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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-03-15 · 11 (15.3.1929) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
11 (15.3.1929)
Date
1929-03-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Um dieses unerquickliche Thema abzuschließen: Erst vor wenigen Tagen nach Erscheinen meiner Kritik also sind Brandbriefe aus Repzin eingetroffen: Schwere Exzesse! Schlimme Prügeleien. Völliges Versagen des Anstaltsleiters. .Herrn Tr. Neumann ist das bekannt, er hat die harten Worte de§ Fürsorgberziehungs-Kuratoriums über Repzin gehört, er war bei der Sitzung anwesend, in der die fristlose Entlassung des Anstaltsleiters und die Entsendung eines Vertrauensmannes verfügt wurde. — Habe ich also so sehr übertrieben in meiner Rezension? Aber das Thema meiner Rezension war das gar nicht. Mir kam es nicht auf Einzelheiten an — ob die Suppe wässerig ist, oder Fettaugen hat, ob Prügel „grundsätzlich" verboten und nur faktisch an der Tagesordnung sind, unter welchen Umständen eine Scheune angesteckt oder eine Revolte versucht wurde. Mir brannte es in der Seele, daß wir uns einmal von Direktor Knaul und von Frau Stadtrat Wehl — also der Stadt Berlin — haben sagen lassen müssen: ein großer Teil der Anstalten taugt nichts, aber die jüdis ch e Anstalt in Repzin ist die allerschlechteste. Das gehört in den „Ausschuß", aber nicht in die Oefsentlichkeit? Nun, meinen moralischen Anschauungen entspricht das nicht. Gar nicht. „Stille Arbeiten", ich finde, der T.J.G.B. — d. i. Herr Tr. Neumann — hat schon viel zu still gearbeitet bisher. Tie Ausschußdebatten hatte ich wirklich satt. Meine Absicht war es auch nicht, akademisch über Erziehungsfragen zu verhandeln. Ich wollte nicht mehr bloß den Mund spitzen, sondern endlich mal pfeifen. Und zwar schrill. Ich glaube, man hat's gehört. Ist doch sogar mein guter alter Freund Wilhelm Ncumann in einige Aufregung geraten. Und damit Sie mich rrun nicht zum zweiten Male so mißverstehen, mein lieber Tr. Neumann, will ich Ihnen in einem Gleichnis erklären, was ich meine. Hebbel sagt einmal: von der Linie der Schönheit weicht man nur tausend Meilen ab. Und mit der Moral ist es genau so: kleine Mißstände gibt es nicht. Sondern, so lange nicht alles in Ordnung ist, ist es immer tausend Meilen von der Schönheit entfernt. Aber da wir Menschen mit all unseren Bestrebungen wohl nie die Vollkommenheit erreichen werden, so wollen wir uns doch sachliche Kritiken nicht persönlich übelnehmen, sondern froh sein, wenn wir einen Rezensenten finden und manchmal einen Dichter, der uns aufrüttelt. Eugen C a s p a r y. Sprechsaal * :: Für diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die preßoelektiche Verammortuna. Religion und Leben -3<f) weiß nicht, ob Sie, sehr geehrte Redaktion, meine Zeilen gern veröffentlichen werden. Denn ich bin nur ein Laie und obendrein ein junger Mensch. Und es mag vielleicht an diesen beiden Dingen liegen, daß ich die sckhr., schönen Worte des Herrn Dr. Jelski zu Ihrem hochaktuellen Thema nicht zu verstehen vermag. Ich frage nur Herrn Dr. Jelski: Warum haben Sic Ihre These „Indem ich religiös bin, bin ich zunächst völlig hcrausgestcllt aus dem Leben" nichts in den grauenhaften Jahren 1914—1918 dem Judentum,. und besonders seinen offiziellen Führern und Vertretern, zum unbedingten Leitmotiv gegeben? Warum wurde damals die Religion in den unsinnigen Dienst eines entschlichen „Lebens" bedenkenlos gestellt? War um — und ich gla ube, daß das die Kernfrage über» Haupt ist -- sind nur dann die berufenen Führer des heut i g e n I u d e nt u m s gegen die rücksichtslose Verwirklichung der Religion im Leben, wenn mau sich gegen die ethische V e r s ch l a m p t h e i t, gegen die Himmel schreiendeUngerechtigkeit der heuligenent» g o t l e t e u und e n t g e i st e t e n Gesellschaftsordnung a u f l e h u t? Als die . Fürsten mit ihren wahnwitzigen Eutschäöigungssorderungcn an ein ausgepowertes Volk herantraten, da begehrte dieses Volk auf, und — jüdische geistliche Führer wagten es, die Ansprüche der^ entthronten Herrscher gutzuheißen, indem sie entweder den Volksentscheid sabotierten, oder, was noch schlimmer war - schwiegen! Als man vorher durch Krieg und Inflation die breite Masse „cntcignete", da erhob sich keine religiöse Stimme. L-oll man die Fragen: Panzerkreuzer, Kinderspcisnng, Wehretat, Wohnungsclend usw. immer wieder denen cntgegenrufen, die sich in Schweigen hüllen, wo sie eigentlich ebenso laut schreien sollten, föif fic es von den Kriegskanzeln herab getan hatten? Eine Religion, die nicht den Willen und die Kraft hat, die Dinge des Lebens zu formen, wird zugrunde gehen. Die jungen Menschen werden in gemeinsamer religiöser Front für die Verwirklichung Gottes auf Erden kämpfen. Denn nur für _ das Judentum, das uns zur Tat, zum Opfer und — wenn es sein muß — zum Leide um Gott führt, und das uns aus der elenden Kompromisse lei der Gegenwart reißt, werden wir einstehen. Hier muß sich und wird sich auch die jüdische Jugend endlech zu dem Bekenntnis emporringen, das die Jugend der christlichen Gemeinschaften schon längst zum Leitsatz ihres Wollcns und Handelns gemacht haben. I. Raphael, Beckum i. W- (Mit der Veröffentlichung dieser Zuschrift schließen wir die interessante Diskussion, die durch den in Nr. 7 veröffentlichten Artikel des Herrn Dr. Jelski veranlaßt wurde. Wir werden in der nächsten Woche noch ein Schlußartikel des Herrn Dr. Jelski zum Abdruck bringen. Tie Red.) Am den Einstein-Wald i Berlin, 10. März 1929 NW 87, Altonaer Straße 14. Hochverehrter Herr Rosenthal! Als Sie Ihren Offenen Brief an mich richteten, konnten Sie nicht ahnen, daß ich bereits unaufgefordert zu den Ausführungen des Herrn Rabbiner Dr. Jacob Stellung genommen hatte. Der Kern meiner Einwendungen ist der, daß auch, bevor der Kcrcn Hajessod Sammlungen veranstaltete, unsere Hochschule und andere jüdischkulturelle Einrichtungen nicht gerade durch die Freigebigkeit unserer Glaubensgenossen verwöhnt wurden, daß wir stets nur durch eine mühsame und aufreibende Propaganda unfern Bedarf notdürftig decken konnten, und daß es auch heute noch zahlreiche vermögende Glaubensgenossen gibt, die jeden Beitrag für Palästina weit von Nch weisen, aber trotzdem für jüdisch-kulturelle Institute in Deutschland nichts übrig habe. So geht .es nicht nur uns, sondern, wre Sie wissen, zahlreichen anderen großen oder alten Institutionen ' ich möchte hier nur den Hilfsvcrein für jüdische Studierende nennen, Jahrwii schwer zu kämpfen hat. Das Problem ist eben n.lchk mit der Antithese Deutschland-Ausland gelöst, sondern es handelt sich um den Gegensatz zwischen Gleichgültigkeit und Interesse, zwischen Freigebigkeit und Hartherzigkeit. Verbreiten Sie Ihre Zeitung Jeder Leser der Jüdisch-liberalen Zeitung müßte es als eine Ehrenpflicht empfinden, einen neuen Abonnenten zu werben. Beranlaffen Sie einen Ihrer Bekannten, die untenstehende Bestellung ausgefüüt im Briefumschlag als Drucksache an den Verlag der Jüdisch-liberalen Zeitung, Berlin SW 48, Wilhelmstraße 147, zn senden. Ich bestelle hiermit die Jüdisch-liberale Zeitung ab 1. Mürz 1929 bis auf Widerruf zum Bezugspreise in Höhe von Mark 2.50 pro Vierteljahr. Die Gebühren für ein Vierteljahr in Höhe von Mark 2.60 überweise ich auf das Postscheckkonto der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin 137069. bitte ich durch Nachnahme zu erheben. (Nichtgewünschtes bitte durchstreichen) Name des Bestellers:. Wohnung . Ort u. Datum .—. Bitte deutlich schreiben Dezember 1922 wurde ich in Cincinnati Oh. über die Briefe Berliner liberaler Organisationen gefragt, die damals von der Union of American Hebrew Congregations eine Beihiisc erbaten. Ich schilderte den dortigen Herren alle Schrecken der Inflation und schlug eine Beihilfe von 2000 Dollar vor, die verhindern sollte, daß die betreffenden Organisationen gezwungen würden, infolge der Geldnot ihre Tätigkeit einzusteltcn. Ich mußte meine Worte schriftlich geben, sic lvurdcn sogar gedruckt, aber der Antrag wurde vom Vorstand ab gelehnt, „tveil man nicht Geld nach dem Ausland schicken konnte". Wahrscheinlich haben die Herren vom Vorstand sich ihres Beschlusses hinterher geschämt, so daß sie nach der Sitzung unter sich eine Sammlung veranstalteten, die aber nur zwei Fünficl des von mir angeregten Betrages erbrachte. In Amerika hörte man damals nichts von Elend, viel von ethischem Universalismus, aber für die Not des „Auslands" tvaren die Kassen verschlossen. Sie ermahnen mich zu Sammlungen für die jüdische Not im Inland. Mit vollem Recht; denn man kann auf diesem Gebiete nicht genug tun. Mancherlei tue ich tvohl nach dieser Richtung; aber ich muß Ihnen gestehen, daß ich mit der Zeit mürbe werde, tveil ich zu häufig das Schicksal habe, als Dreizehnter zu Tische zu kommen. Das heißt, ivenn ich mich an wohlhabende Glaubensgenossen wende, so sind sic zumeist gerade immer in den Tagen vor Ankunft meiner Bitte furchtbar und über ihre Kräfte in Anspruch genommen worden. Mitunter klingt das so rührend, daß ich am liebsten aus meiner Tasche etwas für die bedauernswerten Opfer hergäbe, wenn ich nicht dann zufällig hörte, daß alle Ueberlastung idcn Ankauf kostbarer Lnxusgegenständc nicht ausschließt. In Berlin liegen die Dinge schlimmer als anderwärts, da der Zusammenhang mit der Gemeinde außerordentlich locker ist. Nicht „das Ausland" ist der Feind, sondern die Hartherzigkeit und die Selbstsucht unserer Reichen — und hier eröffnet sich für das liberale Judentum eine sehr verheißungsvolle Erziehungsarbeit. Was den Spezialfall Einstein anbctrisst, so pflegt man Geburtstagsgeschenke so auszusuchen, daß sie dem damit Beehrten eine Freude machen. Die Sammlung ist eine rein private Angelegenheit und, wer nicht zn ihr beitragen will, dem wird keinerlei Vorwurf gemacht. Aber Sie, verehrter Herr Rosenthal, werfen die Frage von Einsteins Weltanschauung auf, und da möchte ich mir eine Erinnerung erlauben. Als treuem Mitarbeiter des unvergeßlichen Sanitätsrats Bradt ist cs Ihnen sicher bekannt, daß die Akademie für die Wissenschaft des Judentums über die schwersten Jahre nur dadurch hinlocggekommen ist, daß sie Werbcbricfe ausschicken konnte, unter denen der Name Albert Einstein stand. Damals hat niemand gefragt, ob Einstein ein National- oder ein Rcligionsjude ist; damals hat sein Name uns Nutzen gebracht, heute wollen wir ihm zu Ehren ein Opfer bringen. Sie werden mir zugestehen, daß man manche Frage von verschiedenen Seiten her betrachten kann, und ich gebe mich der Hoffnung hin, daß wir in klarer Anssprache uns auch tveiterhin zu gemeinsamer fruchtbringender Arbeit finden werden. In ausgczeichnecer Hochachtung Ihr ganz ergebener I. Elbogen. II Sehr geehrter Herr Professor' Mein Brief hat eine außergewöhnliche große Anzahl von Zustimmungsurkunden gefunden, die alle daraus hinaus laufen, daß für den Einstein-Wald nichts gegeben werden dürste. Alle diese mir Zustimmenden möchte ich bitten, ihr Scherflein fiir deutsche Wohlfahrts- und wissenschaftliche Institutionen zu geben. Nun noch ein kurzes Wort zn ihrer Antwort. Es ist richtig, daß es schwer ist, für irgend einen Zweck Geld zu bekommen, aber das rührt doch wohl in der Hauptsache duhcr, daß man sich immer wieder an dieselben wenigen Leute wendet, die für alte Zwecke geben. Es gibt sicher große Kreise, die leider noch nicht erfaßt werden, von welchen aber Geld zu haben wäre, wenn man durch persönliche Bearbeitung, wie cs der Keren Hajcssod gemacht hat, die Leute mit der jüdischen Not bekannt macht. Die Erinnerung an meinen Freund Bradt beweist, wie recht ich habe, dieser Unvergeßliche und leider Unersetzliche hat es verstanden, für jüdische Wissenschaft doch ganz bedeutende Summen heranzuschaffen. Daß Bradt auch Einstein unter seinen Ausrufen hatte, beweist doch nichts gegen meine These, daß für Einstein als Juden nur Nationaljudcn zeichnen können. Für jüdische Wissenschaft treten auch Nationaljuden ein. Auch ich möchte zum Schluß meines Briefes der Hoffnung Ausdruck geben, daß es weiterhin in gemeinsamer Arbeit gelingen möge, deutsches Judentum und jüdische Wissenschaft auf der Höhe zu erhallen. Ich befürchte allerdings, daß sich diese Hoffnung nur erfüllen wird, wenn alle verantwortungsbewußten deutschen Juden in erster Reihe sich diesem Ziele widmen, wenn alle zumindest materielle Beihilfe für jüdische Zwecke außerhalb Deutschlands nur in der Höhe in Empfang nehmen, in dem sie für jüdische Zwecke in Deutschland gewährt wird In ergebenster Hochachtung Ihr Moritz Rosenthal. Sützkind von Trimberg Sehr geehrte Redaktion! Als langjährige Leserin Ihres Blattes möchte ich Sie auf einen kleinen Irrtum aufmerksam machen, der dem Verfasser der Abhandlung über Süßkind von Trimberg unterlaufen ist: Die Manessesche Liederhandschrift befindet sich nicht in Paris, sondern hier in Heidelberg, wo sie früher schon einmal war, und wohin sie im Jahre 1888, soviel ich weiß, auf Betreiben des damaligen Kaisev Friedrich wieder zurückgebracht wurde. Sie bildet einen kostbaren Schatz unserer Universitäts-Bibliothek. Hochachtend! Frau M. Rosenbusch. Aus den Gemeinden :: * Allvna. (Einbruch in eine Synagoge.) Bei dem Diebstahl in der Synagoge in der Adolfstraße wurden zwölf Gebetbücher gestohlen. Der Verlust ist für die Gemeinde bedeutend, während Außenstehende damit schwerlich etwas ansangen können, weil sie kein Mensch käuflich erwerben wird. Es wird vermutet, daß es sich um einen Jugendstreich handelt. Berlin. (Moderne jüdische Musi k.) In der „Gesellschaft zur Förderung des jüdischen Musikwesens in Palästina" hielt am Dienstag, den 5. März d. I., Herr Pros. Adolf Weißmann einen Vortrag über: Moderne jüdische Musik. Der Inhalt des Vortrages, in. der Anlage großzügig und übersichtlich gestaltet, entsprach nicht ganz der Ankündigung. Der Vortragende beschäftigte sich im Verlause des Abends mehr mit den jüdischen K o m p o n i - st e n als mit der jüdischen Musik selbst. Das ging schon aus der skeptischen Betrachtung am Anfang seines Vortrages hervor, wo er die Frage aufwars, ob cs eine moderne jüdische Musik überhaupt gebe. Ter Zwiespalt im jüdischen Komponisten, hervorgcrufcn cinerseils durch die Beteiligung der Juden an der Kultur des Landes und Volkes ihres Wohnsitzes und die Beeinflussung durch ihre Umgebung, andererseits das Vorhandensein und die Auswirkung gewisser Merkmale ihrer Rasse, bringe sie nicht zu einer einheitlichen Synthese, sei iin Gegenteil häusig Ursache tragischer Konflikte. So habe sich beispielsiveise gerade in Deutschland der Zusammenstoß mach dem Verlassen des Ghettos am Anfang des 19. Jahrhunderts am stärksten fühlbar gemacht, gleichwohl sei hier noch die furchtbarste Synthese erwachsen. Die modernen jüdischen Komponisten teilte der Redner in drei Klassen, und zivar 1. in solche, die Musik machten, ohne jüdisches Volkstum aus strahlen zu wollen. Zu ihr zählt er Mendelssohn, Meyerbcer, Offenbach, Mahler, Korngold und Arnold Schönberg, von denen er behauptet, daß sie unbeschadet rein äußerlicher -Merkmale, die aus ihrer jüdischen Abstammung herzuleiten sind, im Rahmen des allgemeinen musikalischen Entwicklungsprozesses geblieben sind. Zur andern Gruppe, die sich die Betonung jüoischer Art besonders habe angelegen sein lassen dadurch, daß sic ihre rczitativischen Themen aus dem traditionell Jüdischen herhole und bewußt das Jüdische hervorkehre, wenn auch sie in der Form sich durchaus westlich gerichtet zeige, rechnet er Bloch, Milhaud und E. W. Sternberg. Die dritte Gruppe, in diesem Rahmen die wichtigste, wäre vertreten durch die Russen Michael Milner, Rosowski und Alexander Krcin. Besonders bei Milner trete die Betonung des speziell Jüdischen stark in den Vordergrund. Obwohl das Vorhandensein des chassidischcn Volksliedes nicht bestritten werden könne, >väre ein wirkliches typisch jüdisches Volkslied, das die Grundlage für den Ausbau -einer national-jüdischen Musik bilden könnte, nicht vorhanden. Auch die dritte Gruppe wurzle deshalb nicht so sehr im jüdischen Volkstum als in der Nachzeichnung und Verwertung des Bestehenden. Was die synagogale Musik anbelangt, wie sie Lelvan dowski und Sulzcr geschrieben haben, sei zu sagen, daß auch sie nicht ganz rein geblieben sei und vielfache Beeinflussung erfahren habe. Eine wahrhaft große Gruppe, die einer Bedeutung Bachs oder Beethovens auch nur nahe käme, sei bisher nicht aufgetreten. Es sei deshalb zu bezweifeln, ob die jüdische Gemeinschaft jetzt schon zur Schaffung einer national-jüdischen Musik reif sei, oder ob eine solche zu dieser vorgerückten Zeit, wo die rein nationale Musik allgemein überwunden sei, überhaupt noch geschaffen werden könne. Der Vortragende schloß mit dem Wunsch, daß auch die jüdischen Musiker innerhalb der europäischen Musik großen Stils weiterhin Mitarbeiten möchten. Tie zur Illustration des Themas gebrachten Vorträge der Herren Iso Gotland von der Slaatsoper Berlin, Karol Sczreter (Klavier), Max Rostal (Violine), die Stücke von Milner, Ravel (der kein Jude sein soll), Krcin, Lewin und Bloch zu Gehör brachten, wurden gleichfalls beifällig ausgenommen. Berlin. (Ernst Oppler gestorben.) Der hervorragende Berliner Maler und Graphiker Ernst Oppler, der im Alter von 61 Jahren in Berlin verstorben ist, wurde im Wilmersdorfer Krematorium bcigesetzt. Für die Berliner Sezession, in deren Vorstand sich Oppler erfolgreich betätigt hatte, widmete Leo v. König dem Dahingeschiedenen einen tief empfundenen Nachruf. Unter den Trauergästen befanden sich neben dem Bruder Ernst Opplers, dem Bildhauer und Zeichner Alexander Oppler, zahlreiche Künstler und Kunstsammler. Ernst Oppler ist längst einer der Lieblinge der Graphiksammler. In Berliner Künstlerkrcisen besteht der Wunsch, daß die Berliner Sezession in einer Oppler-Ausstellung einen Ueberblick über das Lebenswerk des ausgezeichneten Malers und Graphikers geben solle. Ernst Oppler, der zu den angesehensten Malern der Berliner Gesellschaft gehörte, wurde 1867 in Hannover als Sohn des bekannten Architekten und Synagogcnbaucrs Edwin Oppler geboren. Langjährige Studienreisen führten ihn von der Münchener Akademie nach England und Holland. Bor 25 Jahren kam er nach Berlin. . Als Oppler während des Krieges im Gefolge der deutschen Südarmce die Leiden der Juden des Ostens kennen lernte, schuf er viele Graphiken, in denen der Jude Oppler, der sich von Jugend an stolz als solcher bekannte, Zeugnis ablegte von der innigen Verbundenheit mit seinen jüdischen Brüdern. Eines der schönsten und stimmungsvollsten Blätter zeigt die Synagoge in Munkacs mit den betenden Gestalten. Viele Lithographien schildern markante Judentypen. Berlin. (Ministerialdirektor Trendelen bürg über Rabbinerbesoldung.) Im Hauptausschuß des preußischen Landtages bei der Beratung des Untcrrichtsetats betonte Ministerialdirektor Trendelcnburg im Namen der Regierung, daß die Ausgaben für die Kirchengemeinschaften durch Gesetz und Verfassung festgclegt sitzen. Nach den gleichen Grundsätzen, wie bei .den Geistlichen anderer Konfessionen sei auch die Besoldung der Rabbiner geregelt, mit dem einen Unterschied, daß ein Lastenausglcich unmöglich sei, da ärmere und reichere Synagogengemeinden nicht zusammengeschlossen seien. Besonders aktuell sei die Frage der Verleihung von Körperschaftsrechten an kleinere Religionsgemeinden, die an dem Grundsatz der Ausbringung freiwilliger Beiträge fcsthielten. Berlin. (Generalversammlung des „Verbandes russischer Juden in Deutschland".) Der „Verband russischer Juden in Deutschland", der nunmehr in das zehnte Jahr seines Bestehens cintritt, hielt am 6. März d. I. seine diesjährige Generalversammlung unter dem Vorsitz des Rechtsanwalts Dr. B. Mandel ab. Der Vorstand des Verbandes, an dessen Spitze der Wirkt. Staatsrat I. Treitel steht, erstattete einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit des Verbandes im Jahre 1928, die" recht vielseitig war. Die Wohltätigkeitskommission des Verbandes verausgabte im Berichtsjahre an einmaligen und monatlichen Unterstützungen insgesamt 123 535 Mark, wobei von 1373 Hilssgesuchen nicht weniger als 1290 stattgegeben wurden. Die Kommission zur Unterstützung von Studierenden in Form von Subsidien u. dgl. betreute eine stattliche Anzahl Schüler von Mittel- und Hochschulen und verausgabte zu diesem Zwecke 15 962 Mark. Die „Arbeitskommission" betreute die im Jahre 1927 gegründete Nähwerkstatt und die Nähkurse, die allein 60 Schülerinnen fassen (Ausgabe: 6 717 Mark). Die „Darlehenskommission" gewährte einer Reihe von Kaufleuten und Handwerkern Darlehen in einer Gesamtsumme von 16 561 Mark, wobei es bemerkenswert ist, daß der Verband zu diesem Zweck auch mit einer Anleihe operieren konnte, die ihm dank der Vermittlung der Herren Staatsrat Teitcl und Dr. Goldenwciser von dem Hohen Kommissar für die Flüchtlinge beim Völkerbund im Betrage von 2 500 Dollar gewährt wurde. Von den weiteren Funktionen des Verbandes russischer Juden ist hervorzuheben: die medizinische Hilfe an die Flüchtlinge, mit deren Leitung Frau Dr. R. Selikmann betraut war (über 1500 Besuche im Ambulatorium und Hausbesuche); ferner die kostenlose juristische Hilfe, die der Syndikus des Verbandes, Dr. A. Goldenweiser, in mehr als 400 Angelegenheiten leistete; die Arbeit des Damenkomitees, der Kinderhilfe, der Kommission zur Veranstaltung öffentlicher Borträge, der Synagogenkommission usw. Insgesamt betrug das Jahresausgabebudget 182 000 Mark. Die Generalversammlung hörte auch den

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