Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 10 (8.3.1929)
- Date
- 1929-03-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWM '«■!>l" . J"ili -1 inl J PH jpj, Sport darf er sich austummeln nach Herzenslust. Tier- und Pflanzenpflege gehören zu den Pflichten der Kinder; in der Freizeit darf jedes seiner Lieblingsbeschäftigung obliegen: basteln, musizieren, lesen. Die Schüler gründen Vereine unter sich, in denen sie sich in ihren Interessengebiete betätigen können, sie spielen Theater, sie wandern gemeinsam mit ihren Lehrern — kurz, es läuft alles darauf hinaus, dem jungen Menschen „Erleben" zu vermitteln. Der Erzieher ist der Freund und Berater, der den Jugendlichen in seinem Bestreben, das Erlebte zu verarbeiten, unterstützt. In .solchen Anstalten kennt man die Prügelstrafe überhaupt nicht mehr. In Fällen, da Strafe nötig ist, läßt man die Kinder selbst über die Art der Strafe entscheiden, und es hat sich gezeigt, daß sie in der Beurteilung von Verstößen sehr streng sind. Alles ist auf Selbstverwaltung, Freiwilligkeit, Freudigkeit, eingestellt. Diese moderne Auffassung wirkt sich in den jüdischen Waisenhäusern in religiöser Beziehung sehr günstig aus. Man verlangt von den Kindern nichts, aber sie üben freiwillig die religiösen Uebungen aus, weil man es verstanden hat, das BÄürfnis nach religiöser Betätigung in ihnen zu wecken. Ich selbst habe einmal beobachtet, mir welcher Freude und Hingabe bei einem Rauschhaschonoh-Gottesdienst in einem jüdischen Waisenhaus ein zwölfjähriger Junge einen Knabenchor mit Orgelbegleitung dirigierte. Der Lehrer, der Erzieher von heute genießt das volle Vertrauen seiner Schützlinge; in der Reifezeit mit chren Fragen und Zweifeln wissen sie, daß sie bei ihm Verständnis finden für alles, was in ihnen vorgeht. Dies ist ein Hauptvorteil gegenüber der alten Methode, die gerade in diesen kritischen Fragen die Jugend vollkommen im Stiche ließ. In diesem Punkte versagten früher leider viele Erzieher und oft genug auch die Eltern. Aber für die in halber Gefangenschaft lebenden Waisenhausinsassen war dies eine, besonders schwere Belastung, die sie ohne dauernde seelische Schäden nicht überstanden. Es läßt sich denken, daß eine Anstalt, die uach diesen modernen Grundsätzen aufgebaut ist, ihre Zöglinge auch dann nicht fallen läßt, wenn sie ihr entwachsen sind. Von den Schülern gegrmidete Vereine sorgen dafür, daß sie, wenn sie später draußen im Leben stehen, dauernd miteinander und mit der Anstalt in Verbindung bleiben. So steht der junge Mensch auch dann nicht mehr einsam und verlassen in der Welt, er ist nicht mehr ganz und gar dem bitteren Gefühl des Verwaistseins ausgeliefert, und in schweren Zeiten kann ihm durch den Verein Rat und Hilfe werden. Noch vieles läßt sich über diese Fragen sagen, was hier nur kurz angedeutet werden konnte. Es igibt Gegner der neuen Erziehungsmethode, die Mängel an ihr entdeckt haben und die Jugend vor Experimenten geschützt wissen wollen. Gewiß, nichts ist vollkommen. Wesentlich jedoch ist, daß die neue Methode versucht, der Psyche des Kindes und des junger: Menschen gerecht zu werden. Es werden immer wieder neue Wege gesucht, den .Kindern näher zu kommen, und eine der schönsten Pflichten der Gesellschaft ist es, dazu beizutragerr, daß verwaisten Kindern in der: Waisenhäusern wirklich ein Ersatz für das Elternhaus geboten wird. Jüdische Wohlfahrtsvereine Von Doris W i t t n e r. Das Jahr 1929 steht im Zeichen Gotthold Ephraim Lessrngs und Moses Mendelssohns. Die Zrreihundertjährletec ihrer beiden Geburtstage - der Lessrngs am 22. Januar 1729 und der Mendelssohns am 6. September 1729 werden von dem gesamten geistigen Deutschland in Wort und Schrift geehrt. Denn beide Männer, m einer Aera geistigen Obskurantismus' lebend und wirkend, unter der Herrschaft eines genialen und geistreichen, aber durch und durch sranzösisterten Königs, der weder eine deutsche Svrache, noch eine deutsche Kultur anzuerkennen, geschweige denn zn fördern gesonnen war, ließen, innig verbunden, von ihrem gemeinsamen Ideal nicht ab. Beide waren unbeugsame Seher und Propheten, die nn. ihrem inneren Auge ein zukünftiges Deutschland und die Verwirklichung dazumal noch gering geachteter humanistischer Ideale erschauten. Gotthold Ephraim Lessing war Ehrist und zeichnete dennoch in seinem „Nathan den Weisen" - der wohl viele Weseriszüge seines Freundes Moses Mendelssohn aufweisen mag - den vorbildlichen Juden, „durch dessen Herz ein brennendes Recht fließt", und dem er das unsterbliche Wort in den Mund legte: „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, Als Mensch? Ach wenn ich einen mehr in Euch Gesunden hätte, dem es genügt, ein Mensch &u heißen!" Moses Mendelssohn hingegen war Jude und zwar ein frommer, dem Alten Bund mit allen Fibern seines Seins ergebener Jude. Trotzdem vollbrachte er die in den Augen seiner orthodoxeren Glaubensgenossen unverzeihliche, ketzerische Tat, das Pentateuch (Fünf-Buch Mosis) uns die Psalmen aus der hebräischen Sprache ins Deutsche zu übertragen Gotthold Ephraim Lessing führte gewiß keinen mustergültigen Lebenswandel. Er zechte, spielte, verstrickte sich in Schulden und Zänkereien. Trotzdem glühte auch in seiner in Jrrnis und Wirrnis einhertaumelnoen Seele ein leuchtendes Menschenbild, wie er es eben in seinem „Nathan" gestaltete. Für ihil zwar blieb es „ein Problems". Dafür eiferte MojeZ Mendelssohn umso inbrünstiger, der schöpferischen Vision seines großen Freundes nachzustreben und sich anzupassen. Beide Männer sind ihrer Zeit um zwei Jahrhunderte voraus gewesen. Wenn auch Frau Mathilde Ludendorfs heute nachzuweisen oder mindestens zu behaupten wagt, daß Lessing durch Juden und Freimaurer hinterlistig gemeuchelt ward, und daß gerade Moses Mendelssohn den angeblichen Mord an Lessing sogar durch die ruchlosen Worte zu rechtfertigen trachtete: „Er schrreo „Nathan der Weise" und starb" und .,Jehovah, der große Baumeister oer Welten, der immer zur rechten Zeit stetben läßt, werde auch wissen, wer Leffing die großen Vorräte Laudanmnputver gegeben," die ihn vom Leben zum Tode beförderten. Lessing, der große Deutsche, hat in seinem vertrauensvollen Edelsinn das Schicksal des deutschen Volkes an sich erlebt und Freimaurer und Juden zeigten ihm die Bruderliebe." Was weiß Frau Mathilde Ludendorfs, dre demagogische Hetzerm und ihr völkischer Heerbann von echter Bruderliebe? Sofern Naturen me die ihre und ihresgleichen überhaupt einer Belehrung zugänglich waren, dürfte es heilsam für sie sein, sich gelegentlich einmal in den mehr als ein Jahrhundert * Verfammluugskalender ★ Breslau. „JU Abraham Geiger." Mittwoch, den 13. März, 20.15 Uhr. im Bereinslokal „Soziale Gruppe", Kaifer-Wilhelm-Straße 16, vor» trag von Herrn Dr. Ernst Heinrich Seligsohn, Berlin, über „Das Problem der Bibelübersetzung". Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendgemeinschaft. Dienstag, den 19. März, abends 8.45 Uhr, Heimabend im Sitzungszimmer der Westend-Synagoge. Fortsetzung der Ausspracheabende „Unsere Umwelt und wir". Ratibor. Mittwoch, de» 13. März, 20 Uhr, findet im Jli ein Bortrag über „Benjamin Disraeli" statt, gehalten von Frau Recknitz. Eingangs werden di« letzten Telegramme der „Jta" verlesen. } * | Gottesdienst« | j Verliu-Rarhe«. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 8. März, Gottesdienst. Predigt: Professor I. Friedländec. Sonnabend, den 9. März, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomvnski. Berltu-Westeud. verein Liberale Synagoge Westead, Leistikowstraße 7-8 (Schal« avla), nahe Reichskanzlerplatz. Jede« Freitagabend liberaler «»11er« bienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 8. Marz, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Klein. Berlin-Wilmersdocf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cätilienfchule, Rikolsburger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, de« 8. März, Predigt: Rabbiner Dr. Salvmonski. bestehenden Wohlfahrtsvereinen umzutun, die, sämtlich dem Boden der jüdischen Gemeinde entsprossen, alle dem gleichen Ziel huldigen, in aller Stille dem „Bruder Mensch" oie helsende, oft rettende Hand zu reichen. Deutschland hat in dem letzten Jahrzehnt oie schwersten Prüfungen seit dem Bestände des Reiches erlitten. Und was der deutsche Bürger, der unverschuldet in Not und Elend geraten war, brauchte, war keine heimliche Feme, keine verhüllte „Ochrana" oder der Neuzeit entsprechend, „Tscheka", nach denen die um den Nationalhelden a. T. Luoendorfs, nebst Frau Mathilde, geb. von Kemnitz, schreien, sondern vielmehr „Schutzwehren der Freunde" oder, wie die Gesellschaft Magine Reim seit 1804, als ste sich statt der hebräischen Umgangssprache des deutschen Wortschatzes bedienen durfte, „Verein zu gegenseitiger Hilfe" nennt. Vielleicht würden selbst oie Hetzer und Wühler oon der extremsten Rechten, die Weiß- und Rotsrontkämpser von der strengsten Observanz anderen Sinnes werden, wenn sie einmal Gelegenheit hätten, die geheime Liebestätigkeit von Gesellschaften wie die „Magine Reim" oder der „Brüderverein" aus der Nähe kennen zu lernen. Dre materielle Not uno das ideelle Leid vieler durch Krieg, Inflation und Deflation jedes weiteren Lebensmutes beraubten Witwen und Waisen sind durch die verschwiegende Liebestätigkeit dieser Gesellschaften gelindert und wieder ins Dasein zurückgerusen worden. Es ist leichter, viel, viel leichter, Arbeitslosen oder freimütigen Proletariern zu Hilfe zu eilen als gerade jenen verschämten Armen, die dereinst nicht nur bessere, sondern gute, häufig genug sogar glanzvolle Tage gekannt haben. Diese Kategorie der Menschheit pflegt nach Maeterlincks schönem Wort zu handeln: „Schweigen ist der Schatz des Armen". Wie brauchen bloß die Presse der letzten Jahre durchzugehen, um in der Statistik der Selbstmorde, auch Morde nächster Anverwandten, sowie Entgleisungen uno Verzweiflungsakten leder Art aus höheren, eheoem vor dergleichen Möglichkeiten mit Schrecken zurückweichenden Schichten ein erdrückendes Beweismaterial für den Jammer oieser Kreise zu erhalten. Diese Menschen, denen immer nur das Wort „Tank" in den Ohren geklungen haben mag, über deren Lippen jedoch niemals ein flehentliches „Bitte" zu schlüpfen brauchte: diese Menschen sahen und sehen sich plötzlich ohne eigenes Verschuloen dem „Horror vacui" gegenüber. Manchen von ihnen aber es ist eine verschwindende Minderheit — gab ein Gott zu sagen, was sic leiden. Schlimmer daran sind jene, deiien bas allgemeine wie das moividuelle Schicksal der Kriegs- und Nachknegs;ahre selbst den Glauben an ein höheres Wesen raubte und me in ihrer Verbitterung vielleicht noch skeptischer dem Wort gegenüber stehen: —„Der Mensch ist des Menschen höchstes Bedürfnis." Es ist die Eigentümlichkeit der Magine Reim und des Brü- ,dcrverems (wie übrigens ebenso der „Gesellschaft der Freundd"), die hier nicht als Verdienst, sondern nur als Tatsache hervorgehoben werden soll, daß sie nicht erst auf einen Appell Hilfsbedürftiger oder vielleicht ihnen nahestehender Freunde warten, sondern, daß in ihren Satzungen bestimmte Verpflichtungen enthalten sind, ihren Mitgliedern, sowie deren Witwen und Waisen m allen Notfällen selbständig beizuftehen und zwar unter unverbrüchlicher Schweigepflicht, da in den Akten nicht einmal der Name des in Not geratenen Mitgliedes verzeichnet steht, vielmehr an seiner statt eine wesenlose Nummer. Das Judentum, oas ob seiner Geldgier und fernes Geizes vielfach fälschlich verschrien wird, kennt aber innerhalb seines Bundes ganz, ganz andere den lautesten Rufern im Streit wider die Juden unbekannte - lieber» lieferungen. So beispielsweise kann am Vorabend des Pessachfeftes, der in einem gläubigen Hause begangen wird, jeder Bedürftige Zutritt ftnoen, um getränkt und gespeist und mit milden Gäben versehen zu werden. Niemand darf abgewiesen werden. So will es das Gesetz. Gleichviel, ob die Hilseheischenden nach Dutzenden oder darüber zählen. Ebenso wird kaum ein armseliger, vielleicht im finstersten Osten behauster Jude, der zur Erhaltung seines Lebens eines Aufenthaltes in einem ernsten, aber kostspieligen Heilbade bedarf, vergeblich an die Türen seiner begüterten Glaubensgenossen klopfen, ohne nn Scherflein zum Zwecke seiner Genesung zu erhalten. Drese bemitleidenswerten Außenseiter des Schicksals werden häufig von einer wohlhabenden jüdischen Familie an eure andere empföhlen, bis der erforderliche Betrag zur Ge- W- ' ' III Ijliy.111 UW,||. II . I,IIH).I.I|I IMHITfW nesrmg des unbekannten Bruoers beisammen ist. Was wissen Frau Mathilde Ludendor,s und die Erfinder und Hüter des neuen „Arrerparagrapyen" von dergleichen edelmütigen, aber selbstverständlichen Sitten des von ihnen befehdeten Stammes. Sre kennen und neirnen immer nur die goldene Internationale der dreihundert erdbeherrschenden Nabobs aus dem Hause Israel, deren einziges Ziel es sein soll, Deutschland auszurotten. Tie Liebestätigkeit der Magine Reim und des Brüdervererns (wie auch der „Gesellschaft der Freunde") kann trotz selbstverständlich ebenfalls verringerten Mitteln nicht hoch genug eingeschätzt werden, weil sie werbend an ihre verarmten Mitglieder herantritt, um ihnen Trost und Hilfe zu gewähren. Sie ist umso wichtiger und wertvoller, als dre Zen1ratwohl',ahrtsstelle der deutschen Juden, wie wir aus ihrer Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege von 1929 ersehen, überlastet ist und, gleich dem Landesverband der preußischen Juden, ihre Dispositionsfonds statt der freien Wohlfahrtspflege, ausschließlich der amtlichen in einzelnen Spitzcnverbü'nden organisietten Hilsstättgkeit zuwenden kann. Selbs. die schönsten psychoanalytischen Betrachtungen darüber, daß Minderwertigkeitsgefühle zumeist eine organische und eine soziologische Wurzel haben und daß die m ateriel le Strukturveränderung eine „innere Verwahrlosung" erzeugt, der am besten durch Ausschaltung aller früheren Lebensbedingungen und einer statt dessen platzgreisenden Unterbringung in Altersheimen, Fürsorgeanstalten und oerlei Instituten mehr das Wort reoet, hilft nicht darüber hinweg, daß lnec die Wohltätigkeit an Stelle einer Wohltat zu einem systematischen Schema wird. Der Mensch ist keine Maschine und zieht häufig eine noch so kärgliche individualistische Existenz dem vegetativen Dasein in den oben benannten Organisationen vor.. Tie Magine Reim und der Brüderverein haben das Wesen der menschlichen Barmherzigkeit in ihrer Eigenschaft als „Schutzwehren der Freunde" besser erkannt und betätigen es nach wie vor im Sinne Moses Mendelssohns, der als höchste „Bestimmung des Menschen" erkannte: „Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, Das Beste tun." Süßkind von Trimberg Bon Joseph Kaufs mann. So traurige Erscheinungen auch der erste Kreuzzug für die deutschen Juden, namentlich am Rhein, mit sich gebracht hatte, die schrecklichen Ausschreitungen, die sich die dem Kreuzheere vorausziehenden Banden hatten zu schulden kommen lassen, wurden doch von keinem Teile der deutschen Bevölkerung unterstützt oder gebilligt, weder von den Bauern noch den Bürgern, weder von der Ritterschaft noch der Geistlichkeit. Bis dahin hatten die Juden friedlich inmitten ihrer Umgebung gelebt, nur vereinzelt waren Feindseligkeiten vorgekommen, die aber von den Kaisern, den Fürsten oder den Bischöfen, je nach ihrer Zuständigkeit, rasch beigelegt wurden. Nach dem ersten Kreuzzuge trat aber bald eine Spannung zwischen einzelnen christlichen Kreisen und den Juden ein. Bis zum ersten Kreuzzuge lag der Handel fast ausschließlich in den Händen der Juden, nach diesem Kriege, durch den die Deutschen zur Keniitnis der fernen Länder und deren Produkte gelangt waren, widmete sich auch die deutsche Bürgerschaft mit Eifer der Einfuhr fremder und der Ausfuhr deutscher Waren. Die Konkurrenz führte zur Feindschaft, der Neid zur Abneigung, und Fanatiker, Geistliche und Laien, benutzten geschickt die eingetretene Spannung zu religiösen Verhetzungen. Dieser Umschwung trat nicht plötzlich ein, sondern allmählich, aber er wuchs ständig, Jahrhunderte lang. Gegen Ende des zwölften Jahrhunderts war aber die Trennung zwischen Christen und Juden noch nicht weit fortgeschritten. Noch sprachen Juden und Christen die gleiche Sprache, noch waren die Juden nicht gezwungen, in abgesonderten Straßen zu wohnen, oder besondere Abzeichen zu tragen, noch gab es jüdische Landwirte und Handwerker, noch waren die jüdischen Gelehrten und Dichter nicht gezwungen, sich ausschließlich mit jüdischen Wissenschaften oder jüdischen Dichtungen zu beschäftigen. Es war die Höhezeit der Meistersinger, der Wolfram von Eschenbach und Waltervon der Vogelweide. Aus dem Kreise der Meistersinger erklingt auch der Name eines jüdischen Kunstgenossen, des Sängers Süßkind aus dem kleinen Dorfe Trimberg bei Würzburg. In der berühmten Manesseschen Handschrift, die in der Pariser Bibliothek aufbewahrt wird, und die aus dem Anfang des 14. Jahrhundetts stammt, sind Lieder von etwa 130 deutschen Minnesängern gesammelt, und unter diesen befinden sich auch Lieder des Süßkind von Trimberg. Von allen Sängern sind Abbildungen beigefügt, Süßkind in der Judentracht der Zeit der Niederschrift, die erst etwa 100 Jahre nach seinem Tode erfolgte. Er trägt den spitzen Judenhut des vierzehnten Jahrhunderts. Es ist anzunehmen, daß Süßkind wohl nicht der einzige Jude war, der sich in der mittel-hochdeutschen Lyrik betätigt hat. Denn dieser Dialekt wurde damals von allen deutschen Jrcken gesprochen und wurde zur Zeit der Austteibung der Juden aus Deutschland, der Zeit des schwarzen Todes, von chnen mit nach den fernsten Gegenden ihrer Flucht mitgenommen und dauernd Wetter behalten, mit der Zeit, je nach der Gegend, durch slavische und andere Sprachen, auch hebräisch, aufgesAlt uno wird heute noch von einem großen Teile der Juden als „jiddisch" gesprochen.