Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 12 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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die Mehrheit der Gemeinde die Durchsetzung der liberalen Forderungen wünscht. Die neue Zusammensetzung der Gemeindevertretung wird dann zweifelsfrei dem Mehrheitswillen der Gemeindemitglieder entsprechen und in der Lage sein, Beschlüsse von solcher Tragweite zu fassen. Nürnberg. (Hauptversammlung des israelitischen Frauenvereins.) Die Hauptversammlung des israelitischen Frauenvereins, welche am 14. März unter der Leitung von Frau Jsabella Heim stattfand, war in diesem Jahr von ganz besonderer Bedeutung, weil außer den Formalien und dem Jahresberichte ein Referat von Frau Dr. Freudcnthal über „Jüdische Wohlsahrts^ pflege" auf der Tagesordnung stand. Die Rednerin wußte das große und vielseitige Gebiet in schöner Sprache und gewandt im Bortrag außerordentlich interessant und fesselnd zu gestalten, tvie es nur diejenige versteht, welche jahraus jahrein mit vollem Herzen und voller Hingabe sich dem Dienste der Wohlfahrtspflege widmet. Die Ausübung der Wohlfahrtspflege ist ein uraltes Gebot der jüdischen Religion. Fast jedes Blatt der Thora und des heiligen Schrifttums ist erfüllt von sozialem Geiste und von den Vorschriften der Nächstenliebe, wie dies die Abgabe des „Zehnten" (Maser) und die Vorschriften des Sabbat- und Jobeljahres beweisen. Das Sprichwort: „Laß den Armen Dein Hausgenosse sein" ist maßgebend für die Juden von der ältesten Zeit an. Im Gegensatz zur alten Zeit, wo die Wohltätigkeit dem einzelnen gegenüber rein persönlich geübt wurde/ ist seit vielen Jahren die Wohltätigkeit in großen Verbänden sowie in örtlichen Vereinigungen fruchtbringend organisiert. In Marburg ist ein Heim für psychopathische Kinder errichtet und in Neu-Isenburg bei Frankfurt a. Main eine Haushaltungsschulc, sowie ein Heim für gefährdete Mädchen und Frauen. Die meisten der deutschen Wohlfahrtsanstalten wurden gegründet durch den deutsch-israelitischen Gemeindebund, an dessen Spitze 2 bedeutende Männer standen, Professor Dr. Philippsohn und Geheimrat Gustav Josephthal, Nürnberg. Auch die Nürnberger Wohlfahrtspflege bildet ein würdiges Glied in dem Kranze deutscher Großgemeinden in Bezug auf Wohlfahrtspflege. Die drei gemeindlichen Wohlsahrtsvcreine, Armenunterstützungsvcrein, Wohltätigkeitsverein und Frauenverein, haben sich mit den zwei orthodoxen Vereinen und unter Mitwirkung der beiden Bne-Briß- Logen zu einer gemeinschaftlichen „Nürnberger Wohlfahrtszentrale" znsammengeschlossen, um eine Zersplitterung der Kxäfte zu vermeiden. Außer diesen Vereinen ist in Nürnberg noch ein Altersheim vorhanden, welches demnächst mit einem Aufwand von Mk. 200 000,— vergrößert und modernisiert wird, ferner ein Mädchenstift und ein Kindcrerholungsheim. „Die Notstandshilfe" sorgt in diskreter und taktvoller Weise für diejenigen Personen, welche einst bessere Tage gesehen haben und die in ihrer ganzen Persönlichkeit und Vergangenheit nicht in der Lage sind, Unterstützungen von den Vereinen anzunehmen. Eine Darlehenskasse hat die Aufgabe, die Gründung und Aufrichtung von Existenzen zu fördern. Ein Jugendamt ist in der Entwicklung begriffen für die Jugendpflege, Jugendbewegung und für die Fürsorge für gefährdete Kinder. Aus einem Brautausstattungsfond »oerden Bräute mit Wäsche ausgcstattct, deren Anfertigung gleichzeitig unbemittelten Damen einen Verdienst gewährt. Der Bahnhofsdienst zur Betreuung und Unterbringung von Mädchen und Frauen arbeitet mit den übrigen Konfessionen in mustergültiger und erfolgreicher Weise zusammen. Die Verwaltung der Kultusgemeinde bestreitet zum Teil die Kosten der 'Wohlfahrtspflege, soweit diese nicht aus den Vereinsbeiträgen und Spenden bestritten werden können, mit einem Zuschuß von Mk. 70 000,—. Die Vortragende schloß ihr mit reichem Beifall und allgemeiner Zustimmung aufgenommenes Referat mit den Worten, welche Mendelssohn als höchste Bestimmung des Menschen anführte: „Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun." Schweidnitz. (Jubiläum.) Am 17. März konnte Prediger und Lehrer Felix Brock auf eine 25 jährige Tätigkeit in hiesiger Synagogen-Gemeinde zurückblicken. Der Jubilar hat es verstanden, durch seelsorgerische Arbeit, durch seine gottesdienstlichen Vorträge, vor allem durch seine Lehrtätigkeit die Achtung und Wertschätzung seiner Gemeinde-Mitglieder wie die Herzen der Jugend zu gewinnen, die er zu guten liberalen Juden und guten deutschen Staatsbürgern heranzubilden sucht. Die allgemeine Schätzung, die sich Herr Brock zu erfreuen hat, kam an dem Ehrentage zur besonderen Geltung. Vertreter des Vorstandes, der Repräsentanten, der Chewra Kadischa, der jüdischen Lehrerschaft in Schlesien, des paritätischen Lehrervereins in Schweidnitz, der Spinoza-Loge u. a. ehrten den Jubilar durch besonder« Ansprachen, seine Verdienste als Beamter, als Kollege, Freund und wackerer Mitarbeiter. Auf alle an ihn gerichteten Reden wußte Herr Brock in treffenden Worten zu erwidern. — Möge es dem Jubilar noch lange vergönnt sein, an der Seite der trefflichen Gattin zum Wohl« und Heile zu wirken wie für Ausbreitung des liberalen Gedankens innerhalb feiner Glaubensgemeinde. volkscthymologisch. Einzelbeispiele werden angeführt. So bei der Gottesnamenübersetzung das Pronomen für die adjektivische Umschreibung und die Bersabteilung, die den der Bibel eigenen Rhythmus wiedergibt. Neben kritischen Bemerkungen betont der Vortragende, daß man so wieder die Achtung vor dem Original bekommt. Er belegte seine einen tiefen Eindruck hinterlassenden Ausführungen durch Stellen der Lutherschen und Buber-Rosenzweigschen Uebersetzungen. E. V. Duisburg. (Mitgliederversammlung.) In der Mitgliederversammlung des Jüdisch-liberalen GemeindeÄZereins, die kürzlich stattfand, und die leider nur schlecht besucht war, wurden die Satzungen des Vereins, der als Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum gilt, beraten und angenommen. Zum Vorstand wurden sodann auf die Dauer von zwei Jahren gewählt: Rechtsanwalt Dr. Sally Kaufmann als Vorsitzender, Frau Selig und G. Heymann als stellvertretende Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Kaufmann II als Schriftführer und Artur Gerson als Schatzmeister. Diesem geschäftlichen Teil des Abend folgte ein Vortrag des Rechtsanwalts Dr. Levy über die der Gemeindevertretung zur Zeit zur Beschlußfassung vorliegenden Gemeindesatzungen. Seine Ausführungen hoben treffend die grundsätzlichen Abweichungen der neuen Satzungen gegenüber den sich eng an das Judengesetz von 1847 anlehnenden alten Satzungen hervor und ging dann guf einige Punkte ein, die in den früheren Wahlkämpfen eine Rolle gespielt hatten. Dem mit großem Dank ausgenommcnen Vortrag folgte eine lebhafte Aussprache/ Düsseldorf. (Gründung einer Ortsgruppe.) Unsere Gemeinde zählt eine stattliche Reihe von Mitgliedern der Vereinigung für das liberale Judentum, deren Zusammenfassung zu einer Ortsgruppe doch allmählich notwendig geworden ist. Am Dienstag, 22. Januar 1929, versammelten sie sich zu diesem Zwecke in den Räumen der Düsseldorf-Loge. Der Generalsekretär der Vereinigung, Herr George Goetz, Berlin, sprach in einem tief angelegten, nahezu zwei Stunden dauernden Bortrag über die Bedeutung des religiösen Liberalismus, dem sich eine angeregte Diskussion anschloß. Darauf folgt« auf einstimmigen Beschluß der anwesenden Mitglieder die Gründung der Ortsgruppe Düsseldorf. Ebenso wurde einstimmig der seitherig« Führer der Düsseldorfer Mitglieder, Herr Rechtsanwalt Dr. Kann, zum Vorsitzenden gewählt. Zu seiner Mitarbeit wurde eine Kommission von 5 Mitgliedern bestimmt, bestehend aus 1 Dam« und 4 Herren. Ein vorgelegter Statuten-Entwurf konnte wegen der weit vorgerückten Zeit nicht mehr beraten werden. Die Beratung und Statuten- Aufstellung folgt in der nächsten Zeit. Frankfurt a. M. (I l i.) Zu Beginn gab Herr Alex Jakobsohn einen Ueberblick über die Entwicklung und Tätigkeit des Jli im vergangenen Jahre. Regelmäßige Heimabende, Gartenabende während des Sommers, religiöse Feierstunden und einige größere Veranstaltungen bildeten den Rahmen unserer Zusammenkünfte. Besonderes Interesse fanden die Ausspracheabende mit Vertretern religiöser und politischer Richtungen in unserem Zyklus „Unsere Umwelt und wir". Die Wahl von Jli-Mitgliedern in die Kultuskommission, den Freisinnigen Verein und C.-V. zeigt, daß das Wort der Jugend auch im Kreise der Aelteren Anerkennung findet. Dank der Bemühungen Dr. Hoffmanns gelang es, von der Gemeinde, Freisinnigen Verein und Verein Hauptsynagoge einen Zuschuß zu erhalten, ferner die Ausgaben durch die „Liberalen Blatte r", Boot usw. zu vermindern. Dann folgt« der Kassenbericht Kurt D i l l « n b c r g s für die Jugendgruppe. Fräulein Gaby Metz gab den Jahresbericht der Jugendgruppc. Hebräisch, Kunstgeschichte, Lese- und dramatische Zirkel fanden 8—14 tägig statt. Rege Teilnahme fanden Referate und gemeinsame Aussprachen über allgemeine und religiöse Fragen. Es folgten Führungen zu den Sehenswürdigkeiten der Altstadt. Wanderungen und gelegentliche Feste bildeten den geselligen Teil. Für die Jüngeren-Gruppc gab Rene Metz eine Uebersicht über die Samstag-Nachmittage. Die Gruppe besteht aus eifrigen Schülern, die . sich, abwechselnd in Privatwohnungcn treffen und dort gemeinsame Themen besprechen, ein Buch lesen oder spielen. Die Jugendgruppe geht zum Jli über, die Jüngcren-Gruppe wird Jugendgruppe. Nunmehr gemeinsame Kasse und Mahnwesen. Der Vorstand des Jli soll eine Summe bestimmen, die der Jüngcren- Gruppe zur Verfügung stehen soll. Wahlergebnis: Dr. Hoffmann, Alex Jakobsohn, Frl. Grete Adler, Frl. Levy, W. Scheidt, Frl. Hella Lion, Ernst Weil, Rosenbusch, Max Fcderlein. Kooptiert: Dr. Salomon, Hochheimer, Dillcnberg. Wanderausschuß: Herr Scheidt, Frl. Margot Rosenheimer, Fredi Berg. Geselligkeit: Herr Federlein, Frl. Irma Rothschild. W e r b e a u s s ch u ß: Frl. Grete Adler, Kurt Rosenbusch, Rene S» envartcte mau gespannt die „Revue der Jugend", deren Uraufführung an diesem Gesellschaftsabend vor sich gehen sollte. Der Verfasser dieser Revue, Herr Alfred Auerbach, sagt in seiner Einführung: „Das Jammern über die Jugend wird beinahe langweilig. Es ist doch ein altes Sprichwort, daß „Jugend keine Tugend hat". Warum wundern sich dann di« Alten immer noch und schlagen im Alleinbesitz der Tugend die Hände über den weisen Häuptern zusammen? — Wir sehen, daß alle Zeiten sich redlich mit ihr geplagt haben, und die Jugend sich mit allen Zeiten herumgebalgt hat. Ewige Jugend! Ewiges Raunen der Alten! — „Alte, gebt auf Eure Herzen acht, Junge: freut Euch, daß Bruckners Name ebenso sagenhaft ist, wie seine pessimistische Klinik." Und nun folgten die einzelnen Bilder, die sich in schneller Reihenfolge, wiederholt unterbrochen durch lauten Beifall, auf und vor der Bühne abwickelten. So als Renaissance, Jugend Colombine, Arlecchino, Pantalone und Lelio in einer reizenden Pantomime mit treffenden Musikbegleitung von Dr. W. Salomon; als Rokoko- Jugend Bastien und Bastienne zu einem reizenden Tanz von Mozart: die Biedermeier-Jugend in einer entzückenden Pantomime; die Tochter soll heiraten; es bewerben sich „der lßicke Freier", auf seinen reichen Geldbeutel weisend, „der dünne Freier", nur seine Liebe und sein Herz darbietend, aber auch den Erfolg davontragend. Die Musik war wiederum der Pantomime von Dr. W. Salomon treffend angepaßt. Die Jugend zur Zeit des Walzers tanzte mit ihren Eltern im Straußschen Walzertakt und zeigte die Eltern ebenso drastisch in ihrem „noch jugendlichen Wesen" tvie sich selbst. Kennzeichnend für die Jahrhundertwende war der Dialog zwischen dem Backfisch und dem jungen Dichter, der durch den Backfisch erst sein wahres Inneres aufdeckte; treffend das Bild der Hasencleverparodie „Jugend rebelliert"; ausgezeichnet der Tanz des Frl. Wiener, die die Jnflationsjugend darstellte, auch die übrigen Tänze der Revue mit besonderem Geschmack und wirksamer Treffsicherheit für die einzelnen Bilder einstudierte. Besonders kraß und bewußt übertreibend ivirkte das Bild „Krankheit der Jugend". Der Schluß „Jugend bleibt Jugend" kehrte wieder zurück zur natürlichen Frische der wahren Jugend, die trotz dauernder Wandlung die ewige Jugend bleiben wird. Den verbindenden Text zwischen den einzelnen Bildern sprach mit treffenden Worten, ebenfalls von Herrn Alfred Auerbach versaßt, und mit scharfer Pointierung der dichtigen Stellen Max Federlein. Die ganze Revue, die neben Herrn Auerbach insbesondere in ihren musikalischen Teilen unter der Regie von Herrn H c r m a n n Geiger stand, bewegte sich auf besonders künstlerischer Höhe und zeigte, daß man zur Unterhaltung eines Gesellschaftsabends durchaus nicht nur leichte Kabarettdarbietungen und Vorträge bringen sollte. Die Darsteller gehörten mit wenigen Ausnahmen der Opern- und Schauspielschule des Dr. Hochschen Konservatoriums an. Es wäre bedauerlich, wenn die Aufführung nur diese einmalige bleiben würde. Man sollte wünschen, die Revue vor möglichst zahlreichem Publikum noch recht oft wiederholt zu sehen. Nach der Aufführung kam der Tanz zu seinem vollen Recht. Die Tanzkapelle „The Shocking-Boys" und im kleinen Saal „The Muschi Band" trugen zu weiterem Gelingen des Festabend bei. W.H. Ratibor. (I l i.) Unsere letzte Zusammenkunft am 27. Februar 1929 war ein literarischer Abend. Anfangs erinnerte der 1. Vorsitzende Herr Dr. Heimann mit wenigen Werten an die beiden Gedenktage. Er gedachte der im Weltkrieg Gefallenen und des 1. Reichspräsidenten Friedrich Ebert, dessen Todestag sich zum vierten Male jährt. Darauf ein kurzer Rückblick über die Ereignisse der letzten 4 Wochen in der jüdischen Welt, anhand der Telegramme der Jta. Nach Verlesung des Protokolls erteilte Herr Dr. Heimann unserem Mitgliede Herrn Herbert Neißer das Wort zu seinem Bortrage über den „Streit um den Sergeanten Grischa" von Arnold Zweig. Zunächst schilderte der Redner das Leben des Dichters. Dann ging er genau auf Zweigs bedeutendstes Werk, den „Streit um den Sergeanten Grischa", ein. Der Referent gab eine klare und stimmungsvolle Inhaltsangabe des Buches. Ganz deutlich waren die Charaktäre der Personen zu erkennen. Besonders fesselnd wußte der Vortragende die Stelle wiederzugeben, als Grischa, das Opfer des starren Buchstabens, erschossen wurde. Nicht zu verkennen war die Gerechtigkeitsliebe der austretenden Juden. Bei der erschöpfenden Wiedergabe erübrigte sich jede Diskussion. Anschließend sprach Fräulein Fränkel über „Genie und Charakter" von Emil Ludwig. Zunächst berichtete Fräulein Fränkel von Ludwigs Leben. Die großen Männer, die Ludwig in seinem Werke verewigte, nannte uns die Rednerin und ging dann in großen Zügen auf den Inhalt «in. Als Abschluß des inhaltsreichen Abends trug ein Gast, Fräulein Tichauer, das Largo von Händel, Elle Melodie und Schir Hamalaus, am Klavier begleitet von Fräulein Juda, vor. Sie erfreute die Anwesenden durch ihre schönen, mit großem Ausdruck vorgetragenen, gesanglichen Darbietungen. Streit. (Aus dem Gemeindeleben.) Die Vorsitzende des Frauenvereins, Frau Gcheimrat Dr. Strauß, konnte am 11. März ihren 75. Geburtstag feiern. Der in seltener Frische wirkenden Dame, Icke den Verein jetzt 46 Jahre leitet, wurden aus diesem Anlaß! zahlreiche Glückwünsche und Aufmerksamkeiten übermittelt. — Bei der am 18. März getätigten Vorstandswahl wurden die bisherigen Vorstandsmitglieder A. Lieblich, M. Rosenbaum, I. Rindskopf und Karl Mayer auf weitere 6 Jahre wiedcrgewählt. Aus der Bewegung Berit«. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. V.) Wir bitten unsere Mitglieder, um das Inkasso-Geschäft möglichst zu vereinfachen, die am 1. April fälligen Mitgliedsbeiträge aus unser Postscheck-Konto Berlin Nr. 14805 cinzuzahlen. Breslau. (Jüdisch-liberaler Jugendvcrcin „Abraham Geiger".) Am Mittwoch, den 6. Marz, hatten wir einen Ausspracheabend über „Strömungen im Judentum der Gegenwart". Hans M. Danziger hielt ein einleitendes Referat, wobei er das Thema in religiöser und politischer Hinsicht behandelte. Besonders eingehend erörterte man in der Aussprache naturgemäß die Begriffswelt von Liberalismus, Orthodoxie und Zionismus. Am Mittwoch, den 13. März, konnten wir zu unserer großen Freude Herrn Dr. Ernst Heinrich Seligsohn, Berlin, begrüßen, der „Das Problem der Bibelübersetzung" behandelte. Seine äußerst interessanten ünd feindurchdachten Ausführungen können hier nur skizziert werden. Er ging vom Problem der Uebersetzung überhaupt aus. Hinter jeder Sprache ruht eigentlich eine unsichtbare allen Menschen gemeinsame Sprache der Gedankenwelt. Darum ist die Frage der Uebersetzbarkeit zu bejahen. Der besondere Stil des Originals geht bei einer Uebersetzung in heute geläufige Worte verloren. Das Original muß in möglichster Ucberzeitlichkcit erhalten bleiben. Eine wirklich große Uebersetzung wird die Sprache bereichern. Um den Stil zu wahren, müssen Sprachprovinzen geschaffen ivcrdcn. Nur so behalten Uebersetzungen ihren dauernden Wert (Boß, Luther). Aas der Bibelübersetzung im besonderen ergibt sich eine sprachliche und eine religiöse Situation. Wo die Sprache beginnt, ist sie naturnah, cindejttig, konkret. Den ersten schwierigen Punkt bildet die grundverschiedene Situation der biblischen und der deutschen Sprache. Jp, der Bibel sind noch konkret gemeinte Worte, die heute schon abstrakte Bedeutung erlangt haben. Die zweite Schwierigkeit bietet die Glaubenssituation. Früher konnte die Antwort aus Lcbensgestaltung überall aus der Bibel gegeben werden. Heute übersetzt man als wissenschaftliche Leistung, nicht aus Gläubigkeit. Nun besteht eine Berschiedenartigkeit »er Bibel, die aber trotz unseres Einheitsempfindens ühkkbrück- und übersetzbar ist bei der Frage, was der redactor damyter verstanden hat. Heute soll versucht werden, auszulockern, das Originelle zu finden und zu zeigen. Dies ist der Buber-Rosenzwergsche Weg, der irtit den heutigen Möglichkeiten eine Sprachprovinz ins Deuts chehiiteiy, und damit eine neue Glaubensprovinz schaffen will. Oft ist in ‘bet Bibel die Ableitung einer Bedeutung von Namen nicht philologisch, aber Gottesdienst: Herr Dr. Gottschalk, Frl. Lion, Herr Federlein, Karli Zedner. Boot: Herr Hochheimer, Ernst Weil. Sport: Herr Ernst Weil, Frl. Berg. Fr. L. * Nachdem wir am 19. 2. bei der Diskussion über Sozialismus gesehen hatten, daß dieses Thema viel zu umfangreich für einen Abend ist und sich Herr Stierle liebenswürdigerweise bereit erbot, noch mehr seiner Zeit für uns zu opfern, widmeten wir den nächsten Heimabend demselben Problem. Herr Stierle knüpfte da wieder an, wo der letzte Abend abgebrochen hatte, nämlich bei der Frage: Kann man die Gegensätze und Gefahren des Kapitalismus nicht reformieren, d. h. einen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus finden, oder, um die Worte des Referenten zu zitieren: „dem Raubtier Kapitalismus die Krallen so stutzen, daß Sammetpfötchen daraus entstehen". Um zu diesem Grundproblem Stellung zu nehmen, mußten wir erst das Wesen des Kapitalismus charakterisieren. Nicht so sehr in seiner Auswirkung, deren kurze Betrachtung uns zu einem Vergleich zwischen Amerika und Rußland führte, als in seiner theoretischen Bedeutung wollen wir ihn erfassen. Marx zeigt uns, daß Kapital erst durch ein gesellschaftliches Verhältnis entsteht, und er versteht darunter die Produktionsmittel. Für unsere Betrachtung ist zu scheiden, was der Kapitalismus für den Einzelnen einerseits, für die Gesamtheit andererseits bedeutet. Trotz der verschiedenen Meinungen darüber sahen wir übereinstimmend, daß das Geld den Kernpunkt des Kapitalismus bildet. Was kann es noch für Triebkräfte im Menschen geben, wenn der materielle Anreiz wegfällt? Wenn im Sozialismus der „Bessere" nur durch die Not angespornt würde, wäre die Konsequenz, daß der Hunger erhalten bleiben müsse. Franz Oppenheimer spricht von dem Trieb der sozialen Höchstgeltung, anders gesprochen: nicht das materielle Entgelt, sondern das Auslcben im Werk, das Schöpferische treibt. Das ist aber heute nur möglich auf Grund materiellen Besitzes. Vielleicht war es an dieser Stelle der anregenden Diskussion, wo uns der Gegensatz zwischen Optimismus und Pessimismus am deutlichsten veranschaulicht wurde. Eine ernste Gefahr des Sozialismus besteht darin, daß dieser Trieb zum Schaffen leicht zur Herrschsucht umschlägt. Herr Stierle wollte uns davon überzeugen, daß im sozialistischen Staate sich jeder nach seinen guten Anlagen entwickeln kann, was im Kapitalismus nach seiner Auffassung unmöglich wäre. Nur in Anbetracht der vorgerückten Stunde schloß man die Diskussion. Der Erfolg des Abends zeigt sich am besten darin, daß er die Anregung zu einer Arbeitsgemeinschaft über Sozialismus gab, für deren Leitung sich Herr Stierle bereitwilligst erbot. Trude Mecklenburg. Frankfurt a. M. (Gesellschaftsabend des Jli.) Daß der Gckankc eines Gesellschaftsabends der Liberalen Jugendgemcinschaft nicht verfehlt war, beweist der glänzende Verlauf des vom Jli veranstalteten Festes am 3. März. Beim Eintritt in den Saal betrachtete man verwundert die Bühne, die .statt eines Vorhangs mit einem großen Prospekt verdeckt war, (dessen Fläche reizende Jugendgestalten der verschiedenen Zeitepochen, von Fräulein Lotte Eichelgrün entworfen und unter Mitwirkung von Fräulein Hilde Oppeüheimer gemalt, zeigte. Die Oeffnung der eigentlichen Bühne bildete ein riesengroßes mit der Spitze nach oben weisendes Herz, dessen roter Vorhang das Gesamtbild harmonisch abschloß. Vereinsnachrichten Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B. Wie im Vorjahre, veranstaltet auch in diesem Jahre der Liberale Verein anläßlich der Pessachtage Sederabcnde, an denen bekannte Kantoren vorbeten tverden. Nähere Mitteilungen werden rechtzeitig bekanntgegebcn. Tie diesjährige Jahresversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden findet Sonntag, 24. März, 11 Uhr vormittag, in Berlin, Hotel Esplanade, Portal I, Bellevuestraße 16—18 a, statt. Ueber die Arbeit und den Aufgabenkreis des Hilfsvereins werden sprechen die Herren: Dr. James Simon; Generalkonsul Eugen Landau; Max M. Marburg, Hamburg; Willy Dreyfus; Dr. Mark Wischnitzer. Die Deutsch-Jüdische Jugend-Gemeinschaft, Ortsgruppe Berlin, veranstaltet am Sonntag, den 24. März, abends 8 Uhr, einen Elternabend im Fcstsaal des Brüdervereins, Kursürstcnstraße 115-16. Eintrittskarten sind zum Preise von Mk. 0,75 für Erwachsene und Mk. 0,25 für Schüler an der Abendkasse erhältlich. Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Die Unterstützungsgemeinschaft des R.j.F. hielt am 14. März ihre diesjährige Generalversammlung ab. Die Finanzlage gestattet es, wie bisher bei Todesfall eines Mitgliedes Mk. 400,— an die Hinterbliebenen zu zahlen. Die jedesmalige Umlage beim Todesfälle bleibt unverändert Mk. 2,—. Der Vorstand (Dr. Jacob, 1. Vorsitzender) wurde wiedergewählt. Verein Synagoge Lühvwstraße. Am Dienstag, den 26. März 1929, abends 8 Uhr, findet im großen Saal der „Gesellschaft der Freunde", Potsdamer Straße 9, ein Purim-Fest (Gesellschaftsabend mit Ball — Jazzkapelle — Humoristische Vorträge) bei freiem Eintritt statt. Wir laden unsere sämtlichen Mitglieder und deren Freunde hierzu höfl. ein und bitten um regen Besuch. Jeder wird von dem Abend befriedigt sein. Kalendarium s. die Zeit v-23. 3. b.30. 3. 29 März 1929 Mar II 5689 Sonnabend 23 11 Wochenobschnitt: Wajikro P. Sachor Hastarah: Samuel I Kap. 16, 2—34 Sabbat-Ausgang: 7.04 Uhr Sonntag 24 12 Fasten Esther (Nacht 7,07) Montag 26 13 Dienstag 26 14 Purim Mittwoch 27 15 Schuschan Purim Donnerstag 28 16 Freitag 29 17 Sonnabend 30 18 Wochenabschnitt: Zaw P. Parah Hastarah: Ezechiel 36, 16--38 Sabbat-Ausgang: 7.16 Uhr.