Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 9 (1929)
- Issue
- 5 (1.2.1929)
- Date
- 1929-02-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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scheu üHauJjt’ttvßntoffeit „.Höre Israel" 1N69 aufgeworfen hat. Natürlich ist ihm das nur Anlaß, das Widerspruchsvolle und Ueberlebte der meisten Religionsvorschriften für unsere Zeit nachzuweisen und hierin, in diesem Niederreißeu von Mauern, hat sehr wesentlich Emil Lehmanns unvergängliches Lebenswerk bestanden. Wie ihm alle Halbheit ein Greuel war und er konsequent das als richtig Erkannte mit dem ganzen Aufgebot seiner glänzenden Gaben verfocht, so erschien chm bei aller Wertschätzung »vahrhafter Frömmigkeit Festhalten an äußerlichen Zeremonien bloß aus Konvention eine vorurteilswerte Schwäche. Dabei war Emil Lehmann — wäre er sonst fast 4 Jahrzehnte lang Führer seiner Heimat gemeinde Dresden gewesen? — ein tief religiös eingestellter Mensch, nur eben nicht in dem althergebrachten orthodoxen Sinne, als dessen Gegner sich offen zu bekennen er als einer unter damals sehr wenigen den Mut gehabt hat. Freilich hat sich Emil Lehmann bewußt gleich auf den linken Flügel des Liberalismus, den Boden des Reformjudentums gestellt und das hat die Gegnerschaft gegen seine Ideen, die schon damals vorhanden war, weil er in Vielem seiner Zeit voraus von Bielen nicht verstanden wurde, nicht unerheblich verstärkt. In einer Gemeinde alten Stiles, die seine Vorfahren mitbegründet haben, lebend, doch ausgewachsen in der Morgenröte einer sich gÄärenden freieren Zeit, wagte es Emil Lehmann, der schon dadurch für uns unsterblich geworden ist, die Fahne des inzwischen mächtig erstarkten Liberalismus zu schwingen und so unser Bannerträger zu werden in einer Zeit, wo es weder einen Zionismus noch einen Liberalismus als organisierte Parteirichtungen gab. Damit zusammenhängend stand auf seiner Fahne aber auch „u m Deutschtum und Judentu m", die gleiche Parole, unter welcher der von chm noch erlebte und freudig begrüßte Ceu- Iralverein kämpft. Dem Vorbilde Emil Lehmanns nacheisernd, wollen auch wir gerecht sein und anerkennen, daß selbst ferne innerjüdischen Gegner, als er 1898 starb, sich in Bewunderung vor der Charakterstärke des Mannes beugten, der — so ungefähr hieß es in dem damalig führenden orthodoxen Blatte - für das Judentum mehr geleistet hat als mancher, dessen Judesein sich in frommen Handlungen erschöpft. Ebenso treu zu seinem Glauben wie zu seinem Baterlande stehend (dessen Kultur zu besitze:: er als das Entscheidende empfand), hat er nicht nur in Wort und Schrift, als Stadtverordneter und Landlagsmitglied, für die Besserstellung der Juden in Sachsen ein von jeher böses Kapitel — gewirkt, sondern, wo es nötig war, die Ehre des Gesamtjudentums mannhast-vornehm verteidigt. Dieser Aufgabe, Anwalt des Rechts für alle Bedrängten, irübesondere alle bedrängten Glaubensgenossen zu sein, galt auch sein Schwanengesang, der berühmte „offene Brief an Herrn Professor Friedrich Paulsen", den bekannten Gelehrten, wegen dessen judenseiirdlichen Buches „System der Ethik". Ter ganze Mensch Emil Lehmann, sein Wissen, seine hohe Moral, sein Freimut leuchten daraus hervor. III. Wie modern hier sagt das abgebrauchte Wort alles — Emil Lehmann empfunden hat, dafür außer seinen Schriften, die soviel Treffendes, ewig Gültiges scheint's enthalten, zwei markante Belege. Ihm war Liberalismus, tvelcher Ausdruck bei ihm selbst übrigens nicht vorkommt, ganz im heutigen Sinne bereits eine positiv aufbau ende, religionfördern deRich tun g, die sich nicht deckt, wie noch Biele glauben - und deshalb kann es nicht oft genug betont werden — mit bloßem Abschütteln des Althergebrachten oder einer lässig-weichen Toleranz nach dem Motto: Jä>er mag auf seine Facon selig werden - ein Standpunkt, mit dem sich Emil Lehmanns kraftvolle Art nie hätte befreunden können. Und wenn, wie hier berichtet, sich in verschiedenen deutschen Gemeinden, von deren Rabbinern gefördert, religiöse Sonntags feiern in der Synagoge einzubürgern beginnen, sind sie nichts anderes als ein Fortwirken Emil Lehmannscher Ideen, Frucht und Ernte aus der von ihm ausgestreuten Saat. Wann aber wird, um das Schlußwort aus Shaws Heiliger Johanna zu variieren, die Welt ganz reif sein, einen Berliner Lessingfeiern Von Hans M a r g o l i u s. Die Gemeinde des liberalen Judentums hat viele Gründe, Gotthold Ephraim Lessings in Treue und Dankbarkeit zu gedenken. Liberales Judentum ist vor allem anderen eine Gemeinde religiöser Bewegung. So ist dem liberalen Juden alles religiöse Leben als solches gewichtig und wertvoll. So sind ihm über alle Differenzen der Konfession hinweg alle religiösen Menschen notwendiger Gegenstand lebendigsten Interesses. Und so gedenkt er Lessings als eines der tapfersten Streiter der Theologie, als eines der ehrwürdigsten Erzieher zu wahrer Frömmigkeit. Aber! er ist ihm zugleich einer jener deutschen Dichter und Denker, deren Werk, eingegangen in das Bewußtsein des geistigen Lebens der Gegenwart, ein wesentliches Stück seiner eigen st en persönlichen Glaubenshaltung bedeutet. Der deutsche Jude gedenkt des deutschen Dichters und Denkers. Und er gedenkt des weiteren, darüber hinaus, des ersten Vorkämpfers für die Gleichberechtigung des Juden im deutschen Reich, des Dichters der „Juden" und des „Nathan" und des Freundes Moses Mendelssohns. Aber mehr noch als dies, er gedenkt des Erzählers der Ringgeschichte. Er gedenkt des „Nathan" in seinem tieferen Sinn, da über der Predigt der Duldsamkeit für die Angohörigen verschiedener Konfessionen das Evangelium von der inneren Gleichberechtigung der Religionen lebendig wird. Er gedmkt des ersten Verfechters eines religiösen Liberalismus überhaupt. So wird es gewiß nicht unberechtigt scheinen, mit einiger Ausführlichkeit von den Feiern zu berichten, die Lessing in den vergangenen Wochen gerichtet wurden. Seine Feier ist unsere Sache - in mehr als nur einem Sinn. — Die Berliner Lessing-Tage begannen am 3. Januar mit einem Vortragsabend im L e s s i n g - M u s e u m in der Brüderstraße. Der verdiente Direktor des Lessing-Museums Georg Richard Kruse macht Mitteilung von den bevorstehenden Feiern in Deutschland und im Ausland. Dann ergreift Dr. Theodor Kappst ein das Wort zu seinem Vortrag über: „Lessing als Kritiker". Er erinnert an Lessings Wort: „Wir wollen weniger erhoben und mehr gelesen sein" Emit Lehmann zu empfangen, ihn so zu verstehen und zu würdigen, wie er es verdient?.Ewig teuer wird uns, „von Jugend aus an diesen Klang gewöhitt", sein Name bleibett, wen'ge auf dem Erdenrund wird man seinesgleichen sehn! * . * Aus Emil Lehmanus „Gesammelten Schriften" Tie folgende», Ausführungen sind dem Arliiel ..Tic Juden einst und jetzt", der in den „Gesammelten Schriften" von Emil Lehmann adgedructl ist, entnommen. Sie verdienen, lvcnn sich auch die Begründungen in Einzelheiten geändert haben dürften, gerade in der Gegentvart mit Rücksicht auf die Bestrebungen des entschiedenen Liberalismus in zahlreichen jüdischen Ge meinden Deutschlands besonderes Interesse. In alten Zeiten mußte das, was in christlichen Kreisen Brauch war, schon um deswillen für unjüdisch gelten, wie umgekehrt für unchristlich das, was den Juden heilig war. Heutzutage findet diese Auffassung nur in antisemitischen und orthodoxen Köpfen Anklang. Tie Musik erhaben über die Schranken der positiven Religionen erfaßt mit gleicher Gewalt das Menschercherz des Juden wie des Christen; ergreifendes Orgelspiel ward hüben wie drüben zur Erbauung. Der Einwanb der Sabbatentweihung durch Orgelspiel entstammt talmudischen Klügeleien über verbotene Sabbatarbeit: Hirngespinste, über welche das praktische Leben längst zur Tagesordnung überging. Soviel nun der Gottesdienst durch diese Reformen, durch die Macht der Töne, die Schönheit des Gotteshauses, die Aufrechterhallung strenger Ordnung, die Wertlegung aus formvollendete, gedankenreiche, herzeryebende, überzeugungstreuc Predigten gewonnen hat noch viel fehlt, bis dem modernen Juden das Gotteshaus wieder voll und ganz wird, was es in minder ästhetischer Gestalt seinen Borfahren vor 100 und mehr Jahren war Quell und Mittelpumt religiöser Empfindungen. Dem ästhetischen Sinn geschieht allmählich Genüge, dem ethischen nicht. Der jüdische Gottesdienst läßt uns tühl. Mögen wir die hebräische Sprache gründlich erlernt haben oder nicht; wir gleichen nicht mehr deu Ahnen, denen ob Gelehrten oder Kaufleuten - das Studium hebräischer Religionsschriften tägliches Bedürfnis und religiöser Genuß war. Tie hebräische Sprache so reich an Schönheiten ist uns nicht mehr geläufig, nicht mehr das, als was man sie vor 79 Jahren ernstllich bezeichnet^: die Sprache, in der Gott redet. Als die Orthodoxen in Berlin damals ein Staatsverbot gegen bei: Tempel erwirkten, in welchem Zunz predigen und neben den hebräischen auch deutsche Gebete einführen wollte, suchten sie den Beweggrund hierzu Unkenntnis des Hebräischen seitens vieler Tempelbesucher mit der naiven Bemerkung zu widerlegen: wenn auch der Beter nicht verstehe, was er sage, so verstehe es doch Gott! Es gibt nur eine Sprache, die dem Menschen ans Herz gewachsen ist, die das unmittelbare, natürliche Ausdrucksmittel seiner Empfindungen ist: die Muttersprache. Deuten kann er-auch in anderen Sprachen, fühlen zunächst nur in der ihm angeborenen. Jede andere Sprache, mag er sie noch so gründlich erlernt haben, ist chm künstlich eingeprägt, nicht natürlich entcmollen. Sein Fühlen, sein Hoffen und Sorgen in der Muttersprache findet es den ersten, unverfälschten Ausdruck. Und darum ist dem deutschen Juden deutsch die natürliche Gebetsprache, wie sie dem französischen Juden französisch ist, wie sie dem arumäischen Juden einst aramäi ch war. Bezeichnenderweise hat sich das Aramäische in den jüdischen Gebetbüchern bis zum heutigen Tage erhalten, zum Beweise dafür, daß die alten Juden der Landessprache ihre richtige Stellung einrünmten und keineswegs so einseitig waren, wie die heutigen Orthodoxen und Konservativem Das natürliche Verlangen nach der Muttersprache im Grtles- Haus suchl man oft mit der Bchauptung abzuweisen: hebräisch fev die internationale Geb et spräche aller Juden auf der Welt, und die sei nötig. Aus ähnlichem Grunde beten die und gibt dementsprechend eine reiche und schöne Auswahl aus den theoretischen Schriften Lessings. Am 10. Januar folgt ein zweiter Vortrag im Museum: Paul Alfred Merbach spricht über „Lessing im Urteil der Nachwelt". Wir hören freundliche und feindliche Stimmen zu Lessings Werk. (Auch einen „Judenmietling" hat man ihn genannt.) Wir hören von den ersten Ausgaben seiner Schriften und von den großen Werken über ihn. Nicht uninteressant ist es zu erfahren, daß selbst eine so anders geartete Bewegung wie die Romantik Lessing mit größter Vcrchrung begegnete. — Am 17. Januar sprach Prof. Dr. Ludwig Stein iw „Verein für Jüdische Geschichte und Literatur" über „Lessing als Philosophen". Lessing ist kein Systemphilosoph, aber doch gewiß einer der schöpferischsten Geister der Philosophicgeschichte. Die Metaphysik Lessings scheint Stein eine Synthese von Spinoza und Leibniz. Wie für Spinoza, so ist auch für die Philosophie des reifen Lessing Natur gleich Gott. Mer im Gegensatz zu Spinoza läßt Lessing Gott nicht in der Natur, sondern die Natur in Gott aufgehen. Und ^während Spinoza nur die eine Kette einer zweckfreien logischmathematischen Gesetzlichkeit im Geschehen der Welt erkennt, sieht Lessing neben ihr eine zweite: die Kette zweckbestimmter Gesetzlichkeit der menschlichen Handlungen, neben dem Reich der Natur das andere Reich der Geschichte. Offenbart sich Gott in der Natur in den Naturgesetzen, so offenbart er sich in der Geschichte in den Religionen. Diese aber sind nichts anderes als Erzieher des Menschengeschlechts zu reiner Sittlichkeit, Vorschulen der Ethik. Das Judentum, so ist die Meinung Lessings, lehrt das Gute um irdischen Lohnes willen. Das Christentum lehrt einen jenseitigen Lohn der guten Tat. Ueber ihnen steht der Mensch, der das Gute tut um des Guten willen. Diesem ihrem Ziele gegenüber sind die Symbole, die Dogmen und Zeremonialgesetze aller Religionen nur Weg und Mittel. Nicht anders steht es mit den Gesetzen des S^aa^es kür die soziale Ordnung. Auch sie sind nur Vorschule jenes Lebens in der Gesellschaft, das ohne alle äußeren Regeln und Gesetze von sich aus sittliches Leben ist. — Am Vormittag des 20. Januar rief die Volksbühne in ihr Haus am Bülowplatz. Das Brunier-Quartett spielte das Quinten-Quartett von Haydn. Die Festrede hält Ministerialrat Adolf Grimme. Bon Lessing sprechen, so meint der Redner, heißt sprechen Katholiken lateinisch, die Reformierten, französisch. Allein die Juden haben mit der Kosinopolitik und der Jnternationalibüt soweit sie mchr will als allgemeine Menschenliebe einerseits^ besondere Unterstützung der chres Glaubens wegen zurückgesetzten Leidensgenossin andererseits nichts zu tun. Sie sind in Deutschland. Deutsche, wie in Frankreich Franzosen und in England Engländer. Jerusalem und Palästina sind heutzutage» nur romantischen Schwärmern re.igiöse Zielpunkte. Tie Rücksichtnähme auf ausländische Glaubensgenossen legt den Juden wohl die Verpflichtung auf, sich der Unter drückten liebevoll anzunehmen, nicht aber die, ihnen die Muttersprache zu opfern. Hört das Hebräische auf, Gebetsprache zu sein, dann vereinfacht sich der jüdische Religions-Schulunterricht ganz wesentlich, der Gottesdienst selbst aber gewinnt innerlich an Bedeutung. Die hebräischen Gebete sind iu wörtlichen Ueber seyungen zum guten Teil unbrauchbar. Denn abgesehen von vereinzelten, allerdings großartigen Ausnahmen in wun derbarer Kürze des Ausdrucks und Innigkeit der Empfiw düng, wie namentlich vielen Psalmen, die sich aber sehr wohl auch deutsch wiedergeben lassen enthalten die hebräischen Gebete ihrer Mehrzahl nach orientalischen Schwulst und phrasenreiche Wiederholungen. Sie atmen ferner zum großen Teil Anschauungen chauvinistischer Art, wie die unaufhörliche Betonung der Erwählung Israels, Erinnerungen an Abrahams Bereitschaft zur Opferung Isaaks, die geradezu zum Beweggrund für die ersehnte göttliche Gebetserhörung ge stempelt wird Auffassungen kindlicher Naivität, die' wohl Mißverständnisse rege machen, nicht aber erbaulich wirken können. Der orthodoxe Christ faßt ganz ähnlich sein Christen tum chauvinistisch, allein seligmachend, Andersgläubige aus schließend, Christ: Opfertod und Blut als Gnadenmittel auf. Das spricht wohl dafür, daß beide, die orthodoxen Juden und die orthodoxen Christen, bei aller Verschiedenheit und Gegensätzlichkeit ihrer Dogmen, in gewissen Beziehungen auf einem Standpunkte der Ausschließlichkeit stehen, daß beide wähnen, den besten Gott, die reinste Auffassung von ihm, den nächsten Zutritt z u ihm, zu haben wie man ja leider in den Leichenreden christlicher Geistlicher off hören kann, daß nur der Christ selig wird. Aber es ist weder erzieherisch rätlich, noch sittlich richtig, sich um seiner Religion und Ab ftammung willen einer besonderen Auserwählung zu rühmen; ja es erscheint geradezu profanierend und gotteslästerlich, irgendwelchen religionsgeschichtlichen Vorgängen oder Sagen bestimmenden Einfluß auf die göttliche Vorsehung und Schick salgestaltung zuzuschreiben. Daß das altjüdische Volk in seinen biblischen Sittenlehren, seinen Psalmen, seinen Propheten, seinen Sprüchen der Väter, auf religiösem Gebiete so Klassisches geschaffen, wie das allgriechische auf dem der Kunst, das altrömische auf dem des Rechts, gibt den Epigonen keinen Anspruch, sich dessen als einer Auserwählung zu rühmen. Ein durchweg deutscher Gottesdienst wird und muß notwendig auch kürzer sein als der gegenwärtige hebräische, vor allem ansprechender und herzergreifender. Mit ihm kommen die deutschen Juden ihren Mitbürgern ein wesentliches Stück näher. Mit der Hülle der hebräischen Sprache werden die deutschen Juden auch noch vieles von dem, jetzt mehr oder minder für wichtig und unerläßlich erachteten Zeremoniell fallen lassen, nicht zum Nachteil, sondern zur Förderung einer innigeren Auffassung vom Judentum. Das gilt von Sabbaten und Festen, Beschneidung und Schofar, rituellen Speisen u. a. Die Zeit hat schon vielfach umgestaltet an talmudischen, auch an biblischen Satzungen. Trotz des biblischen Gebots: lo soses velo figra — du sollst nichts hinzusetzen, nichts wegnehmen hat man die zweiten Feiertage hinzugefügt, die Opfergebote beseitigt und auf eine, zum mindesten peinlich wirkende Symbolisierung durch Vorlesung der biblischen Opferstellcn beschränkt. Man ersarrd schon früh den verständigen Begriff von den Geboten, die an die Scholle Palästinas ge bunden sind, um diese biblischen Opfergebote und die biblische Agrar- und Sozialgesetzgebung, ausgesprochen im 7. Erlaß- und 50. Jubeljahr, zu beseitigen, so zu beseitigen, daß sie von einem Manne, der gleiche Verdienste hat um die deutsche Dichtung, wie um das deutsche Theater, um deutsche Journalistik, wie um deutsche Philosophie, gleiche Verdienste um Philologie, wie um Kunstkritik und Theologie. Aber es heißt zugleich und mehr noch: sprechen von einem Manne, dessen menschliche Gestalt, dessen sittliche Haltung vorbildlich sein kann für alle Zeiten. Ter Mensch hat in der Tat den Vorrang vor dem Schriftsteller auch in Lessings eigenem Bewußtsein. Er schreibt nie, um zu schreiben. Ein jedes Mal verfolgt er bestimmte Tendenzen. Er w i l l etwas mit jeder seiner Schriften. Er lebt durch sie, mit ihnen um Gestaltung des Lebens, um Gestaltung der Zukunft bemüht. In diesem Sinn ist er vor allem anderen Diener seiner Zeit, wie der Arzt Diener des Kranken. So kämpft er gegen alles Falsche und Verlogene, gegen allen Schein und Trug. Er ist ein Kämpfe r. In der Tat, e r, dessen größtes Werk eine Predigt der Duldsamkeit ist, ist selbst keineswegs tolerant. Er ist nicht tolerant im Sinne resignierter Gleichgültigkeit gegen den Lauf der Dinge. Aber auch nicht tolerant im Sinne scharfer Scheidung von Person und Sache! Person und Sache, Mensch und Meinung scheinen ihm aus innerster Erfahrung seines eigenen Seins unlöslich eines. So ist sein Kampf immer sachlich und persönlich zugleich. Er ist nicht tolerant. Aber er mußte auch intolerant sein: intolerant gegen die Intoleranz um ihn her: um der Toleranz willen, nach der er verlangte. — Der Rede von Grimme folgen Rezitationen aus Lessings Fabeln und Briefen von Ernst Ginsberg und nach einer Pause eine ausgezeichnete, äußerst lebendige Aufführung von Lessings Jugendlustfpiel „Die Juden" in der Inszenierung von Günther Stark. — Am Vormittag des 22. Januar versammelte die Universität die Angehörigen der Dozentenschaft, Studenten und Freunde in der'Neuen Aula. (Die Verbindungen freilich chargierten nicht. Die Politik, die sie zu den Fahnen ruft, ist nicht mehr die Politik der „Universitas litterarum", die Gemeinschaft der Wissenschaften und Künste; sie haben ihre Politik. — Im übrigen allerdings war die Aula bis aus den letzten Platz besetzt.) Nach dem Bortrag von Glucks Ouvertüre zur Jpermnestra durch das Akademische Orchester nimmt der Rektor, Prof. H i s, das Wort zur Begrüßung. Die Wissenschaft, so meint