Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 6 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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9. Jahrgang Hammer S WMÄevckZeidmq Beilage S. Februar 1929 Religiöser Sozialismus Von Rabbiner Dr. Gott schalt, Frankfurt a. M. II. (Schluß.) Aber gerade mit diesem Zitat mü> diesem Autor, der »tr Geistlicher von Neukölln bei Berlin im Vorkahr 5000 Fragebogen an Arbeiter über ihre religiöse Einstellung verschickte und das Ergebnis lO o/o haben geanttvortet m obengenanntem Buch uiedcrgelegt hat, tomntcn wir zur anderen Seite des Themas. Religiöser Sozialismus bedeulat heute nicht bloß, die Unsozialen religiös. Die Reltzfiöjen sozial, sondern auch die Sozialen religiös beeinflussen. Es kandell sich um die Erkenntnis, die ja auch sonst schon ausgedämmert ist, daß die Lotz:-' und Magen frage nicht den Kern der sozialen Frage bilden darf, um die Einsicht, daß mit verstandesmäßigen Erwägungen noch rein Glück geschussen wird, um oie Vernichtung des Glaubens, daß Gewalt dem sozialen Frieden schasst, die Stoßkraft der Masse schon alles bedeutet. Es handelt sicki letzten Endes u»r die Frage: verträgt sich Sozialismus mit Religion, soll Religion „Privatsüche" bleiben, gehört der Austritt aus den Glaubensgemeinschaften zum unbedingten Kennzeichen des echten Sozialisten, Wenn diese Fragen lange und vielfach noch heute in dem Sinne beantwortet worden sind Mid weiLen, daß Sozialismus und Religion Gegensätze, ja Feinde sind, mindestens aber sich nicht bedingen, wenn auch nicht ausschließen brauchen, so lugen die Gründe dafür ziemlich klar: mau >at wieder Religion mit Religiosität verwechselt, Kirche oder Synagoge und Gottesdienst schon für ben Inbegriff von Religion gehalten, man hat nur die Oberfläche der Bibel, der Religion, des Gottesdienstes, und ihre Kindheits- und dogmatischen Stufen kennen gelernt, nur engstirnige, vielleicht unduldsame Priester am Werke gesehen, man fühlt sich unverstanden und ungefördert, man war sich vor allem darüber nicht llar und hörte es von den andern nicht, daß mau un Sehnen nach neuem Menschjein, nach einer neuen Gerechtigkeit, nach neuer Freiheit wofern ’teuierlei unedle Motive hineinspielten — im tiefsten Grunde der Seele bereits oder doch religiös war uni» schon deshalb einfach lein Recht hatte, diese Sphäre zu meiden. Man sah aber auch weiter nicht, daß man die ganze sozialistische Bewegung längst auf ein unendlich höheres Niveau gehoben hätte, wenn shr dieser überzeitliche, dieser religiöse Eharalter verliehen worden wäre. Man hätte dann auch nicht gewisse Theorien als ewig bindend erklärt und hatte nicht jetzt erst erleben brauchen, daß diese Theorien gar sehr vielen Sozialisten als überlebt gelten. Man hätte gewußt, daß die soziale Bewegung von der Veränderlichkeit menschlicher Formulierungen unberührt bleibt, weil das menschliche Gefühl sich damit nicht verändert. Man 'hat das alles verkannt und Religion zur Privatsache herabgedrückt, was mit Privatvergnügen identisch sein sollte, und har so „aus dem prophetischen Kamps gegen die Religion" den Kampf „des Schulmeistertums gemacht. Man lam zu einer „Verbürgerlichung und zwar der Verspießbürgerlichung des Sozialismus". So urteilt der bekannte Züricher Ragaz. (In „Neue Wege".) Und er erhebt also damit noch einen weiteren Vorwurf. Er begrüßt an sich die Auflehnung gegen eine kleine Religion, za gegen Religion überhaupt, sofern sie die Religiosität verhüllt, entstellt. Aber er vermißt den stürmischen Kampf für diese Religiosität bei den Sozialisten, wie ihn ernst die Propheten geführt, wre «r immer von den ganz tief Religiösen, den ganz Religiösen, dm Fanatikern der Wahrheit geführt worden ist. Man sieht schnell, wie wir hier aus unserem ureigenstem Gebiet sind, in unserem besonderm liberalen Ausgabenkreis, Religion zur Religiosität hinüberzuführen. Und wieder ist es nicht bloß der Kreis der „Arbeiter", sondern ein viel weiterer, der auf die Lösung dieser Aufgabe wartet, ein Kreis nicht zuletzt von jungen Menschen, den wir schon dann für Religiosität geneigt machen .vürden, wenn wir für soziale Aufgaben Verständnis und Zeit aufbrächten, der uns aber auch vielleicht dann erst voll vertrauen, unfern plötzlichen Eifer für Soziales nicht falsch deuten wird und als Vorwand auslegen, wenn wir eine neue religiöse Sprache zu ihm reden würden. Daß hier wirklich En Arbeitsfeld vorliegt, zeigt das religiöse Erwachen im Sozialismus, zeigen die Feier- und Weihestuudeu, zeigm die Arbeiterdichter, zeigen die Veranstaltungen des sozialistischen Kulturkartells, zeigen aber auch manche Kritiken am Sozialismus, die ihn nicht verneinen, sondern nur beseelen wollen. „Ter ökonomischen Reifung des Sozialismus ist die psychische und moralische keineswegs gefolgt" (Adler, „Neue Menschen".) „Soziale Gesinnung setzt mehr voraus als ein Wißen um das Sein. Ihre tiefste Quelle ist das Gewissen, wo sich die Fragen des Sollms entscheiden." (De Mau, „Tie Jntelllektuetten und der Sozialismus".) „Es ist eine Behauptung, die viele Revolutionäre ablchnen tveroen. Doch ist es nichts destoweniger eine Tatsache, daß tvir einer neuen Religion bedürfen, ihrer so schmerzlich bedürfen wie der übrige Teil unseres so schmerzlich suchenden Geschlechts." (Sinclair, „Religion und Prosit".) „Ter heilige Bund ist nörig, daß Geld nicht neben Geburt und Schicksal sein seelenloses Recht behaupte." (Nadel, „Heiliges Proletariat".- Religiöser Sozialismus - sozialistische Religiosität: wie eine Brücke zwischen beiden erschien vor iurzem des Engländers W et ls „Offene Ber sch w ö ru n g, Vorlage für eine Weltrevolution", ein Buch, das uns eben in deutscher Sprache zugänglich gemacht wird. Ein Versuch, die Welt neu aufzubauen, ein „Zarathustra" in Prosa, ein Buch, aus Leidenschaft und nüchterner Erwägung dauernd gemischt, ein Buch, das alte wesentlichen Lebens- und Völterbeziehungen in Betracht zieht, ein Buch, das Individualismus und Sozialismus neu zu vereinen flicht, ein Buch aber vor allen:, und deshalb geht es uns hier besonders an, das nichts anderes sein will als die „offene Verschwörung" einer neuen Relrgrosrtät. Hier einige Sätze: „Es scheint mir unvermeidlich, daß die Religion sich dieser vorwärtsschanendeu, seelenanalysierenden Geistesrichtung anpaßt, (etwa: es hat nicht irgendwann einmal Schöpfung gegeben, sondern ewig ist da Schöpfung), wenn anders sie eine ordnende, leitende Macht in der augenblicklichen Wirrnis menschlicher Tinge sein will." „Wichtig ist nur der Drang nach Religion und nicht, wie sie entstanden ist." „Der oberste Satz in dem neuen Glaubensbekenntnis muß daher nicht heißen: „Ich glaube", sondern: „Ich gebe mich hin." „Tie praktische Auswirkung der Religion, eitler zeitgemäßen, sachlichen Religion sollte darin bestehn, sich mit der Führung und Kontrolle des politischen, sozialen u»w ökonomischen Lebens zu befaffen und nicht darin, nur ein Heilmittel zur Linderung eines Unbehagens zu sein." „Bon Anfang an wird die offene Verschwörung Front gegen best Militarismus machen." „Tie alten Fahnen und Glau bcnsformen haben für die junge Intelligenz ihren Zauberverloren. Sie könnet: ihr nicht mehr gebieten. Und wenn die Menschheitsjugend überhaupt noch einmal ihre Seele finden wird, dann wird sie sie bei der machtvollen Umwälzung finden, die die offene Verschwörung herbeiführen wird." (T:e von „einer erneuerten Religiosität wie von einem Herzen" die „Impulse" empfängt.) „Wir können den Advent einer neuem Zeir des Glaubens und der Arbeit verkünden und offenbaren." „Wir haben uns den uns angeborenen Individualismus aus dem Amboß des Sozialismus zurechtgeh äinmert." - So ist es denn immer und immer dasselbe: der Ruf nach neuer Religiosität, das Sehnen nach ihr, das Hoffen auf sie. Immer wieder aber auch die Erwartung, daß die Religion ihren Rahmen sprengen und wieder den Anspruch erheben wird. Führerin dieser Welt zu sein. So wird unser Wirten für Religiosität neu ermutigt, gerade von den Seiten aus, die gleichzeitig die ganze Welt ändern möchten, nach dieser oder jener Mechode. So wird ihre Aufgabe die ursprüngliche, das Reich der Menschen zum Reich Gottes um zuwandeln. Nur daß die Begriffe gewechselt, nur daß sich die Methoden gewandelt haben. Auch im Judentum und wandeln müssen, wenn wir von den neu anstürmenden, friedlich-sozialen-religiösen Heeren der anderen nicht überrannt und zu Boden geworfen werden sollen. - Gewiß wird damit auch die Rolle des geistlichen Führers immer umfangreicher und schwieriger. Was müßte er im Grunde nicht alles beherrschen, um überall die Religiosität geltend machen zu können. Aber er wird ja auch als Führer zur Welt und zur Wirklichkeit die Rolle des Gelehrten nicht zu erstreben brauchen. Tie Grundzüge nur aller treibenden Kräfte im Weltgeschehen wird er m der Tat beherrschen müsse::, den wesentlichsten Ereignissen und Erscheinungen politischer, sozialer, künstlerischer, literarischer, pädagogischer, philosophischer' und psychologischer Art seine Seele und seinen Geist zuwenden. Und daneben die Kleinarbeit seiner Gemeinde führen, die Sorge der einzelnen Seelen tennn, den Studium „der Lehre" sich dauernd widmen, die Regungen der Jugendseele belauschen. So wird es freilich nötig sein, daß schon die Erziehung zu diesem Beruf eine viel tveltdurchtränttcre werden muß, daß ein alter Spruche heute neu üver setzt wird: „Schön ist das Thorastudium neben weltlichem Beruf." Nicht neben weltlichem Berus, sondern neben der Welt als Berus - möchte man heute sagen. Das muß immer mehr und immer neu den Reiz des Judeseins und Führerseins ausmachen, besonders in wirtlich liberalen Kreisen, das Wort des Jesaia sich zur Richtschnur zu n chm er:: nicht einmal, sondern dreimal ist Gott heilig: im Haus, in der Heimat und in de: Welt! im Einzelnen, im Judentum und in der Menschheit; im Gotteshaus, im Staat und in der Wirtschaft; im Geistes-, im Künstler--, im Dichter-Leben. Und „voll" also ist „die ganze Erde seiner Herrlichkeit": So gesehen, bekömmt die Arbeit für religiösen Sozialismus ihre tiefe jüdische Note. So wird die Ebenbildlichkeit des Menschen, hundertmal gepredigt, gleichsam neu geprägt; dre ycijrc vom universalistischen Judentum, immer und immer u;i* mit Recht gerüqmt, wird zur gebieterischen Forderung nach Herstellung neuer Weltzusammenhänge. Und wenn man die Well nach jüdischer Forderung betrachten soll, als wäre sie für uns allein erschaffen - welch gewaltiger Ruf dann, sich der ungeheuren Ausgabe, der Weltnmgestaltung ja nicht zu entziehen und das Werk sogar ganz allein zu versuchen. Ja, so dämmert wieder ein neues großes Judentum heraus, eilt Judentum, das nicht bloß eine Angelegenheit der Welt ist, sondern die Welt zu seiner Angelegenheit macht, ein Judentum, in dem wieder einmal - wie so oft, so oft schon in der Geschichte, ein „Bund Gottes mit seinem Volk" geschlossen wird, die Harmonie zwischen uns und dem Kern unseres Daseins, immer wieder und nur der Religiosität, von neuem jubelnd gefühlt und hergestellt wird. RAigiös-sozial: ist es nicht wirklich, als wenn „ein neuer Himmel und eine neue Erde" nach dem Wort der Bibel entstehen soll. Und sie soll entstehen, so wollen es die Menschen, wieder und nur durch Religiosität! Wirtlich, das Judentum erlebt eine neue Jugend, die Weltgeschichte gibt ihm abermals recht. O, freut euch, freut euch Juden zu sein! Helfet den Menschen, em Mensch zu sein! Umschau Eine Bogetsiemsiraße tn Stettin. Ter Magistrat der Stadt Stettin hat vor einiger Zeit dem Vorstand der Stet tiner jüdischen Gemeinde den Wunsch unterbreitet, eine Straße der Stadt nach einer hervorragenden jüdischen Persönlichkeit zu benennen, die sich insbesondere auch um das Wohl der Stadt verdient gemacht hat. Der Vorstand der Synagogengemeinde schlug dem Magistrat für die beabsichtigte Ehrung den verstorbenen Stettiner Rabbiner Heinemann Bogelstein vor. Nunmehr veröffentlicht der Stettiner Polizeipräsident eine Bekanntmachung, derzufolge die Straße am Israelitischen Friedhof fortan die Bezeichnung „Bogelsteinstraße" führen wird. Heinemann Vogelstein, der am 4. August 1911 ver starb, war unter denen, die die Anregung zur Gründung der Vereinigung für das liberale Judentum gaben. Er gehörte dem Vorstand der Vereinigung als stellvertretender Vorsitzender an und veranlaßte die Begründung einer Vereinigung liberaler Rabbiner. In weitesteir Kreisen wurde Bogelstein insbesondere auch durch die Veröffentlichung des auf Ersuchen des Verbandes der Synagogengemeinden Westfalens bearbeiteten Gebetbuches, das ihm eine starke Befehdung durch die Orthodoxie eintrug, bekannt. Bon seinen Söhnen wirkt bekanntlich Tr. Hermann Vogelstein als Gemeinde rabbiner in Breslau. Aufruf zur Schaffung einer jüdischen Arbeiterkolonie. Ter Reichsvorstand der Hauptftelle für jüdische Wanderfürsorae erläßt einen Aufruf zur Schaffung einer jüdischen Aroeiterkolonie in Deutschland. In dem Aufruf heißt es u. a.: Das deutsche Judentum hat sich in der Hauptstelle fürjüdische Wanderfürsorge das Organ geschaffen, das der Regelung der jüdischen Wanderung und ihrer Fürsorge in Deutschland dient. Ter Hauptstelle ist es in den wenigen Jahren ihres Bestehens gelungen, ein geschlossenes Netz von Landesuitfc Provinzialverbänden auf- und auszubauen, die die Fürsorge für alle jüdischen Wanderer innerhalb Deutschlands ausüben. Eine neue Form der jüdischen Wanderfürsorge hat damit begonnen. Ter jüdische Mensch, der sich auf der Wanderung befindet, hat es nicht mehr nötig, sich von Gemeinde zu Gemeinde durchzuschnorren, er hat es nicht mehr nötig, in die Häuser zu gehen, um sich die notwendigen Mittel für feinen Lebensunterhalt zu erbetteln. Im Verlauf der mehrjährigen Tätigkeit der Hauptstelle hat es sich aber gezeigt, daß es eine Fülle von Menschen gibt, die sich ohne weiteres in den Prozeß des Wirtschaftslebens nicht wieder einordnen lassen. Für diese Menschen besteht heute keine andere Möglichkeit, als auf der Landstraße zu bleiben. 7000 8000 Juden wandern alljährlich innerhalb Deutschlands, ein Teil von ihnen befindet sich aus Arbeitssuche, ein anderer Teil will nach der Heimat reisen, andere wiederum warten auf Heimatspapiere,Staatenlose aus Rege Welche Hausfrau koch! am sparsamsten auf Gas? Diese Frage soll in einem Reichsmettkochen, an dein Hausfrauen aus sämtlichen Teilen Deutschlands teilnehmen, anläßlich der großen 2lusstellnng „Gas und Wasser" 1929 entschieden werden. — Als Vorbereitung dafür,findet im Bezirk Wilmersdorf ein Kochvortrag um Donnerstag, den 14 Februar 1929, 7 Iss Uhr abends, im Gasthof Viktoriagarten, Wilmersdorf, Wilhelmsane 114--IIS, statt. Das Wettkochen folgt am Donnerstag, den 21. Februar 1929, 4i>z Uhr nachm., ebendaselbst Unterhaltungsmusik Preisraten der Zuschauer Eintritt frei Gasbetriebsgesellschasl. Aktiengesellschaft. verlin S12. ffi