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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-04-05 · 14 (5.4.1929) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
14 (5.4.1929)
Date
1929-04-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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IWchMeraleZeidmg Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. f Sezngspret» vvrch die wefthästestelle '/«jährlich M. 2L0 «inzeluummer OJO. Sei freier Anjendvng L Inland OJ25 5if die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezngsprei» lm Milgliedsbeitrage enthalte«. Vera»l«ortl. Redattenr: Bruno M-yda. Die „Jüdisch-liberale Zeitungerscheint jeden Areilag. Redaktion und Geschäftsstelle: Verttn SV 48, Vtthelmftr. 147 Fernruf: Bergmann 3355. 3359 Postscheckkonto: Berlin IlW 7. 137069 (Vereinigung für da» liberale Zudentum) achdrnck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Reooknou gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene RonparÄllezetle 0.4- Goldmark. öle Reklamezeile 3.00 Goldmark, hei Wiederholungen Rabatt. Anzekgenannahm«: .Jüdisch-liberal« Zeitung" Inseratenabtrilnng: Verttn SW 45, Mlhrlmstrab« 147 (vergmanu: 3355-S9X sowie fümtl. Annoncen-Erpeditio». Rr. 14 Berlin. 5. April 1929 9. Jahrgang Ae Vereinigung str das liberale Zudentum tritt der Deutschen Liga für Mllerbuud bei Die Frankfurter Hauptversammlung für das liberale Judentum hatte nach eingehender Aussprache den folgenden Antrag angenommen: „Die Vereinigung tritt für tätige Mitarbeit an dem allgemeinen Friedenswerk, insbesondere durch interkonfessionelles Zusammenwirken der Geistlichen und der Jugend ein und ersucht den Vorstand, die notwendigen Schritte in die Wege zu leiten." Unter Bezugnahme ans diesen Beschluß hat der Arbeitsausschuß der Bereinigung nach mehrfachen Beratungen einstimmig den korporativen Beitritt der Vereinigung fite das liberale Judentum zur Deutschen Liga für Völkerbund mit Wirkung vom 1. April 1S2S beschlossen. In Paris beraten die Finanzsachverständigen der Welt über die finanzielle Liquidation des Krieges. Wird ihr Beginnen von Erfolg gekrönt sein? Werken sie auf dem Gebiete, auf dem ja leider die Gemütlichkeit noch immer am ehesten aufhört, eine Regelung von Dauer herbeiführen, die Zukunsthossen und friedlichen Aufbau allen Völkern ermöglicht? Alle Teilnehmer der Konferenz, das ist gewiß, sind von guten Vorsätzen beseelt. Aber da ja bekanntlich auch der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist, wird die Zukunft ja mehr von den Taten als von den Vorsätzen bestimmt werden. Auf diese Taten wartet die Welt. Hoffen wir, daß sie beitragen werden zum Verwirklichungsprozeß des Guten auf Erden. Läßt die Lösung diese Hoffnung in uns bestehen, so wollen wir trotz des Schweren, das sie für unser deutsches Volk in sich bergen wird, segnen das Werk der Männer, die um sie ringen in voller Erkenntnis ihrer Verantwortung und mit dem Ernst, den ihre Arbeit erfordert. Roch ist nicht zu erkennen, ob und wie eine Lösung gesunden werden kann. Während die einen hoffen, trotz alledem und alledem, während sie mit ihrem Wissen, daß Mangelhaftigkeit Bestandteil jeglichen Menschenwerkes ist, verbinden jenen Glauben an einen Gott, der ihnen Garant für die Realität des Sittlichen in der Welt bleutet, während sie mit Hangen und Bangen der Entscheidung harren, zerbrechen sich die Ewig-Gestrigen schon wieder ihre Schädel, wie sie den Ungeist, der stets verneint, bei einem etwaigen Scheitern der Konferenz wieder ausloben können. Und zwischen diesen beiden Gruppen jene Esel Buridans, die, gleich weit entfernt von den zwei Bündeln Heu, dem Geist des Friedens und des Krieges, sich nicht zu entscheiden vermögen und bis zu ihrem Ende ein geistiges Hungerdasein fristen. Kann es zweifelhaft sein, aus welcher Seite der Platz religiöser Juden ist? Ihre Geschichte ist doch ein einziger Beitrag zum Glauben an den Sinn der Weltgeschichte, den sie sich bewahrten, ob sie verfolgt und gelästert, verfemt und gemartert wurden. Ihre Propheten lehrten die Menschheit als Erste den sittlichen Zweck des Daseins, befreiten dos Denken aus der Enge nationaler Beschränkung, glaubten an eine Geschichte der Menschen und Völker, in der ein Gott der Gott der ganzen Erde genannt werden soll, und schufen so den Begriff der Zukunft in der Geschichte der Gesamtmenschheit. Der Historiker ist, nach einem Wort von Friedrich von Schlegel, ein rückwärts gekehrter Prophet. Wie nahe hätte es bei der Fülle des Geschehens im Leben der Judenheit gelegen, sich im Träumen der Vergangenheit zu verlieren; und tatsächlich hat es natürlich auch in der jüdifchm Gemeinschaft stets Historiker gegeben, die „rückwärts gekehrte Propheten" waren. Doch das Judentum, das ja den Begriff des Propheten überhaupt erst schuf, hatte zum Glück stets neben den Historikern auch wirkliche Führer, die es aus ihrem tiefen Gottwissen zur Erfüllung der Ausgabe der Verwirklichung zu geleiten vermochten. Das Judentum hat, gezwungen durch das Leben seiner Bekenner in einer mißgünstigen Umwelt, Jahrhunderte verzichten müssen, das Kulturleben der Menschheit wesentlich zu beeinflussen. Der Not gehorchend mußte es sich darauf beschränken, sich seinen Besitz zu wahren. Nun aber ist es wieder frei, darf nicht mehr schweigen und untätig sein. Haben wir noch das dem Gottwissen entspringende Gefühl für die Heiligkeit des Lebens, das unsere Vorväter beseelte, dieses itn Religiösen wurzelnde Ethos, so muß aus religiöser Erschütterung wieder Wille zur Tat entstehen. Ein Wille zur Tat, der seine Kraft der sittlichen Entscheidung entnimmt. Nur wenn das Judentum wieder Anteil nimmt an dem Kulturgeschehen der Welt, wird es Zukunftsgeltung besitzen. So gewiß nach unserer Ueberzeugung weder der vergottete Staat noch irgend eine vergötterte Form die Geister und die Herzen umzubilden vermag, so gewiß nach unserer Ueberzeugung diese Kraft in der Religion des Judem tums schlummert, das die Religion der Vernunft ist, — volle Geltung kann nur ein Judentum beanspruchen, das nicht bei der Gesinnung stehen bleibt, sondern Bekundung im Tun fordert, das sich wieder bewußt wird der Ausgabe, „die Ordnung der Welt auszurichten durch das Reich des Allmächtigen". Willst Du ins Unendliche schreiten, gehe nur ins Endliche nach allen Seiten. Dieses Goethewort gilt nicht zuletzt für die jüdische Religionsgemeinschaft. Was liegt da für eine jüdische Organisation näher als die Betätigung für die Befriedung der Welt? Wird doch gerade in der jüdischen Lehre das Zeitalter des Messias als Symbol der Sittlichkeit aus Erden gelehrt, jenes Zeitalter, in dem die Völker „ihre Schwerter zu Rebmessern umschmieden". Als erste jüdische Organisation Deutschlands hat sich die Vereinigung für das liberale Judentum offiziell einer Friedensorganisation angeschlossen. Die Deutsche Liga für Völkerbund, die ohne parteipolitische Engherzigkeit, vereinigt sie doch in ihrem Vorstand die verschiedensten Richtungen von Hoetzsch bis Breiffcheid, tatkräftig zu wirken bestrebt ist, erblickt ihren Zweck in der Förderung des Völkerbundgedankens in Deutschland, der Vertretung Deuffchlands im Weltverbande der Völkerbundgesellschaften, der Mitwirkung an der deutschen Völkerbundpolitik im Sinne einer vollkommenen Gleichberechtigung des Deutschen Reiches und in der Arbeit für dm Ausbau des Völkerbundes zur universalen Organisation. Noch ist der Völkerbund gewiß nicht die vollkommene Organisation, zu der die wahren Friedensfreunde ihn gestaltet sehen möchten. Aber die Neunmalweism, die mit spießbürgerlicher Selbstzufriedenheit über jeden Mangel der jetzigen Organisation schmunzeln, haben doch noch nicht einmal die Binsenweisheit erkannt, daß das Kind des Mannes Vater ist. Welche Folgerungen tatsächlich aus den Mängeln zu ziehen sind, das hat im vergangenen Jahr ein berufener deutscher Politiker, der Reichskanzler Hermann Müller, klar zusammengefaßt in die Worte: „Ich bin in diesem Jahre zum ersten Male zur Völkerbundtagung in Genf gewesen. Auch unter Berücksichtigung meiner dort gesammelten Erfahrungen sage ich: Der Völkerbundsgedanke muß lebendig bleiben, wenn es gelingen soll, die Gedanken an Kriegs- und Gewaltpolitik abzutöten. Die Massen der Völker wollen in allen Ländern nach den furchtbaren Erlebnissen des Weltkrieges vom Kriege nichts mehr wissen. Gerade deshalb ist, solange der Völkerbund in lebenswichtigen Fragen, wie der Abrüstungsfrage, versagt, Kritik am Wirken des heutigen Völkerbundes ebenso nötig, als es andererseits geboten ist, den Fortschritt amzuzeigen, den der Völkerbund durch sein einfaches Dasein als Maschinerie zur Kriegsverhütung darstellt. Es bleibt dabei: der heutige Völkerbund soll die Keimzelle einer besseren Organisation der Völker sein, aus der sich ein Organismus entwickeln muß, der künftig den Ausbruch eines jeden Krieges verhindert." Sollte es wirklich besser sein, abseits zu stehen ob der Unvollkommenheit des Völkerbundes, als an seiner Vervollkommnung mitzuarbeiten? Gerade die Vielen, die die Schwächen des jetzigen Völkerbundes sehen, sollten auch erkennen, daß er eine wertvolle Etappe sein kann auf dem Wege, der von der zersetzenden Kraft der Kriegspsychose zur formenden Gewalt des Friedensgeistes führt. Wenn nur die Menschen wollen. August Kopisch läßt in seinem Liede Historie von Noah diesen klagen: Ach lieber Herr, Das Wasser schmeckt mir gar nit sehr. Dieweil darin ersäufet sind All sündhaft Vieh und Menschenkind. Sollte man nicht annehmen, daß die Sintflut des Weltkrieges den Willen zum FriÄen, den Bruch mit der Kriegstradition zum ABC der Menschen gemacht hätte? Dotz die Erkenntnis von der Sittlichkeit des Friedens, von der Notwendigkeit der Gerechtigkeit reift nicht von heute auf morgen. Sollen wir deshalb verzweifeln? Arbeiten wollen wir, gerade als religiöse Menschen, damit der Wille zum Frieden den Ruf nach Gewalt übertönt. Das Werk muß gelingen. Dann werden unsere Enkel nicht mehr voll Bangen auf das Ergebnis von Reparationskonferenzen zu harren brauchen. Bruno Woyda. Priester und Opfer Von Joseph K a u s f m a n n, Weißensee. Es ist so viel von den Errungenschaften der neuen Zeit die Rede, man ist stolz darauf, daß so vieles Alte gestürzt und Neues, Besseres aus den Ruinen erwachsen ist, man bekennt sich froh als Fortschrittler, ist eifriger Demokrat oder Sozialdemokrat — aber innerlich hängt man doch an vielem Althergebrachten und Gewohnten fest, namentlich, wenn es sich um Dinge handelt, die mit politischer Freiheit und Gleichheit nichts zu tun haben. Ganz besonders tritt das in religiöser Beziehung zu Tage. Nicht nur in Berlin, sondern auch in vielen anderen Gemeinden sucht man „das Rad der Zeit" zurück zu drehen und alte, von der Mehrzahl der Mitzglieder längst vergessene Einrichtungen wieder zur Geltung zu bringen. Langsam; aber stetig, sucht eine kleine Minorität ihre Wünsche durchzusetzen und spekuliert dabei auf den Liberalismus der Liberalen — oft mit Erfolg. Fast 50 Jahre hatte der Friedhof in Weißensee bestanden, seine Einrichtungen hatten sich als mustergültige erwiesen. Da entdeckte ein Ueberfrommer plötzlich einen Mangel, es gelang ihm und seiner kleinen Anhängerschar, seine Wünsche unter dem Appell an den wahren Sinn des Liberalismus durchzusetzen — ein Sonders eld für Absonderungsbedürftige wurde eingerichtet. Lange Jahre war in den Synagogen Rykestraße und Kaiserstraße ein besonderer Ritus eingeführt, nicht ganz konservativ, sondern auch ein klein wenig liberal, wie es den Wünschen der Mehrzahl ihrer Besucher entsprach. Jetzt ist es den Frömmlern gelungen, den alten Ritus der alten Synagoge in der Heidereutergasse auch in diesen beiden Synagogen wieder einzusühren. Vor 100 Jahren hatten sie es erreicht, daß deutsche Gebete und Lieder — auch Predigten — von staatswegen verboten wurden, heute erreichen sie dasselbe, — von Predigten ist einstweilen noch nicht die Rede von gemeinöewegen. Wohin wird das gehen? Welche weiteren Rückwärtsneuerungen werden noch angestrebt werden, welche neuen Sondervorrechte werden noch aufgestellt werden? Ein neuer Versuch ist schon im Gange. Fünfzig Jahre Hai unser Friedhof bestanden. Jedermann war mit seinen Einrichtungen zufrieden. Jetzt kam eine neue Entdeckung. Die K o h a n i m erinnerten sich ihrer aristokratischen Vorrechte, und versuchten, diesen wieder Geltung zu verschaffen. Mit Erfolg. An die Sprechhalle des Frittchofes wird ein kleiner Anban angeschlossen, damit sich der kohanitische Rabbiner und kohanittsche Leidtragende dort räumlich getrennt bei der Trauerseier aushalten können. Die Liberalen waren so liberal, dem Wunsche nicht nur nicht zu widersprechen, sondern ihm auch zuzustimmen, wenn auch schweren Herzens, denn es handelt sich ja für eine, wenn auch sehr kleine Anzahl von Gemeindemitgliedern, um eine Gewissmsfrage. Die Kohanim dürfen, kraft ihrer priesterlichen Würde, den Friedhof nicht besuchen, die Sprechhallen nicht betreten, weil die rabbinischen Vorsichtsmaßregeln für ihre Beteiligung bei Beerdigungen nicht beobachtet seien. In politischer Be- Die zweite Liste der Spender zum „Hilfsfonds des liberalen Judentums“ erscheint in dieser Nummer der J.-l. Ztg. Wir danken an dieser Stelle allen Mitgliedern und Freunden, die durch Beiträge und tätige Hilfe unsere Sache gefördert haben. Aber wir bitten auch alle diejenigen, die ihren Sonderbeitrag, zum „Hilfsfonds" noch nicht geleistet haben, sogleich M. 10.— auf das Postscheckkonto der „Vereinigung fQr das liberale Judentum e. V.", Berlin Nr. 137069 zu überweisen. Jeder Einzelne muS durch einen Beitrag zeigen, daß er mitbauen will an dem Werk/ welches wir für unsere Kinder und Kindeskinderschaffen. Darum gebt alle« der Vermögende mehr, der andere weniger, und — gebt schnelll

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