Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 11 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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habt das Glück, sic in ihrer ganzen Schönheit zu sehen. Ganz nackt ist eure Erkenntnis und ohne Gewand. Hüllt das Mädchen in den zierlichen Schmuck der Thorarolle... Das Mißverständnis, das er findet, die falsche Sinnlichkeit einzelner bei dem Fest ist ihm nur ein Zeichen, daß die Juden noch im Heidnischen stecken, die echte Gottesfreude nicht kennen. Von dieser echten Freude aber, von diesem echten Gott, von diesem wahren Juden weiß S. in begeisternden Worten zu künden. „Hörst du es, altes Volk, das der Erde Gesetz gab und den Uneingeweihten das Morgenlicht? Feld und Stamm aus der Urwelt der Patriarchen, die den Engeln gleich geachtet wurden! Volk, gequält unterm Joch, gestählt in der Glut, gepreßt in der Kelter der Gottesangst. „E r ist es — ich bins, ich bete ihn an, E r ist es, denn ich sehe ihn nicht. Höre, der du um Gott ringst von Offenbarung zu Offenbarung, seit Abraham, Isaak und Jakob, in seltsamen, leidenschaftlichen Träumen — dieser da ist unser Gott, der Unnennbare ist einzig! Schma jisroel, Adonai Elohenu, Adonai echod.“ Gewiß wird sich mancher in der Welt der Sohar-Mystik, ohne die vieles im Stück nicht szu verstehen ist, etwas fremd fühlen (was freilich nicht am Verfasser liegt), auch eine gedrängtere Darstellung vorteilhafter für das Stück erachten, vielleicht auch finden, daß die Sprache sich nicht immer mit diesem mystischen Rahmen deckt. Aber um der Tendenz des Stückes willen und vieler schöner Einzelpartien sollte das Stück besonders in jüdischen Kreisen starke Beachtung finden. Gerade das, was sich Nadel entgehen ließ, an dem Einzelfall das J^denschicksal zu illustrieren — bei ihm hätte es das tragische Moment sein können —, hat S. aufgegriffen und die unverwüstliche Kraft des Juden, den Kern seiner Religion: aus Schuld oder Unglück durch Erhebung immer wieder zu neuem Leben, immer wieder zu Gott — eindringlich und glücklich zur Darstellung gebracht. Und Feuertod für Gott, Opfertod für andre — wie echt jüdisch auch das alles. Noch ein Wunsch an den Verfasser, der ihm als Theaterfachmann gilt. Wir haben nun eine Reihe bedeutender jüdischer Stücke — zum Teil schon lange bekannte, zum Teil vor einiger Zeit erst aufgeführte —, zum Teil von westjüdischen, zum Teil von ostjüdischen Verfassern: sollte es sich nicht ermöglichen lassen, diese Stücke immer wieder vor jüdischem Publikum, — denn das ist das gegebene Publikum für diese Stücke — insbesondere vor jüdischer J u gen d zur Aufführung zu bringen? Das allgemeine Publikum ist doch natürlich nicht so eingestellt und vorbereitet, daß ihm diese Stücke mehr als Schaustücke, d. h. Seelen stücke, werden könnten. Wir aber sind es. Es ist unsere Sache, die da betrieben wird. Ich meine natürlich nicht, daß Christen der Zutritt verboten werden sollte, aber ich meine, daß es doch tieftraurig ist und ein ungeheurer Verlust für unsere jüdische Seelenstärke, wenn Stücke wie „Jeremia“ (Zweig), „Jakobs Traum“ und viele, viele andere, der „Zaddik“ eingeschlossen, nun als Bücher ihr Schicksal vollenden oder im günstigsten Fall drei- — viermal aufgeführt werden. Da es hier um keine Parteisache geht, sondern um alle, und da Stücke da sind und durch die neue Organisation vielleicht immer neue Dichter geweckt werden, so müßte sich m. E. ein Weg finden lassen, etwa durch ein Wandertheater (welch ein Segen für die Kleingemeinden), eine deutsche Habima quasi oder vorerst mindestens durch Rundfunk stärkste religiös und künstlerisch wertvollste Kulturarbeit am Judentum zu leisten. Der Verfasser würde sich neben seinen dichterischen Verdiensten allgemein jüdische erwerben, wenn er die Sache schleunigst in die Hand nähme. Rabbiner Dr. Gottschalk, Frankfurt a. M. Gustav Regler: Der Zug der Hirten. Roman. Verlag Otto Quitzow, Lübeck. In der letzten Zeit fällt das Bestreben auf, altjüdische Stoffe in einer Art neuer Renaissance aufleben zu lassen. Sie mit dem Lichte neuer Erkenntnisse, der Erkenntnisse unserer Zeit, zu vermischen, die tiefe Psychologie bis zur Psychoanalyse der letzten Tage ihnen einzuflößen und so lebendige, zeitgetönte, poetische Epopöen neu aus der biblischen Geschichte zu erobern. Aus der reichen Zahl der Neuerscheinungen der letzten Monate im Bereiche der deutschen Literatur führe ich hier nur einzelne bedeutendere Werke zum Erweise an. Da ist Altalena: „Richter und Narr“, Felix Salten: „Sitnson“, Emil Ludwig: „Der Menschensohn“, Thomas Mann: „Dinah“, Werner Jansen: „Mose — die Kinder Israel“... und jetzt erscheint Gustav Regler: „Zug der Hirten“.*) Die große Zahl kleinerer Werke / in jedem Sinne / lasse ich jetzt hier außer Betracht. —Wahrlich, für das unserer rationellen Zeit so abgewandtem historischen Stoffproblem genug! Allen den genannten Werken eignet als Hauptzug der Wille, die Erzählungen und mit Wundern umsäumten Berichte der Bibel nur als ein Gerippe, als ein Flechtwerk zu verwenden, in das blumiges Gebilde, großes, menschliches und volkliches Geschehen, eingenetzt werden. Geschehen, das seelisch modern fundiert wird und das Selbstverständliche moderner Epik in sich trägt: Wunder und Wunderglauben, das Eingreifen Gottes und höherer Mächte umzudeuten, umzuformen, aufzuhellen als rein menschlich deutbares Erleben, groß genug, um dem Gläubigen trotz allem als Wunder zu erscheinen. Altalena und Felix Salten behandeln den gleichen Stoff aus ganz anderer Gedankensphäre und es ist verwunderlich, daß auch Gustav Regler in seinem „Zug der Hirten“ sich im Stoffe mit Werner Jansen trifft und den Mosestoff als Grundproblem seines Romans nimmt. Duplizität? Es wäre reizvoll, die beiden Verarbeitungen der Mosetragödie zu vergleichen. Aber Gustav Regler geht von so anderen Prinzipien und Voraussetzungen und endgültigem Wollen aus, Regler formt in jedem Einzelnen den Mosestoff so grundlegend anders und neu und so selbständig, auch über den Rahmen des biblisch Gegebenen, auch sein inneres Feuer brennt so anders, daß eine Zusammenstellung oder ein Gegenüberschauen absolut nicht möglich ist. Vielleicht entscheidet auch: Jansen ist ein deutschbewußter Arier, der Mose zu fremden Zwecken gebraucht, — Gustav Regler ist ein Jude, der Mose jüdisch nimmt. Immer ist entscheidend im modernen Roman — der neue Roman ist heute mehr als die unterhaltende Erzählung vergangener Tage, er ist ein gesinnungsschwangerer Organismus — was man beweisen will, welche Tendenz einem die Feder führt! Und Regler hat eine Tendenz. Vielleicht die objektiv schönste, von moderner Historik und Psychologie befruchtete: die Gestalt Mose, den Menschen leidend, duldend und getrieben zu zeigen. Den Menschen, der als Führer seines Volkes so groß geworden ist, ganz menschlich bewußt denkend, irdisch wachsend und handelnd, innerhalb von ganz natürlichen Verhältnissen aufzuzeigen. Ja, Regler kommt da mit starker Einfühlungskraft bestimmten Prinzipien modernster Geschichtsschreibung und Erforschung nahe: die gesamte lebende und tote Umwelt als die einzig handelnden, treibenden, natürlichen Faktoren einzustellen, denen auch die größten und selbständigsten Menschen folgen müssen. Sozusagen als Anhängsel und Abhängige. Die freie Willenskraft wird so eingeschränkt und auf das unlenkbar Gegebene angeheftet, daß ihr Handeln nur ein Ergebnis fremden äußeren Zwanges ist. Freilich, wie nun Volk und Individuum, Himmel und Erde, Naturgeschehen und Menschenschicksal großzügig in ein auf ein einziges, wiederum menschliches Ziel und ein darauf allein gerichtetes Denken eingesetzt wird, daß es so erscheint, als ob alles, alles aus dem alleinigen, übermenschlichen Willen und Wirken des Führers.das ist hier Moses... gewalt- *) Gustav Regler: „Zug der Hirten“, Roman. Verlag Otto Quitzow, Lübeck. sam hervorbricht.... dieses Großartige versucht auch Regler zu zeigen! Das Schlußergebnis, das Blühen dichterischer Kraft ist, daß wir ein bedeutendes, tiefgreifendes Werk von Regler geschenkt bekommen, welches das Schicksal der Juden zur Zeit Moses, Moses Wirken selbst in kristallklarer, natürlicher Möglichkeit vorlegt. Wozu erst göttliche Wunder, wenn der Wunder größtes aus dem menschlichen Wollen aufbricht? Die dichterische Feststellung, die in ihrer geistreichen Art allein schon des Lobes wert ist.. der Autor mußte vier Bibel, aber auch viel Völkerpsychologie und Naturwissenschaft mit Phantasie studieren .... wird in einer sprachlich und handelnd dichterischen Form vorgelegt, die prächtig, poetisch und rein ist. ' Man kann hier mit vielem Rechte das Wort gebrauchen: Goldene Aepfe) / die Beweise und Ergebnisse / werden auf silbernen Schalen / die schöne, bedeutende Sprache / gereicht!“ Reglers Werk ist in jeder Hinsicht als bedeutend anzuerkennen, selbst wenn Theologen und Historiker sich manchesmal vor eine nicht gewöhnlichen Betrachtungsweise gestellt sehen. Aber hier spricht ja ein Dichter oder vielmehr der Dichter! Und man kann billig staunen, daß ein dichterisch so schönes und reines Werk ganz plötzlich, sozusagen aus dem Dunkeln... / von diesem kräftigen Neutöner ist mir bisher nichts bekannt / in hellstes Licht hervorschießt. Ich erzähle absichtlich nicht die Fabel des Romans. Ich hebe arglistig nicht den Schleier von dem „Zug der Hirten“ auf, der sich auf das Dunkel legt, aus dem fremde Nomaden aus dem finsteren Weltloch unbekannt von wo und unbekannt wohin, gepeinigt und geängstet von ihren blutdürstigen Göttern, planvoll-planlos herumziehen. Wie sie auf ihrem gezwungenen Wege in die Hand von gewaffneten, erbarmungslosen Peinigern in einem Lande / Gossen / fallen. Wie sie in Nacht und Grauen aus der Sklaverei und Fron erlöst und fortgejagt werden und wie sie auf den fremden Mann von den Midianitern treffen und wie aus dem Zusammenstoß von Furcht, Aberglauben, Ratlosigkeit, Wundersüchtigkeit und furchtbarem Naturgeschehen ... und bewußtem, starken Willen des Führers, das Licht des Sittlichen, des Glaubens und eines strengen Gottes, eines einzigen, ewigen und furchtbar großen, sich entzündet! Es soll eine herzlich gegönnte Erhebung und ein dichterisches Vergnügen werden, selbst das zu empfinden und mitzuleben. Viele können das, wenn sie nach dem schön ausgestatteten Buche greifen. Von Regler kann man noch Gutes erwarten. Siegmund Reis, Hindenburg O.-S. Kalendarium f. die Zeit v. 16. 3. b.23. 3. 29 März 1929 | Adar II 5689 Sonnabend 16 4 Wochenabschnitt: P'iude Hastarah: Könige I Kap. 7, 40—50 Sabbat Ausgang: 6.51 Uhr Sonntag 17 5 Montag 18 6 Dienstag 19 7 Mittwoch 20 8 Tonnerslag 21 9 Freitag 22 10 Sonnabend 23 11 Wochenabschnilt: Wajikro P. Sachor Hastarah: Samuel I Kach. 15, 2—34 Sabbat-Ausgang: 7.04 Uhr Junge Dame im Anwaltfach tätig gewesen, für Stenotypie u. Register nach Berlin zum 1. Hai gesucht Bewerbungen mit Gehaltsansprüchen unt. Ziffer 44 dieser Zeitung. Verein für Feuerbestattung in Berlin von 1874, e. V. Term, kostenlose Feuerbestattung Annahme W SL, Lfltaowstraße 44, Telephon: Lfitzow 960-61 und Charlottenburg, Kantstr. 154 a Bcke FasanenstraQe, Telephon: Steinplatz 1835 Staatlich genehmigte Frauenschuie auf dem Lande Wolf ratshausen 1m Isartal. 580 m ü. M. (Gründung des jüdischen Frauenbundes Ortsgruppe München) bildet junge Mädchen ans xu tüchtigen Hausfrauen nnd schafft die Grundlage zum Wirtschaftsberuf zum Sozialberuf und zum Lehrberuf Die Schule wird streng rituell geführt Prospekt, Auskunft, Anmeldung: Leitung der Schule, klannah Bodenhdtner, Wolfratshausen, Frau Recba Stark, München, Rauchstrasse 12,1. SONNABEND, DEN 16. MÄRZ IM KAISERHOF BAU 1929 KABARETT: Ove Behrens Thea Degen Fritz Griinbaum Theo Körner Rosa Yaletti CONFERENCIER: EGON JACOBSOHN FÜR DEN TANZ: WEINTRAUBS SYNCO- FATERS U. BALALAIKA-BAND AeulSerst reichhaltige Tombola Auskunft u. Tischbestellungen im Büro der Gesellschaft „ORT“, Bülowstr. 90, Lützow 4986 flhitur. nursekünli Vormittags-Abendschule Private Vorbereitungsanstalt. Direktor Danziger Berlin, Alte Jakobstraße 125 M Erste Moidm fiMi Mens (Reden, Diskussion, Beschlüsse) Gründungsversammlung der World Union for Progressive Judaism London, 10.—12. Juli 1926 Preis: im Buchhandel M. 1.80, für Mitglieder d. 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Sonnabend, d. 16. 3., morg. 8.45, nachm. 4, Ausgang 7.20. Wochengottesdienst: morg. 7. Israel. Krankenhaus Gagervstr. 36. Freitag, d. 15. 3., abds. 6.05. Sonnabend, d. 16. 3., morg. 8.15, nachm. 4. Verlag: Bereinigung für das liberale Judentum e. B., Berlin SW. 48. — Verantwortlicher Redakteur: Dipl.-Jng. Bruno Woyda, Berlin NW. 23. — Druck: Hermann Wegner Le Co., Berlin-Mariendorf. 714415 77