für das liberale Judentum e. D. fgifigfpttif durch die «vefchäst»stell« '/«Ehrlich Al. 2L0 . Einzelnummer -VLO. Lei freier Zusendung i. Inland 9L5 fftr die Mitgsteder der Lereiuignng ist der Bezngsprei» im Milgkedsbeitrage enthalten. Beraotwortl. Redakteur: Bruno Woyda. Oie «Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Jreitag. Redaktion und GeschüstssteUe: Berlin SW 4S, Wilhelmstr. 147 Fernruf: Bergmann 3351, 3359 Postscheckkonto: Berlin 7N0 7. 137 0S9 (Vereinigung für da» liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreis«: Die 12gespaltene Rouparaillezev« 0.45 Goldmart» die Reklamezeile 3.00 Goldwert. bet Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: .Jüdisch-liberale Zeitung" Jnseratenabteilung: Berlin Sw 48» Wilhelmstrahe 147 (Bergmann: 3358-59). sowie sämtl. AnnouLen-EMeditiou. Rr. 15 Berlin. 12. April 1929 9. Jahrgang 7 " -er Gegenwart" Ludwig Holländers neue Schrift') Von G e o l Unter der oben wiedergegebenen Ueberschrift veröffentlicht Dr. Ludwig Holländer, der Direktor des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, sein auf der Hauptversammlung des C.-V. im FÄruar 1928 unter dem Titel „Abwehrverein oder Gesinnungsverein?" gehaltenes Referat. Jene C.-V.-Hauptversammlung, und mit ihr der Holländerfche Vortrag, ist damals eingehend an dieser Stelle gewürdigt worden-), aber die Vorgänge innerhalb der deutschen Juden- , heit, nicht zuletzt innerhalb des Centralvereins selber, die sich während der letzten Wochen abgespielt haben, verleihen dem Referat erneut Aktualität, zumal, wie es in der Vorbemerkung heißt, diese Vorgänge oder doch die ihnen voraufgegangenen Erörterungen es richtig erscheinen ließen, den vor einem Jahr gehaltenen Vortrag letzt, bei der Drucklegung, in einzelnen Punkten zu ergänzen. Leider sind diese Ergänzungen in keiner Weise kenntlich gemacht wordm. Die Abstellung der Schrift auf die neuesten Ereignisse macht aber natürlich notwendig, daß diese nun auch hier in den Kreis der Betrachtungen einbezogen werden. * Eine persönliche Bemerkung sei mir als Einleitung gestattet. Ich fühle mich dem C.-V.-Gedanken und eben deshalb auch dem C.-V. selber aufs Innigste verbunden, und, das Wichtigste, ich gebe diesem Gefühl durch rege Mitarbeit am C.-V. tätigen Ausdruck. Ich hege ferner insbesondere für den Mann, den die Oeffentlichkeit mit dem C.-V. geradezu identifiziert, für Ludwig Holländer, eine tiefe und herzliche Verehrung und habe mich auch hier nie mit dem bloßen Sentiment begnügt. Es fällt mir daher nicht leicht, an diesem Manne, der diese Organisation zu chrer jetzigen äußeren Höhe und Macht geführt hat, Kritik zu üben. Aber eben weil diese Sache ihm genau so wie mir am Herzen liegt, bin ich gewiß, gerade in seinem Sinne zu handeln, wenn ich, anstatt eine farblose Zehn-Zeilen-Rezension in der „Bücherschau" zu schreiben, durch eine notwendige Kritik seine und meine und aller deutschen Juden gemeinsame Sache zu fördern bemüht bin. » Eine „Auseinandersetzung über die Grundfragen des Central-Vereins" nennt Holländer seine Schrift. Die Hauptaufgabe der deutschen Juden kennzeichnet er in kraftvoller Prägnanz (S. 20): „Wir müssen das große Werk der geistigen und (ich möchte sagen) volklichen Emanzipation vollenden. Wir müssen als ein Bestandteil in sämtliche Keimzellen des deutschen Volkes eindringen." Als Hindernis dieser Arbeit bezeichnet er, daß wir uns viel zu viel mit den sogenannten innerjüdischen Fragen beschäftigen, über die sich bequem streiten und reden ließe, die aber selten eine Tat erfordern. Doch seltsam: Holländers gesamte Schrift ist eine solche Beschäftigung mit innerjüdischen Fragen, sie ist von Anfang bis Ende eine Abgrenzung zwischen Deutschjudentum und Zionismus. — Die Erklärung für diesen Widerspruch finden wir unschwer an der Stelle, wo Holländer uns historisch über die Vorbedingung der Emanzipation belehrt (S. 13): „Die Emanzipation der Juden ist von den Juden unter Aufgabe des Begriffs der jüdischen Nation erreicht worden. Es ist von uns als Vertragsteil verlangt worden: Aufgabe der jüdischen Nation mit ihren Eigenheiten der volklichen und der rechtlichere Zusammengehörigkeit; Umwandlung dieser Natron in ein reines, religiöses Bekenntnis. Diese Zusicherungen Und gegeben worden und Grundlage geblieben." Wir haben nun lediglich nötige diese historischen Zusammenhänge in dre Sphäre des Individuellen zu übertragen, und dann lernen wrr, wie auch für jeden Einzelnen das Ausgeben des jüdischen Nationalbegrisses, anders ausgÄ)rückt: die Ueberwindung des Zronrsmus Vorbedingung der Emanzipation ist, der „Einoettunß m die Umwelt", wie Holländer den Vorgang der Emanzipation nennt. Diese Ueberwindung des jüdischen Nationalismus ist aber naturgemäß eine Beschäftigung mit innerjudischen Fragen, und solange sie nicht erfolgt ist, werden wir zur Lösung, ja auch nur zur Erkenntnis der praktischen Emanzipationsaufgaben niemals kommen. * Die innerjüdische Frage, die einzige, um die es hier sich handelt, ist die nach dem Wesen des Judentums. Solange 0 Ludwig Holländer: „Deutsch-Jüdische Probleme der Gegenwart. Eine Auseinandersetzung über die Grundfragen des Central- Bereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens E. B." Philo-Verlag und Buchhandlung G. m. b. H., Berlin 1929. 32 Seiten; RM. 1,30. 2) in meinem Aufsatz: „Nur Heimatgesinnung schafft Heimatrecht"; Nr. 7 der „FAnsch-liberalen Zeitung" vom 17. Februar 1928. ge Go e tz. man das Judentum als eine einheitliche Nation ansieht — Holländer bezeichnet zutreffend den Zionismus als den Gedanken von der absoluten Einheit aller Juden — kann man nicht, wie die auf dem Boden des C.-V. stehenden jüdischen Deutschen aus ihrer Gesinnung heraus tun, zum deutschen Volke sprechen (S. 19): „Unsere Zukunft — Eure Zukunft; Euer Volk — unser Volk." Daß es in dieser Hinsicht mit dem vom Zionismus grundsätzlich zu unterscheidenden Nationaljudentum der osteuropäischen Länder ein wenig anders liegt; daß sich die osteuropäischen Nationaljuden, da sie sich mit ihrem Verlangen nach Minderheits-Autonomie als Bestandteile chrer jeweiligen Heimatländer bekennen, bereits mitten im vollsten Emanzipations-Prozeß befinden, kann hier nur angedeutet werden.'') Aber die zionistische Irrlehre von der absoluten nationalen Einheit aller Juden ist radikal auszugeben, sobald der Anspruch auf Emanzipation erhoben wird. — Kann nun andrerseits nicht geleugnet werden, daß die Juden einst eine einheitliche Nation gewesen und bis zum Anbruch des Emanzipations-Zeitalters ein Nation-ähnliches Gebilde geblieben sind, so muß man prüfen, ob und wieso der Begriff des Judentums die hier verlangte Abstreifung des Nationalen verträgt oder gar erfordert. Wir halten also wieder bei der innerjüdischen Frage nach dem Wesen des Judentums. Ihre Lösung erst ermöglicht uns, auch die Frage nach der Judenheit zu beantworten. Hier nun ist der Punkt, an dem ich unserm Freund und Führer Ludwig Holländer jede Gefolgschaft versagen muß. Er schreibt nämlich (S. 13), „daß mit der Rechnung „Judentum gleich Glaubensbekenntnis" irgend etwas nicht stimmt", und er begeht dann den schweren philosophischen Fehler, induktiv den Begriff von der Sache her definieren zu wollen, anstatt umgekehrt deduktiv aus dem Begriff her die Sache zu deuten. „Das Judentum ist eine geschichtlich und gesellschaftsgeschichtlich gewordene Gruppe", erklärt uns Holländer in Sperrdruck (S. 14), „die zu einem überwiegenden Teile durch religiöse Gesichtspunkte zusammengehalten wird". Verzeihung: das Judentum war nie, ist nie und wird nie sein eine Gruppe; die Judenheit ist eine Gruppe, aber wollen wir aus ihr das Wesen des Judentums deuten?! Es ist besser, dm Versuch nicht zu machen: es gab einen Augenblick in der Geschichte, da tanzte die ganze Judenheit mit Ausnahme eines einzigen Mannes um das goldene Kalb; die Propheten sahen eine Judenheit des Baalsdienstes, der Schwelgerei und Unzucht, und Ludwig Holländer sieht jüdische Atheisten. Aber Moses wollte die ums goldene Kalb tanzende Judenheit gerade um des Judentums willen vernichten, und auch die Propheten haben von der baalsdime^ rischen Judenheit niemals gesagt, was Holländer von der atheistischen (S. 14): „Wir werden nun verstehen, wie sich unter Umständm auch der reine Atheist (hier sage man in Gedanken: „...der überzeugte Baalsanbeter...") auf den Standpunkt stellen könnte: Ich will das Judentum erhalten — und muß es erhalten, weil in mir der Wunsch, diese soziologisch so und so determinierte Gruppe (!) nicht untergehen zu lassen, unter allen Umständm besteht." Ein höchst subjektives Judentum das, was dieser Atheist vererbt, aber wahrlich nicht das Judentum; und was er erhaltm will, ist die Judenheit, aber nicht das Judentum, welches er, der erklärte Atheist, ja ausdrücklich ausgegeben hat. Was .Holländer hier unterläuft, ist der gleiche Irrtum, der uns bereits vor Jahren in der Einleitung zu Seligmanns „Geschichte der jüdischen Reformbewegung" begegnet ist: die Stipulierung eines angeblich den Juden aller Weltanschauungsrichtungen gemeinsamen „Willens zum Judentum" ohne Desinierung des bei einem gemeinsam sein sollercken Willen doch notwendig erforderlichen gemeinsamen Willmsobjektes, des Judentums nämlich. Bei gmauerem Hinsehen erweist sich das, wozu man da den Willen hat und was man vererben will, als bloße Judmheit; es ist aber nicht erkennbar, was eigentlich „das Judentum aller dieser Leute ausmacht", wie Holländer, die völlige Subjektivität und Willkürlichkeit solchen „Judentums" erfühlend, sagt. Indessen gibt es, wahrlich, auch ein objektives Judentum. Der verewigte Rabbiner Dr. Coblenz schrieb einmal in einem Brief an einen hervorragenden Gesinnungsgmossen: „Das Judentum ist seinem Wesen nach Religion und nur Religion." Die ReHrung „Judmtum gleich Religion", um wieder Holländers Worte zu gebrauchen, geht r e st l o s auf, und 9) Bergt, hierzu auch meinen Aufsatz: „Emanzipationswerk in Osteuropa"; C.-V.-Zeitung Nr. 50 vom 14. Dezember 1928. nur, was ich bereits früher schrieb'), die Rechnung „Judenheit gleich Religionsgemeinschaft" läßt einen Rest für die Gottlosen. „Daß aber manche Juden sich bewußt und begeistert Juden nennen und dabei unreligiös sind — nun, nicht die Juden geben die Unterlage ab für die Definition des Judentums, sondern das Judentum gibt den Maßstab her für die Bewertung der einzelnen Juden, die alle nach verschiedenen Graden religiös sind, — auch die religiösen Juden sind verschieden religiös, und die unreligiösen mögen unreligiös sein...." Und nun soll man doch bitte nicht glauben, die Judenheit sei irgend Besonderes, weil die „religiösen Gesichtspunkte sich innig gesellt und vermählt haben mit Gesichtspunkten der „Stammesgemeinschaft", der „Schicksalsgemeinschaft" und mit anderen kulturellen Erscheinungen, die auf Grund des Ghettos, auf Grund der Geschichte nun einmal innerer seelischer Bestandteil derjenigen Menschengruppe geworden sind, die sich heute Juden nennen (S. 14)"; weil wir „heute nicht mehr den Grundsatz aufrechterhalten, daß es lediglich die Religion ist, welche die Juden eines Landes von ihren Mitbürger;: u n t e rs ch eid e t ^) (S. 9)". Das ist mit allen,- aber auch mit allen Religionsgemeinschaften so: keine unterscheidet sich von anderen lediglich durch ihre Religion; keine, die nicht, gleich der Judenheit, ihre soziologischen und kulturellen Besonderheiten hätte; keine, die nicht auch Schicksalsgemeinschaft wäre — jegliche Gemeinschaft überhaupt ist, für die Dauer ihres Bestandes, Schicksalsgemeintschaft — und wer in eine Bekenntnisgemeinschaft eintritt, tritt zugleich, nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in ihre Schicksalskontinuität ein (was nicht ausschließt, daß er zugleich noch andern Gemeinschaften und ihren Schicksalen angehört: jeder Mensch gehört zahllosen Kreisen und Verbindungen an, in deren Schicksal er sich, soweit ihr Wesensiichalt in Betracht kommt, mit dem seinigen hineingestellt sieht). Die Judenheit also ist, mit ihren soziologischen und kulturellen Besonderheiten, mit ihren Gläubigen und mit ihren Ungläubigen, eine Religionsgemeinschaft wie alle andern; aber eine Stammesgemeinschaft oder Nation ist sie nicht, weil der Begriff der Religionsgemeinschaft den engeren Rahmen der Begriffe Stamm und Nation sprengt; weil zum Gott des Judentums und damit zum Judentum selber *) in der Montefiore-Fcstschrift (Philo-Verlag und Buchhandlung G. m. b. H., Berlin 1928): .„Vier Grundbegriffe des liberalen Judentums". Die oben im Text folgenden Sätze sind ein Zitat aus jenem Aufsatz. °) Sperrung von mir. Gtz. In dieser Woche veröffentlichen wir die dritte Liste derjenigen Freunde und Mitglieder, die eine Spende für den „Hilfsfonds des liberalen Judentums“ gezeichnet haben. In dieser Woche wird nun der Mitgliedsbeitrag für das 2. Vierteljahr 1929 in Höhe von M. 2.50 fällig. In dieser Woche ist es daher für alle diejenigen, die ihren Sonderbeitrag in Höhe von Mk. 10.— für den Hilfsfonds noch nicht geleistet haben, am bequemsten, ihn zusammen mit dem Mitgliedsbeitrag auf das Postscheck- Konto der „Vereinigung für das liberale Judentum e.V.“, Berlin Nr. 137069 zu überweisen. Jeder einzelne muß durch einen Beitrag zeigen, daß er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinder schaffen. Parum gebt alle, der Vermögende mehr, der andere weniger» und gebt schnei», Vereinigung ISr.Jctotonü. 6 8593

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