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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-03-22 · 12 (22.3.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
12 (22.3.1929)
Date
1929-03-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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hxu die Ruhe wieoerhergestellt. Aber der Schauplatz sah aus wie ein Schlachtfeld. Ich war einige Tage darauf in dem ostgalizischen St catchen Cholojow, das etwa 12 Eisenbahnstunden vom Tatort entfernt liegt. Dort fand ich schon eine phantastisch yusgeschmuckte Legende über den Vorfall: es hatte eine richtige Schlacht stattgesunden, in welcher die Regierungstruppen, kommandiert von dem südischen Bürgermeister, der Major der Reserve war, unter dem von Stojalowski geführten Bauernheere ein wahres Blutbad angerichtet hatten. Zwischen dem Bürgermeister und dem BauernsÜhrer bestand. nämlich seit langem, so erzählte man sich, ein geheimer Kriegszustand, da Stojalowski die Frau des ersteren hatte zu entführen versucht. Von dem Gatten dafür gezüchtigt, beschloß der ausgestoßene Geistliche sich an allen Juden dafür zu rächeri. (Tatsächlich munkelte man im Lande, daß Stojalowski einmar bcr einem Diner eine jüdische Dame beleidigt habe. Vom Gatten dafür tätlich insultiert, wurde er von seinem Bischof obendrein zu einer schweren Kirchenstrase verurteilt.) Stojalowski, dieser Haman, der den Kaiser irregesührl und ihm die Befehle gegen die Juden herausgelockt hatte, sei gefangen genommen, iiach Wieil gebracht und werde bald gehenkt werden. Der jüdische Bürgermeister sei vom Kaiser zum General befördert worden.... Noch in anderer Beziehung war jenes Erlebnis für mich lehrreich. Als ich einige Wochen darauf die Pogromstadt aufsuchte, fand ich die Inden mit Veranstaltung von Geldsammlungen beschäftigt. Es sollte ein Fond zur Unterstützung der Hinterbliebenen jener dreizehn Bauern geschaffen werden, die erschossen worden waren. „Die Kinder sind jedenfalls unschuldig/' sagten die Juden, auch die Erschossenen selber waren ja nur Opfer dieser wüsten Agitation. „Unsere Bauern sind noch so abergläubig uno roh, daß ste solchen Märchen Vertrauen schenken." Oftmals war ich in galizischen Städtchen Zeuge von Schlägereren zwischen Juden und Bauern, seicht immer zogen die Juden den Kürzeren, obwohl sie in der Minderzahl waren, verprügelten sie rhre Gegner manchesmal sehr arg. Aber sobald diese wehrlos waren, überkam die Juden immer das Mitleid und ste verbanden die Verwundeten, spendeten ihnen noch Speise und Trank. So wird es wohl auch vor 2000 Jahren rn Persien bei solchen Vorfällen gewesen sein, auch dort und damals „rächten" sich die Juden aus diese Art an ihren Feinden, die fte auszurotten planten. Die phantastischen Ziffern von getöteten Judenfeinden, in denen der naive Verfasser schwelgt, gehörden dorthin, wo die Blutbäder, voll denen mir dre Cholojower Juden erzählten. In Susa selber sollen es 500, uit ganzen Reiche sogar 75 000 gewesen fern; btc Septuaginta sind milder und sagen bloß 15000. Der Verfasser konnte sich das leisten, denn es kostete keinem Menschen das Leben. Man oenke sich, daß die russischen Juden nach einem vereitelten Pogrom in Petersburg 500 und in ganz Rußland 75000 Huligans totschlugen! Der Verfasser vergaß zweierlei, daß Judenfeinde sich nicht so ohne weiteres totzuschlagen lassen pflegen und daß man sie nicht so leicht aus der Masse der anderen yeranserkennen konnte. Das ist eine der schwachen Seiten dieses über dem Durchschnitt begabten Erzählers. * Aber alle Mißgriffe und Fehler muß man dem Verfasser verzeihen, wenn man die von ihm vorgetragene Psychologie des Judenhasses erwägt. Hier hat der unbekannte, anspruchslose Schriftsteller im fernen Persien ein Meisterstück ersten Ranges geleistet, welches zweitausend Jahre nach ihm in unserem Europa unter so unsagbar veränderten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen seine volle Geltung behält. Es handelt sich hier offenbar um einen Grundzug der menschlichen Natur, der bei allen Völkern und Rassen unter allen Himmelsstrichen rn allen Kulturen sich gleich blerot. Seit dre Juden in dre Fremde gehen mußten, war es damals zum ersten Male, daß ihnen der Massenhaß entgegenwehte und ihnen zum Verhängnis zu werden drohte. Dre Gestalt Hamans ist mit vielen individuellen Zügen ausgestattet und äußerst lebendrg gesehen. Gleichwohl ist Haman ein Typus, dre Hauptmotive seines Handelns wiederholen sich zu jeder Zeit. Weshalb haßt er alle Juden und will sre ausrotten? Der Verfasser führt das aus ein persönliches Erlebnis zurück. Es ist ja ebenso schwer ein ganzes Volk zu hassen, wie ern ganzes Volk zu lieben. Liebe und Haß srnd höchst individuelle Gefühle. Ein solches höchst persönliches Erlebnis entzündet zuerst in Hamans Brust glühenden Hatz gegen Mordechai; dann kommt die Verallgemeinerung, oreser Vernunft-Ersatzmit dem dre platten Durchschnitts-Menschen ohne Anstrengung des Denkapparates sich durchs Leben ,retten und dabei stolz aus ihren Scharffinn sind. Verletzte Eitelkeit ist das Motiv, die stärkste Triebfeder gewöhnlicher Naturen, die Mutier des Neides und des Hasses. In 09 von 100 Fällen ist das zu allen Zeiten die Ursache des Judenhasses. In einer Republik oder in einer demokratischen Monarchie würde Haman versuchen, das Volk' auszuwühlen, in einer Despotie wendet er sich an den König. Ter machts. Was sagt nun Haman zum König? Etwa, daß die Juden schlechte Patrioten, unzuverlässige Untertanen sind? ' Oder daß sre das Volk auswuchern, schwere Arbeit fliehen,' unehrlich im Handel, habgierig und hartherzig find? Ach nein! Das hätte wohl nicht zu verfangen vermocht, es war viel zu leicht zu widerlegen. Haman spricht nur die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, aber er gibt ihr eine Beleuchtung, die schlimmer ist, als die ärgste Lüge. Es gibt da ein Volk, zerstreut und hin gesät zwischen den Völkern. Seine Gebräuche und Sitten sind verschieden von denjenigen der anderen Völker, nach Sitte und Brauch des Königs handeln sie nicht. Was hat der König für ein Interesse, sie in Ruhe zu lassen?... Haman ist es nicht um die gewaltigen inneren Gegensätze zwischen der persischen Staatsreligion und dem ethischen Monotheismus der Juden zu tun. Aus solche Subtilitäten läßt er sich nicht ern, er hat wahrscheinlich von ihnen kerne Ahimng. Was ihn ärgert, ist das Aeußere, was jeder wahrnimmt, also die besonderen Feste, der Sabbat, die Speisegesetze, welche die Inden von den anderen scheiden, sie als andersartig erscheinen lassen. Der Andersartige ist der Fremde und der Fremde ist der Feind. Der Feind aber steht nach dem Empflnden des antiken Menschen außerhalb jeden Rechtes, ist vogelsrei — ern Empfinden, das noch leider in der Gegenwart lange nicht ausgerottet ist. Und der König hat kein Interesse daran, ihn zu schonen, besonders wenn der Fremde, dieser Fernd, eine verschwindende Minderheit bildet, die sich nicht wehren kann und der keiner von außen zu Hilfe kommen wird. Da ist es ja ganz ungefährlich, ihnen deir Garaus zu machen. Dre zwei Hauptmotive oes Judenhasses, welche die Jahrhunderte hindurch an erster Stelle wirksam waren, hat der Verfasser der Esther-Geschichte' mit seinem psychologischem Empfinden ersaßt. In ihrem Dekret zur Vertreibu 1 . Juden aus Spanien reden Ferdinand und Jsabella elloa von jüdischem Wucher oder jüdischer Ausbeutung, sondern davon, daß die fremde Religion im katholischen Lande nicht geouldet werden könne. Damals war dre Religion das konstituierende Element. Heutzutage ist Haman au,geklärt und gebildet, er hat Anthropologie studiert und daher sind die Juden die fremde Rasse, die im arischen Lande nicht geduldet werden dürfe. Die Tatsache, daß die Juden stets uno überall eine Minderheit bilden, ist das andere konstituierenoe Element im Verhältnis der Juden zu ihrer Umwelt, ern Moment, das sowohl nach innen lote nach außen wirksam ist. Gorki sagt einmal: „Der Künstler sucht nicht dre Wahrheit, er schafft sie." Eine solche schöpferische Darstellung der Wahrheit enthält das Estherbuch. Sein Verfasser hätte das Zeug zu emem großen Dichter in sich. Das jüdische Volk hat dies naiv herausgesühlt und hat ihm ote denkbar größte Huldigung dargebracht, indem es während zwanzig Jahrhunderten in zahlreichen Fällen jedesmal wenn es aus der Hand eines feindlich eil Menschen oder Schicksals wie durch eine wunderbare Fügung, errettet wurde, das Ereignis in dem Lichte seiner Erzählung gesehen, den aus' diesem Anlaß eingesetzten Erinnerungstag nach dem in oieser Erzählung verherrlichten Feste benannt und nach seinem Muster das Ereignis in einer Erzählung verewigt, den Stil der Megillath Esther nachgeahmt hat. * DaS jüngste dieser klemell Purimseste wird eben 100 Jahre all. Es ist dies das Purim von Bobowno, das am 18. Adar Scheni 1829 eingesetzt wurde. Vom Jahre 1823 bis 1835 zog sich der Ritualmoroprozeß von Welisch (Gouvernement Witebsk) hin, einer der fürchterlichsten Pro- Esther Von Rabbmer Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. I Ihr, dre, verscheuchten Lämmern gleich, Nie erner Mutter Mund geküßt. Des Vaters Hand nie stumm gesegnet, An fremden Tischen Liebe bettelno — Euch grüße ich, Denn meine Sehnsucht weint in euch Und schluchzt um oas verlorue Land. II. Ihr, die ihr, seelenausgeschlossen, Dre Arme in die Ferne breitet Aus Himmelssturm der Liebe harrt. Und dann, gebrochen, flügellahm Stumm herzerschauernd nur erwärmt An Feuern, dre ern anoerer schürte. Euch grüße ich, Denn meine Seele friert in euch Und wimmert um oas Ungeborene. III. Ihr, die ihr, arm, Aüs Seelentrümmern, Doch hmlangt zu den ewigen Sternen Und alle unerfüllte Liebe Den glucköertrtebenen Brüdern schenkt; Den Schwestern alle, dünkelschleppend, Euch grüße ich. Denn in euch lebt bte Königsseele, Dre jauchzend mich zum Himmel trug. Wo Menschenleid rn nichts zerrinnt. Geheimnis! Zauber! Stolz! Triumph Der Gottesschöne unserer Frauen. Ach, überwältigt reicht der müde. Der gottesmüde Ahasver Der Siegerin das Szepter hin Und ewig schreitet Judas Stamm. zesse dieser Art, oer sogar damals, unter dem Schreckensregiment des Zaren Nikolaus I., da das Schlimmste nicht mehr überraschte, die Juden von ganz Rußland länger als ein Jahrzehnt nt ungeheurer Aufregung erhielt. Eine Episode dieses Prozesses spielte in Bibowno. Ein getaufter Jude namens Grudinski bekundete, er habe als kleiner Knabe im Hause eines Verwandten namens Sabbathai Tnrbowitz der Schlachtung und Entblutung eines kleinen Ehrlstenkindes beigewohnt. Die Blutspuren seien noch jetzt m dem Talmud-Traktat Passachim zu sehen, der sich rm .Haufe jenes Turbowitz befinde. Eine hochnotpeinliche Untersuchung wurde erngeleitet, die mehrere Tage dauerte, während das Haus von Soldaten umzingelt war. Dem Untersuchungsrichter Rodakowski gelang es, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, der Angeber wurde entlarvt. Das war der unmittelbare Anlaßdaß die höheren Behörden aus dre Machinationen des Witebsker Gubernators Chowanski, der den ganzen Prozeß eingefädett hatte, aufmerksam wurden. Im Jabre 1835 entschied der Staatsrat unter persönlichem Vorsitz des Zaren, daß die Anklage sich aus gänzlich unhaltbaren Grund aufbaute. Die Angeklagten wurden in Freiheit gesetzt. Grudinski wurde wegen falscher Zeugenaussage zur Militärstrafkolome verurteilt. Der ganze Hergang wurde m einer Megillath Sabbathai erzählt, welche die Nachkommen der Verleumdeten aufbewahren. (S. Dubnow hat sie seinerzeit in Luach Achiasaph veröffentlicht. In deutscher Sprache wurde sie tm Jahre 1906 in „Ost und West" Heft 10/11 äbgedruckt.) Am 20. Adar 1616 wurde in Frankfurt a. M. das Purim Winz eingefetzt, zur Erinnerung daran, daß an diefem Tage die Juden dieser Stadt wie im Triumphe mit Paukenschlag und Hörnerschall von den Kommissarren Kurmainzens und Darmstadts in ihre Wohnungen wieder eingeführt wurden — nachdem sie am 22. August 1614 auf Betreiben des Lebkuchenbäckers Vinzenz Fettmrich, des „neuen Hamans der Juden" gegen den Willen der Stadt- und der Landesregierung ausgetrieven worden waren. Das älteste und bekannteste Purim dieser Art dürfte vielleicht das Purim Narbonne von 1236 sein, zur Erinnerung an die Abwehr eines Uebetfalles auf die dortige jüdische Gemeinde, hervorgerusen durch eine Schlägerei zwischen einem Juden und einem Christen auf dem Fleischmarkt. ES ist indessen unwahrscheinlich, daß dieses Purim das erste seiner Art sein sollte. (Das Charakteristische der meisten dieser Purimfeste i't neben der betreffenden Megillah, daß ihnen stets ein F a st - tag vorausgeht, wie beim ursprünglichen Purim.) Es gab auch eure ganze Anzahl von Famrllen- Purimfesten, die nur von einzelnen Familien gefeiert wurden, zur Erinnerung an eine glückliche Erretttlng emeS ihrer Vorjahren aus einer Gefahr eingesetzt: Brände, Er», beben, Explosionen, räuberische Ueberfälle, Verleumdungen und dergleichen. Das berühmteste ist wohl das Purim des gefeierten Jomto Lrppmann Heller, welches er im Jahre 1644 für seine Nachkommen eingesetzt hat zur Erinnerung an die stürmischen Jahre seines Lebens, die aufhörten, als er zum Rabbiner von Krakau erwählt wurde. An diesem Tage sollten die Nachkommen das bekannte Schristchen Megillath Ebh a lesen, das die Geschichte seines Lebens enthält, nach vorhergehendem Fasten einen Festtag halten, Almosen geben und fröhlich fein. So ist Purim zu einem Typus der jüdischen Geschichte geworden. Das Memento der jüdischen Ethik Eine Purimbetrachtung am Sabbat Sochaur. Von Rabbiner Dr. Davin Schönberger, Aachen. Die Sage ist nie historisch zu werten, d. h. das, was sie uns zu sagen hat, spricht weniger von der Wahrheit der Aufeinanderfolge der Ereignisse, als vielmehr von der inneren Wahrheit der zeitlich noch so weit auseinanderliegendeu Zusammenhänge des geschichtlichen Geschehens. Mit dieser Einsicht in die „innere Form der Geschichte" (wie Oswald Spengler es nennen würde) waren die Weisen des Judentums begabt, die dem Sabbat vor Purim die Paraschah „Sochaur" zudiktierten, ein kurzes Kapitel aus „Ki Theze", welches fordert: „Gedenke dessen, was Dir Amalek getan hat auf dem Wege, da Du auszogest aus Aegypten!" — Die Sage nennt Haman, den Judenhasser, einen Abkömmling jenes Amalek, das hinterlistig einst Israel auf dem Wege zum Sinai überfallen hatte. Man kann eigentlich dieses stolze, unversöhnliche Wort des Hasses gar nicht so recht mit dem sonst so versönlichen Geist des Judentums in Einklang bringen — — „Lösche ans das Andenken Amaleks — — Vergiß es nie!" — Man wird diese Forderung mißverstehen und dem Purimgedanken nicht gerecht werden, wenn man nicht das andere Memento unseres Thoraabschnittes auch hier jenem „Gedenke" unversöhnlicher Feindschaft voranstellt —: „Gedenke, daß Tu Knecht gewesen im Lande Aegypten!" — Ein Wort tiefster menschlicher Demut, so will es uns scheinen, und ein Wort höchsten, menschlichen, unversöhnlichen Stolzes stehen einander hier gegenüber, Gegenpole, um deren Achsen sich in Wirklichkeit der Kreis jüdisch-ethischen Wollens vollendet. „Denke daran, daß Du Knecht warst in Aegypten!" — Wo finden wir die Menschen, die sich willig der Zeit ihrer Schmach erinnerten, wo in der Geschichte noch ein Volk, das gleich Israel in Demut seiner Erniedrigung gedenkt? Die Gedenktage der Völker sprechen von Sieg und Ruhm, ja, selbst wo sie Gedenktafeln der Gefallenen aufrichten, wollen sie Tapferkeit und Heldentum ehrm, nicht aber Denkmäler des Leides und der Vernichtung sollen es sein. Warum indes ruft die Thora uns Juden zum Gedenken unserer Knechtschaft auf, da sie uns die ehernen Worte des Sittengesetzes einhämmern will, warum begeistert und entflammt sie uns nicht durch den Ruf: „Gedenket Eures Sieges!! —?" Da wir vernehmen dieses dunkle Wort unseres Geknechtetseins, steigen herauf aus der Vergangenheit die Bilder des Leides und der Erniedrigung. Wahrlich nicht nur Aegypten taucht vor unserer Erinnerung auf, nicht nur die geschwungenen Knuten der Fronvögte! Herauf steigen aus der Versenkung die Schatten erschlagener Märtyrer, aus dem Abgrund menschlicher Unduldsamkeit und Grausamkeit hebt sich Haman, der um das Schicksal Israels Losspielende, wir erschauen den Wahnwitz des Mittelalters, den gelben Fleck der Schmach auf jüdisches Gewand heftend, bis sich unser Blick schließlich, bestürzt und beschämt ob so viel Geistes- und Gefühlsarmut, unserer Zeit zuwendet und errötend der Schmach unseres Jahrhunderts dem Rassenhaß und Wirtschaftsantisemitismus ins seelenlose Antlitz blickt. Ungerechtigkeit und Haß überall gegen unS bis in unsere Tage! Immer wieder scheint Eddom, der Inbegriff aller Peiniger des Judentums, zu siegen. Merkwürdig genug, wir, die wir den „Gott der Rache anbeten", finden doch im selben Abschnitt der Schrift: „Verabscheue nicht den Edomiter, denn er ist dein Bruder! Verabscheue nicht den Aegypter, Fremdling warst du in seinem Lande!" Bei dieser Einstellung darf es uns klar werden, warum Israel nicht verbittert wurde in seinem Leide, warum sein Haß im Laufe der Jahrhunderte nicht wild und mächtig auftoderte gegen den Haß der Völker. Sie gedachten, daß sie Knechte gewesen waren, fte wußten um das Leid der Gehaßten, um den Schmerz des Unterdrücktseins. Israel kannte die Träne der Einsamkeit, die Bitternis des Nichtverstandenwerbens und d:e Sehnsucht nach Freiheit, Recht und Gemeinsamkeit. Aus dieser Erkenntnis wuchs uns die sittliche Forderung! Ethik war hier nicht Philosophie, nicht kälte Gesetzlichkeit, sondern fte war das Erlebnis der befreiten Seele, die über Niedrigkeit und Niedertracht zur Höhe göttlichen Sollens sich erhob. Das war der Sinn unserer Geschichte, das heilige Memento - - Sochaur — alles Erduldeten. Freiheit von Aegypten wurde zu Freiheit von Haß, wurde mildes Verstchen der eigenen Bedrückung, wurde Aufgabe den Völkern Führersackel zu werden! Wie aber sollen wir nun dieses andere „Sochaur, Gedenke «"verstehen: „Gedenke Amaleks, was es dir getan hat aus dem Wege von Aegypten, wie es dir begegnet aus dem Wege und deine Nachzügler erschlug, da dp matt und müde warst, und wie es Gott nicht fürchtete!" Wie sollen wir jene wildmächtige Forderung verstehen — — „Auslöschen follp, du das Andenken Amaleks unter dem Himmel!" Es könnte scheinen, als ob diese Forderung ein Schrei der Rache sei, der das milde Licht des Wortes: „Gedenke demer Knechtschaft", verdunkele und einhülle im Wolkenschaiten seiner Furchtbarkeit. In Wahrheit aber beseelt auch dieses Memento derselbe lichte Geist biblischen Denkens, der nicht Haß mit Haß vergilt (so sehr kann sich die Bibel nicht widersprechen) und wir haben nur emzudringen tn seines Wesens Xtefe, um den anderen lauteren Quell jüdischer Ethik zu finden.

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