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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-03-22 · 12 (22.3.1929) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
12 (22.3.1929)
Date
1929-03-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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2. „Wir hätten vom religiösen Standpunkt aus gar keine Berechtigung zur Einführung eines Sonntagsgottesdrenstes." Antwort: Wir verweisen aus die Einrichtung der Montags- und Donnerstags-Gottesdienste, die damals aus ganz ähnlichen Beweggründen erfolgt sei. 3. „Die Einrichtung von SonntagsgotieMensten habe vor Jahren in verschiedenen Städten ein schmähliches Fiasko erlebt." A n t w o c t: Richtig! Aber damals stand man noch unter der Herrschaft einer materialistischen Wettanschaimilg. Und selbst aus die Gefahr eines Mißlingens muß der Liberalismus wieder einen Versuch wagen. — 4. „Der Sonntagsgottesdienst gibt den Gegnern eine gefährliche Wahlparole in die Hand." Antwort: Wir fürchten eine solche Wahlparole nicht nur nicht, sondern wir begrüßen sie sogar mit Freuoe, denn sie würde eine Schwäche der Gegner erweisen. 5. „Ein besonders feierlicher Gottesdienst arft Sonntag muß unwillkürlich zu einer Feier des christlichen Ruhetages führen." Antwort: Wir haben das schöne Gefühl des „jontev über die ganze Welt" an jedem Sabbat und Festtag, der mit christlichen Feiertagen zusammenfällt und werden dadurch in unserer jüdisch-religiösen Stimmung durchaus nicht ungünstig beeinflußt. So gelang es schließlich, unsere Absicht zu verwirklichen, weil wir so glücklich find> für unsere beiden Synagogen (alter und neuer Ritus) getrennte Kultusausschüsse zu haben. Besonderen Dank aber schulden wir Herrn Philipp Lachs, der seit ungefähr einem Jahre Vorstandsmitglied des hiesigen Liberalen Vereins ist. Er hatte die glückliche Idee, für den Sonntag die Ausgestaltung des Maariv-Gottesdienstes vorzuschlagen und hierbei mit Unterstützung einer sehr reichlichen Majorität im Vereinsvorstand nicht zu erlahmen. Dann abec gebührt auch besonders herzlicher Dank unserem Gemeinderabbrner Tr. Vogelstein. Wie immer, wenn es gilt, religiöses Leben zu fördern, stand er uns trotz seiner überreichlichen amtlichen Belastung bei unseren Bestrebungen treu zur Seite. Abec eines muß noch gesagt werden. Wenn orthodoxe oder auch nur konservative Juden, die den Sabbat wirtlich halten und ihn auch ihre Angestellten halten lassen, vom Sonntagsgottesdienst eine Schmälerung der „Jüdischfeit" befürchten und deshalb gegen ihn eisern, so kann und soll man ihnen das nicht verdenken. Wer aber den schaböos nicht hält, kaum einmal an solchem Tage einen Gottesdienst besucht und (was ja eigentlich die Hauptsache) jüdischen Angestellten an dieserü Tage keine Gelegenheit zum Tempelbesuch gibt, der sollte sich in dieser Angelegenheit zu mindest völlig neutral verhalten. Und das muß auch sür diejenigen liberalen und mittelparteilichen Rabbiner Mten, deren Gemeindeangehörige in der großen Mehrzahl den Sabbat nicht halten können. Wir haben doch wohl den gleichen Anspruch aus Toleranz wie die Orthodoxie. Kein liberaler Repräsentant wird den Etat ablehnen, weil in ihm Positionen ,ür Mikwoh und Kaschruth enthalten sind, obwohl diese Dinge sür Liberale und Mittelparteiler eigentlich doch nichts mehr bedeuten. Wenn die Frage des Sonntagsgottesdienstes in anderen Großgemeinden von solchem Standpunkt aus behandelt wird, kann der Liberalismus vielleicht größere Erfolge in dieser liberalen Hauptforderung erzielen. I. Wolfsohn, Breslau. *;i Aus den Gemeinden ji * Augsburg. (Rabbiner Dr. Grünfeld tritt in den Ruhestand.) Herr Rabbiner Dr. Richard Grünseld ist nach langjährigem Wirken in den Ruhestand getreten. Herr Dr. Grünfeld war früher in Bingen tätig und hat sowohl in Bingen als in Augsburg wertvolle historische Studien über die Geschichte der Juden in beiden Gemeinden geschrieben. Er war in Augsburg der Nachfolger des Rabbiner Dr. Heinrich Groß, des bekannten Berfassers der „Galja Judaica". Wie der J.T.A.-Vertreter erfährt, ist zum Nachfolger des Herrn Dr. Grünfeld Dr. Jacob-Saarbrücken, der Sohn des Dortmunder Rabbiners, in Aussicht genommen. Berliu. (Das Hilsswerk des Verbandes russischer Juden.) Am Monlag, den 18. März, abends, fand im Logenhaus, Kleiststratze, eine Zusammentunst führender jüdischer Persönttchreiten Deutschlands mit den Führern der ruslisch-jüdstchen Kolonie in Deutschland statt, um über Maßnahmen zu beraten, die der unsagbaren Not der rus,i>ch-jüdischen Flüchtlinge, die hauptsächlich der JnteUigenzschicht uno den früher gehobenen Klassen des russischen Judentums angehören, abzuhelfen wäre. Das einleitcnbe Referat hielt Herr Dr. Max Soloweilschik, der etwa aussührte: Es leben jetzt in Westeuropa große Gemeinschaften geflüchteter russischer Juoen, für die es kein Zurück gibt. Die Jugend, die sich in Westeuropa ausbildet, wirb sich früher oder später hier verwurzeln. Die Alten aber, denen infolge ihres Bildungsgrades, ihrer früheren gesellschaftlichen Position, ihres psychischen Zusammenbruches und der in Westeuropa bestehenden Bedingungen eine Verwurzelung nicht mehr möglich ist, werben für längere Zeit ein Objekt der Fürsorge sein. Der Reoner appellierte an das Gesüyt der historischen Solidarität und wies an Hand ge,chlchtticher Tatsachen nach, daß das Judentum sich nur hat erhalten tonnen, weit stets eine in Unglück und Exil geratene Gemeinschaft brüderliche Stütze und Förderung bei anderen glücklichen Gemetnschasten des Judentums gesunden hat. In der Diskussion, die sich anschwß, ergrisf auch Herr RechcSanwalt Heinrich Stern, Vorsitzender der Vereinigung, für das liberale Judentum, das Wort. Er betrachtet die russischen Inden nicht als Gäste, sondern als Brüder. Stets flutete ein Strom geistigen Lebens hinüber und herüber. Arbeit an Gemeinfchaftsaufgabcn ist Pflicht jüdischer Brüderlichkeit. Gemeinden wie Etnzetpersonen müssen sich aus diese ihre Pflrcht besinnen und eine dauernde und wirkliche Hilfe den Verbannten brrngen, die unter dem großen jüdischen Schicksal stehen. Nach einer Reoe des früheren Ministers für Litauen wurde ein Ausschuß zur Förderung des Hitfswerks des Verbandes russischer Juden geoildet, der aus folgenden Persönlichkeiten besteht: Professor Albert Einstein (Ehrenvorsitzender), Rabbmer Baeck, Justizrat Broonitz, Rabbiner Bergmann, Oscar Cohn, Rabbiner Emil Eohn-Bernhard, Rabbiner Frcimann, Rabbiner Hltdesheimer, Dr. Ist Kahn, Wilhelm Kleemann, Alfred Klee, Heinrich Slern, Frau Minna Schwarz, Oscar Wassermann, Rabbiner Weihe, Arnow Zweig, Justizrat Blau-Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. F. Gotdmann-Leipzig, Direktor Julius Schrndter-Hamvurg. Mit Worten bewegten Danres im Namen der Leibenden und Hoffenden schloß Staatsrat Teilet die Sitzung. Bertt». (Jubiläum des Verbandes jüdischer Ju- .gendvereine.) Am 17. d. M. fand in den Räumen des Logenhaufes in der Kleiststraße der Festakt anläßlich des 20 jährigen Bestehens des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands statt. Neben den staatlichen und städtischen Jugendbehörden halten fast -oUc jüdischen Korporationen Vertreter entsandt. Namens der Großtoge U.O.B.B. überbrachte Herr Kommerzienrat Maximilian Stein dre besonderen Glückwünsche der Gründerin des Verbandes zum Ausdruck. Herr Professor Türk namens des Preußischen Landesverbandes, Herr Direktor Kareski im Auftrag des Vorstandes der jüdischen Gemeinde und Herr Dr. Lubinski vom Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände übermittelten die herzlichsten Wünsche ihrer Körperschaften. Dem folgten die grundsätzlichen Referate über die Bundesarbeit. Herr Assessor Felsenthal-Düsseldorf formulierte in knapper, eindringlicher Form die gesamtjüdische Einstellung, die dem Verband sein charakteristisches Gepräge gibt. Der erste Vorsitzende, Herr Rabbiner Dr. Hugo Hahn-Essen, umriß in seiner Festrede die Aufgaben, die der Verband innerhalb des Lebens der deutschen Judenheit für die jüdische Jugend zu leisten habe. Zum Schluß zeichnete die Junggruppenführerin Elsbeth Capell-Düren in lebendiger Form die Zukunftsgestaltung jüdischer Jugendarbeit durch die Junggruppen des Verbandes. Die Veranstaltung, die durch die hervorragenden gesanglichen Darbietungen von Frau Dreyfus umrahmt war, hinterließ bei den außerordentlich zahlreich erschienenen Teilnehmern den Eindruck von dem starken Lebens- und Gestaltungswillen des Verbandes. Dem eigentlichen Festakt waren eine Frcitagabcndseier im Heim des Berliner Jugendbundes unter Leitung von Herrn Fritz Schwarzschild- Düsseldorf und Sonntagabend-Versammlungen in verschiedenen Stadtteilen vorausgegangen. Den Abschluß des Jubiläums bildete ein glänzend verlaufener Festabend. Am gleichen Tage fand eine Hauptvorstandssitzung statt, die von den Mitgliedern aus allen Teilen des Reiches gut besucht war und in der die Probleme der kommenden Bundesarbeit eingehend besprochen wurden. (Jta.) ' Berlin. (Gründung eines Jugendvereins in Neukölln.) Unter Leitung von Herrn Rabbiner Dr. Kaniorowsky fand am Dienstag, den 19. März, die Gründungsvcrsammlung eines neuen Jugendbundes statt. Der Bund erstrebt den Zusammenschluß junger jüdischer Menschen, im Alter von 15—25 Jahren. Es ist geplant, jeden Dienstag zu gemeinsamer Aussprache zusammenzukommen, Vorträge zu veranstalten und zu wandern. Es ist ein erfreuliches Zeichen für das jüdische Interesse der Neuköllner Jugend, daß sie sehr zahlreich den Einladungen gefolgt ist. Der neue Bund ist in religiöser Hinsicht neutral eingestellt, und jeder junge Mensch, der mithelfen will, geistreiche Abende zu veranstalten, ist herzlichst zur nächsten Versammlung, Dienstag, den 26. März, abends 8 Uhr, Neukölln, Bergstraße 147 (Bürgersäle), eingcladen. Berlin. (Generalversammlung des Literaturvereins.) Die Generalversammlung des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur brachte die Wiederwahl des bisherigen Vorstandes. Herr Benas Levy regte an, die Logen in größerem Maße, als dies bisher geschehen ist, zur Te^nahme an den Vorträgen zu veranlassen. Es wurde ferner vorgeschlagcn, Vorträge des Vereins in den Außenbezirken Berlins stattfinden zu lassen. Im Anschluß hieran forderte Heinz Levy zur Schaffung eines Nachwuchses die Heranziehung der jüdischen Jugendvereine. Er regte ferner an, bei der Auswahl der Redner solche in erster Linie zu bevorzugen, die auch außerhalb des Judentums im öffentlichen Leben eine große Rolle spielen, damit die Vorträge einen regen Zuspruch haben. Berlin. (Die Entwicklung der V o l k s b a n k „I w r i a".) Der Vorstand der auf genossenschaftlicher Grundlage stehenden Volksbank „Jwria" veröffentlicht soeben den Bericht über das erste Geschäftsjahr, das eine Zeitspanne von wenig mehr als 9 Monate umfaßt. Mit Befriedigung wird festgestellt, daß das junge Unternehmen seine Existenzberechtigung bewiesen hat. Der Gründung der Genossenschaft lag der Gedanke zu Grunde, jüdischen Kauslenten und Handwerkern, insbesondere kleineren und mittleren Existenzen, diejenige finanzielle Förderung ihrer Arbeit zuteil werden zu lassen, die ihnen von den großen Banken versagt ist. Trotz bescheidener technischer Mittel und mit nur kleinem Personal betrug der Umsatz aus einer Seite des Hauptbuches RM. 34 125 725,88; die Bilanzsumme ergab RM. 267 232,26. 175 Mitglieder erhielten Kredite von RM. 100,— bis RM. 30 000,— int Einzelsalle. Die Summe der diskontierten Wechsel beträgt am Jahrcsultimo RM. 626 477,06. Am Eröffnungstage, 26. März 1928, betrugen die eingezahlten Geschästsguthaben RM. 42 250,— und stiegen bis auf RM. 122 997,57 am Jahresultimo. Rechnet man hinzu die Haftsummen, RM. 108 000,—, und die ordentliche Reserve, RM. 855,—, so ergibt sich ein haftendes Kapital von RM. 231 852,57. Der Reingewinn des Jahres stellt sich auf RM. 4 942,22. Trotz ermäßigten Reichsbankdiskonts wurde der Guthabenzinssatz von 5»/« beibehalten. Die Geschäfte lassen sich auch in diesem Jahre gut an. Die eingezahlten Geschästsguthaben haben zur Zeit den Betrag von RM. 140 000,— bereits überschritten. Der Zugang von Mitgliedern im Laufe des Jahres betrug 281 (mit 775 Anteilen), der Abgang 5 (mit 9 Anteilen^. Mithin zählte man am 31. 12. 1928: 276 Mitglieder mit 766 Anteilen. Dem Aussichtsrat gehören an: als Vorsitzender Direktor Georg Kareski, als stellvertretender Vorsitzender Dr. I. Altschul. Der Vorstand setzt sich ans den Herren Eugen Kapluu, Lazar Weltmann und Edmund Hcrrmanil zusammen. .Bonn. (Einrichtung einer jüdischen Mensa.) Für jüdische Universitätsbesuchcr wird es von Interesse sein, daß im kommenden Sommersemester hier eine Mensa ins Leben gerufen werden soll, die dem „Hamburger Verein" unterstellt wird. Das Zustandekommen der schon vielfach gewünschten Einrichtung ist hauptsächlich der Vermittlung des Rabbiners Dr. Levy zu verdanken. Chemnitz. (Jubiläum.) Shnagogeninspektor I. Bachrach beging sein 25 jähriges Jubiläum im Dienst der Israelitischen Religionsgemeinde. Von vielen Seiten wurde der allgemein geachtete Beamte geehrt und mit Aufmerksamkeiten bedacht. Rabbiner Dr. Fuchs überbrachte die Glückwünsche der Gemeindebeamten und ein von diesen gestiftetes Geschenk. Dresden. (Tagung des Sachs. Israel. Gemeindeverb a n d c s.) Am 16. und 17. März fand hier eine Tagung des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes statt. Die Ausschußmitglieder, welche infolge der Wichtigkeit mehrerer zur Beratung stehender Punkte sehr zahlreich erschienen waren, unterhielten sich unter der straffen Leitung des Vorsitzenden Rechtsanwalt Salinger zunächst über zwei die Heiligung des Sabbat betreffende Gegenstände. Einmal, ob es angängig sei, die Tagungen schon Sonnabendabend zu beginnen, wo doch verschiedene auswärtige Teilnehmer gezwungen wären, die Eisenbahn vor Sabbatschluß zu benutzen. Die Abstimmung ergab, daß man cs bei unverbindlichen Versprechungen Sonnabendabend belassen will, anstatt den Delegierten zuzumuten, auch noch den Montag zu opfern. Rabbiner Dr. Goldmann-Leipzig referierte sodann über verschiedene Fälle von Mißhelligkeiten bei Schulbefreiung am Sabbat in Leipzig, wobei er betont, daß er keine orthodoxen Ziele damit verfolge, sondern, wenn er die Sachen z. T.. bis zur oberlandesgerichtlichen Entscheidung durchgefochten habe, nur die Gleichberechtigung der jüdischen Schüler mit den Kindern der Adventisten usw. erstrebe. Rabbiner Dr. Wolf-Dresden legt bar, daß man zwar beim Ministerium längst „Schreibfreiheit am Sabbat auf Ansuchen" erreicht habe, daß aber die seinerzeitigen Formulierungen höchst unglücklich gewesen seien. So habe man sich u. a. auf ein Gutachten von Rabbiner Munk gestützt, welcher zwischen „hohen und allerhöchsten Feiertagen" unterschieden habe. Auch er sieht im übrigen Schulbefreiung an einem Feiertag wie Pessach für selbstverständlich an. (Es ist dies die gleiche Angelegenheit, über die — allerdings in Verbindung mit der jüdischen Schule — sich schon vor einigen Jahren unser Mitarbeiter Dr. Richard Elb-Dresden ausführlich hier geäußert hat. Red.) Ergebnis: der Vorstand wird beim Ministerium weitere Schritte wegen einheitlicher Behandlung auch der jüdischen Kinder in den höheren Schulen Sachsens unternehmen. Das Wichtigste war die Aussprache über das beim Sächs. Landtag in Vorbereitung befindliche neue Gesetz über die öffentlich-rechtlichen Religionsgesellschaften und die Ausführungsbestimmungen dazu. Die Bedeutung des Gesetzes, von dem sich noch in keiner Weise sagen läßt, ob, wann und in welcher Form es Rechtskraft erlangen wird, liegt, wie der Vorsitzende darlegte, und wie auch von den meisten Rednern anerkannt wurde, hauptsächlich darin, daß wir Juden in unseren Gemeindeverwaltungen zum ersten Male Organe öffentlicher Behörden mit den ihnen zustehenden amtlichen Befugnissen erhalten. Vor allem werde einmal festgelegt, wer Jude sei bezw. wer nicht mehr, und in dieser Beziehung gehe aus dem Entwurf, in dem das allerdings noch klarer formuliert werden müsse, hervor, daß das Gesetz den in Sachsen seit Jahren gültigen Standpunkt sanktioniere: Wer aus der Religionsgesellschaft (der Gemeinde) austritt, tritt zugleich aus dem Judentum aus. Das ist aber für die Steuerkraft der Gemeindeverwaltungen ebenso wichtig wie die in dem Gesetz vorgesehene Möglichkeit, um nicht zu sagen: Gefahr der Bildung neuer Gemeinden. Da im übrigen auch sonst verschiedene Unklarheiten und Lücken bestehen, die sich z. T. daraus erklären, daß has Gesetz für alle öffentlichen Religionsgesellschaften gilt und daher nicht eigentlich auf jüdische Belange zugeschnitten ist, wird der Vorstand beauftragt, diese Punkte beim Ministerium weiter zu behandeln und bestimmte Wünsche dort sowie bei den Fraktionen geltend zu machen. Dies bezieht sich insbesondere auf die Staatszuschüsse, die entweder allen Religionsgesellschaften ohne Unterschied oder überhaupt nicht gewährt werden dürfen. Für den Religionsunterricht z. B. zieht Dr. Wolf, der hierüber berichtet, den Vergleich mit paritätischen Schulen in Hessen und Baden, wo es so geregelt ist, daß entsprechend der Verhältniszahl jüdischer Kinder in der Schule jüdische Lehrer angestellt werden. Nach Beendigung der sehr lebhaften, die verschiedensten Meinungen wiederspiegelnden Debatte gedachte der Vorsitzende mit herzlichen Worten des Dankes der von Justizrat Lebrecht in Leipzig bei Behandlung der ungeheuer schwierigen und bedeutenden Materie geleisteten Vorarbeit, worauf ein entsprechendes Telegramm mit Wünschen sür baldige Genesung an ihn abgesandt wurde. Aus dem sonstigen Gang der Verhandlungen, die sich mit Pensions-, Wohlfahrts- und Steuersragen befaßten, verdient noch der Plan der Errichtung eines jüdischen Altersheims in Leipzig aus Mitteln der Ariowitsch-Stistung Erwähnung. Es handelt sich um ein in nächster Nähe des Rosentals gelegenes, modernes Haus, dem später ein zweites Gebäude angegliedert werden soll und das fertig eingerichtet zur Verfügung gestellt wird. Der Ausschuß beschließt, das Heim von Verbands wegen zu übernehmen. Ueber die Finanzierung usiv. soll eine zu diesem Zwecke gewählte Dreierkommission mit den Stiftern, denen sür ihre Hochherzigkeit angesichts der Not, in der sich viele unserer älteren Glaubensgenossen befinden, wärmstens gedankt wird, beraten. Damit bahnt sich die erste große Tat an, mit der der Verband sein durch Zusammenschluß der Sächs. Religionsgemeinden erstrebtes soziales Wirken auch nach außen hin praktisch in Erscheinung treten läßt. Gelsenkirchen. (A m t s j ub i l ä u m.) Am 3. März konnte Herr Rabbiner Dr. Siegfried Galliner auf eine 25 jährige Amtstätigkeit zurückblicken. Nachdem er eine Reihe von Jahren an der Seite des sel. Rabbiners Dr. Kopfstein in der Gemeinde Beuthen als Rabbiner und Leiter der Religionsschule segensreich gewirkt hatte, berief ihn vor 15 Jahren die hiesige Synagogen-Gemeinde zu ihrem Rabbiner. Mit dem Einsatz seiner ganzen, tief angelegten Persönlichkeit und mit nimmer rastendem Fleiß stellte er sich in den Dienst aller in der Gemeinde vorhandenen Organisationen und ries neue ins Leben. Seine tief empfundenen, formvollendeten Predigten, sowie seine geistvollen, aus dem unerschöpflichen Born reichsten Wissens geschöpften Vorträge fanden und finden immer eine andächtig lauschende Zuhörerschaft. In dankbarer Anerkennung seiner Verdienste hat ihm daher die Gemeinde seinen Jubiläumstag zu einem Ehren- und Erntetag ausgestaltet. In einem feierlichen Festgottesdienst, der am Sonntag, den 3. März, stattfand, scharten sich um den Jubilar der größte Teil der Gemeindemitglicder sowie fast alle Amtsbrüder aus Westfalen und Rheinland, um ihm den Zoll des Dankes und der Verehrung darzubringen. Nachdem der Synagogen-Chor den Psalm: „Der Herr ist mein Hirte" stimmungsvoll zu Gehör gebracht hatte, hielt Herr Rabbiner Dr. Samucl aus Essen die Festrede. Er entwarf ein Bild der seelsorgerischen und erzieherischen Tätigkeit des Rabbiners der Gegenwart, die in der segensreichen Wirksamkeit des Jubilars sich wiederspiegelt. Herr Kantor Schul sang aus den Gefeierten einen von ihm vertonten Mi scheberach. Dann ergriff der Jubilar das Wort. Die rechte Wirksamkeit des Rabbiners soll darin bestehen, zum Segen des Judentums alle Richtungen zu einen, die Lauen zu wecken und die Uebereisrigen zu mäßigen. Die erhebende Feier fand ihren schönen Ausklairg in dem prächtigen Sang des Zaddik katomov des Schülerchors. Nach der Feier erschienen die Vertreter der verschiedenen Organisationen im Hause des Jubilars, um ihrerseits die Glückwünsche zu überbringen. Mögen dem Jubilar noch viele Jahre segensreicher Wirksamkeit im Dienste seiner Gemeinde und des Judentums beschieden sein. Hanau. (Persönliches.) Der Begründer der „Hamburger- Stiftung", deren Zinsen bedürftigen Lehramtskandidaten und Seminaristen zugute kommen soll, Herr Leo Hamburger, ist kürzlich in Frankfurt gestorben. Der Vorsitzende der Gemeindeältesten ehrte bei der letzten Haupt-Jahressitzung das Andenken des Wohltäters und um die Gemeindeintcressen verdienten Mannes durch eine herzliche Ansprache. Die Mitglieder des Kollegiums bewiesen durch Erheben von den Sitzen ihre Sympathie für den Philantropen. Hannover. (V o r N e u w a h l e n.) In der letzten Sitzung des alten Kollegs warnte Herr Dr. Schleisner davor, eine Entscheidung, über das Aufnahmeverfahren herbeizuführen, bevor man nicht die Gewißheit habe, daß ein Festhalten an den alten Aufnahme-Grundsätzen Aussicht aus regierungsseitige Genehmigung habe, wenn man im übrigen das Wahlrecht ändere. Von liberalen Kollegmitgliedern wurde dieses Vorgehen als Verschleppungstaktik bezeichnet, während man von konservativer Seite betonte, daß man durch einen vorschnellen Beschluß den Frieden und die Einheit der Gemeinde gefährde. Darauf legte Herr Herzberg (liberal) seine und seiner Freunde Anschauung der Dinge dar. Die Forderungen der Liberalen hinsichtlich Reformen, in Kultus und Gottesdienst seien nicht berücksichtigt worden. Die durch das Bestehen des Landrabbinats ausgeübte Autokratie mache jede Reform unmöglich, trotzdem die Gemeinde aus 95 o/0 liberaler Mitglieder bestehe. An den Forderungen der kürzlich erstandenen „Jüdischdemokratischen Volkspartei" erläuterte der Redner sodann, wie sich die Dinge sür die Gemeinde gestalten würden, wenn der Zustrom der Ostjuden kommen würde. Die Ostjuden, die mit vielen religiösen Einrichtungen der Gemeinde nicht einverstanden seien, würden versuchen, ihre religiösen und politischen Wünsche durchzusetzen. Auch die Wahlen zum Preußischen Landesverband haben gezeigt, daß die Gefahr eines Zusammengehens von Zionisten, Ostjuden und Konservativen durchaus bestände. Als Menschen mit Verantwortungsgefühl hätten die liberalen Mitglieder des Kollegs jetzt handeln zu müssen geglaubt, da man mit einem baldigen Inkrafttreten des neuen preußischen Judengesetzes rechnen müsse. In einer Besprechung in kleinerem Kreis sei nach sachlicher Berichterstattung eine von vierzig Herren Unterzeichnete Resolution zustandegekommen, die unveränderte Beibehaltung der bisherigen Aufnahmebeschränkung fordert. Sonst werden diese Herren aus der Gemeinde austreteu und unverzüglich mit der Bildung einer neuen Gemeinde beginnen. — Auf diese Ausführungen gingen fast alle Herren des Kollegs ein. Auch der 1. Vorstehers nahm eingehend Stellung und führte u. a. ans, Zionismus und Nationaljudentum seien Weltanschauungen, über deren Berechtigung man verschiedener Ansicht sein könne. Mit der Verwaltung unserer Gemeindcangelegenheitcn hätten sie aber nichts zu tun. Zionismus» gehöre deshalb nicht in die Gemeindestube einer deutsch-jüdischen Gemeinde. Die Ostjudcn hätten an den Hohen Feiertagen die von der Gemeinde eingerichteten Hilfsgottesdienste nicht besucht. 60 o/o des Wohlfahrtswesens und 100 o/o des Kindergartens und des Kinderhorts kämen den Ostjuden und ihren Kindern zugute. Aber die Verwaltung nehme sich gern der Ausbildung der ostjüdischen Kinder an, um ihnen die Anpassung an ihre deutsche Umgebung zu erleichtern. Er habe den Eindruck, daß diese Menschen von der Jüdischdemokratischen Bolkspartei zur Mehrung ihrer Stimmenzahl gebraucht werden, damit mit Hilfe der Ostjuden Zionisten in die Gemeindevertretung hineingebracht würden. Redner würde keinesfalls weiter an dxr Spitze einer Gemeinde bleiben, wenn sie infolge innerpolitischer Kämpfe zerfalle. — Die anschließende ausgiebige Aussprache ließ immer mehr die Schwere der Verantwortung erkennen, die ein Beschluß über Beibehaltung oder Ablehnung des jetzigen Ausnahmeverfahrens heraufführen würde. So entschloß sich das Kolleg, seine Aemter sofort niederzulegen. Im Wahlkampf wird sich zeigen, oV

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