Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 7 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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haben im bürgerlichen Metren Achtunggebietendes geleistet, in der Kunst Bleibendes hinterlassen! Bon unserem engeren, speziellen Blickpunkt aus must wehmütig seftgeftellt werden: Wir alle wissen und wollen es nicht bemänteln, es gibt gutes und schlechtes Judentum! Es gibt sehr bekannte jüdische Schriftsteller, die an Geist, Witz und Können recht hoch über dem Durchschnitt stehen; es sst aber auch leider manches von schlechtem Judentum in ihnen. Ihre fortwährend in Manier ausartende Schreibweise, ihr Zynismus, ihr ewiges Gewitzel sind wahrlich nicht durchweg sympathisch! Es ist keine Anwendung des Satzes „De mortuis nil mji bene", sondern nur schlichte Feststellung, wenn man bemerkt, daß in Salus und Löwenberg ausschließlich gutes Judentum lebendig mar und kulturell wirkte. Unser „Parnaß" ist nicht so reich an Persönlichkeiten wie diese beiden, von denen man ganz phrascnlos und bescheiden sagen darf: sie kennen, das heißt, sie lieben! Dr. Ludwig Davidsohn - Berlin. dentum s hat er dann zu einzelnen Fragen der Gleichberechtigung, der Frage des Offiziers, des Taufjnden und der Emanzipation im allgemeinen Stellung genonrmen. Daß Bernhard Breslauer, wie Freund uird Gegner oft und mit wehmütigem Flachdruck besonders nach seinem Tode anerkannt haben, nicht einer der vielen mehr oder weniger brauchbaren Verwaltungsbeamten in unseren jüdischen Organisationen war, sondern eine in sich geschlossene jüdische Persönlichkeit, deren Arbeit Dauer haben wird, das dankt er letzten Endes doch der Seite seines Wesens, die uns heute bestimmt hat, noch einmal seiner zu gedenken, seiner religiösen Stellung. Dieser Mann, dessen scharfer Verstand in seinem Beruf Klarheit und Ordnung wirkte, dieser Organisator. der ans verworrenen Massen und vielen Einzelbestrebungen ein fruchtbringendes Ganzes schassen konnte, war eine im tiefsten Innern religiöse Natur. Ihm war klar, daß das Leben kein Rechenexempel darstellt, das ohne Rest teilbar ist, sondern nur derjenige wahrhaft Mensch ist, der über den Forderungen des Tages den Schwingungerl der Seele Gehör leiht, und wie Tlbraham Geiger es einmal gesagt hat, diesen Schwingungen der Seele zu den Höhen nachzufolgen in der Lage ist. Auch auf diesem feinsten Gebiet seelischer Zusammenhänge verleugnete sich sein Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit nicht. Ihm war es nicht gegeben, was Hunderten beschieden ist, denen das Leberr einfach abrollt, nachzudenken, was andere vorgedacht, zu glauben, was andere gelehrt. Sein untrügliches Gefühl für Wahrhaftigkeit forderte die eigene Verantwortlichkeit des ein zelnen für das seelische Erleben, forderte die eigene Seele, das eigene Verhältnis des Menschen zu Gott. So war es selbstverständlich, daß Breslauer zum liberalen Judentum fand. Sein Liberalismus war ihm nie und nirgends eine bequeme Bemäntelung für jüdische Indifferenz, eine theoretische Rechtfertigung für das allmähliche Hinausgleiten aus dem Judentum. Mit einem derartigen Flick- und Kompro mißwerk konnte sich eine so grade und wahrhaftige Natur nicht abgeben, eine derartige Seichtheit einer so tief re ligiösen Natur unmöglich genügen. Breslauer kannte sein Judentum, kannte dessen Geschichte, seine geistigen Strömun gen und die Quellen seiner Lehren. Sein liberales In dentum war geistig gegründet und seelisch erkämpft. Er hatte, grade denkend und wahr empfindend, wie er »vor, den Zwiespalt zwischen der ganze): Fülle religionsgesetz sicher Bestimmungen und dem heutigen Leben erkannt, hatte ihn schon in seiner Jugend, in seiner Heimat kennen gelernt. Einer seiner letzten Aussätze in der Zeitschrift ..Liberales Judentum", der nach Kriegsende erschien, b amit, das; er noch die Büßer auf der Schwelle des ruses siegen gesehen hatte. War es ihm nun unmäi Joch des Gesetzes in seiner ganzen Schwere aui men, unmöglich aus praktischen Gründen, unm. ch, weil sein religiöse« Empfinden sich gegen viele ' Bräuche stemmte, so mußte er auch, das forderte jt seiner Persönlichkeit, eintrcten für daS Recht des i.: Lebens. Nichts hat er in seiner ganzen jüdischen i so bitter gehaßt, gegen niemanden ist er mit so n Schärfe aufgetreten als gegen diejenigen, welche, gleichen Stufe der Erkenntnis stehend, nicht den den, die volle Schlußfolgerung aus dem Erkannte Erfühlten zu ziehen lediglich aus äußeren Rücksicht. i ganzes Leben lang hat er wahrhaften Respekt vor;estreueri Judentum gehabt. In einem Vortrag bk irnbergcp Hauptversammlung der Vereinigung für :ale In dentum „Unsere Gegner" hat er mit aller $ , usgespro chen, daß das liberale Judentum von sich . ' Gegner schaft gegen ehrliche Orthodoxie nicht ten . aber bei wirkliche Gegner die sogenannte Scheinor sei, jene Gesinnungslosigkeit, die von anderen da;- eilten all dessen verlangt, was sie selbst über Bor! a n haben und damit ihre Pflicht gegen die jüdische > ' : jaft und gegen die jüdische Religion erfüllt zu Hab - ‘ n. Andererseits nahm er auch mit all - . iedenheit der Orthodoxie gegenüber das Lebensrecht d< ' r Juden in Anspruch. Er wollte nicht ein Geduld'; Freund und Feind geduldeter Jude sein, sondern i er Libe ralismus das Judentum, die liberale R ^' ' ne voll gleichberechtigte Weltanschauung neben der < - . m Ihn fochten niemals die Aengste derjenigen 'en an, welche im tiefsten Innern die Anschauung bewahrt haben, daß der Liberalismus nichts anderes sei als ein Stück abgebröckelter, aus Rot und Bequemlichkeit abgebröckelter Or thodoxie. Eine derartige Anschauung konnte unser Führer schon deswegen nicht kennen, weil er zuviel vom Judentum wußte. Er kannte die Geschichte der Entwicklung des reli giösen Gedankens und des Religionsgesetzes, er wußte, daß das liberale Judentum keine Erfindung der letzten hundett Jahre sei, wie man es so oft hinstellt, sondern daß unsere Weltanschauung aus die tiefsten Ansangsgründe des Juden tumS, auf den jüdischen Prophetismus, zurückgeht. Er war nicht nur aus Verlegenheit, aus Not Liberaler, sondern er war ein stolzer, sein selbst bewußter liberaler Jude. Diese seine religiöse Wahrhaftigkeit und sein Empfinden für die Gleichwertigkeit der beiden jüdischen Weltanschauungen hat ihn wie keinen anderen dazu befähigt, Führer der neuen liberalen Organisation zu sein, der Bereinigung für das liberale Judentum, die er nach einem Gedanken Heinemann Vogelsteins ins Leben ries und die ersten schweren Jahre hindurch führte und betreute. Wer diesen Mann an der Spitze sah, so in sich geschlossen, so voll erfüllt von der Wahr heit seiner Weltanschauung, der wurde, wenn er noch zweifelte, gewonnen und überzeugt. Ihm war es heisige Ueberzeu gung, daß das Judentum in Deutschland nur erhalten werden könne, wenn neben der immer nur in gewissen Kreisen wurzelnden gesetzestreuen Richtung ein religiöses Judentum gefördert und erhalten werde, welches dem Einzelnen sein Recht gibt, ohne die jüdische Gemeinschaft in Atome aufzulösen. Der Idee, daß der religiöse Liberalismus und die aus ihm folgende Freiheit den Einzelnen aus der Gemein schast herausdrängen müßte, ist Breslauer in Wort und Tat entgegengetreten. Er war ein lebendiges Beispiel daftir, daß auch der sogenannte radikale Liberale, man hat ihn gern dazu gerechnet, ein stolzer und gemeinschaftsbewußter Jude bleiben konnte, hat doch wohl kein Jude für die jüdische Gemeinschaftsaufgaben mehr geleistet als dieser angebliche Zerstörer des Judentums. Tie Art, wie er sein Judentum ausfaßte, verbunden mit der Vergangenheit, frei in der Gegenwart, weisend in die Zukunft, hat gerade viele ringende und kämpfende jüdische Seelen mit Klarheit erfüllt und sie aus Geletzenheils- und Treitagejuden zu vollen Mitarbeitern unserer Gemeinschaft umgeschaffen. So lange der Liberalismus in der Tat nur ein Minus gegen die OrthiKwxie war und sich alles liberal nannte, was nicht orthodox sein konnte oder wollte, so lange hatte es eine ge- Betnhatö fiteslanet;«m Gedächtnis Am Montag dieser Woche jährtc sich zum ersten Mal der Todestag des unvergessenen Ehrenvorsitzeirden der Bereinigung für das liberale Judentum, Bernhard Breslauer. Immer wieder wurde bei Diskussionen in liberalen, Kreisen im vergangencir Jahre sein Name genannt, wenn es galt, den Weg aufrechten liberalen Judentums zu skizzieren. Die nachfolgende Gedenkrede, die der Vorsitzende der Bereinigung für das liberale Judentum, Rechtsantvalt Heinrich Stern bei der Gedenkfeier der Bereinigung anläßlich der im Sommer vorigen Jahres in Berlin stattgefundencn Tagung des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum hielt, läßt erneut den Wert der Persönlichkeit Bernhard Breslauers und die Größe des erlittenen Verlustes erkennen. Die Red. Aus den erhebenden und aufrüttelnden Eindrücken einer Versammlung, in der neue Menschen und neue Ideen unsere Seele bestürmen, retten wir für uns eine stille Stunde der Erinnerung an unfern Führer. Wir hatten gehofft, Bernhard Breslauer sollte das sichtbare Haupt unserer deutschen Delegation auf der Weltkonse renz des religiös-liberalen Judentums sein, er selbst hatte sich auf die Teilnahme, auf das Zusammentreffen mit vielen alten Freunden gefreut und mir gegenüber (es war das letzte Mal, als ich ihn sprach) diese Weltkonferenz als die sichtbare Krönung seines Lebenswerks bezeichnet. Es ist anders gekommen, nur noch des Heimgegangenen Gedenken soll uns heut noch einmal um den unsichtbar Gegenwärtigen scharen. Unseren Freunden von auswärts, uns selbst wollen wir noch einmal sagen, was er uns war - nein, was er uns ist und bleiben wird. Tenn uns, deni liberalen Judentum, gehörte er an mit seiner ganzen in sich geschlossenen Persönlichkeit. Das liberale Judentum war ihm nicht „auch eine" Auffassung vom jüdischen Werden und Geschehen, die man in gewissen Momenten, etwa in Kultus und Ritusfragen, hervorkehren und in sogenannten neutralen Fragen wieder abstreifen könne, nein, dieses liberale Judentum war das Judentum, das ihn erfüllte, wo immer er in jüdischen Dingen arbeitete. Weil es ihn ganz erfüllte, ihn voll ausfüllte, gab es für ihn in keinem Teil seiner jüdischen Arbeit eine leere Stelle, zeigte seine Persönlichkeit keine Falte, die etwas verbarg, keine Lücke, durch die man ins Leere blickte. Abstammung und Anlage, die beiden großen Baumeister des menschlichen Charakters, treten auch bei Bernhard Breslauer bestimmend hervor. Er entstammte einer Posener Kaufmannssamilie. Schon sein Vater war ein hervorragendes Mitglied der liberalen Posener Brüdergemeinde, gehörte zu jenem Teil der Posener Juden, die wie kein anderes Glied un serer deutschen Judenheit Deutschtum und Judentum in sich zu einer festen und unlösbaren Einheit verschmolzen hatten. Wie diese Juden in Posen bis zum letzten Augenblick ein starkes Bollwerk des Deutschtums waren, so hat andererseits kaum eine Landsmannschaft in Deutschland jüdisches Gemeinschastsbewußtsein, jüdisches Wissen und tatkräftige jüdische Nächstenliebe so stark bewahrt und aufrecht erhalten, wie die Glicker dieser blühenden Posener Gemeinden, die ja bekanntlich nicht nur in der Hauptstadt Posen, sondern auch aus dm vielen mittleren und kleinen Gemeinden eine Reihe hervorragender Männer und Frauen der dmtschm Judenheit geschenkt haben. So war für Bernhard Breslauer das Verhältnis Deutschtum und Judentum niemals ein Problem. Auch die schwersten Erschütterungen, die der Judenhaß der achtziger Jahre und leider auch der Nachkriegszeit über uns gebracht hat, vermochtm ihn in seiner deutschen Gesinnung nicht zu erschüttern. Sie war ihm etwas so selbstverständliches, so in seiner Natur liegendes, daß er es nicht sehr sichte, wmn die dmtschcn Juden ihr Deutschtum oft so überstark betontm, wie das gerade bei schwächeren Naturen der Fall zu sein pflegt. Ihm war sein Deutschtum Lebenslust und Lebensbestandteil wie sein Judentum. Darauf hingewiesen darf wohl hier auch werden, daß jene durchdringende und seine Allgemeinbildung, die Breslauer sein eigm nannte und die aus jedem Satz, den er schrieb, und auch aus seinem gesprochenen Wort so durchdringend und erfreulich hervorlenchtete, ein Erbteil seines väterlichen Hauses war, wie denn gerade die Juden des deutschen Ostens eine besondere Ehre darein setzten, ihre Kinder nicht nur, was selbstverständlich war, in jüdischem Wissen zu erziehen, sondern auch ihnen eine umfassende Allgemeinbildung zu geben. In diese von feiner alter Kultur durchtränkte Umgebung trat nun in Bernhard Breslauer eine Persönlichkeit, die wie wenig andere aus einem Punkte zu erklären sind. Wahr Hastigkeit und Gerechtigkeit waren bU beiden Komponenten seiner Seele, aus denen heraus sich seines Lebens Kern und seine Lebensarbeit mühelos erklären lassen. Der Satz, den wir gestern in unserem Wochenäüschnitt gelesen haben: „ Zedek, Zedek, tirdauf, lemaan tichjeh" , der Ge rechtigkeit sollst Tu nachgehen, damit Tu lebst"; dieser Satz ist für Bernhard Breslauer geschrieben, wobei wir das Wort Zedoko in seinem ganzen Umfange erfassen können. Breslauer forderte das Recht der Gesamtheit und der Einzelpersönlichkeit. Er kämpfte für das Sozialrecht, er kämpfte für das juristische Recht, er kämpfte für das Recht der Persönlichkeit. Als er nach dem üblichen Studiengang im Jahre 1880 in Berlin sich als Anwalt niederließ und in den ersten jungen Anwaltsjahren seine Praxis kraft seiner hervorragenden anwaltlichen Fähigkeiten schnell befestigt hatte, konnte er seiner Neigung für gemeinnützige Arbeit bald nachgchen. Es ist bezeichnend für ihn, daß er zunächst sich aus sozialem Gchiet, aus dem Gebiet der jüdischen Wohlfahrtspflege betäsigt hat. Das Recht der Armen und Elenden?>cgenüber der Gesellschaft zu fördern, war ihm, der in einer Posener Heimat viel jüdische Not an sich hatte vorbeizichen lassen, Herzensbedürfnis. Heimatliche Umgebung war es auch, in der er sich zunächst entfaltete. Er trat in den Verein der Posener ein und wurde bald der Vorsitzende dieses Vereins, den er über 25 Jahre beibehalten hat. Hier hat er für die aus der Mittel- und Kleinstadt nach Berlin Verschlagenen, die sehr oft in der Großstadt nicht fanden, was sie erhofft hatten, mit jüdischem Brudersinn gearbeitet, wirkliche Not gelindert, aber auch vorgetäuschte im Interesse der Allgemeinheit mit der ihm eigenen Gradheit ausgcheckt. Das Arbeiten für soziale Gerechtigkeit hat er während seiner ganzen öffentlichen Täsigkeit beibehalten. Ihr hat er sich in der Berliner Gemeindeverwaltung, der er zwei mal längere Zeit angehörte, vom Ende der achtziger Jahre bis 1894 und von 1911 bis 1917, mit besonderer Hingabe gewidmet. Er war Vorsitzender der Armenkommission der jüdischen Gemeinde, leitete jahrelang das Pankower Waisenhaus, eine Tätigkeit, die chm ganz besonders ans Herz gewachsen war, und hat dann in den schweren Kriegsjahren die jüdische Kriegshilfskommission eingerichtet und mit seinem ihm eigenen Organisationstalent in einer mustergültigen Weise geleitet. Diese Tätigkeit, in der unzählige offene und heimliche Wunden berührt und geheilt werden mußten, sichert chm bei tausenden von Männern und Frauen dankbarstes Gchenken. Oft hat er mir erzählt, wie allmählich die Tätigkeit der Kriegshilfskommission in Fälle und Kreise Übergriff, die früher die Gebenden gewesen waren, welchen Takt es erforderte, ihnen das Nehmen nicht allzu schwer zu machen. sicher die Kreise der Gemeinde heraus reicht seine Tätigkeit als langjähriger Leiter des Verbandes der jüdischen Wohlsahrtsorganisationen. Für unsere ostjüdischen Brüder hat er in den neunziger Jahren als Schriftführer des Hilfskomitees für russische Juden an entscheidender Stelle mitgearbeitet. Damals galt es, den großen Wanderstrom unserer ostjüdischen Brüder nach Amerika in geordnete Bahnen zu lenken und diejenigen, die nicht bis herüber kamen, die auf palbem Wege liegen blieben, entweder in Deutschland unterzubringen oder in die Heimat zurückgelangen zu lassen, ein Beweis übrigens dafür, daß die jetzt ebenfalls als Werk aller jüdischen Parteien und Organisationen ins Leben gerufene Arbeiter- und Wander-Armenfürsorge schon ihre Vorgänger gehabt hat. Bernhard Breslauer war als Leiter derarttger sozialer Organisationen darum der gegebene Mann, weil sein Sinn für soziale Gerechtigkeit, der ein weiches Herz mit einem kühlen abwägenden Verstand verband, es ihm bei den schweren Ausgaben einer derartigen Tätigkeit leicht macht, mit vollem Herzen zu geben, wo es not tat, und auch zu versagen, wo es not tat. Er gehörte nicht zu denjenigen, die sich einer lästigen Erkundigungspflicht oder der oft peinlichen Begründung der Ablehnung dadurch entzog, daß er den immer wieder Drängenden ein Almosen hinwarf, sondern er wünschte, daß das Recht auch auf diesem Gchiet der Hilfeleistung des einen für den anderen zur Geltung kommen sollte. Die Tätigkeit Breslauers auf dem sozialen Gebiet hatte ihm die innigen Zusammenhänge der Juden untereinander noch stärker zum Bewußtsein kommen lassen, und es ist daher kein Wunder, daß er, dem Zusammenfassen, Formen und Ge stalten angeboren war, auf dem Gebiet jüdischer Organisation und jüdischer Verwaltung bald an hervorragender Stelle stand. Bon seiner Tätigkeit in der Berliner Gemeinde ist schon die Rede gewesen. Er hat hier insbesondere auch jahrelang den Schulvorstand geleitet, eine Tätigkeit, die ihm viel Freude gemacht, aber auch manche Angriffe eingetragen hat, Angriffe von denjenigen, denen seine entschiedene und gerade Art, sein rasches Arbeiten und seine schnelle Entscheidungsfähigkeit mißfiel, und die am liebsten alles so laufen ließen, ivie man es gewohnt war. Daß es auch ihm nicht voll gelang, die Uebelstände der religiösen Erziehung der Kinder in der Großstadt zu beheben, hat er selbst am besten erkannt. Er hat stets den Unterricht in den Religionsschulen der Gemeinde nur als einen Notbehelf empfunden, und die häusliche Er zichung auf der einen und den jüdischen Religionsunterricht in der öffentlichen Schule auf der anderen Seite als unbe dingt notwendige Voraussetzung für eine vernünftige jüdi sche Erziehung gefordert. Schon zu seiner Amtszeit ist versucht worden, den Religionsunterricht auf den öffentlichen Schulen möglichst obligatorisch zu machen. Seiner Arbeit im deutschen Wohlsahrtswesen und die umfassende Kenntnis der jüdischen Zusammenhänge ist es wohl in erster Linie zu danken, daß er als der erste eine öffentlich-rechtliche Vertretung aller deutschen Juden gefordert hat. Bernhard Breslauer ist in der letzten Zeit seines Lebens insbesondere als Führer der liberalen Richtung in die Oesfentlichkeit getreten. Man hat darüber vergessen, daß er, der sich niemals als Partei mann, sondern immer als Glied der großen jüdischen Gc samtheit gefühlt hat, als erster und nachdrücklich dafür eingetreten ist, daß diese jüdische Gemeinschaft auch nach außen in die Erscheinung trete. Sein Sohn und Mitarbeiter hat nach seinem Tode einen Brief Martin Philipsohns, des späteren ersten Präsidenten des Verbandes der deutschen Inden, veröffentlicht, in dem auch er daraus hinweist, daß Breslauer mit seiner Forderung eines allgenieinen deutschen Judentages eigentlich der Anreger und Vater der jüdischen Gesamtorganisation gewesen ist. Zu einem Judentag ist es damals nicht gekommen. Die Frage einer Gesamtorganisation der deutschen Juden wird erst heute allmählich der Lösung näher gebracht. Der Verband der deutschen Juden, der an! seine Stelle trat, war nur ein Surrogat für Breslauers For derung. Dennoch hat er auch in seiner Leitung mit der eigenen Entschiedenheit mitgearbeitet. Bezeichnend für ihn war, daß er auch hier in erster Linie Fragen des Rechts und der Gerechtigkeit in den Vordergrund seiner Tätigkeit stellte. In zwei Schriften hat er die Zurücksetzung der Juden in der Justiz und die Zurücksetzung der Juden in der akademischen Laufbahn' behandelt, und dem Staat und der Ver waltung gegenüber die Forderung des Rechts der jüdischen Gesamtheit vertreten. Wenn man heute noch seine Schriften liest, so versteht man nicht, warum der nichtjüdischen Öffentlichkeit, insbesondere den leitenden Berwaltungs und Staatsmännern nicht die Schamröte ins Gesicht gestiegen ist, darüber, daß es in einem Rechtsstaat möglich war, den einsachsten Forderungen der Zedokoh ins Gesicht zu schlagen. In zahlreichen Gnzelaufsätzen in der allgemeinen Zeitung des In-