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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-02-22 · 8 (22.2.1929) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
8 (22.2.1929)
Date
1929-02-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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der Seelegab Herr Wslffsohn «in klares Bild von d«m Symbolismus in diesen I Religionen, wobei er sich besonders ausführlich mit der Symbolik im Judentum besaßt«. Hierbei führt« er z. B. die Gebräuche am Freitag-Abend und an den Festtagen an. Dem sehr interessanten Bortrage, der eine Fülle Wissenswertes bot, wurde mit großer Aufmerksamkeit gefolgt. An der besonders lebhaften Diskussion beteiligte sich vor allem Herr Rabbiner Dr. Krengel-Ratibor. Nachdem der Redner das Schlußwort ergriffen hatte, gab Herr Dr. Heimann der Hoffnung Ausdruck, Herrn Wolfffohn recht bald wieder in Rati'bor zu sehen. Unser Gebetbuch Bon Joseph Kauffmann. * Verfammlungskaleuder * Lertt«. Am Dteuslag, de« 26. Februar, abends 8.15 Uhr, Gemeindeabend, veravstaklet von der Liberalen Synagoge Westend gemeinsam mit der Brzjrksgruppr Charlottendnrg-Dest des Liberalen Vereins füc di« Angelegenheiten der jödtfchr» Gemeinde -u Berlin im Saal der „KaroAng«r»Satt«»", ttaiferdamm 45-46. Eintritt vor ans Einladung. Diese wird aus schriftlichen Wunsch durch die GefchäftssteUe der Lideralen Synagoge Westen-, Arthur Lehman« & Eo., Kaiserdamm 38, zugesandk. — Vortrag der Herrn Rabbiner Dr. Salomoustt: „Der moderne jüdische Mensch". Mnsilalische Darbietungen: Oberkantor Mlhelm, Chor und Solisten des Syuagogen-Chors. Jede Neueinrichtung in der Welt erweckt zunächst Widerspruch oder Ablchnung, jede neue Erfindung erregt anfänglich Mißtrauen, fast jede Entdeckung wird zuerst bezweifelt, jeder große Geist hat Mühe, sich durchzusetzen. Goethe, Schiller, Richard Wagner, — die Eisenbahn, die Dampfmaschine, das Telephon, bedurften langer Zeit, um sich Anerkennung zu erwerben, viele wertvolle Ersiktdungen ersreuten sich erst längere Zeit nach dein Tode ihrer Urheber eines Erfolges. Solche Tatsache besteht aus jeden: Gebiet, auf materiellem wie aus geistigem, aus profanem wie aus religiösem. Das große Publikum ist eine schwer rn Bewegung zu setzende Masse, es hängt am Hergebrachten und steht Neuerungen ablehnend gegenüber. Hat es sich aber an das Neue gewöihnt, so wird dieses chm nach gar nicht zu langer Zeit das Altfergebrachte, das gewohnheitsmäßig Gelubtc. Es vergißt, daß es sich um etwas «handelt, das vor kurzem noch; neu war, das seine Bäter oder Großväter noch nicht getan nt hatten, ja es kann sich kaum denken, daß es einmal anders gewesen sei. Bor 200 Jahren gab es bei den Juden in Deutschland noch keinen geordneten Gottesdienst, keine Predigt, keinen Cchorgesang, ja kaum oder nur wenige feststehende Synagogenmelodien. Ter Raw hielt ab und zu eine Derascha in hebräischer Sprache, — deutsch verstand er ja nicht, die meisten seiner Zuyörer auch nur schlecht — der Efesan, säst stets ein mrbesoldetes stimmbegabtes Gemeindemitglied, trällerte Melodien wie er wollte, benutzte bald solche, die er oon Vorgängern gehört hatte, bald solche, die er irgendwo aufgelesen hatte, Bol slieder, Opernarien, Militärmärsche und selbst Kirchenlieder. Nur einige längst gewoynte Klänge mußte er beibchalten, konnte sie aber nach Herzenslust variieren. Außer dem Trop, der Weise der Thoravorlesung, dürste cs kaum Synagogenmelodien geben, die bis in das Mittelalter zurückreichen. Jeder Ehasan hatte einige Staatsmelodien, die x nur bei besonderen Gelegenheiten zum Besten gab, dann aber fand er jedesmal großen Beifall, sofern die Zuhörer sich erinnerten, daß sie denselben Sang schon bei gleicher Gäegeicheit gehört hatten. So nur ist es zu erkläret:, daß das Publikum an manchen Gebetstücken besorrders hängt, weil sie in einer eigenartigen, vielleicht von einem beliebten Ehasan herrührenden Melodie vorgetragen werden. Diese Teile des Gebetbuches zählen dann bald zu den wichtigsten und heiligsten, die man nur stehend anhört, bei denen die heilige Lade geössilet werden muß — obwohl der Inhalt des Stückes gar leine Veranlassung dazu gibt. Tie Melodie herrscht, der Text wird za nicht verstanden. Tie Feststellung dieser Tatsache soll aber durchaus keine absprechende Kritik fein. Ich bin der Ansicht, daß nicht nur das gesprochene Wort eine andächtige Stimmung Hervorrufen kann, sondern ebenso auch die Musik, die Melodie^ ja diese vielleicht noch mehr. Es kommt ja wahrlich nicht daraus an, was man sagt, sondern wie man es sagt und fühlt. Das haben auch schon unsere alten Weisen vor fast 2000 Jahren empfunden, als sie für das Gebet des Einzelnen jede Sprache erlaubten, die er verstand, selbst für das Schema und die Tefilla (Schemone efre). Nur für den Gemeindegottesdienst hielten sie bei den Hauptgebeten die hebräische Sprache für erforderlich. Erst viel später brachte eine mystische Richtung den absurden Gedanken auf, der tiefe Gott verstände nur hebräisch und aramäisch — weil sie nichts anderes verstanden. — In noch späterer Zeit glaubte man, die Engel verständen nur hebräisch, deshalb führten Einige aramäische Gebete ein, damit die Engel nicht aus Neid die Erfüllung der Bitten verhindern könnten. Es gibt jedoch auch Gebets die aus durchaus richtigen Gründen in der derzeitigen Volkssprache, dem Aramäisch, abgefaßt sind. In den ältesten Zeiten gab es überhaupt keine feststehenden Gebete, mit einer ernzigen Ausnahme. Alle drei Jahre hatte jeder Grundbesitzer im Tempel zu Jerusalem ein kurzes Gebet zu verrichten, in welchem er daraus hinwies, daß er seine Zehnt-Abgabe richtig erfüllt habe und Gott um Segen anstehte. Erst nach der Rückkehr aus dem Exil sing man an, auch außerhalb des Tempels Gottesdienste einzurichten, wahrscheinlich erst nach Esra, also etwa 10C0 Jayre nach Mojes. Diese fanden zuerst nur morgens und nachmittags an Sabbaten und Feiertagen statt, bald auch an den Mar t.agen, Montag und Donnerstag, damit auch das Landvolk Gelegenheit fände, einem Gottesdienste beiwohnen zu können. Dcher bestand in der Hauptsache aus einer Thoravorlesung mit Erklärung in der Volkssprache und einigen Psalmen. Auch das Schema wurde bald eingeführt. Allmählich entwickelte sch die Ge fetordriung weiter, dem Schema gingen zwei Segenssprüch? voraus und einer folgte. Auch die Schemone Esre war schon längere Zeit vor der zweiten Zerstörung Jerusalems eingeführt, allerdings nicht in seststehender Form. Die Tefilla im Abendgebet wurde erst später eingefüchrt. Es gab damals und Jahrhunderte später noch leine Gebetbücher. Beim Gottesdienst trat ein Befähigter vor die Gemeinde und trug die Gebete laut vor. Tie Gemeinde hörte zu und antwortete nur am Schlüsse jedes Segensspruches mit Amen. Nach dem Entstehn des Christentums machte sich aber eine Feststellung der Gebet-, namentl ch der Schemone Es re erforderlich. Juden und sogenannte Jude ^christen wohnten und beteten zusammen und es entstanden oft Zwistig- 'keiten, wenn ein Vorbeter christliche Zusä^E oder Abänderungen machte. Ter Patriarch Gamaliel II. ließ deshalb den genauen Wottlaut der Schemone Esre durch einen sonst unbekannten Simon Hapetuli festfiellen und j,äter diesem Gebete einen neuen, den 19. Absach durch Samuel den Kleinen einfügen, der sich gegen Die Sektierer richtete. In dieier Zeit, nm das Jahr 100, wurden auch die Segenssprüche und manche anderen Gebete festgesetzt. Aber alles wurde dem Gedächtnis anvertraut, erst 4M—500 Jahre später ging man allmählich zur Niederschrift über. Breslau. Jli „Abraham Geiger". Mittwoch, den 27. Fedrnar, 20.15 Uhr, im vereinslokal „Soziale Gruppe", Kaiser Wiihelmstraße 16, Arbeitsgemeinschaft: „Die Propheten". Leitung: Herr Religionslehrer Davidsohn. Sonntag, den 3. März, pünktlich 10 Uhr vormittags, Führung durch dir Kulturhistorische Ausstellung: „Das Judentum in der Geschichte Schlesiens" im Kunstgewerbemuseum, Graupenstraße 14. Führung: Herr Rcligivoslehrer Daoidfohu. Teilnahme von Gästen ist erwünscht. Duisburg. Mittwoch, dev 27. Februar 1929, abends 20.30 (8.30) Uhr, im Konferenzzimmer des Hotels Prinz Regent, Univerfitätsstraße 1, Mitgliederversammlung des Jüdisch-liberale» Gemeindevereins. Tagesordnung: 1. Aufstellung der Satzungen,' 2. Vorstandswahl; 3. Vortrag des Herrn Rechtsanwalt Dr. Levy: „Der Entwurf der neuen Satzrmgeu der Syuagogeugemeinde Duisburg"; 4. Verschiedenes. Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendgemeinfchast. Am Sonntag, deu 3. Mörz, 19.30 Uhr, Jli-Fest in der Frankfurt-Loge. Siehe auch Jvferat tu der heutigen Rümmer. Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendgemrinschaft. Aue 26. Februar, abends 20.30 Uhr, findet unsere Generaloersammluug im Sitzungszimmer der Westendfynagoge statt. Wir erwarten zahlreiches Erscheinen der Mitglieder. Sonntag, deu 3. März 1929, Gesellschastsabeud des „Jli" unter Mitwirkung namhafter Künstler in den Räumen der Frankfurt-Loge. Natibor. Jli. Nächste Zusammenkunft: Mittwoch, de« 27. Februar 1929. Literarischer Abend. Gottesdienst« Verlin-Rrrde«. Liberale Synagoge Norden, Schönhauser Allee 162. Freitag, den 22. Febmar 1929» anläßlich des Bvlkstranertages Gottesdienst mit Gedenk- und Seeleufeier. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Sonnabend, de« 23. Februar, vormittags 10 Uhr, Gottesdienst. Predigt: Rabbiner Dr. Salomonski. Berlin-Westeud. Verein Liberale Synagoge Desteud, Lelstllvwstraße 7-6 (Schul» eula), nahe Retchrtaazlerptatz. Jeden Freitagabend liberaler Gottesdienst mit Chor und Predigt. Legiua 19.15 Uhr pünttlich. Freitag» de« 22. Februar, fällt der Gottesdienst wegen Schließung der Schulen ans. Mil de« am Freitag, den 1. März, stattfiudendeo Gottesdienst wird die Gedenkfeier für die Gefallene« orrdnndea. Predigt: Raddiner Dr. Salomonski. Berlin-Wilmersdorf. Liberale Synagoge Wilmersdorf (in der Anla der CScMenfchalr, Nikolsburger Platz): Jeden Freitagabend liberaler Sottesdiraft mit Chor und Predigt. Beginn 19.15 Uhr pünttlich. Freitag, den 22. Februar» anläßlich des volkstrauerlages Gottesdienst mit Eedrnkunb Seelenfeier. Predigt: Radbiner Dr. Klein. Wann zuerst eine Gebetfammlung ausgeschrieben wurde, wissen wir nicht, aber wir wissen, daß erjt in oer zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts, also vor etwa 1000 Jahren, das erste Gebetbuch von Babylon nach Europa tam. Es wurde von dem Gaon Amram auf Wunsch nach Spanien geschickt. Dieses Gebetbuch des Gaon Amram ist die Grundlage unseres yeutigen Gebetbuches. Auf dieses wurde weiter aufgebaut, darin enthaltene Gebete wurden erweitert, neue hinzugesügt. Schon ettva 150 Jahre vor Gaon Amram begann die Zeit der Paitanrm (Poeten). Die Vorbeter verfaßten neue Gebete in dichterischer Form, die sie zur Verschönerung und — Verlängerung des Gottesdienstes einfügten. Ter älteste Paitan war Jose ben Jose, wo und wann er gelebt hat, ist unbekannt. Sein Schüler, Eleasar Kalir, der fruchtbarste dieser Synagogendichter, verfaßte Einschaltungen für alle besonderen Tage des Jahres, für die Wallsahrtsfefte, die Jomim Noroim, die Bußtage und Tischo beab, von denen viele noch heute im Gebrauch sind. Er lebte um 750 n. d. j. Zeitrechnung in Liberias. Ta in Palästina nur ein Feiertag gefeiert wurde — nicht wie bei uns zwei — so waren seine Gedichte auch immer nur für den einen Tag bestimmt. Aber der größte Teil der dichterischen Zusätze stammt aus der Zeit von 10C0—1200, damals schwoll die Gebetsordnung, namentlich in Deutschland, ungeheuer an. Von diesen Dichtern seien einige genannt: Simon ben Jizchol, Ephraim ben Jakob, MeschuUam ben Kälonymos, Josef ben Samuel bon fils, Ephraim ben Jaler. Um 1100 wurde auf Grund des Siddurs Amrams in Frankreich ein neues Gebetbuch zusammengestellt, das auch einen großen Teil der poetischen Einschaltungen, soweit solche bis dahin versaßt waren, enthielt. Dieses Werk ist unter dem Namen Machsor Vitry bekannt. Tie religiöse Dichtkunst blühte aber weiter und erst das Ende des 14. Jahrhunderts, als eine weitere Gebetfammlung, der Kol Bo verfaßt wurde, kann als Abschußzeit der Gebetentwickelung betrachtet werden, es lam allerdings auch später noch manches hinzu. Wenn wir nun unfern heutigen Gottesdienst betrachten, so ist es interessant, wie neu euuge Gebete sind, dre wir für befonders wichtig erachten. Am Freitag Abend begingen wir mit Lechu neranneno, dann folgt Lecho dodi. Lechu nerannmo sind biblische Psalmen, Lecho dodi wurde 1529, also vor 400 Jahren, von Salomo Al abez ln Safed verfaßt. Sowohl sein Gedicht, wie jene Psalmen wurden von ihm in das Gebetbuch eingesügt. Biele Gemeinden, namentlich am Rhein, haben sie aber bis heuie nicht ausgenommen. Alkabez gchürte zu dem Kabdalistettkreise in Safed. Hchon dzeree Umstand der a maßte die Gegner der Kabbala, sein Gefecht nüyt aufzunchmen. Nebenbei kann die Sitte (oder Unsitte), die mancherorts herrscht, haß die Gemeinde sich bei dem letzten Verse des Liedes znr EingangStür umkchrt, um den einziehen- Sabbat zu begrüßen, nur kabbalistischen Ursprungs sein. Den Psalm Mismor schir lejaum haschabos wurde schon viel früher eingefübrt. Ter Kaddisch ist sehr alt, wurde schon in den ersten Jahrhunderten der talmudischen Zeit verfaßt, aber nur als Gebet bei Beendigung der Gottesdienste oder der Lehrstunden gebraucht. Erst im 12. oder 13. Jahrhundert wurde er in Teutschland als Gebet für Trauernde bestimmt, gleichzeitig entstand auch die „Jahrzeit", die zuerst in einer Schrift des Rabbr Meir von Rothenburg erwähnt wird. Bon Teutschlandging die Sitte der „Jahrzeit" auch auf andere Länder über Da cs einen hebräischen Ausdruck für dieses Wott nicht gab, haben auch die Juden in Frankreich, Italien und selbst in der Türkei, diese deutsche Bezeichnung in ihren Sprachschatz ausgenommen. Es hatte fic| auch allählich der Gebrauch eingefühtt, daß nach jedem Hauptgebet, also Schacharis, Mussaf, Mmcha und Maariw ein Kaddisch gesagt wurde. Da man sich des Guten nicht genug tun konnte, traten dann noch wertere, aber nur ,Halbe Kaddeschim" hinzu, so auch vor Borachu und nach der Thoravorlesung. Dieses Borachu, sowie die folgenden Gebete, sind talmudisch, aber die Fassung einiger derselben ist sticht allenthalben die gleiche, bei den deutschen Juden eine andere, abls fei den Sesardim. Tos Haschkiwenu ist ursprünglich als gekürzte Tefilla (Schemone esre) eingesührt, ebenso in gleicher Absicht von Maimonides das „Mögen owos", heute lagen wir aber das volle Gebet, sowie beide Abkürzungen! In dem Siddur Amram kommt zuerst das „Weschomru" vor, ebenso das „Wajechullu" nach der Tefilla. Ter Kiddusch ist zwar talmudisch, aber tn der Synagoge erst später eingeführt. Noch der Schulchan Aruch ist gegen den Kiddusch in der Synagoge. Das Olenn Gebet stammt von Rab, der um 2M nach der jetzigen Zeitrechnung in Babylon lehrte, es war aber nur für Rosch Hafchono bestimmt und bekam seine Bedeutung als Schlußgebet erst viel später. Das Lied „Adon Olom "soll von Gabriol gedichtet sein. Von den Sabbat-Morgen Gebeten ist ein Teil ialmudlfL ein anderer Teil befindet sich erst in Amrams Siddur. Die Gebete beim Ausheben der Thora sind talmudisch, mit Ausnahme des Adonai, Adonai, das erst im Kol Bo erscheint. Ter Mischcberach ist erst seit dem Jahre 11M bekannt, dagegen ist das Rosch-Ehodesch Einsegnen eine talmudische Einrichtung. Tie Gesänge beim Einheben der Thora komme« ebenfalls erst bei Amram vor. Das Gebet für die Regierung wurde im 14. Jahrhundert durch den Kol Bo für Deutschland und durch Abudrcham für die sefardischen Gemeinden eingeführt. Tie Thora und Prophetettvorlesung stammt aus derb, ältesten Zeiten des zweiten Tempels. Anfänglich wurden nur ausgewählte Stellen vorgelesen und übersetzt — jeder „Aufgerufene" mußte selber lesen —. Später hielt man es für richtiger, die ganze Thora zu verlesen. Man teilte sie irr 154 Abschnitte und verteilte diese auf drei Jahre, in Palästina ursprünglich aus sieben Jahre. Viel spater hatte man damit aber nicht genug, man machte eine neue Einteilung in 54 Abschnitte, sodaß die ganze Thora innerhalb eines Jahres z:rr Verlesung kam. Das Musfafgebet rührt in seinen Anfängen aus srühtaln udischer Zeit, echielt aber später viele Einschaltungen. Es hatte sich die Ansicht gebildet, daß das Gebet an die Stellv der Opi er getreten sei; aber die Einrichtung der Bethäuser erfolgte schon Jahrhunderte vor der zweiten Zerstörung Jerufalnns und des Tempels und vor der Zerstreuung der Juden. Man wollte später diese Ansicht auf Rabbi Jochanan be» Sakkur zurückführen, der nach> der Zerstörung Jerusalems das jüdische Gemeinwefen wieder ausrichiete und durch fern Lchrhaus in Jabne die Fortexistcnz der Religion ermöglichte. Aber mit Unrecht. Als seine Schüler über die eingetretene Unmöglichkeit, den Opferdienst fortführen zu können, klagten, antwottete er ihnen, daß in den Werken der Nächstenliebe ein ebenso gottgefälliges Wert liege, wie in den Opfern. Dennoch drang später die erwähnte Ansicht durch und es wurden in das Musiafgebet diejenigen Thoraabschnitte eingesügt, die von den Opfern des betreffenden Tages hawdeln. Mit Recht hat man in der Neuzeit an vielen Orten diese Einschaltungen gestrichen, weit ein Gebet, besten Erhörung man garnicht wünscht, als unstatthaft erscheint. Wer könnte auch ernstlich die Wiedereinführung des Opserdienstes erflehe»? Das Gebetbuch Amrams bringt zuerst das „Tikanto schabos". Der Gesang: „En kelohenu" erscheint zuerst i« Machsor Vitry. Die Mussaftefilla von Rosch Haschono stammh abgesehen von den drei Bor- und drei Nachsegenssprüchen, in der Hauptsache von dem Begründer der babylonischen Hochschulen Rab, der eigentlich Aba Areka hieß und ei« Schüler des Rabbi Jehuda Hanassi war. Für das wichtigste und feierlichste Gebet des ganze« Jahres gilt das „Kolnidre" am Vorabend des Jom Kippur. Auch dieses Gebet ist in einer Zeit und für di^se Zeit enfe standen. Es steht nicht sicher fest, wann es entstanden ist, jedenfalls im nachtalmubischen, gaonäischen Zeitalter. Einige wollen es auf die Versolgungszeit der westgotischen Könige in Spanien zurückführen und halten es für eine Einrichtung der Zwangstäusiinge, die sich mit dieser Gebetsformel ihr Gewissen erleichtern wollten. Ursprünglich hatte das Gebet nicht die Formel: „Von diesem Jomkippur bis zum nächsten", sondern „Vom vergangenen Jomkippur bis zu diesem". Es entspricht auch dem Religionsgesch und ist auch einleuchtender, daß man von bereits getanen Gelöbnissen, die man nicht erfüllen konnte, Lossprechung erreichen wollte, als für zukünftige leichtfertige Auferlegungen. Andere verlegen den Ursprung nach Babylon. Immerhin kann es im 7. oder 8. Jahrhundert entstanden sein. Mer allgemein eingesührt wurde es erst viel später. In dem Gebetbuche Amrams ist vermerkt, daß das Kolnidre von einigen gesagt werde. Jedenfalls scheint es aber um das Jahr 1000 allgemein eingeführt zu sein, aber wohl in kürzerer Form als heute. Liegt es nun am Inhalt dieses Gebetes, daß es uns so tief ergreift, und der Ihm die ganz besondere Wichtigkett verliehen hat? Für die Anussim, d. h. Zwangschristen, die heimliche Juden blieben, mag es gewaltige Bedeutung gehabt haben, aber für in anderen Ländern lebende und nicht unter solchem Zwange stehende Juden wohl schwerlich. Es war und ist nur und ausschließlich die gewalttge, wunderbare und ergreifende Melodie, in der es vorg-tragen wurde und wird» die wohl zu den ältesten Synagogenmelodien gehört, die wir besitzen.

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