Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sprechsaal Versammlungskalender | * j IHK «\UU(IH UUWIIUIMI» ~-- *---f T---M fldcblidie Verantwortung Religion und Leben Tic Ausft'chrungen Dr. Jelskis unter obiger Ueberschrift erwecken den Anschein, als ob durch die Bestrebungen, die Grundsätze unserer Religion aus die Einzelfragen des Lebens anzuwenden, diese Religion um ihren Grundsinn gebracht würde. Sollte aber wirklich jemand daran ein Interesse haben können? Es muß sich also doch wohl um etwas anderes handeln. Jelski erkennt ja natürlich auch, worum es geht: um gar nichts Neues, sondern um die Wiederbelebung von etwas Uraltem, dem Ursinn gerade unserer Religion, der Turchdringllng von Welt und Leben mit religiösem Geist. Nur ist Jelski der Ansicht, daß es nicht mehr möglich ist. Weshalb? Wnl die Religion heute nicht mehr die Macht von früher hat. Nun dieses „heute" datiert ja wohl immerhin schon seit Beginn der Königszeit in Israel, also seitdem es zwei Gewalten gab. Aber ist nicht seitdem gerade die Erscheinung des Prophetcntums urmächtig geworden, hat nicht selbst im staatenlosen Israel die „Partei" der Religiösen ein Netz einfach um alles geschlungen? Und waren das etiva nur Orthodoxe? Nichts anderes aber ist natürlich heute gemeint. Es geht doch nicht um politische Ambitionen, es geht auch nicht darum wie Wolfsohn zu glauben scheint ganze Parteien vor ein Entweder — Oder zu stellen, es handelt sich auch nicht um unbedingte Bejahung marxistischer Gedankengänge. Es geht aber darum, alle Fragen und alle Probleme, nicht bloß soziale, mit dem religiösen Licht zu beleuchten, alle, soweit sie mit dem Gedanken der Ewigkeir verknüpft werden können. Natürlich wird man mit dein Einzelnen anfangen und wird sich dann immer größere Gefolgschaft sichern. Aber wann ist es denn in der Religion anders gewesen? „Es ist nicht mehr möglich,, ja wäre es denn überhaupt je „möglich" gewesen, roenn mau sich bloß aus die praktische Durchführbarkeit auf die Menschenseelen alle verlassen hätte? War es nicht das gewaltige „und dennoch", das letzten Endes doch gesiegt hat? Es ist möglich und muß möglich sein. Appel hat ganz recht Schuld der Religion ist es, wenn man die Verbindung von Lebensfragen und Religion jetzt so merklvürdig findet, wenn man ihre Stimme bisher so wenig hörte, wenn sie so wenig Einfluß gewann. Eine Schuld, die sie freilich genugsam gebüßt hat, für die sie „das Doppelte ihrer Sünden" heimtrug. Endlich dämmert es. Man sicht nun doch ein, daß man mit bloße,: Reden über Religion und über jüdische Ethik, mit bloßen Ermahnungen, Religion und Leben nicht zu trennen, mit bloßen Gottesdienstsragen unb mit Beschränkung auf „Wohltun" nicht wesentlich weiter kommt. Ter Ruf nach mchr Aktivität darf nicht an der Schwelle des Gotteshauses halt machen, fofem man - was sehr erfreulich - die Gemeinde zu größerer Attivität im Singen und Beten gebracht hat. Leben Leben Leben — das ist der Schrei, das die Notwendigkeit und das die Voraussetzung für ein lvirkliches Aufblühen der Religion. Ein Ruf, so echtjüdisch, daß man nicht in den Verdacht kommen kann, nur fremde Vorbilder damit nachzuahmen. Muß man wirklich betonen, daß das Trösten und Stützen, von den: Jelski spricht, dabei nicht zu kurz kommen darf? Aber hundertmal wirksamer wird dieser Trost heute dort sein, wo man weiß, daß der Tröstende das Leben auch im einzelnen kennt. - Tämmert es aber denn bloß bei den Liberalen? Man traut ja seinen Augen kaum, wenn man im letzten „Israelit" unter der Ueberschrift: „Zeitproblemc, Jugenderziehung und Öffentlichkeit" liest: „Gleichwie die Künste, das Bauen, die Verkchrssitten ihre frühere schwülstige Aufmachung abgeworfen Haber-... so muß auch die Religion, will sie nicht ihre Wirkung aus die Jugend verlieren, auch ihrerseits auf den sie heute belastenden Stil von gestern verzichten... Wenn es nun ober noch zutrifst... daß viele Fragen und Situationen der Gegenwart sich nicht einfach auf frühere Probleme zurücksührei'. lassen, sorrdern neue Konstellationen in der rechtlichen, wirtschaftlichen, soziologischen, geistigen Sphäre darsteilen, so gelten unsere Einwände und Forderungen in erhöhtenr Maße. Es darf die Gesamtheit weder den einzelnen Jugendlichen seinen Erziehern, noch den einzelnen Erzieher seinen Zöglingen, noch beide einfach den Folianten überlassen... Dazu ist noch zweierlei nötig: ein Appell an die schweigenden Führer der Zeit, daß sie gemeinsam mit den Männern der Praxis über die Zeitfragen zu Rate fitzen^und daraus die Erzrchungsforderunaen formulieren. Tas sind erquickend offene und weltaufgeschlossene Worte. Ofter^ soll man mit Jelskr sagen das liegt eben in der Sphäre des Orthodoxen, aber der Liberale braucht nicht so weit zu gehen? Ist denn im Ziel beider wirklich ein Unterschied und nicht vielmehr im Weg, im Ausgangspunkt, in der Ausweitung? Wenn aber der orthodoxe Autor von der „klugen katholischen Kirche" spricht, die das gleiche tut, so meinen wir, daß auch dort nicht bloß die Klugheit vorwaltet und vielleicht überhaupt nicht, sondern tatsächlich oder vor allem der religiöse Trang. So versteh? ich deshalb auch d,e Existenz des „Zentrums", das schon durch sein Dasein gezwungen ist, sich mit dem ganzen Leben religiös auseinanderzufehen: wenn dieser religiöse Sinn oft und auch fetzt wieder vom „streitbaren" Geist der Kirche verdeckt wirst, fte'gt die Schuld nicht an der Religion. So verstehe erst recht „das Rote Matt der kathol. Sozialisten", das seit Januar erscheint, gleich in der 1. Nr. mit acht großen Zeitungsseiten ausrvartet und du Begrüßungsworte führender Sozialdemokraten abdruckt. So versiehe ich aus evangelischer Seite die „Zeitschrift für Religion und Sozialismus", ebenfalls seit Januar und in der ersten Nummer mtt 82 Seiten (neben dem wöchentlichen Bundesorgan), so verstehe ich das schon vor zehn Jahren erschienene Buch „Ein sozialistisches Programm", (über 200 Seiten), in dem der Schweizer Theologe Razap über „Prinzipielles und Tattik" schreibt, aber auch über „Das politische Programm", so die kleine, aber bedeutsame Schrift „Gott, Mensch und Arbeit" die A. Friedrich, ein Dr. ing., Leiter des Instituts für Sozialpsychologie an der Technischen Religion und Leben. (Sprechsaal.) 2 Hochschule in Karlsruhe, geschrieben hat, derselbe, der eben durch seine neuen, seelischen Arbeitsmethoden von sich reden macht. Nun sind diese Tinge Jelskis deshalb unverständlich, torl doch die christlich-religiöse Einstellung gar nicht zu einer solchen vorwärtsdrängenden Arbeit paßt. Aber haben wir nicht mindestens auch eine Reihe von Sätzen, die mehr zur Ergebung, zum Vertrauen, zum Tlbwarten, zum Resignieren Breslau. Jli „Abraham Seiger". Sonntag, 3. März, pünktlich 10 Uhr vorm., Führung durch die Kulturhistorische Ausstellung: „Das Judentum in der Geschichte Schlesiens" im Kunstgewerbemuseum, Graupe,istrahr 14. Führung: Herr Religionslehrer Davidfohn. Teilnahme von Gäste« ist erwünscht. Mittwoch, den 6. März, 20.15 Uhr, im Vereinslokal „Soziale Gruppe", Kaiser Wilhelmstraße 16, Ausspracheabend mit einleitendem Referat von Hans M. Danziger über: „Strömungen im Judentum der Gegenwart". Frankfurt a. M. Gefellschaftsabend des „Jli" unter Mitwirkung namhafter Künstler Sonntag, den 3. März 1929, 19.30 Uhr, in den Räumen der Frankfurt-Loge. Am 5. März Heimabend im Sitzungszimmer der Westendsynagoge. Fortsetzung des Ausspracheabends „Sozialismus". Georg Stierte. Gottesdienste Berlin-Norden Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Aller 162. Jede« Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 1. Marz 1929, Gottesdienst. Predigt: Direktor Dr. Plaut. Sonnabend, den 2. März, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Direktor Plaut. Berlin-Westen-. Verein Liberal« Synagoge Westend, Leistikowstratz« 7-8 (Schulaulad, nah« Reichskanzlerplatz. Jede» Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 1. März 1929, Gottesdienst mit Gedenkfeier für die Gefallenen. Predigt: Rabbiner Dr. Salomvnfki. Freitag, den 8. Marz, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Klein. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Aula der Cäcilienfchule, Rikolsdurger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Sottesdienst mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünktlich. Freitag, den 1. März, Predigt: Rabbiner Dr. Klein. auffordern und neunen uns doch btc Religion des freudigen Arbeitswillens? Und mit Recht. Aber mehr und wesentlicher: aus christlicher Seite hat man sich d'.e Einwendungen Jelskis schon felber gemacht. Und die Antwort? Nun man lese rm Bundesorgan vom 15. 2. „Katechismus und Proletariat" und wird darin ohne Bedenken die Worte stnden, „daß die Zeit des Katechismus heute vorüber ist". Und die Begründung für diese Worte auch. Aber Deißmann? Aber Harnack? Ob sie uns Jelski wirklich ganz gezeigt hat? Deißmann hat J923 m London folgendes gesagt: (,^De profundis".) Daß diese altevangettschc und altapostolische Idee („Gott will es, der Meister gebietet es") wie kaum eine andere bei den hanoarbeitenden Millionenmassen aller Völker Verständnis und Sympathie findet, obwohl sie ihnen oft nur in einer verweltlichten Form bekannt ist, ist für uns nicht ein Beweis, daß sie bedenklich ist, sondern ein Hinweisfür die Kirche, daß sie mit der energischen Geltendmachung ihrer ökumenischen Sendung als einer Großmacht der Versöhnung neue Evangelisationsmöglichkeiten auch der den Arbeiterschaften finden. Der nur auf sich selbst gestellte Sozialismus ist aufd em absteigenden Ast seiner Geschichte." Kann man wirklich annehmen, daß Deißmann diese lockende und gewaltige Ausgabe für Las Christentum ohne Einwirkung aus die Einzeldinge für möglich gehalten hätte? Haben die evangelischen und katholischen Führer etwa falsch gehandelt, als sie beim Eisenkonflikt öffentlich Protest erhoben und die katholische Kirche sogar in den Kirchen Geldsammlungen veranstaltete? Und hätten wir nicht tatsächlich längst die Abrüstung, wenn die „Staatsmänner" nicht bloß „klug", sondern auch religiös, leidenschaftlich religiös wären? Und Harwick? 1910 überreichte er dem Reichskanzler „aus Ersuchen" eure Denkschrift über „Friedensaufgaben und Friedensarbeit". Sie umfaßt jetzt gedruckt (in „Erforschtes und Erlebtes") fast 20 Setten und berührt einfach alle jetzt noch wesentlichen Fragen des Sozialen, der Wohnung, der Bildung, der Religion und enthält die Worte: „Und auch zu dem Letzten und Höchsten, dem in Gott gegründeten Idealismus, wird das deutsche Volk immer sicherer beit Weg finden, je edler und größer die Ausgaben sind, die seiner Selbstverantrvortlichkeit gestellt werden." Der Theologe Harnack wird ausgeforöcrt, und der Theologe Harnack entwirft ein religiös-weltliches Programm. Tenn religiös-weltlich, nicht bloß religiös-sozial, das ist das Losungswort, und so sollte man sagen und so die Dinge sehen und gestalten. Dann wird man nicht glauben, oaß ern Teilgebiet gemeint ist und eme Partei, wird wissen, oaß Philosophie so dazu gehört wie die Musik. Und desyalo hätte sich Jelski auch nicht aus das „Unzeitgemäße" Dr. Baccks berufen sollen. Niemand hat das wohl mißperstanven, jeder steht die Religion genau so. Und gerade das meinen wir ja auch, daß die zeitgemäßen Fragen - aber freilich alle rm Licht des „Unzeitgemäßen" betrachtet werden sollen. Und vor Jahren schon ist Tr. Baeck von Berlin bis nach Kiel gefahren, um einer Tagung der Antialkoholiker beizuwohnen mit dem Bemerken: „Ich lege Wert darauf, daß das Judentum immer dabei ist." Und hat Baeck nicht in der Tarmstädler Schule im Kreise der Philosophen Religion verbreitet? Und weshalb übergeht Jelski Montefiore und dessen „Bemerkungen", die wir vor kurzem lasen? Stellt dieser gewiß Religiöse, dieser Gelehrte, dieser 70jährige nicht gerade auch die Forderung der religiösen Weltlichkeit, der weltlichen Religiosität, die an nichts vorübergehen darf? Und weshalb soll man uns denn auch nicht hören, und zwar in der breitesten Oesfentlichkeit? Jelski beschwört uns bei dem 73. Psalm. Nun, er mag schon glauben, daß auch uns dieser Psalm und sein Kernwert Lebensprinzip war und ist und bleibt. Nur lesen wir ihn vielleicht etwas anders: „Wen habe ich im Himmel, und neben dir begehre ich nichts ans Erden. Tie Nähe Gottes, das ist mein Glück" - ja fern von der Tröstung eines seligen Jenseits wenden wir unsere ganze religiöse Inbrunst dem Leben zu und errichten das Jenseits, das Unzeitgemäße, hier. Abgewandt allem Materiellen, wo immer es sich zeige, reißt uns doch der Schwung unseres Lebens mit. Wir „schaffen am sausenden Webstuhl der Zeit und wirken der Gottheit lebendiges Kleid". Und die Nähe Gottes — das ist uns „Glück". Rabbiner Tr. Gotisch all, Frauffurt a. M. STOILWERCl-f KAKAO i*" Vllliq, i iDohlSchimickcnd. 1 nährhu ft. Oie drei Ringe Zu den Berliner Rabbinergutachlen. Von Joseph K a u s s m n » n , Weißenscc. In allen Kreisen der Jubenheit ist der Tag, an dem vor 200 Jahren der große deutsche Dichter Lessing geboren wurde, mit Begeisterung gefeiert worden. In jedem Festartikel der jüdischen Blätter ist auf die gewaltige Bedeutung Lessings für die Gleichberechtigung der verschiedenen Religionen hingewiesen, in fast jedem auf das Gleich-« nis von den drei Ringen hingedeutet. Was nützt aber die Begeisterung, wenn sie nur egozentrisch von ^der Judenheit empfunden, wenn sie nicht in die Tat umgesetzt wird, wenn die Juden in ihr nur die Toleranz Andersgläubiger ihnen gegenüber verstehen, nicht aber auch eine gegenseitige Duldung der im eigenen Kreise vorhandenen- Verschiedenheit der religiösen Ansichten? Immerhin mag es noch eine gewisse Erklärung, allerdings keine Entschuldigung, für religiöse Kämpfe zwischen den konservativen, libe raten und zwischenschichtlichcn Ringen geben. Aber auch die neueste Frage der Plätzeverteiluug in der neuen Synagoge Prinzregentenstraße hat innerhalb eines Kreises, der doch naturnotwendigerweise ein fest umschlossener sein sollte, wieder den Beweis erbracht, daß Lest sings Parabel gänzlich ohne Einfluß aus die Religionsvertreter einer und derselben religiösen Richtung geblieben ist. Acht liberale Rabbiner haben Gutachten abgegeben, drei haben sich für den einen, drei für den anderen und zwei für den dazwischen liegenden Ring ausgesprochen. Hätten sie nicht richtiger daran getan, wenn sie zusammcngetrtten wären und sich über ein gemeinsames Gutachten ausgesprochen und geeinigt hätten? Mußten sie cs heraufbeschwören, daß die Laien zu der Ansicht kommen können, „Eure Ringe alle drei »ichi echl. Der erste Ring vermutlich ging verloren."? Ein gemeinsames Gutachten, einerlei, ivie es ausgefallen wäre, hätte jedenfalls bewiesen, daß sie im Bewußtsein des Besitzes des echten Ringes gehandelt hätten, auf das Risiko hin, daß ein Teil der Liberalen oder der sich nur liberal Bezeichnenden mit ihrer Begutachtung unzufrieden sein würden. Aber das Schauspiel, das diese Dreiuneinigkeit bietet, ist ein Durchfall, wie er nicht schlimmer gedacht werden kann. An welchen von den drei Ringen sollen die liberalen Gemcindemitglieder nun glauben, welcher ist der richtige? Für den ivirklich religiös'liberalen Juden besteht solcher Zweifel - ja nicht, er steht fest zu dem Standpunkt, der von den wirklich liberalen Rabbinern Blumentha!» Galliner und Weyl furchtlos und treu ausgesprochen wurde. Aber die Zahl der nur halb liberalen oder nur gemeinde politisch liberalen oder der mehr oder weniger indifferenten Gemcindemitglieder ist eine große; und diese müssen in die schlimmste Verlegenheit kommen, wenn sie sich für die Echtheit eines der drei Ringe entscheiden sollen. Es muß bei Vielen dahin kommen, daß sie mit Heine denken, wie ihm vom Rabbi und vom Abt dünkte. Das Ansehen der liberalen Rabbiner muß bei vielen Gemeinde- Mitgliedern leiden. Viele mögen die Angelegenheit vielleicht nicht beachten oder gar nicht verstehen, namentlich solche, die sich der religiös-liberalen Bewegung nicht aktiv angeschlossen haben, die von den Gutachten kaum oder nur unvollkommene Kenntnis erhalten, weil sie die jüdisch-liberale Zeitung nicht lesen. Aber die wirklich religiös liberal Empfindenden und sich Betätigenden müssen zu der Ansicht kommen, daß man über religiös-liberale Fragen besser kein Gremium liberaler Rabbiner befrage, weil nur ein Teil derselben wirklich liberal ist. Und die weitere Folge? Die Furcht vor schlechterem Synagogen besuch, die von einer und der anderen Seite mit als Ablehnungsf grund angeführt wird, könnte vielleicht eher als eine Folge der verneinenden oder vermiticlnden Gutachten cintretcn, als durch eine gemeinsame ablehnende oder zustimmeudc Aeußerung. Man pflegt oft zu sagen, wenn zwei Juristen znsaniinenkommen, haben sie drei Ansichten. Die Geschichte der Entwicklung des Liberalismus im vorigen Jahrhundert zeigt leider, daß es auch bei den Rabbinern nicht anders liegt. Drei Rabbinerversammlungen fanden in der Mitte des vorigen Jahrhunderts stall, aber die Herren konnten zu keiner Einigung kommen und haben dann mehr als fünfzig Jahre tatlos zur Seite gestanden und es den Laien überlassen, für zeitgemäße Neuerungen einzutreten und solche ducchzusühren. Endlich hatten sie sich ausgerafft, sich über Richtlinien für das liberale Judentum geeinigt, und dann? Dann sind wohl Einige derselben, wie dankbar anzuerkennen ist, auf dem Wege der Entwicklung geblieben, aber Biele haben sich mit dem Resultat von 1912 begnügt und dem lieben Gott das Weitere überlassen. Was nützen die historischen Erörterungen in einige» Gutachten, wenn die daraus zu ziehenden Schlußfolgerungen zwar klar zu Tage liegen, aber nicht gezogen werden, sondern Bermittlungsvorschläge gemacht werden. Wollte denn der Borstand einen Verglcichsvorschlag haben oder ein Gutachten? Gehört solcher Bermittlungsvorschlag überhaupt in ein Gutachten? Muß man dabei nicht auf den Gedanken kommen, „mit Eizes bin ich versehen?" Auch bei den ablehnenden Gutachten spielen die historischen Gesichtspunkte eine große Rolle, auch bei diesen Gutachten hätte man auf Grund der geschichtlichen Ausführungen auf ein glatt bejahendes Urteil rechnen können. Der Schulchan Aruch und seine Vorschriften gegen sexuelle Gefahren treten auf, Vorschriften, die von der großen Masse der Juden in Deutschland längst vergessen sind, die heute nur abstoßend wirken. Ferner sprechen Bedenken mit, ob die Synagogen-- besucher sich nicht vielleicht bei einem Zusammensitzen von Männern und Frauen des Ortes unwürdig benehmen könnten. Solche unwürdigen Gedanken der betreffenden Herren rufen gewiß doch schärfsten Protest hervor. Sitzen sie denn nicht selbst bei Gesellschaften, Theatern, Konzerten und Beerdigungen, oder saßen sic nicht bei der liberalen Weltvcrsammlung mit Frauen zusammen und hat die Würde des Ortes und der Sache darunter gelitten? Es steht mir nicht zu, die Gutachten näher zu kritisieren, das könnte die Sache auch nicht verbessern, sondern nur verschlechtern. Man muß und darf auch nicht alles sagen, was man denkt. Aber auf einen Satz muß ich doch Hinweisen: „Wir sollen uns auch in Acußerlichkciten anders halten, als Nichtjuden; eine Minderheit must besonders achtsam auf ihre eigentümlichen Bräuche ,sein." Das stimmt zwar ganz mit dem Schulchan Aruch überein, scheint mir aber doch aus einem besonderen Gedankengange hervorgegangen zu sein, aus einer Anschauung, die wir liberalen Juden mit aller Entschiedenheit ablehnen müssen. Gerade weil cs sich seit vielen Jahrhunderten erwiesen hat, daß die religiöse Andacht und Weihe durch das Zusammensitzen von Männern und Frauen in den Gotteshäusern anderer Religionen nicht gelitten hat, ist die Forderung solcher „Andershaltung" ebenso von uns zu verwerfen, wie wir die mittelalterlichen Vorschriften über