Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 11 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1894 ent Linheitsgebetbuch, Union Prayer Book, für die Üie* (ottnflfmctribeu oer Vneinlgtcu Staaten schaffen, da-? in annähernd dreihundert Gemeinden eingesührt ist. Erneut kam m Deutschland die Frage des Einheitsgebetbuchs in Fluß, als die wirtschaftlichen Nöte der Nachkriegszeit es den Gemeinden unmöglich machten, ihre vergriffenen Gebetbücher neu zu drucken. Tie Vereinigung für das Liberale Judentum Deutschlands und vor allem die Verermgung Liberaler Rabbiner Deutschlands nahmen sich oer Angelegenheit an. Im Jahre 1922 fand eine Sitzung der von der Vereinigung für das Liberale Judentum gewählten Gebetvuchkommisiion statt, auf der beschlossen wurde, den hebräischen Text des Geigerschen Gebetbuchs, das in den Großgemmiden Berlin, Breslau, Frankfurt a. M und (in der Vogelsteinjchen Bearbeitungm den westfälischen Gemeinden eingeführt war, dem zu schaffenden Einheitsgebetbuch zu Grunde zu legen. Um dem individuellen Bedürfnis der verschiedenen Gemeinden uno der Rabbiner Rechnung zu tragen, sollten alle vom Rabbiner vorzutragenden Gebete und Liturgien aus dem Gebetbuch selbst ausgeschieden und einer besonderen Agende oder eurem Anhang Vorbehalten bleiben. Durch besondere Truckanordnung und spezielle Hinweise sollte die Möglichkeit geschaffen werden, den verschiedenartigen Bedürfnissen der Gemeinden 'gerecht zu werden. Die Kommission entschied sich einstimmig dafür, daß das Gebetbuch ohne vorherige Befragung der Gemeinden in Angriff genommen werden solle. Die Erfahrung der vorangehenden Jahrzehnte mit ihrem jedesmaligen negativen Erfolge führten zu diesem als notwendig angesehenen Beschluß. Aber auch diese Kommission erwies sich als zu groß und zu verschiedenartig zusammengesetzt, als daß sie erfolgreiche Arbeit hätte leisten können; ihr drohte das Schicksal aller vorangegangenen Kommissionen. Darum propagierte Rabbiner C. Seligmann, Frankfurt a. M., aus der Hauptversammlung der Vereinigung Liberaler Rabbiner in Köln 1925, au/ der er über Grundfragen und Grundsätze des liberalen Einhertsgebetbuches referierte, den Gedanken, daß sich zunächst bie Gcoßgemeiuden Berlin, Breslau und Frankfurt, in denen das Geigcrsche Gebetbuch, freilich in verschiedenen Fassungen, emgesührt ist, zur Schaffung einer gemeinsamen Liturgie zusammcnfmden sollten. Diese Anregung, von Hermann Bogelsteiu Breslau und Leo Baeck-Berlin unterstützt, führte zu einet Zusammenarbeit dieser drei Gemeinden, für die Professor Elbogen zunächst im Auftrag der Berliner Gcmetnse - eine ausführliche Denkschrift verfaßte, die, zusammen mit einer zweiten Denkschrift Sen'gmanus, der weiteren Arbeit zu Grunde gelegt wurde. Nach Konstituierung des Liberalen Kultus-Ausfchi-sses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden im Oktober 1926 übernahm dieser Kultus-Ausschuß, mit Zustimmung der bisherigen Kommissionen und deren Auftraggeber, dre weitere Ausführung des Einyeitsgebetbuches und übertrug dieselbe einer kleinen Arbeitskommission, bestehend ans Seligmo.uit, Elbogen, Bogelsteln und Morin Rowutha! als lechnischer Berater. Die Gesamtredartion und deutsche Ueberfetzung übernahm unter einstimmiger Zustimmung des liberalen Kultus-Ausschusses Seligmann, etc Bearbeitung des hebräischen Textes Elbogen und mit beiden gemeinsam Vogelstein. In zahlreichen mündlichen Beratungen und schriftlichem Meinungsaustausch wurden die grundsätzlichen und' Spezialfragen gemeinschaftlich von diesen dreien eingehend erörtert und hervorragende Fachmänner zur Beratung und Durchsicht zunächst des Manuskriptes, daun vor allem der Korrekturbogen yeraugezogen. Mit besonderer» Dank sei vor allem die überaus wertvolle Mitarbeit de? Herrn Direktors Tr. .Holzmann hervorgehoben. Grundsätzlich neu, m bewußter Abwendung von der den liberalen Gebetbüchern des 19. Jahrhunderts eigentümlichen deutschen Paraphrase, ist die Ueb ersetz ung der Gebete, die möglichst treue Wörtlichkeit anstrebt, sichtz dabei aber dem anders gearteten deutschen Satzbau und Sprachgeist anzupasfcn bemüht ist, besonders auch der poetischen Schönheit der Gebete gerecht zu werden versucht, sodaß auch der deutsche Text allein zum Beten verwendbar sein soll. den von Großgemeindeu eingeführten Gesängen (Psalm!30) und „D, Tag des Herrn" zur Einführung empfohlen. Gehört das neue Kol Nidre nur m feinen Anfangs- und wenigen anderen Worten zu den wiederhergesteltten alten Texten, so ist im Wortlaut der Werktags-Tephilla, soweit keine grundsätzlichen dogmatischen Bedenken bestanden, in den Sündenbckenntnisien, im Abinu Malkenu der Hohen Festtage, in vielen der ausgenommenen alphabetischen Piutim, der alte Wortlaut wieder hergestellt worden. In Bezug aus die Werktags- Tephilla wurde dem von Leopold Stein in der zweiten Rabbinerverfammlung zu Frankfurt 1845 ausgestellten und allgemein befürworteten Grundsatz, „die Bitten um Wiederverherrlichung Zions und Jerusalems, als der Stätte, von welcher alles Licht der Menschheit ausging, sowie die Bitte um die Ausrichtung des messianischen Gottesreiches durch den verheißenen (persönlichen) Messias" aufrecht erhalten bzw. wiederhergestetlt. Als Beispiel für Ersatz ungeeigneter durch geeigneter erscheinende Texte fei auf die neu ausgewählten Thora- und Propheten-Abschnitte an den Festtagen hingetm'esen. Die Eigenart dieses Neuen Gebetbuchs, das nicht für eine Gemeinde uno deren traditionelle Bedürfnisse, sondern für die Gesamtheit bestimmt ist, machte es notwendig, schon für das hebräische Gebet eine gewisse Freiheit und Spannung zu gestatten, wie ja bereits im Geigerschen Gebetbuch aus süddeutschen und norddeutschen Minhag Rücksicht genommen ist und wie das alte Siddur und Machsor an zahlreichen Stellen die Bemerkung enthält: in vielen Gemeinden wird dieses oder jenes Gebetstück eingeschaltet, weggelassen, oder es wird zwei oder mehr verschiedenen Möglichkeiten Raum gegeben. In diesem Sinn sollen auch die unserem Gebetbuch vorgedruckten Bemerkungen, aus die im ausführlichen Inhaltsregister sorgfältig Bezug genommen ist, den Gemeinden die Möglichkeit geben, ihren Gottesdienst je nach ihren Traditionen und Bedürfnissen zu verkürzen oder zu erweitern, dies oder jenes Gebetstück zu sagen oder aus^uschalten. Gilt dies schon für die hebräischen Gebete, so erlangt es erhöhte Bedeutung für diejenigen Gemeinden, in denen das Gebet in der Muttersprache einen mehr oder weniger großen Raum im Gottesdienst, neben dem Hebräischen, einilimmt. In der neuartigen inhaltlichen Anordnung, die den Gemeinden die Freiheit gibt, den Gottesdienst entweder gairz hebräisch oder in erheblicherem oder geringerem Umfang mit deutschen Gebeten uno Gesängen verbunden, abzuyalten, liegt mit in erster Lime die Bedeutung dieses neuen Gebetbuches. 'Aus diesem Grunde und um nicht durch feststehende deutsche Gebete dem Rabbiner und der Gemeinde bindenden Zwang au «zue »legen, wurden, entsprechend dem obenerwähnten Kommissionsbeschluß, sämtliche sowohl vom Rabbiner zu sprechenden als auch der Gemeinde zur stillen Andacht dargebotenen deutschen Gebete, zusammen mit den Liedern, in den A n hang verwiesen. Eine Ausnahme macht nur die Rhoda an Jom Kippur, bei der Deutsch und Hebräisch wechseln. Doch ist auch hier, wie die Bemerkung über der Aboda betont, den Gemeinden und Funktionären freie Hand gefasten, zu kürzen oder sich eines andern deutschen Textes zu bedienen. Die umfangreicheren deutschen Gebete und Betrachinngca des Anhangs haben die Bestimmung, in den Gemeinden, in denen keine Predigt gehalten wird, diese zu ersetzen. Um den wahren Charakter oes Gebetbuchs zu erkennen, dar; man sich daher nicht von dem ersten Eindruck des rein hebräischen Teils (mit Uebersetzung) verwirren lasten, sondern muß insbesondere unter Zuhilfenahme des Inhaltsverzeichnisses - den deutschen Anhang mit heranzieheu, der den Gemeinden weite Möglichkeiten zu individueller Ausgestaltung des Gottesdienstes auch nach der Seite der Verwendung deutscher Gebete darbietet. Tic Gebete und Lieder des deutschen Anhangs sind zum Teß eine Auslese der am geeignetsten erscheinenden Stücke der vorhandenen Gebet- und Andachtbücher, zum Teil neu ver.aßte Gebete und Lieder, zu denen, außer dem Hauptbearbeiter Seligmann, insbesondere Gottschalk-Frankfurt, Schön bergcr-Aachen, Wilde-Magdeburg und Leonie Meyerhof-Hildeck- Frankfurt, beachtenswerte Beiträge lieferten. Daß dieser Teil am meisten der Vervollkommnung bedarf, wissen die .Herausgeber am besten. Eine an hervorragende jüoische Dichter gerichtete Aufforderung, poetische Beiträge zu liefern, hatte keinen nennenswerten Erfolg. Als eine gewiß von vielen dankbar begrüßte Neuerung ist der bei jedem Gottesdienst immer wieder aufs neue vollzogene Abdruck der Gabete zu werten, sodaß fast nirgends (eine Ausnahme machen nur die Simchat-Thora-Feier, die unmittelbar vorher abgedruckt ist, uno das zusammenhängende Schacharil der Festtage) ein Zurückblättern oder gar mühsames Ziisammensuchen der einzelnen Teile des Gottesdienstes nötig ist. Trotz der hierdurch me auch durch den Anhang stark vermehrten Bogenzahl dieses Gebetbuchs gegenüber den bisher gebräuchlichen, ist durch Verwendung von Bibel-Dünndruckpapier der Umfang der beiden Bände eher verringert als vergrößert, und der elastische Einband wie auch das kleinere Format wachen das Gebetbuch handlicher als die alten. Der Preis jedes der beiden geschmackvoll gebundenen Bände stellt sich auf 5 Mark. Gemeindebehörden erhalten bei Bestellung von mindestens 50 Exemplaren 33 V» «V» Rabatt. Probe-Exemplare werden Gemeindebehörden aus Wunsch von dem Verlag M. Lehrberger u. Eo., Frankfurt a. M., zugesandt. Umschau Einschränkung des Rechtes der freien Religionsiibuug. Der Rabbiner der Leipziger Jüdischen Gemeinde Herr Dr Felix Goldmann hatte feinen Sohn an den Sonnabenden (Sabbattagen) nicht in die Schule geschickt. Gegenüber oer Schulbehörde begrünoete er dies damit, daß sein Sohn dem Sabbat-Gottesdienst im jüdischen Tempel beiwohnen müsse und daß das Recht ans freie Religionsübung verfassungsmäßig garantiert sei. Er wurde trotzdem zu einer Geldstrafe verurteilt und dieses Urteil wurde vom Leipziger Gericht be stätigl. Dr. Goldmann ging bis zum Sächsischen Oberlandesgericht, das aber seine Revision verwarf. Es entschied, daß zwar Artikel 135 oer Reichsversassung die ungestörte Rcligionsübung gewährleiste, aber nur mit der ausdrücklichen Einschränkung in Absatz 3, daß die allgemeinen Staatsgefele hiervon unberührt bleiben. Eine ähnliche Einschränkung mache auch Artikel 136. Das Recht zur freien Religionsübung findet also nach Ansicht des Oberlandesgerichts feme Grenze in den Bestimmungen der allgemeinen Reichs¬ und Landesgejetze. Da in Sachsen ein Rechtsanspruch aus Befreiung eines Schülers vom Unterricht an staatlich nicht anertannten Feiertagen nicht bestehe, haoe das Gericht die Revision verworfen. Sinnvolle Einstein-Ehrung der Jüdischen Altershilfe. Die Jüdische Altershilse Groß-Berlin E. V. hat sich eine besondere Ehrung Albert Einsteins aus Anlaß des 50. Geburtstages des großen Gelehrten und Menschen ausgedacht. Sie wird einer größeren Anzahl jüdischer Gelehrter im Alter von über 6() Jahren, die hilfsbedürftig sind, größere Zuwendungen machen. Die Altershilse wandte sich um Namhaftmachung solcher Gelehrter an die Jüdische Gemeinde Berlin, die Großloge, die Gemeinde Adas; Jisroel, die .Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und den Verband russischer Juden. Professor Einstein wurde von diesem Plan benachrichtigt und gab seiner Genugtuung über denselben Ausdruck. WWe 77' f.' Von Kurt Walter G o l d s ch m i d t. Für den hebräischen Text kam, da dem Gebetbuch möglichst weite Verbreitung gesichert werden sollte und die Mehrzahl der für das Gebetbuch in Betracht kommenden Gemeinden treu zu ihrer Tradition steht, eine tief eingreifende Neubearbeitung nicht m Frage. Tennoch ist auch dieser Teil vielfach umgestaltet. Er weist Kürzungen und Erweiterungen auf, Wiederherstellung alter Texte uno Ersatz ungeeigneter durch geeigneter erscheinende Stücke. Gekürzt ist vor allem durch grundsätzliche Vermeidung von Wiederholungen ein uno desselben Gebetes während des gleichen Gottesdienstes, z. B. Kaddisch, Aschre, Keduscha (m hameir laarez und uba l'Zion weggelassen, weil in der Tephilla). Dahin gehört auch der ursprünglich nur für oen im Gotteshaus lernenden almudgelehrten bestimmte Segensspruch über die Thora uno die dazu gehörigen Stücke am Anfang des werktägigen Morgengebets. Ter Gesang Ji'göal, der erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts im polnischen Gebetbuch erscheint, wird nur für Sabbat- und Festtage beibehalten. Tie Segenssprüche nach Elohai Neschama, die nach talmudischer Vorschrift bei verschieoenen Veranlassungen zu verschiedenen Tageszeiten gesprochen werden sollen, sind reduziert. Ten ersten Teil oes werktägigen Morgengebets bis baruch scheamar der häuslichen Andacht zu überlaßen und gleictz mit baruch scheamar zu beginnen, wird dem Ermessen der Gemeinden anheim gegeben. Die P'suke d'Simra (Psalmen) sind aus die einzelnen Wochentage verteilt. Tachrnun, ursprünglich wirklich stiller Herzenserguß ohne geprägte Form, ist auf Psalm 6 mit kurzen Einleitungs- und Schlußworten zufammengezogen. Störe,ide Ueberschwenglichkeiten oes Ausdrucks und Häufungen synonymer Worte, z. B. tn Ahaba rabba, Emet w'jazzib, faaleh w'jabo, auch im Nischmat, sind beseitigt. Eine starke Kürzung erfuhren u. a. auch die Hoscho.not, die außerdem von der ungeeigneten Stelle am Ende des Gottesdienstes, an die geeigneter erscheinende Stelle vor dem Ausheben der Thora oder zu Beginn des Ausbebens gerückt wurden. Diese Beispiele sollen die Tendenz der Kürzungen veranschaulichen. An Erweiterungen ist vor allem ein vollkommen neuer festlicher Vorabend-Gottesdienst für Chanuka, Purim und neunten Aw mit Abdruck oes Buches Esther und der Klagelieder, hebräisch und deutsch, zu verzeichnen. Des weiteren sind dre schönsten Psalmen und, insbesondere für die hohen Festtage, einzelne Stücke aus dem sefardischen Ritus neu ausgenommen. Auch eine, der herkömmlichen Melodie und selbst dem alten Wortlaut einigermaßen angepaßte, hebräische Neubearbeitung des Kol Nidre ist den Gemeinden neben Es ist grotesk, was den Juden alles abgesprochen wird Man hat ihnen reine großen Dichter, Mater. Musiker zuerfenuen wollen; man hat ihnen günstigen Falles ein tritii.h intellektuelles Talent bei Vermittlung eingeräumt. Die Stärke und Fülle jüdischer Talente ließ sich freilich nicht aus der Welt schaffen, aber jene schöpferische Höchitsteigerung des Talentes, ore man mit dem vagen Namen des Genies zu bezeichnen pflegt, sollte ihnen angeblich sehleii. Offenbar wirkt hier eure P sy ch ose, wie wir sie in stärkstem Uniumg und Tiefgang zu Beginn und im Verlause des Krieges erlebt haben. Die gegen einander verhetzten Völker konnten sich m gegenseitiger Entwertung, Verkleinerung, Beschimpfung nicht genug tun. ' Das Fremde, Andersartige wird ohne weiteres als minderwertig empfunden. Kein Wunder also, daß sich die Juden in ihrer chronischen Abseitigkeit und Gegensätzlichkeit bei den übrigen Völkern nicht gerade einer glänzenden Gesamtzensur erfreuen! Objektiv besagt das natürlich nicht das Geringste. Allgemcin-Urteile sind fast immer gewissen- und gedankenlose Vorurteile, also Fehlurteile. Wie sagt doch Nietzsche? „Oefscutliche Meinungen sind private Faulheiten." - Und: „Dec conjensus gentium ist eigentlich immer nur eine Dummheit." Das Vorurteil gegen die geistigen Anlagen der Inden schlägt sich aber schon durch eigenen Widerspruch. Man bezeichnet und schilt wohl auch die Juden als abstrakt, bildseindlich, kunstfeindlich und spricht ihnen doch im gleichen Atem auch die Fähigkeit zu abstrakt-sperulatioem Denken ab. Selbst große Geister haben darin gesündigt - wie etwa Schopenhauer, von dem die wunderliche Behauptung stammt, es fehle den Inden am metaphysischen Organ. Aber wie kann einem Volke das metaphysische Organ fehlen, das als erstes endgültig zur Einheit und Geistigkeit des Gottgedankens durchstieß? Das sich „kein Bild von Gott machen", sondern ihn nur un reinen Geiste begreifen uno verehren dutste?: Wenn volkspsychologisch irgend etwas seststeht, so ist es gerade die über das Sinnliche hinausweisende abstraktspekulative Veranlagung des Juden. Die Stärke und Zähigkeit seinesirdisch-praktischen Lebens- und Machlwillens widerspricht dem nicht - denn die ist nur Ausdruck jener übermenschlichen und unerschöpflichen Vitalität, die ihn ungebrochen durch Jahrtausende schwersten Schicksals geleitet hat, aber diese Vitalität schließt jene metaphysische Anlage rv sich ein, und nicht zum wenigsten war es jüdischer Gotteswille, Gottesglaube, also ein metaphysischer Grundtrieb, der ihm die Kräft zum Durchhalten gab. Ter Irrtum stammt wohl daher, daß man die Polarität des jüdischen Wesens verkannte. Es muß immer wieder betont werden, daß die stärksten geistigen Spannungen gerade im Judentum leben. Gegensätze sind in ihm ins Extrem gegipfelt; er ist so etwas wie „die wandelnde Antinomie". So erklärt es sich, daß mau so Oft mit gutem Recht das eine wie das anheie, emc Tatsache und auch ihr Gegenteil von ihm aussagen kann. Von den Gegnern wird das natürlich weidlich an.Sgeiiützt, aber es heißt gerade das vieldeutige jüdische Wesen rer fälschen, wenn man es ans eine Eindeutigkeit sestlegen w ill. Vielleicht wirkt hier manchmal in Un- und Uebermaß ein Erbteil des alten Orients nach - aber in diesen Extremen, dieser Höchstspannung der Art und Kraft, beruht auch die Größe des Inden und seiner weltgeschichtlichen Leistung. Man kann den Juden einen Rationalisten, man kann ihn auch einen Mystiker nennen. Und man kann beides hiftoiisch belegen. Seinen Rationalismus braucht man nicht erst zu beweisen. Eine weitere, nie restlos zu lösende Frage ist freilich, wie weit solche Anlage angeboren und ursprünglich, wie weit sie durch jahrhundertlange, vielleicht umbiegende uud verwirrende Enrwicklung erworben ist. Daß jüoische Dialektik zu ihrer heutigen fabelhaften Höhe erst hinaufgezüchtet werden mußte, ist ziemlich klar. Jüdische Mystik andererseits wird durch Kabbala und Chasiidismus ausreichend bezeugt. Ueberzüchtung des Verstandes treibt übrigens m durchaus lyrischer Weise eine gewisse Wucherung des Phantasielebens als Gegenschlag aus sich heraus. Auch in den jüdischen Philosop'hcn werden öfter einmal die Gegensätze anseinandertreten - und zwar, was das Interessanteste ist, sogar innerhalb ein und derselben Persönlichkeit. Durch alle Verwicklungen schlagen eben immer wieder die ursprünglichen, typischen Grundkräfte durch. Das ist es ja auch gerade, was den jüdischen Geistigen so oft zerklüftet, spannungsreich und eben dadurch besonders fesselnd macht. Nun aber macht die Synthese von Ratto uno Mystik, von spekulativem Verstand und metaphysischer Phantasie, den den Philosophen aus. Wie sollte also ein Volk, das jene beiden Anlagen in höchstem Maße besitzt, unphilosophisch sein? Hinzu kommt der jüdische Kritizismus. Zwischen Kritik und^ Philosophie gehen aber viele Brücken hin und her. Das Staunen ist nach Plato der Anfang der Weisheit, und nach Schopenhauer bezeichnet es den Philosophen, daß er oen Mut hat, keine Frage au| dem Herzen zu behalten. Der Deuker sieht nicht Tatsachen, sondern Probleme. Wer aber wäre au, die allgemeine und besondere.Problematik des Daseins stärker, kritischer, also eben philosophischer eingestellt als gerade der Jude? - 7