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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-03-15 · 11 (15.3.1929) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
11 (15.3.1929)
Date
1929-03-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Toll mau nun gleich den großen, den größten Trumps ausspielen'? Spinoza! Warum nicht'? Man hat an gutes Recht, aufzutrumpsen, wenn man einen Weltdenker vom Range Spinoza sein eigen nennt.... Nietzsche spricht in seinem bekannten Spinoza-Epigramm von einem „heunlich glühenden Rachebrand", vom „Judenhaß der am Judengotte fraß" — aber hier, wie öfter, wiro seine geniale Psychologie überklug. Daß die gemale Persönlichkeit sich immer im Gegensatz zur Allgemeinheit und Ueberlieserung suhlt und gcraoe aus dieser Unterschiedlichkeit ihre besten Kräfte schöpft, das mag hier wie anderwärts gelten. Aber der Zusammenhang ist hier stärker. Man spricht von einer „gölte rbildenoen "Kraft des Mythos; man könnte mit treffender Variante von einer „g o t t b i l o e n d e n" ethischen'Grundtraft des Judentums sprechen. Die Gottesvorstellung Spinozas liegt rm Grunde durchaus in der verlängerten Linie jüdischen Wesens uno Glaubens. Wir dürfen ihn zu den großen jüdischen „Gottbildnern" zählen. Spinozas Gott ist der gewaltige, im All sich auswirkende Eingott, von letzten Anthropomorphismen befreit, ganz aus der strengen, reinen Höhe jüdischer Abstraktion gesehen, nur durch sich bedingt unv nur sein eigenstes Gesetz gebunden — das aber ist: das Weltgeseh. Zu diesen sublimen, aber eisigen Höhen mag sich der mehr oder minder unphilosophische Mensch nicht so leicht erheben - aber daß hier ein zugleich menschlicher und jüdischer Gipfel philosophischen Weltschauens, Weltfühlens erreicht ist, steht außer Zweifel. Wie tiefjüdijch im besten Sinne auch das Ein- und Ausgehen des „Modus", der individuellen Taseinsform, m die göttliche Allsubstanz dre unbedingte Unterwerfung linter die eherne Notwendigkeit des göttlichen Weltgesetzes — und die unbestechliche Klarheit des Intellekts, der die allzu menschlichen, allzmrdischen Affekte durchschaut uno zergliedert, um für den höchsten Affekt, dre erkenncuoe Liebe zu Gott, Raum zu schäften. Aber man braucht sich nicht nur an den Größten, Einzigen zu klammem. Vielfach sind die Spuren jüdischen Geistes in der Geschichte oer Philosophie. Der semitische Genuus iü. es gewesen, der durch die arabischen und jüdischen Philosophen Spaniens Plato und Aristoteles dem Abendlande vermittelt hat. - In edelster „Vermittlung", wenn auch keineswegs nur in ihr, hat sich der jüdische Geist ja oft und gern betätigt. Schopenhauers erster und tatkräftigster Apostel war der Juoe Fraucnstädt, und für Nietzsches Durchsetzung haben bedeutende Judeii, Georg Brandes, Leo Berg u. -a. das Beste getan. Auch dergleichen darf man wohl dar philosophischen Leistungen und Verdiensten der Juden zurechnau Rationalismus und Mystik: scharf prüfender, das Lacke durchdringender Verstand und hitzige, das Uebersiniiliche umkreisende Phantasie: zwischen diesen beiden Polen scheint in der Tat das jüdische Denken zu schwingen. Doch auch hier heißt es mit Vorsicht urteilen. Die mathematische Form bei Spinoza z. B. ist nicht Ausdruck des Rationalismus einer Person oder Rasse, sondern vielmehr eines Zeitalters uno von mystischer Ueberhitzung ist gerade in dem edelüen und abgeklärtesten Affekte, der selbst ja noch „intellektuellen" Gotte s l l c b c, nichts zu spüren. Immerhin wird sich bei ocn einzelnen jüdischen Denkern, wie bei Denkern überhaupt, ein stärkeres Hinneigcn nach der Seite des Verstandes oder der Phantasie seststellen lassen. Eine eindeutige Scheidung freilich iu nicht möglich und auch nicht wünschenswert. Man muß vor allem dem Vorurteil entsagen, daß großer Verstand nicht mit warmem und tiefem Gemüt vereinbar fei; man kann viel Geist und viel Herz zugleich haben uii0 Phantasiehitze kann umgekehrt mit Herzenskälte zufammengehen. Im allgemeinen paart der jüdische Denker die Schärfe der Logik mit oer natürlichen Güte und Weichheit des vielberuscnen „jüdischen Herzens". An einem Typus wie M oses Ai endelsso h n läßt es sich gut studieren. Ein „Ratio- .nalist" ist der Freund Lessiugs, der Sohn des 18. Jahrhunderts, freilich aber wieviel Wärme des naiv-vorkriti schen Idealismus ist diesem Nationalismus beigemischt! Plato, der Philosoph oer „Idee", ist durch das Schönieetentum des 18. Jahrhunderts, seine Empfindsamkeit, Gläubigkeit und Tugendschwärmera hindurch gesehen. Mendelssohns Gram und Aufregung über den gegen den toten Lessing gerichteten „Vorwurf", er habe im Innersten dem Pantheismus Spinozas angehangen, sind vielleicht nicht so sehr ,ür den philosophischen Geist Mendelssohns, wohl aber für sein menschliches Herz, bezeichnend und ehrenvoll. Im übrigen liegen Mendelssohns große Verdienste ja vor allem aus ethischem, religiösem und kulturpolitischem Gebiet. . . Im 19. Jahrhundert hat der jüdische Geist eine Art philosophischer Renaissance erlebt. Man bewundert wieder ferne unerschöpfliche Kraft der geistigen Verjüngung und Erneuerung. Welche Fülle der Talente -- welches Ausmaß oer Produktivität! Nur die markantesten Charalterköpfe sind in jo knappen Raumgrenzen mit großen Zügen zu umreißen. Der Kreis erweitert sich noch zusehends, wenn man den Begriff der Philosophie über den reinen Fach- und Schulbezirk ins „Lebensphilosophische" erweitert, wie dies unserem modernen Verhältnis zur Philosophie entspricht. . . H e r m a n n Cohen, der von oer Erkenntniskritik Kants zum Idealismus Platos Brücken schlägt, der das Edelste deutschen und jüdischen Geistes zu vereinigen strebt, ist noch Fachphilosoph im guten und würdigen Sinne. Aber etwa schon an Denker wie Georg Simmel steht, obwohl Akademiker, doch schon dem Typus des modernen Lebensphitosophen fehr nahe. Auch das Geringste, Alltäglichste, Akruellfte, und sogar gerade dieses, wird ihm zum Problem, regt ihn zum Nachdenken an. Und gerade das bekundet ja den echten Philosophen, den vor der Unmittelbarkeit des Lebens das große Staunen packt. Fimmel ist sozusagen das dialektische Genre unter den"moderiren Philosophen . ßcrcifcc hierin tiefjüdisch. Tie Sprengkraft seiner Analyse streift manchmal ans Unheimliche. Zuweilen, besonders in semen Monographien über große Geister, wie in seinem Goethe- Buch, drängt sich oie Dialektik wohl auch zu selbstherrlich hervor: mau bewundert schließlich vor allem das virtuose Turnen am hohen Trapez der Dialektik. Doch gerade ein so lebensvoller und tiefkünstlerischer Geist wie Simmel erschöpft sich nicht im Rationalismus. Wir verdanken Simmel die feinsten psychologischen und aesthetischeu Einblicke. Er ist von ungemeiner Reizsamkeit, ein Impressionist des Denkens ern fast überbewegliHer und darum höchst modern-relativistischer Geist, der zuletzt doch wieder irgendwie Zugänge zum Metaphysisch-Absoluten suchte. Das Beste gaben und geben fa oft gerade die Außenseiter und Eigenbrödler (in gewissem Sinne zählt fa auch Simmel schon dazu j-~ und an ihnen ist zum Glück das Judentum immer noch reich. Ernst Marcus, der Weiterbildner Kants, gehört hierher. Philosophische Köpfe wären auch Essayisten und Kritiker wie der geistig und moralisch ganz aus Versammlungskalender Aachen. An Stelle des erkrankten Herrn Rabbiner Dr. Levy-Boun spricht am Sonntag, den 17. Marz, abends 6 Uhr, im Jugendheim (Synagoge) Herr Rabbiner Dr. Schönberger über das Thema: „Die Forderung des jüdischen Menschen". Berlin. Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B. Am Montag, den 18. Mürz, abends 8.15 Uhr, Mitglieder-Bersammlung im großen Saal der „Gesellschaft der Freunde", Potsdamer Straße 9. Landgerichtsrat Dr. A. Lilienthal spricht über „Unsere Bedenken gegen die gegenwärtige Mitarbeit am Palästinaausbau". Eingeführte Gäste herzlich willkommen. Breslau. Jli „Abraham Eeiger". Sonntag, den 17. März, 17.30 Uhr <5.30 Uhr nachm.), findet auf Anregung des liberalen Hauptvereins in der Reuen Synagoge ein Sonntag-Nachmltlag-Gvttesdienst statt, auf den wir hiermit besonders aufmerksam machen. Gebetordnung Joel 1, Seile 80—88, Seite 47—60. Mittwoch, den 20. März, 20.15 Uhr, im Bereinslokal: „Soziale Gruppe", Kaiser Wilhelmstraße 16, Vortrag von Herrn Gustav Glaser, Direktor des Jüdischen Wohlfahrtsamtes, über „Revolte im Erziehungshaus". Freitag, den 22. März, 19.45 Uhr <7.45 Uhr nachm.), veranstaltet die Synagogen-Gemeinde wiederum auf unsere Anregung in der Wochentags-Synagoge der Neuen Synagoge einen Freitag-Abend-Spät-Gottesdienst. Gebetbücher stehen zur Verfügung. Wir erwarten rege Beteiligung. Im Anschluß an den Gottesdienst findet ein gemeinsames Freitag-Abend-Effen im Restaurant Schaal, Tauentzienstraße 12, Eingang nur Anger, statt. Wir laden hierzu in erster Reihe alle die ein, die leine Gelegenheit haben, im Familienkreise eine Sabbatseier zu begehen. Der Unkostenbeitrag beträgt für ordentliche Mitglieder und andere Jugendliche 75 Psg., für die sonstigen Teilnehmer Ml. 2,— pro Person. Meldungen für die Teilnahme am Essen müssen bis spätestens Mittwoch, den 20. März, bei unserem Vorsitzenden, Herrn Religionslchrer Davidfvhn, Palmstraße 22, Fernsprecher 27582, erfolgen. Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendgemeinschast. Dienstag, den 19. März, abends 8.45 Uhr, Heimabend im Sitzungszimmer der Westend-Synagoge. Fortsetzung der Ausspracheabende „Unsere Umwelt und wir". Gottesdienste Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünltlich. Freitag, den 15. März, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfti. Sonnabend, den 16. März, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonfti. Berlin-Westend. Verein Liberale Synagoge Westend, Leistilowstraße 7-8 (Schulaula), nahe Reichskanzlerplatz. Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 15. März, Gottesdienst. Predigt: Rabbinatskandidat Werner van der Zyl. Freitag, den 22. März, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Galliner. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilienfchule, Nikolsburger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 15. März, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Klein. sich selbst stehende Leo Berg, oer besonders den Problemen der Moral tiefgehenoe Analysen gewidmet hat, oder der vrelfeilig fruchtbare Samuel Lublinfki, dem wir eine jo außerordentliche retigionsphilosophische Leistung wie fern Werk über „Dre Entstehung des Christentums" verdanken. Ten philosophischen Köpfen zuzuzählen ist wohl auch der polemische und satirische Kulturkritiker Oscar Leoy, oer verorenstvolre Herausgeber der großen englischen Nietzsche-Ausgabe felbst ganz im Banne Nietzsches stehend uno feinem Werke mit der Leidenschaft eines rerrren Geistes und Herzens hingegeben. Ter Talente sind zu viele, als daß sie alle namentlich ansgesührt werden könnten auch wenn es Leistung uno Wirkung verdrenten. Nicht wenige vorr oen bedeutenden philosophischen Geistern der Zeit haben jedenfalls jüdisches Blut in) ich jo etwa der espritreiche uno umfassend gebildete Kulturphilosoph Theodor Lesjiug und noch marrcher andere heutige akademische oder außerakademische Philosoph. Joses Popper-Lynkens, den vom sozialen Ethos inspirierteir Denker des Herzens, habe ich früher schon einmal ausführlicher gewürdigt. Eine Erscheinung für sich ist C o n st a n t i n B r ir n n e r, ein eigenwilliger Denker, kauzig, kantig, wie es gerade oem philosophischen Außenseiter nicht übel ansteht dem Geist des Judentums in weitester, vorurteilslosester Fassung glühend zugetan und vor allem ftzie große Persönlichkeit und Lehre Spinozas fast brs zur Vergötterung verherrlichend. Spinoza ist ihm der größte Jude — mehr noch: der größte Mensch, der Philosoph schlechthin, der Finder und Künder der absoluten Wahrheit. Der geistesaristokratische Zug dieses gelegentlich derben uno durchaus nicht überfeinerten Denkers bekundet sich schon im Titel seines noch zu wenig bekannten Hauptwerks: „Die Lehre von den Geistigen und vom Volk" Seine große Spinoza-Lrebe deutet wohl aus einen fahrtausendalten Blut- und Geistzusammenhang. Sehr deutlich bezeugt sich wiederum die Polarität des jüdischen Geistes in Persönlichkeiten wie Fritz M a u t h n e r, dem Sprachkritiker, in dem bohrende Analyse und geradezu nihilistische Skepsis letzten Endes freilich wieder in das Bekenntnis mystischen Nichtwissens ausmündet — und Martin Buber, dem späten Nachfahren tiefsinnig-verschwärmter jü- Annahme von Bestellungen «ms die Jüdisch - liberale Zeitung fcd »kl« Postämtern Deutschland» STOUrWERCI^ / billig, 1 tDohlSchmeckcnd. L nahrhaft. bischer Theosophie, oem dichterischen Erneuerer, ja wahrhaft Neubeleber chassidischer Mystik. Kurz gedacht sei wenigstens auch des idealistisch-tragischen Revolutionärs Gustav Landauer, der zwar nicht eigentlich Philosoph, wohl aber ein ferner, tiefer, lauterer Kunstdenker, Kunstempsinder war, und des vielseitigen, geistreichen Alexander Moskowski. -- Endlich noch die international berühmte Treizahl: Bergs on, Einstein, Freud. Bergsan, eine Zeitlang der Pariser Modephilosoph, wirkt am wenigsten nach. Sein Rückgang auf die I n t u r t i o n, die metaphysische Phantasie, ist immerhin für die anti- und überrationalistische Seite oes jüdischen Geistes charakteristisch. - Einstein, oer m feiner Schlichtheit liebenswerte Mensch und bedeutende Gelehrte, der an dem mit ihm verübten Reklame-Tamtam völlig unschuldig ist, hat bekanntlich aus gewissen naturwissenschaftlich-philosophischen Grenzgebieten einen sehr denkwürdigen Anstoß gegeben. Die Folgerungen der Relativitätslehre halten sich aber im wesentlichen doch innerhalb des Empirischen; ihre philosophischen Auswirkungen sind aber nicht von ihrem Urheber überschätzt worden. Relativität und Idealität der Zeit sind uns seit Kant und dem deutschen Idealismus nichts Neues mehr; dre Relätivitätslehre bestätigt sie günstigenfalls was ihren persönlichen und sachlichen Wert gewiß nicht schmälert. - Freuds philosophisches Charakterbild schwankt noch immer, von der Parteien Haß uno Gunst verwirrt. Er gehört oder gehörte doch bis vor kurzem zu den umstrittensten geistigen Ecschemungen der Gegenwart. Das heißt: sein menschlich persönlicher Adel und sein wissenschaftliches Verdienst ist unbestritten. Aber er leioet, wie so mancher, an seinen Freunden; die übereifrige Gemeinde der Schüler und Anhänger hat ihm geschadet. Und seine Lehre ist freilich stark diskutabel, zum guten Teile heute auch schon nicht mehr zeitgemäß: es fehlt ja übrigens auch nicht an fruchtbaren Weiterbildungsversuchen. Tie Einwände drängen sich auf: einseitige Ueberbetonung des Sexuellen; hemmungslose Indiskretion der Analyse und Ohnmacht der Synthese; Zweischneidigkeit der radikalen Bewußtmachung. Tie orthodoxen Freudianer vollenos sind manchmal vor unbegreiflichen Absurditäten nicht zurückgeschreckt. Dennoch aber hat dieser Außenseiter, dieser Nervenarzt, die stärksten psychologischen und philosophischen Anregungen gegeben, von denen wohl noch manche Generationen zehren werden. — Jüdischem Geiste gereicht seine Leistung wie die der vielen anoeren zur Ehre. Auch in diesem höchsten Bereich menschlicher Geistigkeit, dem philosophischen, ist das Judentum überreich an Gegenwartkräften rml> Zukunstsmöglichkeiten. Aus > Die uns vorliegenden Berichte erscheinen in der nächsten Nummer. i * I ♦♦♦♦ ♦+♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ ♦♦♦♦♦ BUCHERSCHAU ♦♦♦♦♦ Arthur Sakheim, „Der Zaddik“, Drama in 3 Akten. 1929. Verlag Kauffmann, Frankfurt a. M. Als vor einiger Zeü Nadels „Pest" aufgeführt wurde, bemerkten bereits einige Rezensenten, daß ein Drama mit dem gleichen Thema demnächst von Sakheim veröffentlicht werden würde. Es liegt nun vor. Sakheim (bewandert in allgemeiner und jüdischer Literatur, Verfasser mehrerer Dramen, jetzt Dramaturg am Frankfurter Schauspielhaus) hat ebenfalls — wie Nadel — den Torso Ans-ki als Rahmen für sein Stück benutzt, sonst aber, wie er betont, kein Wort, keinen Satz und Gedanken übernommen. Da vor kurzem in diesem Blatt das Nadelsche Stück besprochen wurde, möchte ich an der Gegenüberstellung mit Sakheim Anlage, Eigenart und Bedeutung seines Stückes kennzeichnen. Der 1. Akt verläuft bei beiden fast gleich. Der zweite führt bei Nadel die geisterhafte Orgie in der Mühle (bei S. im „schwarzen Schiff“) vor und den Bericht vor dem Rabbi, der dritte den Tod der Mutter nach der Offenbarung ihres Geheimnisses und den Selbstmord des Rabbi. S. bietet im 2. Akt nur den Bericht über die Orgie und später den Tod der Mutter nach Enthüllung des Geheimnisses (aber nur in Gegenwart des Sohnes) und den Entschluß des Rabbi, eine wirkliche Orgie zu veranstalten. Der 3. Akt zeigt diese Orgie in Gegenwart des Rabbi und seiner fast unverhüllten, von ihm geliebten Verwandten und den Selbstmord beider im Feuer. Aber viel wesentlicher sind die inneren Unterschiede. Nadels Drama erschüttert, drückt aber nieder. Der Rabbi findet in seiner heidnischen Abstammung den Grund für seine dumpfen und sinnlichen Gefühle und das Unglück der Gemeinde. Er betrachtet sich als Sünder, was ihm die Geisterorgie, bei der er auch gesehen worden ist, noch deutlicher macht. Er erträgt das alles nicht und nimmt sich das Leben. S. geht gerade den entgegengesetzten Weg und vertieft den Stoff in bedeutsamer Weise. Die Nachricht von seiner heidnischen Abstammung drückt den Rabbi nicht nieder. „Aber ich kenne mein Wohin. Vollendung im Geiste.“ Er erklärt sich seine bisherige Unruhe, aber er empfindet sie nicht als Sünde. Den Feind — seinen eigenen und den der Gemeinde — will er aus dem Felde schlagen, indem er die Sinne aller aufregt bis zum äußersten — daher das fast unverhüllte Mädchen —, aber, um sie alle dadurch frei zu machen, zu Gott zu führen. Denn Gott ist auch in der Freude. Der Rabbi wird freilich mißverstanden und verwünscht. Erst allmählich geht einigen von ihnen der Sinn seines Tuns auf, und als ein Feuer ausbricht, wollen sie ihn retten. Aber er weigert sich und auch Sulamith — das Mädchen. So kommen sie um, aber im Gefühl höchsten Rausches, religiöser Seligkeit. Der Versuch, äußeres Unglück — das Kindersterben — durch innere Läuterung zu bannen, bleibt uns bei Nadel so fremd, wie bei S. Aber, was bei 8. trotzdem fortreißt, das ist das Bemühen, aus dem Einzelfall allgemeine jüdische Erkenntnis zu gewinnen. „Die Frau, mit Sonne bekleidet: ihr

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