Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 6 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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jtbei Sonntag und jeder Freitag von irgend einem Sender belegt ist und also allwöchentlich auch die Stimme des Judentums in Deutschland den Aether durchströmt! Freilich muß, wie selbstverständlich, eine solche jüdische Morgenseier mit großem Takt und feinstem Empfinden ausgestattet sein. Daran kann es bei uns nicht fehlen. Hier ist das Lessingwort am Platze: „So ganz Stockjude sehr zu »vollen, geht schon nicht... ganz und gar nicht Jud«^ das geht noch minder!" Ueber das Organisatorische, insbesondere über genauere Richtlinien, über die künstlerische Ausstattung der Morgenfeiern, dann über die Mittel, die in Anwendung zu bringen sind, um nicht mit der Zeit eine abgeklapperte Gleichförmigkeit oder die Gefahr, durch eine neue „Sachlichkeit" das Interesse abzustumpfen, herbeizuführen,... darüber kann noch spater abgehandelt werden. Aber cs erscheint mir bei der Fülle von Köpfen, die »vir im deutschen Judentum« besitzen, gar nicht schwer, die Vorbilder bisher da zu übertressen. Damit sei auch gleich festgestellt, daß es wünschenswert ist, gleich im Vornherein zu beschließen, daß keineswegs die Betreuung der jüdischen Morgenfeiern den Rabbinern allein oder vorwiegend Vorbehalten sein soll. Wir sind anders wie die andern, die allein ihren Geistlichen für d-sesc Sachen verbrauchen und gebrauchen müssen! Ich bin sicher, daß ein organisiertes Verlangen, sowohl der jüdischen Vereinigungen und Logen allein, die da die Avantgarde bilden können, oder in Verbindung mit dem Landesverband, oder di« Synagogengemeinden, oder die Verbände der Synagogengemeinden im Reiche und in den Provinzen, Erfolg haben kann uiü» muß. Cs ist eine Frage der Taktik, ob der Angriff zentral gerichtet sein * oder ob man von Sender zu Sender die Situation reis machen soll... Jedenfalls, es muß etrvas bald geschehen. Die neuen Richtlinien, die unlängst für den Rundfunk erlassen worden sind, haben endlich mit dem politischen Reservat und mit dem Ausschlleßungsvcrfahrcn gegen politische Parteien gebrochen und sprechen das aus, was so llar ist: der Rundfunk ist für Alle da! Was hm politischen Parteien gegeben wird, nach großem Kampfe, wird gewiß und ebenso gewiß auch ohne großen Kampf, wenn man es nur nachdrücklich bei uns, dem Staate der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung, verlangt, auf dem Gebiete der Morgenfeiern auch der JiGenschafti gegeben werden! Es heißt also: wirken und wachen! Hlerade jetzt kommt ein Aufsatz des Christen Johannes Bückler in der Wcltbühne Nr. 1 zurecht, der das vielfach Unbekannte und Erstaunliche berichtet, daß der „Rheinlandscnder" bereits die Absperrung durchbrochen und einzelne jüdische Morgenseiern bereits gesendet hat. Was aber noch erstaunlicher und erfreulicher ist, scheint mir, ist die Bestätigung meiner Ansichten und die Begeisterung, die diesen Christen erfaßt, wenn er von der jüdischen Morgenfeier des Kölner orthodoxen Rabbiners Dr. Rosenthal spricht. Dr. Rosen - chal sprach über „Die Ethik des Talmuds". „Herrlich ist da",.. schreibt Johannes Bückler,.. ,chie Rede des Kölner Rabbiners Dr. Rosenthal. Ueberflüssiz zu sagen, daß kein kominnnistischer Parteiredner eine ähnliche, wirkungsvolle Rede für den Sozialismus halten wird!" Und nun bringt Bückler einen Auszug aus der Rede!! Ich bin überzeugt, daß Hunderttausende, die dieser jüdischen Morgenfeier gelauscht haben, nun anders über die Juden und ihre Lehre denken... als gestern. Und sie werden morgen, nach unserer fortgesetzten Arbeit, tveiter anders denken lernen. Ueberflüssig zu sagen, daß im Judentumc Werte liegen, die durch den Rundfunk „An Alle" .^richtet sind und gerichtet werden sollen! Siegmund Reis, Hindenburg. Krieg und Religion Lehr geehrter Herr Redakteur! Boc wemgen Monaten hatte ich bte Freude, in dieser Zeitschrift einen Artikel aus Ihrer Feder zu lesen, der für mich ein Erlebnis bedeutete und den ich daher aus menlem Gedächtnis nicht schwinden lassen möchte. Es ist dies jener Leitartikel in Nr. 21 v. I., in welchem Sie in einer Revue der antimilitaristischen Kundgebungen das energische Mitwirken vieler Vertreter beider Kirchen pwnonzierten und dabei die unverzeihliche Gleichgültigkeit, in der die jüdischen Gerstesführer dieser religionsphilosophischen Knrdmalfrage gegenüber verharren, mit kräftigen Worten geißelten. Jeder xür die Lebenssragen seiner Religion sich interessierende Jude wird Ihnen dafür Dank wissen, daß Sie das von der sonstigen jüdischen Presse so behutsam gemiedene Grundproblem der Religion auf die Tagesordnung zu setzen sich bemühen. Oder gehe ich vielleicht zu weit, tvenn ich die Frage des Militarismus als das „Grundproblem der Religion" und demzufolge das Ignorieren derselben Vonseiten der iüdischen Geistessührer als eine „unverzeihliche Gleichgültigkeit" bezeichne? Nun, wenn ich mich darin irren sollte, will ich für jede Aufklärung dankbar sein. Bis dahin aber traue ich jenen, die im verflossenen Weltkriege den schmählichen Bankrott der Religionen erblicken, einen ethisch weit höheren Begriff vom Wesen der Religion zu, als denen, die ein solches „Stahlbad" als ein religiöses Erziehungswerk bewerten. Und wenn ich ferner an den in nationalistischen Kreisen so sehnlichft heroeigewünschten kommenden Krieg denke, so will es mir, zumal angesichts dec täglich fortschreitenden Mordtechnik, immer mehr scheinen, daß jene frommen Priester, die den Krieg als etwas „Gottgewolltes" anfehen, den Gottesglauben in der Menschen Herzen viel gründlicher entwurzeln, als dies alle materialistische Literatur von Demokrit bis Häckel zu tun vermocht hat. Denn alles, was seit Jahrtausenden gegen das Dasein eines persönlichen, den Lauf der Natur und Geschichte lenkenden Gottes vorgebracht worden ist, kann bei wertem nicht so schwer ins Gewicht fallen, als der grauenerregende Gedanke, daß derselbe Gott, der die Menschheit zu einem höheren Zwecke schuß es in seinen Plan des Kulturfortschritts eingestellt haben soll, daß die Völker sich in jeder, längstens in jeder zweiten Generation gegenseitig vernichten sollen. Müssen doch selbst die wildesten Bölkerverhetzer bei ruhigem dNachdenken gestehen, daß der durch die Kriege immer gesteigerte Revanchegedanke unausweichlich zu einem rettungslosen Untergang der zivilisierten Menschheit unaufhaltsam führen müsse. Tic Frage, ob die Juden auf die praktische Kriegspotittk irgendwelchen entscheidenden Einfluß ausüben können, steht hier nicht zur Debatte. Entscheidend ist für uns vielmehr das theoretische Verhältnis zwischen Krieg und Religion; was für die religiöse Erziehung von grundlegender Bedeutung ist. Jeder Versuch, solche Kriege, wie sie uns angesichts der gegenwärtigen politischen Lage bevorsteyen, mit dem Glauben an einen Gott, der für uns den Inbegriff aller Moral darstellt, derart in Harmonie zu bringen, daß man diese Kriege als zum Erziehungsplan Gottes gehörend hinstellt, ist zweifellos die größte Vergewaltigung des logischen Denkens wie die schmerzlichste Verletzung des moralischen Empfindens, welche die Geschichte der Verirrungen des menschlichen Geistes je aufzuweisen hatte. Somit ist dieses Problem füglich als die „Grundfrage der Religion "anzusehen, der aus dem Wege zu gehen, eine „unverzeihliche Gleichgültigkeit" bedeutet. Ihnen aber, verehrter Herr RÄatteur, nochmals besten Dank! Rabbiner Dr. I a m p e l. Mümomdes Von Joseph Kauffmann Nach dem Erlöschen der großen babylonischen Gelehrtew-Schulen bildeten sich neue Mittelpunkte der jüdischen Wissenschaft in Nordafrika und Süditalien, dann in Spanien, der Provence, Nord-Frankreich und am Rhein. Jedes dieser Bildungszentren arbeitete selbständig, keines beanspruchte eine Vorherrschaft über die anderen, wie solche ftüher Sura eingenommen hatte. Die spanischen Schulen standen unter dem Einfluß der arabischen Kultur, die einen mächtigen Aufschwung genommen hatte. Die Araber hatten die wissenschaftlichen Schätze Griechenlands wieder entdeckt und ins arabische übersetzt, darauf weiter gebaut und ihrerseits bedeutende philosophische Werke geschaffen. Das gute Verhältnis zwischen Arabern und Juden in Spanien brachte es mit sich, daß auch die Juden sich eifrig mit Philosophie, namentlich der aristotelischen, beschäftigten. Die nordfranzösisch-deutschen Schulen, deren Umgebung einem ganz anderen Kulturkreise angehörte, blieben von dem arabischen Einfluß unberührt und beschränkten sich auf talmudische Studien. Die zwischen diesen beiden Kreisen gelegenen provenzalischen Lehrstätten gingen naturgemäß einen Mittelweg, bei ihnen machten sich spanisch-arabische Einflüsse erheblich geltend. Während der Norden im Judentum nur eine Religion der Tat, des unübertretbarcn und unabänderlichen Gesetzes sah, dessen Studium daher die alleinige Aufgabe seiner Gelehrten bildete, erblickte der Süden im Judentum eine Religion des Geistes, in der die gesetzlichen Vorschriften zur Stärkung des Gottesbewußtseins dienen. Die Gelehrten suchten daher durch philosophische und naturwissenschaftliche Beweismittel den Zusammenhang zwischen Gesetz und Glauben nachzulveisen. Beide Richtungen entwickelten ein umfangreiches Schrifttum. Im Laufe der Zeit wurden sie gegenseitig mit ihren Werken bekannt, teils durch die Vermittelung der Provence, teils durch Wanderungen von Gelehrten von einem zum anderen Lande. Im Nordkreise fürchtete man das durch fremde Wissenschaft eindringende Licht und die Ablenkung vom Gesetzesstudium, die durch andere, fremde Einflüsse eintreten könnte. In Spanien sah man in dem einseitigen Talmudstudium die Gefahr einer Verknöcherung des Judentums und eine Erdrückung des Geistes. Man verkannte aber auch nicht, daß das Studium, namentlich der Naturkunde, zu Widersprüchen zwischen dieser und der heiligen Schrift führen könne und daher die Zweisclsucht genährt würde. Die großen spanischen Forscher bemühten sich deshalb, eine Aussöhnung zwischen Thora und Wissenschaft herbeizuführen. Das tvar allerdings eine schwierige Aufgabe, die einen ganz großen Geist erfordert«. Ein solcher war noch nicht erstanden, es blieb bei Versuchen, die aber bei Manchen auf Abwege führten, die der Mystik Raum in der Wissenschaft gaben. Es trat eine Verwirrung von Naturwissenschaft, Gesetzeskunde und Mystik ein, die einer Lösung durch einen klaren gewaltigen Geist harrte. Dieser Erlöser erschien zur rechten Zeit in Maimonidcs, dem zweiten Moses. In Cordova bekleidete seit sechs Geschlechtern, von Urahn Obadjah an, Söhne ans Väter folgend, eine Familie das Amt des Dajans. des Rabbiner-Richters. Der letzte derselben, Maimon, hatte zwei Söhne, Moses und David, sowie eine Tochter. Moses den Maimon (Maimonidcs) wurde am 30. März 1136 in Cordova geboren. Der Knabe zeigte schon frühzeitig Hellen Geist und scharfen Verstand. Er wurde von seinem Vater, der auch in arabischer Wissenschaft bewandert war, in jüdischen Religionswerken, Mathematik und Astronomie unterrichtet. Der Knabe gab sich den Studien mit ungemeiner Arbeitskraft hin. Plötzlich trat aber ein politischer Umschlag ein, der dem Frieden des Hauses Maimon ein jähes Ende bereitete. Moses »var eben 13 Jahre alt, als die A l m o h a d e n Cordova eroberten. Sofort setzte eine Religionsverfolgung Men Juden und Christen ein, tver nicht schleunigst fliehen konnte, wurde gezwungen, wenigstens äußerlich dem Islam beizutreten, indem er aussprach: „Gott ist groß und Mohamed ist sein Prophet." Oessentliche Gottesdienste der Nichtmohamedaner wurden verboten; was in den Privathäusern geschah, darum kümmerte man sich nicht sehr. Die Familie Maimon floh mit vielen anderen aus Cordova fort, wahrscheinlich zunächst nach Almeria, das aber auch drei Jahre später in die Gewalt der Almohadcn geriet. Sie mußte wieder fliehen und fand nirgends eine bleibende Wohnstätte. Während des Wanderlebens reifte Moses zum Jüngling heran. Mehrere Jahre muß die Familie in Sevilla zugebracht haben, denn dort studierte Maimonides bei arabischen Lehrern Naturwissenschaft, Medizin und Philosophie. Er wurde ein scharfer Denker, ein logischer und systematischer Kopf, ein ordnender Geist, doll unbezähmbarem Wissensdurst. Nach längeren Wanderungen in Spanien gelang es ihnen 1159 nach Fez zu entkommen. Hier mußten sie als Scheinislamiten leben, sonst hätten sie sich Lebensgefahren ausgesetzt. Moses stand bald in regem Verkehr mit mohamedanischen Philosophen und Aerzten, suchte sich durch sie immer mehr in den Wissenschaften zu vervollkommnen. Insgeheim aber arbeitete er eifrig an einem schon 1168 in Spanien begonnenen Kommentar zur Mischnah. Daneben trat er auch in einem Gebiet als Schriftsteller auf, das ihm die größten Gefahren; bereiten konnte, dem er sich aber mit großem Mute und vollem Eifer hingab, ein Beweis seines festen und sittenreinen Charakters. Die heimlichen Juden lebten damals in ganz Nordafrika in großer Anzahl, es durfte ja niemand sein Judentum offen bekennen. Ein unbekannter auswärtiger jüdischer Eiferer verfocht den Standpunkt, die Scheinmoslims seien als Abtrünnige und Ketzer zu betrachten, denn der Islam sei Götzendienst, weil in Mekka ein Slein als Götze verehrt werde. Die betreffende Schrift wurde unter den Gcheimjuden verbreitet und erregte dieselben ungemein, denn wenn der Finsterling mit seinen Ausführungen Recht haben sollte, wären ihnen keine anderen Wege geblieben, als entweder dem sicheren Tode zu ver-, fallen oder wirkliche Mohamedaner zu werden. Das letztere lag ihnen aber fern. Sie waren Juden, wollten Juden bleiben und den Zeitpunkt abwarten, der ihnen Befreiung von dem fanatischen Druck der augenblicklichen Regierung bringen würde. In dieser schweren Stunde trat Maimonides als Tröster und Retter auf. Er verbreitete eine Gegenschrift in arabischer Sprache, in der er in klarer und überzeugender Weise die Argumente des übereifrigen Zeloten zurückwies und dadurch seinen Schicksalsgenossen neuen Mut zum Ausharren einflößte. Infolge dieser Schrift wurde ein Strafverfahren gegen ihn angestrengt, nur durch das kräftige Eintreten eines seiner Freunde, eines mohamedanischen Geistlichen und Dichters, entging er der Verurteilung und dem Tode. Die Familie Maimon sah ein, daß ihr Bleiben im Lande täglich neue Gefahren herbeisühren könnt«. Sie entschloß sich zur Flucht, und cs gelang ihr, in einer dunklen . Nacht ein nach Palästina bestimmtes Schiss zu besteigen. Am 16. März 1166 erreichten sie Akko nach dreißigtägiger Reise, auf der sie mit schweren Stürmen zu kämpfen hatten. Von der dortigen jüdischen Gemeinde wurden sie sreundlichst ausgenommen. Mit dem Scheinmohamedismus war es jetzt natürlich vorbei, sie konnten offen a's Juden auftre'.ea. Einig« Montate hielten sie sich in Akko aus, dann reisten sie über Jerusalem und Hebron nach Aegypten. Dort ließen sie sich in Fostat (Alt-Kairo) nieder, wo schon nach kurzer Zeit der Vater Maimon starb. Die beiden Brüder trieben nun einen Jutvelenhandel, David war der Geschäftsführer, Moses widmete sich den Wissenschaften und lebte in Zurückgezogenheit, wozu ihn auch längere Kränklichkeit zwang. Bei einer Reise noch Indien kam David ums Leben, dadurch verlor auch Moses sein Vermögen. Er mußte nun für seinen Lebensunterhalt sorgen und widmete sich der ärztlichen Tätigkeit, arbeitete aber auch mit Eifer an der Vollendung seines Mischnah-Kommentars, die 1168 erfolgte. Dieses Werk, in arabischer. Sprache geschrieben, fand anfänglich wenig Beachtung, wurde erst allmählich durch seine Schüler »veiten Kreisen der arabisch sprechenden Juden bekannt. Erst nach längeren Jahren, nachdem es von Samuel Jbn Tibbon ins Hebräische übersetzt war, erlangte eS auch in Spanien und Frankreich Verbreitung. Der Zrveck des Werkes war, auch anderen Kreisen, als den Hochgelehrten, das Talmudstndium zu erleichtern, indem alles Erschwerende fortgelassen wurde: die weitläufigen Diskussionen, die gaonäischen Erklärungen und die nicht immer richtigen bisherigen Koiwmentare. Er wollte die gültigen Resultate aus dem Wirrwarr der verschiedenen Ansichten herauslösen und mit kurzen Erklärungen begleiten. Er wollte ferner in den ganzen Stoff der Mischnah klar* Ordnung und systematische Einteilung bringen. Mit besonderer Liebe widmete er sich den Stellen der Mischnah, bei denen er sein« Vorliebe für philosophische Betrachtungen und »veltwissenschaftliche Ausführungen bekunden konnte. Namentlich an dem „Aboth" (Sprüche der Bätech benannten Mischnach-Abschnitt zeigte er in der Einleitung den ganze» Reichtum seiner Gedankenwelt. Hier sprach er über Seelenlehre, über die menschliche Willensfreiheit und über Unsterblichkeit der Seele. Das führte ihn weiter zur Entwickelung einer jüdischen Glaubenslehre, er stellte die dreizehn Glaubenssätze aus, die noch heut« unser: Gebetbuch enthält und die in dem „Jigdal"-Liede dichterisch bearbeitet sind. Ein anderes kurzes Werk war ein Sendschreiben an die Gemeinden in Südarabicn, die in gleicher Weise unter Unduldsamkeit litten, wie diejenigen in Südspanien und Marokko. In diesem. Schreiben brachte er ihnen Trost und stärkte ihren Mut. Dieser Brief hat auch weitere Bedeutung durch darin enthaltene historisch- Angaben. Allmählich erwarb sich Maimonides immer größere Anerkennung. Etwa zehn Jahre nach Erscheinen des Kommentars galt Gegenden liefen Anfragen über religiöse Angelegenheiten bei ihm ein, er bereits als talmudische Autorität, aus vielen, auch weit entfernte» tvar er als erster Rabbiner in Kairo anerkannt. Er führte den Vorsitz des aus zehn Rabbinern bestehenden Kollegiums. Auch all«, anderen ägyptischen Gemeinden betrachteten ihn als ihr religiöses Oberhaupt, seine Entscheidungen »vurden ir den Synagogen verlese» und befolgt. So wandte er sich z. B. gegen die eingerissene Verwilderung des Gottesdienstes, das Schwatzen und die Unruhe während der längeren Vorträge der Vorbctcr. Um solchen Ungezogenherte» entgegenzutretcn, schaffte er das stille Gebet ab und ließ den Borbeter gleich laut beginnen. Diese Neueinrichtung fand nicht nur v* Aegypten, sondern auch in anderen Gegenden Nachahmung, ging aber mit der Zeit wieder verloren, bis sie in der Neuzeit im liberale» Gottesdienst wieder eingcführt wurde. Diesem Werke ließ er ein größeres, meit ausgreifendes folgen: Mischneh Thora (Wiederholung der Lehre), auch Jad Hrchas a k a (die starke Hand) genannt, in dem er den ganzen Taunud behandelte, dieses schrieb er in hebräischer Sprache. In der Vorrede» sagte er: „Wenn du die Bibel gelesen und dich mit diesem meinen» Werke vertraut machst, kannst du den Talmud entbehren, da du dann vollständig von dem Inhalt des Judentums, loic es sich talmudisch herausgebildet hat, in Kenntnis gesetzt bist." Das Äerk enthält 14 Bücher, jedes ist in mehrere Abschnitte, diese »vieder in Kapitel geteilt. Es umfaßt die gesamte jüdische Religionslehre, ebenso auch das bürgerliche und kriminelle jüdische Recht, alle ethischen und philosophischen Gedanken seiner Zeit. Selbst die in der Diaspora nicht! mehr gültigen Bestimmungen, wie Opferwesen, Erntevorschristen, werden behandelt. Borausgcschickt hatte er eine kleine arabische Schrift, „Das Buch der Gesetze", in dem er die 613 Gesetze, 365 Verbote und 248 Gebote, richtiger aufstcllte, als Vorgänger versucht hatten. Auch diese Schrift wurde von Samuel ibn Tibbon ins Hebräische übersetzt. In dieser Sprache wurde dieselbe mit dem Kommentar schon vor 1480 zum ersten Male gedruckt, bald nachher erschien eine lateinische Uebersetzung. Trotz seiner wissenschaftlichen Bedeutung lebte Maimonides in schwierigen und traurigen Umständen, Krankheit, Geldverluste und Sterbefällc in seiner Familie trafen ihn, seine ärztliche Tätigkeit ernährte ihn nur kümmerlich. Als er das fünfzigste Lebensjahr überschritten hatte, trat eine Wendung zum Besseren bei ihm ein. In zweiter Ehe wurde ihm ein Sohn, Abraham, als Ersatz seiner verstorbenen Kinder geboren, und er wurde zum Hosarzt des Sultans Saladin ernannt. Nun war sein Rus als Arzt begründet, seine Praxis wurde eine so ausgedehnte, daß ihm oft die Zeit für wissenschaftlich- Tätigkeit fehlte. Sein ärztliches Ansehen wurde so groß, daß Richard Löwenherz, der König von England, ihn einlud, sein Leibarzt zn tverden, was er ablehnte. Eine neue Schwierigkeit entstand für Maimonidcs, als vori arabischer Seite Anklage gegen ihn erfolgte, daß er abtrünniger Moste« sei und sich sogar anmaße, Oberrabbiner der ägyptischen Juden sei» zu wollen. Es kam zu einem prozessualen Verfahren, das nicht nur günstig für ihn verlief, sondern auch die staatliche Ernennung zu« erblichen Nagid (Oberhaupt) aller ägyptischen Juden nach sich zog. Für dieses Amt lehnte Maimonides ebenso ein Gehalt ab wir für seine rabbinische Tätigkeit. Er war der Ansicht, daß ein Rabbiner ein Ehrenamt bekleide und sich dafür nicht bezahlen lassen dürfe. Auch an jüdischen Gegnern fehlte cs ihm nicht. Das Schulhaupt in Bagdad, sich als einzige talmudische Autorität betrachtend, verbreitete Verleumdungen gegen ihn, andere Feinde traten in Damaskus und Deinen gegen ihn auf, hatten aber keinen Erfolg. Das Mischneh Thora wurde Allgemeingut der Judeuheit, es wurde später alle» Talmud-Ausgaben lieigedruckt, die Talmudschüler beeiserten sich, eine» „herben Rambam" zu lösen. Trotz seiner arbeitsreichen Tätigkeit hatte Maimonides sich die' Zeit abgerungen, noch ein weiteres großes Werk zu verfassen, das er im Jahre 1190 herausgab, seine philosophische Hauptarbeit, wieder arabisch geschrieben, „Dalalat al Hairin, hebräisch Moreh Nebuchim, (Führer der Irrenden)". Dieses Werk hat nicht nur für das Judentum große Bedeutung, es war auch für die christlichen und mohamedanischen Philosophen von außerordentlicher Wichtigkeit. Nachdem Samuel ibn Tibbon es in das Hebräische übersetzt hatte, erschien schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine lateinische Uebersetzung unter dem Titel: Doctor Perplexorum, auf Veranlassung des Kaisers Friedrich II., wahrscheinlich von Michael Scotus. Dieser Kaiser war ein Verehrer Maimonides, hat selbst einige Bemerkungen zu dem Werk geschrieben. Weitere Verehrer des Werkes tvaren Pico von Mirandolo, Albertus Magnus, Thomas von Aquino, di« sich oft auf das Buch beziehen, später auch Reuchlin, Leibniz, Hegel unb> Johannes von Müller. In die spanische Sprache wurde es schon 1419 von Pedro von Toledo übersetzt, in andere europäische Sprachen erst im vorige» Jahrhundert: 1856—1866 französisch von Salomon Munk, 1838 bis 1864 von mehreren deutsch, 1870—1876 italienisch, 1878—1890 ungarisch, 1881—1885 englisch. Maimonides betont im More Nebuchim, daß Wissen und Glauben im Einklang stehen müssen, es sei Pflicht, scheinbare Wider sprüche zu beseitigen und auszugleichen. Für ihn ist es eine Unmöglichkeit, daß philosophische Wahrheiten den theologischen Meinungen entgegenstehen könnten, ebensowenig religiöse Wahrheiten philo» sophischen Ansichten. In drei großen Abteilungen behandelt er hauptsächlich folgend« Themata: Gottesbegriff, Weltschöpfung, Wunder, das Uebel in der Welt, göttliche Vorsehung, göttliche Allwissenheit, Bestimmung des Menschen, Prophetie, Begründung der biblischen Gebote, religiöse Lebensführung. Bald nach Erscheinen der hebräischen Uebersetzung setzte die Gegnerschaft gegen das Werk ein. Während es in Spanien und Südfrankrcich Begeisterung erregte, trat in Nordfrankreich «in bedeutender Gelehrter, Salomo den Abraham in Montpellier, gegen den „Führer der Irrenden" in heftigster Weise auf, erfreulicherweise erst nach Maimonides Tode. In Verbindung mit anderen nordfranzösische« Gelehrten wurde der Bann gegen das Buch ausgesprochen. Prompd erfolgte ein Gegenbann seitens der Spanier und Provencalen. Ei» heftiger Gcistcskampf entbrannte. Alber dabei blieb es leider nicht. In übertriebenem Kampseseiser wandten sich jüdische Gelehrte i» Paris um Beistand an die Dominikaner, als Vertreter der Inquisition. Das war für diese natürlich ein gefundenes' Fressen, sie verbrannten das Werk öffentlich und feierlich. Das hatten jedoch auch die sonstigen Gegner nicht erwartet, konnten auch «in solch zelotischeS Vorgehen nicht billigen. Freunde und Feinde ergriff großes Entsetzen, auch viele Christen zeigten lebhaften Unwillen. Die Behörde griff ein, eine strenge Untersuchung wurde eingeleitet und die An-gebevi schwer bestraft. Fünfzig Jahre ruhte der Streit, dann erfolgten neue Angriffe^ Der Rabbiner von Barcelona, Salomo den Aderet, damals der bedeutendste Talmudgelehrte in Spanien, suchte dadurch zu vermitteln, daß er den Bann gegen jeden aussprach, der vor vollendetem Alters von 25 Jahren philosophische oder andere wissenschaftliche Werke