Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 13 (29.3.1929)
- Date
- 1929-03-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2613366-2614000-2614013--3095-2620642- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
IWchMerakZMmg Organ -er Bereinigung für das liberale Judentum e. V. 18<3«g»preU durch die Geschäftsstelle '/.jährlich Al. 2.50 «Inzelnummer O^ro. Bei freier Zusendung i. Inland 0.25 -llr die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten, verautwortl. Redakteur: Bruno woyda. Di« „Jüdisch-liberal« Zeitung" erschein! leben Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: verlia SW 4», Wilhelms»!. 147 Fernruf: Bergmann 3350, 3359 Postscheckkonto: Berlin 7tW 7. 137069 (Bereinigung für das liberale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge »mr mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12 gespaltene Ronparaillezettr 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark. bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: »Jüdisch-liberale Zeitung* Inseratenabteilung: Berlin SW 40. Mlhelmstrahe 147 (Bergmann: 3350-59), sowie sümtl. Aunoueen-ExpedMon. Rr. 13 Berlin. 29. MSr; 1929 9. Jahrgang - : 7“: I« 3wifo Hgraai Lenkralverein und Zewish Agency Der L.-V. lehnt die Entsendung von Vertretern in die Agency ab Wie aitgekündigt, hat sich der Hauplvorstand des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in seiner Sitzung vom 24. März mit der Frage des Eintritts in die Jewish Agency beschäftigt. Die Beteiligung sowohl aus Berlin als auch aus dem Reich war sehr gut. Nach Reseraten von Prof. Georg Bernhard (Berlin) uno Rechtsanwalt Alfred Lichtenberg (Hannover), sowie nach sehr eingehender Debatte wurde schließlich folgende Resolution Lichtenberg, Wertheim usw. mit 48 gegen 35 Stimmen angenommen : „Für den Centralverein ist die satzungsmäßige wesentliche Ausgabe die Vertretung unserer Ideale und unserer Interessen in der deutschen Heimat. Allem voran steht uns deshalb die Wahrung der Geschlossenheit der deutschen Inden für diese Ziele. Die Tatsache allein schon, daß das Palästina-Werk im Kreise der deutschen Juden nicht einheitliche beurteilt wird, und daß weite Kreise die Mitarbeit hieran seiner itational-jüdischen Bedeutung und Wirkung wegen ablehnen — diese Tatsache allein schon bestimmt den Hauptvorstand unbeschadet aller anderen Gründe von einer Entsendung von Vertretern in die Agency abzusehen." Dieser Beschluß berechtigt zu der Feststellung, daß, nachdem die „Vereinigung für das liberale Judentum" die Mitarbeit in der Agency abgelehnt hat, nachdem sodann die Agudas Jisroel die Bereitwilligkeit zur Mitarbeit unter Bedingungeri zugesagi hat, die von den Zionisten als absolut unerfüllbar bezeichnet werden, sodaß auch hier von Ablehnung gesprochen werden muß, jetzt auch der Centralverein als dritte und größte nichtzioniflische Organisation die Beteiligung abgelehnt hat. Diejenigen Organisationen, die dre nicht zionistische deutsche Judenheit repräsentieren, bleiben also der Jewish Agency fern. Diese Tatsache wird hoffentlich auch den amerikanischen Nichtzionistein zu denken geben. Bereits vor zwei Jahren schrieb Alfred Wiener in seiner „Knirschen Reise durch Palästina" (Seite 1361 über die von Louis Mars h all mit der Zionistischen Organisation getroffenen Abmachungen, sie seien „eine recht bedenkliche Vorwegnahme für die nicht-, zionistischen Organisationen außerhalb der Vereinigten Staaten von Nordamerika, sofern solche Neigung haben, das nationaljüdische Heim errichten zu helfen." Die in diesen Sätzen angedeuteten, damals also erwarteten Folgen sind eingetreten, und nachdem nun die drei bedeutendsten nichtzionistischen Organisationen in Deutschland auf die von der amerikanischen Marshall-Gruppe geschaffene Basis nicht treten konnten, sieht diese vielleicht ein, daß ihre einseitige Vereinbarung mit den Zionisten der Sache kein Dienst gewesen ist. Wie die Zionisten aller Länder, in der Zionistischen Weltorganisation zusammengeschlossen, ihre Bedingungen einheitlich aufstellen, so hätten auch die Nichtzionisten aller Länder sich vorher untereinander verständigen sollen, anstatt daß eine Gruppe allein vorging. Auch die Zionisten haben nichts damit erreichst, daß sie absichtlich zuerst nur mit den amerikanischen Nichtzionisten verhandelten. Tenn wenn jetzt wirklich drei oder vier als Nichtzionisten bekannte Persönlichkeiten als deutsche „Vertreter" in die Jewish Agency eintreten, so tun sie das ohne Mandat von irgendeiner Organisation, und man darf also mit Fug bestreiten, daß sie die Interessen irgendeiner nichtzionistischen Gruppe der deutschen Juden dort „vertreten". Im Gegenteil: dre Herren, um die es sich handelt, sind, wie man kürzlich lesen tonnte, von der Zionistischen Organisation oder dem Keren Hajessod für die Wahl in die Agency in Aussicht genommen werden, empfangen also ihr Mandat geradezu von zionistischer Seite. — Welches Interesse die Zionisten an dem Antritt nichtzionistischer Privatpersonen in die Jewish Agency haben, ist 'sticht recht elnzusehen, aber es ist auch nicht unseres Amtes, darüber zu grübeln. Die englischen Anden und die Jewish Agency Tie Maralen Juden Englands lehnen die Teilnahme ab. Tie Liberale Jüdische Synagoge hat in ihrer am 24. März abgehaltenen Generalversammlung mit 28 gegen 6 Stimmen den Beschluß gefaßt, der vom „Board of Teputies" an sie ergangenen Einladung zur Teilnahme an der am 21. April in London stattfindenden Konferenz zur Wahl von Vertretern der englischen Judenheit in die Jewish Agency nicht Folge zu leisten. In dem Antwortschreiben, welches Claude G. Moutefiore im Aufträge seiner Gemeinde an den Board of Teputies richtete, wird hauptsächlich der Standpunkt der strikten Neutralität gegenüber der zionistischen. Bewegung hervorgehoben. Dem Bericht über die Debatte entnehmen wir, daß L. P. Jacobs zunächst für die Beschickung der vorbereitenden Konferenz eintrat, daß aber Lily H. Montagu darauf hinwies, man sei nicht eingeladen, um eine Meinung zu äußern, sondern um den Wunsch nach einem Nationalheim zu demonstrieren. Es sei deshalb unfair, zur Konferenz zu gehen und zu sagen: Ich habe diesen Wunsch nicht. Auch Rabbi Tr. Mattuck erklärte, schon der Text der Einladung mache die Teilnahme unmöglich. — Tie liberalen Juden Englands werden daher der Jewish Agency fernbleiben und auch die vorbereitende Konferenz nicht beschicken. Schwierigkeiten auch in der Anglo-Jewish Association. Mit 11 Stimmen gegen die des Chacham Tr. Moses Gaster beschloß der Rat der Anglo-Jewish Association in seiner am 24. März abgehaltenen Tagung, der Einladung zur Entsendung von Delegierten zu der am 21. April stattsindenden Konferenz der englischen Judenheit Folge zu leisten und an den Vorbereitungen zur Schaffung einer Vertretung der englisch-jüdischen Gemeinschaft im Rat der Jewish Agency teilzunehmen. Tie delegierten der Association für die englisch-jüdische Konferenz sind Sir Matthew Nathan, Sir Meyer Spielman, Elkan Adler und Harry R. Lewis. Bemerkenswert an diesem Ergebnis ist, daß der Präsident der Anglo-Jewish Association, Mr. Leonard G. Montefiore, nicht als Delegierter zur vorbereitmden Konferenz gewählt worden ist und eine solche Wahl auch von vornherein abgelehnt hat. Er begründete dies damit, daß die Nichtzionisten nicht etwa ihrer schönen Augen oder ihres politischen Einflusses halber eingeladen werden, in die Agency einzutreten. Hauptzweck sei die Verbreitung der Basis der Sammlungen für den Keren Hajessod und andere zionistische Fonds. Wenn einer der vier Vertreter der Association auf der Konferenz zu einem Mitglied der Agency gewählt wird, so werde dies die Association verpflichten, an der Keren Hajessod-Sammlung teilzunehmen. Auch die United Synagogue bleibt der Agency fern. Aus Gründen oer Neutralität gegenüber dem Zionismus wird auch die United Synagoge in die erweiterte Jewish Agency nicht eintreten und die vorbereitende Konferenz nicht beschicken. Ein diesbezüglicher Beschluß soll, wie uns mitgeteilt wird, am kommenden Sonntag gefaßt und dem Board of Teputies mitgeteilt werden. Zusammenjassend kann gesagt werden, daß die Bemühungen der Zionisten um die Erweiterung der Jewish Agency auch in England wenig erfolgreich sind. Bei den Diskussionen, die innerhalb der deutschen nichtzionistischen Organisationen, Verjiessensienicht uns noch vor dem 1. April Ihre Spende für den „Hilfsfonds des liberalen Judentums“ zu übersenden. Die Bekanntgabe der Spender beginnt in dieser Nummer der J.-l. Ztg. Die Liste zeigt, daß unsere Freunde dem Appell unseres Gesamtvorstandes in großer Zahl nachkommen. Aber alle diejenigen, die ihren Sonderbeitrag zum „Hilfsfonds“ noch nicht geleistet haben, werden gebeten, sogleich M. 10.— auf das Postscheckkonto der „Vereinigung für das liberale Judentum e. V.“, Berlin Nr. 137069 zu überweisen. Jeder Einzelne muß durch einen Beitrag zeigen, daß er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinderschaffen. Darum gebt alle, der Vermögende mehr, der andere weniger, und — gebt schnell! über das Agency-Problem geführt wurden, spielte bekanntlich die Frage eine große Rolle, ob durch den Eintritt von Nichtzionisten die Agency tatsächlich einen neutralen Charakter erhalte. Wie erinnerlich, wurde das von der Liberalen Vereinigung und auch innerhalb der Agudas Jisroel und des Centrälvereins bestritten, weil bereits die verfassungsmäßige Grundlage der Agency, das Palästina-Mandat, in seinen wesentlichsten Teilen zionistische Parteisormulierungen enthält. Es ist nun interessant zu sehen, wie diese Auffassung auch von den englischen Juden geteilt wird, welche sich, gerade um ihre Neutralität zu dokumentieren und sich also nicht eins eilig an den Zionismus zu binden, von der Agency fernhalten. Diese Haltung ist um so auffälliger, als man hätte meinen sollen, daß der Zionismus in England mit Rücksicht aus Englands Eigenschaft als Mandakarmacht und auf die Bestrebungen der Sevenich Dominion League nicht in dem Maße politisch umstritten ist, wie in Deutschland. Die erheblichen Schwierigkeiten, auf die die Bildung der Jewish Agency außer in Deutschland auch in England stößt, weiden die amerikanische Marshall-Gruppe hoffentlich davor: überzeugen, daß ihre einseitig mit der zionistischen Organisation getroffenen Abmachungen für die Nichtzionisten der außeramerikanischen Länder keine Grundlage für den Erntritt in die Agency bilden. Es mehren sich die Stimmen, die das Verhalten der Marshall-Gruppe als verfrüht und auch als unkollegial gegenüber den Nichtzionisten außerhalb Amerikas bezeichnen. Es ist natürlich nicht daran zu zweifeln, daß den Zionisten gelingen wird, in allen Ländern sogenannte „Nichtzionisten" zum Eintritt in die Agency zu gewinnen. Dre dem Plan der Erweiterung der Agency ursprünglich aber zugrundeliegende Absicht, diejenigen nichtzionistischen Organisationen und Kreise, zu gewinnen, welche bisher Palästinaarbeit auf national-jüdischer Grundlage abgelehnt haben, darf schon heute als gescheitert angesehen werden. Jüdische Arbeit«- und Wanderfürsorge in Deutschland Am Sonntag, den 17. März, fand unter dem Vorsitz von Herrn Alfred Berger und Herrn Eugen Caspary die Mitgliederversammlung der Hauptstelle für Jüdische Wanderfürsorge im Logenhaus in kleinerem Kreise statt. Insbesondere waren Landesverbände und die Fachstellen für die Wanderfürsorge, u. a. Breslau, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Köln, Stettin vertreten. Den gedruckt vorliegenden Tätigkeitsbericht ergänzte Herr Adler-Rudel. Er wies darauf hin, daß die Hauptstelle fortwährend ihren Weg selbst suchen muß, da es keine Parallele zu der Form ihrer Arbeit gibt. Dazu kommt, daß die Aufgaben heute schwerere und manigfaltigeve als vor dem Kriege sino. Auch die Motive der Wanderung sind heute, im Gegensatz zu früher, zu 80<yo wirtschaftlicher Art. Daraus ergab sich als neues Arbeitsziel an Stelle der früheren „Abfertigung" die ProduktiVierung der Wanderung. Die Zahl der Wanderer ist an sich zurückgegangen. 1927 wanderten rund 17 000 Personen, 1928: 15000 (Männer 13 786, Frauen 876, Kinder 624). Vor dem Kriege waren davon 85—90 o/o Ausländer, heute erstrecke sich 50o/o der Wanderfürsorge auf Menschen, die in Deutschland wohnen und heimatberechtigt sind. Die Zunahme der Zahl der Inländer liegt in der wirtschaftlichen Umschichtung des deutschen Judentums. In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, daß die Ausgaben für die Wanderfürsorge in Deutschland sowie überhaupt für soziale Zwecke in den Gemeindeetats eine viel zu geringe Rolle spielen. 50o/o der Aufwendungen für die Wanderer sind für Fahrkarten. Zu beobachten ist, daß der Zug zur Arbeit bei den Juden immer stärker wird. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit der Beeinflussung der Umschichtung. Bor allem hat dre Zuführung zum Handwerk sich wirtschaftlichen Notwendigkeiten anzupassen uno nicht — wie vor 40 oder 50 Jahren als künstlicher Umschichtungsprozeß im Interesse des Ansehens des Judentums zu erfolgen. Die organisatorische Arbeit der Hauptstelle ist zu einem gewissen Abschluß gelangt« es besteht ein beinahe vollständiges Netz von Fürsorgestellen im Reiche, die Zusammenarbeit hat sich gebessert, vor allem durch die Zeitschrift der Hauptstelle, müßte aber eine noch engere werden. Dazu fehlt es bis jetzt an Geld. Tr. Kreutz berger führte ausdaß oer Ton noch zu sehr auf der Organisation, zu wenig auf der Fürsorge liegt. Alle organisatorischen Maßnahmen (Meldelisten, Weiterbeförderung) sind jedoch nur dre Voraussetzung der Wanderfürsorge, deren Ziel es ist, Menschen seßhaft zu machen und in die Arbeit etnzureihen. Dieser Aufgabe dienen die Bestrebungen zur Errichtung einer Arbeiterkolonie. Die Vorarbeiten hierzu sind, mit Unterstützung von Reich und Staat und durch die ideelle und materielle Forderung der Landes- und Provinzialverbände soweit gediehen, daß bereits in der nächsten Zeit mit der Errichtung zu rechnen ist. Am Nachmittag sprach Herr Pastor Braune über die wirtfchastlichenndfoziale Bedeutung einer ^364