Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 14 (5.4.1929)
- Date
- 1929-04-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2614000-2614014--3103-2620651- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ziehung schwärmen sie für „gleiches Recht für Alle", aber in ihrem aristokratischen Gefühle fordern sie die Pflicht Aller für die Vorrechte Einzelner. Einzelner, denn die große Masse der Kohanim hat diese Vorrechte oder auch Verpflichtungen längst vergessen. Es wird aber bei dieser einen konservativ-priesterlichen Forderung nicht bleiben, l'appetit dient en mangeant. Es gibt noch andere Vorrechte, die ein Kohen beanspruchen kann, deshalb dürfte es richtig und angebracht sein, diese Vorrechte rü>er Sonderbestimmungen aus Ursprung und zeitige Gültigkeit zu untersuchen und sich klar zu werden, ob der Liberalismus die Liberalen zwingt, auf derartige Wünsche einzugehen. Die Pflichten und Rechte der Priester entstammen dem Opferdienst, dieser ist im Pentateuch festgelegt. Ich will nicht näher auf die Bibelkritik eingehm, die die Einfügung des Priesterkodex in den Pentateuch auf die Zeit des Exils oder noch später schiebt, sondern mich auf die Bibel selbst und auf allgemein anerkannte wissenschaftliche Feststellungen stützen. Es ist allgemein bekannt, daß alle alten Völler, schon lange bevor es ein Volk Israel oder gar ein Judentum gab, ihre Götter dadurch verehrten, daß sie ihnen Opfer darbrachten. Wenn wir selbst annehmen, daß die Einführung der Opfer in unserer Religion von Moses herrühre, so kann dieser sie doch nur als eine unvermeidliche Konzession an die Psyche des Volkes angeordnet haben. Wenn auch sür die Urzeiten die Ansicht erklärbar ist, daß die Gottheit die Tötung und Verbrennung eines Geschöpfes als Abgabe oder Dank oder Bestechung für die Verzeihung begangener Sünden oder für Hilfe gegen Feinde wohlgefällig aufnehmen könne, so hätte doch nach dem erzwungenen Aufhören des Opferdienstes im Tempel zu Jerusalem — wenn nicht schon das erste Mal, so doch das zweite Mal — die auch von Jochanan ben Sakai vertretene Ansicht durchdringen müssen, daß diese Art der Gottesverehrung endgültig beseitigt sei. Wenn nicht schon das erste Mal? Schon vor der Rückwanderung aus dem Exil verkündete der Prophet I esaia H: „Gedenket nicht des Früheren, und auf das Vergangene richtet nicht euren Sinn. Siehe, ich bereite Neues, schon sprießt es hervor; wollt ihr es nicht erkennen? Nicht mir hast du das Lamm deines Ganzopfers dargebracht und nicht mich mit deinem Schlachtopser geehrt. Ich habe dich nicht beschwert mit Speiseopfern und d i ch nicht bemüht mit Weihrauch. Aber du hast m i ch beschwert mit deinen Sünden und mich ermüdet mit deinen Vergehungen." Schon Jahrhunderte vor der ersten Zerstörung Jerusalems hatte eine Bewegung gegen den Opferdienst eingesetzt. Viele Prophetm erklärten sich gegen denselben, wetterten gegen das viele Opfer:: auf allen Höhen und unter jedem grünen Baume — nicht, weil diese Plätze ihnen ungeeignet erschienen, man wußte damals von einer Zentralisierung des Opferdienstes im Tempel zu Jerusalem noch nichts —, sondern weil sie überhaupt gegen das Opfern waren. Am klarsten sprachen sich von den vorexilischen Propheten Amos und Jeremia dagegen aus: Ersterer sagte: „Ich hasse und verwerfe eure Feste, ich mag eure Festopfer nicht riechen. Wenn ihr mir auch Ganzopfer und Speiseopfer bringt, so nehme ich sie nicht gnädig auf, und das Mahlopfer eurer Masttiere sehe ich nicht an. — Hast du mir in der Wüste vierzig Jahre lang Opfer gebracht, Haus Israel?" Mehr als hundert Jahre später, kurz vor oder bald nach der Bekanntgabe des Deuteronomiums, rief Jeremia: „Denn ich redete nicht zu euren Vätern und gebot ihnen nichts von Ganzopfern und Mahlopfern, als ich sie aus Egypterland führte." Und Jeremias wußte Bescheid, war er doch selbst Priester! Fünfunddreißig Jahre vor der ersten Zerstörung Jerusalems wurde zum ersten Male durch das Deuteronomium die Forderung der Zentralisierung des Gottesdienstes im Zionstempel aufgestellt, bis dahin galt Vers 21 des 20. Kapitels des 2. Buches Moses: „An jeglichem Orte, an dem ich meinem Namen ein Gedächtnis stifte, werde ich zu dir kommen und dich segnen." Mer die vom Könige Josia eingeführte Reform hörte nach seinem Tode wieder auf, unter den letzten vier Königen Judas trat eine Reaktion zum Götzendienst ein; in den letzten zwanzig Jahren verlor der Tempel seine Bedeutung. Im Exil wandten sich dann die besseren Elemente vom Götzendienst ab. Die erste Tat der Rückwanderer nach Jerusalem bestand in der Wiedererrichtung des Altars. Während des Exils waren die Priesterüberlieferungen gesammelt, neue Meinungen hinzugekommen; nach dem Wiederaufbau des Tempels und nach dem Eingreifen Esras und Nehemias traten dann die Opfer- und Priestervorschriften gemäß dm Bestimmungen des Pmtateuchs in Kraft. Sie wurden der MmÄpunkt der jüdischen Religion; sie bildetm für zweitausendfünfhundert Jahre die Grundlage des Religionsunterrichts, der mit dem Studium des Leviticus, des 3. Buches Mosis, begann und bei vielen Juden noch jetzt beginnt. Seit dem Exil waren, außer dem primitiven Gedanken des Tieropfers, noch andere Ansichtm und Gebräuche in die Religion eingedrungm, die den scharfen Mahnungen der Propheten direkt entgegmstanden, und die teilweise zu den für am wichttgsten erachteten Religionsvorschriftm und Gebräuchen wurdm. Des Ausrufes des Propheten Samuel: „Wahrlich, Hörm ist besser, als Opfer, Aufmerken vorzüglicher, als das Fett gemästeter Lämmer", der Psalmverse: „Ganzopfer und Mahlopfer willst du nicht", „du verlangst nicht die Opfer, die ich dir darbringe, Ganzopfer begehrst du nicht; Gottes Opfer ist ein gebrochenes Gemüt; ein zerbrochenes, zerknirschtes Herz verschmähst du nicht, o Herr", und vieler anderer Aussprüche der Propheten gedachte man nicht. Trotzdem ließ man gerade am Versöhnungstage die Worte Jesaias verlesen, die als Grundlage unserer Religion zu betrachten sind: „Solcher Gestalt wäre ein Fasten, das mir gefiele, daß du die Schlingen des Frevels öffnest, die Bande des Joches lösest und frei enttaffcft Unterdrückte, dem Hungrigen dein Brot brechest und obdachlose Arme in dein Haus aufnehmest, daß du den Nackten bedeckest und deinem Mitmenschen dich nicht entziehest." Judäa stand ebm fünfhundert Jahre unter Priesterherrschaft. Der Opferdienst wirkte zunächst auf die Priester, die Bereiter, Darbringer und Nutznießer der Opfer. Unter den erstm 42 360 männlichen Rückwanderern aus dem Exil befanden sich 5222 Priester, Leviten und Tempeldiener, für bereit Unterhalt die anderen Judäer, die sich doch selbst erst eine Existenz schaffen mußten, zu sorgen hatten. Die er- Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung hei alle« Postämtern Devstchlaud» 'MMMMMNHMIMMMMMHMMMMMWMMMMMNMR forderlichen Tempelabgaben der Laien betrugen also 14 °o vom Einkommen, eine schwere Last, zu der noch die staatlichen und sonstigen Abgaben hinzutreten. Kein Wunder, daß die Priester durch allerlei Vorschriften sich ein gesichertes Dasein zu schaffen suchten. Zur Festigung ihrer Stellung hatten die Priester besondere Vorschriften, die allerdings manchmal drückend sein konnten, aber im Interesse des Standes und des Einkommens gern übernommen wurden. Der Priester mußte körperlich rein sein, wenn er das Heiligtum betrat, er durfte keine Leiche berührt, auch nicht mit ihr unter einem Dache geweilt haben. Heute, nach zweitausendfünfhundert Jahren, gelten diese Vorschriften noch für diejenigen, die Nachkommen Ahrons sein wollen, — ein Beweis hierfür wird nicht gefordert. Mer, wie schon gesagt, die Gesamtheit soll dafür aufkommen, daß ihre Absonderungspflichten erfüllt werden. Die Erstgeburten der Rinder, Schafe und Ziegen mußten geopfert oder konnten ausgelöst werden, das Geld dafür floß dem Tempel, also den Priestern zu. Erstgeborene Söhne mußten ausgelöst werden — und werden heute noch mit fünf Silberlingen ausgelöst. Weitere, heute noch bestehende priesterliche Vorrechte sind das Aussprechen des Priestersegens vor der Lade der Synagoge und als Erste zur Thora aufgerufen zu werden. Ihre „heilige" Abkunft erbringt ihnen diese Berechtigungen, nach moralischer Qualität wird nicht gefragt, auch nicht einmal danach, ob der Kohen irgend einen Nachweis für seine angebliche priesterliche Abstammung erbringen kann. Die priesterlichen Reinheitsvorschriften wurden zum Teil später auf die gesamte Judenheit ausgedehnt, daher stammt die Trennung der Geschlechter in der Synagoge, auch bei der Verpönung des Frauengesanges und der Verbergung des Frauenhaares haben sie mitgewirkt, wenn dabei auch noch andere Bedenken mitsprachen, Bedenken, die im Orient zu der Errichtung des Harems und der Verschleierung der Frau geführt haben. Wie vertragen sich diese Vorschriften mit der Mode der kurzen Kleider und der fleischfarbenen Strümpfe? Oder trägt Frau Cohn oder Frau Katz solche nicht? Hinkerhauslegende Von Edith Falk/ Frankfurt a. M. Die Hinterhauslegende von Dietzenschmidt ist bereits mehrfach auf der Bühne gezeigt worden, insbesondere auch in einer mustergültigen Aufführung im Berliner Staatstheater. Der folgende Artikel, der Eindrücke von der Wiesbadener Erstaufführung wiedcrgibt, darf sicherlich auch außerhalb des Kreises der dor- . - tigen Theaterbesucher Interesse beanspruchen. Die Red. Die Wiesbadener Theaterleitung hat Mut: Antisemitische Anpöbelungen gegen den (übrigens christlichen) Intendanten Paul Bekker damit zu beantlvorten, daß man ein Stück erstauMhrt, das in der Hauptrolle einen Juden glorifiziert, — ist das nicht etwas? Und Dietzenschmidt hat Mut: als gläubiger Katholik (der also nicht seine „eigene Sache" zu verteidigen hat) einem in seinem Gros nicht eben judenfreundlichen Publikum ein Stück zu schreiben, das in der Hauptrolle einen Juden glorifizirt, — ist das nicht etwas? Und als drittes Erfreuliches ist zu buchen: der spontane Jubel der Zuschauer nach der Erstaufführung von Dietzenschmidts „Hinterhauslegende" im Wiesbadener Kleinen Staatstheater. Ties die Legende: Im Hinterhaus einer Berliner Mietskaserne, in der bunt Mammengewürfelt Elendstypen Zillescher! Prägung hausen, Produkte der verschiedenartigsten Schicksale, denen nur das gleiche Elend Gemeinsamkeit ist, geschah ein Mord (notabene: nicht der Mörder, der Ermordete war schuldig). Auf das Geschrei der Strettenden waren die Hausbttvohner herbeigeeilt, als erster der alte jüdische Hausierer (in Maske und Geste übrigens vollkommen; so, als fei er der Habimah oder der Granowsty-Bühne entstiegen). Er ist der einzige, der den Sterbenden, Ermordeten stützt; und als dieser mit seinen letzten Kräften den entsetzt Umstehenden noch stammelnd den Namen seines Mörders nennen will, ififs der alte Jude, der ihm den Mund verschließt und ihn bittet und beschwört: „Sag's nicht!" Die Gestalt des Juden ist hier verzeichnet, ist jüdisch und vor allem menschlich unnatürlich, — aber wichtig ist m. E. hier weniger die psychologische Folgerichtigkeit, als das Prinzip, die Tendenz. Und die Tendenz des Dichters ist hier die, den alten Juden in in diesem Hinterhaus als den einzig guten Geist all der in ihren: Elend verwirrten Gemüter darzustellen, den treibenden Geist, der den „Mörder aus Temperament" (nicht einen Mörder aus vorbereitender Bedachtheit) nicht der rächenden Justiz ausgeliefert sehen möchte, sondern der bezwecken will, daß der junge Mörder mit sich und seiner Tat ringt, daß er in der Verzweiflung und im Grübeln über diese seine Tat sein Menschentum vertieft. Außerordentlich bühnenwirksam und spannend find die Geschehnisse und der Fortgang der einzelnen Schicksale nach dem Mord, — außerordentlich ttef und durchgrübelt (und daher für uns hier von wesentlichem Interesse) die Stellung, d:e der alte Jude in dem Geschehen einnimmt. Der Verdacht des Mordes war natürlich auf ihn gefallen, er war ins Gefängnis gekommen, mußte dem Todesurteil entgegensetzen (übrigens e:n Irrtum des Verfassers, denn aus Körperverletzung mit tödlichem Ausgang steht nicht die Todesstrafe nur auf vorbedachten Mord, aber er schwieg über den wahren Täter, und wurde schließlich nur durch die eidliche Aussage des wirklichen Mörders, daß er (der Jude) des Verbrechens nicht . schuldig sei, wieder freigelassen. Und nun beginnt für mein Empfinden das eigentliche Problem des Stückes: der alte Hausierer ringt mit Gott und mit dem widerstrebenden, früheren „Ich" des Mörders um dessen seelische Geburt; es sind hier im Stück Teile von unsagbarer Poesie und Schönheit, von tiefem Wissen um jüdische Mentalität, von bemerkenswerter Talmudkenntnis; jede Meinung, jede Glaubensäußerung, die der alte Jude Nur Rinder, Schafe, Ziegen und Tauben durften geopfert werden, nachdem sie auf vorgeschriebene Weise getötet waren. Daher stammen unsere Schlachtvorschriften, die aber auch auf Wild und anderes Geflügel mit kleiner Abänderung ausgedehnt wurden. Daher aber auch teilweise das Verbot anderer, „unreiner" Tiere. Der andere Teil des Verbots ist aus der persischen Religion eingedrungen. Der eine, einzige Gott, der Gott des Lichtes und der Finsternis, kann keines seiner Geschöpfe für „unrein" erklären, die persische Religion aber hatte zwei Götter, den Gott des Lichtes und den Gott der Finsternis; die dem Letzteren zugewiesenen Tiere galten für den Ersteren als unrein. Der Spruch des I esaia: „Der das Licht bildet und die Finsternis schafft, Frieden stiftet und Unheil 'schafft" wurde schon in den ältesten Zeiten dem täglichen Gottesdienste eingefügt — aber merkwürdigerweise mit einer kleinen, aber bedeutungsvollen Abänderung: aus „Unheil" wurde „Allheit". Der Gedanke Jesaias, gegen die persische Anschauung von einem guten und einem bösen Gott zu protestieren, ging verloren. Der Opferdienst, wie er im zweiten Tempel geübt wurde, mußte aber notwendigerweise auf die älteste Zeit zurückgeführt werden, dazu sollte die Erzählung von der Stiftshütte dienen. In der alten Geschichte Israels ist fast garnicht vom Sabbat die RÄe, das Neumondsfest spielt eine größere Rolle. Mit dem Deuteronomium kam der Sabbat zu seinem Recht, wie aber wurde dieses dann ausgebaut! Auch dazu mußte die Erzählung von der Stiftshütte herhalten. Die Gelehrten fanden heraus, daß neununddreißig Hauptarbeiten bei dem Bau der Stiftshütte vorgenommen seien, diese neununddreißig bildeten die „Väter der Arbeit", die hauptsächlichsten Sabbatverbote. Jeder Vater hatte aber eine Kinderschar. Merkwürdigerweise haben aber mindestens die Hälfte der neununddreißig Väter nicht das Geringste mit einem Zeltbau zu tun, ebenso aber auch viele Kinder nichts mit ihren Vätern. Ein Vater ist z. B. „Getreideschneijden", zu seinen Kindern gehören „Reiten," und „Fahren". So beruhen die erschwerenden Sabbatverbote — nicht die Sabbatruhe selbst — auf der priesterlichen Fiktion der Stiftshütte, also auf dein Opferdienst. Mit der zweiten Zerstörung Jerusalems war der Opferdienst vorbei, aber die Erinnerung blieb und wurde in den Gebeten aufbewahrt, ja sie führte zur Schaffung von Gebeten, in denen die Sehnsucht nach Wiedereinführung der Opfer ausgesprochen wurde, U:tf> diese Opfergebete find fast zweitausend Jahre in den Häusern und Synagogen morgens, mittags und abends erklungen und erklingen noch heute in fast allen Bethäusern. Erst seit sechzig bis siebenzig Jahre:: ist man vereinzelt auf den Gedanken gekommen, daß solche Gebete nnzeitig und unwahr, also unwürdig sind. Aus den Gebetbüchern der liberalen Synagogen hat man sie entfernt, auch werden die Thoraabschnitte, die von den Festopfern handeln, an den bezüglichen Feiertagen nicht mehr verlesen. Diese doch eigentlich selbstverständlichen Abschaffungen erregen aber bei den am Altgewohnten aus Wissen oder Unwissen hängenden sogenannten Frommen immer noch Mißbilligung und Unwillen. Wer weiß, ob nicht Bestrebungen erwachen werden, auch hierbei das „Rad der Zeit" zurückzudrehen. Deshalb sei auf einen schönen talmudischen Spruch hingewiesen: „Laß den dummen U eberfrommen Nicht in deine Nähe kommen." Der Liberale hat gewiß, kraft seines Liberalismus, die Pflicht, die Anschauungen und Wünsche seiner konservativen Brüder zu achten und ihnen zur Erfüllung derselben behilflich zu sein. Aber jede Pflicht erzeugt auch ein Recht. Wenn auch der altprenßische Wahlspruch „suum cuique" früher nur auf dem Papier, dem Koppelschloß und dem schwarzen Adlerorden stand, heute sind vor dem Gesetze alle gleich, in demselben Sinne, wie die Rabbiner das pentateuchische Gesetz „Auge um Auge, Zahn um Zahn" aufgefaßt haben, in dem Sinne einer Gegenseitigkeit, einer Entschädigungspflicht. Die Liberalen haben die Pflicht, die Wünsche Andersgerichteter zu beachten, die letzteren aber haben nicht das Recht, solche Beachtung zu fordern. Wenn sie wünschen, daß die Liberalen ihrer Pflicht Nachkommen, dann haben diese das Recht, eine gleiche Pflicht von ihnen zu beanspruchen. Nur wenn solches ehrlich und freimütig von den Andersgerichteten erfüllt würde, wovon bisher wenig zu spüren ist, denn eine vereinzelte Stimmenthaltung ist noch keine Tat, dann haben sie das Recht, von den Liberalen auch den vollen Liberalismus zu fordern. Wie du mir, so ich dir. Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem Andern zu — das ist, nach Hillel, der Gesamtinhalt des Judentums. dem jungen Mörder vorbringt, belegt er mit einer Stelle aus dem Talmud, — und als der Mörder am Ende dieses zerquätten Seelenringens die Hände zum Himmel hebt und ausrust: „Gott, Gott, hilf mir, ich kann nicht weiter!" — da lösen sich Kamps Irnd Probleme auf mit den Worten des alten Juden: „Mein Gott, wie wäre Dir je solcher Gesang aus fernem Munde geworden, wenn er nicht vorher derart gesündigt hätte?" Wie in einer Ekstase sitzt man als Jude im Züschauerraum, wenn man mit ansieht, wie sich die „Jüdischkeit" dieses Stückes immer edler herauskristallisiert, weil man mit aller Intensität mitempfindet, welcher Kampf hier ausgetragen wird: hier ist nicht die Legende — die, wenn sie auch sehr erschüttert, doch in vielem unnatürlich ist — das, worauf es dem Verfasser ankommt, sondern das Aussprechen einer :m eigenen Ringen erworbenen Erkenntnis: daß der von der Heiügkeit Gottes gläub:g durchdrungene jüdische Mensch Größe und Kraft genug hat, um inmitten des elendsten Milieus dem frivolsten, leichtfertigsten Verbrecher den Kampf um die Gotteserkenntnis aufzuzwingen. Wir dürfen Herrn Dietzenschmidt danken für dieses Stück. Ein Drama von Dr. Szabolcsi auf der ungarischen Bühne In der kommenden Tbeatersaison gelangt an den ungarischen Bühnen das dreiaktige Schauspiel „Juda Oppenheim" vom bekannten Schriftsteller und Chefredakteur des „Egyenlöseg", Tr. Ludwig Szabolcsi, zur Aufführung. Das Drama behandelt das Leben der §uben ins Mainz zur Zeit des 30jährigen Krieges, als die Judm gegen die Schweden eine jüdische Legion mit Juda Oppenheim an der Spitze auf- | gestellt haben.