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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-03-01 · 9 (1.3.1929) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
9 (1.3.1929)
Date
1929-03-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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religiösen Organisation, verdient unter diesen Umständen als erfreulich besonders hervorgehoben zu werden. „Ter Vorstand ist überzeugt, der Befriedung des Judentums am besten ßu dienen, wenn er unter den jetzigen Umständen die Zioinsten den von ihnen beschrittenen Weg allein gehen läßt." Auch dieser Satz war notwendig. Gibt es doch leider so viele Juden, die glauben, der jüdischen Sache einen Tienst zu erweisen, wenn sie unter Hintanstellung gesinnungsmäßiger Bedenken lediglich aus praktischen oder taktischen Erwägungen sich an jedem jüdischen Werk beteiligen. Tas mag in Amerika und England angängig sein; die amerikanische Nation ist ohne traditionelle Bindungen und noch kein einheitliches nationales Gefüge; England ist Mandatar für Palästina, bald vielleicht sogar Mutterland eines „siebenten Tominions" Palästina. Wer aber in Deutschland wirklich Befriedung des jüdischen Lebens und «des Judentums will, der muß Grundsatzfestig erstes Postulat ausstellen. Tenn Verwirrung schafft Unfrieden, und nur die Klarheit bringt den Frieden. Zu dieser Klarheit beigetragen zu haben, das ist das Verdienst der Resolution, die der Vorstand der Vereinigung für das liberale Judentum zur Frage der Jewish Ageney gefaßt bat. Warum ich Jude bin Edmoud Flegs neues Buch.) Bon George G o e tz. „Man fragt mich, waruin ich Jude bin." W c r fragt mich das: die Nichtjuden? Tie vielleicht auch, sehen den „Anderen" und fragen, warum er „anders", warum er Jude ist. Mer das sind wenige und geschieht selten. Doch hört die Frage nimmer auf beim Juden, der Jude selber fragt sich, warum er es ist. Problematik des Judeseins! „Dir will ich Antwort geben, mein Enkel, der du noch nicht geboren bist." Und der du, selber Jude, nach dem Grund deines Judeseins fragen wirst gleich uns Heutigen, die dankbar sind, eine über Generationen hinweg erteilte Antwort schon jetzt milanhören zu dürfen. Es ist ein Mann der Liebe und des Ernstes, der uns feine Antwort gibt auf unsre Frage nach unserm Judesein, und nicht in abstrakter Abhandlung gibt er sie, sondern durch die Ausbreitung seines eigenen Lebens, das in der Jugend chn „fern von Israel" entführt, in reiferen Jahren ihm eine „Rückkchr zu Israel" beschert und schließlich gipfelt in der Erkenntnis (die zugleich zum Jubelruf wird): „Israel in alle Ewigkeit!" Und mancher von uns wird in dieses Leben wie in einen Spiegel schauen. Mancher; nicht jeder. Kindheitseindrücke am Anfänge des Buches versetzen uns in die Atmosphäre selbstverständlicher Frömmigkeit in der patriarchalisch eingerichteten Welt des altjüdischen Familienkreises. „Der Segen nach der Mahlzeit schien mir ebenso wichtig wie die Mahlzeit selbst." Doch erschöpft sich diese Frömmigkeit nicht in Rüualismus, es war auch ein Leben der Sitte, der Güte und inneren .Harmonie im elterlichen Haus, und: „Da war auch Gott." Mer seltsam: das kurze allabendliche Gebet war „der Grund, warum mein Respekt vor dem häuslichen Ühilt sich zu lockern begann. Wenn das Licht erloschen war, blieb ich allein mit diesem Gott, dem ich socken eine Lcktion ausgesagt hatte. Dann sprach ich mit ihm. .... Gott war gegenwärtig, ich wußte eS, überall und in meinem Herzen. Ich erzählte ihm von meinen Fehlern und ich suchte seine Bergckung. Ich wollte besser sein, ich konnte es nicht ohne ihn. ... Ich stieg zu ihm empor. Er umgab mich. Er nahm mich zu sich; ich schlief in seinen Armen ein." Das war anderer „Gottesdienst" als der von den Eltern geübte und gelehrte, welcher dem Kinde nicht Gebet schien, sondern „Gewohnheit, die Gott nicht mehr sah". Aber der Knabe sah, sah die älteren Brüder am Sabbath schreiben, weil sie sich aufs Examen vorbereiteten, sah die Ellern unrituelle Speisen essen, wenn sie auf Reisen waren. Sah und hörte im Religionsunterricht einen Kantor als Lehrer, dessen Unbildung selbst ihn, den Sextaner, zur Kritik herausforderte, ebenso wie auch der ihn: allzu gut bekannte Rabbiner ihm den heiligen Ort - die Synagoge „entzauberte". Je mehr der Knabe heranwuchs, desto mehr sah und lernte er. Im vierzehnten Lebensjahr lernte er durch einen in einer christlichen Familie verbrachten Ferienaufenthalt die Lebensweise seiner Glaubensgenossen auch von außen her beurteilen; Kri« tik und Abkehr waren auch hier die Folge. Alle diese Kritik des jungen Fleg aber zielte aus die Form des Judentums ab, auf das Zeremouialgesetz und die Lckensweise der Juden. Und alle diese Kritik des naiven, unverbildeten Kindes dürste der heute wohl im fünften Lebensjahrzehut stehende fertige Mann vermutlich auch jetzt noch aufrecht erhalten. Aber gegen Ende fei'.ier Gymnasiastenzeit setzte dann auch eine Kritik der Ideen des Judentums ein, oder vielmchr er eignete sich infolge der damals grassierenden „naturphilosophischen" Mode vorübergehend Ideen an, die mit dem Judentum in Widerspruch stehen und ihn nun gänzlich wie er damals meinte: endgültig „fern von Israel" entführten. Doch muß man diese Partie des Buches selbst lesen: selten hat ein Schriftsteller mit solchem Humor und so feinsinniger, abgeklärter Selbftpersiflage seinen einstigen himmelstürmenden Sekundaner Atheismus geschildert. Waren es zuerst äußere Eindrücke gewesen, und keineswegs etwa Reflexionen, die ihn von Israel entfernt hatten, so war es wiederum ein AeußerlicheS, das ihn auf den Weg seiner „Rückkehr zu Israel" brachte. Fleg und ein Studiengenosse, mit dem er intim befreundet war den Namen verrät er nicht, nennt ihn nur kryptonym „den Logiker" - - hatten sich mit ihren „philosophischen" Spintisierereien in einen Zustand gänzlicher Weltabgewandtheit und ästhetisierenber Blasiertheit hinaufgespielt, als hereinbrach, was die gesamte französische Nation in allen ihren Kreisen tief aufwühlte und auch die beiden Freunde aus ihrem Wölkenkuckucksheim wieder zur Erde heruuterbrachte: der Dreyfus- Prozeß. Fleg nimmt für, der „Logiker" gegen Dreyfus Stellung, beide zunächst aus einem ihnen selbst unerklärlichen, gefühlsmäßigen Vorurteil heraus. Was dem jungen Fleg an den von seiten des „Logikers" gegen Dreyfus vorgckrachteu Argumenten aufsiel, „war die Tatsache ihrer Unwiderlegbarkeit, wenn man nämlich ein stillschweigendes Vertrauensvotum für das Militärgericht und die Offiziere des Generalstabs als unausgesprochene Voraussetzungen gelten ließ". Der Leser wird sich die weitere Entwicklung selbst denken können: die beiden durch ihr Aesthetisieren völlig wurl) Edmond Fleg: „Warum ich Jude bin." Ins Deutsche übersetzt von Mimi Zuckermandl. („Die Morgenreihe", fünfte Schrift.) Philo-Bcrlag G. m. b. H-, Berlin 1929. 93 Seiten, broschiert Mk. 1,50. zellos Gewordenen suchten, als das Lcken sie doch in seinen Strudel zog, einen Halt bei ihrer ihnen verlorengegangeneu Tradition: der „Logiker" wird französischer Chauvinist und lobt seinen Freund, als der sich auf seine jüdischen Stammesbindungen besinnt. Doch erweist sich Fleg als die gesündere Natur. Denn während sein Freund auf der einen falschen Voraussetzung ein völlig schlüssiges, „logisches" Gedanken gebäude errichtet — das ist ja die Art des gesellschaftsfähigen wissenschaftlichen Antisemitismus, der sich dem Radauautisemitismus gegenüber so wesensanderS und so vornehm dünkt während also sein Freund im Interessen- und Gruppen Vorurteil seines Kreises untertaucht, bleibt der zwar weniger logische, dafür aber selbständigere Fleg kritisch auch, als er die Ueberraschung des Zionismus erlebt und persönlich am dritten Zionistenkongreß in Basel teilnimmt. Sein „logischer" Freund sah „in der Möglichkeit meines Anschlusses an den Zionismus einen Weg zur Verständigung mit seinem jungen Nationalismus, sogar mit gewissen seiner antisemitischen Konsequenzen", Fleg aber sah in Basel keine Vertretevschaft einer jüdischen „Nation", er sah nur „Kontraste", nämlich Polen, Deutsche, Russen, Perser, Amerikaner, Aegypter und sich selber als Franzosen. Jahre vergingen, der Jüngling ist Mann geworden und hat sich eine Familie gegründet. Er hat Israels Geschichte studiert und aus ihr des Judentums wahres Wesen erkannt. Hatte er in der Jugend die vorgesundene Form des Judentums negiert, so lernte er jetzt, daß diese Form nur die , Schale, nur das stets wechselnde Kleid sei. „Moses in Akibas Schule: welch schönes Symbol in der Erzählung des Talmud! ... Das hieße also, daß die göttliche Offenbarung, die die Patriarchen und Propheten empfangen haben, in der Tra? dition fortlebt und im Fortleben, nicht anders als die ursprüngliche, zu jedem Jahrhundert nur in seiner Sprache spricht - hieße, daß ihre Form sich mit dem menschlichen Bewußtsein klärt und entwickelt." Wir merken: Fleg entdeckt und formuliert die Theorie des religiösen Liberalismus. Aber weiter: der religiöse Liberalismus wird chm bei seinen Forschungen methodisches Prinzip, und nun, durch die Anwendung dieses Hilfsinstrumentes, findet und schildert er, wie in der Offenbarung des Judentums bei aller Audersartigkeit der Prophetie gegenüber philosophischer, politischer, sozialer Lehre alle Ideen vorgckildet und ausgesprochen sind, die im Laufe jahrtausendelanger Geschichte üon den großen schöpferischen Geistern der Philosophie, der Staatslehre nnd der sozialen Ordnung her- Annahme von Bestellungen auf die Jüdisch-liberale Zeitung bei alle» Postämtern 2)ettffd)(ati6* vorgebracht werden. Der Form nach ist die Prophetie gänzlich Anderes, aber Inhalt und Ziel sind die gleichen und sind, das ist das Bedeutsame, in der Prophetie, früher als in allenr später Kommenden, vollkommen und rein vorhanden. Letzter Inhalt und letztes Ziel: die Einheit der Menschen untereinander und mit Gott. „Hier ist die ganze Mystik Israels. Es fehlt ihr nicht an Größe." Mit dem Wesen des Judentums erschließt sich ihm auch die wahre Ursache des Judenhasses, mit deren Erfor schung er ja unter dem Eindruck des Dreyfus-Prozefses den Weg seiner Rückkehr begonnen hatte: „Man sucht den Schuldigen bei der Minorität, die man in ihrer Gesamtheit beschuldigt" das ist alles. Und der Juden Pflicht gegenüber ihrer eigenen Vergangenheit und dem Haß von draußen ist dies: „In allen Ländern seid, bis zum Opfer eures Lebens, Bürger eurer Länder; und seid, zugleich, Juden; weiht jedem Vaterland den Schatz an Menschentum, den ihr von Israel übernahmt: und der Friede eures Vaterlands wird euer Friede sein, und der Fricke der Menschen euer Friede." Der auszog, den Schatz zu suchen, er hat ihn gesunden. Wir aber sind glücklich und dankbar, daß er uns teilnehmen läßt an seinem Reichtum. Und wir begleiteten ihn gern aus seiner Entdeckungsfahrt, die sich von derjenigen eines andern, ebenfalls französischen Judentum-Entdeckers dadurch so vorteilhaft unterscheidet, daß ein planvoller Wille den Kurs angab und ein sicherer Instinkt vor allzu langem Verweilen in den aus der Route liegenden Zwischenhäfen bewahrte. Wir verheimlichen nicht, daß wir in einigen Einzelheiten eine abweichende Ansicht haben - in der Beurteilung des Zionismus zum Beispiel, den Fleg anders versteht und darum anders wertet als wir, wenn er auch, gemeinsam mit uns, daS Leben in der Diaspora und die Emanzipation bejaht. Dafür erfreuen uns wicker andere Einzelheiten, die zum Teil sogar mehr als nur Einzelheiten sind; so, wenn er mit problemloser Selbstverständlichkeit von Jesus als einem jüdischen Manne und Propheten und von den Evangelien als jüdischer Literatur spricht, wobei er das Christentum, die Religion der christlichen Kirchen also, unmißverständlich ablehnt. Aber selbst in der Lehre und vor allem in der kulturellen Wirkung der Kirche noch erkennt er eine Ausstrahlung der jüdischen Prophetie, deren letzten Inhalt er eben in allen wirklichen kulturellen Leistungen der gesamten Menschheit widergespiegelt findet. Diese Erkenntnis der geistesgeschichtlichen Macht, der Unzerstörbarkeit und Unentbchrlichkeit des Judentums läßt ihn jubeln: „Israel in alle Ewigkeit!" Und mit angehaltenem Atem lesen wir den Dithyrambus, in den dies Bekenutnisbuch ausklingt und in welchen! uns Zeile um Zeile begrünoet wird: „Ich bin Jude, weil...." — zwölf Mal so und jedesmal schöner, tiefer und größer als das vorhergehende. Hier drei Proben: „Ich bin Jude, weil an jedein Orte, wo ein Schmerz blutet, der Jude blutet. Ich bin Jude, weil in allen Zeiten, wo eine Verzweiflung aufschreit, der Jude hofft. Ich bin Jude, weil das Wort Israels das älteste und das neueste Wort zugleich ist." Möchten Viele, Juden und Christen, sich an dieses reichen und gütigen Mannes Tafel setzen. Der Wein, den er kredenzt, macht gesund und stark; macht gesund den Juden von seiner Problematik, den Christen von seinem Vorurteil, beide von der Mißkennung des Judentums: macht stark beide, Juden und Christen, zu einträchtigem, glücklicheren Lcken. Uud ein Verdienst könnte sich erwerben, wer Edmond Fleg gewänne, bald auch persönlich zu uns zu sprechen. Bevölkerungspolitische Konferenz des preußischen Landesverbandes Auf Einladung des bevölkerungspolitischen Ausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden f<md am Sonntag, den 24. Februar, in seinen Räumen unter Vorsitz von Frau Siddy Wronsky eine bevölkerungspolitische Konferenz statt. Frau Wronsky wies in ihrer Eröffnungsrede auf die dringende Notwendigkeit hin, einmal in einem Kreise von Fachleuten die bevölkerungspolitischen Fragen durchzusprechen, die ja das brennendste Problem darstellen, das es zur Zeit für die jüdische Gesamtheit gäbe. An ein grundlegendes Referat von' Tr. Theilhaber schloß sich eine ein* gchende Tiskussion an. Ueber den Inhalt der Konferenz wird in einem Sonderdruck der Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege, der der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht werden wird, ausführlich berichtet werden. Tie Konferenz faßte einstimmig die folgende Resolution. a) Tie vom bevölkerungspolitischen Ausschuß des Preußischen Landesverbandes einberufene Konferenz über jüdische Bevölkerungspolitit vom 24. Februar 1929 in Berlin erkennt einmütig die Notwendigkeit, aber auch die Möglichkeit einer einheitlichen, starken, zielbewußten, umfassenden jüdischen Bevölkerungspolitit zur Erhaltung von Kraft und Zahl der Judenheit an. b) Tie Konferenz bejaht die Notwendigkeit des Zusammenwirkens aller im Judentum lebendigen religiösen, ethischeu und wirtschaftlichen Ideen und Kräfte zu diesem Ziele und ruft alle im öffentlichen Lcken stehenden Männer und Frauen, vor allem die Rabbiner, die Lehrer, die Aerzte, die Gemeindevorstände und besonders auch die jüdische Jugend zu gemeinsamer Arbeit auf. c) Tie Konferenz erkennt als ihre grundlegende Ueberzeugung au, daß insbesondere in einer Zeit schwerer wirtschaftlicher Not von einer Gemeinschaft die gckieterische Forderung aus ihre eigene Erhaltung durch Geburtenvermehrung nur dann gestellt werden darf und kann, wenn diese Gemeinschaft bereit ist, ihr Letztes an die wirtschaftliche .Hilfe und Sicherstellung der Geborenen zu setzen. d) Teshalb richtet die Konferenz ihren besonderen star len und eindringlichen Aufruf an die jüdischen Gemeinden, in viel höherem Umfange als bisher aktive und produktive Bevölkerungspolitit im Sinne einer gehobenen Sozialpolitik zu treiben auf allen Gebieten des jüdischen Lebens, besonders aber: 1. in einer weitgehenden Wohnungs und Siedlungspolitik; 2. in der Arbeits- und Berufsfürsorge; 3. in ihrer eigenen Gehalts- und Beamtenpolitik im Sinne einer Bevorzugung der kinderreichen Familien; 4. in der Verstärkung und Zusammenfassung der jüdischen Mütter-, Kinder-, Jugendschutz- und Jugendpflegckestre bungen und derjenigen der Gesundheitsfürsorge, der hauswirtschaftlichen Ausbildung und körperlichen Kräftigung; o. in der Einrichtung von Jugend- und Eheberatuugsstellen sowie in der Forderung aller Maßnahmen, die zur Schließung jüdischer Ehen dienen; 6. in jeglicher Förderung der Frühehe; 7. in besonderen Erziehungsbeihilfen besonders für jedes dritte und weitere Kind in Anerkennung der Mutterschaftsleistung als solcher; 8. in Anerkennung jeder Mutterschaftsleiftung der Frau durch unbedingte rechtliche Gleichstellung des uuche lichen mit dem ehelichen Kinde; 9. in der Begründung von Jugend und Gemeindeheimen; 10 in der vollen Nutzbarmachung der allgemeinen öffentlichen Leistungen der Versicherungsträger und Fürsorgeverbände auf diesem Gebiet und in ihrer Ergänzung aus eigenen Mitteln in allen Fällen, in denen die genannten Stellen nicht ausreichen; 11. die vorstehend aufgeführten Maßnahmen sollen allen Juden, gleichviel ab eingesessene oder zugewanderte, gleichmäßig zugute kommen. t) Tic Konferenz erwartet, daß diese Fragen auch zum Gegenstand eingehender Beratung in der Konserenzgemeinschaft der Großgcmeinden, in den Landesverbänden und der Reichsarbeitsgemeinschaft und in den Verbänden der oben erwähnten Berufe gemacht werden. Sie beauftragt den bevölkerungspolitischen Ausschuß mit der Auswertung der Konferenzergcbnisse und besonders mit der alsbaldigen Aufstellung eines bevölkerungspolitischen Gemeindeprogramms. f) Tie Konferenz richtet zum Schluß einen Aufruf au die jüdische Gesamtheit zu einmütiger Mitarbeit in der jüdischen Bevölkerungspolitik. Martyrium deutscher Zudeu am Ausgang des Mittelalters Ter „Vorwärts" gibt als charakteristisch für die Denkweise in Deutschland am Ausgang des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit einen Brief wieder, den während der Pest von 1493 Landgraf Friedrich der Strenge von Thüringen, Markgraf von Meißen, an den Rat der Stadt Nordhausen schickten. Ins Hochdeutsche übertragen lautet der Brief so: „Ihr Ratsmeisrer nnd Rat der Stadt zu Nordhausen! Wisset, daß wir alle nufere Juden haben verbrennen lassen, soweit unser Land reicht, der großen Schuld wegen, die sie der Christenheit getan haben, indem sie mit Gift töten, wollten, das sie in alle Brunnen geworfen haben. Darum raten wir euch, daß ihr eure Juden töten laßt, Gott zu Lob und Ehre und zur Seligkeit der Christenheit, damit sie die Christen nicht schwächen können. Wollte einer deshalb gegen euch klagen, so wollen wir euch vor unserem Herrn dem Könige, und vor allen Herren beistehen. Auch wisset, daß wir Herrn Heinrich Suoze, unseren Vogt von Salza, zu euch senden; der soll eure Juden der vorgenannten Schuld anklagen, die sie an der Christenheit getan haben. Darum bitten wir euch fleißig, daß ihr ihm dazu helft. Das wollen wir zu eurem besten. Gegeben zu Eisenach, am Sonnabend nach Walpurgies, unter unserem Siegel. Friedrich." Ter „Vorwärts" bemerkt dazu: „Man begreift die furchtbaren Folgen solchen Erlasses, wenn man bckenkt, daß sich das zu einer Zeit abfpielte, in der die Dumpfheit und Verwirrung der Geister ihren Höhepunkt erreicht hatte"

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