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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-02-22 · 8 (22.2.1929) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
8 (22.2.1929)
Date
1929-02-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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fincr Universität, üverbrachte die Grüße der Universirät, sowie die aller wissenschaftlichen Röntgengesellschasten. Es folgte noch eine ganze Reihe von Ansprachen, auf die schließlich der Gefeierte in seiner feinen, bescheidenen nnd philosophischen Art antivortcte. Professor LevyDonr widmet einen großen Teil seiner Kräfte dem Gesundheitsschutz der Inden; er ist Erster Vorsitzender des deutschen Landesverbandes „Ose". Berlin. (Jahresversammlung der S o n c i n o - Gesellschaft.) Tie Soncinv-6-esellschaft der Freunde des jüdischen Buches hielt am Sonntag den 17. Februar, eine Zusammenkunft ab, in dessen Mittelpunkt nach einer Ansprache von Dr. Barth ein Vortrag von Rechtsanwalt Grvneincmn über das Thema „Ich »vcrde Bibliophile" stand. Tie eigentliche Jahresversammlung fand im Sitzungssaal der Repräscnlantenversammtung der Berliner Jüdischen Gd'meinde statt. Sie ivurde durch eine Ansprache des Vorsitzenden der Gcsellscl)ast, Professor Heinrich Löwe, eröffne:, der sich ebenso wie der Schriftsührer Dr. Hermann Meyer eingehend über die Tätigkeit der Gesellschaft verbreitete. Tie große monumentale l-ebräisch' Bibel ist in Vorderer tung, eine Reihe wertvoller anderer Gaben wird demnächst an die Mitglieder zur Versendung kommen, die Zeitschrift „Svneino-Vlätter" erscheint neu in den nächsten Tagen. Den eigentlichen Fcstvortrag hielt Dr. Simon Ratvidotvicz über „Die gegenwärtige Lage der hebräischen Literatur". In außerordentlich fesselnden, tiefschürfenden Ausführungen gab er ein lebendiges Bild der zeitgenössischen hebräischen Literatur, zeigte sic in ihren historischen Abhängigkeiten von der älteren hastalah Literatur, aber auch in ihrer ncuschöpserischen Eigenart, in der sie losgelöst von der alten Tradition und von dem „Measphim" und der älteren Haskalah sich entwickelte. Er ließ dabei insbesondere die moderne Belletristik und die wissenschaftliche Literatur unserer Tage Revue passieren, charakterisierte die einzelnen Autoren und wies daraus hin, daß zwar das Zentrum dieser Neuentwicklung Palästina sei, welches naturgemäß für die Neuentwicklung der hebräischen Literatur besondere kulturelle Vorbedingungen austveise, daß aber auch in den Ländern des Ostens, sowie in Amerika und auch in Deutschland bemerkenswerte Erscheinungen sich zeigten. An die mit großem Beifall ausgenommenen Ausführungen schloß sich eine Aussprache, nach dem vorher die Vertreter der Organisationen ihre Glückwünsche darge bracht hatten. Für den Vorstand der Gemeinde sprach Herr Goldfchmidt, für die Repräsentantcnversammluicg Dr. Alfred Klee, der auf den bevorstehenden „Tag des Buches" hinwies, für die Akademie sprach Professor Karl Lewin. Die meisten jüdischen rvissenschastlichen Organisationen Deutschlands waren vertreten, auch auS dem Auslände war eine Reihe von Freunden der Gesellschaft anwesend. Am Abend schloß die Tagung mit einer gesellschaftlichen Veranstaltung, bei der eine Reihe »vertvoller bibliophiler Gaben jüdischen Inhalts an die Mitglieder zur Verteilung gelaugte. Berlin. (Gründung des Vereins „Mensa academica judaira.) Am Februar 1029 wurde der Verein „Mensa acadcmica judaica" in Berlin gegründet, der den jüdischen Studierenden aller Berliner Hochschulen einen rituellen Mittagstisch gewähren will. Vorsitzender ist Herr Generalkonsul Dr. Jsi Kahn-Jaffa. Die Mensa wird in den Räumen Hackescher Hof, RosentHaler Araste 4041, bet genügender Beteiligung bereits im März, sonst zu Beginn des Sommerfemesters 1029 eröffnet werden. Für die Mahlzeit ist ein Preis von 75 80 Psg. in Aussicht genommen. Die Essenszeit toird sich von Vj>1 bis r/f-4 Nhr erstrecken. Die Mensa steht unter Aussicht des Rabbinats der Kaschruth-Kom' Mission der Jüdischen Gemeinde. Es ist beabsichtigt, sie bei genügender Beteitiguirg an den Freitag-Abenden geöffnet zu halten. Um eine Nebersicht über die Zahl der Essensteitnehmcr zu gewinnen, bittet der Verein um unverzügliche, unverbindliche Anmel düng bei der Geschäftsstelle, Berlin C. 2, Rosenstraße 2-1, Zimmer 16 (geöffnet Montag bis Donnerstag 8 4, Freitag 8—9, Sonnabend 8 1 Uhr). Bochum. (Hauptversammlung der Jüdischen Wand ersür sorge stelle für Westfalen.) Der Vorsitzende, Herr Dr. Koppel, eröfsncw die Hauptversammlung und gedachte tu warmen Worten des kürzlich verstorbenen Geschäftsführers, Herrn Lehrer Ostermann. Die Vertreterin des Geschäftsführers, Fräulein Erna Philip, die von der Versammlung auch als Geschäftsführerin für das Jahr 1929 gewählt wtrrde, erstattete '.den Jahresbericht, der auch allen Teilnehmern der Versammlung vorlag und mit ganz besonderem Interesse ausgenommen wurde. Aus dem Bericht ist zu entnehmen, daß jetzt schon Vs der -Durchwanderer Reichsdeutsche sind, eine Tatsache, die überrascht. Der Bericht wirft grelle Schlaglichter auf die wirtschaftliche Lage auch eines Teiles der deutschen Juden. Das Ergebnis der Aussprache war, daß alle Organisationen, um den wirklich bedürftigen Wanderern zu helfen, die Wanderbettelei strengstens ablehnen. Herr Adler Rubel von der Haupt stelle Berlin schlug eine Verständigung mit den ostjüdischen Verbänden vor zwecks Ausarbeitung gemeinsamer Richtlinien. Der Kassenbericht wurde von Herrn Rosenberg erstattet, dem Entlastung erteilt wurde. Wie im Borjahre sind auch die Beiträge für 1929 mit 60 Psg. pro Kopf der Gemeindemitglieder festgesetzt. Wenn nötig, kann noch eine Nacherhebung erfolgen. Anstelle des erkrankten Herrn Dr. Kreutzberger sprach Herr Adler-Rudel über „Wandersürsorge — Arbeiterkolonie". Er legte die Notwendigkeit der Schaffung einer Arbeiterkolonie dar und wies auf die Arbeiterkolonien von christlicher Seite hin, die schon erfolgreiche Arbeit geleistet haben. Zur Gründung dieser Kolonie stellt das Reich einen billigen Kredit zur Verfügung, während der Preußische Landesverband Mk. 30 000,— und der Bayerische Landesverband Mk. 10 000,— bewilligt haben. Für die Provinz Westfalen sind Mk. 5000, - berausch agt, die auch von der Versammlung gern bewilligt wurden. Zum Schluß wurde folgende Resolution gefaßt: „Die am 17. Februar 1929 in Bochum tagende Hauptversammlung der Wandccfürsorge für Westfalen und angrenzende Bezirke begrüßt es, daß die Hauptstellc für Wandersürsorge in Berlin die Initiative zur Schaffung einer jüdischen Arbeiterkolonie zwecks Produktivierung der Wandersürsorge ergriffen hat. Die Hauptversammlung bittet die anwesenden Gcmeindevertreter bei ihren Gemeinden die Anträge zur Förderung der Arbeiterkolonie auf das wärmste zu befürroorten und zu unterstützen." Vochnm. (Lehrer O st e r m a u n gestorben.) Unter Beteiligung der ganzen Gemeinde wurde am Montag, den 11. Februar, der langjährige 1. Lehrer der israelitischen Volksschule und Rendant der Synagozengemeinde, Herr Moritz Ostennann, zu Grabe getragen. Ein Menschenalter hat der Verstorbene seine besten Kräfte der Erziehung der Jugend gewidmet. Zu seiner Vorgesetzten Behörde stand er stets in bestem Verhältnis. Seine Arbeit außerhalb der Schake galt dem Wohle der Gemeinde, deren Rendanlur er bis zu seiner Erkrankung mit vorbildlicher Treue und Gewissenhaftigkeit versah. In den Jahren 1901 bis 1910 war der Verstorbene auch als Kautor der Synagogengemcinde tätig. Daneben verwaltete Herr Ostermann feit Jahren die Wandersürsorgestelte für Westsalen und angrenzeirdc Bezirke. Der Verstorbene war der Vorsitzende des Vereins für Ferienkolonien und sorgte hier auch für das körperliche Wohl der Kinder. Herr Ostermann war ein eifriges Mitglied des Synagogenchores, dessen Borstand er angehörte. Ein Berveis der Verehrung und Wertschätzuirg, die der Verstorbene genoß, war die große Beteiligung von allen Seiten bei der Beerdigung. Die neueebaute Leichenhalle, in der zum «ersten Male eine Traucrseier stattsand, konnte die Zahl der Teilnehmer kaum fassen. Außer dem Vorstand und der Repräsentanz hatten sich die ehemaligen Schüler und Schülerinnen, sowte die Kinder der Volks- und höheren Schulen zur Trauerfeier eingefunden. Herr Schulrat Meiners, dem die israelitische Volksschule untersteht, «ahm auch an der Beerdigung teil. Vertreter der Ortsgruppe des Deutschen Lehrervereins, deren Mitbegründer der Verstorben« war, waren erschienen. Herr Rabbiner Dr. David würdigte in seiner gedankenreichen Trauerrede das Leben des Verstorbenen in seiner Arbeit für die Schule, in feiner Tätigkeit für die Gemeinde und endlich in seinem Wirken in seiner Famuic, an der er mit ganz besonderer Liebe hing. Als Vertreter des israelitischen Lehrervereins für Rheinland und West'a en überbrach e Herr Lehrer Oppenheim, Wattenscheid, to» warmen Worten dem verstorbenen Kollegen die letzten Grüße. Nach der Beerdigung sano in der Synagoge noch eine Traucrseier statt, die von Gesängen des Synagogenchores umrahmt wurde. Breme«. (I u g c n d t a g u n g.) Am 17. Februar fand eine ertvciterte Vorstandssitzung des Bezirksverbandes der jüdischen Jugendvereine Nordweftdeutsch.ands statt, an der 62 Personen aus 10 Vereinen teilnahmen. ßßegen ihrer ungewöhnlichen Gestaltung verdient die Bormittagstagung besondere Beachtung. Sie war im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft über „Forderungen des jungen jüdischen Menschen unserer Zeit" aufgezogen. Grundlage zu reger Aussprache boten fünf Kurzreferate (je 8—18 Minuten). Es sprachen Siegfried B a cha r a ch - Hannover über „Religiosität", Herbert Müller-Göttingen über „Das Gesetz ist die Freiheit, Jack Raphael- Beckum über „Sexualethik", Joe Israel-Hannover über „Ethik im Berufsleben", Claire Arnstein- Hannover über „Kunst als Weg zur Verinnerlichung". Eingeleitet und abgeschlossen wurde die Arbeitsgemeinschaft durch Rezitationen eigener Dichtungen von Claire Arnstein und Siegftied Bacharach. — Nach gemeinsamer Mittagstafel fand eine längere Aussprache über die Zusammenarbeit von Bezirksverband und Vereinen statt. Dauzig. (Brand in der Al t c u Synagoge.) In der Danziger Alten (orthodoxen) Synagoge im Stadtviertel Mattenbuden ist aus unbekannter Ursache ein Brand entstanden, der wegen Mangels an Löschgelegenheit iufoftyc des Frostes große Dimensionen annahm. Nach mehr ats vierstündigen Anstrengungen gelang cS der Danziger Feuerwehr, den Brand zn löschen. Der Schaden ist bedeutend, aber durch Versicherung gedeckt. Dortmund. (Neueinrichtung eines Gemcindchaus e s.) Einem seit langem bestehenden Bedürfnis Rechnung tragend, mietete die Synagogengemcinde Dortmund ein geräumiges, im Mittelpunkt der Stadt gelegenes Haus, das zu Zwecken der Gemeinde eingerichtet werden soll. — Ter Plan des Neubaues eines Gemein de- Hauses oder de» Erwerbs eines eigenen Gebäudes ist der hohen Kosten halber somit vorläufig ausgehoben tuorben. - In der Gesamtge,- mdube wird dieser Schritt des Vorstandes aufs lebhafteste begrüßt und man erwartet vom neuen Gemeindehause eine starke Belebung des gesamten kulturellen und inneren Gemeindelebcns. — In demselben werden Büros der Gemeindeverwaltung errichtet, Räume der Jugend und den sozial tätigen Vereinen zttr Verfügung gestellt, Beralungszimmer wie Vcrkammlungssäle für größere Veranstaltungen eingerichtet. --- Das Haus wird ferner Raum für Wohnungen von Gemeindebeamten bieten. Frankfurt a. M. (Dr. Salzdcrgcr von Hakenkreuzler angegriffen.) Am 11. Februar, abends, hielt Gemeindcrabbiner Dr. Salzberger in der Salzmann-Schulc im Rahmen einer Veranstaltung des Frankfurter Bundes für Volksbildung einen Vortrag. Der Redner wurde andauernd von etwa 15 im Saale amvcsenden Nationalsozialisten durch Zwischenrufe belästigt. Die Aufforderung, sich ruhig zu verhalten, beantworteten die Hakenkreuzler damit, daß sie sich aus die Rednertribüne stürzten und einer von ihnen Dr. Salzberger tätlich angriff. Als die inzwischen verständigte Polizei eintraf, hatten sich die Nationalsozialisten bereits aus dem Staube gemacht. Rabbiner Dr. Salzberger war schon einmal anläßlich einer Kriegergcdcnkseier aus dem Friedhof, wo er auf Wunsch der interkonfessionellen „Kriegerkamcradschaft" sprach, von Antisemiten überfallen »vorden. Die Folge war ein Beleidigungsprozeß, in dem der nationalsozialistische Redakteur Leopold Gutterer zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Hamburg. (Vom Israelitischen T e m p e l v e r b a n d.) Am Sonntag, den 17. ds. Mts., vormittags 11 Nhr, fand im Gemeindchause der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, Johnsallee 54, die ordentliche MitgliedervcSammlung des Israelitischen Tempelverbandes statt. Vor Eintritt in die Tagesordnung widmet der Vorsitzende, Herr Heinrich L e v y, Worte herzlichen Gedenkens dem Heimgegangenen langjährigen Mitglied« des Verbandes, Dr. Jakob Loewenberg, der bei jeder Gelegenheit für die Interessen des Verbandes wärmstens eingetreten ist. Alsdann erstattete der Vorsitzende den Geschäftsbericht, in dem er besonders auf den geplanten Neubau des Tempels sowie auf die bevorstehende Neuwahl des Verwaltungsausschusses hinwies. Als Dermin für die Wahlen wurde der 24. März bezeichnet. Besonderes Interesse erweckte das Referat von Rabbiner Dr. Italiener über die bevorstehende Einführung des jüdischen Religionsunterrichts an den höheren Staatsschulen Hamburgs, an das sich eine lebhafte Aussprache knüpfte. Einstimmig gelangte folgende Resolution zur Annahme: „Die am 17. Februar im Gemeinde hause, Johnsallee 5-1, tagende ordentliche Mitgliederversammlung des Israelitischen Tempelverbandes in Hamburg begrüßt die von der religiös-liberalen Elternschaft vor Jahresfrist angeregte, jetzt zur Verwirklichung gelangende Einführung des jüdischen Relizionsumerrichts an den höheren Staatsschulen Hamburgs als eine zu Gunsten der liberalen Gemeindemitglieder notwendige Ergänzung der bereits in der Gemeinde bestehenden orthodoxen Erziehungseinrichtungen. Die Versammlung ertoartet, daß gemäß der religiösen Anschauung der Mehrheit der Elternschaft der einzelnen Schulen die Anstellung der Lehrkräfte erfolgt. In Schulen, in denen das Stimmenverhältnis nahezu gleich ist, sollen möglichst Lcl>rkräfte der beiden religiösen Richtungen Anstellung finden. Im Interesse einer reibungslosen Durchführung des Unterrichts wird gefordert, grundsätzlich nur solche Lehrkräfte anznstellcn, die etnr Gewähr dafür bieten, oaß sie taktvoll und ohne agressivc Stellungnahme gegenüber der anderen Richtung ihre Lehrausgabe erfüllen." Me Versammlung sch oß mit dem Dank an den Vorstand des Israelitischen Tempelverbandes wegen seiner opferwilligen Tätigkeit im Dienste der Verwaltung. HambAkg. (Sitzung des Nepräsentanter!- Kollegiums.) Ein Projekt, das für die jüdische Gemeinde in Hamburg voll fundamentaler Bedeutung ist, geht feiner Verwirklichung entgegen: Die Einführung deS jüdischen Religionsunterrichts an den höheren Staatsschulen. Nachdem im Jnhrc 1924 der jüdische Schuiverein sich an die Gemeindebehörden mit dem Ersuchen gewandt hatte, die Einführung dieses Unterrichts anzustrcbcn, ist nach langwierigen vorbereitenden Arbeiten innerhalb der Gemeindebehörden und mehrfachen Verhandlungen mit der Oberschnlbehördc der Bescheid dieser Behörde eingegangen, daß der Unterricht an den höheren Staatsschulen, an denen eine genügende Anzahl jüdischer Schüler vorhanden sei, als Klassen- oder Gruppen-Untccricht eingesührt werde. Die Ein führung soll stattsinden in Uebcreinstimmung mit den Grundsätzen der jüdischen Gemeinde. Die Kosten übernimmt der Staat. Aussicht und Anstellung der Lehrer bleibt Sache des Staates. In der letzten Sitzung des Nepräscntanten-Kvllegiums, dem der Gemeindevorstand von diesem Bescheid Kennmis gegeben hatte, wurde von allen Seiten mit Besriehigung fest,gestellt, daß das längst erstrebte Ziel nunmehr erreicht sei. Auch die streng K-'nscrvativen sehen ihre früheren Bedenken insofern zerstreut, als der Staat von sich aus den Unterricht nunmehr einführe. Allerdings wurde von ihnen die Forderung gestellt, daß der Unterricht von au-schsießlich orthodoxen Lehrkrästen erteilt werde, da nur dieser Unterricht von Schülern aus allen Kreisen der Gemeinde besucht werden könne. Gegen diese Forderung erhoben sich insbesondere die Vertreter der liberalen Fraktion, die darauf hinwiesen, daß es im wesentlichen Kinder liberaler Eltern seien, für die der Unterricht in Frage käme, da für die Orthodoxie durch die jüdische Knabenschule (die übrigens zur Oberrea.'schule ausgebaut tocrden wird) und z>oei jüdische Mädchenschulen gesorgt sei. Die Liberalen betonten, daß in der Hamburger Gemeinde, die eine Einheitsgemeinde fei, keine Richtung unterdrückt werden dürfe und als Lehrkräfte sowohl Angehörige der liberalen und auch der konservativen Richtung in Vorschlag zu bringen seien. Die Durchsührung der Angelegenheit wurde der Unterrichts-Kommission, deren Amtsdauer verlängert wurde, übertragen. Die Kommission besteht aus folgenden Herren: Münden (lib.), Dr. Kallmus (Zion.), Dr. Landskron (kons.), Dr. Fränkel (lib.). Rach Erledigung einiger kleiner Vorlagen fand die Wahl für drei aus dem Gemeindevorstand satzungsgemäß ausscheidende Mitglieder statt. Di« bisherigen Gemeindevorsteher wurden wiedergewählt, nämlich: Heinrich Levy (lrb.), Rechtsanwalt David (kons.). Dr. Herzfeld (lib.). Havttpver. (Tagung des Provinzialverbandes hannoverscher Sy nag og e n g e me i n de n.) . Bei der kürzlich stattgefundenen Tagung waren 42 Gemeinden mit 66 Stimmen vertreten. Unter Borfitz von Kommerzienrat Berliner wurden in mehr als fünfstündiger Sitzung die UebergangSbestimmungen für die Provinz Hannover zum neuen preußischen Judengesetz beraten und beschlossen. Erwähnenswert ist die Fassung des Artikels 4: Eine Neubildung von Landrabbinate», sowie eine Aenderung der bestehenden Landrabbinatsbezirke kann durch den Oberpräsidenten der Provinz Hannover nach Anhörung der in Frage kommenden Gemeinden, der Landrabbiner und des Landesverbandes preußischer Synagogengemeinden vorgenommen werden. Der Obcrpräsidcnt bestimmt auch über die Vertvaltung nichtbesetzter Landrabbinate. Der Artikel .9: Gemeinden mit eigenem Rabbiner können aus dem Landrabbinate auöscheiden usw., wird nach längerer Beratung, nnd Abstimmung gestrichen. Ein Antrag: „Bis Ende des Jahres 1929 ist in allen Synagogengemeinden der Provinz Hannover eine Abstimmung der Geineindemttglieder durchzuführen, ob die Einrichtung der Landrabbinate bestehen bleiben oder mit Inkrafttreten des neuen preußischen Judengesetzes außer Kraft treten sott", »vird nach kurzer Diskussion abgelehnt. Diesen abgelehnten Antrag hatte der Antragsteller eingebracht, weil nach feiner Ansicht die vorgenommenen Abstimmungen gegen jedes Prinzip der Demokratie und des Liberalismus verstoßen, da die große Majorität von einer geringen Minorität majorisiert würde. Denn während die Synagogengemcinde Hannover, die mehr als ein Drittel der Seeleuzahl sämtlicher Landrabbinate der Provinz Hannover vertritt, nur zwei Stimmen in diesem Gremium hat, besitzt jede, auch die kleinste der 36 Gemeinden des Landrabbinats Hannover, die vielleicht nur eine bis zwei Familien ausweist, zum mindesten eine Stimme. Diese Sachlage kann zur Folge haben, daß die Synagogengemcinde Hannover aus dem Provinzialvcrband austritt, wodurch die ganze segensreiche Tätigkeit dieses Verbandes in Frage gestellt wird. Kassel. (7 5. Geburtstag.) Am 16. Februar beging der frühere Opernsänger am hiesigen Skaatsihcaler, Sigmund Weltlinger, in körperlicher Rüstigkeit und Geistesfrische seinen 75. Geburtstag. Als Sohn eines Kantors in Mähren geboren, hatte der Jubilar frühzeitig Interesse für alle religiösen Fragen und es allen Ansech, langen zum Trotze bis auf den heutigen Tag erhalten. Sein glän zeirdes Stimmaterial wies ihm den Weg zur Oper; als Heldentenor hat er seine Zuhörer zn begeistern nnd zu rühren gewußt. Wenn er sich trotzdem schon frühzeitig vom Bühnenleöen zu rückzog, so mögen nicht zuletzt auch politische (d. h. antisemitische) Gründe dazu Anlaß gegeben haben, weil man ihm, dem hervorragenden Bertrerer seines Fachs, den Vertrag nicht erneuern wollte. Jüdischen Fragen hat Weltlinger stets besondere Aufmerksamkeit gewidmet; er gehörte auch dem Aeltesten-Kollegium der Gemeinde mehrere Jahre an und hat sich besonders für Hebung des Chorgesangcs beim Gottesdienst ein zusctzen versucht. Auch als Gesangspädagoge hat Weltlinger ausgezeichnete Erfolge erzielt. Me zahlreichen Schüler und Freunde des Jubilars gaben ihrer Verehrung für den Künstler und Menschen, durch mancherlei Aufmerksamkeiten beredten Ausdruck. Magdeburg. (Generalversammlung des Provinzi-- alverbandes für jüdische Wohlfahrtspflege.) Der Provinzialverband für jüdische Wohlfahrtspflege in Sachsen-Anhalt hielt im vorigen Monat eine außerordentliche Generalversammlung ab. Es wurde die Anstellung einer Fürsorgerin beschlossen; Fräulein Helene Eichelbaum aus Breslau wurde gewählt. Die Fürsorgerin soll allen angeschloffenen Gemeinden als Beraterin in Wohlfahrtsangelegen- Herten, Vermittlerin bei den Behörden usw. zur Verfügung stehen. Die Gemeinde Erfurt ist ans dem Verbände ausgeschieden, um zusammen mit den Thüringischen Gemeinden einen eigenen Verband zu bilden. Nach einem Referat des Herrn Dr. Oll and orfs-Berlin wird beschlossen, den Gemeinden zu empfehlen, die Einrichtung einer jüdischer, Arbeiterkolonie durch eine einmalige Subvention zu unterstützen. Zum Vorsitzenden wird Herr Rabbiner Dr. Wilde wiedergewählt, zum 2. Vorsitzenden Herr San.-Rat Dr. Frankenstein, znm Schatzmeister Herr Benno Kallmann. In den Arbeitsausschuß treten neu ein: Herr Karl Lecker und Herr Rechtsanwalt Willi Spanier. Mannheim. (Friede und Einheit in der Gemeinde.) „Friede und Einheit in der Gemeinde" will bekanntlich — wenigstens nach ihrem offiziellen Programm — die „religiöse Mittelpartei" fördern. Nun wird wohl kein Eingeweihter behaupten wollen, daß gerade in Mannheim besonders lebhafte innerjüdische Kämpfe ausgesochten wurden. Es werden sich viel eher Leute finden lassen, die — mit einem gewissen Recht — allen hier vertretenen innerjüdischen Strömungen den Vorwurf einer gewissen Friedhofsruhe machen können. Immerhin war es ein schönes Zeichen jüdischer Gemeinschaftsarbeit, daß, wie hier bereits berichtet wurde, aus Anlaß des 60 jährigen Geburtstages des Vorsitzenden der Gemeinde die drei Fraktionen gemeinschaftlich eine Spende überreichten, wie überhaupt dieser Aniah ein schönes Bild des „Friedens und der Einheit in der Gemeinde" gab. Plötzlich hört man nun von der beabsichtigten Gründung einer Ortsgruppe der sog. „religiöser! Mittelpartei". Wir sind über die Entstehungsgeschichte dieser beabsichtigten Gründung genau im Bilde und möchten aus dieser Kenntnis heraus dem vorgesehenen Gründungskomitee, an dessen bester Absicht nicht gezweiselt werden soll, nur folgendes zu gründlicher Erwägung anheimstellen: Man kann im innerjüdifchen Leben zweierlei: Man kann das Gemeindelebcn durch frisch-fröhliä^n Kamps aufleben lassen wollen. Man kann auch für Friede und Einheit in der Gemeinde eintreten. (Das kann »an übrigens beides auch ohne Parteineugründung!) Man kann aber nicht durch eine Parteineugründung den Kampf der Geister verschärfen und dann mit unschuldigem Augenausschlag für Friede und Einheit (laut Parteivorschnst) eintreten. Eine solche Arbeitsweise dient nicht de» Zweck, der ossenfichttich den gutgläubigen hiesigen Förderern der Reugründung vorschwebt. Im übrigen sind wir, wenn es gewünscht wird, gerne bereit, zur weiteren Popularisierung dieser religiösen Mittel- Partei beizutragen. Wir werden gerne mit den bekannten Flugblättern der Mittelparter in Berlin und Köln dienen. Nur wissen wir nicht, ob dieselben gerade im Sinne der Intentionen der hiesigen Herren sind. Einstweilen wollen wir mal abwarten, wie die „religiösen Mittel" aussehen. mit denen die „Religiöse Mittelpartei" den vorher nie gestörten „Fried»' und Einheit" in der hiesigen Gemeinde zu pflegen gedenkt. Treysa. (H ohes Alter.) Am 10. Januar beging Frau B. Abraham, die Witwe des früheren Gemeindeältesten S. Abraham, bei guter Gejmrdheit ihren 90. Geburtstag. \ * | Aus der Bewegung j *; y »4» + 6 + »»»♦»-»■»♦ »»»♦•♦* + Magdeburg. (Lessingfeier.) Der ,Lüdisch-liberale Jugendbund" veranstaltete im kleinen Saale der Stadtmisjion eine Lessing-- feier. Als Redner war der bekannte Berliner Literaturhistoriker Julius Bab gewonnen worden, der in außerordenllich lebendiger und temperamentvoller Art ein Bild Lessinzs als Individualisten und erste« freien Schriftstellers zeichnete. Charakteristisch sei für den Dichter sein ausgesprochenes Unabl-ängigkeitsgefüht gewesen, das ihn in allen seinen äußeren Lebensschritten bestimmt und seine geistige Ausprägung in den verschiedenen Figuren seiner Dramen gefunden habe. Der Vortrag fand starken Beifall. Ratibvr. (Jüdisch-liberaler Jugend verein.) Am Dienstag, den 12. Februar, sprach in unserem ,Lsli" Herr I. Wolfßsohn-Breslau über das Thema: „Symbolik und Symbolismus im al^emeinen und religiösen mit besrmdercr Berücksichtigung des Judentums". Der 1. Vorsitzende, Herr Dr. Heimann, begrüßte Herrn Wolffsohn und erteilte ihm das Wort zu seinem Bortrage. Redner gab zunächst eine Worrerllärung des Wortes „Symbol" nnd ging dann aus einige Symbo.e allgemeiner Art ein. So behandelte er z. B.: daS Grüßen, die symbo.ische Darstellung der Justitia, den symbolischen Gehalt der Orden und Abzeichen u. a. m. Hierauf sprach der Vortragende über die Symbole im Islam, Christentum und Judentum. Ausgehend von dem Satze: „Der Kult der Sinn« führt zur Ikultur

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