Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-03-08 · 10 (8.3.1929) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
10 (8.3.1929)
Date
1929-03-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2614000-2614010--3071-2620615
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

vom „Witten zur Nacht" gepredigt werden, die Lehre von dem „Reinsten, der der Erde Herr sein soll". Und hat sich diese Lehre denn nicht bestätigt, bei Juden sowie bei Nichtjuden? Hat Earlyle nicht rocht, daß die Weltgeschichte die Summe der Taten einiger weniger Menschen ist, hat Momserr nicht recht, wenn er seststetlt: „Es ist das Verhängnis der Monarchie da doch kaum alle lausend Jahre in dem Volke ein Mann aussteht, welcher König nicht bloß heißt, sondern auch ist daß diese Kläglichkeit unvermeidlich an ihr hastet." - Nietzsche - Zarathustra ein Gottloser? Ein Verführer der Jugend zur Sinnlichkeit, zum Ausleben ohne Grenze und Schranke? Der beliebtste Vorwurf. Gewiß kennt Nietzsche nur diese Erde, sie ist unser Glück, unser Ziel, unsere Hoffnung. Gewiß ist er Anhänger sinnlicher Freude, will nicht, daß Körper und Leib verachtet werden. Aber wenn wirklich der Literarhistoriker Walzer schreiben muH: „Man erlebt es und hat es oft genug erlebt, daß Anhänger Nietzsches bei Aphrodite anfingm und bei der Dirne endigten," bann liegt die Schuld bei den Anhängern und nur bei ihnen. Nietzsche will die Lust, aber in reinem, in schönem Sinn. Er will die Erde - aber nicht bloß mit ihrer Lust, sondern auch mit ihrem Schmerz. „Schmerz ist auch eine Lust, Fluch ist auch ein Segen, Nacht ist auch eine Sonne." Der liebermensch muh das einsehen. Wie könnte ein solcher Lehrer Ausleben predigen wollen? Er will den Körper, auch er ist unser „Selbst", ist Voraussetzung für Geist und Herz - aber nicht mehr. Wenn es sich unsere Jünglinge und Jungfrauen nur merken wollten: „Einst dachten sie Helden zu werden : Lüstlinge sind es jetzt. Ein Gram und ein Grauen ist ihnen der Held. Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich dich: „Wirf den Helden in deiner Seele nicht weg." Wie erinnert das an den jüdischen Spruch: „Wer ist ein Held? Wer seinen Trieb bezwingt." Und wenn sie> gerade unsere Jugend heute, zu Liebe und Ehe kommt, ja auch nur an sie denkt, dann lese sie nicht bloß ein- oder zweimal, nein immer wieder und wieder das Kapitel des „gottlosen "Zarathustra von „Kind und Ehe". Do wird nicht nur gefragt: „Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne. . . oder redet aus deinem Wunsche das Tier?" Da wird nicht nur gemahnt: „Ueber euch hinaus sollt ihr einst lieben", sondern da wird auch die Liebe gedeutet als „Mitleiden mit leidenden und verhüllten Götter n". Kann man frommer von der Liebe sprechen? Was ist hier arideres gesagt als bei uns: „Die Liebe ist ein Gottesseuer?" Und dieses Feuer wartet der verhüllte Gott Zaratirustras wartet und wartet, bis ihm jemand den Weg ins Freie eröffnet, hin zum Herzen des anderen Menschen. Eine Erlösertat, das ist die Liebe also, eine Helsertat geradezu für Gott selbst, ein Weiterbaucn an seiner Schöpfung, eine Sicherung der Ewigkeit. Nietzsche-Zarathustra ein Gottloser? Nach den kurzen Blicken in die Gedankenwelt des Dichters noch ein kurzer Blick in seine Seele. Von der „Offenbarung", die er empfand, sprachen wir schon. Aber wenn er noch bekennt: „Ich bin zu heiß und verbrannt von eigenen Gedanken: oft will es mir dm Atem nehmen" - wen »erinnert das nicht an> das „Feuer", das in Jeremia brennt, das er nicht in sich bichalten kann. Und wenn Nietzsche so -- gerade im Kapitel von den „Gelehrten" spricht, wenn er nichts mit ihnen zu tun haben will, - „Freiheit liebe ich und die Lust über frischer Erde" - „Zu lange saß meine Seele hungrig an ihrem Tischt' so werfen wir auch hier wieder so tiefe Blicke in die Schaffenswerkstatt der Menschheitsführer. Gern liegt unser Dichter, „wo die Kinder spielen" — es ist eben doch immer der Unverbogene, der Leidenschaftliche, der nicht so sehr von Gelehrsamkeit strotzt, wenn auch gewiß deshalb nicht geistig arm ist, der Natürliche, der Mensch mit der Seele, der Mensch der Intuition, der in sich horcht und aus sich schafft und nicht aus Büchern vor allem, der die Menschheit auf die Dauer zu packen vermag. Nur soweit auch Gelehrsamkeit Leben ist, nur soweit auch das Wissen Leben wirkt, nur soweit auch der Gelehrte das Leben will, soweit ist auch er zum Führer berufen, wofern auch noch seine Sprache zu Leidenschaft wird. Noch öfter aber waren und sind es die anderen: die Religiösen, die Künstler, die Dichter, die Musiker, die Sozialen (nicht so sehr durch die Theorien wie durch ihre Glut), die wirklich die Welt in Alm: gehalten und halten. Und nicht selten erging es gerade ihnen so, wie es Nietzsche-Zarathustra erj Eise Jerusalem: „Steinigung in Sakya" Uraufsührmtg im Erfurter Stadttheater. Es ist literarische Mode geworden, den „tragischen Moment" des Judentums zu fixieren. Paradoxer Weise wird darunter jener Moment verstanden, in dem das Judentum eine besonders günstige Gelegenheit, spurlos vom Erdboden zu verschwinden, leichtsinnig vorübergehen ließ. Franz Wer sek, der der geistige Vater dieser Mode geworden ist, hat ausdrücklich geleugnet, daß er damit seinen religiösen Bruch mit dem Judentum vollzieheii wollte. Er saßt also die Tragik seines angestammten Glaubens nicht im transzendentalen Sinne auf, nicht im Sinne der christlichen Lehre, von der Berworsenheil des Judentums im Jenseits, sondern vonl Standpunkt höchst irdischer Enttäuschungen Was die hochstrebenoen jüdischen Jungliteraten die Tragik des Judentums nennen, entpuppt sich als der Herren (und Damen) eigene Tragik. Sie empsinden es peinlich, ohne legales Paßvisum rns geistige Abendland hineingeraten zu sein, iind mögen sie in westlicher Kultur auch tausendmal tiefer verwurzelt seni als deren zu hundert Prozent vollblütigen Gralshüter, so fühlen sie sich in ihrem Gewissen offenbar doch nicht ganz rein, sondern erscheinen in ihrem fptrituetien Bezirten von denselben Bekennungen heimgesucht, wie etwa die illegitimen Einwanderer in Amerika, die gerade setzt von den hundertprozentigen Einwohnern mit Hinauswurs bedroht werden. Noch Heine konnte oen Taufschein als „Entreebittet in die europäische Zivilisation" werten, heute, im Zeitalter emer Rassenlehre, die die Sünde jüdischer Abkunft bis ins vierte und fünfte Geschlecht ahndet, den Segen arischer Abstammung aber bis ins zehnte Geschlecht belohnt, liegt die Sache nicht so einfach. Daher hat Werfet seinen „tragischen Moment" bis in die Tage zurückverlegt, in denen P a u l n s u n t e r d e n I u o e n wandelte. Denn soweit zurück reicht auch die Spürnase des geübtesten Rassenschnüsflers nicht. Elfe Jerufalem, lange nicht so reichlich mit dichterischer Wegzehrung ausgerüstet, vermag nicht so kühn Wer die Jahrtausende hinwegzuschreiten. Sie begnügt sich mit ging und wie er es in dem schon berührten, tiefteligiösen Kapitel schildert: „Die stillste Stunde". Wohl zeigt er schon im „Sonnenaufgang" desselben Buches, wie empfänglich e r gerade für Stille ist, wie Gottesgesühle da in ihm a>ufsteiaen. „Den Gott verhüllt seine Schönheit. So verbirgst du deine Sterne. Du redest nicht: so kündest du mir deine Weisheit." Aber viel ergreifender noch, geradezu in der Form biblischer Vision läßt er uns seine stillste Stunde erleben: der Boden wich unter ihm, der Traum begann zur Mendzeit, und dann sprach es ohne Stimme. Und dann kämpft „es" mit ihm. Er soll reden, er soll hingehen und Bote sein, aber er will nicht. Er will, aber er kann nicht. „Es" übersteigt seine Kraft. Da kommt die Antwort: „Was liegt an dir und deinem Glücke? Sprich dein Wort und zerbrich." Aber er fühlt sich, nicht würdig genug. Er hat ja noch nichts erreicht. Aber der Einwand gilt nicht. Er soll noch» demütiger werden. Der Tau fällt auf das Gras, wenn die Nacht am verschwiegensten ist. Aber sie haben ihn verspottet. So soll er desto mehr befehlen. Es fehlt ihm die Stimme. Aber „die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen." Doch er schämt sich. So soll er weniger Kind sein. Doch er will nicht und dabei verharrt er. Nun, so sind „deine Früchte reif, aber du bist nicht reif für deine Früchte. So mußt du wieder in die Einsamkeit". Dann verließ „es" ihn. Er Kochmanns Theater-Restaurant und stadtKOche IM Paimenhaus Kurtorstendamm 193 lag am Boden, und der Schweiß floß von ihm. All das aber hatte er seinen Freunden erzählt. Und als er geendet hatte, „überfiel ihn die Gewalt des Schmerzes und die Nähe des Abschieds von seinen Freunden, also daß er laut weinte; und iniemand wußte ihn zu trösten. Des Nachts aber ging er allein fort und verließ seine Freunde." Also Nietzsche, der „Gottlose". Die Ähnlichkeiten mit biblischen Stellen ftub nicht gering. Wir hören Hiob und dessen Schilderung: „Aber zu mir schlich ein Spruch, und mein Ohr vernahm ein Geflüster davon; im Gewirr der Nachtgesichte, wenn Betäubung die Menschen befällt, wandelte mich Durst an und Beben. Ein ruach (ein „es") schwebte an mir vorWer..., ein Säuseln, eine Stimme hörte ich." Wir gedenken Moses' und seiner Worte: „Wer bin ich, daß ich gerade gehen soll?" „Mir fehlt die Rede..." Wir gedenken des Urteils Wer ihn: „Der Mann Mose war sehr demütig, mehr als irgend jemand auf der Erde". Wir sehen Elia am Horeb stehen und fühlen: „Nicht im Feuer, nicht im Sturm, nicht im Erdbeben war Gott, dann aber kam ein leises, sanftes Säuseln." -- Wir hören Jeremia in Einsamkeit klagen: „Ich saß nicht im Kreise der Lustigen. Vor deiner Gewalt saß ich einsam..." Wir hören Jerusalem schluchzen. „Sie weint in der Nacht... niemand tröstet sie von all ihren Freunden..." Das Wesentliche freilich von allem ist der innere Gleichklang. Jeder, der den Dichterphilosophen kennt, sein Leben und Leiden, sein Kämpfen und seine Enttäuschungen, sein Sehnen nach Freundschaft und seine Bitternis im Freundschastserleben, wer seine Briefe gelesen hat, aber auch wer die nachhaltige Wirkung seiner Worte beachtet, wird die „stillste Stunde" zu deuten wissen. Aber er wird auch mehr aus ihr hören. „Des Nachts aber ging er allein fort" > Jahrzehnten und ist oeshalb gerade im Wesentliche:: zum Scheitern verurteilt. Denn es ist nicht zu verstehen, welchen weltgeschichtlichen Wert eine Massentaufe der Juden von Sakya anno 1870 gehabt hätte. Wer in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Galizien jüdische Vorfahren befaßt wird heute mit Leichtigkeit als Juden st ämmling entlarvt, auch wenn er, wie ein Proselyt in der Novität oer Else Jerusalem, den Kardinalshut trägt. Aber immerhin der trägt ihn! (Zweiflern an der Möglichkeit solcher Karriere eines Judenstämmlings im alten Oesterreich sei die Tatfache entgegengeh alten, daß es in den letzten Regierungsfahren Franz Josefs einen mährischen Erzbischof namens Cohn gab.) Es ist daher als besonderes persönliches Mißgeschick oder Ungeschick des Tragödienhelden David zu werten, daß er, wenn er schon als Rabbiner einer orthodoxen Gemeinde! den G l a u b e n a u Ehrt st n s gewinnt, dies nicht aus ben bequemen und gepflegten StraMn der römischen Kirche volkzieht, sondern auf den dornenvollen Ufaden einer kirchenlosen Sekte. Was Wunders, daß er so zwischen zwei Stühle zu sitzen kommt, oder, klastischer ausgedrückt, zwischen Skylla und Charybdis, nämlich die Intoleranz der jüdischen Orthodoxie und die Verfolgungssucht der römischen Kirche. Lange weiß man nicht dies ist das einzige Spannungsmoment im Drama —, welchen der beioen genannten Gegnern er erliegen wird. Eine Zeit lang scheint es> als ob ein ad hoc von den Römlingen angestifteter Pogrom ihn und die ganze Gemeinde hinwegfegen soll. Schließlich erliegt er aber doch der Wut seiner eigenen Stammes genossen, die an ihm oas alttestamentarische Strafgericht der Steinigung volkziehen. Man kann das verstehen, wenn man drei Akte lang beobachtet, ime erfolgreich fid) dieser Rabbiner, der nicht emmar einen Bart trägt, bemüht, seine streng orthodoxe Gemeinde kontinuierlich vor den Kops zu stoßen. Seine Verirrungen sind allerdings weniger arts sein eigenes Schuldkonto zu buchen als aus das feiner Erzeugern. Auch im Stück wird die Verantwortung für des Sohnes Schicksal der Mutter zugeschoben. Das ist in einem tieferen Sinne wahr. Tie schuldige Mutter dieses unjüdischen Rabbiners ist seine Dichterin. Ihre Hybris besteht darin, daß sie sich ein Mitten o gewaltig tragisches Symbol für das Los aller Propheten, vor und nach Nietzsche: allein ihren Weg im Dunkeln gehen zu müssen, im Dunkel der andern, in der Finsternis ihres Nichlverstehens und erhellt allein von dem eigenen Licht — dem Licht ihres Gottes. Einiges über moderne Waisenerziehung Von Sally Neuburger, Berlin. Das Wort „Waisenhaus" hatte früher einen abschreckenden Klang. Ehedem betrachtete man das Kind einfach als die MiniaturausgWe eines Erwachsenen. Man hatte noch nicht erkannt, daß das Kind ein eigenes Innenleben hat, das sich vollständig von dem des Erwachsenen unterscheidet. Die Regungen des kindlichen Innenlebens wurden als „Unarten" betrachtet und die ganze Erziehung fußte auf dem Prinzip, diese Unarten zu bekämpfen. Die Mittel, mit denen man dies zu erreichen suchte, waren eiserne Strenge, hatte Strafen, Prügel und Freiheitsbeschränkung. Der Schwerpunkt der Erziehung ruhte auf der Disziplin, die schnell zum Selbstzweck wurde. Der schneidige Unteroffizier galt von vornherein als dec geeignete Erzieher. Man glaubte, nur durch Hätte und Zwang dem Jugendlichen Wissen und Ordnung beibttnrgen und durch Abtötung des eigenen Willens einen gesitteten Menschen aus ihm machen zu können. Wenn auch im allgemeinen früher wenig Verständnis für die Bedürfnisse der Kinderseele vorhanden war und in Schule und Elternhaus mit Prügel nicht gekargt wurde, so hatten immerhin die Kinder, die bei ihren Eltern bezw. Pflegeeltern waren, die Möglichkeit, sich auf der Straße mit ihren Kameraden nach Herzenslust auszutoben; die Kinder in den Anstalten aber wurde jede Minute ihres Lebens überwacht und „erzogen". Unter diesen Uinständen war es für verwaiste junge Menschen ein großes Glück, wenn sie bei geeigneten Pflege elkern unterkamen. Hier konnten sie der Wärme des Familienlebens teichaftig werden und fanden oftmals viel Liebe, besonders bei kinderlosen Ehepaaren. Aber auch dieser Aus weg war noch nicht der idealste. In vielen Fällen war es den Pflegeeltern beim besten Willen nicht möglich, den Kontakt zu den fremden Kindern zu finden, und waren gar eigene Kinder da, so blieb oft für das Pflegekind wenig Liebe übrig. Bei allem Mitleid, das man für sie hatte, wurde ihr Dasein und die Verantwortung für sie als schwere Last empfunden, zumal wenn die Pflegeeltern arm waren. Wenn sie nach der Schulentlassung frühzeitig einem Berufe zugeführt war den und ins Leben hinaustraten, hötte manchmal die Verbindung mit der Familie der Pflegeeltern vollständig aus, und dann standen die Armen in einer Zeit, da sie des Rates und der Hilfe des Elternhauses dringend bedürfttg waren, einsam und verlassen da. Die Waisenvereine suchten diesem Uebelstande abzuhelfen, indem sie sich um das Fottkommen und das Gedeihen der schulentlassenen und im Berufsleben stehenden Waisen bemühten. Aber auch auf diese Weise konnte ihnen nicht wirksam geholfen werden, da die Leiter dieser Vereine nicht die unmittelbaren Erzieher ihrer Schützlinge waren, sondern nur durch Berichte aus zweiter und dritter Hand von ihnen erfuhren. Heute, im „Zeitalter des Kindes", ist es wohl das Beste, eltern- und heimatlose Kinder in einem modern geleiteten Waisenhause unterzWnngen. In dem Maße, in dem man erkannte, daß der Zustand des „Kindseins" nicht als ein Stadium des „Noch-nicht-erwachsen-seins", nicht als ein Provisottum zu betrachten ist, sondern als eine Epoche, die ganz und gar für sich, in ihrer Art als vollkommen, angesehen werden muß, hat das Wort „Waisenhaus" seinen häßlichen Klang verloren. Während der Erzieher von früher ein fest gefügtes System an das Kind heranbringen mußte, um das Kind hineinznpressen, hat der Erzieher von heute die Aufgabe, das Eigenleben des Kindes zu fördern und dem jungen Menschen durch Liebe und Eingehen aus seine Eigenart zu ermöglichen, seine schöpfettschen Kräfte zu entfalten. War das Mittel der alten Erziehung die Furcht, der Zwang, fo ist es heute das Verantwortungsgefühl, die Selbständigkeit. Der Zögling von heute übt Disziplin, nicht, weil er sich vor Strafe fürchtet, sondern weil er weiß, daß von seiner Pflicht erfüllung sein Wohl und das der Gemeinschaft abhängt. Er fügt sich nicht widerspruchslos einer bestehenden Hausordnung, sondern nimmt lebendigen Anteil an der Gestatt tung des Gemeinschaftslebens. In Turnstunden, Spiel und zu schildern vermaßt welches eine unbekannte Welt für sie ist. Aus solcher Hybris erwächst die Katastrophe, daß mit dem Willen, ein jüdisches Stück zu schreiben, ein a n t i j ü 0 r - sch es geschaffen wurde: Nicht nur für den christlichen Zuschauer, der, je nach seiner politischen Einstellung schmunzelnd oder schaudernd, antisemitische Vorurteile gegen die jüdische Religion bestätigt findet, sondern mehr noch für den bewußten Juden, der mit ttefstem Bedauern seststM, wie hier ein vielleicht ehrliches Ringen mit jüdischen Problemen ern dichtettsches Gemüt nicht zu einer jüdischen Renaisiancebewegung begeistett, sondern schlankwegs aus dem Judentum h i n a u s f ü h r t. Eine in den Kern der Dinge dringende Intuition hätte die Tragik der jüdischen Otthodoxie ganz anders gestaltet, sie nicht darin gipfeln lasten, daß eine Jndengemeinde „einen zweiten Christus erschlägt", sondern des Judentums Erlösung aus erstarrten Formen durch den kebendigen Geist, der es einst geschaffen hat, verkündet. Hier ist eine Gelegenheit versäumt worden, dem Ringeu des Liberalismus um neue religiöse Formei: die Bühne zu erobern. Und das ist schade. Denn jede seelische Evolution bedarf des schöpferischen Odems der Begnadeten, me die Gabe, den Geist aller Kulturen mit ihrem Herzblut lebendig zu machen, als göttliches Geschenk im Busen tragen: die'Künstler. Es fehlt uns nicht an jüdischen Dramatikern, umso bedauerlicher ist der Mangel einer dem deutschen, astimilattons'fteudigen Westjudentum gerecht ^werdenden Bühnenkunst. Stücke wie Else Jerusalems „Steinigung in Sakya" können über diesen Mangel nicht hinwegtäuschen, sondern machen ihn nur umso schmerzlicher fühlbar. Dr. Hugo Spie gier. Stationen aus Goethes Jaust Dr. Wilhelm Leyhausen gab am 24. Februar mrt dem Sprechchor an der Universität und an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen im Theater am Nollendorsplatz in Berlin eine Aufführung von „Stattonen aus Goethes Faust". Die Veranstaltung wird am Sonntag, deii 10. März, wiederholt. Wir behalten uns vor, in einem größeren Artikel daraus zurückzukommen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.