Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-02-15 · 7 (15.2.1929) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
7 (15.2.1929)
Date
1929-02-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2614000-2614007--3052-2620593
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

einen Ausspruch Harnacks in seinem Wesen des Christentums (Seite 44): „Alles Religiöse ist, gemessen an der sinnlichen Erfahrung und dem exakten Wissen, paradox; es wird hier ein Element eingeführt und für das wichtigste erklärt, welches den Sinnen garnicht erscheint und dem Tatbestände der Dinge ins Gesicht schlägt." UnddasistvielleichtauchdertiefsteGrund, warum man nicht von der Religion aus unmittelbar aus die Praxis des Lebens einwirken kann. Die Religion kann immer nur auf das menschliche Gemüt wirken und erst dadurch auf die Gestaltung der menschlichen Dinge. Man mißverstehe mich nicht, ich will gewiß keinem Theologen verwehren, auch die weltlichen Ordnungen und Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft vom rein religiösen und vom jüdisch-religiösen Standpunkt aus zu beleuchten und zu beurteilen, und gerade das jüdische Schrifttum bietet eine unendliche Fülle von Anhaltspunkten dafür, und kann solche Betrachtung besonders reizvoll und lehrreich sein. Aber wenn man meint, das Judentum müsse aktiv in das Geschehen und Gestalten der Welt eingreifen, als ob es eine bestimmte politische Partei oder eine nationale Gemeinschaft darstelle, so gebe ich noch einmal das Wort Baecks zu bedenken, daß es etwas Unzeitgemäßes ist, eben weil es eine Religion ist, und jede Religion als solche es im tief st e n Grunde nicht so sehr mit dem Zeitlichen wie mit dem Ewigen zu tun hat. Ich könnte das, was ich meine, vielleicht nicht besser ausdrücken, als mit den Worten, die ebenfalls Harnack geprägt hat, nur daß ich da, wo er Evangelium sagt, Religion einsetzc, weil sie für diese im allgemeinen gelten: „Ich meine, die so sprechen oder klagen, haben sich noch immer nicht klar gemacht, um was es sich in der Religion handelt und beziehen es vorschnell und ungehörig auf irdische Dinge^ Die Religion richtet sich an den inneren Menschen, der immer derselbe bleibt, mag er gesund oder verwundet, mag er in Gluckslage oder im Unglück sein... Mein Reich ist nicht von dieser Welt... Diese Worte schließen nicht nur die politische Theokratie aus, welche der Papst aufrichten will und jede weltliche Herrschaft, sie reichen noch viel weiter, sie verbieten jedes direkte und gesetzliche Eingreifen der Religion in irdische Verhältnisse... Vergessen wir nicht, daß die Welt vergeht, nicht nur mit ihrer Lust, sondern auch mit ihren Ordnungen und Gütern... Die Religion liegt über den Fragen der irdischen Entwicklungen, sie kümmert sich nicht um die Dinge, sondern um die Seelen der Menschen." Wenn man aber dem gegenüber einwenden möchte: das Judentum lehrt gerade umgekehrt: mein Reich ist nur von dieser Welt (vgl. Deut. 30, 12: Es ist nicht im Himmel droben.), also habe es das Recht und die Pflicht, sich mit ihr auseinanderzusetzen und auf sie einzuwirken, so ist dieser Einwand nur scheinbar berechtigt. Denn eine Religion, die das Gebot: Gott über alles zu lieben, in den Mittelpunkt rückt und unter Umständen von uns sogar fordert, das Leben für ihn hinzugeben, die den Menschenkindern zuruft: Fremdlinge und Beisassen seid ihr hinieden und wie ein Schatten eure Tage auf Erden (vgl. I. Chr. 29, 15), eine Religion, die in der nachbiblischcn Zeit die Idee des Olam Haba (der künftigen, höheren Welt) wie etwas Selbstverständliches annimmt, und die in der biblischen Zeit sogar noch weiter geht, indem sie sich zu der religiös nicht mehr zu überbietenden Höhe des Psalmwortes (73, 25) aufschwingt: Wenn ich Dich nur habe, frage ich nicht nach Himmel und nach Erde, eine solche Religion, meine ich, ist schon darum nicht, trotz chrer noch so stark ausgeprägten Diesseitigkeit, wenigstens nicht ganz von dieser Welt, wie es ja überhaupt zum Wesen jeder höheren Religion gehört, daß*sie über diese Welt hinaus denkt und hinaussührt (vgl. auch Ps. 102, 26 —28) und immer, mag die Kultur noch so sortschreiten in einem gewissen Gegensatz zur Weltlichkeit uiid zum Weltwesen, man könnte auch sagen: auf gespanntem Fuße mit ihnen stehen wird. In dieser Hinsicht stimme ich ganz und gar mit Baeck, der von dem Unzeitgemäßen in der Religion sprach, und mit Wiener überein, der darauf hinwies, daß wir es in der Religion mit ganz andern als weltlichen oder rational-empirischen Dingen zu tun haben. Und selbst die starken Argumente, die Landgerichtsrat Dr. Arthur Lilienthal in seinem jüngst in unseren „Mitteilungen der jüdischen Reform-Gemeinde" (1. Januar 1929) veröffentlichten Artikel dagegen ins Feld führt und die wohl zu denken geben, da sie in der Tat auf einen wunden Punkt des modernen Judentums Hinweisen, das, weil scheinbar ohne positive Aufgaben für seine Bekenner, sich immer wieder mit sich selbst oder mit Fragen des Kultus beschäftige, können an meiner' Grundausfastmrg nichts ändern, daß die Religion in ihrem tiefsten Sinn und Kern eine von aller Kultur unabhängige und eben darum auch alte Kultur überlebend? und überragende Bedeutung habe oder im Sinne nuferes Propheten gesprochen (vgl. Jes. 49, 6—8): Mögen Weltreiche wie Fleisch welken und alle Anmut ihrer Kulturen wie Gras verdorren, das Wort unseres Gottes bestehet ewiglich. Tie Konsequenz freilich, die Wiener aus seiner Religionsauffassung zieht, lehnen wir unbedingt ab und pflichten dann Dr. Lilienthal vollkommen bei. Denn abgesehen von unserer andersartigen Einstellung zum jüdischen Rationalismus — wir betrachten und empfinden das Judentum nur als Religionsgemeinschaft, die als solche schon durch ihre Existenz, und darin liegt ihre Existenzberechtigung, auf die Kulturentwicklung der Welt eingevirkt hat und unwillkürlich (vgl. den obigen Ausspruch von Humboldt) auch in Zukunft einwirken wird — erblicken wir einen inneren Widerspruch, ich möchte beinah sagen, einen geistigen Salto mortale darin, daß Wiener aus der einen Seite die Religion aus allen irdischen Beziehungen herausgehoben und au? der andern sie nint ande.s sein in einer be>timmlen „Bolkhaftigkeii" aufgehoben und verwurzelt sieht oder sehen möchte. Wir aber ziehen aus unserer Auffassung weder eine nationalistische noch eine quietistische Konsequenz. Weder sagen wir: da das Judentum als Religion sich überlebt habe oder inihaltleer geworden sei, müssen wir ihm einen neuen Inhalt, eine nme Aufgabe geben, .also ein Volk lülden, einen Staat gründen, noch sagen wir: weil nicht alle Blütenträume reifen, nicht alle Ideale zu verwirklichen sind oder wie der Talmud sich ausdrückt: olam keminhago noh eg: die WÄt geht ihren eigenen Gang, müssen wir alles gehen lassen, wie es geht, sondern wir meinen: der wahrhaft religiöse und erst recht der jüdisch-religiöse Mensch wird und soll nicht aufhören, immer von neuem zu versuchen, die Welt nach den ewigen Ideen und Idealen seiner Religion zu formen und zu gestalten, aber sich bewußt bleiben, daß es sich in der Religion als solcher letzten Endes um etwas anderes handelt: um Gott und die Seele, um ein Bürger?- recht im Reiche Gottes, um eine innerliche Ueberwiudung der Welt und des Lebens. Und wenn man es dem Sokrates als Verdienst angercchnet hat, daß er die Philosophie vom Himmel auf die Erde herabgerufen, so meine ich, ist es das Verdienst und das Wesen der Religion, daß sie den Blick des Menschen immer wieder von der Erde gen Himmel lenkt, d. h. auf das Göttliche und Ewige hinlenkt. Erst dadurch gewinnt man auch die rechte Einstellung zu den irdischen Werten und Ordnungen.' Denn der Sinn des Daseins, der Welt geht uns immer nur an einem Uebersinnlicheu, Ueberweltlichen auf, das ja darum auch Anfang und Ende aller Religion ausmacht. 9 * 9 Aus den Gemeinden :: ch:: Berlin. (Sitzung des Subventions Ausschusscs des Preußischen Landesverbandes.) Am 23. Januar fand unter dem Vorsitz des Herrn Rechtsanwalts Dr. Klee eine Sitzung des Subventions-Ausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden statt. Es lagen dem Ausschuß annähernd vierzig Gesuche, teils von Synagogengemeinden, die Beihilfen zur Instandsetzung von Synagogen und Friedhöfen, teils von Kultusboamtcn oder deren Hinterbliebenen, die personelle Unterstützungen erbeten hatten, vor. Dem größten Teil der eingcgangenen Anträge konnte im Sinne der Antragsteller stattgegebcn, eine kleinere Anzahl mußte aus Mangel an Mitteln abgelehnt werden. Einige weitere Gesuche mußten zurückgestellt tverden, da Rückfragen notwendig erschienen. Breslau. (G c s ch ä f t s j u b il äu m.) Am Sonnabend, den 9. Februar, konnte die Firma M. Bayer ihr 50 jähriges Geschäfts^ jubilüum feiern. Der Seniorchcs der Firma, der der konservativen Richtung angehört, nimmt im dortigen Gcmeindeleücn eine angesehene Stellung ein; der Juniorchef, Herr Erich Bayer, ist Vorsitzender des „Liberalen Vereins der Synagogengemciildc zu Breslau" und gehört auch dem Gesamtvorstand der „Vereinigung für das liberale Judentum" an. Breslau. (Vom Iüdisch thcologischeu Seminar.) Der Bericht des jüdischen theologischen Seminars für das Jahr 1928 ist soeben erschienen. Das Seminar lvird von 59 ordentlichen Hörern besucht. Der Nationalität nach toaren 31 Reichsdeutsche, 22 Polen, 5 Tschechoslowaken, 5 Ungarn, 3 Rumänen, 1 Schweizer, 1 Jugoslave, 1 Hörer aus dem Freistaat Danzig. Von den ehemaligen Hörern wurden Herr Rabbiner Dr. Freier Gcmeinderabbiner in Berlin, Herr Rabbiner Chameides Rabbiner in Kattowitz, Rabbiner Klotz Lehrer an der Elchanan-Jeschiwah in New Port. Dem Jahresbericht ist beigefügt eine Arbeit des Dozenten Dr. Lewkowitz über „Judentum und die geistigen Strömungen der neuen Zeit", die sich zunächst mit der Zeit der Renaissance befaßt. Die Büchersammlung ist um 1530 Bände (637 hebräische, 893 deutsche und anderssprachige) vermehrt worden. Im Herbst d. I. wird das Seminar sein 75 jähriges Bestehen feiern. Aus diesem Anlaß wird. eine Festschrift der ehemaligen Absolventen erscheinen. Danzig. (Alfred Weinkrantz j u g o s l a v i s ch c r Ions u l.) Wie wir der Jta. entnehmen, hat die jugoslavische Regierung den Generaldirektor der Dresdner Bank in Danzig, Herrn Alfred Weinkrantz, zu ihrem Konsul für den Freistaat Danzig ernannt. Herr Weinkrantz ist einer der Führer des liberalen Judentums und Mitglied der jüdischen Gemeinderepräsentanz. Dieburg (Hessen). (7 0. Geburtstag.) Der seit 47 Jahren hier amtierende Religionslehrer D. Kaufmann feierte kürzlich seinen 70. Geburtstag und wurde von den Gemeindemitgliedern und anderen Freunden durch mancherlei Aufmerksamkeiten geehrt. Dresden. (Emil Lehmann.) Der Verdienste dieser vor 100 Jahren geborenen Persönlichkeit um die deutsche Judenheit und besonders die Dresdner Gemeinde wurde außer am Schlüsse der letzten Gemeindcratssitzung in dem sogenannten liberalen Gottesdienst gedacht. Bedenkt man, daß die Leiche des teuren Verstorbenen seinerzeit in der Synagoge feierlich eingesegnct wurde, muß man sich wundern, daß im Hauptgottcsdienst der Gedenktag, der gerade auf einen Sabbat fiel, ohne Erwähnung vorüberging, von irgendwelcher Feier ganz zu schweigen. Dagegen hat Emil Lehmanns Tochter, Frau Amtsrat Hcpner, ein sehr warmherziges Schreiben vom Ausschuß des Deutsch-Israel. Gemeindcbundes erhalten, in welchem daran erinnert wird, daß die große Idee dieses Zusammenschlusses schon vor 60 Jahhren von Emil Lehmann ausgegangen ist. Außerdem wurde in zahlreichen Notizen und 6>edenlartikeln sehr würdig und gerecht seine Bedeutung für uns Heutige festgchalten und sein Bild zu zeichnen versucht als das „eines der mutigsten Kämpfer um deutsch-jüdische Ideale, die cs je gab". Dresden. (Aus dem Gemeind eleben.) In der ersten Vollsitzung des neugewähltcn Gemeinderates legten die beiden nichtliberalen Parteien ihr Programm dar. Während die orthodoxe Volks- Vereinigung die Erfüllung ihrer besonderen Wünsche in Bezug aus Kultus und Ritus im Wege der Verständigung erreichen will, sieht die zionistische Volkspartei als ihre Hauptziele an: Beseitigung der von ihr als ungerecht empfundenen Wahlrechtsbestimmungen in der Gcmeindesatzung, Uebernahme der Schule des Vereins Machsike Thora auf die Gemeinde, Hinzuziehung von Personen aus allen Kreisen der Gemeinde zur Chewra Kadischa. Der Vorsitzende erwidert, daß die Gemeindeverwaltung auch bisher schon die Wünsche der Ostjuden in Bezug auf Kultus und Ritus weitgehend erfüllt habe, daß aber die liberale Partei künftig keine Verpflichtungen der Gemeinde eingchen werde, von deren Notwendigkeit und finanziellen Durchführbarkeit sie nicht überzeugt sei. Ein Antrag, den Gemeindegottesdienst nach altem Ritus „Gemeindegottesdienst Adaß Jeschurun" zu nennen, an tvelchem dann die Mitglieder dieses Vereins teilnehmen, wird der orthodoxen Kultuskommission überwiesen. Bei dieser Gelegenheit sei der Wunsch ausgesprochen, daß — schon aus Gcrcchtigkeitsgründen — der zunächst einmal im Monat stattsindende liberale Gottesdienst offiziell diesen Namen erhält, anstatt unter dem Deckmantel „Gottesdienst für die erwerbstätige Jugend", >vas er nebenbei auch ist, ein bescheidenes Dasein zu fristen. Heilbronn. (Aus dem Gemeindelcben.) Der neugewählte Gcmeinderat hiesiger Stadt hat am 24. Januar in seiner ersten Sitzung den Oberlehrer Jvy Krämer unserer jüdisch-liberale» Gemeinde als Mitglied der Thcaterkommission gewählt. Kurz vorher wurde er vom Oberbürgermeister Herrn Prof. Bentinger aufgefordert, in das im Davi Verlag erschienene Stadtbuch über das Hcilbronner Musikleben einen Beitrag zu liefern, dem Wunsche er auch nachkam Mülheim (Ruhr). (Persönliches.) Rabbiner Dr. Neuhaus beging unter reger Anteilnahme der Gemeinde und ihrer Vereine den 50. Geburtstag. Abordnungen verschiedener Organisationen überbrachten ihre Glückwünsche und hielten ehrende Ansprachen. Schneidemühl. (Feierstunde für die Alten.) Unter dem Motto: „Die jüdische Jugend ehrt das Alter" hatte der Jüdische die älteren Gcmeindcmitglieder a'.s Gäste eingeladcn. Es galt denen, welche wegen Altersbeschtverden oder aus anderen Gründen nicht an Jugendbund unserer Gemeinde für den letzten Sonntag-Nachmittag den abendlichen Veranstaltungen teilnehmen können, einen kleinen Ersatz in einem gemütlichen Nachmittag mit Kaffee und Kuchen bei geistigen Darbietungen zu geben. Hierzu waren alle Gäste persönlich von Mitgliedern des Jugcndbundes eingeladen und auf Wunsch abgeholt worden. Der Vorsitzende des Jüdischen Jugendbundes, Herr Rabbiner Dr. Rosenzweig, begrüßt« di« Alten als Gäste der Jugend, die Zeugnis oblegen wolle, daß jüdischer Geist und jüdische Ehrfurcht gegenüber dem Leben und denen, die es gemeistert haben, lebendig sei. Wenn diese Jugend nach neuen Formen für ihre Lebensgestaltung ringe, so sei sie auch willens, sich sozial zu betätigen. Jugend, die das Alter erfreuen will, ist selbst «ine Freude für das Alter und Verheißung für die Zukunft. Den geschickt zusammengestellten ernsten und heiteren Darbietungen in Wort und Lied lauschen dankbare Zuhörer. Bon Herzen kommende und zu Herzen gehende Worte des Dankes waren es, welche Herr Lehrer I. Lewin und Frau Stadtrat Schneider schließlich dem Jüdischen Jugendbunde und seinem Vorsitzenden, Rabbiner Dr. Rosen-- zweig, dem Anreger dieser Feierstunde, im Namen Aller widmete, und alle gingen mit dem Bewußtsein, eine erhebende Stunde erlebt zu haben, heim in der Hoffnung, daß eine solche bald wiederkehren möge. Der Jüdische Jugeirdbund aber hat sich unzweifelhaft durch diese Veranstaltung, die von sozialem Geiste getragen war, viele neue Freunde in unserer Gemeinde erworben. Seligenstadt. (Jubiläum.) Unter lebhafter Anteilnahme weiter Kreise, auch der christlichen Bevölkerung, beging der Gemeindeälteste Adolf Stein sein 25 jähriges Amtsjubiläum. Der Bürgermeister, die Pfarrer des Ortes erschienen im Hause des Jubilars und betonten in ihren Ansprachen bas herzliche Verhältnis zwischen den Konfessionen. Lehrer Grünbaum hob in seiner Festrede die Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit, die selbstlose Hingabe und Bescheidenheit des Gemeindeältesten hervor. Der Jubilar dankte allen Rednern und erkannte die treue Mitarbeit seiner Kollegen im Vorstände wie auch der um die Hebung der religiösen Interessen verdienten Lehre« der Gemeinde an. Witten. (Todesfall.) Der ehemalige Lehrer und Prediger der hiesigen Gemeinde, Herr Jakob Ostwald, ist im gesegneten Alter von 91 Jahren in Berlin-Schöneberg, wo er die letzten Lebensjahre verbrachte, entschlafen. Als erfahrener Schulmann und tüchtiger Kanzelrcdner weit über die Grenzen seines eigentlichen Wirkens bekannt, hat sich der Verblichene bei den Mitgliedern der Gemeinde, denn» er ein liebevoller und hilfsbereiter Freund war, bei seinen Amtsgenosscn, die seine treue, gediegene und ersprießliche Arbeit im Lehr amte zu schätzen wußten, wie bei vielen anderen Menschen, mit denen er sich geistig verbunden fühlte, ein bleibendes Gedenken gesichert. Aus der Bewegung Aachen. (Fr e i tag a b e n d f e ie r.) Unsere Ortsgruppe veran staltete am 1. Februar unter Leitung des Herrn Rabbiner Dr. Schön berger eine gut besuchte und wohlgelungene Freitagabendfeier. '3)u; Damen des Vorstands hatten die Tafel des Gartensaales im Kurhaus der Couvenstraße reizvoll geschmückt. Sabbatlichter und Kiddnsch gaben die rechte Weihestimmung, die ins jüdische Haus und Familienleben zu verpflanzen der Vorsitzende, unter Hinweis auf den Gedanken des Wochenabschnittes „Wir »vollen tun und wir werden verstehen", in seiner Begrüßungsrede empfahl. Bei Kaffee und Kuchen sang man fröhlich ein von Herrn Blumenau verfaßtes Tischlied. Im Mittel Punkt der gemütlichen Feier stand die Aufführung des Märchcnspieles „Jomi" von Rabbiner Emil Cohn, Berlin, das die Junggruppe des neutralen Jugendbundes mit prachtvollem Talent zu Gehör brachte. Der Sprechchor des Jugendvereins erfreute durch den disziplinierten Bortrag des Psalms 114 und eines Chores aus Stephan Zlveigs „Jeremias". Nach weiteren Gedichtsvorträgen konnte Herr Rabbiner Tr. Schönberger, dem ein überraschender Dank für die „mühevolle Einstudierung der verschiedenen Vorträge" von seiten der Jugend in Form eines Buches zuteil wurde, aller: Mitarbeitern an der schön verlaufenen Feier herzlich danken. Das gemeinsame Tischgebet beschloß die »oürdigc Freitagabendfeier. Ralibor. (Jüdisch-Liberaler I u g e n d v c r ei n.) Za nächst entzündete Herr Siegfried Lachmann Chanukahlichter und es wurden die drei ersten Strophen des „Moaus zur" gesungen. Dann begrüßte Herr Dr. Heimann die sehr zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste und gab einleitende Chanukahgedanken. Anschließend trug Herr Peter Berliner zwei Gedichte vor, und ztvar: „Hämmern" von Rabbiner Dr. Gottschalk und „Süße alte Melodie", letzteres als Melodrama von Fräulein Margot Juda aus dem Klavier begleitet. Fräulein Juda begleitete auch den Gesang des „Moaus zur", dessen letzte beiden Strophen hierauf gesungen wurden. Damit war die offizielle Feier beendet. Mitglieder und Gäste blieben aber noch lange gemütlich zusammen. Es wurde getanzt, Fräulein Eva Tichauer brachte noch im Lause des Abends einen „Walzer" von Beethoven, Herr Siegfried Lachmann ein humoristisches Couplet zum Bortrag. Die Stimmung tvar sehr gut und wieder einmal ein deutlicher Beweis für die Harmonie in unserem Verein. 4 Im Dezember fand aus technischen Gründen keine »veiterc Zusammenkunft mehr statt. Am 2. Januar 1929 farid ein literarischer Abend statt. Nach Begrüßung der Mitglieder und Gäste, Vorlesung des Protokolls und der letzten Telegramme der „Jta" gab Herr Dr. Heimann Herrn Gerth Fröhlich das Wort zu seinem Referate über Vera Figncrs Buch: „Nacht über Rußland". Redner führte aus, daß dieses Werk der Vera Figner eine Beschreibuirg ihres Lebens und eine Schilderung der Verhältnisse des damaligen Rußlands sei. Was Vera Figner über ihr Leben an einer Stelle des Buches sagt^, las der Referent vor und beschloß seine Aussühruirg mit einigen Worten über die Umsturzbünde in Rußland. Nach einer Pause gab Herr Peter Berliner zwei Leseproben aus: „Menschen im Eisen" von dem Ar beiter Dichter Heinrich Lcrsch. Das Buch schildert die körperliche und geistige Entlvicklung des Dichters inmitten von Volk und Werk. Hieran anschließend folgte der Vortrag von Herrn Dr. Felix Heimann über den „Fall Maurizius" von Jacob Wassermann. Der Vortragende schilderte zunächst den Tatbestand des Falles Hau der Jahre 1905/0(5: Ter Rechtsanivalt Tr. Hau wurde zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt, nach langer Kerkcrschaft begnadigt und nahm sich dann selbst das Leben. Dann gab der Redner den Inhalt des Wassermann scheu Rornans wieder und zog eine Parallele ztvischen dem Falle Hau und dein Falle Maurizius. An den sehr interessanten Vortrag schloß sich eine sehr lebhafte Diskussion an. Unser nächster Abend war Lessing-Mcndclssohn gewidmet. Nachdem das Protokoll und die letzten Telegramme der „Jta" verlesen waren, trug Fräulein Anny Fraenlel Schillers Gedicht „Die deutsche Muse" und Lessings Gedicht „Ich" vor. Hierauf nahm Herr Dr. Heimann das Wort zu seinem Vortrag« über Lcssing und Mendelssohn. Redner schilderte zunächst Lessings Leben in großen Züge»» und »vürdigte ihn als Dichter, Schriftsteller, Kritiker und Menschen. Hierbei sprach der Referent über Lessings Werke und erwähnte besonders das Drama „Nathan der Weise". Zu den wenigen Freunden Lessiirgs gehörte vMoses Mendelssohn. Mendelssohn verstand es, dank seiner Klugheit uird seines großen Wissens sich durchzusetzen. Bon ihm sind einige philosophische Werke zu erlvähnen. Nach reger Diskussion wurden einige geschäftliche Fragen erörtert. Am 12. Februar 1929 sprach in Ratibor Herr Wolfsohn-Breslau über Symbole und Symbolismus im allgemeinen und im religiösen mit besonderer Berücksichtigung des Judentums. Die Mitgliederzahl des hiesigen „J!i" ist ständig im Wachsen begriffen. Vereinsnachrichten verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens (5. V. zu Berlin. Am Donnerstag, den 21. Februar, abends 7i/2 Uhr, findet im Gemeindehaus, Rosenstraße 2-4, die 34. ordentliche Generalversammlung statt. Das Handbuch mit Mitgliederverzeichnis wird Interessenten auf Wunsch kostenlos übersandt. Die Deutsch-jüdische Jvgeudgemeinschast veranstaltet am Sonntag, den 24. Februar 1929, vormittags 111/2 Uhr, in der Stadthalle, Stadthaus Klosterstraße, eine Matinee zum Besten der Einrichtung eines Jugendheims im Nordosten der Stadt. Der Bezirk Nordosten hat in Anerkennung seiner jugendpflegerischen Bestrebungen vom Bezirksamt Prenzlauer Berg eine Wohnung zur Schaffung eines eigenen Jugendheims erhalten. Zur Einrichtung dieses Heimes fehlt es den jungen Menschen an den notwendigen Mitteln, zumal sie sich ausschließlich aus Kreisen zusammensetzen, die ebenso wie ihre Eltern schtver mit der wirtschaftlichen Not zu ringen haben. Bei dieser Matinee wirken folgende Kräfte mit: Arnold Zweig liest aus ungedruckten Schriften; Mar Pohl, Mitglied des Staatstheaters, Rezitationen; Oberkantor Magnnr Daoidfohn (Gesang); Anita «arms- Rvcamora (Violine). Am Flügel: Dr. Felir Günther. Ansprachen Halden: Rabbiner Dr. Wryl und der Direktor des Stadtjugeudamtes, Obermagistratsrat Dr. Hautzier. Karten sind zum Preise von RM. 2,— und RM. 1,— an sämtlichen Theaterkassen des Warenhauses Wertheim und an der Tageskasse erhältlich.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.