Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 12 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IMhÄemleZrilmg Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. \ Bezugspreis durch Die Geschäftsstelle '/ijährllch HL 2.50 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung L Inland 0.25 Jftc die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrage enthalten. Verautwortl. Redakteur: Bruno Voyda. Die jüdisch-liberale Zeitung" erscheint jeden Freitag. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 48, Wilhelmstr. 14X Fernruf: Bergmann 3358, 3359 Postscheckkonto: Berlin 7t JB 7, 137069 (Bereinigung für das liberale Judentum) achdruck sämtlicher Original-Beiträge uur mit vorheriger Genehmigung der _Redaktion gestattet. Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Ronparaillezeile 0.45 Goldmark, die Reklamezetle 3.00 Goidmark. bei Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: „Jüdisch - liberale Zeitung- Inseratenabteilung: Berlin SW 48, Wilhelmslrahe 147 (Bergmann: 3358-59), sowie sämtL Auuonc«n-<LWeditiou. 3fr. 12 Berlin. 22. März 1929 9. Jahrgang Das ewige Mim Von B i n i a m i n S e a e l. Kein Buch der Bibel ist so vielen und so scharfen Angriffen einer unfreundlichen Kritik ausgesetzt gewesen, wie das Buch Esther, das die Entstehungsgeschichte des Purim- Festes erzählt. Man hat die Moral des kleinen Buches getadelt und chm vorgeworsen, daß es Haß und Rachsucht predige, man hat seine Personen, namentlich Mordechai und Esther im unvorteilhaftesten Lichte geschildert, schließlich hat man sie alle des Daseins beraubt, hat dem Buch die „historische Wahrheit" abgesprochen und die ganze Erzählung ins Reich der Fabel verwiesen. Von jüdischer Seite stellte man mit Erstaunen fest, daß in dem ganzen Buche der Name Gottes nicht ein einziges Mal vorkommt. Sogar mancher Jude ist unangenchm überrascht, wenn er dies wahrnimmt. Nöldeke hat ausgerechnet, daß das Wort „Mischthe" (Trinkgelage) im Esther-Buch nicht weniger als zwanzigmal vorkommt, genau soviele Male wie in allen anderen Büchern der Bibel zusammen genommen. $ u n § konstatiert nidjt ohne Bitterkeit, daß das Wort „König" darin 187 mal, „Königreich" 26 mal, aber Gott nicht ein einziges Mal genannt wird. Man hat auch für die „Schlemmerei und Völlerei", der sich die Juden am Purim angeblich zu ergeben pflegen, das Buch Esther verantwortlich gemacht, hat aber vergessen, einen Blick auf den Karneval zu werfen, der um dieselbe Zeit stattzufinden pflegt und an dem auf diesen Gebieten ganz andere Tinge geleistet werden, Dinge, wie sie die Juden in ihrer ausschweifendsten Phantasie nicht geträumt haben. Im Mittelalter erregte das Fchlen des Gottesnamens im Escher-Buch das Bedenken der Kommentatoren, welche das zu erklären suchten. Am nächsten kommt der Wahrheit der berühmte spanische Prediger aus dem 15. Jahrhundert Isaak Arama, Verfasser des bekannten Akedat Jzchak, der annimmt, das Buch wäre auf Bitten Esthers von den Männern der Großen Versammlung aus dem Persischen ins Hebräische übersetzt worden. Ter Stil des Buches unterscheidet sich bekanntlich in der Färbung und im Ton von allen anderen Prosabüchern der Bibel. Uns Heutigen, die wir eine große Anzahl klassischer hebräischer Prosaübersetzungen aus arischen Sprachen besitzen, drängt sich dieser Gedanke von selber auf. Viel getadelt (weil gänzlich mißverstanden) wurde es, oaß Esther au, Mordechais Geheiß ihre Abstammung verbirgt. Man deutete diesen Zug als Ausdruck der Gesinnung derer, die sich in unserer Zeit „nicht zu erkennen geben", weil ihnen das zur Karriere nützt oder den Verkehr in nichtjüdischer Gesellschaft erleichtert. An der Gestalt der Esther fanden die geisies-arist okratischen Kreise, die an ein heroisches Empfinden gewohnt waren, kein sonderliches Gefallen. Erstens war das Errettetwcrden durch höfische Frauenprotektion anstatt durch Kampf im Namen Gottes nicht nach ihrem Geschmacke. Man mißbilligte cs ferner,d aß sie die Gattin eines Nichtjuden, wenn auch eines Königs wurde und ersann ein Wunder, um diesen Schritt zu rechtfertigen. Von der Gestalt der E ft e r k a, die als Geliebte des Königs Kasimir der Großen von Polen im 14. Jahrhundert ihrem Volke eine Beschützerin geworden fein soll, haben sich ja nur bei den Polen, nicht aber bei den, Juden Erinnerungen erhalten. Dagegen hat die schöne verheiratete Gräfin Walewska Napoleon I. sich aufgedrängt und hingegeben, in der patriotischen Hoffnung, daß er ihr zum Lohne dafür Polen wiederherstellen werde... * Doch unbarmherziger als alle die bisher genannten Kritiker verfuhren, wie bereits oben erwähnt, manche Vertreter der modernen protestantischen Bibelwissenschaft mit sein Esther- Bucy, die die „historische Wahrheit" des Esther-Buches in Abrede stellten und die ganze Erzählung in das Reich der puren Dichtung verwiesen. Als wären sie dabei gestanden, schworen diese Gelehrten Stein und Bein, daß weder Haman, noch Mordechai, weder Esther noch Waschihi se existiert haben. Das kleine Buch hat >ür alle diese Verunglimpfungen Revanche genommen, rüdem es anstatt der ihm von der Prosessorenweisheit abgesprochenen historischen Wahrheit eme höhere, man möchte sagen eine welthistorische, eine psychologische Wahrheit bewährte. Die Gelehrten verwechselten nämlich Wahrheit mit Wirklichkeit. Wenn man Kindern eine Geschichte erzählt, fragen fte immer: ist das auch wirklich wahr? Sie möchten nämlich wissen, ob Hansel und Gretel, Rotkäppchen, Aschenbrödel, die 'Menschenfresser, Rumpelstilzchen und Rapunzel irgendwo wirklich zu sehen, zu greisen, und zu haschen wären. Die Kinder können natürlich nicht ahnen, daß eine erdichtete Geschichte, die sich nie zugetragen hat, tausendmal wahrer sein kann, als ein Ereignis, das wirklich stattgesunden, sogar mehrere Male ftattgefunden hat und dennoch tief unter der Mehrheit steht, nämlich kein Element des ursächlich zusammenhängenden Weltgeschehens spiegelt, sondern nur eine zufällige Aufeinanderfolge sinnloser, unbedeutender Vorkommnisse, zusammenhangloser Fragmente aus dem Kaleidoskop des Völkerlebens. Manches Grimm'sche Märchen schließt in sich, obwohl es nee wirtlich gewesen, tausendmal mehr Wahrheit, als manches Jahrhundert russischer Geschichte voll derber, schreiender Tatsachen, die aber doch nur ein wüstes Durcheinander sinnlos-roher Missetaten von oben und von unten darstellen. Die moderne Psychologie hat uns aber gelehrt, daß die menschliche Phantasie Nie etwas völlig aus dem Nichts schafft. Keine Hervorbnngung des Mythos, der Sage, oes Märchens oder der Erzählung, zu der nicht der Keim in der Natur oder dem Leben vorhanden wäre! Ist es nun durchaus verfehlt und un- Hilfsfonds des liberalen Judentums Auf Grund unseres in voriger Woche veröffentlichten ,,Aufrufs“ sind uns von unsern Freunden und Mitgliedern vielfache Spenden zugegangen. Wir danken an dieser Stelle allen Helfern und werden ihre Namen von nächster Woche an fortlaufend veröffentlichen. Alle diejenigen, die ihren Sonderbeitrag zum „Hilfsfonds“ noch nicht geleistet haben, werden gebeten, sogleich M. 10.— auf das Postscheckkonto der „Vereinigung für das liberale Judentum e. V.“? Berlin Nr. 137069 zu überweisen. Jeder Einzelne muß durch einen Beitrag zeigen, daß er mitbauen will an dem Werk, welches wir für unsere Kinder und Kindeskinderschaffen. Darum gebt alle, der Vermögende mehr, der andere weniger, und — gebt schnell! W8iWMzMmIelckiitWk.il. psychologisch, zu meinen, daß der Verfasser des Esther-Buches sich seine Erzählung aus dem Finger gesogen hat, daß sie von keinem wirklichen Ereigilis angeregt wurde, so hat die Geschichte des jüdischen Volkes seit Purun nur bewiesen, eaß> die Purimgeschichte mehr als erne historische, weil eine ewrg§ Wahrheit enthält, die sich immer wieder von neuem wiederholt. Die jüdische Geschichte verzeichnet eine stattliche Anzahl von Fällen, die eine so frappante Aehnlichkeit mit dem Purim- Ereignisse ausweiscn, daß diejenigen, die sie erlebt, jeweils einen Gedenktag für „ewige Zeiten" eingesetzt haben und ihn ebenfalls „Punm" nannten. Ich habe bisher ihrer 30 festgestellt, aber es dürfte wohl mehrere Dutzend davon gegeben haben. Allem man wurde wegen der großen Zahl es müde, inrmer von neuem ein Purim einzusetzen. Unwillkürlich wird man dabei an ein Wort aus unserer Zeit erinnert. Alexan - der Zederbaum, der berühmte hebräische Publizist und Begründer der „Ha Meliz" in Petersburg, stand bei Pobjedonoszow in hoher Gunst und hat mehr als ein Verhängnis, das der allmächtige Prokuror des heiligen Synods plante, von den Köpfen der Juden abgewendet. Einmal fragte ihn Pobjedonoszow halb im Scherz: „Was sagen die Juden dazu, daß ich sie seit Jahren so unbarmherzig verfolge und ihnen keine Ruhe gönne?" — „Das möchte ich Ew. Heiligkeit sagen, wenn ich nicht fürchtete. Sie zu beleidigen." — „Sprich nur frei, ich werde nicht böse sein." —■ „Nun, die Juden sagen: „Buchet prazdnik" (Es wird ein Fest geben)." — „Was für ein Fest, da ich sie ausrotte, vertreibe und aushungere?" — „Die Juden sagen, oas war immer so. Zuerst kam Pharao und wollte sie ausrotten, jetzt haben wir Pessach, dann kam Antiochus und wollte sie ausrotten, jetzt haben wir Chanukka. Dann kam Haman und wollte, re ausrotten. Jetzt haben wir Purim. Es kamen danii noch viele, die uns ausrotten wollten — aber man kann ja am Ende nicht alle Tage Feste feiern." Es wird nicht überliefert, was Pobjedonoszow geantwortet. * Die scharfe Beurteilung des kleinen Buches rührt daher, daß man es nicht in erster Reihe als ein Literaturwerk beutteitte und darum es nicht als das nahm, als was es sich gibt, sondern daran mit MaUtäben herantrat, die ganz anders Warteten Büchern der Bibel entnommen waren. Das Buch iritt nicht mit dem Anspruch auf, beglaubigte politische Geschichte zu erzählen, sein Verfasser gibt sich auch flicht als Prophet oder Psalmist. Das Estherbuch will lediglich eine F e st l e g e n d e sein, es erzählt eine im Volke überlieferte Sage, wie das Puri'msest entstanden ist. Als das Estherbuch in Persien endgültig niedcrgeschrieben wurde, bestand das Punmfest schon lange. Es ist von Susa, der Hauptstadt Persiens, in der Form eines Brieses nach Jerusalem geschickt worden und will für die Einführung des in den jüdischen Gemeinden des Ostens längst gefeierten Festes werben. Nun war Purim zur Zeit des Josephus, nämlich in den letzten Tagen Jerusalems schon überall unter den Juden bekannt, aber erwähnt wird es erst im zweiten Makkabäer-Buche, also ungefähr hundert Jahre vor der üblichen Zeitrechnung. Doch die darin erzählte Begebenheit spielt unter dem Perserkönig Xerxes 1., der von 486 bis 465 regierte, dessen Namen babylonisch Achschiwarschu, bei den Juden aber Achaschwcrosch lautete. Es waren also inzwischen mehr als drei Jahrhunderte verstrichen. Wir können natürlich nicht feststellcn, wann die Erzählung in die jetzige Form gebracht wurde. Aber wir können es verstehen, daß die Judengemeinden in Persien gerade in der Zeit der Bedrückung Palästinas durch die syrischen Griechen das Bedürfnis verspürten, ihren fernen Brüdern in der Heimat Kunde zu geben von einer alten Ueberlieferuug, die unter ihnen lebte, wonach sie einmal auf wunderbare Weise aus der Hand eines gefährlichen Todfeindes errettet wurden, ein Ereignis, von dem ein alljährlich gefeiertes, fröhliches Fest seinen Ursprung nahm. Das Buch E st h e r ist eigentlich die Geschichte e i n e s vereitelten Pogroms, es ist die e r st e Pogrom-Geschichte, und will als solche beurteilt werden. Ter Verfasser hat offenbar im Volke umgehende, vielleicht zum Teil bereits schriftlich fixierte Sagen mit historischem Hintergrund kunstvoll und geschickt verarbeitet und aus der persischen Umgangssprache in ein etwas präziöses literarisches Hebräisch übertragen, gleichwie dies in unserer Epoche so häufig geschieht. Nicht Geschichte wollte er bieten, sondern volkstümliche Ueberlieferung -wie sie im Munde der breiten Massen lebte. Dem Verfasser eignete nicht nur eine große schriftstellerische Begabung, sondern bedeutendes künstlerisches Talent und feines psychologisches Verständnis. Tie göttliche Führung der Tinge setzt er stillschweigend als selbstverständlich voraus, aber es ist nicht seine Sache, fortwährend Gott im Munde zu führen. Er bemüht sich, das Kolorit der Zeit und des Ottes treu wiederzugeben, und die modernen Forscher, auch solche, die chn ablehnen, haben anerkannt, daß er die Sitten und Bräuche des persischen Hofes und seine Oertlichkeiten vollkommen zutreffend schildert — offenbar aus eigener Anschauung. Daß die Geschichte rn den Annalen des persischen Reiches nicht verzeichnet ist, braucht uns nicht wunder zu nehmen. Alle die schauerlichen russischen Progrome von 1881—83 uns 1905/06 wurden in ser offiziellen russischen Reichsberichterstattung ja auch nur höchstens mit ein paar Worten rn einem Nebensatz abgetan. Wäre reicht die Presse, insbesondere dre ausländische, so manche grausige Jndenmcheler wäre ohne Sang und Klang verschollen. Dabei ist der Hamansche Pogrom rechtzeitig vereitelt worden.... Austilgung ganzer Bevölkerungen kamen im Perserreich vor, das erzählt unsHerodot. Ein solcher Plan muß nrcht gleich der ganzen Jusenschaft des persischen Reiches gegolten haben. Er mag nur einer der 127 Provinzen zugedacht gewesen sein und die Volkssage vergrößerte die Dimensionen ins ungeheuerliche. Gerade sind es 30 Jahre her, daß wir etwas ähnliches erlebten. Jur Juni 1898 brach in einer der größten westgalizischen Städte, zur Ueberraschung uns zum Entsetzen aller aus oöckig heiterem Hrmmel ein Pogrom los. Pater Stojalowski, eru exkommunizierter Priester, der gegen den Episkopat und dre Landesregierung Krieg führte, wühlte die Bauernschaft auf, wobei, ihm dre Wiener liberale Presse wacker bcistanch denn dre Wiener Liberalen lagen gerade in Fehde mit Öem reichsrötlichen Polenklub, der Galizien im österreichischen Zentralparlament repräsentierte und sie waren froh, im Lande Verwrrrurrg zu stiften und seiner Regierung Verlegenheiten bereiten zu können. In Galizien wußte jeder Einsichtige, daß am Enoe die Juden die Ersten sein würden, die das Bad ausschütten, — wenn die Wühlerei einen genügend hohen Grad erreicht hat, um sich ein Ventil zu suchen. Das wußjte man, aber man glaubte es nicht. Keiner konnte sich einen Pogrom in Galizien ausmalen. Aber eines schönen Samstagmorgens zeigten sich in mehreren Dörfern der Umgegend riesenhafte Plakate, die in ungelenker Schrift verkündeten, daß der Kaiser besohlen habe, das Volk' solle am nächsten Sonntag mit den Juden in den Städten „ansangen", da der Tag der großen Abrechnung gekommen sei. Richtig zogen am nächsten Morgen, kaum daß es tagte, Scharen vov Bauern mit ihren Fuhren zur Stadt. Im Nu begann die Plünderung. Bald erschien Militär und forderte die Bauern auf, abzuzrehen. Nach der dritten vergeblichen Mahnung gaben dre Soldaten Feuer und dreizehn Bauern fielen bei der ersten Salve. Panik und Erbitterung bemächtigte sich der Plünderer. Es war der Moment höchster Gefahr. Da machte der jüdische Bürgermeister der Stadt durch eine mutige und kluge Rede der Sache ein rasches Ende. In wenigen Stunden