Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 6 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2614000-2614006--3043-2620583- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
lunfl ihrer Staatsa-ngeh-ttgkeüsverhältnisse, Strafentlassene auf die Möglichkeit, sich »nieder in das Wirtschaftsleben einzuordnen. Dem jüdischen Arbeitsnachweis kann es bei der gegenwärtigen krisenhaften und dauernden allgemeinen Arbeitslosigkeit nicht immer gelinge»», jeden jüdischen Arbeitslosen in Arbeit unterzubringen. Es fehlt eine Institution, die es ermöglicht, Menschen von der Straße fern zu Hallen, ihnen vorübergehend Arbeit und Nahrung zu geben. Alle Fachleute und führenden Persönlichkeiten der Wandersürsorge sind sich darüber einig, daß wirkliche Aussicht auf durchgreifenden Erfolg n»»r eine Arbeiterkolonie aus landwirtschaftlich gärtnerischer Basis mit Arbeitswerkftälten aller Art geben kann. Tic christliche und allge»nei»»c Wandcr fürsorge verfüge über einige hundert derartige Anstalten, das deutsche Judentum verfügt nicht über eine einzige derartige Institution, obwohl z. B. allein die Nottoendigkeit, jüdischen Strafgefangenen vorübergehend Unterkunft ur»d Arbeit zu beschaffen, sich täglich dringender erweist. Tie zu gründende Arbeiterkolonie wird auch pädagogisch auf die Wanderer einwirken und für deren baldige Wiedereinord mmg in das Wirtschaftsleben sorgen. Die jüdischen Landesverbände Deutschlands haben sich mit dem Projekt befaßt, bedeutende Fachleute sind rur Begutachtung herangezogen worden. Es ist ein landwirtschaftlich-gärtnerisches Projekt in Aussicht genoinmen mit der Möglichkeit, vorläufig täglich 50 Wanderer auszunehmen. Diese Zahl wird sich durch Ausbau des Betriebes im Laufe der Zeit vervielfachen lassen. Das Projekt beansprucht einen Kostenaufwand von ca. 300000 Rm. Reich und Staat habm ihr Interesse für diese erste jüdische Arbeiterkolonie bekundet und ein Darlehen von 60 000 Rm. bewilligt. Die Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Larrdesverbände At ihre Zustimmung bereits gegeben. Es ist zu hoffen, daß alle jüdischen Landes- und Wohlfahrtsverbände Deutschlands die-« fem Projekt ihre Aufmerksamkeit und ihre Unterstützung schenken werden, da es sich um eine der ernstesten Wohlfahrtsfragen des deutschen Judentums handelt. Tie Errichtung der ersten jüdischen Arbeiterkolonie bedeutet einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Wege zur Produttivierung der jüdischen Wanderfürsorge Deutschlands. Unterschrieben ist der Aufruf von S. Adler-R»rdel, Berlin, Dr. Georg Baum, Berlin, Alfted Berger, Berlin, Eugen Caspary, Berlin, H. Chassel, Hamburg, Dr. Oskar Cohn, Berlin, Sanitätsrat Dr. Ettlinger, Frankfutt, Rabbiner Tr. Freund, Hannover, Carl Goldschmidt, Leipzig, Tipl.-Jng. Grünwald, Beulhen, Rechtsanwalt Max Jacobsohn, Breslau, Rechtsanwalt Tr. Koppel, Bochurn, Dr. Max Kreutzberger, Berlin, Hugo Lcvy, Bremen, Wilhelm Marcus, Berlin, Rabbiner Dr. Oppenheim, Mannheim, Rabbiner Dr. Rieger, Stuttgart, Rabbiner Tr. Salomonski, Berlin, Legattonsrat Prof. Tr. Sobernheim, Berlin, Dr. Walter Stein, Königsberg, Justizrat Tr. E. Straus, München, Professor Tr. Türk, Berlm, Rabbiner Dr. Wilde, Magdeburg, Siddy Wronsky, Berlin. Das Bromberger Legat angenommen. Der Bromberger Stadtrat hat in einer stürmischen Sitzung den Beschluß gefaßt, das Legat der in Amerika verstorbenen Frau Lena Cohen in Höhe von 100000 Dollar zugunsten armer jüdischer Greise in Bromberg anz»»nehmen. Das Legat hat sich inzwischen nrn eine beträchtliche Summe erhöht. Dieses Legat hat eme bewegte Geschichte. Bor einigen Jahren hat, wie wir bereits berichteten, Frau Lena Cohen, die selber a»»s Bromberg stammt, in ihrem Testament e»ne Summe von 100 000 Dollar für Bromberger arme jüdische Greise 'vermacht. Obwohl in Bromberg ein jüdisches um se»ne Existenz kämpfendes Greis enheim besteht, lehnte der in seiner Mehrheit antisemitisch zusammengesetzte Bromoerger Stadtrat das Legat »nit der Begründung ab, daß es in Bromberg arme jüdische Greise nicht gäbe. Als dieser Beschluß emc beträchtliche Zeit später in Europa und Amerika bekannt wurde und unttebsames Aussehen erregte, setzten sich der polnische Auß.en»ninister Graf Zalesk yund der Wojwode von Posen beim Brombcrger Magistrat für die Revidierung des alten Beschlusses und die Annahme des Legats ein. Nach langem Hin und Her hatten diese Interventionen schließlich Erfolg. Hilsswerk für dte betzarabifchm Inden. Das Präsidium des Hilfsvereins der deutschen Juden hat zur Bekämpfung der Hungersnot unter den Juden in Beßarabien einen Aufruf erlassen, den wir nachstehe»»d veröffentlichen. „40000 Juden — unter ihnen viele Bauern — in Akkermann, Bendery, Orgejew, Ismail, Bajramtscha, Teleneschty und anderen Städten u»»d kleineren Ortschaften sind infolge der Mißernten in den letzten Jahren bei der gegenwärtigen ungowöhnlichen Kälte dem Hunger und dem Elend preisgegeben. Insbesondere leiden die Kinder. Das American Joint Distribution Committee hat eingegriffen. Das Rote Kreuz hat Mittel zur Verfügung gestellt. J»r Paris und London haben sich Hilfskomitees gebildet. Die Not »st aber so groß, daß auch die deutschen Juden um Hilfe für ihre Glaubensgenossen angegangen werden müssen. Der Hilfsverein der deutschen Juden ist sett seiner Begründung die Organisation, die bei Hilferufen aus dem Ausland stets sofort aus eigenen Mitteln Beistand gewährt und notwendige »veitergehende Ataßnahmen zur Hilfeleistung ergreift. Der Hilfsverein hat angesichts des Elends, das in Beßarabien herrscht, da es gilt, die dortige jüdische Bevölkerung vor bitterster Not und völliger Verelerrdung zu bewahren, beschlossen, unter seinen Mitgliedern und in breiten Kreisen der deutschen Judenheit eine Sammelaktion für die schwer leidenden beßarabischen Juden einzuleiten." Einheitliche Regelrmg der Schächtens in Preußen. Ter preußische Minister ^sür Landwittschaft, Domänen und Forsten hat soeben, einem Beschluß des Landtags folgernd, eine Verfügung an die Regierungspräsidenten erlassen, die folgendermaßen lautet: Ter Landtag hat am 21. März 1928 folgenden Entschließungsantrag angenommen: Tas Staatsministettum wird ersucht, geeignete Dkrßnahmen zu treffen, daß 1. das Schlachten von Tieren durch das rituelle Schächten nicht über den Bedarf der jüdischen Bevölkerung an geschachtetem Fleisch hinaus erfolgt und das' Verbot des wilden Schächtens strenger durchgesührt wird, 2. das Schächten ordnungsmäßig ausgeführt, ferner bei der Vorbereitung des Schächtens, insbeso»»dere bei der Niederlegung der Tiere, Vorkehrungen getroffen werden, die geeignet find, die Schlachttiere vor unnötigen Aengsttgungen imb Schmerzen zu schützen. 3. beim Schlachten überhaupt die vorhandenen technischen Verbesserungen in humanitärer Hinsicht angewandt und alle Roheiten möglichst verhindert werden. Zwecks Ausführung dieses Beschlusses ersuche ich ergebenst festzustellen, und binnen längstens drei Monaten darüber zu berichten, wie hoch schätzungsweise der Bcdatt der jüdischen Bevölkerung an geschachtetem Fleisch pro Kopf und Jahr ist. und in welchem Verhältnis diese Menge zu dem Bedarf der anderen Bevölkerung an Rind-, Kalb- und Schaffleisch — auf Kopf und Jahr berechnet — steht. Ferner sehe ich einer gefälligen Aeußerung darüber entgegen, in welcher Weise eine Beschränkung des tttuellen ^chlachtens für den Bedarf der jüdischen Bevölkerung vorzunehmen ist. Namentlich ist zu prüfen, ob sich eine gesetzliche Regelung empfiehlt, nach der die Höchstzahl der tttuellen Schlachtungen den örtlichen Verhältnissen entsprechend im Verwaltungswege festgesetzt werden kann. »♦4-44-4»-»-»»44>»4"»'»»4"44-»4444-444444'> ♦♦♦ 44-4->4*44444♦ 444 ♦ »444444t Sprechsaal!*:: ♦44+4444444444444444«4»4t»444444»»»»»♦♦»444444444«4444444444 Kür diese Rubrik übernimmt die Schttftlettung lediglich die preßaciefcltcbe Veramwottuna. Aür und gegen Palliöre Offener Brief an Herrn George «oeh. Frankfurt a. M., den 2. Februar 1929. Da ich und, wie ich weiß, mit mir viele überzeugte Frankfurter liberale Juden und Jüdinnen Herrn Goetz' Werturteil über Aime Palliöres Persönlichkeit und Vortrag nicht zustimmen können, büte ich, mir ein Wort der Erwiderung zu erlauben. Ist es denn wirklich heute so geworden, daß wir jeden Menschen nur noch durch unsere Parteibrille sehen können? Und heißt es „unerträglichen Personenkult"' treiben, wenn wir uns willig vor emer überragenden ethischen Persönlichkeit beugen? Das ist Aime Palliöre ohne Frage. Wer ihm gegenübergesessen bei seinem Vortrag, wer seine — allerdings oft zu leisen — Worte verstanden, wer im Privatgespräch mit ihm Meinungen ausgetauscht und dadurch einen kleinen Einblick gewonnen hat in diese vornehme, reine Seele, der kann sich schwerlich bm Zauber dieses Mannnes entziehen, dem ist es ein tiefes Erleben, chn kennen gelernt zu haben. Es ist so selbstverständlich, daß Liberale. Orthodoxe und Zionisten ihn für sich in Anspruch nehmen möchten. Aber Aime Palliöre, der ja aus einer fremden, geistigen Welt zu uns gekommen ist, verschreibt sich keiner Partei, er ist weder liberal, noch orthodox, noch zionistisch, er ist nur Jude und liebt die jüdische Seele in ihrer Totalität. Drei Wege führen für ihn zum Geheimnis dieser jüdischen Seele, und es stimmt nicht, daß er in der Hauptsache „misrachistische Gedankengänge" vorführt. Emil Lehmanns herrliches Wort: „Sind Christ und Jude Eher Christ und Jude Als Mensch?" möchte ich nur ein weniges verändern und fragen, sind wir eher liberal und orthodox und zionistisch als nur Juden? Können wir keine reine Freude haben, wenn eine solch' wunderbare Persönlichkeit tvic Aime Palliöre sich in den Dienst des Judentums stellt und müssen wir ihn schmähen oder die liberale Synagoge in Paris schmähen, weil Aime Palliöre dort predigen und die Jugend belehren darf? Höchstens könnten wir sagen, die liberalen Juden in Paris sind liberaler, im wahren Sinne, als wir. Ich meine, der Verein der liberalen Westendsynagoge in Frankfurt a. M. kann stolz darauf sein, daß er, als erster,' Palliere nach Deutschland berufen und dadurch gezeigt hat, daß immer noch das alte Goethe-Wort gilt: „Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit." Ella Seligmann. * Erwiderung. I. Zunächst möchte ich feststellen, daß ich »oeder Herrn Palliere noch die Liberale Synagoge Paris geschmäht habe; ich habe nur erklärt, daß ich seine Zulassung als Prediger dort unbegreiflich finde und bedaure. „Emil Lehmanns herrliches Wort" von Lessing: „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?" beweist hier garnichts; läßt man denn den Nichtchristeu Claude G. Montefiore, der sich um di« Wertschätzung Jesu und des Neuen Testamentes unter den Juden verdient gemacht hat, als Prediger in einer christlichen Kirche amtieren? Und warum also den Nichtjuden Palliöre in einer Synagoge! Man kann doch nicht eine bis zur Absurdität getriebene Toleranz als gesteigerten Liberalisinus bezeichnen, jedenfalls nicht, wenn man das Wort „liberal" in einem positiv religiösen Sinne gebraucht. IL Sodann will ich feststellen, daß der Vorwurf, Herrn Palliöre durch die Parteibrille betrachtet zu haben, niemanden weniger treffen kann als mich. In meiner Bortragsrezension, gegen die Frau Ella Seligmann polemisiert, habe ich nachdrückllchst auf meinen Aufsatz in de: J.-l. Ztg. vom 6. Juli 1928 verwiesen. Ich hätte erwarten dürfen, daß Frau Seligmann diesen Aufsatz zur Hand genommen hätte, bevor sie mir parteiliche Engherzigkeit vorwirft. Dort habe ich Palliöre als religiöse Persönlichleit gewertet und einige Feststellungen getroffen, die ich hier natürlich nur in gedrängtester Zusammenfassung andeuten kann. Palliöve hat sich, wie aus seiner Bekenntnisschrift „Das unbekannte Heiligtum" hervorgeht, kaum je mit den Ideologien der verschiedenen Religionen auseinan-dergesetzt, sondern nur mit den verschiedenen Ritualen. Er schildert in seinem Buch nicht, wie man von jemandem, der unter allen Umständen Geistlicher werden will, ertvarten könnte, religiöse Gedanken, sondern immer nur kirchlich« Erlebnisse. Infolgedessen ist'er planlos von einer Kirche in die andere gewandert, überall zum Priester ungeeignet befunden und verstoßen worden (bei den Katholiken sogar mehrmals) und zuletzt zufällig in der jüdischen Kirche, der Synagoge, verblieben. Ich darf einen Passus aus meinem damaligen Aussatz hier wiederholen: Es scheint, als habe Rabbiner Benamozegh die Unbeständigkeit des übereifrigen christlichen Rabbinatsanwärters erkannt und gefürchlct, da er ihn in langen mündlichen und schriftlichen Veohandlungen unermüdlich bittet, nicht Jude zu »verden. Und auch die andern scheinen ihn erkannt und gefürchtet zu haben: jene Heilsarmce-Führerin, die ihn mit dem Christus-Wort von sich stößt: „Wer Vater und Mutter mehr liebt denn mich, der ist meiner nicht wert!", und jener Karthäusermönch, der Herrn Palliöre, als er gerade »vieder einmal katholischer Priester werden will, geradezu erklärt: „Sie sind gekommen, meinen Rat zu erbitten; ich gebe ihn Ihnen. Sie bringen keineswegs die richtigen Bedingungen mit, um in diesem Hause sich mit Erfolg der inneren Sammlung zu widmen... Fahren Sie unverzüglich ab, das ist der beste Entschluß, den Sic fassen können!" Wie recht hat dieser Karthäuscr gehabt! Palliere beklagt sich über ihn: „Er hätte aus mir machen können, was er wollte, und mich diesmal endgültig dazu bringen können, daß ich aufs Seminar ging" — gemeint ist das katholische Priester-Seminar! — ^Er tat nichls... Vielmehr tat er genau das Gegenteil, was diejenigen, die mich zu ihm geschickt hatten (!!!), erwarten durften." Ist dies schwankende Rohr ein Holz, aus dem religiöse Führer erwachsen?! Ech.^e Führer haben zu allen Zeiten sich selber gemacht, nicht aber aus sich machen lassen, noch auch gar sich schicken lassen, damit auS ihnen gemacht würde! „Der Friede wohnt in Deinem Kleid, in Deinem Herzen wohnt der Friede nicht." Den Beschluß meines Aufsatzes bildete eine Kritik an dem söge- »rannten „Noachidentum" des Herrn Palliörc, welches ihm auserlegen müßte, unter Christen für das Judentum einzutreten, eine Aufgabe, die sicherlich schwieriger, aber auch verdienstvoller tväre, anstatt daß er sich von den Juden feiern läßt. in. r Eine sachliche Widerlegung meiner gegen Herrn Palliöre vorgebrachten Argumente ist von keiner Serie versucht worden. Auch Frau Ella Seligmann bringt sachlich nichts gegen mich vor. Ihre Behchchtung, Palliöre verschriebe sich keiner Partei, ist objektiv rm-> richtig. Er hat in Frankfurt a. M. drei Tage nach seinem Bortrag rm „Verein der Liberalen Westend-Synagoge" einen weiteren Vortrag in einem zionistischen Kreise gehalten und wurde in der Einladung als „bekanntlich einer der Vorkämpfer des zionistischen Gedankens in Frankreich" bezeichnet. Und er hat in Berlin sich i» "nein zionistischen Kreis von Kurt Blumenfeld begrüßen lassen u«d seine Erwiderung mit den Worten geschlossen: „Judaisme — c’est Siomsme! Jude sein - heißt Zionist sein!" , IV. Das Liberale Judentum ist nicht so sehr eine Partei als vielmehr eine religiöse Weltanschauung; und so wenig sich der llnivcvsalismus des religiös-liberalen Judentums mit dem völkischen Partikularismus des Zionismus verträgt, so wenig verträgt sich die Propagierung Palliöres durch liberale Institutionen oder Persönlichkeiten. Sie tut das umsoweniger, als ihm die Bedeutung einer überragenden religiösen Erscheinung teineswegs zukommt. Neue religiöse Erkenntnisse lassen sich weder aus seinem Buch »»och aus den jetzt gehaltenen Borträgen schöpfen, und ein Ende dieser Modetorheit ist herzlich zu wünschen. George Goetz. Judentum und Ruudfunk Der Rundfunk in Deutschland will sich »„an Alle" »vcnden. Nicht nur Musik, Theater und Literatur, Volks»virtschaft und Philosophie, Hausfrauenangelegenheiten und Unterrichtskurse — er will gewissermaßen sogar religiöse Kreise mit einem Gottesdienstersatz versorgen. Jeden Sonntagvormittag werden abwechselnd katholische und evangelisch Morgenfeiern, ja hie und da auch sogar freireligiöse, angesetzt. „An Allel" Aber die immerhin beträchtlich Zahl der Juden oder der jüdischn Rundfunkhörcr hat man scheinbar übersehen. Bon jüdisch» Morgenfeiern hört man nichts, obztvar der .Gedanke naheliegend genug ist: »venn man allen Konfessionen im Rundfunk einen Platz anweist, die jüdisch nicht auszulassen. Offenbar hat sich bisher ein offenes Verlangen danach noch nich in einem Anträge kristallisiert und so kann »mm den Rundfunkleitungen nicht verdenken, wenn sie etwas — wofür scheinbar kein Interesse besteht — nicht im Sendeprogramm aufnehmen. Und dazu andererseits scheint das so Naheliegende, dieses Verlangen zu stellen, vielfach erschwert zu werden durch verschiedene innerjüdisch Bedenken.... die freilich so unmodern anmuten können, wie der Rundfunk mit feinem Zauberwesen modern ist. Klarheit zu schassen, eine im Wollen ausmündende Linie zu sinden, ist der Zweck meines heutigen Ausiatzes. Unter einer „Morgenfeier" wird eine Art Gottesdienstersatz verstanden. — Die Juden haben aber ihren Hauptgottesdienst in der Woche nicht am Sonntag, sondern am Sonnabend. Will man einen Gottesdienst durch das Mikrophon haben, so müßte er für Juden am Son»»abendvormittag stattfinden. Das würde aber von der Sendeleitung nicht gut zu verlangen sein ... es wäre dann allzuleicht, daß die nicht zugänglichen Leitungen irgend eine Ausrede, die ihre Unterlage in Betriebsrücksichten finden kann, entgegenhält. Aber selbst davon abgesehen, würde sich offenbar die konservative Richtung im Judentume dagegen wehren. Denn ein voller jüdischer Gottesdienst per Radio entspricht nicht dem Wesen jüdischer Religion^ Übung. Jüdischer Gottesdienst ist in der Hauptsache Gemeinschaftsgottesdienst. Selbst die Durchführung desselben im Senderaum vor dem Mikrophon müßte, um nicht nur als Spiel zu gelten, im Beisein eines Minjan vor sich gehen. Ich zweifle daran, daß selbst, wenn dies berüüstch igt würde, die Konservativen sich einen solchen, jüdischen Gottesdienst anhören oder ihm auch nur zustimmen würden Ja, ob sie ihn nicht als Blasphemie bezeichnen würden oder wolltenk Schon die Forderung würde in innerjüdischem Streit erstickt werden. Aber abgesehen von dieser Einstellung: Der Sonnabend ist für die allermeisten Juden bürgerlicher Arbeitstag. Selbst »venn man diesen Gottesdienst ausschließlich für die vielen verstreuten jüdischen Einzelindividuen auf dem Lande einrichten wollte, um ihnen so Gelegenheit zu geben, einmal in der Zeit und in dieser Form Religiöses entgegenzunehmen, die wirtschaftliche Situation zwingt auch diese Juden, zusammen mit der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung, tätig zu sein. Der Gottesdienst am Sonnabendvormittag wäre ein Wellenspiel der Luft. ' ' Bliebe also übrig, zu erwägen, ob .man einen Gottesdienst, in verkürzter Art, am Sonntagvormittag ansetzen kann oder soll. Die Konservativen und vielleicht auch die, die nicht direkt resormerisch sind, »vürden sich erst recht dagegen wehren. Also in dieser Richtung kann sich ein Verlangen nicht bewegen.- Doch die anderen „Morgenfeiern" sind ja auch nicht Gottesdienst in der Art, »vte er in der Kirche vor sich geht, sondern das, was der Titel aussagt: „Morgenfeiern", umrahmt mit musikalisch-religiösem Festwerk und in der .Hauptsache einer angepaßten Predigt. Da sehe ich nun nicht ein, »varum man nicht allerseits im Judentume und ganz unbestritten das Verlangen stellen könnte, zumindest einnull im Monate auf jedem Sender in der Republik eine jüdische Morgenfeier zu veranstalten. So wie cs für die Anderen geschieht! In der Art, »vie es gangbar ist: Einleitung durch Chorgesang oder Orgelspiel und dann eine gehaltvolle Predigt oder tiefe Betrachtung eines Predigers oder einer fähigen Laienperson! Wie die Vorträge und Predigten fein sollen? Man kann zweierle» mit ihnen wirken wollen. Man kann reine, innerjüdische und von der Bibel oder von der Religion ausgehende Predigten halten lassen, »vie sie immerhin in einer Synagoge auch vor sich gehen. Man kann aber auch das Wunderinftrument des Radios dazu benutzen, um so der gesamten Außenwelt die Ethik und die Wahrheit der jüdischen Lehre, die Geschichte des Judentums, die weltlichen und religiösen Probleme in Verbindung mit den tiefen Zcitströmungen zu unterbreiten, so daß Aufklärung, Achtung u»»d neues Licht auf die Juden und die jüdische Lehre falle. Also be»vußt rei» Jnncrjüdisches einmal und das andcremal oder oft das anderem«! Geistig-Jüdisches im Strome der Welt, „an Alle!" Zweifellos könnte man so dem schleichenden Antisemitismus durch das blitzende Wort, durch den Glanz des Reinen sehr viel, sehr viel Abbruch tun und — die Zahl ist nicht in Ziffern faßbar — aber sie kann in die Millionen gehen — große Massen, die po-m Judentum nur das wissen, was vergiftete Niedrigkeit ihnen vorlügt, zum Nachdenken über das Judenwesen und sogar zum Zweifeln an die Ehrlichkeit ihrer antisemitischen Führer bringen. Und die Gelegenheit dazu ist nicht nur einmal vorhanden... sie »oird fortgesetzt. „Man muß die Wahrheit immer »viederholcn, denn die Lüge wird noch mehr ausgestreut!" — Diese mögliche und sogar sichere Wirkung wäre schon allein ein Gewinn, der des Schweißes der Edlen im Judentum »vert wäre. Jedenfalls kann dir endgültige Wirkung größer, eindringlicher, ehrlicher und reiner sein, als alle die „Aufklärungsversammlungen" und Aktionen — die ich ja nicht verwerse — der Abwehrvercine und der C.B.-Bereine und der Flugblätter, die in der Hauptsache nicht die treffen, die sie erfassen sollen! Will ich von der großen Wirkung auf die Außenwelt absehcn, so bleibt ja auch für die Jnncnarbeit im Judentum genug zu tun übrig. Ich ziehe nur an, daß so Gelegenheit geboten wird, allen Juden in ganz Deutschland z. B. einen gefeierten Kanzelredner, den sonst viele in ihrem ganzen Leben nicht hören könnten, zu genieße»» und so einer Wirkung ausgesetzt zu sein, die »virklich nicht anders zu erreichen ist. Es ist leicht denkbar, daß eine Ausgesucht künstlerisch und rhetorisch blutende Morgenfeier von Berlin oder einer anderen Großstadt auf all« Sender in Deutschland übertragen wird! Die Wirkung ist vervielfacht. Aber auch di« lokalbetonte Feier des Ortsfenders nach den Vorschlägen der maßgebenden .jüdischen Körperfchaften wird ihren Zweck erfüllen. Man hat dann noch die Möglichkeit, durch geschickte Organisation so zu verfahren, daß abwechselnd