Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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». Jahrgang Nummer S Umschau Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold gegen den Antisemitismus. Otto Hörsing, der chemalige Oberpräsident von Magdeburg, der Gründer und Borgende des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold", ruft ln der Zeitschrift „Das Reichsbanner unter dem Signal „Kamps den Staatszerstörern!" energisch zur Abwehr des Antisemitismus aus. Er schreibt: „Immer mehr gewinnt es den Anschein, als ob wieder eine antisemitische Welle über Deutschland dahrngehen solle. Zwar von dem deutschvülkischem Kreise um Wulle ist wenrg zu spüren. Dafür aber entsalten die NationalsiHtalisten, die radikalste Spielart des Antisemitismus, eine siüderhaste Tätigkeit und haben — leider muß es zugestandev werden -- nicht unwesentliche Gewinne an Mitgliedern zu verzeichnen. Vor mir liegt eine ziemlich umfangreiche Mappe von Mitteilungen aus den verschiedensten Teilen des Reiches, die säst ohne Ausnahme von einer erfolgreichen Propagandatätigkeit der Nationalsozialisttschen Deutschen Arbeiterpartei berichten. - Schon Bebel sagte: „Der Antisemitismus ist der Sozialismus der Dummen." Bedauerlich ist nur, daß biefe Dummheit verzweifelter Menschen zu einer Gefahr für dre deutsche Entwicklung geworden ist. Denn sie gibt Leuten Macht und Einfluß, die nicht davor zurückscheuen, an die niedrigsten Pöbelinstinkte im Menschen zu appellieren und einen brutalen Terror auszuüben.... Wir haben es schon zu häufig erlebt, daß die Nationalsozialisten über friedliche StraßLnpassanten, dre sie für Juden hielten, hergesallen sind und sie niedergeschlagen haben. Man denke nur an Berlin, Bremen und Hannover! Und ist es nicht erne Schande für das ganze deutsche Volk, daß infolge dieser antisemitischen Hetze 69 jüdische Friedhöfe geschändet worden sind? Man greife also endlich mit allen Mitteln durch, wenn oer Staat keinen Schaden nehmen soll.... Will es der Staat noch Länger dulden, daß, wie im Wiesbadener Bezirk, in Hessen und an anderen Stellen, Beamte und Lehrer die Führer dieser staatsfeindlichen Bewegung sind?" Der Aufruf Hörsings schließt mit der Versicherung, daß sich das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" mit aller Kraft denen entgegenwersen will, „die neues Unheil über Deutschland bringen möchten, die wieder mit Knüppel und Revolver den inneren Fneden bedrohen und vor dem Aeußersten nicht zurückschrecken". Außerordentlicher Delegiertentag des Deutschen Misrachi. Am 24. Februar ,and ein außerordentlicher Delegiettentag des deutschen Misrachi tn Leipzig statt, der von 49 Mi« trachisten, davon 18 Mitgliedern der Zeire-Misrachi, beschütt war. Nach einem Bericht des Vorsitzenden über die Arbeit des Zcntral-Büros im letzten halben Jahre, aus der besonders die Durchführung der Cyanukah-Aktion und dre Gründung der misrachisttschen Monatsschrift „Zion" zu erwähnen sind, fand eine eingehende Aussprache über die ans dem letzten Frak,nrter Delegiertentage eingebrachte Resolution, die Umwandlung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in eine territoriale Arbeitsgemeinschaft betreffend, statt. Als Ergebnis der Diskussion wurde durch Abstimmung sestgestellt, daß eine solche Umwandlung nicht erstrebenswert jeu Der Delegiettentag befaßte sich ferner mit der Stellung des deutschen Misrachi zu Gemeinoesragen und zur Gemeinde' Politik. Es wurde ern Programm vorgelegt, das auch me Regelung des Verhältnisses des Misrachi zur Volkspartei zum Ziele hatte. Mit der Formulierung des Programms wurde die Landeszentrate beauftragt. Eine Resolution wurde angenommen, in der iestgestellt wurde, daß Mitarbeit in den Gemeinden unter Verfolgung einer klaren misrachiftischen Gemcindepolitik Ausgabe des deutschen Misrachi ist, die Verbindung des Misrachi mit oer Volkspattei ist im Ern oerständnis mit der Landeszentrale nach örtlichen Konstellattonen zu regeln. Grundgesetz solcher Verbindung muß dolle Gewissensfreiheit bei Abstimmungen in religiösen Fragni bleiben. Es wird ein Präsidium von zwei Personen gewählt, dem bisherigen Vorsitzenden Alexander Adler und Herrn Dr. Oskar Wolfsberg. Die bisherigen Mitglieder des Zentral-Büros ivurdcn zu Mitgliedern oer Landeszentrale gewählt. Ein vom Zentralbüro ausgearbeiteter Sbatutenentwutf wurde mit geringen Aenderungen en bloc angenommen, mit der Maßgabe, daß der nächste Delegiettentag befugt sein soll, notwendig werdenoc Aenderungen mit einfacher Majorität vorzunehmen. Ein wesentlicher Puntt dieser Statuten stellt die Mitgliedschaft der im Zeire-Misrachi organisietten Jung- Misrachrsten mit allen Rechten und Pflichten innerhalb des ANgemem-Misrachi dar. Aus den Gemeinden Berlin. (Beisetzung von D r. I. Levy.) Auf dem Friedhof der Jüdischen Gemeinde Weihensce rvurde am Donnerstag, den 21. Februar, der im 78. Lebensjahre verstorbene hervorragende Berliner Publizist Dr. Isidor Levy, der allgemein als der „Leit- . artikler des deutschen Liberalismus" bezeichnet wurde, im Beisein einer großen Trauergemeinde zu Grabe getragen. Für die Redaktion der .Mossischen Zeitung" würdigte Abg. Prof. Georg Bernhard das Andenken ihres langjährigen Mitarbeiters, des Leitartiklers des liberalen Bürgertums. Staatsminister Wolfgang Heine sprach für den Freundeskreis. Im Namen des deutschen Schrifttums feierte Georg Engel den „Nachjahr der Alten Achtundvierziger". Dr. Ludwig Fulda feierte Levy als einen Streiter nicht nur für politische, sondern auch für künstlerische Freiheit. Di« ernste Feier schloß mit einem Gcsangsvortrag des Oberkantors Davidsohn. Der Vorstand der Deutschen Demokratischen Partei sandte an die Tochter Dr. I. Levys, die begabte Publizistin Frau Doris Wittner, ein Beileidstelegramm. Berlin. (Matinee der deutsch-jüdischen Jugendgemeinschast.) Die Matinee, zu der am letzten Sonntag Vormittag die Ber.iner Gruppe der deutsch-jüdischen Jugendgemeinschast in der Berliner Sladthalle zum Besten der Einrichlung eines Jugendheims einlud, legte für den Geschmack, die Umsicht und den Eifer der Veranstalter ein rühmliches Zeugnis ab. Alle künstlerischen und geistigen Darbietungen der Feier standen durchweg auf hohem Niveau. Nichts trübt« den Genuß, den das abwechselungsreiche Programm bot. Frau Anita Marcus-Ro.amera zeigte mit großem, klaren, fast männlichen Ton Nieuxtemps, Pugnani und Gluck, von Dr. Felix Günther am Flügel eine Idee zu laut begleitet. Der Direttor des Berliner Städtjugendamtes Dr. Häußler und Herr Rabbiner Dr. Weyl hftlkev Ansprachen. Der Geistliche ging in seiner Rede von der schwermütigen ta.mudischen Klage über daS rasche Vergehen der Jugend «ms. Ist das traumschnelle Dahinstiehen der Jugend schon etwas fsMchäbmlleZeiknoi unsagbar Trauriges, umso mehr müßten die Vielen bedauert werden, die gar kein« richtige Jugend kennen gelernt hätten. Der Redner wies auf die immanente Tragik der Generation hin, die durch Kriegs-, Jnflarions- und Deflationsnöte um das Köstlichste, eine heitersorglose Jugend, betrogen worden seien. Zu der allgemeinen Bolksnotl käme für manche jüdische Kinder aber noch eine speziell-jüdische Not hinzu. Verhetzung, Mißdeutung und Verkennung, die manche Kreise allem Jüdischen cntgegenbrächten, seien Uebel, die manches jüdische Kind schon in früher Jugend durchlcidcn müßte. Aber cs sei gerade die Dascinsaufgabe jedes Vollmenschen, sich durch alle .Hindernisse hindurchzuarbeiten. Dr. Weyl zitierte einen ergreifenden Brief des 21 jährigen Schiller, der an sich und der Welt verzweifelte und den Tod hcrbeisehnte. Selbst dieses Genie habe sich durch größte Schwierigkeiten ringen müssen. Die heutige Jugend habe cs schwer, aber auch sie müsse sich „ewig strebend" bemühen. Auf das neue Heim, das wichtige Funktionen zu erfüllen habe, wünschte der Redner göttlichen Segen herab. Dann folgten wieder künstlerische Vorführungen. Tr. Max Pohl vom Berliner Staatsthcaler, der Hochverdiente Senior der Berliner Schauspieler, rezitierte Lessings Ringerzählung aus dem Nathan, später Scherzhaftes von Münchhausen und Scheffel. Arnold Zweig las ein lebendiges Kapitel aus seinem neuen, ungedrucklen Kricgsroman vor. Obcrkanior Magnus Davidsühn sang mit seiner prächtigen Stimme Schubert, Beethoven und das Wolgalicd. Alles in allem, wie erwähnt, eine schöne, wohlgelungene Äeran staltung. Dank vor allem den Künstlern, die ihr Können in den Dienst der guten Sache stellten! L. T. Berlin. (Hakenkreuzlcr-Ausschreitungen an der Universität.) Am Freitag mittag kam es, wie die Jüdische Telegraphen-Agentur mitteilt, in der Berliner Universität zu Ausschrcitungen nationalsozialistischer Studenten gegen sozialdemokratische und kommunistische Studenten. Die Ausschreitungen trugen aber auch einen betont antisemitischen Charakter, indem jüdisch oder ausländisch aussehendc Studierende sehr belästigt und zum Teil mißhandelt Edelpelzmäntel direkt vom Hersteller, sehr preiswert. Kostbare Nutriabisam-Persianer-Mäntel von 750.— Wundervolle Pelzmäntel für jede Jahreszeit 250.— OUnstlge x&hlungserlelchterung Auch Ansichtssendung Benno Lobati, Augsburgerstr. 10 Barbarossa 7845 wurden. Die Hakenkreuzler besetzten die Vorhalle der Universität und den öffentlichen Eingang, so daß cs unmöglich war, da-s Gebäude zu betrete«. Auch die Eingänge zu den Hörsälen wurden blockiert. Trupps von Nationalsozialisten, uniformiert und mit Hakenkreuzen geschmückt, zogen in Zweierreihen durch die Universität und provo« zierten alle Studenten, die jüdisch oder irgendwie ausländisch aussahen. Einzelne Juden oder Sozialisten wurden airgepackt und in die Mitte der Nationalsozialisten geschleppt, wo sic mißhandelt wurden. Die benachrichtigten Pedelle waren der Uebermacht der Nationalsozialisten nicht gewachsen. Es konnten, nachdem die Mehrzahl der Hitlerianer die Universität verlassen hattc^ nur noch drei Nationalsozialisten sestgestellt werden, die nicht Studenten, sondern von der Straße geholt worden waren. Man erwartet, daß Rektor und Senat auf diese Rüpeleien entsprechend reagieren rverden. Berlin. (Siegfried Hirsch, Vorsitzender des Vereins „E s ra".) Uns wird mitgetcilt: Der Verein „Esra" (Verein zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien), der älteste jüdische Kolonisationsverein, hat nach Ueberwindung der schweren Kriegs- und Jnflationsjahre seine Tätigkeit wieder voll ausgenommen und arbeitet im alten Geiste, fern aller Politik, auf sozialer Grundlage. Leider hatte er den schweren Verlust seines langjährigen Vorsitzenden, des Herrn Moritz Dorn, zu beklagen, und es fiel sehr schwer, geeigneten Ersatz für ihn zu finden. Nun ist es dem „Esra" gelungen, in der Person des Herrn Siegfried Hirsch aus der Firma Hirsch-Kupfer einen neuen ersten Vorsitzenden zu gewinnen. Der „Esra" will eine Plattform für alle Palästina- Interessen sein, und er hofft, die Sympathien aller Glaubensgenossen zu gewinnen, die ein warmes Herz für das Land ihrer Väter haben. Berlin. (Schule der Jüdischen Jugend.) Als erste Sonderveranstaltung der Schule der Jüdischen Jugend findet in der Zeit vom 4. bis 11. März eine Bibelarbeitsgemeinschaft unter der Leitung von Dr. Marttn Bnber statt, und zwar täglich von 1/26 bis 7 Uhr außer Freitag und Sonntag. Ort: Die Räume der Schule Lützowstraße 18. Thenra: Königsweihe und Messianismus (Besprechung biblischer Texte). Die Zahl der Teilnehmer cm dieser Arbeitsgemeinschaft ist beschränkt, und es werden in erster Reihe Angehörige der Schule berücksichtigt. Der Wunsch zur Teilnahme ist sofort an die Schule der Jüdischen Jugend, W. 35, Lützowstraße 16, mitzuteilcn. Bon dort kann auch das Verzeichnis der in der Arbeitsgemeinschaft zu besprechenden Bibelstellen angesordcrt tverden. Herr Dr. Buber wird ferner am 4. März, 8^ Uhr abends, eine geschichtliche Vorlesung halten: „Zwischen Landnahme und Königtum". Es ist ferner eine Freitagabendzusammenkunft der Teilnehmerschaft der Arbeitsgemeinschaft mit Dr. Buber vorgesehen. Es wird noch einmal daraus hingewiesen, daß Anmeldungen, die allerdings nur unverbindlich entgcgeirgenommen werden, sofort erfolgen müssen. Bielefeld. Am Mittwoch, den 6. Februar, war unsere Synagoge bis auf den letzten Platz besetzt von einer dichtgedrängten Menge, wie sie unser schönes Gotteshaus bisher in dieser Art noch nicht gesehen hat. Die Synagogengemeinde hatte ein Wohltätigkcitskonzert veranstaltet, dessen gesamter Reinertrag dem Städtischen Jugendamt zur Verwendung für seinen Kindergarten zugute kommen sollte, und so war denn auch an alle Mitbürger ohne Unterschied der Konfession die Einladung zum Besuch der Veranstaltung ergangen. Die aus allen Kreisen der Stadt herbeigetommenen Teilnehmer wurden nicht enttäuscht. Als Künstler hatten sich dem guten Zweck bereitwillig zur Verfügung gestellt Frau Lilli Röttgen-Meyer aus Bochum, ein Kind unserer Stadt, und Herr Oberkantor Alter aus Hannover. Nach einem von dem Organisten der Gemeinde, Herrn Musikdirektor Nacken, stimmungsvoll auf der Orgel gespielten Präludium von Bach lausche alles andächtig den Gcsangvorträgcn, bei denen der herrliche Alt der Frau Röttgen und die strahlende Tenorstimme des Herrn Alter miteinander abwechselten. Neben den wunderschönen Liedern der Sängerin, die mit dem Halleluja von Hummel schwungvoll ausklangen, fanden besonderes Interesse die mit starkem Gefühl vorgetragenen hebräischen Gesänge des Herrn Alter, das ki k'eschimcho und tot nidrc Das Ergebnis war nicht nur ein schöner materieller Erfolg — denn es konnte dem Städtischen Jugendamt ein recht ansehnlicher Betrag überwiesen werden —, sondern, was vielleicht noch höher zu veranschlagen ist, die Synagogengemeinde hat sich durch diese künstlerische, in den Dienst des besten Zweckes gestellte Darbietung in weitesten Kreiscn Dank und Anerkennung erworben. fk&hM. (Spätgottesdlenst.) Am Freitag, den 22. Februar, fand der dritte der auf Anregung des hiesigen ,Lli" ins Leben gerufenen Spätgottesdienste statt. Die Ueberfüllung der Wochentagssyuogog« erwies sich vielleicht noch etwas stärker wie bei den ersten beiden Gottesdiensten. Sie zeigte, daß rin wirkliches Bedürfnis für Beilage 1. Mär, 1929 diese religiöse Neueinrichtung vorliegt. Es amtierten diesmal Oberkantor Borin und Rabbiner Dr. Sänger. Dr. S. ging in seinen Predigt vom Sabbat-Schristwort aus, das vom Stiftszelt und seinen Einrichtungen, vom heiligen Oel und von der Priesterweihe Arons und seiner Söhne handelt. In Anlehnung an das ehrwürdige Albe müßte das Neue den Zeitumständen entsprechend geschaffen werden, um so daS Judentum frisch und lebendig zu erhalten. Nach dem Gottesdienst fanden sich eine große Anzahl der Jlimitglicder zu einer Frcitagabcndseicr mtt Fischessen zusammen, um denjenigen jungen Menschen, denen ein religiöses Heim am Platze fehlt, an diesem Abend ein heimatliches Gefühl zu geben. Nreslau. (Sitzung der Gemeindevertretung.) Die erste Sitzung der Gemeindevertretung im neuen Geschäftsjahre und in dem neu hergesteilten Raume am 21. Februar eröffnet« der Vorsitzende, Justizrat Peiser, mit Worten herzlichen Gedenkens für den am Tag« zuvor verstorbenen langjährigen Gemeindevertreter Justizrat Michaelis Breslauer. Alsdann dankte der Vorsitzende des Vorstandes, Geheimrat Goldfeld, für die ihn zu seinem 70. Geburtstage erwiesenen Ehrungen und bat, auf Ersatz für ihn Bedacht zu nehmen. Die Wahl der Leitung der Gemeindevertretung ergab die Wiederwahl der bisherigen Herren. Nach der Entlastung des Vorstandes für 1927/28 gemäß dem Bericht der Rechnungsprüfer, der Annahme zweier Grabpflegelegate und der Vertagung des Antrages auf Beihilfe für die hebräische Sprachschule wurde beim Verwaltungsbericht bemängelt, daß dieser wichtige Vorgänge im Gemeindeleben der Versammlung vorenthielte. Ziemlich umfangreich war die geheime Sitzung. Der für den Gemeindevertrcter Kaufmann Johannes Wilhelm (lib.), der sein Amt freiwillig aus persönlichen Gründen niedergelegt hat, einberufene Bankier Max Steuer ist zu dessen Nachfolger auch im Finanz- und Gehaltsausschusse gewählt worden, ebenso der Kaufmann Heimann Daniel (kons.) als Nachfolger des verstorbenen Martin Frankel im Kultusausschuß I. Kaufmann Eugen Perle, Friedhofsdezernent der J.K.V.A., ist in den Bauausschuß gewählt worden. Der vom Vorstande vorgeschlagene Grundstückserwerb rief nach einem ausführlichen Referat des Sanitätsrats Dr. Horn eine umfangreiche Aussprache Herder und wurde schließlich aus Antrag des Referenten einer gemischten Kommission überwiesen, die auch alle anderen zur Zeit im Fluß befindlichen Bauprojekte der Gemeinde prüfen soll. Ferner wurde in der geheimen Sitzung über mehrere Ehrungen und Äehaltsrcgelungen Beschluß gefaßt. Beleg. (Zwischenfall im Ge r i ch t ss a a l.) Bei Verhandlungen des erweiterten Schöffengerichts des Brieger Landgerichts, die im großen Schwurgerichtssaal stattfand, kam es zu einem Zwischenfall im Gerichtssaal, der sicherlich noch grundsätzliche Erörterungen nach sich ziehen wird. Vorsitzender war Assessor Dr. Freund. Er gab vor Beginn der Verhandlungen Anweisung, daS vor seinem Platz stehende Krucisix nebst den beiden Leuchtern zu entfernen. Als später in einer der anstehenden Sachen Rechtsanwalt Dr. Russert als Verteidiger den Saal betrat, fiel ihm die Veränderung am Richtertische sofort auf. Er beantragte die Wiederherstellung des bisherigen Zustandes, was vom Vorsitzenden abgelehnt wurde. Er gab als Grund an, er „könne das nicht sehen". Als der Rechtsanwalt erneut aus seine Forderung bestand, führte der Vorsitzende einen Gerichtsbeschluß herbei, daß dieser Forderung nicht stattzugebcn sei. Daraufhin erfolgte Beschwerde beim Landgerichtspräsidenten, worauf Kreuz und Leuchter wieder ihren Platz an der üblichen Stelle fanden. Die im Gcrichtssaal Anwesenden hatten mit sehr gemischten Gefühlen diese Vorgänge betrachtet, die sich schnell herumsprachen. Sowohl das evangelische wie das katholische Pfarramt haben in dieser Angelegenheit Vorstellungen beim Präsidenten des Landgerichts erhoben. Der Vorstand der Brieger Synagogengemeinde veröffentlicht in der Brieger Zeitung folgende Mitteilung: „Nachdem Ihre Zeitung über die Angelegenheit Dr. Freund bereits berichtet hat, teilen wir Ihnen mit, daß wir sowohl an den Vorstand der evangelischen Kirchengemeinde, wie an den Vorstand der katholischen Kirchengemeinde folgenden Brief geschrieben haben: „Der Unterzeichnete Vorstand hat mit außerordentlichem Bedauern und Befremden von dem Vorfall der sich an dem hiesigen Schöffengericht unter dem Vorsitz von Herrn Gerichtsassessor Dr. Freund zugetragen hat, Kenntnis erhalten. Wir billigen vom religiösen Standpunkte aus das Verhalten des Herrn Assessor Dr. Freund keinesfalls und glaubten. Ihnen dieses mitteilen zu müssen, nachdem Sie Ihrerseits gegenüber dem Landgerichts- Präsidenten zu der Angelegenheit bereits Stellung genommen haben. — Hochachtungsvoll: Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde Brieg." — Wir wollen zu der Angelegenheit weiter mitteilen, daß die deutschnationalen Abgeordneten Kliesch und Lukassotvitz eine „kleine Anfrage" im Landtage cingebracht haben, in der sie das Staatsministerium um Stellungnahme ersuchen." Dauzig. (A m t s j u b i l ä u m.) Am 15. Februar konnte Herr Kantor Schufftan auf eine 25 jährige Tätigkeit im Dienste unserer Gemeinde zurückblicken. Aus Anlaß dieses Jubiläums überbrach lc Herr I. Becker im Aufträge des Borstandes der Gemeinde sowie auch der Chcwra Kadischa die Glückwünsche unter Ueberreichung von Ehrengaben beider Verwaltungen; namens der Beamten 'brachte Herr Rabbiner Dr. Grün in einer längeren Ansprache die Glückwünsche zum Ausdruck; auch wurde im darauffolgenden Sabbatgottesdienst in einem feierlichen Gebet dieses Jubeltages gedacht. Dauzig. (Jüdische Religion — Reifeprüfungsf a ch.) Bei den diesjährigen mündlichen Reifeprüfungen an den hiesigen höheren Lehranstalten fand zum ersten Male auch eine Prüfung in jüdischer Religion statt. Duisburg. (Aus dem Gemeindeleben.) Di« dritte Lchrerstelle an der israelitischen Volksschule wurde seitens der Stadt Herrn Lehrer Gottfried Israel, bisher am Philantropin in Frankfurt a. M. beschäftigt, übertragen. Nachdem in kurzer Zeit in hiesiger Gemeinde 2 seltene und schöne Feste gefeiert werden konnten, die goldene Hochzeit. der Eheleute Otto Meyer, Lademeister i. R., und der 70. Geburtstag des früheren Vorsitzenden des Gemeindevorstandcs, Herrn Max Nachmann, reihte sich am 20. ds. Mts. der 90. Geburtstag des Herrn Emannel Haas würdig an. Am Vormittag erschien der Gesamtvorstand in der Wohnung des Jubilars und der Vorsitzende Herr Theodor Lauter hielt eine zu Herzen gehende Ansprache und überreichte als Angebinde der Gemeinde eine künstlerische Hagadah. Dann folgte eine Rede des Rabbiners Herrn Dr. Neumark und zuletzt überbrachte der Israelitische Hilssverein durch seinen Vorsitzenden, des Konrektors Herrn Nußbaum, die Glückwünsche des Vereins. Auch der Israelitische Frauenverein sandce 2 Vorstandsda men, Frau Dr. H. Epstein und Frau A. Stern. Düsseldorf. (Bestrafung von Friedhofsschändern.) Wie erinnerlich, wurde in der Nacht zum 11. August 1928 (Versassungstag) die Düsseldorfer Synagoge durch Bubenhände mit übergroßen Hakenkreuzen und der Inschrift ,/Juda verrecke" in roter Mennigesarbe besudelt. — Die gleichen Täter hatten vor dem in unmittelbarer Nähe der Synagoge befindlichen Hohenzollerngymnasium den Bürgersteig mit der Inschrift „Nieder mit der Judenversassung" verunziert. Die Tat, die in den weitesten Kreisen der Bevölkerung seinerzeit hellste Empörung ausgelöst hatte, fand am 23. Februar vor dem Düsseldorfer Schöffengericht ihre Sühne. Angeklagt war der kaufmännische Angeklagte Emil Braßler, Mitglied der nationalsozialisiijchen Arbeiter-Partei für Deutschland, wegen Sachbeschädigung an religiösen Gütern und Vergehens gegen das Republilschutzgesetz. Der Angeklagte, der irgendwe.chen Zujammenhang mit der Tat leugnete, wurde insbesondere durch die Fingerabdrücke, welche die Kriminalpolizei an zwei in der Nähe des Tatortes gefundenen Farbtöpfen identifiziert hatte, überführt; als weitere Schuldmomente wur- , den in der 4 ständigen Hanptverhandlung Aussagen seiner eigenen