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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-03-22 · 12 (22.3.1929) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
12 (22.3.1929)
Date
1929-03-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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BcvölkerungSpolitik so laut sein wird, daß auch die taubsten Ohren ihn hören werden müssen. Es handelt sich einmal um die Tatsache» daß der Geburtenzuwachs sehr stark zurückgegangen ist, sowohl infolge der späten Eheschließungen als auch insolge der zunehmenden Ehelosigkeit. Nur zwei Zahlenreihen will ich ganz kurz nennen. Schon 1912 betrug die Zahl der Kinder durchschnittlich in katholischen Ehen 4,9, in evangelischen Ehen 2,9 und in jüdischen Ehen 2,2. Im Jahre 1926 betrug die Zahl der jüdischen Kinder aus jüdischen Ehen in Berlin 1581, im Jahre 1927 nur noch 1371. Uneheliche Kinder wurden 1926 in Berlin 134 geboren, 1927 128. Aus Mischehen von einer jüdischen Mutter 110 im Jahre 1926, 125 im Jahre 1927. Das bedeutet einen Rückgang von 200 Geburten. Wenn Sie für das Jahr 1927 aber die Geburten mit den Todesfällen vergleichen (Geburten 1624, Todesfälle 2446), so ergibt das ein Defizit von rund 1000 jüdischen Kindern. Daß dieser Zustand für eine Reihe von Jahren so weiter gehen wird, daran ist kein Zweifel. Diese Tatsache hat den Preußischen Landesverband veranlaßt, einen bevölkerungspolitischen Ausschuß cinzusetzen, der sich mit diesen Fragen besaßt hat, und der dazu übergegangen ist, die deutsch jüdische Bevölkerung aufzuklüren. d Der Wohlfahrtsausschuß hat eine bevölkerungspolitische Konferenz einbcruscn, die vor 14 Tagen stattgcfunden hat, und zu der Vertreter aus allen großen Gemeinden und Organisationen solvie Sachverständige eingeladen waren. Zwei Themen waren es, die aus dieser Konferenz behandelt worden sind. Es war einmal die Frage: Ist es möglich, den Geburtenrückgang auszuhalten und wenn ja, wie wnn das geschehen? Die zweite Frage: Was haben wir zu tun zum Schutz der Geborenen? Diese Fragen hängen zusammen, aber unzweifelhaft ist die erste Frage die viel schwerer zu lösende. Es ist von beachtenswerter Seite gesagt worden, der Geburtenrückgang ist ein ehernes Gesetz, gegen das wir nicht viel machen können. Das erkenne ich als richtig an. Dieses eherne Gesetz ist eine Folge des Uebcrlapitalismus, unter dem wir leben, und der seine Auswüchse heute noch schlimmer zeigt als früher. Aber es muß die Frage einmal crtvogen werden, woher es komme, daß dieses eherne Gesetz aus die Jaden viel stärker wirkt als aus andere Konfessionen. Mit dem Einwand, daß die Juden in Großstädten wohnen, ist es nicht getan. Es müssen auch noch andere Gründe sein. Wir haben die Bcobachrung gemacht, daß der Geburtenrückgang nicht nur bei Armen sich vollzogen hat, sondern bei den Reichen 'begonnen hat, Ivcil die Reichen das Kapital, das sie besitzen, nach ihrem Tod in möglichst tvenig Teile zerfallen lassen wollen. Aber es »verden noch andere Gründe für den Geburtenrückgang angeführt. Es wird vor allem gesagt, daß die Weltanschauung bei den Juden eine viel realistischere und materialistischere sei als bei den andern Konfessionen. Wenn das der Fall ist, wäre cs eine Aufgabe der Rabbiner, hier eine Aendcrung herbeizusühren. Aber alle Bemühungen der Rabbiner werden nichts wirken, wenn nicht praktische Maßnahmen damit .Hand in Hand gehen, und ich gestatte mir eine Anzahl solcher Maßnahmen hier zu benennen und zu besprechen. Einmütig ist aus der Konferenz gesagt worden, daß die jüdischen Gemeinden dazu übergehen müßten, W o h n u n g s p o l i t i k zu betreiben. Daß die Wohnungsfrage die Wurzel alles Uebcls ist, daß durch Mangel an Wohnungen und durch die Enge der Wohnungen cs unmöglich gemacht wird, Kinder in die Welt zu setzen, daß der Wohnungsmangel der Herd von Krankheiten und sittlicher Verwilderung ist, ist bekannt. Tic Durchführung der Wohuungspolitit hat sicher große Schwierigkeiten. Aber was den Evangelischen und Katholiken gelingt, die tatsächlich Wohnungen für ihre Angehörigen gebaut haben, müßte in kleinerem Maßstabe auch bei den Juden möglich sein, wenn einigermaßen guter Wille vorhanden ist. Wir müssen ferner notwendig Wohnungs- Pflegerinnen in größerem Maß einstellen als bisher. Es ist lein Zweifel, daß die Ostjudcn, als sic nach Berlin kamen, sich in die Gegend drängten, die schon vor dem Krieg verfallen tvar, nämlich, das Scheunenviertcl. Es muß einmal in diese Häuser hineingeleuch-- let werden. Daß aus solchen Wohnungen Kinder hcrausgebracht werden müssen, scheint mir notwendig. Wir müssen sie in Krippen oder 'Heime oder Waisenhäuser bringen. Für -wen sollten von uns Häuser gebaut werden? Da denke ich zunächst an unsere eigenen Beamten. Wir müssen den jungen Beamten die Möglichkeit geben, ein .Heim zu gründen. Sie wollen ein Ledigenheim. Ich halte das, so anerkennenswert es auch ist, nicht für so wichtig als Wohnungen zu schaffen, wo junge Leute hineigjiehen können. Wir haben ja schon früher Anträge gestellt, daß aus den Darlehenskassen Gelder gegeben rverden, die es jungen Leuten ermöglichen, sich ein solches Heim zu gründen. Auf diesem Gebiet werden wir fortfahrcn müssen. Es ist natürlich, daß cs sehr viele Juden gibt, die wir in diese Häuser nicht werden hineinbringen können, weil ihre Wohnungen mit ihrem Beruf in Zusammenhang stehen. Angestellte können wir aber in Außenbezirken, wo die Wohnungen gebaut werden, gut untcrbringcn. Ein zweiter Vorschlag, der gemacht worden ist, sind die Frühchenlassen. Wir haben Ehekassen in früherer Zeit gehabt, wir haben viel damit schassen können. Diese Kassen, die durch die Inflation verschwunden sind, müssen in moderner Form wieder ansgcbaut werden. Der Jüdische Frauenbund zum Beispiel hat Abmachungen mit einer Versicherungsgesellschaft geschlossen, bei der Eltern oder Kinder versichert werden können und der Bund die Provision erhält. Mit dieser Provision kann er wieder helfen. Wenn wir damit anfangen, 100 Kinder zu versichern, hat der Frauenbund oder die Gemeinde die Möglichkeit, späterhin den Kindern eine Existenz zu verschaffen. Ter wichtigste Punkt ist die E r z i e h u n g s b e i h i l s e. Heute steht auf der Tagesordnung ein Antrag des Gcmeindevorstandes, daß den Beamten, die mehr als drei Kinder haben, eine besondere Beihilfe bezahlt werden soll. Vielleicht kann dies schon vom dritten Kind an geschehen. Wir müssen Erziehungsbeihilfcn auch den Familien geben, die nicht unsere Beamten sind, soweit unsere Mittel dazu reichen. Die Beihilfen sind in der bevölkerungspolitischen Konferenz aus etwa 500,— Mark jährlich beziffert worden. Man braucht sich nicht zu ängstigen, daß das ailzn viel Geld kosten lvird. Denn bis zum dritten oder vierten Kind bringen es jetzt nur tvenig Eheleute. Aber etwas ist noch sehr wichtig. Man hat früher viel von hoffenden Müttern gesprochen, und spricht heute von verzweifelnden Müttern. Daß E n t b i n d u n g s - und Wochen Hilfen in höherem Maße gewährt werden müssen, auch »venu andere öffentliche Fürsorgcstcllen hier schon eintreten können, erscheint uns selbstverständlich. In der Weihnachtswoche hat in Seesen eine Versammlung von Jugendlichen stattgefunden und hierbei sind Borträge sozialen Inhalts gehalten worden. Diese Vorträge sind jetzt durch eine Broschüre der Oefsenttichkcit zugänglich gemacht worden. Da stehen einige Dinge drin, die mich veranlassen, an den Vorsitzenden des Wohlfahrtsamtes einige Fragen zu richten. Da steht z. B., es ist unbegreiflich, daß in ganz Deutschland nur eine jüdische Krippe für 14 Kinder vorhanden ist, die durch Privatinitiative entstanden ist. Trifft das zu? Durch Schaffung von geeigneten Tagesheimen könnte viel gebessert werden. Es gibt in Berlin aber angeblich nur drei derartige Heime. Zwei davon tverden, heißt es in der Broschüre, von christlichen Pflegerinnen geleitet, weil es keine geeigneten jüdischen Kräfte gibt. Mir erscheint das unfaßbar, zumal in einer Zeit, in der der Andrang zu den sozialen Berufen seitens der Frau außerordentlich stark ist. Wir müssen die Tagesheime so ausgcstalten, daß die armen Kinder die Erziehung bekommen, die sie bekämen, wenn sie die Kinder reicherer Familien wären. Bevölkerungspolitik ist gctviß auch eine Geldfrage, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß in unserer Gemeinde die Kreise, oie den religiösen Aufgaben der Gemeinde sernerstchen, sich für die bevölkerungspolitischen Arbeiten nicht gewinnen lassen. Bevölkerungspolitik läßt sich nur auf der Grundlage der Statistik betreiben. Die Liberale Fraktion hat schon vor Monaten gebeten, daß in Berlin ein statistisches Büro errichtet werden möge. Wir sind bis heute ohne Antwort geblieben, was in dieser Frage geschehen ist. Es müßte hier etwas mehr Dampf gemacht werden. Es ist für uns wichtig, zu erfahren, wieviel jüdische Fabrikarbeiter und -Arbeiterinnen es z. B. gibt. Wäre es nicht möglich, daß rvir uns von Statistikern Vorschläge machen lassen könnten zur Einrichtung eines solchen Büros? Was bisher geschehen ist, war ein vollständiges Fiasko. Ich glaube, der Vorstand würde sich ein Verdienst erwerben, wenn er auch auf diesem Gebiete führend vorangehcn wollte. Karcski (Gcmeindevorstand) gibt die Erklärung ab, daß im neuen Etat die Stellung eines Statistikers vorgesehen ist. Der Ge-- meindevorstand gehe bei der Einrichtung des statistischen Büros in Fühlung mit Herrn Professor Silbergleit vor. Dieser steht auf dem Standpunkt, daß das statistische Büro erst arbeiten kann zu dem Zeitpunkt, wo gewisse Unterlagen für seine Arbeit geschaffen worden sind. Mit der Beschaffung dieser Unterlagen sind wir beschäftigt. Diese Arbeiten werden noch 2—3 Monate dauern. Wenn sie fertiggestellt sind, wird die Angelegenheit der Einstellung des Statistikers so weit gediehen sein, daß er dann zu arbeiten beginnen kann. Nun zu dem Hauptteil der Ausführungen von Professor Türk. Was er hier vorgetragen hat, war nicht mehr und nicht weniger als die Lösung der sozialen Frage. Bei aller Hochschätzung für die Leistungsfähigkeit der Jüdischen Gemeinde, sowohl materielle wie ideelle, glaube ich nicht, daß es uns möglich sein wird, durch uns ein Problem zu lösen, das für die gesamte Menschheit nur schwer zu lösen ist. Es kann sich bei uns nur darum handeln, subsidiäre Hilfe zu leisten und dringende Notfälle zu lindern. Eine Erfüllung des Wunsches der Liberalen Fraktion sei nach seiner Meinung nur möglich bei gleichzeitiger Erhöhung der Gemeindesteuern. (Entschiedener Widerspruch bei den Liberalen.) Wenn die Gemeinde Wohnungen bauen soll, kann es nur unter der einen Bedingung geschehen, daß der laufende Etat der Gemeinde unter keinen Umständen eine Belastung erfährt. Vielleicht könne aber die Gemeinde in müßigem Umfang Kredit für diese Aufgabe in Anspruch nehmen. Ob eine Linderung der Wohnungsnot in den jüdischen Kreisen eine bevölkerungspolitische Wirkung halte er für wichtiger als die Wohnungsfürsorge, weil dadurch die Elehalte er für wichtiger als die Wohnungsfrage, weil dadurch die Elemente erfaßt werden, bei denen die Gefahr der Abbröckelung von der jüdischen Gemeinschaft am meisten bestehe. Auch die von Herrn Professor Türk im Einklang mit den Beschlüssen des Preußischen Landesverbandes geforderte Erziehungsbeihilfe übersteige die Finanzkraft der Gemeinde. Ans die Vorwürfe, die bei der Seesener Sozialen Woche gegen das jüdische Wohlfahrtswesen erhoben worden sind, wird der Leiter des Wohlfahrtsamtes Herr Co.spary an Hand ausführlichen statistischen Materials demnächst bei der Beratung des Wohlsahrtsetats ant- Ivorten. Dr. Fleischer (liberal) fragt den Gemeindevorstand, tvie weit die Arbeiten des Jugend- und Gemeindehauses in der Synagoge Prinzregentcnstraße gediehen seien. Niemand habe daran gedacht, die „soziale Frage" zu lösen. Nichts aber kann uns der Verpflichtung entheben, die Gemcindearbcit auf einem Gebiete zu aktivieren, aus dem bisher so gut tvie nichts geschehen ist. Wenn man bei dem Gemeindectat eine entsprechende Umstellung vornehme und sich daraus beschränke, zuerst für die notleidende Judenheit in unserem Vaterlande zu arbeiten, so sei eine Durchführung der geplanten Maßnahmen auch ohne Steuererhöhung möglich. In der letzten Nummer der Zeitschrift der Jüdischen Beamten sind Fälle angeführt, bic erschreckende Wohnungszustände offenbaren. Es gibt eine spezifisch jüdische Wohnungsnot; sie beruht aus der Zusammendrängung der Juden in den Großstädten und in dem Zuzug ausländischer Glaubensgenossen. Der Gemeindevorstand muß erkennen, daß es besser ist, wenn wir Juden haben ohne Tempel als zahlreiche Tempel ohne Juden. Dr. Fleischer bemängelt dann auf Grund detailierter Angaben die fehlenden Ausbildnngsmöglichkeiten für jüdische Schwestern im Krankenhaus. Es sei insbesondere notwendig, Schwestern für häusliche Pflege heranzubilden. Freilich müsse gegenüber den jüdischen Schwestern auch eine Lohnpolitik getrieben werden, die der heutigen Zeit angemessen ist und die der schweren Arbeit einer Schwester entspricht. Es sei notwendig, mindestens 50 Schwestern in Berlin auszubildcn, die als sogenannte Hauspflegeschwestern die Kranken betreuen können. Auch die Institution der Gemeindeschwester müsse bei uns Eingang finden. Der jüdische Grundsatz: Wer eine Krankenpflege unterläßt, vergießt gleichsam Blut an seinem Nächsten, sollte uns auf die Verpflichtung Hinweisen, die Forderungen der Liberalen zu erfüllen. Moritz A. L o e b (konservativ) begrüßt den Kern der liberalen Anträge und regt die Gründung eines Beamtenbauvcreins an. Die Gemeinde habe zahlreiche Terrains, die eventuell im Tauschwege für den Wohnungsbau nutzbar gemacht werden könnten. Goslar (Volksp.) meint, der jüdische Geburtenrückgang sei eine Folge des Rückgangs des jüdischen Lebenswillens. Es müsse versucht werden, Juden wieder aus den Städten in die Provinz zurückzusiedeln. Er empfiehlt die Aufnahme von Anleihen, damit die Gemeinde eine gesunde Wohnungspolitik fördern kann und schlägt die Schaffung von Settlement-Häusern für Studenten vor. Eine jüdische Versicherungsgesellschaft sollte geschaffen werden und die Grundlage für bevölkerungspolitische Maßnahmen bilden. Er polemisiert gegen die Auffassung, daß auf bevölkerungspolitischem Gebiete ein „ehernes Gesetz" obwalte Professor Selig mann (Gemeiudevorstand) bekennt, daß er den Ausdruck vom „ehernen Gesetz" in der Bcvvlkerungspolitik bei der Konferenz des Landesverbandes geprägt habe. Die Frage des Geburtenrückganges ist eine biologische, die mit dem Lebenswillen nichts zu tun hat. Im Gegenteil, es ist nicht selten ein Zeichen von Lcbcnstvillen, wenn die Geburten geregelt werden. Die Eltern haben dann vielfach das Verantwortungsgefühl, die Kinder nicht nur in die Welt zu setzen, sondern sie auch wirklich groß zu ziehen. Die Institution, die bisher den stärksten Einfluß auf die Bevölkerung gehabt hat, ist die katholische Kirche. Auch sie steht heute vor demselben Problem. Gegenüber den bevölkerungs-biologischen Problemen, die in großen Wellen kommen, sind alle Maßnahmen nur Stückwerk. Ich verrate auch kein Geheimnis, wenn ich darauf Hinweise, daß eine große Strömung besteht, die bewußt für Geburtenregelung cintritt. Professor S e l i g m a n n gibt dann zu, daß eine Anfrage über Beschäftigung christlicher Schwestern an jüdischen Instituten tatsächlich ein bedauerliches Ergebnis gezeigt habe. In Dutzenden von Instituten fehlen jüdische Schivestern. Bei der Auswahl der Kandidatinnen wird zum Teil zu scharf vorgegangen. Es fehlt aber nicht nur an jüdischen Schwestern, sondern noch viel mehr an jüdischen Gesundhcitsfürsorgcrinnen. .Hier sei ein schönes Betätigungsfeld für jüdische junge Mädchen und es sei erstaunlich, daß der Zudrang zu diesem Beruf so gering ist. Frau Hamburger (liberal): Weibliche Fabrikarbeiterinnen sind relativ gering vorhanden, aber die ^Zahl der kleinen und kleinsten jüdischen Angestellten ist sehr groß. Um diese zu erfassen, brauchen tvir keine statistischen Arbeiten. Wir brauchten uns nur an mehrere große Firmen zu tuenden, könnten von ihnen eine große Zahl von kleinen jüdischen Angestellten erfahren, könnten für diese Heime gründen, nicht gleich in der erstrebenswerten Weise von Ärbeitcrinnenhcimen mit Wohnung, sondern zunächst als Tages¬ und Abendheime. Denn die weiblichen Angestellten, die in Schlafstellen wohiren, haben solche nötig. Auch die Arbeiterinnen, die bei Angehörigen wohnen, haben solche Heime oft noch nötiger. Denn bei den beschränkten Wohnungsverhältnissen verlangen diese Mädchen noch Entspannung, und diese finden sie, wenn sie unter Alters- und Glaubensgenossen in einem behaglichen Kreise sind. In London besteht, von Lily H. Montag» begründet, ein Heim für 800 jüdische Mädchen, in Mailand ist ein Heim für ledige Männer. Wenn die Versammlung sich wirklich zu einem solchen Heim entschließen sollte, so könnte es in drei Monaten ausgemacht werden. Nach toeiteren Ausführungen von Frau Eschelbacher (Mittelp.), Dr. London (liberal) und Professor Türk (liberal) gelangt ein Antrag Türk-Fleischer (liberal) einstimmig zur Annahme, der die Einsetzung einer .gemischten Deputation zur Ausarbeitung bevölkerungspolitischer Vorschläge Vorsicht. Bezüglich der Mandatsdauer wird mit sämtlichen Stimmen gegen die des Herrn Locb beschlossen, die Legislaturperiode der jetzigen Repräsentantenversammlung auf den 31. Dezember 1930 zu begrenzen. Die weiteren Vorschläge für die Statutenänderung (insbesondere Aufhebung der Turnuswahl, Abschaffung der Stellvertreter und Erhöhung der Repräsentantenzahl) werden an den zuständigen Ausschuß zur weiteren Beratung gegeben. Aulounfall von kammergerichksrat Wolff Am Tonnerstag der vergangenen Woche erlitt Kammergerichtsrat Leo Wolff, der Präsident des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und stellvertretende Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde einen ernstlichen Unfall. Beim Ueberschreiten der Charlottenburger Chaussee an der Siegesallee wurde er von einem Taxameter uberfahren, so daß er in bewußtlosem Zustande in die Charite gebracht werden mußte. Kammergerichtsrat Wolff ist dort in der Behandlung von Professor Sauerbruch und befindet sich, wie wir erfreulicherweise erfahren, auf dem Wege der Besserung. Wir wünschen dem Führer des Preußischen Landesverbandes und bewährten Freunde unserer Bewegung eine recht baldige Genesung. Sonntagsgoklesdienst in Breslau Am 17. März fand 18.30 Uhr (6.30 Uhr abends) ein Gottesdienst statt, bei dem Gemeinderabbiner Tr. V o g e l st e i n und Kantor Wartenb erg er amtierten. Ten Anfang bildete ein deutscher Chorgesang „Wie schön sind Deine Zelte." Dann folgte ein deutsches Gebet des Rabbiners; hierauf das Maarivgebet, von dem auch einzelne Teile durch den Rabbiner deutsch gesagt wurden. Tie Schemone eßreh wurde als stilles Gebet gesprochen. Nach dieser wieder ein Chorgesang „Tie Himmel rühmen..von Mendelssohn. Tann folgte die Predigt. Dr. Vogelstein verlas zunächst die Stellen aus den: Wochenabschnitt, in denen die Uebergabe der einzelnen Teile des Stiftszeltes an Moses und dessen Segen für die, welche daran gearbeitet, geschildert wurde. In fesselnder und zu Herzen gehender Rede leitete Tr. Vogelstein zur Arbeit der Gegenwart und zur schwierigen Lage der Jetztzeit und deren sozialen Forderungen über. Er wies der andächtig lauschenden Gemeinde denjenigen Weg, auf dem sie neben und trotz aller Last der Arbeit auch deren Segen empfinden könne und schloß mit den Segensworten Moses, daß auch auf der Werktagsarbeit der Gemeinde göttlicher Segen ruhen möge. Nach dem Schlußgebet „Olenu" beendete der Kaddisch der Leidtragenden' den Gottesdienst. — Vorgesehen waren für diesen nur die beiden Mittelschiffe, die aber nicht aus reichten, so daß auch die beiden Seitenschiffe erleuchtet werden mußten. Die Zahl der Andächtigen dürfte ungefähr 600 betragen haben. Selbstverständlich saßen (wie bei Spätgottesdiensten am Freitag Abend) Männerund . Frauen zusammen und ebenso selbstverst ä n d l i ch war es, daß durch diese Neuerung niemand auch nur irgendwie von der Andacht ab gelenkt wurde. Es ist zu hoffen, daß dieser erste Versuch zu einer sich öfters und regelmäßig wiederholenden Einrichtung führen wird. Seit Jahren wieder einmal ein Sonntaasgottesdienst in einer Gemeinde, die nicht auf dem äußersten linken Flügel der Berliner Reformgemeinde steht. Ein ausgesprochen jüdischer Gottesdienst, der zu einer religiösen Feierstunde wurde; nicht eine „religiöse Feier st und e", womit* durchaus nichts gegen diese Art der religiösen Veranstaltungen gesagt sein soll. Aber wir wollten hier in Breslau etwas für die große Menge derjenigen schaffen, die den Sabbat nicht halten können: für die Angestellten, Beamten, Gewerbetreibenden und Kaufleute, die das ganze Jahr hindurch nur dann einen Gottesdienst besuchen können, wenn zufällig ein christlicher Festtag mit einem jüdischen oder mit einem Sabbat zusammen fällt. Und für diese Kreise wäre eine sogenannte „religiöse Feierstunde" nicht das Gegebene gewesen. Religiöse Vorträge können sie in jüdischen Vereinen und Logen genug hören. Für solche „Feierstunden" wäre auch wohl jeder Besucher unserer „Neuen Synagoge" zu haben gewesen. Dagegen hatten wir nicht ganz leichte Widerstände zu besiegen, um unfern Sonntagsgottesdienft durchzusetzen. Teils beruhte diese Gegnerschaft auf grundsätzlichen, teils auf opportunistischen Beweggründen. Wahrlich, der Niedergang des jüdischen Sabbats ist eine Tragödie. Diese höchste Idee vernichtet durch ihre Einführung bei den großen monotheistischen Religionen den ursprünglichen Ruhetag, den jüdischen Schabbos umso stärker und gründlicher, je mehr sie im Staatsleben verwirklicht wird. Mögen die Juden des Milieus, in dem Georg Hermanns „I e t t ch e n Gebert" spielt, auch noch so aufgeklärt gewesen sein, der Sabbat war ihnen noch ein Ruhetag. Aber das immer schwerer werdende Ringen um die Existenz hat diese schöne religiöse Einrichtung bis aus einen geringen Rest fast völlig abgebröckelt. Schon im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts konnte man bemerken, daß in solchen Provinzstädten, in' denen am Sonnabend kein Wochenmarkt war, immer noch einige jüdische Geschäfte geschlossen hielten. Tann aber kam die gesetzliche Sonntagsruhe, und gerade diese rvahrhaft soziale Einrichtung verringerte die Zahl der den Sabbat haltenden Juden auf ein Minimum. Und diese Zustände machen den jüdischen Ruhetag nicht nur zur .Tragödie, sondern auch häufig zur Komödie. Deshalb ist es eine, und zwar die Hauptpflicht des Liberalismus, hier einmal Wandel zu schassen. Es geht nicht länger so weiter, daß der jüdische Angestellte (in erster Linie dieser) und auch der selbständige jüdische Kaufmann und Gewerbetreibende fast das ganze Jahr hindurch nicht dazu gelangen, einem würdigen Gottesdienste in einer Synagoge beizuwohnen und an den drei höchsten Feiertagen mit einem sonst sehr profanen Dingen gewidmeten Betsaal sich absinden müssen; im völligen Gegensatz zu seinem christlichen Berufsgenossen, der (wenn er will) jeden Sonntag ein Gotteshaus besuchen kann Tie Gründe, die man (teilweise aus unseren eigenen Reihen) gegen einen richtigen Gottesdienst am Sonntag ansührte, waren nicht neuer Art. 1. „Es wäre das der erste Schritt zur Abschaffung des Schabbos." Antwort: Wir haben weder die Macht noch den Willen dazu. Wir wissen, daß es (selbst nach der in bestimmtere Aussicht genommenen Reform des bürgerlichen Kalenders) immer noch Juden geben wird, die diesen Tag halten. Wir begrüßen das sogar, aber wir sind der Ueberzeugung. daß dies nur eine Historisierung des jüdischen Sabbat bedeuten kann und wird.

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