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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-02-22 · 8 (22.2.1929) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
8 (22.2.1929)
Date
1929-02-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Tie vielen Einschaltungen, in die Teftttol RosÄ haschono und Joinkippur stammen meistens von Eleasar Kaur, jedoch «uch deutsche Piutdichter, wie die vorher erwähnten, haben ihren Teil dazu beigetragen. Tns schöne, mit „Unesane Tankes beginnende Gebet soll von Rabbi Amnon herrühren, ist aber wahrscheinlich von Ephraim den Jakob in Bonn 1191 gedichtet. Von dem Gebet „Owinu malkenu" stammen einige Verse fcfycm von Rabbi Akiba, der im zweiten Jahrhundert gelebt hat. Er sprach diese Verse als Gebet um Regen. Nach seinem Muster wurden viele weitere Verse hinzugedichtet, meistens in der Zeit der großen Judenversolgungen zwischen dem ersten Kreuzzuge bis zum 15. Jahrhundert. Nur wenige der schönen Gebete der großen spanischen Dichter besinden sich in unfern Machsorim. Erfreulicherweise hat das Berliner Gebetbuch für den Neilaabend ein Lied von Jehnda Halevi, beginnend mit „Joh schimmecho" ausgenommen. Nur einige weitere Gebete seien noch erwähnt. Bon Kalir stammen auch viele Einschaltungen an den drei Wallsahrtssesten. darunter das „Talgebet" am 1. Pessachtage und das „Geschemgebet" am Schemini Azeres. Tie anderen Feiertags-Einschaltungen rühren fast sämtlich von deutschen nnd französischen Dichtern her. Man kann sagen, daß bis zur Erfindung der Buchdruckerkunst die Entwicklung unseres Gebetbuches stets im Fluß geblieben ist. Es hat aber niemals eine Uebercinstimmung :n den Gemeinden und Ländern über das Gebetbuch geherrscht. Selbst die ältesten Gebete haben sich hier und da, je nach dem Geschmack der Gemeinden oder ihrer Rabbiner, Blenderungen gefallen lassen müssen. Daraus entstanden sowohl die großen Sondergebctbücher nnri) spanischem, italienischen, deutschen und polnischen Ritus, wie auch zahllose lokale Minhagim oder Gepflogenheiten. Allmählich erst trat in den letzten Jahrhunderten der irrige Glaube aus, daß unser Gebetbuch uralt und deshalb durch die Zeit geheiligt sei, Abänderungen daher unzulässig seien. Es ist selbstverständlich, daß solche Ansichten nicht aus wissenschaftlicher Grundlage entstanden, sondern aus unbewußter oder gar gewollter Unwissenheit, aus mystischen Gedantengängcn und aus übertriebenem Eifer. Ein Gebetbuch muß den Bedürfnissen der Zeit entsprechen. Vor einigen hundert Jahren liebte man die Anhäufung von Gebeten beim Gottesdienst, konnte inan sich nicht genug tun an zahlreichen Wiederholungen und au unendlicher Verlängerung der Gottesdienftzeit. Heute sucht man zu den einfacheren Einrichtungen unserer Vorfahren und der ursprünglichen Fassung ihrer Gebete zurückzukehren, lehnt das doppelte Beten des Hauptgebetes ab, wie es schon Maimonides abgelehnt hatte und verwirft mit den bedeutendsten Rabbinern aller Zeiten die Einfügung von Einschaltungen in die Gebetsolge von Borachu bis nach der Tesilla, die man nach der Anordnung der alten Weisen, welche das Beten eingeführt hatten, doch überhaupt nicht unterbrechen durfte. Tie modernen Aenderungen des Gebetbuches sind also keine „Neumodisch keilen", sondern sind die Rückkehr zu dem Alten, Echten und Wahren. Es kommt ja, wie schon gesagt, auch nicht darauf an, was oder wieviel man betet, sondern wie man betet, in Andacht, Ehrfurcht und Wahrheit. Der Zudenbart Wir lesen in des Johann Jacob Schudt „Jüdische Merkwürdigkeiten" (Frankfurt und Leipzig 1714) im Kapitel über „Frankfurter Juden-Verheuratung": So haben nun die geheurachete Juden von beyden Ohren «n biß zu dem Kihn einen Strich Bartes wie einen Zaum ums Maul und unten am Kihn einen Bocks-Barth; die ledige Mannsleute aber haben es nicht. Worbei curieus ist, daß man zu Zeiten Juden findet, so schwache Haupthaar und «teeit rochen Bart haben. Zu Kayser Rudolphs 4 kamen zwey Abgesandten Juden; der eine hatte einen weißen Barth und schwache Haar, gab dem Kayser, da er nach der Ursach stagtc, den Bescheid: Er habe sehr viel Sorge für sein Maul-Futter gehabt, sei also der Barth für Sorgen so früh grau geworden. Der andere, so einen schwachen Barth und eißgraues weißes Haupt hatte, sagte: Sein Barth wäre 20 Jahre jünger als der Kopf, darumb er noch nicht so grau als dieser. i: * I Sprechsaal I *;; 0St diese Rubrik übernimmt die Schristleitung lediglich die preß, aeleülicbc Dermuwortuna. Religion und Leben i. Lehr geehrter Herr Redakteur! Während ich Ihnen in der vorletzten Nr. (6) für Ihren kräftigen Appell an die Rabbiner, daß sic in die Wirklichkeit der sozialen und politischen Tagossragen eingreifcn möchten, freudigen Herzens dankte, wird dieser dlppell in der darauffolgenden Nr. von Dr. Jelski zurückgewiesen, mit dem Argument, daß die Uebertragung in die Wirklichkeit nicht Sache der Religion sei, daß die Aufgabe der Religion nur die sei: Herz und Gesinnung des Menschen umzugestaltcn, „d a u n folgt alles andere von selbe r". Da ich mich nun mit Ihrer Forderung identifiziere, so möchte ich mir gegen die Ausführung Dr. Ielslis eine kurze Frage gestatte!'.. Wenn es für die Vertreter der Religion schon genügt, die religiös ethischen Ideale in der Theorie zu predigen, wie ist cs dann zu erklären, daß jede Verwirklichung eines solchen Ideals fast das ausschließliche Verdienst der religion-s feindlichen Kreise ist, während die offiziellen Vertreter der Religion diesen stets hindernd in den Weg, treten? Soll man dafür erst Berveise ansühren? Dann müßte man die ganze Kulturgeschichte der letzten Jahrhunderte exzerpieren. Wie ist nun diese Erscheinung religionspsychologisch zu erklären? Daß dies nicht aus laxes moralisches Empfinden zurückgeht, weiß jeder. Die meisten dieser reaktionären Priester sind in ihrem individuellen Leben ein Muster von Selbstlosigkeit und Aufopferung. Die Erklärung kann einzig und allein nur die sein, daß die Repräscntanteit der Religion, die in allem Vorgefundenen etwas Gottgewolltes sehen zu müssen glauben, sich daran gewöhnt haben, die Verwirklichung der über das Vorgefundene hinausragenden ethischen Forderungen einer unabsehbar fernen Zukunft zuzuweisen. Haben aber erst die rcligionsseindlichen Kreise einer solchen cthischreligiösen Forderung in Wirten Kämpfen gegen die Priester zum Siege verholsen, dann kommen,, die Letzteren hinterher und zeigen mit Stolz aus die Bibel hin, die jenes Ideal schon vor Jahrtausenden gepredigt hat, halten, es dann aber nicht für ihre Pflicht, zu erklären: wieso die biblischen Ideale konstant nur von den Bibelsein den durchgesochten norden müssen. Rabbiner Dr. I a m v c I. II. . Man muß es mit Tank begrüßen, daß endlich einmal. (Dr. Jelski in Nr. 7 der „Jüd. lib. Ztg.") dieses Thema von einem den bisherigen Erörtcrnngcn in unserem Bereinsorqan entgegengesetzten Standpunkt behandelt worden ist. Herr Dr. Jelski dürfte wirklich im großen und ganzen recht haben, wenn er ausführt, daß Religion in den von ihm angezogenen Beziehungen immer nur mittelbar tvirken könne, durch die von ihr beeinflußten Individuen und erst dann durch die aus ihnen zusammewgesetzte Masse. Daß eine unmittelbare Wirkung der Religion in solchen Dingen nicht gut möglich sei. Zum mindesten lehrt die Weltgeschichte, daß die Verbindung von Religion und Politik nur selten zum Guten geführt, daß sie im Gegenteil meist einen Mißbrauch des Religiösen gezeitigt hat. (Im Rahmen eines kurzen Zeitungsartikels kann das natürlich nicht ausführlich belegt werden.) In Wirklichkeit steht z. B. das heutige Judentum zur Frage der Bodenreform völlig neutral; daß das mosaische Gesetz vor drei Jahrtausenden ein „Jobel sähr" für ein autarkisch-agrarisches Gemcintvesen geboten hat, will nichts besagen. Man muß schon ein fanatischer Bodenresormer sein, um zu behaupten, daß die durch die Umstände nötig gewordene Entwickelung des Städtebaus und die Erschließung neuer Wohngegenden usw. bei bodenrcsormerischen Grundsätzen sich so hätte ermöglichen lassen, wie sie vor dem dtzriege tatsächlich verwirklicht worden ist Tie öffentliche Bautätigkeit für Privatzwecke und die Erfolge der staatlichen Wohnungsbewirtschaftung dürsten auch die nachdenklich stimmen, welche nicht Latifundienbesitzcr und .Hauseigentümer sind. Genau so verhält cs sich mit allen anderen Problemen der Wirtschafts- und Sozial- und auch der großen äußeren Politik, die ja leider meistens zu Parteischlagworteu geworden sind. Wirklich und tatsächlich kann der Angehörige einer jeden Partei, die Religion mit ethischem Inhalt nicht grundsätzlich ablehnt, auch aus seinen Parteigeundsätzen heraus als Mensch und Politiker Gutes schaffen, wenn diese Religion nur genügend stark auf ihn cinwirkt. Sehen >vir doch einmal die religiöse Partei Deutschlands an, das Zentrum! In Wirklichkeit ist sein religiöser Charakter eigentlich völlig geschwunden. Das Religionsmäßige kam nur in der Zeit des Kulturkampfes und da auch mehr als Abwehr zur Geltung. Die anscinandergehenden Interessen der Zentrumsanhünger werden. durch den bei diesem Bekenntnis viel stärker lvirkenden Reisen der Kirche und durch die Macht des Papsttums zusammcngehalten. Man hat Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts unter der Einwirkung des Antisemitismus oft davon gesprochen, ob nicht die Bildung eines „Jüdischen Zentrums" ztveckmäßig iväre. Das wäre eine'Unmöglichlei', gewesen, weil dem Judentum das eiserne äußere Band einer .Hierarchie fehlt. Man mag das bedauern oder (wohl mit größerem Recht) freudig empfinden, cs ist nun einmal Tatsache. Deshalb kann und ivird auch das Judentum niemals geschlossen zu politischen und wirtschaftlichen Einzelsragcn als Partei Stellung nehmen können. Ter einzelne Jude kann es, unbeschadet seiner politischen Parteizugehörigkeit, je nachdem er von den ethischen und hurnanen Grundsätzen seiner Religion beeinflußt wird. Moses, der gleichzeitig Gottheilserkcnner (Religionsstifter) und Politiker (also Wirklichkeilsmensch) war, wußte noch den richtigen, seiner Zeit angemessenen Ausdruck für Verwirklichung des Religiösen zu finden. Die Provheien besaßen diese Kraft schon nicht mehr; „d c s h a l b (so urteilt Professor .Kittel) war Moses der größte Prophet, ivie keiner nach ihm erstand, nicht allein, tvcil er der Gottheit noch näher kam, wie seine Nachfolger". - Auch lvas Tr. Jelsli über die Orthodoxie sagt, ist insofern richtig, als ja gerade die zu einer Art Beschäftigung gewordene Religiosität schließlich den Geist der Religion, ihren ethischen Inhalt lötete. Nicht zustinlmen kann man Dr. Jclskis Auffassung über die Äienerschen Ausführungen. Weil Religwn mehr auf das Jenseitige Hinweis:, ist für sie Ethik und Moral durchaus nichts andersartiges. Sie ist Weg und Mittel, diese beiden Grundlagen der Menschheit zu verwirklichen. Religion ist auch nicht uninteressiert an Kultur oder gar tultursremd; sie bedarf der Kultur der Völker und des Kutturstand- Punktes des Einzelindividuums zu ihrer Ansdrucksmöglichkeit. Kultur und Kultus hadeir nicht nur die gleichen Sprachwurzeln; sie entstammen beide auch der Zeit und dem Stück Erde, in der und aus dem sie sich entwickeln. Ter Religionsstifter, der aus Erkenntnis zu einem Gottheitbetenntnis gelangt, benötigt vielteicht zunächst der Kultur seiner Zeit und seines Landes nicht. Aber wenn sein Bekenntnis zu einer Religion, zu einem geistigen Band für eine größere Gemeinschaft werden soll, tann diese der Kultur nicht entbehren. Nationale Bindung einer Religion, die den Anspruch erhebt, einstens für alle Völker der Welt geltctt zu wollen, ist eigentlich ein Widerspruch mir sich selbst. Ebenso eine auch nur irgendwie Partei politische Gebundenheit. Tr. Jelski scheint darails Hinweisen zu rvollcn, daß die n n w i t l t ü r l i ch e Wirkung des Judentums in der Vergangenheit die wirkungsvollste gewesen und daß sic es auch in der Zukunft bleiben werde. Für die Vergangeirheit trifft das jedenfalls zu, denn alle vom Judentum ausgehende Ethik und Humanität ist unwillkürlich iu das Leben der Menschheit eingedrungen. Aber jetzt, da die Judenheit in den meisten Kuttursiaaten emanzipiert ist, kann und darf ein größerer Aktivismus einsetzen. Dieser muß aber aus das Eiuzelindividuum einwirken und dann erst aus die große Mgemcinitzni: ein Weg durch einzelne Parteien iväre verfehlt. Vor allem in unserem Vatcrlande, in Deutschland; hier geht der Weg nur über die Angehörigen aller Parteien, die guten Willens sind. I. W o > s s s o h n , Breslau. III. Die Ausführungen, die Herr Tr. Jelski unter diesen: Titel ch: der tetzteir Nummer Ihrer Zeitung gemacht hat, leiden meines Erachtens an dem Grundirrtnnr, als ob die Retigion, wie wir sie im modernen Sinne aussassen, beabsichtigte, die verschiedenen Lebensgebicie von einem einseitigen Gesichtspunkte aus zu betrachten und demgemäß zu beherrschen. Was!vir unter Religion verstehen, greift an die Wurzel unseres ganzen Denkens und Fühlens, beeinjlußt und erfüllt uns schon ganz unbewußt in jeder Lebenslage. Tas, was unser heutiges Sein charakterisiert, die Differenzierung aus wissenschaftlichem und wirtschasilichem Gebiete, ist aus die Retigion nicht anwendbar. Die Erscheinungen, die dahin führten, daß alle Tenk- und Lebensbetätigungcn spezialisiert lvurden und die dem Menschen das einheitliche Gepräge rauben, können gerade durch Religion gemildert und enllrästct tverdcn, indem diese ihm die Totalität des Denkens und Handelns zu geben vermag, die er sonst ganz und gar vermissen müßte. Wenn auch die weltlichen Gebiete in den ucrgangcncn Jahrhunderten sich allmählich voit dem religiösen losgelöst haben, so geschah das vor allem deshalb, ivcil es die herrschende Religion jener Zeilen nicht verstanden hat, diesen Gebieten in ihrem Eigenleben gerecht zu werden, und durch die Unduldsamkeit der Kirche vielfach der angebliche. Gegensatz noch verschärft wurde. Das beweist aber itoch nicht, daß eine freier geartete religiöse Anschauung von einem geivaltigen Segen werden kann für die gesamte Weltaussassung und für das daraus entspringende Handeln und Wirken. Gerade die religiöse Kleinarbeit im alltäglichen Leben ivird der Religion w'.eücr die Popularität geben können, die sie verloren hat. Da6 Wort aus dem 5. Buche Mose: „Ganz sollst du sein mir dem Ewigen, deinem Gotte", muß für uns richtunggebend sein: denn religiöses Denken soll sich in jedem einzelnen Entschluß, in jeder einzelnen Tat auswirlcn. Damit ist noch nicht gesagt, daß Religion und Leben als etwas Gleichwertiges angesehen werden muß. Wenn das Leben der Acker unseres Schaffens ist, so sei Religion das Samenkorn, das in den Bodeir gelegt wird und das gerade durch seine vom Boden verschiedene Art denselben lockert, gleichsam revolutioniert und dadurch die neue Frucht entstcheir läßt. Wenn wir z. B. alle sozialen Fragen von religiösen Gesichtspunkten erfüllt wissen wollen, so ist damit nicht etwa, >vie Herr Dr. Jelski meint, gedacht, daß nunmehr alle diesbezüglichen mosaischen Vorschriften Ainvendung auf eine Zeit finden, für die sic nicht gegeben sind. Aber das religiöse Empfindungslcbcn wird den sozialen Fragen gegenüber eine viel liebevollere Stellung ' cinnehmen, als das häufig bei rein ivirtschastlichen und staats politischen Erwägungen der Fall ist. Nur die Religion, die nicht lveltabgetvandk auch ins praktische Leben eingreift, kann dem Volke die Spannkraft der Seele Wiedergaben, deren ein jeder bedarf, um Freude am Dasein zu gewinne!: und den Glauben an den Sinn des irdischen Lebens sich zu erha'.rcn. Dann wird auch die Ansicht verschwinden, j als ob Religion einer besonderen Gruppe von Menschen zu eigen sei., die sich um Welt und Leben nicht kümmere und für den Verlaus der irdischen Dinge kein Interesse Itzibe. Jeder -Versuch, die bctbeir Mächte Religion und Leben in Einklang zu bringen irnd beiden dadurch neue Kraft zu geben, ist wärmstens zu begrüßen. Er wäre ein Zeichen, daß jene Resignation überwunden wird, in der religiöse Kreise in den letzten Jahrzehnten sich zum Teil wohl, zum großen Teile aber sclu unbefriedigt gefühlt haben. Wir haben die Pflicht, soweit cs iu unseren Kräften steht, das Wort unseres täglichen Schlußgebetes wahr zu machen: „Darum hoffen wir auf Dich, Ewiger, unser Gott, balw die Herrlichkeit Deiner Macht zu schauen, daß wir gründen die Wc!: auf dem Reich' des Allmächtigen." Rabbiner Dr. Appel, Dortmund. . . ' . Streiflichter zur Berliner ReprSsentanleu-versammluug Von .Heinz Lev y. Es ist erfreulich, scstzustellen, daß das Interesse des Publikum, an den Sitzungen der Repräscntantenversammlnng wächst. Die letzt Sitzung hat wieder einmal gezeigt, wie völlig ungeeignet und die Tribüne ist. Biele Besuchr mußten umkehren, da sie uocknicht einmal stehen konnten! So sollte man aber nicht mir Mer scheu verfahren, die Interesse an jüdischen Dingen zeigen, daß mar. sie ztvingt, zu verschwinden. Nun ist schon längst ein liberarcr Antrag eingebrachl, und auch bewilligt worden, der die Umgestaltung des Repräft'ntantcnsitzungssaales forderte. Darf inan vescheioeu frage.:, lvie trcü dieser Antrag bisher Wirklichkeit geworden ist? Man ha: zum Entsetzen gehört, daß die Baukommission nur alle 2 Jahre tag:, Hoffentlich ivird die kommende Generation noch den Umbau erleben ‘ Etwas mehr Tempo, meine .Herren Repräsentanten, in dringend'!-. Angelegenheilei!! Tas Tempo der Zeir und die Nor>venoigkeit, in der lp-uiig-: Zeit zu leben und mit ihr muzugeben, scheint Herr Landgericknsuu Rau nicht zu kennen. So bring: er zur Entgegnung gegen die Aus sührungen des Herrn Hetnrich S.ern Worie vor, die Jahrtausend-, zurückliegen, und die für unsere heutige, moderne Aussassung vo.-. kommen unverständlich sind. LLer solche Politik treiben will, nm: ffir alles eine Entgegnung finden. Wenn er gegen das ameriianisch Judentum spricht, so ist dazu nur zil sagen, daß wir noch sehr viel von Amerika lernen können und müssen. Es hat uns stets nur Fore schritt^ und keinen Rückschritt gezeigt. Wie liberalen Juden werde,-, die Tradition achten und ehren, aber trotzdem mirgehen mit den Forderungen der Zeit. * Tie Ausgrabungen, von denen Pros. Loewe sprach, sind ineereisan: und geschichtlich wertvoll. Sic gehören ins Museum und könnten .zur Erlvciterung der Kunstsammlung dienen, die ja sowieso lveiter vergrößert werden soll. Auch die zivei getrennten Synagogen für Männer und Frauen, die, ivie er ansührte, zum Schutze gegen Nebersall ein - gerichtet seien, gehören ins Museum des Mittelalters. Denn heute dürfen wir wohl hoffen, daß die Polizei für Ordnung sorgen würo. im Falle eines Ueberfatles auf die Synagoge. Die Polizei ist selbst noch nachts nm 1 Uhr vor dem Repräsenlantensitzungssaal postier!. Und um diese Zeit dürfte sctt'st .Herr Pros. Loewe die Synagog-c schon verlassen haben. Seine Befürchtung, daß die liberale Neuerung nur leere Plätze in der Synagoge bringen wird, ist ebenfalls unberechtigt. Tenn die Nachfrage nach Plätzen in der Synagoge Prinz - regentenstraße ist seit Monaten so groß, und es sind schon so viclc Karten voroestelll worden, daß diese Befürchtung nur jemand aussprechet: kann, der über diese Dinge nicht orientiert ist. Wenn es einige liberale Gemeindemitglieder gegeben hak, die sich ihm gegenüber gcgcn die liberalen Vorschläge ausgesprochen haben, so ist das nicht maßgebend für das Gros der Liberalen. Schließlich dürften die Anhänger des .Herrn Loewe auch toohl nich! immer ganz einverstande!. fein inil seinen Acußernngen. * Herr Klee hat Angst vor dem geringen Besuch der Synagoge, falls die liberale Anregung zur Wirklichkeit wird. Diese Schwierig' keilen sind bestimmt nicht ausgehoben durch die Beibehaltung der Trennung der Geschlechter. Es sei nur an die Tiergarten-Synagoge erinnert, die streng konservativ war, und die jetzt eingehen mußte, iveil keine Beteiligung und kein Besuch des Gottesdienstes vorhanden war. Herr Klee verlangt Aufmerksamkeit bei seiner Rede. Das ist so lange gut und billig, als er selber bei den Ausführungen der anderen Herrcil sich ruhig verhält. Aber man konnte gerade ihn in eifrigem und lautem Gespräch mit Herr,: Kreindler sehen, als R.-A. Stcn: seine Ausführungen machte, abgesehen von seinen Parteifteundea, die die Liberalen anscheinend besonders gerne durch laute Nnterbaltung bei den Reden stören. * Auch die Ausführungen des Repräsentanten .Herrn Rabbiner Dr. Weiße können leider ilicht so einfach hiirgenommen werden. Denn man wundert sich, daß er behauptete, es hätte s. Zt. eine ,^Zolls abstimmung" über den Sonntagsgoktesdicnst stattgefunden. Tatsächlich liegen die Dinge aber so, daß damals vor über 30 Jahren er es gewesen ist, der gegen den Sonntagsgottesdienst von der Kanzel herab gesprochen hat, so daß diese Angelegenheit damals nicht zur Wirklich kcit wurde. Hat er damals einen Volksentscheid beantragt? Umsomehr wundert es jeden, daß Herr Rabbiner Dr. Weiße jetzt selber einen Antrag zum „Volksentscheid" einbringt. Vereinsnachnchren Hilfsverein der deutschen Juden. Am 11. März, abends 8 Uhr. findet im Tiergartenhof, Bahnhof Tiergarten, eine öffentliche Kund gebung im Bezirk Nordwest für den Hilssvcrein der Deutschen Juden statt. Ansprachen werden halten: Frau Rabbiner Tr. Ernestine Eschcl bacher, Professor Dr. Eugen Mittwoch, Rabbiner Tr. Joachim Prinz, Dr. Mark Wischnitzer (Lichtbilvvorirag) u. a. Die Redner werden eine Reihe aktueller Probleme aus dem Gebiete der jüdischen Auswandere!- sürsorge, Siedlung und Jugendfürsorge behandeln. Tie Geftllschnft zur Förderung der Wissenschaft des Judentnurs E. B. hält ihre biesjäbrige 5)auptversa>nmlung am Mittwoch, den 20. März, 20 Uhr, im Logengebäude, Berlin W., .Kleiststraße 10, ab Es ist gelungen, Herrn Professor Dr. Gotthold Weil, Berlin, als Redner zu gewinnen. Er ivird über seine „Rcisecindrücke aus dem Vorderen Orient" sprechen. Ter auch für einen weiteren Kreis sehr interessante Gegenstand des Vortrages ivird sicher zahlreiche Mit glieder veranlassen, der Hauptversammlung bcizuwohnen. Gäste könne!-. eingcsührt werden. Kalendarium f. die Zeit v. 23.2. b. 2.3.29- Februar 1929 Schewat 5639 Sonnabend 23 13 Wochenabschnitt: T'zarve Haslarah: Ezechiel Kap. 43, 10—27 Sabbat-Ausgang: 6.14 Uhr Sonntag 24 14 Klein Purim Montag 25 15 Klein Schuschan Purim Dienstag 26 16 Mitt woeii 27 1' Donnerstag 28 18 Mär; 1929 Freitag 1 i 19 -aonn abend 2 j 20 Wochenabschnitt: Ki ßißo Haftarah: Könige I. Kap. 18, 1—39 Sabbat Ausgang: 6.27 Uhr.

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