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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-03-29 · 13 (29.3.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
13 (29.3.1929)
Date
1929-03-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Arbeiterkolonie. „Trotzdem die Struktur der jüdischen Wanderung eine andere ist als die allgemeine, sieht er viele gemeinsame Aufgaben und berichtet daher aus seinen Erfahrungen in den aus Grund Bodelschnnngh'scher Gedanken geführten Anstalten. Das Ziel der Arbeiterkolonie ist, Menschen, bte durch besondere Hemmungen lange Zeit gehindert sind, in das Wirtschaftsleben hineinzukommen, so lange in den Kolonien zu hallen, bis sie zurückgehen können und wollen Die Methoden der Arbeiterkolonie auf dem Grundsatz: zuefti der Mensch, dann die Wirtschaft. Bewährte Arbeitsformen sind: Meliorationen, Landwirtschaft, Gärtnerei und Handwerk. Die Arbeits therapie geht darauf aus, innerlich zerbrostene Menschen wieder gesund zu machen. Dazu verhilft erfahrungsgemäß am besten die Gärtnerei und Landwirtschaft. Daher werden alle Neuankommenoen zuerst in ihr beschäftigt, wie überhaupt eine Art Progressivsystem in der Beschäftigung herrscht. Die Arbeitslöhne können nicht den Tarifen entsprechend sein, weil auch keine tarifliche Leistung vorliegt. Wenn auch der Betrieb als solcher dadurch ein Zuschußbetrieb ist, so können die Kolonisten immerhin nach einer gewissen Zeit sich ein kleines Betriebskapital ersparen. Zu den Aufgaben der Anstalt gehört auch die Fürsorge für Strafentlassene, für Trinker, für Jugendliche (diese bleiben nur kurze Zeit dort) und für Alte. Der Eintritt beruht auf völliger Freiwilligkeit." Wenn die Jüdische Arbeiterkolonie, die vorläufig für etwa 50 Menschen gedacht ist, für Viele das Ende der Entwurzelung sein wird, so kann sie dock nicht eine Lösung all e.r Fragen jüdischer Arbeitslosigkeit sein. Deshalb wird die Hauptstelle in der nächsten Zeit die Arbeitsnachweisbewegung mehr stärken als bisher. Vor allem sollen an den wichtigsten Plätzen in Deutschland selbständige Arbeitsnachweise errichtet werden. Durch die vor kurzem erfolgte Gründung von Provinzialarbeitsnachweisen in Breslau, Dortmund und Köln sind bereits 3 neue Stützpunkte für die Bewegung vorhanden. Im engen Zusammenhang damit stehen Fragen oer Berufsberatung und Bern ssumschich tung. Hierfür werden die Jahre des Geburtenausfälles infolge des Krieges und des dadurch zu erwartenden Lehrlingsmangels günstig sein. Ueber die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Arbeitsfürsorge sprach Frau W r o n s k y. Sie führte zunächst aus, in welcher Weise und durch welche Ursachen sich der Begriff der Arbeit gewandelt hat uno daß eine Arbeits fürsorge notwendig erschien als Arbeitsmangel infolge von Wirtschaftskrisen und von persönlichen Hemmungen sich einstellte. Das Ziel der Arbeits fürsorge ist die Eingliederung des Arbeitslosen in den Wirtschaftsprozeß, durch Entwicklung der noch nicht Arbeitsfähigen, besonders der Jugendlichen; durch Erhaltung der Arbeitskraft bei Arbeitslosigkeit und durch Verbesserung der Arbeitskraft der Arbeitsgehemmten. Voraussetzung ist eine klare Erkenntnis des Wirtschaftslebens. Jeoe Arbeitsfürsorge ist im Sinne von Erwerbsfähigung möglichst großzügig, auch im Hinblick auf finanzielle Leistungen zu üben. Zur Erwerbsbesähigung von Jugendlichen, dir auf öffentliche Kosten erfolgen kann, gehört nicht nur die Berufsausbildung, sondern auch die körperliche Ertüchtigung der schulentlassenen, noch nicht berufsreisen Jugendlichen. Die Uebung der Arbeitskrast in Zeiten von Erwerbslosigkeit als produktive Form oer Arbeitsjürsorge hat sich in der jüdischen Fürsorge noch nicht genügend eingebürgert. Vor allem sollten in Zeiten von Krise» die Gemeinden Aufträge zur Uebung und Erhaltung der Arbeitskraft erteilen. Bei der Anpassung der phy,'i - scheu, geistigen und psychischen Kräfte von Arbeitsgehemmten ist die Arbeitsfürsorge nach der Seite der persönlichen Behandlung hin zu erweitern. (Biesalsky spricht in den Ausführungen zum preußischen Krüppelsürsorgegesetz von einer „seelischen Entkrüppelung") In den öffentlichen Etats sind große Summen für Wohlfahrtszwecke eingestellt Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern „Löblich ist ein tolles Streben, wenn es kurz ist und mit Sinn!" Ter Goethevers, der oen Fastnachtsbrunnen am Gülichsplatz zu Köln ziert und aus wohlgefällige Aufnahme des Mummenschanzes durch den Dichter deutet, läßt sich — besonders hinsichtlich der Kürze — säst noch besser aus den jüdischen Fastelovend anwenden. Wieso aus einem in der Schrift durchaus ohne Humor — ihren Humor und Witz haben die Juden gewiß nicht aus ihrem großen Buch bezogen — behandelten Ereignis, in der Erinnerung an einen ganz und gar ernsten Hintergrund sich ein lustiges Volksfeit herauskristallisieren konnte, ist nicht leicht erft'ndlich. Immerhin, die Tatsache beweist: Purim gehört zu den Freudesesten, mehr als das — Freude kann ernster Art sein - es ist ein lustiges Fest geworden. Es wäre nicht jüdisch zu nennen, wenn die Schadenfreude über das Los des Haman da hineinspielte. Genug: Man freute sich, und der Volksbrauch hat den Halbfeiertag zu elnem Vergnügen umgestaltet. Des Ernstes wird gewiß nicht vergessen. Folgt er dem Karneval im Aschermittwoch, so geht er bei uns dem Vergnügen voraus. Man hört die Megillay, man erinnert sich der furchtbaren Bedrängnis und der Rettung in letzter Minute. Man benutzt den Anläße dem Mitmenschen, besonders dem Armen durch Geschenke Freude zu machen. Im übrigen aber ein Plus an Speis' und Trank, tolle Laune, Bälle, Maskeraden, in einzelnen Gegenden originelle Bräuche. Assimilation? Purim ist älter als..., aber die Maskenbälle sagt man, seien im Ghetto noch nicht oder nicht so gefeiert worden. Und die Darstellungen und Purimspiele? Auch sie wissen aus dem an sich tragischen Stofs in oen meisten Fällen Komödien zu machen. Haman, ja Ahasveros selbst sind komische, tragikomische Figuren. Nichtjuden, man denke an Racines „Esther", haben den Stofs allerdings auch ernst behandelt. Zu einem vergessenen, wohl aber komödienhaften Spiel von der „Stolzen Basthi" dem Werk des Hainbunddichters Götter schreibt Goethe einen Epilog, der Herzogin Amalia gewidmet. Und aus den Altmeister selbst muß die Purimgeschichte oder das Fest einen Eindruck gemacht haben; möglich, daß durch das Gottersche Stück der Anlaß gegeben wurde. Jedenfalls hat er einen Versuch gemacht „die Historia von Esther im Drama nach der neuesten Art" zu gestalten. Schon der Rahmen dazu zeigt, daß es ihm darum zu tun war, die Lachlust der Zuschauer zu reizen. Er hat den Stofs zum Zentrum eines den mittelatterüchen Schönbartspielen nachgeahmten kleinen Lustspiels gemacht. Das „Jahrmarktsfestzn Plundersweilern" betitelt es sich und ist wohl für die küMerisch-geselligen Abende in Anna Amalias Kreis oder für irgend eine Laienbühne gedacht gewesen. Hie und da ein wenig Politik, hie und da Spott über Zeit und Zeit- und es hat sich gezeigt, oaß die Wirtschaft dadurch nicht belastet, sondern im Gegenteil bereichert wurde. Arbeitsfürsorge kann daher nur in einer Symbiose von Wirtschaft und Wohlfahrt gedacht werden." Dr. Werner Senator sprach über das jüdische Flüchtlings Problem nach dem Weltkrieg. „Einen Begriff von der Grüße oes Flüchttingsproblems m den letzten Jahren gab die Mitteilung, daß die Wanderung m den 80iger Jahren nach Amerika sich im Verlause eines MenschenalterH die Wanderung von einer Million Menschen nach dem Kriege sich im Verlause von 6—8 Jahren vollzogen hat. Ursachen der Wanderung ist die Evakuierung und Repetrierung der jüdischen Bevölkerung in Rußland, die der Freundschaft mit Deutschland verdächtigt lvurde nach 'Ausbruch des Weltkrieges, sooann die Auswanderung infolge der Pogrome, die Massenflucht der russischen Juden aus Sowjet-Rußlanddas für sie keine bürgerlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten mehr bot und schließlich noch eine allgemeine Wanderung aus Rußland. Das Flüchtling s pr o b l e m wirkte sich aus in Deutschland im Arbeitersürsorgeamt, in den Häfen Danzig, Riga, Konstantinopel. Noch heute sind Massen von Flüchtlingen ln bessarabischen und rumänischen Städten, deren Lage noch ganz ungeklärt ist, Tie Haltung der Regierungen, durch deren Gebiet der Emigrantenstrom ging, war in der ersten Zeit eine relativ wohlwollende (auch infolge oer Einwirkung der Weststaaten: Joint Distribution Comittee, Welthilsskonferenz). Mit dem Erstarken der antisemitischen Bewegung verschärfte sich die Haltung der Regierungen; die Durchwanderung löste eine antisemitische Hetze aus. Es folgten Erlasse, welche die völlige Evakuierung zu bestimmten Terminen forderten. (Damals wurden z. B. in ganz kurzer Zeit 1000 Menschen nach Danzig gebracht). Tie Einwanderung nach U.S.A., die 1920/21 noch möglich war, ist durch das Einwanderungsgesetz fast bedeutungslos geworden. Noch immer aber gibt es Emigranten, die seit einigen Jahren in den Häfen warten, bis sie nach Amerika oder Palästina gehen können. Tie soziale Schicht der Flüchtlinge ist sehr verschieden,- es flüchtete aus Rußland z. B. auch die Groß-Bourgeoisie, die sich zu einem kleinen Teil in Berlin, zu einem größeren in Paris befindet. Tie Leiden, unter welchen sich die Emigration und me Repatriierung vollzogen haben, sind schwer zu vergegenwärtigen und auch die Praxis der Einwanderung nach Amerika war vielfach eine barbarische. Abgesehen von de nMasien in Besiarabien und in Konstantinopel, die auf Vollziehung der vorgeschlagenen Einbürgerung warten, hat sich das Massenproblem allmählich in viele Einzelprobleme aufgelöst. Das Positive, das oie Wanderung den Massen in Besiarabien und in Konstantinopel, die auf Lebens. Das Westjudentum hat aber oadurch wieder Kontakt mit dem Gesamtjudentum bekommen und hat sich verpflichtet gefühlt, dem Ostjudenproblem im weitesten Umfange ferne Kraft zur Verfügung zu stellen." Tie Tagung der Hauptstelle für Wandersürsorge machte weniger den sonst bei Mitgliederversammlungen üblichen formalen und repräsentativen Eindruck, sondern man versuchte, den Stand des Erreichten und Erstrebten in der Arbeit kritisch zu betrachten, Ziele für die neue Arbeitsperiode zu stecken und spezielle Probleme oer jüdischen Wandersürsorge in größeren Zusammenhängen zu beleuchten. Lebhaft bedauert wurde das Ausscheiden von Herrn Adler-Rudel, der zu der jüdischen Gemeinde Berlin übergehen wird. — In den Vorstand wurden neu hinzugewählt: Herr Oscar Cohn, Herr Wilhelm Markus, Herr Professor Türk. Ter gedruckte, sehr interessante Tätigkeitsbericht ist von der Hauptstelle für jüdische Wandersürsorge, Berlin N. 24, Auguststraße 17, zu beziehen. Hilde Ottenheimer. genossen, im Ganzen das Bild des Jahrmarkts mit all seiner Buntheit und seinem Geschrei, mit all den Figuren, die auf den Jahrmärkten, Messen und Kirchweihfesten auszutreten pflegten. Da ist der Marktschreier, oer Vorfahr des Conferencier, da ist der Arzt mit seinen Salben und Mixtürchen, der immer Wunder tut, ein Tölpel von Bauer, der Tiroler Händler, der Nürnberger, der den lieben Kindlein feine Spielwaren anpreist, Zigeuner, Bänkelsänger und Hanswurst, ein Schattenspielmann, der die Schöpfungsgeschichte vorführt und dann eine wahre Kapnzinerpredigt gegen die Nachfolge Evas losläßt. Und damit schließt leider die lustige Szene. In diesen fröhlichen und bunten Rahmen des Volksgewimmels setzt der Dichter die große „Attraktion" des Jahrmarkts, die Tragödie, die der Conferencier — Marktschreier in den gefühlvollsten Tönen ansagt, als deren Wirkung er „Zähneklappern und Grausen gepaart" erwartet. Dann endlich hebt sich der Vorhang dieser Bühne auf der Bühne. Thron uM Galgen werden sichtbar. Haman, von Rachegefühlen bewegt, tritt auf und bejammert des Königs allzugroße Güte. Bald kommt Ahasveros hinzu, und Haman versucht in diplomatischer Redewendung und Steigerung, den König von der ihm durch die Juden drohenden Gefahr zu Merzeugen. Aber er stößt zunächst auf ein pilegmatisches „Geenigs"-Wort: „Mir ist es einerlei, wem sie die Psalmen singen, wenn sie nur ruhig sind und mir die Steuern bringen." Und wenn Haman von des Judenvolkes „leichter Müh', durch Handel und durch Zins Geld aus dem Land zu tragen" spricht, meint Ahasveros sehr ruhig: „Mein Freund, ich bin nicht blind, doch das tun andre mehr, die uMeschnitten sind." An andrer Stelle heißt's: „Ein Jude Jude wird dich doch nicht eifersüchttg machen?" und „es ist ein Jeglicher im ganzen Land auf ein und andre Art mit Israel verwandt". Die Antworten des Königs lassen in ihrer anfangs ganz ruhigen und Merlegen scheinenden Art wohl darauf schließen, daß es dem Dichter auch darum zu tun war, die im ganzen Volk verbreiteten Ansichten, die Angriffe zu widerlegen, den JMen gesellschaftlich und staatsbürgerlich die rechte Stellung einzuräumen und das in volkstüinlicher Weise. — Aber der Verleumder ruht nicht. Sein Mütchen an dem einen Beleidiger zu kühlen, wendet er gegen das Volk der Juden die letzten und schlimmsten Mittel an. Seine „bequeme Majestät", die nickt gern von Fob und Mord und Schlacht hört, die vorher die eines Landes-- vaters würdigen Worte Wer den Krieg findet: „Wir schicken unser Heer und feiern jeden Sieg und sitzen ruhig hier, als war da drauß' kein Krieg", muß vernehmen, daß es ihr an dm eignen Leib gehen soll. Das ist zu viel. Dem König „schlagm Zähne, Knie zusammen"! Zehntausend Galgm befichlt er, doch Hamans „Großmut" ist's um das Holz, das dazu gehört, leid. Ihm geht es um ein Haupt, um Religiöse Feierstunden in den Synagogen am Sonntag Nachmittag Von Tr. M. L i p s ch i tz. In diesen Blättern wurde schon häufig dem Wunsche Ausdruck gegeben, religiöse Weihefiunden in der Synagoge am Sonntag zu veranstalten. Wir veröffentlichen den nachstehenden Aussatz zu diesem Thema, ohne uns alle Einzelheiten zu eigen zu machen. I. Alsich in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin im Jahre 1901, ausgehend vom Liberalm Verein für die Angelegenheitm der jüdischm Gemeinde unter Führung seines damaligen Vorsitzenden, des bereits verstorbenm Justtzrats Breslauer, eine Bewegung geltmd machte, welche darauf ausging, allwöchentlich am Sonntag vormittag in den Orgel- Synagogen einen Gottesdienst abzuhalten, hatte ich schon mitten im Wahlkamps darauf aufmerksam gemacht, daß diese Bewegung Schissbruch erleiden müsse, weil sie selbst im Kreise liberaler Judm kein Echo fand. Man hatte auf meine warnende Stimme nicht hören wollen, bis die Niederlage bei der Wahl jeden davon Merzeugte, daß die Liberalen damals ein gefährliches Spiel getrieben hatten. Selbst ein größerer Teil von Mitgliedern unseres Liberalen Vereins hatte damals gegm die Einführung eines „Sonntags-Gottesdienstes" gestimmt, in der Ueberzeugung, daß die Sabbatidee, die zu den höchsten Errungenschaften des Judentums gehörte und eine sittliche Tat von ungeahnten Ausmaßen für die gai^e Welt bedmtete, Schaden leiden könnte. Es kostete viel Arbeit, dem Vorstand des Liberalm Vereins klar zu machen, daß diese Bewegung nicht eine Wiederholung finden dürfe, wolle man nicht dem religiös-liberalen Gedanken im Judmtum Merhaupt Abbruch tun. Der mit Nachdruck vorgebrachte Hinweis auf eine Schädigung des Liberalismus hatte endlich dm Erfolg, daß selbst die bedeutenden Vorkämpfer die Idee eines Sonntags-Gottesdienstes für die Hauptgemeinde vollständig aufgaben. Ties hatte zur Folge, daß die Liberalen bei der nächsten Wahl wieder die Majorität der Repräsentanten auf ihrer Seite hatten. II. Seit diesen Kämpfen sind viele Jahre verflossen. Das religiöse Leben im allgemeinen ist nicht stärker geworden, auch nicht das liberal-religiöse Leben. Trotzdem die Zahl der Orgel-Synagogen seit nahezu 20 Jahren in Berlin die gleiche geblieben ist, ist der Besuch dieser Synagogen an den Freitagabenden und Sabbaten der gleiche geblieben. Dabei hat sich die Zahl der Gemeindemilglieder in diesem Zeitraum nahezu verdreifacht. Daraus muß jeder objektiv Urteilende den Schluß ziehen, daß der religiöse Jndifferentismus stark zugenommen hat, das, obwohl der Religionsunterricht in dieser Zeit sicher ein besserer und die Zahl der Kinder, welche keinen jüdischen Religionsunterr-cht erhalten, relativ kleiner geworden ist. Als der Krieg ins Land zog, glaubtm viele, daß sich das Volk allgemein und die Juden insbesondere mehr religiösen Anschauungen zuwenden würden. Man hatte sich getäuscht. Es ist nichts besser geworden. Ter Jndifferentismus hat auch in den letzten beiden Jahrzehnten weiter zugenommen, obwohl die verschiedensten Kreise sich bemühten, Interesse für jüdischreligiöse Fragen zu weckm, die Gemeindtzzeitung den Mitgliedern der Gemeinde gratis ins Haus geschickt wurde und der Zionismus durch Beschlagnahme der frühesten Jugend für seine nationalen Ziele nicht zu unterschätzende Erfolge aufzuweisen hatte. Daß in Berlin etwa 50 000 Glaubensgenossen selbst an den höchsten Feiertagen kein Gotteshaus ausiüchen, spricht Bände. III. Gibt es nun ein Mlittet, um bem religiösen Jndifserentismus unter unseren Glaubensgenossen Einhalt zu tun? Diese Frage habe ich verschiedenen bedeutenden Männern des Ber- Mordochai, „HofjM der Königin". So weit der I. Aktus. Tragikomödie — Moritat in Wort und Bild, ein wenig an dm Aufbau und Stil der Platenschm komischen Stücke erinnernd, an die „Verhängnisvolle Gabel", den „Romantischen Oedipus", jene Parodien auf die Schicksalstragödien. Wer auf die Personen des Jahrmarksspiels wirtt's doch, dies Theater im Theater, so, daß Hanswurst sagm muß: „Schnupftuch raüs, gebt acht! kommen euch Tränen in die Augen!" Die Gegenspieler Esther und Mordochai treten auf. Größter Jammer, noch wie vorher weiter im Stil der Moritat; Esther zeigt sich zunächst unerbittlich, die Angst vor der Ungnade des Königs Merwiegt die kindliche Liebe und Dankbarkeit. Einmal erweckt Mordochai mit seinen Worten das Mitleid: „O stürb' ich für mein Volk und unser heilig Land, allein ich sterb' umsonst durch die verruchte Hand! Dort hängt mein graues Haupt, dem ungestümm Regen, dem glüh'nden Sonnenschein und bittern Schnee entgegen!" Und dann wieder, wohl unsre Lachlust reizend, der Phantasie eines mittelalterlichen Volkes aber durchaus angepaßt — das Trauerspiel ist ja für die Personm des Schönbarpspiels gefügt — Verse wie: „Dort nascht geschäftig mir zum Winterzeitvertreib ein garstig Rabenvolk das schöne Fett vom Leib." Das ist der Goethe, den das Puppenspiel in hohem Maße anregt, der Goethe, dem Volkston und Volks- Psyche so ganz ausgegangm sind. — Ob sich der Dichter wohl „das Land ohne JMen" vorgestellt hat, wenn er seinem Mordochai die Worte in den Mund legt: „Der schöne Handel fällt, es kommt kein Contreband durch unsre JMustrie dir künftig mehr zur Hand!"? Ein Fragment ist's leider, dies lebendige Holzschnittchen, der Jahrmarkt zu PluMersweilern, und Fragment ist auch das Richrstück darin von der schönen Esther. Man legt's mit Bedauern aus der HaM und wünscht nur, daß es nicht ganz der Vergessenheit anheimsalle. Cilli Marx. Konzerl der „Mischen Orchestervereinigung" Die „Jüdische Orchestervereinigung" lud am Donnerstag, den 21. März 1929, zu einem Konzert nach der Hochschule für Musik. Das Programm brachte geistliche und profane Musik nebeneinander. Der Dirigent Leo Kopf hat sein Orchester, in der Hauptsache aus Dilettanten bestehend, gut in der Hand. Es folgte willig seinen Intentionen, wenn auch manches, wie dies bei einem noch so gut geschulten Dilettantenkövper schr leicht verständlich ist, etwas stärker prononziert herauskam, als der Sache zuträglich war. Alles in allem eine schr respektable Leistung, wozu die Bereinigung nur beglückwünscht werden kann.

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