Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 5 (1.2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2614000-2614005--3035-2620574- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau Jmmuiiitütsdebatk im LWdtag. Ter Preußische Landtag befaßte sich nach seinem Wiederzusammentritt mit einem Eintrag der Teutschnationalen, grundsätzlich die Immunität immer dann aufzuheben, wenn ein Mgeordneter als verantwortlicher Redakteur die Pressefreiheit offenbar schwer mißbraucht. In namentlicher Abstimmung wurde sodann die Immunität des Nationalsozialisten Dr. Ley in drei Fällen und des Nationalsozialisten Kaufmann in einem Fall aufge hoben. Bei Leo handelte es sich jedesmal um die Verbreitung von Ritualmordlegenden und die Beschimpfung der jüdischen Religion. In der Debatte wandte sich der Demokrat Grzimek gegen den schweren Mißbrauch, den besonders die Nationalsozialisten mit der Immunität treiben. Der uationalsoz-a listische Abgeordnete Straffer zeichnet für nicht weniger als ll Zeitungen verantwortlich. Für eine kaum kleinere An zahl von Zeitungen zeichnet Dr. Ley. Ter „Völkische Beobachter" habe gleich nach der Wahl geschrieben: „Die Isidore werden an uns keine Freude haben, da unsere besten Kräfte immun sind." Der deutschnationale Abgeordnete Koennecke sagte, die Deutschnationalen seien zwar, wie ihr Antrag zeigt, grund sützliü/ gegen den Mißbrauch der Immunität, in dem besonderen Falle Lev lehnen sie aber /die Aushebung der Immunität ab: die Deutschnationaleil wollen nicht dulden, daß die Mehr yeitsparteien den Landtag zum Tempelhüter der Synagogen machen. Sie (zu den Sozialisten) schreien über Kultur schände, wenn ein sogenannter Künstler, der den Heiland mit Gasmaske am Kreuz dargestellt hat, mit einem Monat Gefängnis bestraft wird. Wenn aber jüdische Friedhöfe geschändet werden, sind Sie weniger duldsam. Im übrigen erklärte Könnecke, die Deutschnationalen lehnen die antisemitische Hetze ab. Konflikt um das Rahel-Brab. Zwischen der Jerusalemer jüdischen Gemeinde und dem Distriktskommissar von Jerusalem, Major Keith Roach, ist im Zusammenhang mit der Rcparaturbedürftigkcit des Rahel-Grabmals ein Konflikt entstanden. Die Kapelle über dem Grabe bedarf dringend einer Reparatur, die die Jerusalemer jüdische Gemeinde in Angriff nehmen wollte. Keith Roach aber verweigerte die Erlaubnis zur Durchführung und begründete dies damit, daß lieben den Juden auch die Moslems Rechte auf das Grab traben. Die Regierung, erklärte er, wolle selbst für sie Reparatur des Grabmals Sorge tragen. Nach dieser Rich tung wurde aber von den Regierungsbehörden nichts unternommen. Von jüdischer Seite wurde beim Oberkommissar Sir John Robert Chancellor, interveniert. Der Oberkommissar besaßt sich gegenwärtig mit der Frage des Rechtes ser Juden auf das Rahel-Grab. Die zehit Gebote der National-Sozialisten. Der national sozialistische Abgeordnete Dr. Goebbels veröffentlicht in dem Berliner Organ der Nationalsozialisten „Der Angriff" die zehn Gebote seiner Partei. Sie lauten: 1. .Man kann den Juden nicht positiv bekämpfen. Cr ist ein Negativum, und dieses Negaiivum muß ausradiert werden aus der deutschen Rechnung, oder es wird ewig die Rechnung verderben. 2. Man kann sich mit dem Juden nicht über die Judensrage auseinandersetzen. Man kann ja doch niemandem Nachweisen, daß man das Recht und die Pflicht habe, ihn unschädlich zu machen. 3. Man darf vem Juden im Kampf nicht die Mittel zubilligen, die inan jedem ehrlichen Gegner zubilligt: denn er ist kein ehrlicher Gegner; er wird Großmut und Ritterlichkeit nur dazu aus nutzen, seinen Feind darin zu fangen. 4. Der Jude hat in deutschen Fragen nicht mitzureden. Er ist Ausländer, Volksfremder, der nur Gastrecht unter uns genießt, und zwar ausnahmslos in mißbräuchlicher Weise. 5. Die sogenannte religiöse Moral des Juden ist keine Moral, sondern eine 'Anleitung zum Betrug. Deshalb hat sie auch kein Anrecht aus Schutz und Schirm der Staatsgewalt. 6. Der Jude ist nicht klüger als wir, sondern nur raffinierter und gerissener. Sein System kann nicht wirtschaftlich - er kämpft ja wirt schaftlich unter ganz anderen Moralgesetzen, als wir sondern nur politisch gebrochen werden. 7. Ein Jude kann einen'Deutschen gar nicht beleidigen. Jüdische Berleumdun gen sind nur Ehrennarben für einen deutschen Judengegner. Der Wert eines deutschen Menschen oder einer deutschen Bewegung steigt mit der Gegnerschaft des Juden. Wird jemand vom Juden bekämpft, so spricht das absolut für ihn. Wer nicht vom Juden verfolgt oder gar von ihm gelobt wird, der ist nutzlos und schädlich. 9. Der Jude beurteilt deutsche Fragen immer vom jüdischen Standpunkt aus. Deshalb ist meist das Gegenteil von dem, was er sagt, richtig. 10. dlkan muß zum Antisemitismus Ja oder Nein sagen. Wer den Juden schont, der versündigt sich am eigenen Volk. Man kann nur Judenknecht oder Judengegner sein. Tic Judengegnerschaft ist eine Sache der persönlichen Sauberkeit. #:: Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die Schristleitung lediglich die ptcfrr gesetzliche Verantwortung. Gedanken eines am haarez über die Zukunft des liberalen Judentums Mil großer Freude habe ich iit Ihrer letzten Zeiinngsnummer von der Gründung der „Geeinschafl" in Köln gelesen. Es ist wahrlich au der Zeit, daß etwas Positives, Ausbauendes für das liberale Judentum geschieht. Ich bin ein einsacher Mann und lebe in einer kleinen Gemeinde, in der ans Mangel an Mitteln und, leider, auch an Interesse wenig jüdisches Leben herrscht. Mit großem Schmerze sehe ich letzteres in der westeuropäischen Judenheil immer mehr schwinden, nur durch energisches Arbeiten kann es tvieder zum Leben erweckt werden. Es geht, ivie in Ihrer Zeitung oft genug betont wird, nicht an, daß nur abgeschasst tvird, es muß ein positives Programm, eine feste Norm ausgestellt werden, ivelche für das gesamte liberale Judentum maßgebend ist. Dies ist nicht leicht, aber ohne solches geht es nicht. Dabei wird manches fallen müssen, was für uns Aelteren durch das Elternhaus und langjährige Gewohnheit ivertvoll geworden ist, was aber bei unseren Kindern nicht mehr Liebe zur Sache erwecken kann. Die früheren „Richtlinien" könnten dabei grnndleglich gemacht werden. Für am wichtigsten halte ich es, im Hause „bewußt jüdisch" zu leben. Nicht durch .Halten der Speisegesetze, für deren völlige Abschaffung, natürlich auch für die Beamte» der Gemeinden, ich schon lange eingetrcten bin. Aber ein kurzes Gebet vor und nach der Hauptmahlzeit, eine häusliche Freitagabcndfcier in festlicher Kleidung, mit etwas besserem Essen (Süßspeise für die Kinder!), mit gemeinsam zu singenden Liedern, Ehanukahfeier im .Hanse, das kann jeder machen, ohne viel Zeit und Kosten zu opfern. Ich finde cs auch für einen liberalen Juden geschmacklos, einen Wcihnachtsbanm zu machen, ei» so schöner christlich germanischer Brauch derselbe auch ist. Da tvir aber weder Christen noch Germanen sind, sollten wir bei unserem alten, schönen Chanukah bleiben! Wer irgend Zeit dazu hat, sollte sich auch zuweilen mit der Bibel beschäftigen und seinen Kindern daraus erzählen. DaS „wehigad'to lewincho" ist m. E. immer noch so wichtig wie vor Jahrtausenden. Wenn ein Kind merkt, daß die Bibel seinen Eltern wert ist, so lvird es auch, richtig in dieselbe eingeführt, Liebe zuihr bekommen. Keine Schule kann dies in solchem Umsang bewirten. Wenn der Vater hierzu keine Zeit aufbringen kann, muß cs die Mutter tun. Ich selbst pflege seit Jahren jeden Freitagabend bei den brennen deic Sabbatlichtern eine „Bibelstunde" mit meinen Kindern unter Zugrundelegung des Wochenabschnittes und der jeweiligen Haftarah Zabzuhalmi und habe viel Freude daran. Die Vorbedingung für jüdisches, häusliches Familienleben ist überhaupt, daß die Ellern für ihre Kinder auch mal Zeit haben. Bei gutem Willen kann das jeder. Es finde: sich im Lause der Woche dazu schon mal eine Stunde, und jeder müßte mit seinen Kindern am Sonntag einen Spaziergang machen (Elrern und Kinder allein ohne noch so liebe Bekannte!) und mit den Kindern einmal ihr Leben leben. Bei dieser Gelegenheit soll er in ihnen zwanglos Liebe zuin Judentum erwecken, aber auch Liebe zum Vaterlande, um jeder zionistischen Idee, ivelche von außen an sie herantreten könnte, die Spitze abzubrechen. Einen liberalen Juden kann der Zionismus nur als bedauerlicher Irrtum erscheinen. Nur durch da- Leben unter den Völkern und mit ihnen kann die Mission des Judentums: „Jehc beracha" erfüllt werden. Das Aiiserivähllsein ist keine Bevorzugung, sondern eine schwere, aber herrliche Mission, lvenn man anders nicht das hiermit Beaustragtsein als eine Bevorzugung ansehen ivill. Bei der vor allem nollvendigcn Reform deS Gottesdienstes würde ich bedauern, lvenn die hebräische Gebetsprache allzu sehr beschnitten lverdcn sollte. Es steht zu hoffen, daß unsere Jugend einmal wieder mehr hebräisch lernen lvird als unsere jetzige Generation. Ebenso wie die katholische Kirche nicht aus ihre lateinische OKbetspraclre ver zichtei, so wenig sollten wir es tun. Aber unter den obwaltenden Berhätlnissen müssen tvir unser» Gottesdienst io cinrichten, daß er im ganzen der Allgemeinheit verständlich ist. Er muß ferner feierlich und darf nicht zu lang sein. Er muß zu einer Tageszeit stattfindcn, an welcher man Zeit für ihn hat. Ter wöchentliche Hauptgoltesdienft muß ferner an einem Tage stattfinden, der uns die nötige Ruhe dazu mit sich bringt. Das kann im westlichen Europa nur der Sonntaz sein. Ein Jude, der nicht gerade der strengsten Orthodoxie angehört, kann dabei auch nichts Peinliches finden. . Es geht doch nicht anders, und lvenn auch der Sonntag uns nicht das sein kann, was unseren Vätern der Sabbat war, so soll man doch lieber das Mögliche tu», als nichts! Den Freitagabend jedoch sollte man beibehalten, das ist etwas spezifisch Jüdisches, welches hohen ethischen Wert hat. Der Gottesdienst muß so beschaffen sein, daß die Gemeinde nicht, >vie ich das oft in den großen Orgelsynagogen beobachtet habe, nur aus Zuhörern besteht, sondern wirklich daran teilnimmt. Die evangelische Kirche hat den Gemeindegcsang, den die ganze Gemeinde mitsingt. Ein solcher muß auch bei uns in entsprechender Weise cingcsührt »verden, unsere herrlichen Psalmen mögen dazu den Text liefern. Orgel mit geschultem Chor ist schön, kann auch in Maßen beibchalten weiden, aber unser Gotteshaus soll kein Konzerthaus, sondern ein Bethaus fein! Die Familien müssen zusammcnsitzen können, die Trennung nach Geschlechtern entspricht nicht mehr unserem westeuro päischen Empfinden, ebenfalls aber nicht die Kopfbedeckung im Gottes Haus. - Zn begrüßen wäre auch das Anfhören des Plätzcschachers ln den großen Synagogen. Ein jeder, der das Bedürfnis hat, das Gotteshaus zu besuchen, müßte auch in ihm Platz finden. Ans jeden Fall muß bald ettvaS geschehen, damit das Heranwachsende Geschlecht nicht noch mehr dem Judentum entfremdet wird. Aus der Basis der Orthodoxie geht dies nicht. Wir liberalen Juden müssen unserer Jugend ein Programm vorlegcn köirnen, für »velches sic sich begeistern kann. Die Nüchternheit und Langeweile must aus der Synagoge schwinden. Wir müssen die Jugend und ihre Bünde zu uns hinziehen lernen, lvenn der Jndisserentismus nicht noch weites um sich greifen soll. Wenn es gelingt, die Jugend von der hohen Mission deS Judentums zu überzeugen, werden auch die Mischehen von selbst weniger werden. Es muß aber gehandelt werden, bevor es zu spät ist, und e-s könnte bald zu spät sein! Parchim zMeckl.), den 22. Januar 1929. Wilhet in L a n g st c i n. 'IC"»««« Ott Au» den Gemeinden Allersheim. (Einweihung auf dem Friedhof.) Auf dem israelitischen Friedhöfe fand die Eürtvcihung und Uebcr nähme des neuerbauten Leichenhauscs durch den l. Vorstand der Friedhofs-Korporation Vitus Weikershcimer aus Gaukönigshofen statt. Ter Bau ist eine Zierde des so tounderbar gelegenen bewaldeten Bergfriedhofcs, der schon länger als 500 Jahre besteht. Die Beteiligung aus den Korporationsgcmeinden und der Bevölkerung der Gemeinden Allersheim und Gützingen war äußerst stark, so daß der Beetsaal nicht alle Erschienenen fassen konnte und noch ein Nebenraum dazu verwendet werden mußte. Nach einleitenden Gesangsvorträgen durch Lehrer Bravmann-Gaukönigshofen vollzog der Vorstand die Uebcr nähme und BczirkSrabbincr Dr. WohlgemuthKitzingen die Eintvei hung. Es sprachen noch Lomnitz-Mainstockheim für den Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden in München und Kullusvorstand Max Pfeufser aus Giebelstadi. Das Lcichenhaus ist nach altfränkischem Stil erbaut. Brombach. (Auslösung der israelitischen Ge in ein de.) Nachdem die hiesige israelitische Gemeinde sich bis auf eine Familie aufgelöst hat, wurde die Synagoge von der hiesigen politischen Gemeinde erworben und in ein Spritzenhaus umgebaut. Danzig. (Erklärung des Gemeinde-Vorstandes.) Ter Vorstand der Synagogengemeinde veröffentlichte folgende Erklärung: Ein hier erscheinendes jüdisches Blatt bringt in seiner soeben erschienenen Januarnummer einen Artikel über „Mehrheit und Machtpolitik", dessen Ausführungen über Angelegenheiten der Gemeindeverwaltung richtrggcstcllt werden müssen. Es wird behauptet, daß für Kulturzwecke nur 8000 G., d. h. 3 o.o des ganzen Gemeindeetats bestimmt seien. Demgegenüber ergibt der Haushaltsplan, daß für die Pflege von Religion, Unterricht, Kultus und Ritus allein an Pcrsonalausgabcn rund 120 000 G. im Etat der Gemeinde vorgesehen sind, zu denen rund 36 000 G. sächliche Kosten für die gleichen Zwecke hinzutreten; insgesamt ergibt sich also eine Ausgabe von 148 000 G. gegenüber der dort angegebenen Zahl von 8000 G. Ein Eingehen auf die Rechnung über die Kosten des Gottes^ dicnstes muß uns die Achtung vor der Heiligkeit unserer Religion verbieten. Für uns ist der Gottesdienst und seine Ausgestaltung weder Gegenstand einer Prozentrechnung noch ein Luxus. Die dort gleichfalls berührte Frage der Kosten des Kaschruth ist in. letzter Zeit in mehreren Kommissionen unter Teilnahme von Gemeindcmitgliedern aller Richtungen geprüft worden. Tie Nichtigteil der gegenwärtigen Handhabung ist hierbei schließlich allseitig anerkannt worden. .Hinsichtlich der Leseyalle wird aus die Anzeige des Vorstandes in dieser Nummer verwiesen. Fast alle für die hiesigen Verhältnisse in Betracht kommenden jiddischen und hebräischen Zeitungen liegen dort aus. Unsere UüJJ JSl waren und sind eine Sensation, eine Gelegenheit, wirklich gu e Waren zu enorm billigen Preisen zu erstehen in allen Stadtteilen Berlins