Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 11 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Wische Fürsorgeerziehung Die von der Zentralwohlfahrlsstelle der deutschen Juden herausgegebene „Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege" veröffentlichte vor kurzem (Jahrgang 1, Heft 1, Januar-Febrvar 1929) im Anschluß an die Aufführung der „Revolte im Erzieh»»,igshaus" von Peter Martin Lampel eilten Aufsatz von Eugen Caspary, Berlin, der schwere Borwürfe gegen das dem Deutsch-israelitischen Gemeindebund unterstehende Erziehungsheim in Repzin enthielt. Der Geschäftsführer oes D.J.G.B., Dr. I. Reumann, hat uns um die Veröffentlichung der nachstehenden Entgegnung gebeten. Wir haben uns zur Erfüllung dieses Wunsches verpflichtet gehalten, da die Schriftleitung der „Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege" die Aufnahme einer Entgegnung von Herrn Dr. Reumann abgelehnt hat. Selbstverständlich wollen wir tz-rrch diese Veröffentlichung nicht Partei ergreifen. Wir haben deshalb Herrn Caspary zu einer nochmaligen SteHungiubme Gelegenheit gegeben. Der Leser der beiden Zuschriften wird unschwer erkennen, ob bzw. inwieweit die erhobenen Vorkurse berechtigt sind und ob durch die Art der Angriffe des Herrn Eafpary eine Förderung des jüdischen Fürsorqewesens erreicht werden kann. Für und gegen Lampel Cet animal est trös mtichant: Si on l’altaque il sc döfend! I. Leichte und schwere Jungen haben ihrem vertrauensscligen Hilssaus'seher das Material für ein sensationelles Buch gelle,ert, dessen Schlager er sodann, geschickt um die Tar- '.cellung einer Revolte in einem Berliner Erziehungsheim gruppiert, zu einem wirkungsvollen Theaterstück auSgeba.it hat. Ais' Modelle ,üc me austretenden Erzieher dienen neben dem sympathischen Setbstportrait des Ver,asserS seine wellig schmeichelhaft gezeichneten Borgesetzten und Kollegen aus Struveshof, der bekannten Musteranstalt des Berliner Jugendamts. Im grellen Schein der dramatischen Blendlaterne erblickt der Bourgeois eine pädagogische Wildnis uild obgleich er von vornherein dort nichts anderes erwartet hat, als Giftpflanzen vorzufinden, die er am liebsten ausgejätet sähe, unterliegt ec der Suggestion des Zungen Dichters. Er schaltet um und schimpft au, den Gärtner, dem es nicht gelungen ist, Rosen aus dem Tornstrauch zu züchten. Solche Entrüstung macht sich schön, verschafft das Hochgefühl des BesserseinS und kostet nichts. Oder, wer von den sittlich Entrüsteten hat sich an das Berliner Jugendamt mit der Bitte gewandt, ihm einen ,ür die sreie Unterbringung bestimmten Fürsvrgezögling zu überlasten, ans daß, er an ihm sein Herl versuche? II. Der starken, von der Schaubühne ausgehenden Suggestion ist auch der Verfasser, der in der „Zeitschrift für jüdische Wohlsayrtspslege" erschienenen Besprechung des Lampelschen Stükkes, Eugen Eafpary erlegen, obwohl er ganz gewiß nichts mit dem oben geschilderten Philister gemein hat uii0 sich seit langen Jahren mit dem in dem Begriff der Fürsorge-Erziehung cingcschlosfenen Fragenkomplex beschäftigt hat. Zwangsläufig führt ihn der psychische Mechanismus des Associationsgesetz.es aus die jüdische Fürsorge-Anstalt Repzin, mit der er seit deren Bestehen sich verknüpft fühlt und über die er nun harte Anklagen ausspricht. Zu seiner besonderen Legitimation beruft er sich aus sein durch Jahre fortgesetztes „Unken" und auf feine Anstrengungen, in Peine einen nach seiner Ueberzeugung zur Durchführung zeitgemäßer Reformen geeigneten Ersatz für Repzrn zu beschaffen. Gegen diese Begründung seiner Aktivlegitimation läßt sich Wesentliches einwenden. Einmal ist das „Unken" nur eine negative Leistung. Besser wäre es gewesen, Herr Caspary hätte, wozu er der seiner einflußreichen Stellung in der Lage war, reichlichere Mittel für den Betrieb von Repzin in den schweren Zeiten der wirtschaftlichen Bedrängnis zur Verfügung gestellt, wodurch dem äußeren Verfall der Anstalt und der sich daraus stützenden öffentlichen Kritik ein Riegel vorgeschoben worden wäre. Er hat eher das Gegenteil getan, er hat durch wiederholte Sperrung der Joint Gelder, wozu er sich berechtigt glaubte, die mißliche Lage von Repzin noch verschlimmert. Auch seine Peines Aktion kann als eine glückliche nicht bezeichnet werden. Nicht nur hat sie in finanzieller Beziehung verzagt, (es ist, nachdem der Gemeindebund die Verhandlungen in die eigene Hand genommen hat, ihm nicht schwer gefallen, den Kaufpreis um 50000 M. zurückznschrauben und eine ihm zugemutete Belastung mit einer jährlichen Beteiligung von 3 000 Mark an den Pensionsvervstichtungen abzuwälzen!) sondern Caspary hat auch die großen Mängel des Pein er 'Projekts mit Rücksicht au, die Durchführung des Reformwerke» übersehen. Ich betrachte es hier nicht als meine Ausgabe, die Ucüerfchätznng des Lampelscheii Stückes durch feinen Rezensenten nach der künstlerischen wie nach der Tatsachenseite, hcrabzufchrauben. Spricht er dock) gelegentlich selbst von einem Zerrspiegel, der dem Fürsorgewesen vorgehaltcn wird und gibt er doch zu, daß der Dichter an den Verhältnissen Repzin s gemessen, übertreibt, räumt er doch sogar die Möglichkeit ein, daß in Repzin mehr Gutes als Schlechtes zu verzeichnen sein mag. Das alles beseitigt nicht die schweren Beschuldigungen wegen „schlechter Behandlung, schlechten Essens, schlechter Kleidung. Prügelstrafe, H ii rl g e r st r a s e, A u s b r e ch e n , Flucht ergreifen, Br and st i st urig." Ta derartige Vorwürfe von einer als unterrichtet und autoritativ angesehenen Seite ausgehend, noch mehr geeignet sind, das Ansehen der verantwortlichen Körperschaft zu schädigen und das ohnehin schwierige ErziehungSwerk 'zu belasten/als eS durch Verbreitung unkontrollierter, aus 'uvAuverlässigcn Ausstreuungen psychopathischer Fürsorge- Zöglinge beruhender Gerüchte der Falt ist, sehe ich mich, niemandem zu Liebe und niemandem zu Leide, lediglich :m Interesse der Sache veranlaßt, diese Anklagepunkte in Völler Oesfentlichkcit zu beleuchten und damit eine Beunruhigung abzustellcn. III. Greisen wir drc Hungerstrase heraus. Sie existiert, was Repzin betrifft, nur in der Phantasie. Sie kommt auch nicht in der Form schlechten Essens vor, was ja im Effekt aus Hungcrstrase en gros hinauslausen würde. Beweis, der Bericht des Herrn Obermagistratsrat Knaut über seine liberraschend vorgenommene Inspektion vom 26. August 1028. „Das Essen ist g ut und d ie Jungen sind d amit zufrieden. Aber die Darreichung in Emailleschüsseln ist unpädagogisch." Tie letzte Rüge mag aus sich beruhen. Sie trifft nicht hart. Für die Beruhigung der fälschlich alarmierten Gemüter genügt die Feststellung, daß das Essen m Repzin gut ist und den Jungens glänzend bekommt, wie dies ia auch vor aNem aus den seit langen Jahren geführten Gewichtstabellen yervorgeht. Schlecht nms Essen stand es nur in der Inflationszeit, wenn die Joint-Ge'lder ausblieben. Tua culpa Caspare! Was ist zu der angeblich in Repzin waltenden Prügel- Strafe zu sagen? Das Wohlsayrtsministerinm verlangt deren Einschränkung aus den äußersten Notfall, das Berliner Jugendamt völligen Verzicht aus dieses Erziehungsmittel, das bekanntlich von den Sprüchen Salomom's und auch sonst im jüdischen Schrifttum als probat empfohlen wird. Wir, in Repzin haben uns selbstverständlich nach den Vorschriften der uns Vorgesetzten Behörden zu richten. Dementsprechend ist den Unterbeamten grundsätzlich das Schlafen verboten. Ter Direktor macht von seinem ihm zustehenden'Rechte so spärlichen Gebrauch, daß unsere Handwerksmeister sich schriftlich beim Kuratorium darüber beschwert haben, daß dadurch ihre Autorität und damit der Erfolg ihrer Arbeit bedroht sei. Diese Befürchtung hat sich glücklicherweise nicht bestätigt wie zahlreiche gute Erfolge aus der letzten Zeit beweisen. Einzelne Entgleisungen sind wie überall schwer vermeidbar uiid werden streng geahndet. Wie steht es um die schlechte Behandlung? Der angezogene Jnspektionsbericht des Herrn Knaut berichtet davon, „d a ß S p o e t g e t r i c b e n u n ü b e f o n d e r s v o m Jungte h r e r ge j or b crt wird; daß die Jungen im S o m m c r un Briesener See baden, daß Radio vorhanden ist, uno daß geistige Anregungen geboten werde n." Ich selbst könnte aus eigener Anschauung noch manche» Gute und Schöne aus dem als Höltenpsuyl verschrienen Repzin berichten. Indessen mögen vorläufig die amtlichen Feststellungen des .Hcrrii Knaut zur. Wiberlcguilg des Kinderschcecks genügen. Ber diesem Anlaß kann ich nickst umhin, Herrn Eafpary cntgcgcnznhaiten, daß ein temperauientvoller Mann, der cs täglich und stündlich mit einem empfindlichen Publikum zu tun hat, besser täte, seine eigene, als Objekt der Kritik mit Bezug aus schlechte Behandlung gemachten Erfahrungen für fern freiwilliges Amt als öffentlicher Kritiker an Personen und Institutionen zu verwenden. Diese Vorhaltung ist freundschaftlich gemeint, und ich wütische, daß er sie, nach seinen eigenen Worten „zum Guten höre". * In. dem Schulorcgister folgt: A u s b r e ch e n, Flu ch t ergreifen, das kann wohl als ein einziges Delikt behandelt werden, das dieser originelle Ankläger, nicht dem Ausreißer, sondern der Anstalt zuschreibt. Nun, so lange Menschen gegen ihren eigenen Willen in Anstalten zurückbehalten werden, werden sic mit dem seligen Stettenheim zu reden, „das Weite suchen und auch finden". Zumal wenn sie wissen, daß sie teure Strafe zu befürchten haben. Inwieweit die jetzt so angepriesene liebevolle Behandlung als einziges Mittel des Zurückhaltens ausreicht, darüber scheinen auch ihre Fürsprecher ihrer Sache nicht sicher zu sein. So spricht Lampel davon, daß in der Musteranstalt Struveshof die Gitter nur durch Anstrich verdeckt sind und .Herr Obermagistratsrat Knaul hat empföhlen, die besseren Anzüge unter sicherem Verschluß zu haltern Auch 'welchem anderen Grunde, als die Flucht zu erschweren? Im übrigen aber ist zu der Frage der Flucht kurz zu sagen, daß wir in Repzin verhältnismäßig nicht mehr und nicht weniger solche Vorkommnisse zu beklagen haben, als andere Anstalten auch. Ich sage „beklagen" im Gegensatz zu anderen Reformatoren, die es mit der Flucht leicht nehmen. Tenn jede längere Abwesenheit von der Anstalt gefährdet das begonnene Erziehungswerk aufs Schwerste. Das muß jeder bestätigen, dem bekannt ist, oaß die flüchtigen Fürsorgezöglinge sich in Kaschemmen und schlechten Häusern aufhalten, wo sie Gefahr lausen, in Grund und Boden verdorben zu werden, wie die sich häufenden Schreckenstaten flüchtiger Fürsorgezöglinge, von denen die Zeitungen zu melden haben, dartun. Repzin aber als die bete noire in diesem Zusammenhaiige hinzustellen, läßt sich mit der Wahrheit nicht vereinigen. * Auf der Strasliste stehen noch schlechte Kleidung, über die der Erziehungsbericht angibt, daß sie sich gebessert habe, aber noch nicht genüge. Eine reine Geldfrage. Ferner „Brandstiftung". Hier liegt ein interessanter Fall von Gedanken-Association vor. Das Petroleum-Attentat des Lampel'schen Stückes ruft eine Noliz aus meiner vor 2 Jahren veröffentlichten Geschichte der beiden jüdischen Fürsorgeanstalten ins Gedächtnis. Ta wird von einem jetzt 25 Jahre zurückliegenden Vorfall berichtet. Ein wegen Trunkenheit entlassener Ausseher hatte mehrere Zöglinge zu einem Scheunenbrand verführt. Ich glaube nicht, daß dieser relativ unbedeutende Brand in der Vergangenheit sich dazu eignet, daß die Ankläger von Repzin sich daran ihre Suppe kochen. Damit ist die Klageliste vorläufig erschöpft, und auf ihren wirklichen minimalen Inhalt reduziert. Ich frage mich aber vergeblich: Warum hat sich der Ankläger, Herr Caspary, das Hauptstück entgehen lassen: die Revolte im Erziehungshaus Repzin?! Vergessen kann er doch diesen stärksten Schlager nicht haben. Vielleicht hat er sich zur rechten Zeit erinnert, daß Revolten in allen Internaten keine Ausnahmeerscheinung sind. Sie kommen, wie wir erst kürzlich gelesen haben, in Kadettenanstalten, Ritterakadcmieen, ja sogar in der von Hochgebildeten und Erwachsenen besuchten Hochschule jür Leibesübungen vor. Auch in dem Vereinsleben, in dem Herr Caspary ja wie kein anderer Bescheid weiß, kommen solche Empörungen gegen die leitende Spitze vor, ohne daß die Schuld immer auf Seiten der letzteren zu liegen braucht. Daß solche explosiven Entladuiigen des Freiheitsdranges in einem Fürsorgeheim rauhere Formen annehmen, sollte eigentlich nur Lebensunkundige chokieren. IV. Und nun höre ich Herrn Caspary ausrufen: „Ta haben wir'S ja! Diese selbstgerechten, betriebsamen, problembedachtsamen Leute vom T.J.G.B. glauben, wenn sie meine Vorwürfe im Einzelnen widerlegen, daß ihre Fürsorge-Arbeit mustergültig sei, keiner zeitgemäßen Reform bedürfe, daß sie sich weiter auf's Ohr legen und schlafen können." Nun ich könnte erwidern, oaß der nicht zu schlafen braucht, der seiu Handwerk ohne zu klappern ausübt und daß auch derjenige für die Zeichen der Zeit nicht blind sein muß, der nicht an jeder Straßenecke „Marksteine" aufrichtet, mit der vielversprechenden Inschrift: „Von hier und von heute geht eine Epoche der Weltgeschichte aus." Beklagt sich doch Herr Caspary, und mit Recht, über den unbefriedigenden Ertrag der Diskussionen und Tagungen. Würde es der Raum gestatten, so tonnte ich hier eine Blütenlese der bezeichneiiosten Vorschläge zur Reform des Fürsorgewesens ans beit verflossenen drei Jahrzehnten geben und zeigen, wie all' diese, als Voten eines neuen Frühlings begrüßten Blüten allzu schnell gewelkt sind. Braucht man deshalb entmutigt die Hände in den Schoß zu legen? So wenig, wie ich glaube, daß alles auf diesem schwierigsten Gebiete schon auf's beste bestellt ist, so wenig möchte ich auf diejenigen Fortschritte verzichten, die der sorgfältigen Prüfung stand halten nnd dercil Erfüllung für eine mit schweren finanziellen Nöten ongende private Vereinigung im Bereiche des Möglichen liege::. Ter nnn begründete Arbeitsausschuß und nicht die Rednertribüne, nicht die Presse und am wenigsten öie Schaubühne ist der Ort, für stilles nützliches Arbeiten, wie sie ein Erzichungswerk erfordert. Sollte es uns gelingen, neue Helfer zu finden, die uns tatkräftig und mit den nötigen Mitteln ansrüsten, so sollen sic herzlich willkommen sein. Nur das glaube ich für den Gemeindebund in Anspruch nehmen zu dürsen, daß seine selbstlose Arbeit es nicht verdient hat, auf öffentlichem Markte, von denen, die ihm fcrnstchen und erst recht nicht von denjenigen, die ihm freundschaftlich verbunden sein sollten, gescholten zu werden. Kritisieren wir uns weniger, ^und arbeiten wir stiller, lischem schomajim, um der heiligen Sache willen, und nicht aus außerhalb ihrer liegenden Prestigegründe oder für noch tadelnswertere Zwecke! Tr. W i l h e l in N e u m a n n. Es ist, um philosophisch zu werden. Daß mein guter aller Freund Wilhelm Neumann sich zu persönlichen Angriffen hat hinreißen lassen, mag dahin gehen. Das ist man gewöhnt. Aber diese Nnerschütterkarbeit und Lcidenschaftsiost.gkcit, die Geruhsamkeit des ehrbaren Wohlsahr1s-„Handerwexkers" unter Mitarbeitern immer wieder anzutrefsen, das ist zum Verzweifeln. Tie absolute Verständnislosigkeit Reumanns, für alles Unbefriedigte und Vorwärtsdrängende, die ist es, die etwas Kränkendes bei sich hat. Ich habe offen meine Ergriffenheit von deni Lampelschen Stück bekannt seiner Uebertreibungen mir bewußt -- und dann kommt Dr. Neumann und teilt dem Leser als Entdeckung mit: auch Caspary ist „der Suggestion erlegen..." Daß ich nicht berechtigt war, die Joint-Gelder zu sperren, ist vollkommen richtig. Ich hatte aber auch nicht die Möglichkeit dazu. Und habe es infolgedessen auch nicht getan. Ncumanns gegenteilige Behauptung entbehrt jeden Beweises. Tie Peiner Aktion war angeregt worden vom Obermagistratsrat Dr. Ollendorsf und wurde durchgeführt in vollem EinverständrliS mit den beiden Vorsitzenden des T.J.G.B. Professor Sobernheim und Justizrat Salomon. Ich war nur einer von den Umstürzlern. Und das ist das Wichtigste: Als Umstürzler erschien öerm Tr. Neumann jeder, der auch nur den schwachen Versuch einer Reform vorschlug. Allen Bestrebungen zur Erneuerung des ErziehungsgeisteS hat er den stärksten Widerstand entgegengesetzt. Er hat schon immer jeden, auch den sachlichsten und geringsten, Vorschlag als persönliche Kränkung empfunden und mir in aller Freundschaft daS Leben verdammt schwer gemacht. Darum muß ich an dieser Stelle sagen: Die Erziehungsmethoden hätte das Geld nicht beeinflußt. Ich habe ni'cht den „äußeren Verfall der Anstalt", foubern das System, den Geist von Repzin „beunkt". Daher bin ich tatsächlich dagegen, dieses System durch Geldzuwendungen zu unterstützen. „Zuerst der Geist, dann wird das Geld schon da sein." Zur Illustrierung von Ncumanns Beweisverfahven: Apropos Hungerstrafe versichert er, das Essen sei gut. Aber man versteht unter Hungerstrafe: die strafweise Entziehung von Essen, und die kommt in Repzin vor. Ob ausgerechnet Herr Tr. Neumann von diesem Verfahren jedes Mal Nachricht erhält, scheint mir zweifelhaft zu sein. Was ich unter „Geist von Repzin" verstehe, geht aus den schriftlichen Beschwerden der Handwerker an das Kuratorium hervor: Tie Autorität der Erziehung ist durch den Fortsall der Prügelstrafe bedroht! Welch „glücklicher" Zufall, daß man auch in Repzin dhne allzuviel Prügeln erziehen kann! Wie übrigens sieht die „schwere Ahndung" von „Entgleisungen" aus? Ein weiteres Rätsel, das Herr Tr. Neumann, hierin wieder mehr der Königin von Saba als dem weisen Salomo ähnlich, aufgibt: Wenn der Bericht des Direktors Knaut so günstig ist, warum hat das unter seiner Leitung stehende Jugendamt der Stadt Berlin ihn wiederholt gedroht, Repzin wegen der dort herrschenden Zustände zu schließen? Im Vorbeigehen wäre auch noch a propos schlechte Behandlung — Tr. Neumanns Retourkutsche beantwortet. Daß ich selbst ein ausgemachter Beamtenschindcr und Leutemißhandler bin, weiß ja natürlich jedes (jüdische) Kind in Berlin. Aber Herr Tr. Neumann möge doch den von mir angeblich geschuhriegelten Beamten fragen, wie ich meinen Dienst wahrnehme. Und dann wird er Verständnis dafür finden, daß ich gegen Beamte, die ihre Pflichten nicht ernst genug nehmen, streng -und mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit verfahre. Wenn nun endlich Herr Dr. Neumann mit einer Art Besiiedigung feststellt (nach der Methode: Nekomoh an den Wanzen), daß keine der seit 30 Jahren gemachten Vorschläge zur Reform des Fürsorgewesens irgendciiten Erfolg gehabt hat, so werde ich ihm an dieser Stelle den einzigwahren Grund dafür angeben: weil seit 30 Jahren ein gewisser Dr. Neumann keine der vorgeschlagenen Methoden je versucht hat. Er möchte nicht „auf diejenigen Fortschritte verzichten, die der sorgfältigen Prüfung standhalten"? Ja, welche sind denn das? Ich behaupte, daß sich seit 30 Jahren nichts geändert hat. Herr Dr. Neumann aber kann außer der von der Aufsichtsbehörde oktroyierten Einschränkung der Prügelstrafe keine anführen.