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Jüdisch-liberale Zeitung · 1929-02-01 · 5 (1.2.1929) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
9 (1929)
Issue
5 (1.2.1929)
Date
1929-02-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Dresden. (Vom sächsische Iift sraelitischcn Gemeinde verband.) Wir hatten in der vorigen Woche eine Meldung der Jüdischen Telegraphcn-Agentur tviedergrgeben, in der unter Bezugnahme auf den gegenwärtig dem Lairdtag vorliegenden Gesetzentwurf über die öffentlich rechtlichen Relig-ionSgesellschaften gesagt war, der sächsische-israelitische Gemcindcvcrbanb solle eine Körperschaft öffentlichen Rechtes werden. Diese Meldung ist insofern irrig, als tat' sächlich der sächsische isracliliscl)« Gemeinde verband bereits ein« Körperschaft des öffentlichen Rechtes ist. Auch der Schluß der betreffenden Notiz ist nicht richtig. Das L-teuerrecht der öffentlich rechtlichen Religions Gesellschaften ist in Sachsen bereits durch das Gesetz vom 1. Juli 1921 geregelt. Eschweiler. (A b st e r d c n einer jüdischen Gemeinde.) In dem benachbarten WeiStveiler feiert der Glasermeister 3. Meyer am 6. Februar ds. Js. seinen 90. Geburtstag. Er ist der Aeltcste der kleinen jüdischen Gemeinde, sowie der älteste Bewohner des Dorfes. WeiStveiler, heute ein aufstrebender Jndustrieort, im Kreise Düren gelegen, war einst eine blühende jüdische Gemeinde. Nach Mitteilung einzelner Gemeindemitglieder bestand sie schon in der Mitte deS 17. Jahrhunderts und stand unter der Herrschaft des Herzogs von Jülich. Im Anfänge des 18. Jahrhunderts ivurde die heute noch stehende Synagoge gebaut, die gemäß den damals geltenden Vorschriften inzwischen tvar Weisweiler unter preußische Herrschaft gekommen -- nicht an der Straße stehen durfte. Die Synagoge ist klein, aber noch gut erhalten. Sie hat noch einzelne EinrichkungSgegenstände aus der damaligen Zeit, die heute sicher das Entzücken der Kenner bilden würde. Selten wird noch Gottesdienst darin abgeha>ten, nur an den hohen Feiertagen und auch manchmal an anderen Feiertagen, versammelt sich die kleine Gemeinde, um ihre Andacht abzuhallen. Seit zirka 50 Jahren ist die Gemeinde, die dem Syn. Verband Düren angehön, im Absterben. Sic ist der Landflucht zum Opfer gefallen. Ter größere Teil der Mitglieder verzog nach dem nahen Eschweiler, ein Teil nach Köln (Kaufmann). Heute ist die Zahl der Familien auf 6 gesunken. Den Gottesdienst besucht der größere Teil in Eschtveiler, während der 90 jährige Meyer jeden Sabbat nach dem Stunden entfernt liegerrixm Langerwehe pilgert. Die Jugend besucht die jüdische Volksschule zu Eschweiler. Frankfurt a. M. (Nationalsozialistische Angriff c.j Nach einer Kundgebung der Frankfurter Zionistischen Vereinigung rvurden aus der Straße die Versammlungsteilnehmer von Nationalsozialisten angegriffen. Die Polizei trieb die Tumultantcn auscin ander. Bereits in der Versammlung versuchten Nationalsozialisten, die Redner zu stören, die aber ruhig zu Ende sprechen konnten. An den Zusammenrottungen auf der Straße beteiligte sich auch eine Stahlhelm-Abteilung. Pier Demonstranten wurden siftiert. ' Krefeld. (I u b i l ä u m s k o n z c r t des Synagogcnch o r s.) Durch ein Festkonzert beging am 27. Januar der Synagogenchor sein 25 jähriges Bestehen. Der Chorvcrcin setzt sich aus Damen unb Herren zusammen, die völlig selbstlos ihre Sangcskunst dem Gottesdienst leihen. Mannheim. (6 0/ Geburtstag.) Seinen sechzigsten Geburtstag feierte am 22. Januar der Vorsitzende der hiesigen Gemeinde, .Herr Dr. med. Julius Moses. Sein schlichtes Wesen und seine segensreiche Tätigkeit auf mancherlei Gebieten setzte sich an seinem Ehrentage in wohlverdiente Ehrungen durch staatliche und städtische Behörden, jüdische und nicht-jüdische Körperschaften und Vereinigungen um. Die Fraktionen der Gemeindevertretung überreichlen dem Jubilar eine durch gemeinsamen Aufruf zustandegekommene Spende zur Errichtung einer Dr. Julius Moses-Stiftung für das mikrobiologische Institut an der Universität Jerusalem. Einen würdigen Abschluß fand die Zahl der Ehrungen durch eine von der jüdischen Jugend Mannheims gemeinschaftlich arrangierte Feier zu Ehren des Jubilars. Bei dieser Gelegenheit erfuhr man, daß das gemeinsame Heim der jüdischen Jugend in Bälde erstehen wird. Marburg. (Einweihung des Heile r Ziehung s° heims.) In dieser Woche fand in Gegenwart von Vertretern staatlicher und städtischer Behörden, jüdischer Verbände und Gemeinden und zahlreicher Gäste die feierlich« Einlveihung des „Israelitischen Heilerziehungsheims" (für schtocr erziehbare Kinder) in Marburg statt. Der Regierungspräsident zu Kassel hatte den Landrat mit seiner Vertretung beauftragt. Für den Landeshauptmann war dessen Sachbearbeiter, Landesrat Dr. Schellmann, erschienen, Oberbürgermeister und Magistrat der Stadt Marburg, sowie das städtische Wohlfahrts-- amt waren durch Bürgermeister Voß vertreten. Für die Schulbehörde war Kreisschulrat Werner und für die Marburgcr psychiatrische Universitätsklinik war Oberarzt Dr. Manz erschienen. In feiner Festrede hob der Vorsitzende, Provinzialrabbiner Dr. Lohn, hervor, daß das Marburgec Israelitische Schüler- und Lchrlingsheim, die Gründung der verstorbenen Provinzialrabbiner Dr. Munk und Geheimrat Pros. Hermann Cohen, sowie des Herrn Hermann Eichclberg, sein Haus dem Heilerzichungsheim zur Verfügung gestellt habe. Der Geist der verewigten Gründer des alten Heims, der Liebe zur Menschheit, solle auch die Devise für das neue Heim sein. Die Neugründung fülle eine feit langem schmerzlich empfundene Lücke in der großen Reihe der jüdischen Wohlfahrtscinrichtungen in Deutschland aus. Das beweisen die zahlreichen Glückwunschschreiben, das beweise vor allem die allseitig« Stützung der Neugründung. Der Leiter des neuen Heims, Herr Direktor Witt, übernahm das Haus und zeigte in großen Zügen das Bild, das er sich von seiner Aufgabe gemacht habe. Das Haus solle im Sinne seiner großen Gründer ein Haus der Liebe sein für die Kinder, die der Liebe so sehr bedürfen. Groß war die Reche der hierauf folgenden Be grüßungsreden, von denen besonders die des Landrats Dr. Schellmann für den Landeshauptmann, die des Bürgermeisters Voß für Stadt und .Wohlfahrtsamt Marburg und die von Professor Düring (Frankfurt), der das Haus hinsichtlich seiner Eignung zu begutachten hatte, hervorgehoben seien. Die Grüße der jüdischen Organisationen überbrachte Rabbiner Dr. I. Horovitz (Frankfurt). Mit Gesang und Musik, wie sie begonnen hatte, schloß die eindrucksvolle Feier. An den akademischen Festakt schlossen sich Führungen durch das Haus und eine Bctvirtung der Ehrengäste durch die Heimleitung an. Bon den bei der Festtafel verlesenen - Begrüßungsschreiben seien die besonders herzlich gehaltenen Briefe des Regierungs präsidennten von Kassel und von Frau Geheimrat Cohen (Berlin) genannt. Rüsselsheim. (Renovierung der Synagoge.) Dank der großherzigen Hilfe der Firma Adam Opel A. G., Rüfselsheim a. M., konnte die hiesige Synagoge völlig renoviert werden. Aus der Bewegung Aachen. (K u l t u r kr i si s der Geg e n >v a rt im Lichte des Judentums.) In der Ortsgruppe Aachen der Vereinigung für das liberale Judentum hielt Herr Dr. Karl Roscnihal, Prediger der Reformgemcinde Berlin, am 19. ds. Mts. einen Vortrag über die Kulturkrisis der Gegenwart im Lichte des Judentums. Der Redner zeigte an Hand vieler Beispiele, daß wir uns in einer Zeit des Uebergangs aus wirtschaftlichem, kulturellem, religiösem, sozialem und politischem Gebiet befinden und alle Krisen einer solchen Uebergangszeit erleben. Die alten Grundlagen sind erschüttert und die neuen Anschauungen noch nicht gereift und geklärt. In der Krisis dieser Uebergangszcit sollen uns die Wahrheiten des Judentums Führer und Wegweiser sein. An den Bortrag sch oß sich eine Aussprache an, an der sich Fräulein Dr. Phitippson und die Herren Dr. Schöne berger, Blumcnau und Berg beteiligten. Augsburg. (Tagung des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum.) In einer gemeinsamen Veranstaltung der Bereinigung für das liberale Judentum und des jüdischen Jugendvereins berichtete Herr Kommerzienrat Albert Dann am 22. Ja ttuar über die Tagung des Weltvcrbandes für religiös-liberales -Judentum in Berlin vom 18.— 21. August 1928, an der er selbst als Augsburger Delegierter teilgcnommen hatte. Dem Redner gelang es, in prägnanten Ausführungen ein eindrucksvolles Bild von den Referaten und der Diskussion auf der Welrlonserenz zu geben und dadurch seinem Zuhörern die einzigartige Bedeutung dieser Tagung klarzulegen. Die Wiedergabe der Ländcrbcrichke verstärkte er dadurch, daß er über seine persönlichen Eindrücke anläßlich eines von Rabbiner Dr. Mattuck in London gehaltenen Gottesdienstes berichtete. Bon den vielen Reden bob der Vortragende besonders das Baeckschc Referat hervor, das er als einen Höhepunkt der Tagung bczcichnetc. Die anschließende Dis kuffion habe sich mehr und mehr auf die Frage zugcfpitzt: Gegen ode? für die Berliner Reformgemeinde? Schließlich wurde die Tagung aber doch im Geiste „der Wahrheit und Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens" geschlossen. Dieser versöhnliche Ausklang gab dem Redner Veranlassung, auch noch des 200. Geburtstages Lessings zu gedenken, dessen religiöse Duldsamkeit er als vorbildlich hinstellte; mit Stolz und Freude erfülle es ihn, daß in Augsburg Toleranz und gegen seitiges Sichverstehcn vorherrschend seien. Herr Rabbiner Dr. Grünfeld betonte in seinem Schlußwort, daß die Bedeutung der Wcltkonfercnz gerade in dem allgemeinen Friedens- und Verständig ungswillen gelegen sei; dies sei angesichts der Tatsache, daß der Liberalismus eine über nationale, universalistische Bewegung sei, nur zu begrüßen. Berlin. (Die liberalen 2 y n a g o g e n v e r e i n e o r g a irisieren sich.) In den letzten Jahren sind aus der Initiative der liberal gesinnten jüdischen Bevölkerung Berlins heraus drei liberale Freilagabendgottesdienste gegründet worden. Die liberalen Synagogen vercine, die Träger dieser gottesdienstlichen Veranstaltungen sind, waren von vornherein nach gleichen Prinzipiell aufgebaur und hatten ihren Gottesdiensten das gleiche Gebetbuch zugrunde gelegt. Der Zusammenschluß lag nahe, und so haben sich die drei Synagogenvereine nunmehr in der „Liberalen Synagoge Berlin E. B." eine gemeinsame Spitzenorganisalion zu schassen beschlossen. Zu diesem;jweck hatten sich 91 Vorstandsmitglieder der drei liberalen Tynagogenvcr cine am 21. Januar zu einer Gründungsversammlnng zusammenge sunden. Nachdem .Herr Hermann Fattcnberg die Versammlung eröffnet und auf den Zweck der Versammlung hingewicscir hatte, hielt Herr Rabbiner Dr. Salomonski -daS einleitende Referat. Auf Grund der Salomonskischen Ausführungen legte .Herr Falkenberg die zu erstrebenden Ziele folgendermaßen fest: Schaffung einer Einheitsorganisation, einer Einheitspropaganda, eines Einheilsgebct buch- und einer gewissen Finanzeinheit. Herr Rosenthal wies insbesondere aus die Notwendigkeit hin, sür die neue Gemeinschaft der libe ralen Synagogenvcreinc in allen Teilen Berlins Mitglieder zu werben und überall in Berlin ähnliche Gottesdienste einzurichtcn. Herr Dr. Mayer stellt als die wichtigste Ausgabe der neuen Organisation die Schaffung eines endgültigen gemeinsamen Gebetbuchs in den Vordergrund. Herr Tr. Fleischer hebt die enge innere Verbindung zwischen religiösem und politischem Liberalismus hervor und erörtert ferner die Fragen der künftigen Finanzierung der gottesdienstlichen Beraw staltungen. Nachdem alte Redner sich für den Zusammenschluß ausgesprochen hatten, wurde einstimmig die Gründung der „Liberalen Synagoge Berlin" beschlossen. Die drei Vereine sollen je zwei Delegierte in den Hanptvorstand entsenden. Diesem gehört außerdem Herr Rabbiner Dr. Salomonski an. Zu wichtigen Beschlüssen soll jeweilig der gesamte Kreis der Vorstandsmitglieder der drei Synagogenvcreinc zusammenberusen werden. Die Gründung der Spitzenorganrsation der liberalen Synagogen vereine bedeutet einen wesentlichen Fortschritt des religiösen Liberalismus in Berlin und wird diesem hoffentlich neue, erheblich erweiterte Wirkungsmöglichkciten in der jüdischen Bevölkerung der Reichshaupl - stadt schaffen. Berlin. (K a m c r a d s ch a s r S c h e.) Die BezirkSgruppc Schöneberg deS Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde Berlin e. V. veranstaltete am Donnerstag., den 17. Januar, auf vielfachen Wunsch auS Milgliederkreisen heraus eilten Vortragsabend mit einem Referat von Herrn Dr. Salomonski und einem Korreferat von Herrn Dr. med. Alfred Caro im Ratskeller des neuen Schöneberger Rathauses am Rudoli Wilde-Platz mit dem Thema: „Kameradschaftsehe". Schon lange vor Beginn war der Saal gut gefüllt, was deutlich bewies, wie. lebhaft daS Interesse für das Thema des Abends war. In seiner Einführung wies auch der Vorsitzende, Herr Dr. Landenberqer, daraus hin, daß cS zu den Ausgaben des Liberalen Vereins unbedingt gehören müsse, sich nicht nur mit ausgesprochen jüdischen Fragen zu befassen, sondern daß es auch unsere Aufgabe lväre, zu allen Problemen, welche die Gegenwart beschäftigen und tief in das Leben, insbesondere das Familienleben, eingreisen, in diesem Kreise Stellung zu nehmen. Nach dieser kurzen Einleitung ergriff Herr Dr. Salomonski daS Wort und skizzierte klar und deutlich, wie notwendig es sei, daß die Ehe in ihrer alten traditionell überlieferten Form auch der Gegenwart und Zukunft erhalten bleiben müsse. Natürlich muß den heutigen Zeitverhältnisscn einigermaßen Rechnung getragen werden und man muß sich auch bemühen, die heutige Jugend, die Nachkriegsjugend, mit allen ihren Sorgen und Nöten zu verstehen. Der Kampf der älteren Generation und der jüngeren, der an sich schon immer gewesen ist, die grundsätzliche Opposition der Jugend gegen das Alter, hat sich verschärft, aber die Aelteren müßten sich eben bemühen, mehr Verständnis der Jugend cntgegcnzubringen und ihr zu helfen. Mit dem Problem der Kameradschaftsehe befassen sich ztvci Bücher, auf die eingegangen werden muß. Einmal das Buch des amerikanischen Jugendrichters Lindsey und zweitens das deS holländischst Klinikers van der Beide. Letzteres ist vollkommen abzulehnen, denn es ertötet jeden Reiz deS Seelischen in dem jugendlichen Leser, und soweit ist die Ehe noch nicht gesunken, denn sonst wären wir hoffnungslose Geschlechter. DaS Buch Lindseys, eines Jugendrichters, spricht mehr auS der praktischen Erfahrung heraus, und ist nicht ganz von der Hand zu weisen, wenn man auch nicht vergessen darf, daß die europäischen Verhältnisse den amerikanischen nicht gleich zu stellen sind. WaS ist Kameradschaftsehe? Die jungen Leute heiraten nach dem Gesetz, aber sie emanzipieren sich von bestimmten Regeln. Die Kameradschaftsehe ist eine freiwillige. Die Hauptfrage, ob Nachwuchs kommen soll oder nicht, ist jedoch keine neue, denn auch in der legalen Ehe der Gegenwart ist es kaum anders. In diesem Zusammenhang erinnerte er insbesondere an daS Leiden und den Zustand der Gefangenen in unseren Strafanstalten, welches Problem gerade jetzt in der Oessentlichkeit erörtert wird Man hat sich immer gewundert, weshalb die Gefangenen verdorbener aus den Gefängnissen hcrauSkommen als sie hereingekommen sind; jetzt hat man den Mut gesunden, sich den Grund der bleibenden Verderbtheit einzugcstchen. Trotz all dieser Not wird die Zeitehe die Jugend nicht ändern, denn trotz Wohnungsnot, Abbau und kleiner Gehälter wird geheiratet und kommt erst das Kind, dann sorgen auch unsere sozialen Gesetze zur Genüge dafür, daß alle Hemmnisse überwunden werden, und das ist auch zu begrüßen; denn ist erst das Kind da, so hat daSl Leben der Eltern einen anderen Sinn. Die Kinder sind da, damit der Egoismus überwunden wird. Eine Mutter stirbt nicht ganz, denn noch in letzter Stunde hat sic das Gefühl, in ihrem Kinde weiter zu leben. Unsere Zeit krankt am Problem der Kinderlosigkeit oder des Einkindersystems. Die Verfechter der Kameradschaftsehe wollen gewiß das edle, sie können sich aber nicht verbürgen, daß die Kameradschaftsehe Kinder bringt und dann zum wirklichen Glück führt. Was ein wirklicher Kamerad ist, ist uus im Liede vom guten Kameraden gesagt. Der gute Kamerad bedeutet die lieberzeugung, daß nach den Trübungen dieses Lebens uns ein schöneres winft, das ist die ewige Kamerads>chaft. Dieses aber wird nur durch die religiöse Ehe verbürgt. Tann nahm Herr Dr. Alfred Caro zu seinem Korreferat das Wort. Er stellte mehr das Reale, das Praktische in den Vordergrund. Auch er erklärte, daß die Auflösung der Ehe, insbesondere der monogamischen, an Staat und Welt rütteln würde. Dr. Caro verteidigt kurz das van-der Beldschr Buch, das nach seiner Ansicht auf einer hohen sittlichen Stufe steht. Dann befaßt er sich mit Lindsey, der als Jugendrichter die größte Erfahrung hat und aus den' unsozialen Verhältnissen einen Ausweg finden will. Wer sich jung. verheiratet, wird die vollkommene Ehe eingehen können, aber - das erlauben die sozialen Verhältnisse nicht und haben cS auch früher nicht getan. Der Krieg hat zur Acnderung noch beigetragen, denn die Frau, die viel mehr wie früher neben den Mann trat, verlangte daS Recht, in allen Dingen feine Kameradin zu fein. Der Schlußstein ist die Kameradschaftsehe. Diese komme der legitimen gleich, nur daß in den ersten Jahren keine Kinder erwünscht sind und daß man bet Kinderlosigkeit erleichtert Scheidung erwirke. In der Praxis sieht es ja heule nicht anders aus, denn die meisten Ehen bleiben doch laut vorheriger Vereinbarung jahrelang kinderlos und werden leicht geschieden. Das Bild der alten Jungfer von früher ist nicht erfreulich. Die Kameradschaftsehe ist also in vielen Fällen ein guter Ausweg und wird oft. Familicnehe werden. Auch dürfen wir uns heute in Deutsch.and keinen Geburtenüberschuß erlauben, denn gute Qualitäten in Bezug auf Kinder zu erzielen ist nur bei normaler Geburtenrcge lung in solchen Zeilverhältnissen wie der Gegenwart möglich. Herr Dr. Caro trat, wenn auch nicht für Abschaffung, so doch sür Mil derung des 8 '-18,- St.(tz.B. ein. Dann ka>n er noch kurz in diesem Zusammenhang aus die Schwagcrehe zu sprechen. Zum Schluß ivics er aus die kürzlich erschienenen Ausführungen von Alice Salomon hin,, demzufolge mit dem Begriff des Gehörens und BefitzenS des einen Ehegatten am andern gebrochen werden muß. Tie Jugend wird tun. was sie für richtig halt, man kann nur versuchen, ihr die Wege zu weisen. Starter Beifall dankte beiden Rednern für ihre Ausführungen Dann schloß sich eine sehr lebhafte Diskussion an, in der auch auf daS Problem Mischehe eingegangen wurde. Rcsera: und Diskussion zeigte», welch lebhaftes Bedürfnis für regelmäßige Aussprachen über derartige Zeitprobleme vorhanden ist, und wie es die Aufgabe' des Liberalem Vereins sein muß, sich immer wieder mit den akuten Sorgen der Gegenwart zu befassen. Dortmund. (W i e gewinnen wir die I a g e ,l d , ü r d a Liberale I udeninm.) Am 17. Januar d. I. hatten wir dr- Freude, den weithin bekannten Schulreferenten der Verlkner Gemeinde, Lehrer Robert .Hirschfeld, bei uns begrüßen zu dürfen. --- Er sprach über das Thema: „Wie gewinnen wir die Jugend für das liberale Judentum?" Einleitend charakterisierte der Redner das Wesen des liberalen Judentums, dessen Namen er als ungeschickte Bezeichnung ansieht, da er der Politik entnommen ist. Man müßte vielleicht im Namen der amerikanischen Bezeichnung folgen, die die Idee mit „religiös fortschrittliches Judentum" bezeichnet. Nicht mit der Vergangenheit brechen wollen lvir, sondern aufbauend weiter entwickeln. Alle Menschen, die voll Jugend sind, nicht die dem Lebensalter nach Jungen, sind zur Mitarbeit berufen, und an alle ergeht der Ruf. Die Jugend sehen wir als einen wesentlichen Faktor an; sie bat sich eine neue Lebensform auf dem Grunde innerer Wahrhaftigkeit und Selbstverantwortung gegeben, so daß wir ihr im Vertrauen auf ihre innere Wahrhaftigkeit alle Freiheit übertragen. Die Jugend muß nach Ueberwindung falscher Scham am religiösen Leben tcilnehmcn durch die Feier im Elternhaus, durch religiöse Feierstunden. Diese aber müssen von innerem Gehalt erfüllt sein, dürfen nicht uniform gehalten sein. Alter Form muß neuer lebendiger Inhalt gegeben werden. Der Religionsunterricht ist so anszugestaltcn, daß er unfern Kindern lieb und wcrr wird. Durch neuere Methoden muß ■ im Hebräischen das Ziel der Beherrschung der Gebetsprachc erreichbar gemacht werden. Schülerbünde sind notwendig, durch sic wird religiöses Leben tvachgerufen. Unbeschadet aller anderen Richtungen werden wir die Jugend gcrvinnen, da Jugend immer für den Fortschritt ist. Reicher Beifall lohnte den Redner, dem der stellvertretende Vorsitzende unserer Ortsgruppe, Konrektor a. D. Emanuel Goldfchmidi, mit besonders herzlichen Worten den Dank aussprach. — Die Ausführungen gaben reichlich Stofs und Anregung zu einer lebhaften DiSkuftion, an welcher sich Frau Borreuter, Fräulein David, Rabbiner Dr. Appel, Dr. Ostwald, Richard Flörsheim, Konrektor Andorn, Lehrer Nußbauin und S. Schnell beteiligten. Duisburg. (Jüdisch-liberaler G e m e i n d c v e r e i II.) Am 15. dS. Mts. sprach in einer gut besuchten Versammlung .Herr Robert Hirschfeld aus Berlin über „Liberales Judentum und Jugend". Seinem Vortrag, der sich insbesondere auf die innere Struktur des liberalen Judentums cinstcllte und durch die Wiedergabe eigenen Er lebens als Jugendbildner eine besondere Note erhielt, folgten die Zu Hörer mit großer Aufmerksamkeit. Die vielfachen im Vortrag enthaltenen Anregungen führten zu einer lebhaften Aussprache, die sich sch.ießlich der Frage der jüdischen Volksschule zuwandte, in welcher die Meinungen der Anwesenden sehr auseinandcrgingen. Der Vortragsabend erhielt u. a. auch dadurch seine besondere Bedeutung, daß ec zeigte, wre die jüdisch-liberalen Kreise der Gemeinde sich keineswegs nur dann zusammenfinden, »venn cs sich um Wahlen handelt, sondern daß sie die Notwendigkeit empfinden, zur Beratung der praktischen Fragen unseres Gemeindclebens von Zeit zu Zeit zusammenzutrctcn. Mannheim. (Positive Ausgaben des religiösen Liberalismus.) Trotz der Ungunst der Witterung hatte sich eine zahlreiche Zuhörerschaft eingcsunden. um Herrn Dr. Dienemanns Ausführungen über dieses Thema zu hören. Und man tvar nicht enttäuscht. In logischem Ausbau formulierte Herr Rabbiner Dr. Dicnemann- Offenbach a. M. diese positiven Aufgaben. Ueberzeugend wehrte er sich gegen die beliebte „mathematische Definition": „Liberalismus — Orthodoxie minus x Prozent Ritus", wobei dann je nach der Einstellung des betreffenden „Mathematikers" freundlichst der Prozentsatz hoch oder weniger hoch subtrahiert werde. Der religiöse Liberalismus will vielmehr ganz für sich und nicht relativ oder vergleichsweise behandelt werden. Er erkennt seinem ganzen Wesen nach das Recht der Persönlichkeit weitgehendst an, bürdet dabei aber gleichzeitig der Einzel persönlichkeit ein große Verantwortung gegenüber der Gesamtheit auf. Deshalb setzt eben gerade der Liberalismus voraus, daß der Einzeljude sich als verantwortliches Glied der K'lal jisroel bekennt. Der Liberalismus will dem religiösen Menschen eine Religion mit Inhalt geben und ihn davor bewahren, daß seine innerlich-bewegte Religiosität zum Schematisch Seelenlosen wird. Der Liberalismus kämpft gegen den leider beinahe landläufigen Zustand an, daß fick bei vielen Juden ihr Judentum in der an sich gewiß anerkennenswerten sozialen Betätigung oder gar in der Abwehr des Antisemitismus erschöpft. Der Ausgleich zwischen Individuum und Gemeinschaft, tiefe Gläubigkeit, daS sind die Hauptvoraussetzungen eines wahren religiösen. Liberalismus. Der Liberalismus steht nicht etwa der Form ablehnend gegenüber. Nicht jeder, der irgend ein Gebot ablchnt, ist deswegen liberal. Der Liberale nimmt sich aber daS Recht heraus, die Form kritisch zu behandeln. Wenn z. B. der Gedanke der Sabbatruhe von jedem Liberalismus bedingungslos anerkannt wird, so ist doch über die einzelnen Gebote der Sabbatruhe eigene Stellungnahme erlaubt, insbesondere barüber, ob'der Gedanke der Sabbatruhc durch die Gegen mariS,iot dadurch stark gefährdet würde, tvenn jedes erst später ausge^ tretene Eiiizelgebot binbc'nd sein sollte. (Z. B. das Nicht Fahren am Ladbar usw.) Bor allen Dingen muß der, schon psychologisch begründete, Satz Geltung haben, daß eine Form, die in innerem Ringen selbst gefunden wird, eine überzeugte Bejahung findet, während das lieber lieferte leicht zum Schematischen und Seelenlo;en hcrabsinken kann. Deshalb steht die innere Wahrhaftigkeit dem Liberalen quasi als Motto über all seinem Tun und Handeln. Der Redner zitierte die wunderbare Formulierung Rosenzweigs: Tue nur Du das, was Du tuen kannst, das aber tue. Seine mit lebhaftem Beifall aufgenommcnen Ausführungen schloß der Referent mit der Feststellung, daß der Liberalismus für ein Großteil der jetzigen und noch mehr der künftigen Generation die einzige Möglichkeit zur Erhaltung des Judentums ist, weil viele, die ihrer Anschauung nach nun einmal nicht orthodox sein können, nur durch den Liberalismus dem Judentum er halten werden. In der dem Referat folgenden Aussprache setzte. sich Herr Otto Simon mit dem Referenten über die Frage der Offcn-- barung auseinander, Herr Rabbiner Dr. Oppenheim unterstrich die Forderung nach Wahrhaftigkeit, Herr Justizrat Dr. Appel, der der Veranstaltung ein guter Leiter und Arrangeur war, zitierte die seinerzeitigen Richtlinien, Herr Professor Dr. Billigheimer schnitt das Christusproblem an und Herr Ludwig Herrmann forderte zum Schluß nicht nur die Wahrhaftigkeit, sondern, was oft noch schwieriger ist, den Mut bczw. die Civilkourage zu dieser Wahrhaftigkeit und illustrierte dies an praktischen Beispielen. Auf alle diese Fragen ging Herr Dr. Dienemann in seinem Schlußwort ein und gab so dem inter essant verlaufenen Abend einen würdigen Abschluß.

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