Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 13 (29.3.1929)
- Date
- 1929-03-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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tiuer Judentums vorgelegt. Keiner konnte mir eine Antwort darauf geben. Als ich den Herren dann sagte, daß es ein Mittel gäbe, um diesen Jndifferentismus zu beseitigen, und daß eine religiöse Weihestunde am Sonntag nachmittag dieses Mittel sei, da begegneten einige liberale Freunde diesem Vorschlag mit Zweifel, andere hieltm den Vorschlag des Versuches wert, selbst ein hervorragender Konservativer hatte gegen ihn nichts einzuwenden, und nur ein Zionist verhielt sich vollständig ablehnend. IV. Meinen Vorschlag hatte ich vor fünf Jahren in diesem Blatte der Oeffentlichkeit übergeben. Leider hatte er damals im Kreise meiner liberalen Freunde keinen Anklang gefunden. Es hat mich das nicht weiter gewundert. Tenn ich habe für manchen guten Gedanken von mir jahrelang in unserem Kreise kämpfen müssen, bis er sich hat durchsetzen können. Hatte es doch z. B. 15 Jahre gedauert, ehe die Anstellung eines Religionsschulinspettors von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in die Tat umgesetzt wurde. Mein Vorschlag bezweckte damals die Einrichtung eines Gottesdienstes am Sonntag nachmittag in einer einzigen Orgel- Synagoge während der Wintermonate, eine bescheidene Forderung angesichts der Tatsache, daß Tausende von Berliner Juden und Jüdinnen ihrer Religion entfremdet sind. Tiefer Gottesdienst müßte natürlich so ausgestaltet sein, daß er auch dem indifferentesten Juden durch eine inhaltreiche gediegene Predigt und gute musikalische Umrahmung etwas bietet und zur Andacht stimmt. Ein erstklassig geschulter Chor, der eventuell unter Zuhilfenahme freiwilliger Kräfte auch größeren Aufgaben gewachsen ist, müßte sich des musikalischen Teiles annehmen. Hervorragende Solisten dürften nicht fehlen. Auch Instrumentalmusik wäre, wenn die Kosten aufzubringen sind, heranzuziehen, wie einst im Tempel zu Jerusalem. Ja, preiset Gott, wie es im 150. Psalm heißt, mit Posaunenschall, preiset ihn mit Psalter und Zither. Preiset ihn mit Pauken und Reigen, mit Saitenspiel und Flöte. V. Tie große Zahl der Berliner jüdischen Gemeindemitglieder bietet Gewähr dafür, daß solch ein Gottesdienst an dem einzig arbeitsfreien Nachmittage in der ganzen Woche stark besucht werden würde, stärker als alle anderen Gottesdienste am Freitag abend und Sonnabend vormittag. Besonders die Familien, bei denen im Laufe des Jahres durch Tod eines nahen Verwandten Trauer eingetreten ist, würden die Einrichtung eines solchen Gottesdienstes warm begrüßen. Ihre Zahl ist sehr groß, da im Laufe eines Jahres über 2000 jüdische Familien einen Toten zu beklagen haben. Selbst die indifferentesten Juden, die seit undenklichen Zeiten religiösen Strömungen gegenüber versagen, sind im Trauerjahr religiöser Erbauung eher zugänglich. Wenn auch sie im Gotteshaus Trost suchen, haben unsere Rabbiner am besten Gelegenheit, auf sie einzuwirken. Welcher Segen für das gesamte Judentum daraus erwachsen kann, soll hier nicht weiter erörtert werden. Wird die Weihestunde richtig vorbereitet, dann müßte sie für alle Teilnehmer zur Offenbarung werden. VI. Wenn ich nicht irre, hat vor drei Jahren die Gemeinde in Nürnberg mit der Abhaltung einer religiösen Weihestunde am Sonntag nachmittag den Anfang gemacht. Trotzdem von einem vollen Erfolg berichtet wurde, hat meines Wissens eine Wiederholung dieser Veranstaltung dort nicht stattgefunden. Inzwischen sind andere Städte diesem Beispiel gefolgt: Karlsruhe, München und Frankfurt a. M. Letztere Stadt mit dem wundervollen Resultat, daß nicht nur Indifferente, die man sonst niemals in der Synagoge gesehen hat, sondern selbst Christen zur Andacht erschienen waren. Und nun zuletzt Breslau. Am ersten Chanukka-Abend, der zufällig auf einen Sonntag fiel, war der erste Versuch, und am 17. März der zweite. Voller Erfolg auf der ganzen Sehr starkem Interesse begegnete die Aufführung der spaniolischen Synagogalmusik, die von Kopf arrangiert worden ist. Wenn auch die Behauptung der spanischen Juden, daß ihre synagogalen Melodien noch von den alten jüdischen Tempelgesängen herrühren, schwerlich zu beweisen sein wird, kann doch angenommen werden, daß eine Anzahl der erhalten gemiedenen Gesänge Anspruch auf ein ehrsames Alter erheben kann. Besonders spricht diese Annahme für diejenigen Singweisen, die nur wenige Töne umfassen und sich zwischen Rezitation und größeren melodischen Linien bewegen, wie beispittsweise „awinu malkenu". Verfügten doch auch die biblischen Instrumente, die den rhythmischen Akzent des Gesangsvortrags zu markieren und zu verstärken hatten, nur über einen sehr geringen Tonumfang. Von den bei uns bekannten und gebräuchlichen synagogalen Melodien weichen diese spaniolischen Gesäuge sowohl in Intonation wie in Rhythmus und Taktart erheblich ab, sodaß sie kaum eine Beziehung zu unserer abendländischen Musik zu haben scheinen. Eine ganz zutreffende Vorstellung von ihnen zu gewinnen, war leider im Konzert nicht möglich, da der für den Vortrag in Aussicht genommene Albert Pinkas kürz vorher abgesagt hatte. Herr Gollanin, der für den Verhinderten einsprang, bewies seine starke Musikalität auch bei dieser Gelegenheit. Er trug die Gesänge mit großer Wärme und tonlich frischem Stimmklang vor. Daß er der ihnen innewohnenden Eigenart nicht ganz gerecht geworden ist und auch nicht gerecht werden konnte, liegt nicht an ihm, sondern daran, daß bei den komplizierten Tonverhältnissen der spaniolischen Musik, deren Teilungen in Drittel- und Bierteltöne, verbunden mit einem gewissen Auf- und Abwärtsziehen der Sttmme, auf eine Beeinflussung durch die arabische Musik hinweist und für deren Fixierung das europäische Notensystem nicht ausreicht, erne Vermittlung für unsere europäischen Ohren durch einen rort dem orientalischen Melos voll vertrauten Sänger hätte erfolgen müssen. Die mehrstimmige Bearbeitung der Gesänge hat sie trotz 'geschickte Anpassung weiterhin europäisiert. Tett des Programms kam ein Kol nidre vor Ench Walter Sternberg zur Uraufführung, ein Werk, das dre traditionellen Melodien mit modernen musikalischer Ausdrucksmitteln prachtvoll untermalt und das auch im Kon zertsaal die Stimmung schuf, die sonst nur von der Weih, erner gottesdienstlichen Handlung getragen wird. Man wirk dem Werk m der Zukunft wohl häufiger begegnen. .. Herr Iso Vorland (von der Staatsoper) hat mi warmen Sttmmgebung den Eindruck des Werkes ftar geMtzt. Bon den übrigen Mitwirkenden sind Fräulein Gret, . , (Brolme), Bicki Mrotz (Cello) und Herr Artyui Zepke (Orgel) lobend zu erwähnen. E. Ehrenreich. * versammlnugskalender - Berlin. Am Mittwoch, den 3. April 1929, abends 8.39 Uhr, veranstaltet die Liberale Synagoge Wilmersdorf gemeinsam mit dem Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin, vezirksgruppr Wilmersdorf, im Logenhaus, Kleiststraßr 19, de» 2. Semekndeabend. Referenten: Dr. S. London, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde, „Synagoge Prinzregentenstraße ein Kapitel liberaler Ermeindepolitik"; Rabbiner Dr. M. Salvmonski „War verlangen wir von einem liberalen Gottesdienst?" Gäste herzlich willkommen. Breslau. Jli „Abraham Geiger". Mittwoch, den 3. April, 29.15 Uhr, im Bereinslokal „Soziale Gruppe", Kaiser Wilhelmstraße 16, Bortrag des Herrn Gustav Glaser, Direktor des jüdischen Wohlfahrtsamtes, über „Revolte im Erziehungshans". (Der Herr Bortragende war am 29. März durch Unpäßlichkeit behindert.) Voranzeige: Mittwoch, den 19. April, Generalversammlung. Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendgemeinschaft. Samstag, den 6. April, 16.39 Uhr, Referat H. Weiler im Sitzungszimmer der Westendfynagoge, Freiherr v. Stein-Straße. Unser nächster Heimabend „Aktuelle Tagesfragen" findet Dienstag, den 9. April, 29.45 Uhr, statt im Sitzungszimmer der Westendsynagoge. |*j GoUaadleußa vervu-«ar»e«. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Jede« Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 29. März, Gottesdienst. Predigt: Professor Friedländer. Sonnabend, den 39. März, vormittags 19 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salvmonski. Freitag, den 5. April, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfli. Sonnabend» den 6. April, vormittags 19 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfli. Berlin-Westend. verein Liberale Synagoge Westenb, Lelstikowstraße 7-8 (Schulaula), nahe Reichskanzlerplatz. Jede» Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 29. März, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfli. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Läcilienfchule, Rikvlsbnrger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, de« 29. März, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Davin Schönberger, Aachen. Linie. Etwa 600 Personen waren anwesend. Es war kein Sonntags-Gottesdienst, sondern ein Gottesdienst an einem Sonntag nachmittag. Ein Sonntags-Gottesdienst dient der Feier des Ruhetages, die Weihestunde am Sonntag nachmittag soll jeder religiösen Erbauung dienen. — In allen Städten haben die Rabbiner die Sache gefördert, was doch selbstverständlich ist. Wann werden wir in Berlin das gleiche erleben? Wann werden sich die Berliner liberalen Rabbiner an die Spitze stellen, wenn es gilt, religiösen Fortschritt zu fördern?! Tie gottesdienstlichen Einrichtungen der Bezirke des Liberalen Vereins Norden, Wilmersdorf und Westend bilden eine rühmliche Ausnahme. VII. Nachdem meine Idee nach jahrelangem Schlummer sich nun endlich in so vielen Gemeinden durchgerungen hat, zweifle ich nicht, daß es auch in Berlin zur Tat kommen wird. Für diesen Winter ist eine Durchführung nicht mehr möglich. Soll der Gedanke einer religiösen Weihestunde am Sonntag nachmittag aber in würdiger und anziehender Form in der größten Gemttnde Deutschlands Heimatsrecht erhalten, dann muß mit den Vorbereitungen sofort begonnen werben. Sollte sich für den ersten Winter ein regelmäßiger Gottesdienst an jedem Sonntag nachmittag noch nicht durchführen lassen, dann müßte er mindestens an jedem Ersten Sonntag im Monat stattfinden. Wichtig für die Einführung ist, daß eine regelmäßige Wiederkehr gesichert ist. An den Liberalen liegt es, endlich mit Entschiedenheit und mit warmem jüdischen Herzen für die Einführung der Weihestunde ttnzutreten. Man sollte Feuer dahinter setzen, damit die Flamme der Begeisterung die große Masse erfassen kann. Der Erfolg wird nicht ausbleiben. * Sprechsaal * für diese Rubrik übernimmt die E'christleitung lediglich die preßaeleklicbe Derantworttwa. Religion und Leben Von Dr. Jelski. Daß mttn in Nr. 7 dieser Zeitung unter dem obigen Titel erschienener Aufsatz manchem Mißverständnis, Einwand und Widerspruch begegnen werde, habe ich von vornherein angenommen. Denn wenn schon jede Meinungsäußerung ihnen ausgesetzt ist — das liegt in der Natur der menschlichen Dinge, die ja allemal von den' verschiedenen, oft enbgegenAesetzten Seiten beleuchtet und beurteilt werden können, und in der Natur der menschlichen Sprache und der menschlichen Geister, die bei demselben Wort pnd Begriff mcht immer dasselbe denken und verstehen — um wievielmehr eine Betrachtung, die es mit einen: besonders tiefgreifenden Problem zu tun hat,, mit so umfassenden, Vielsageni den und vielsinnigen Begriffen wie Religion und Leben, und die noch dazu von ttner vorherrschenden und gerade in der letzten Zeit so stark betonten und lebhaft propagierten Anschauung abweicht, wenigstens scheinbar abweicht. Denn im Grunde genommen stimme ich mit ihr und also auch mit ihren Vertretern darin überein, daß Religion sich in der ganzen Breite des Lebens, in den Handlungen des Einzelnen wie in den Einrichtungen der Gesamtheit auswirken und ausprägen, also offenbaren solle. Wer sollle das wohl bestreiten und wer sollte das nicht wünschen und mit allen Kräften erstreben? Tin Lehrer und Künder der Religion jedenfalls nicht. Wenn man gesagt hat, daß wahre Religion erlebte Religion ist, nicht solche, die man nur auf Treu und Glauben, aus Tradition und STOliWERO-t KAKAO Ol Hi g, \ iDohlSchriu.’ckcnd. nahrhaft. Pietät annimmt und festhält, so kann man auch sagen, daß wahre Religion solche ist, die sich im Leben bewährt, die wie der echte Ring auch nach außen wirkt, aber — und das ist das Unterscheidende und Entscheidende, was ich betonen wollte, damit wir die Hauptsache nicht aus dem Auge verlieren — nur dadurch wirken kann, daß sie vor allem erst in der Seele des Menschen selber Leben und Gestalt gewonnen hat, Macht und Wirklichkeit geworden ist. Was hilft alles Reden darüber, daß alle Ordnungen und Einrichtungen des sozial-politischen Lebms von religiösem Geiste durchtränkt sein sollen, wenn nicht zuvor die Seelen selbst von solchem Geiste getränkt und beseelt sind? Die Religion kann niemals unmittelbar auf die Dinge wirken, sondern immer nuraufdas menschliche Gemüt, das ist der springende Punkt. Darum möchte ich den schönen Vergleich, den Dr. Appel gebraucht, etwas anders wenden und sagen: nicht das Leben im Sinne der empirischen Einzelgebiete, deren jedes ja eine besondere Sach- und Fachkunde erfordert, ist das große Ackerfeld, das wir pflügen und pflegen sollen, sondern vielmehr die Menschenseele, auf daß die Religion selber zum Leben in ihr werde, d. h. zum sittlichen Antrieb und eben damit auch zum Gestalter der Wirklichkeit im sittlichen Sinne. Damit will ich aber keinen Gegensatz konstruieren, sondern nur sagen: Man soll dieses tun und jenes nicht lassen. Und wenn Dr. Appel auch meine Behauptung zugibt, daß wir in einer sich immer mehr spezialisierenden Zttt leben, so meint er doch, daß es gerade die Aufgabe der Religion sei, die Totalität des Menschenwesens wieder herzustellen. Dieser Satz ist mir aus der Seele gesprochen. Ja, die Religion allein vermag uns jene Einheit und Ganzheit wiederzugeben, die wir so schmerzlich vermissen, aber nicht dadurch, daß sie sich selbst zersplittert und um atte möglichen Einzelheiten kümmert, die zum Teil der Laie 'oft besser versteht als der Geistliche, sondern vielmchr dadurch, daß sie den Menschen in seiner ewigen und tiefsten Wesenheit ergreift und anpackt und alle seine Kräfte auf das eine konzentriert, was aw meisten nottut, wenn wir eine neue Menschheit, eine neue Erde, wenn wir das Gottesreich schaffen wollen oder „die Welt gründen auf dem Reiche des Allmächtigen". Freilich ist diese Messianische Zeit ein Ideal, dem wir uns nur in unendlicher Entwicklung annähern können. Darum verstehe ich in beti Ausführungen des Dr. I a m p e l, dessen religionspshcholoaisch feine Bemerkung wohl einzelne Personen, aber nicht die Sache trifft, folgenden Satz nicht: „Wenn es für die Vertreter der Religion schon genügt, die religiös-ethischen Ideale in der Theorie zu predigen, wie ist es dann zu erklären, daß jede Verwirklichung eines solchen Ideals fast das ausschließliche Verdienst der religions feindlichen Krttse ist, während die offiziellen Vertreter der Religion diesen stets hindernd in den Weg treten." Dazu möchte ich folgendes bemerken: Wenn den Vertretern der Religion — daß sie solcher Arbeit in den Weg trtten, erscheint mir als Uebertreiüung — nur die Theorie genügt, dann kann man es doch sehr gut verstchen, daß andere sich mit der praktischen Durchführung befassen, und ferner, daß wir von einer Verwirklichung religiös-ethischer Ideale, von der Herr Jampel als Tatsache redet, leider noch sehr weit entfernt sind, und endlichdaß es durchaus nicht religions feind lich e Kreise zu sein brauchen, weil sie unabhängig von Bibel und Religion so Manche ihrer Lehren in die Wirklichkeit umzusetzen trachten. Vielmchr scheint mir das ein Beweis, daß sie unwillkürlich und unbewußt unter ihrem Einfluß handeln und eine Bestätigung dafür, daß ich wohl doch nicht so ganz Unrecht habe, wenn ich meinte, daß die Religion als solche für die Umsetzung ihrer Ideen in die Praxis nicht ausreicht, selbst da, wo Fragen vorliegm, die sich unmittelbar mit ihr, weil mit dem Ethischen berühren, wie Wohnungsnot, Alkoholismus, Mädchenhandel, Jugendfürsorge, Wohlfahrtspflege, Strafrecht, Völkerrecht und vieles andere mehr. Denn ihre eigentliche Aufgabe besteht darin, vor allem das Leben der Seele selbst mit ethischem Gehalt zu durchdringen. Dann, so kann ich nur wiederholen, ergibt sich so zu sagen alles Andere wie von selber. Tenn es kommt schließlich nicht so sehr aus das rein Technische und Organisatorische, auf äußere Einrichtungen und Ordnungen, auf Paragraphen und Gesetze an — sonst hätten ja die alten Propheten nicht so oft und so leidenschaftlich gegen die sozialen Schäden und Ungerechtigkeiten im eigenen Volke zu eifern brauchen (vergl. auch Neh. C. 51 — sondern weit mehr auf den Menschen selbst, auf die Persönlichkeit. Ter Leiter eines großen Unternehmens, der von wahrhaft religiöser, also ethisch-humaner und sozialer Gesinnung wirklich beseelt ist, wird seine Arbeiter schon so behandeln und so stellen, daß sie mit Freudigkeit seinem und damit auch ihrem Werke dimen und ein menschenwüv-i diges Dasein führen können. Er hätte also innerhalb seines Bttriebes die soziale Frage gelöst und so verhält es sich auch mit anderen Gebitten. > Das gibt ja auch Dr. G o t t s ch a l k zu und bestätigt damit nur meine Auffassung, Wenn er ausruft: „Und hätten wir nicht tatsächlich längst die Abrüstung, wenn die Staatsmänner nicht bloß klug, sondern auch religiös, leidenschaftlich religiös wären?" Also der gute Wille, der religiöse Sinn, das mitfühlende Herz, das ethische Gewissen und Verantwortungsgefühl, die ahawaß chessed, die „Liebe zur Liebe", d. h. die Leidenschaft für Recht und Billigkett, das ist das Grundlegende und Entscheidende, und darum haben wir das vor allem zu wecken und zu pflegen, wie ja auch Nehemia in dem angeführten Kapitel durch sein persönliches Eingreifen und seine zu Herzen gehende Mahnung die Machthaber umstimmt und zur Besinnung