Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 7 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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9. Jahrgang Mmm« 7 ^SWbÄemleZeilma Vellage 15. Jebruar 1S2S Religion Md Leben Von Dr. Zelski Wir veröffentlichen den folgenden Artikel als interessanten Beitrag zur Diskussion, ohne uns die darin ver-- trctcnen Gedankengänge zu eigen zu machen. Tie Redaktion. Bon Sokrates wird gesagt, daß er die Philosophie vom Himmel auf die Erde herabgerufen und in die Häuser und Herzen der Menschen verpflanzt habe. Es soll damit der Unterschied charakterisiert werden zwischen ihm und seinen Vorgängern, die in grauen Theorien und Spekulationen über das Welt ganze sich ergingen, wahrend er die Menschen gelehrt habe, über die realen und praktischen, besonders ethischen Fragen des Lebens zu philosophischer Klarheit zu gelangen. Aehnlich könnte man übet die Anschauungen und Bestrebungen urteilen, die seit einiger Zeit sich mit Bezug auf die Religion in unserer Mitte geltend machen und die auch aus dem letzten Kongreß des Weltverbandes für liberales Judentum zum Ausdruck kamen. Ich erinnere nur an die Ausführungen, die Bruno Woyda da gemacht hat. Er meinte unter anderem, es sei bedauerlich, daß heute die sozialen Fragen nicht mehr von religiösen Gesichtspunkten aus gelöst werden, daß sie heute unter SeWausschaltung des Judentums in Angriff genommen werden. Wir sind stolz darauf, daß wir der Welt den Sabbat gegeben haben, was tun wir aber heute in den praktischen Fragen, die im sozialen Leben eine Rolle spielen? Der Achtstundentag und die Sozialversicherung, Fragen der Bevölkerungspolitik und die Abschaffung der Todesstrafe, Bodenrecht und Recht auf Arbeit, alle diese Fragen müßten aus religiösen . -/ heraus in Angriff genommen und mit religiösem G rchtränkt werden. Dens : Standpunkt vertritt unter den liberalen Rabbinern — nnere z. B. an die interessanten Darlegungen Dienen . : in der Jüdisch-liberalen Zeitung über die biblische?setzgebung und ihre Anwendung oder Anwendbarkc ... die gegenwärtigen Zustände — besonders Dr. G o > rl,. t f, der auch die aktuellsten Fragen wie z. B. die , igung des Panzerkreuzers oder der Eisewkonflikt in gebiet u. dgl. gleich von der hohen Warte der Relig türlich in erster Reihe der jüdischen, beleuchtet u: ' röglich entschieden sehen möchte. Dieser Standpunk " mit der Religion dasselbe machen möchte, was Sokra; der Philosophie, sie nämlich vom Himmel auf die Er rufen, damit sie Einfluß gewinne auf das ganze irdisc n und Treiben, hat etwas sehr Einleuchtendes und ■ ■ hendes. In der Tat, wer sollte nicht wünschen, i ■. Religion nicht bloß gelehrt, gelernt, gepredigt wert , wn daß sie auch das ganze wirtschaftliche, soziale, polü »>. den der Völker durchdringe, daß sie aktiv eingreife in .v.? . taltung der Rechts-, der Wirtschafts-, der Staatenordim > > d überhaupt aller Kulturangelegenheiten. Man hat ge . , rß es nun endlich an der Zeit sei, daß auch das Jux auf den Plan trete und seine Stimme geltend mach, - len die Gegenwart bewegenden Fragen, daß es sich * mehr damit begnügen müsse, mit Stolz bloß auf seine angenheit hinzuweisen, sondern auch tatkräftig in t enwart eingreifen müsse, um eine bessere Zukunft herbe " . en, daß es nicht immer nur von seiner Mission reden dürfe, sondern auch etwas dazu tun müsse, um sie zu erfüllen, um das messianische Zeitalter herbeiführen zu helfen. Und dazu gehört doch vor allem auch der Völkerrfriede und die soziale Gerechtigkeit, die jedem Arbeitswilligen ermöglicht, ein menschenwürdiges Dasein zu führen. Und es ist gewiß unleugbar, daß keine Religion an und für sich zu solcher Aktivität mehr befugt und befähigt, mehr berechtigt und verpflichtet wäre, als die jüdische, weil sie von vornherein, ihrer ganzen Natur und Wesenheit nach, auf nichts mchr dringt als auf die Tat, auf soziale Werke, auf Realisierung der Sittlichkeit im realen Leben, in Staat und Gesellschaft. Den Beweis dafür brauchen wir wohl nicht erst zu erbringen, jedes Blatt der Schrift zeugt davon. Mose und die Propheten haben sich nicht damit begnügt, bloße Lchren au,zustellen, sondern sich bemüht, auch das Leben zu gestalten, die irosichen Ordnungen mit religiösem Geiste zu durchtränken. Nicht mit Unrecht hat Renan einmal die großen Propheten Israels als die ersten Sozialisten der Weltgeschichte bezeichnet. Sie haben auch oft genug von ihrer hohen Warte aus in die hohe Politik eingegriffen, zum Heil des Reiches oder zur Abwehr des Verderbens. Es gibt wohl kaum ein Gebiet des irdischen Lebens, das in der Thora nicht mit religiösen Satzungen verknüpft wäre, oder anders ausgedrückt, das nicht unter die Anordnung oder Herrschaft Gottes gestellt, in die Theokratte einbezogen wäre. Die mosaische Gesetzgebung beschränkt sich nicht auf die Religion und Moral im eigentlichen Sinne, auf Gotteslehre und Gottesdienst, auf Kultus und Ritual, sondern erstreckt sich auch auf Handel und Wandel, auf Zivil- und Kriminalrecht, auf Hygiene, auf Kriegführung usw. Selbst das, was wir heute als polizeiliche Verordnung bezeichnen würden, wird zu einer Att Gottesgebot erhoben; so heißt es z. B. im Deut. Kap. 22 Vers 8: „Wenn du ein neues Haus bauest, so mache ein Geländer um dein Dach und laß kein Blut kommen auf dein Haus, wenn jemand davon herabfiele." Man hat vielfach behauptet, daß es gerade die Aufgabe des liberalen Judentums sei, die Religion im Lttren, in der Welt zur Geltung zu bringen. Ich meine, daß diese Tendenz jenseits von liberal und orthodox liegt. Wenn man sie aber mit einer bestimmten Richtung verknüpfen will, so würde ich eher sagen, daß sie in der Richtung der Orthodoxie liegt, die ja von jeher danach getrachtet hat, das ganze Lüben, den Menschen aus Schritt und Tritt, alle Lebens- Verhältnisse und -beziehungen dem Primat der Religion, religiöser Sitten, Satzungen, Symbole zu unterwerfen, während der Liberalismus, zum Teil wenigstens, gerade dadurch gekennzeichnet ist, daß er umgekehrt dem Zeitgeist Rechnung tragt und chm Einfluß gestattet auf die Gestaltung des r C11 ® ^e n Lebens. In seinem bedeutsamen 1928 erschienenen Werke über die Pharisäer sagt der englische Theologe H "sord auf Sette 288 kurz und bündig: Der Pharisäis- . Anwendung der prophetischen Lehre auf das toüt&e lieber sagen: der mosaischen Lehre.) .. .kötum' wenn wir heute die Forderung «.heben, daß die Religion alle Gebiete durchdringen solle, so unternehmen wir damit nicht etwas Neues, sondern im Gegenteil, kehren zu den ältesten Zeilen zurück. Aber eben solche Rückkehr halte ich nicht für möglich. Abgesehen davon, daß in jenen Zeiten alle Verhältnisse viel einfacher lagen, als die so komplizierten der Gegenwatt, so dürfen wir nicht vergessen, daß die Religion selber dazumal und auch im Mittelalter noch eine ganz andere Macht und Bedeutung hatte denn heutzutage. Sie war alles in allem, sie hat das ganze Leben der Menschen beherrscht und bestimmt, sie hat nicht nur die Künste zum Teil erweckt oder beeinflußt, sondern auch die Wissenschaften teils angeregt und befruchtet, aber mehr noch bevormnndet. Die Theologie erhob den Anspruch auf Alleinherrschaft, alle anderen Wissenszweige hätten ihr zu dienen und sich chr unterzuordnen, ein Anspruch übrigens, den schon Kant mit der geistvoll-witzigen Bemerkung abfertigt: „Es kommt nur darauf an, ob die Magd ihrer gnädigen Herrin die Fackel vorträgtoder die Schleppe nachträgt." Aber der Fortschritt besteht gerade darin, daß sich die weltlichen Gebiete von dem religiösen emanzipiert haben, das gereicht beiden Teilen nur zum Votteil; denn jede Verquickung von Geistlichem und Weltlichem ist von Uebel. Nicht umsonst wird die Trennung von Staat und Kirche als eine ideale Lösung bezeichnet und erstrebt, und nicht umsonst werden politische Kanzclreden nicht gebilligt. Bei der Differenzierung und Spezialisierung aller Gebiete und bei der noch innerhalb jedes einzelnen fortschreitenden Arbeitsteilung bleibt auch der Religion — und das ist immer noch unendlich viel — nichts übrig, als sich auf ihr ureigenstes Gebiet zu besinnen und zu beschränken. Und auch hier wird es sich bewähren, daß in der Beschränkung der Meister sich zeigt. Die Welt ist sozusagen auch ideell aufgeteilt und die Religion könnte fast sprechen wie der Poet in Schillers: Teilung der Erde: „Mein Auge hing an deinem Angesichte, An deines Himmels Harmonien mein Ohr, Verzeih' dem Geiste, der von deinem Lichte Berauscht das Irdische verlor." Es klingt zwar sehr plausibel und verlockend, daß das Judentum aus seiner Reserve heraustreten und vom Standpunkt seiner eigenen Religion auch zu allen Zeitfragen Stellung nehmm solle. Aber man verkennt dabei, fürchte ich, die eigentliche Aufgabe und Bestimmung der Religion — wenn sie in die Arena der Tageskämpfe hinabsteigt, wird sie zu leicht von chrer eigentlichen Aufgabe abgelenkt — und man verkennt auch die Wittung solcher Stellungnahme. Gewiß ist es interessant und lehrreich, auch die weltlichkulturellen Fragen, die irdischen Ordnungen, die wirtschaftlichen Verhältnisse in das Licht der Religion zu rücken, und gewiß kann und darf es auch den Religionsgemeinschaften und chren Vettretern nicht verwehrt sein, von ihrem Standpunkt aus über diese Dinge zu urteilen. Aber wir dürfen nicht wähnen, sie damit allein schon zu fördern; denn bekanntlich wohnen nahe beieinander die Gedanken, während hart im Raume sich die Sachen stoßen. Es ist gewiß nicht ohne Wert, die Stellung der Religion zur Arbeiterfrage, zur Jugendbewegung, zur Eheresorm, zur sexuellen Not, zum Sozialismus, zum Pazifismus usw. zu erforschen und geltend zu machen. Aber das, was hier die Hauptsache bleibt, dieUebertragungindieWirklichkeit,dieAusgestaltung im einzelnen, ist nicht Sache der Religion, sondern unendlich langwiettger, mühseliger und verwickelter Kleinarbeit. Die Religion hat eine ganz andere und höhere Aufgabe, sie will nicht die äußere Welt umgestalten, sondern die innere Welt: das Herz und die Gesinnungen der Menschen, das ist ihre eigentliche Bestimmung und ihre ewige Aufgabe; dann folgt alles andere von selber. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: seit Jahr und Tag redet man von Abrüstung der Welt, und bisher hat noch keine Politik und Diplomatie zu einer Einigung und Verständigung auf diesem Gebiete geführt. Glaubt man nun, daß, wenn die Religionsgemeinschaften da eingriffen, die Sache schneller vonstatten ginge und zum Ziele käme? Nein, die Frage bleibt unlösbar, solange nicht die moralische Abrüstung der Völker erreicht ist, solange ihnen nicht ein Grauen und ein Abscheu vor dem Massenmord zur zweiten Natur geworden, solange sie nicht für den Frieden mit demselben Eifer rüsten wie bisher für den Kneg oder wie es einmal der französische Minister Briand ausgedrückt hat: Eine Lösung ist möglich. Es genügt, ausrichtig zu wollen, und das Ziel wird erreicht werden. Und eben diesen Willen, diesen Eifer zu wecken und zu nähren, einen Haß gegen den Kneg zu entflammen und zu schüren, chn als das größte Verbrechen und Unglück, und zugleich als die größte Torheit, ja als Irrwahn zu brandmarken, das und nur das kann die Aufgabe der Religion sein. Oder nehmen wir die s o z i a l e Frage: es gibt oder gab einen evangelisch-sozialen Kongreß, der sich, wie schon sein Name andeutet, zur Aufgabe macht, vom Standpunkt der christlichen Religion aus die wirtschaftlichen Fragen zu behandeln. Aber glaubt man allen Ernstes, daß die hohen Lchren des Evangeliums auch nur von ferne dm sozialen Nötm der Gegmwart beikommen? Glaubt man, daß mit Aussprüchm der Bergpredigt, wie solchm: „Darum sage ich mch, sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinkm werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn die Speise und der Leib mchr dmn die Kleidung? Sehet die Vögel an unter dem Himmel, sie säm nicht, sie erntm nicht, sie sammeln nicht in die Schmnen und euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr dmn nicht viel mehr denn sie?" (vgl. Matth. Kap. 6 Vers 25 bis 31), — auch nur die geringste Möglichkeit besteht, gleichsam Wasser aus dem Felsen zu schlagen und Brot vom Himmel herab reynen zu lassen, oder die Klassengegensätze zu mildern und die Schäden und Schatten unserer Wittschaftsordnung zu beseitigen? Hier hat Deißmann tiefer geblickt und richtiger gmtteilt, wmn er sagt: „Mechanisch-buchstäbliche Rezepte für den E'mze'fall sind die Worte Jesu überhaupt nicht, sondern Wegweiser für die Gesinnung." Und es ist bemerkenswett, daß sogar ein Bevtreter der katholischen Kirche, der nmgewählte Führer der tentrumspattei, Prof. Dr. Ludwig Kaas, in seiner chlußrede auf dem lehtjährigen Parteitag in Köln betont hat: Es sei klar, daß die wirtschaftlich-politischen und sozialpolitischen Probleme, die sich so dttngmd anmeldm, sich nicht durch bloße Betonung christlicher (also doch religiöser) Gedanken iiberbrücken lassen. Und selbst der Mosaismus, der viel realistischer eingestellt ist zu den Dingen dieser Welt und bestimmte praktische, wenn ich so sagm darf, diskutable Vorschläge zur Beseitigung oder wenigstens Linderung der sozialen Nöte macht, und dessen Realismus auch schon darin sich zeigt, daß er ausdrücklich bemerkt, daß es nie an Armut fehlm wird im Lande (vgl. Dmt. 15, 11), kann nicht ohne wetteres auf die brennmdm Fragen der Gegenwart angewandt werden. Was sollte sie z. B. anfangen mit dem Gesetz des Jobeljahres, das schon in der alten Zeit nicht erfüllt wurde, weil es einfach nicht erfüllbar ist, und selbst das so human gedachte Gesetz des Schuldenerlasses im siebenten Jahre sah schon Hillel sich genötigt, durch das sogmannte Prosbul aufzuheben, im Interesse der Gläubiger sowohl wie derjenigm, die auf ein Darlehn angewiesen waren. Oder um noch ein drittes Gebiet zu erwähnm: Selbst! in das Schulwesen, das der Religion scheinbar besonders naheliegt, weil es sich da um die Erziehung der Jugend handelt, darf sie nicht eingreism, und Staat sowohl wie Schule wehren sich mit Macht und auch mit Recht dagegen, und zwar darum, weil sie beide weltliche Mächte sind, und nach chren eigenen Gesetzen die Bildung vermitteln wollen. Ja Deißmann hat das entscheidmde Wort geprägt: WegweiserfürdieGesinnung oder wie noch richtiger unsere großen Propheten gelehrt haben (vgl. besonders Micha 6, 8): Wegweiser für das ethische Handeln und Verhalten — das soll die Religion sein und nichts anderes. Freilich i st sie noch etwas anderes. Denn sonst würde sie ja mit „ethischer Kultur" zusammensallen. Aber sie geht auch über das Ethische hinaus, wie schon das Buch Hiob andeutet (vgl. Kap. 35, 5—8) und wird metaphysisch, sofern sie nicht auf den Menschen, sondern auf Gott sich bezieht, ja mit ihm steht und fällt. Aber sofern sie das Menschenleben allein ins Auge faßt, hat sie und kann sie keine andere, keine höhere Aufgabe haben als eine rein ethische, d. h. sie soll die ewigen Grundsätze von Recht und Billigkeit, von Liebe und Barmherzigkeit verkünden und vor allein das menschliche Herz dazu erziehen und erheben. Die praktische Ausgestaltung im einzelnen ist nicht ihre Sache. Wilhelm v. Humboldt hat einmal gesagt: die Wissenschaft erzielt umso eher praktische Resultate, je weniger sie daran denke oder darauf bedacht sei, je mehr sie sich an die reine Forschung allein halte. Aehnliches möchte ich auch von der Religion sagen: je mchr sie sich auf ihre eigentliche Domäne beschränkt, je mehr sie daran arbeitet, auf das menschliche Herz bessernd und läuternd einzuwirken, es für alles Gute und Schöne zu gewinnen, desto eher wird es ihr gelingm, auch die Praxis des Lebens zu bessern und zu verchelu. Man könnte auch mit einem' Worte sagen: die eigentliche und tief st e Aufgabe der Religion ist und bleibt Seelsorge im weite st en Umfa n.g. Sie soll das Herz nicht nur bessern und läutern, sie soll es auch trösten und aufrichten, damit es fähig sei, den Kamps des Lebens zu bestehen und die Forderungen der Alltäglichkeit zu erfüllen. Und wenn die so gefeierte schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöf, die selber von einem tiefen Glauben erfüllt ist, meint, daß niemand die Menschen von chrem Leiden befreien werde, so fügt sie doch hinzu: „Aber dem wird viel vergeben werden, der ihnen wieder neuen Mut macht, ihre Leiden zu tragen." Ja, darauf kommt es an, daß man immer wieder neuen Mut fassen kann, das Leiden und damit das Leben selber zu erttagen, vor allem durch den Gedanken an ein Höheres, an das Unendliche und Ewige. Auch dem Judentum, das gewiß noch am meisten weltfreudig und lebensbejahend gesinnt ist, haftet ein transzendenter und irrationaler, ein überweltlicher und überzeitlicher Zug an, und wenndas nicht derFall wäre, wäre es keine Religion, sondernbloßes Gesetz. Auch dies Moment kam auf der oben erwähnten Tagung des Weltverbandes zum Ausdruck, und zwar sowohl in der vielfach mißverstandenen Rede Baecks, der von dem Unzeitgemäßen des Judentums sprach, als auch besonders klar und scharf in der Rede Wieners, der da meinte, daß wir es in der Religion mtt ganz anderen Dingen *u tun haben, mit dem ungeheuerlichen Glauben, daß wir rn einem permanenten Wunder doch etwas anderes erleben, als die zu konstatierenden und in Regeln zu bangenden Tatsachen der Wirklichkeit. Wir haben uns zunächst einmal tief dann einzufühlen, daß es ein Wettüberlegenes, ein absolut Anderes gibt, demgegenüber Kultur, Wissenschaft, Leben, ja sogar Echik und Moral etwas Diesseitiges sind... indem r ch religiös bin, bin ich zunächst völlig herausgestellt aus dem Leben, aus allem, was Leben und Kultur ist. Gerade wir Juden sind von einem gewissen Kulturübermut erfüllt. Es kann keine Religion geben ohne einen im Innersten — ich will nicht sagen die Kultur ablehnenden, aber doch ihr gegenüber indifferenten Wert. Das ist das Wesentliche. Diese Auffassung Wieners erinnert an Kalendarium s. die Zeit v. 16. 2. b. 2). 2.29 )«auar 1929 | Schewat 5689 Sonnabend 16 6 Wochenabschnitt: Tcruinoh Hastarah: Könige I Kap. 5, 26 bis 5, 32, 6. 1—6, 13 Sabbat-Ausgang: 6.02 Uhr Sonntag 17 7 Montag 18 8 Dienstag 19 9 Mittwoch 29 10 Donnerstag 21 11 Freitag 22 12 Sonnabend 33 13 Wochen abschnitt: T'zawe Haftarah: E^chiet Kap. 43, 10—27 Sabbat-Ausgang: 6.14 Uhr